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Full text of "[Nominees for the Obermayer German Jewish History Award 2011] :"

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Start of [Nominees for the 

Qbermayer German Jewish History 

Award 2011] : 

AR 11855 

Sys#: 000401171 

LEO BAECK INSTITUTE 
Center for Jewish History 

1 5 West 1 6th Street 
New York, NY 10011 

Phone: (212) 744-6400 
Fax: (212) 988-1305 

Email: lbaeck@lbi.cjh.org 
URL: http://www.lbi.org 



L f^OAi.rt(fS -{or tiAt Ol;«^i'Viöi.j^'^ (Jti^m^dA 3tvA/»A Hu-^/^ yW^ir^i 2öld^J Or^c<i 2^olC? /»^cif.W^ 



NOMINEES FOR THE 
OBERMAYER GERMAN JEWISH HISTORY AWARD 201 1 



Nomiiicc(s): 

Waltraud Becker-Hammerstem MA. & Dr. Wemor Becker 



Phone: 

Email: 




Noiiiiiiator(s): 

Marion Schubert 



Phone: 
Email: 




Ellen Israel Cohen 



Phone: 
Email 




Falk 



Phone/Fax: 
CeU: 

Email: 




Ariel J. Frank 

Department of Computer Science 
Bar-Ilan University, Ramat Gan, 
Colleg e of Exact Sciences 
Phone: 
Email:' 



A\Taham Frank 





Bettina Lande Temeist 




Marlies Lande 



^nail: 




Phone: 
Cell: 

Email: 



Daniel Kester 




Phone: 

Email: 



CkleliaLazar 




Phone; 



Judith Meyer Zuhimmem, bom Hirsch 




Summary of Nominees' Activitees: 



Occupation: 

Waltraud Becker-Hammerstein: 1965-2000 teacher (English and 
Gemian) in Ludwigshafen and Bonn, now retired. 
Wemer Becker: 1965-2001: joumalist, sectk>n head, since 1990 
head of Infomnatton and Publk; Retatkms in the Secretariat of the 
German Rectors Conference in Bonn, now retired. 

Activities and/or projects: 

After several years of political involvement, since 1 977/78, in fighting 
back the NPD and directed against the annual meetings of former 
top members of the Waffen-SS in Nassau (the meetings were 
abolished; a commemorate plaque for Nassau's murdered Jews was 
placed in the local memorial hall) Beckers were asked to write a 
contribution for the official town chronk^le on the history of Jews in 
Nassau, publ. 1998. This led to ca. eight years of extensive research 
which resulted in the book „Julius Israel Nassau", publ. Nov. 2002, 
and in ongoing exhibitions, further research, lectures on the subject, 
cf. „Veröffentlichungen, Vortrage, Ausstellungen..." 

References to articles about the nominees: 

cf. ,Articles about the nominees" 

Your remarks: 

Will be added by e-mail as attachment 



Wattraud Becker-Hammerstein M JL & Dr. Werner Becker 

Articles about the nominees (as far as known) 

1 . Gerhard Buck in: Nassauische Annalen 2003, S. 520ff 

2. Werner A. Qüth in: Die Bücherei. Zeitschrift für öffentliche Bibliotheken in 
Rheinland-Pfalz 2003, S. 93f 

3. Alkmar von Ledebur in: Rhein-L^hn-Kreis, Heimatjahrbuch 2003, S. 156f 

4. Abraham Frank in: Mitteilungsblatt des Irgun Oley Merkaz Europa Nr. 
180. 2003. S. 2 

5. Über die Juden im Nassauer L^nd in: Nassauische Neue Presse. 

Limburg. 15. 1. 2003 

6. Buchtipp in: Stadtgespräch, Bad Ems, Dezember 2002 

7. (Ausstellung Bad Ems, 9. - 26. 1 1 . 2002) 

Rhein-Lahn-Zeltung, 25. 10. 2002, 7. 11. 2002, 9. 11. 2002. 11. 11. 2002. 
12. 11. 2002, 13. 11. 2002, 16. 11. 2002, 20. 11. 2002 

8. (Ausstellung Bonn, 16. 10. 2003 - 29. 1. 2004) 
General-Anzeiger, Bonn, 18./19. 10. 2003 
Britta Hoffmann in: Der Weg, 2. 1 1. 2003 

9. (Ausstellung Nassau, 4. 2.-12. 4. 2006) 
Rhein-Lahn-Zeitung, 28. 1 . 2006, 2. 2. 2006, 6. 2. 2006 

10. (Initiativ-Veranstaltung Stolpersteine, Nassau, 8. 1. 2010) 
Rhein-Lahn-Zeitung. 7. 1. 2010. 11.1. 2010 
Internet-Seite .Ev. Kirche an Rhein und Lahn" 

11. (Vortrag 19. 1.2010) 
General-Anzeiger, Bonn, 21. 1. 2010 



Book review 

Waltraud Becker-Hammerstein u. Werner Becker: Julias Israel Nasan. Jnden in einer iSndiiclien 

Kleinstadt im 19. u. 20. Jh. Bad Honnef: K. H. Bock Verlag, 2002. 304 S. m. üb. 400 z. T. farbigen 
Abbildungen. ISBN 3-87066-857-1. Kart EUR 33,50. 

Die Stadt Nassau bietet bezQglich der Juden das Bild aller Kleinstädte unserer Regicm: eine seit mindestras 
dem 17. Jh. bestehende jüdische Gemeinde mit alteingraessenoi Familien und solchen, die vor allem seit 
dem Ende des 19. Jh.s aus den umliegenden Dörfern zugezograi sind. 

Mit Julius, der den Familiennamen Israel trug, wurde eine Titeifigur ausgewählt, deren Schicksal 
exemplarisch ist für die Zeit, die dieses Buch hauptsächlich behandelt Sein Vater war auf der Suche nach 
bess^en Lebrasveriiähnissen von seinem Gd>urtscHt Meudt im Westerwald Ober Singhofen 1863 nach 
Nassau gezogen. Als Julius 1876 wenige Jahre nach dem Beginn der vollen Gleichberechtigung für die 
Judra geboren wuide, schien die beste Zeit anzubrechen, die sie je in Deutschland hatten. Nach dem 
Besuch der Jlealschule wurde er zu einem rührigen Geschäftsmann und zu einem in der SPD, dem 
Skatverein und anderswo vielfältig engagierten und integrierten Bürger. Am 3.2.1939 floh er als letzter 
Jude mit seiner Frau aus Nassau nach Bad Gode^)erg, wo er 1941 starb. Seine Frau Lina (geb. 1878) 
wurde 1942 deportiert und an einem unbekannten Ort ermordet. Vier Geschwister hatten schon früh in der 
Heimat keine wirtschafllichra Chancen gesehen und waren vor 1891 emigriert. 

Etwa 30 Familien erlebten diese letzten 6 Jahrzehnte jüdischer Geschichte in Nassau. Sie waren vor allem 
als Kaufleute tätig, deren Geschäfte vom pfundweisen Aufkauf von Lumpen bis zum waggonweisen 
Verkauf von Porzellan reichte. So trugen sie erheblich zur Hebung des Lebensstandards aller 
Bevölkerungsschichten innerhalb und außerhalb der Stadt bei. Durch ihr gesellschaftliches Engagement in 
vielen Bereichen nahmen sie im der modemra Entwicklung Nassaus teil. Diese hier nur andeutungsweise 
skizzierten Schicksale sind Hauptgegenstand des Buches. 

Ein Ortsregister hätte es ermöglicht, die weiträumige Verwandtschaft besser zu eikennen und das Buch 
auch als Nachschlagewerk filr andere Orte zu nutzen. Vor allem Singhofen wird ausführlich berücksichtigt. 
Fast alle Dörfer südlich d^ Lahn zum Rhein hin erscheinen mit genauen Angaben zu einzehien Familien, 
und im Westerwaki reichen sie hinauf bis Dieidorf und Meudt. Die Autoren zeigen, wie vielfältig bei allen 
Gemeinsamkeiten doch die jüdischen Biographien waren und wie falsch die Stereotypen von „dem Juden" 
sind. Mit großer Liebe zum Detail zeichnete das Ehepaar Becker alles auf, was zu erfahren war. Dabei 
begünstigte sie ihre Kenntnisse von ihrem Geburtsort, die Mithilfe älterer Nachbarn, die 
Auskunflsbereitschaft der vertriebenen Juden und reichhaltiges Bildmaterial. Trotzdem fragt man sich, wie 
diese Fülle von Informationen gesammelt werden k<Mmte. 

Das Buch kann als Vorbild fiir ähnliche Veröffentlichungen dienen. Wie notwendig es ist, solche auf einen 
Ort und eine Epoche begrenzten genauen Darstellungen zu schreiben, um später zu Verallgemeinerungen 
kommen zu können, erweist sich bei den Ausfilhningen zur noch wenig erforschten Zeit vor den Reformen 
des 1 9. Jh.s. Für jene Periode findet man hier nur die in der Sekundärliteratur tradierten unzutreffenden 



F(»Tneln wie die von den finuizielira Interessen der Herrschaft. Die Erlangung des Schutzlxriefes war in 
Nassau (und auch in der Umgebung) keineswegs so restriktiv, was die Familie des Jacob Mayer, dessen 
Grabstein von 1735 als ältester abgebildet ist, belegt. Sein Vater durfte 1650 zuziehen, weil dessen 
Großvater hier schon zu Hause gewesen war, und die auf ihn folgenden Schutzjuden waren fast alle mit 
ihm verwandt. Jacob konnte lange vor seinem Tode filr seine Tochter und dea zugezogenen Sdiwiegersohn 
den SchutzlMief «iialtra. Ihr Besitz war wie bei fast allen anderen sechs nahe verwandten Schutzjuden nur 
mSßig. Nicht der Reichtum, sondern der alte gute Ruf dieser Familie zählte, auch für die Nachfahren. So 
wurden sie wie viele andere Juden zu alteingesessenen Familien. Die Kenntnis von dieser langen 
Anwesenheit ist wichtig für das Verständnis des Heimatgefuhls der Juden im 20. Jh. 
Zwischen den Kapitefai Aber die Familien st^en solche zu vielföltigen Themen. Sdir anschaulich wird z.B. 
der weit reichende Viehhandel im 19. und 20. Jh. beschrieben. Die Erklärung der jüdische Namen hilft, daß 
dieser Kulturkreis nicht mehr so fiemd erscheint Vor allem die Frauennamen muten uns heute sehr 
eigenartige da sie größtenteils nicht der Bibel entstammen. Dabei smd sie nur Abwandlungen von 
Wörtern und Namen der deutschen Sprache. Wenn die Juden es wollten, konnten sie sich sprachlich 
absondern. Aber die Beispiele zeigen, daß viel von ihrem deutsch etngefihbten Hebräisch von d«i anderen 
Nassauern ttbemommen und schließlich als deutscher Wortschatz betrachtet wurde. Interessant wäre es 
gewesen zu eifüa&i, wie die jfidisdie Kultur an die Jugeiul weitefgegeben wurde. Aber zum Thema 
religiöser Unterricht fmden sich praktisch nur ausführliche Lebensläufe der Lehrer und ihrer Familien. 
Zu Recht sind allein drei Kapitel der genauen Beschreibung und Analyse der Integration, des 
Antisemitismus und der jüdischen Gegenwehr sowie der Vratreibung und Deportation gewidmet. Die 
Autoren akzeptieren nicht die die (Groß-)Eltem verteidigende Floskel vom freundlichen Zusammenleben 
in der Stadt. Hinter dem äußeren guten Schern finden sie nie verschwundene diffuse Vorurteile. Schon seit 
1926 war klar, wie stark der Antisemitismus in Nassau und Umgebung war und wie wirkungslos die 
jüdische Gegenwehr selbst vor einem hohen deutschen Gericht. Konkret werden politische Einstellung und 
Aktionen (auch der eigenen Familien) beschrieben und ergänzend dazu die unbefnedigenden 
Gerichtsurteile von 1950. Es sind viele engagiert geschriebene und zum Nachdenken anregende Seiten, von 
denen die letzten Ober die Wege in den Tod besfmders emdrucksvoU sind. 

Die Fülle der Abbildungen sorgt dafür, daß man nicht nur durch den Text umfassend über diese in sich so 
gegensätzliche Epoche informiert wird. Statt mit der zu empfehlenden Lektüre des großformatigen Werks 
zu beginnen, wird so mancher sich wohl zunächst der Betrachttmg der Bilder widmen. 

Gerhard Buck 



Veröffentlwht in Nassauische Amuüen 114, 2003, 



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LBI Librarvl l) 
q 232 

Becker-Hammerstein. Waltraud 

Julius Israel. Nassau : Juden in einer laendHchen Kieinstadt im 19. und 20. Jahrtiundert / Waltraud Becker 
Hammerstein, Werner Becker. 
Bad Honnef : K.H. Bock. 2002. 

303 p. : ill. (some colored), ports., facsims., maps, geneal. table ; 30 x21 cm. 
Gemnan 

eisrael. Julius. 1876- 
e Nassau (Lahn V-Jews-Htstorv 
Contributor/Subject » Becker. Wemer 
ISBN 3870668571 (pbk.) 



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e 2009 The Cen ter for Jewish Historv 



1 won 1 



2010-02-26 14; 




S 



Seite 20 General-Anzeiger 



Dienst ag, 4. März 1986 
ANZEIGE n 



Wir sagen Nein zu Antisemitismus und zu jeder Art von Diskriminierung 




Als Bundeskanzler Helmut Kohl für sich von der 
,,Gnade der späten Geburt" sprach, empfanden wir 
das als pelnlidi — und schwiegen. 
Als es um das Faßbinder-Stficic in Franlcfurt ging, 
hielten wir das für ein lokales Problem — und 
schwiegen weiter. 

Als der CDU-Bundestags-Abgeordnete Hermann 
Fellner die Entschädigungsforderung einstiger NS- 
Zwangsarlieiter als Geld^er diffamierte, da waren 
wir zwar empört und aufgebracht — do<^ wir 
schwiegen immer noch. 
Nun schweigen wir nicht mehr. 
Die Blumen für den Bürgermeister von Korschen- 
broich nach seiner widerwärtigen Äufierung; die 
Tatsache, daß es ^er Wochen dauerte, bis er sich 
zum Rücktritt entschloß; der Beifall für den 
Kreisvorsitzenden der Jungen Union in Esslingen 
nach ähnlichen Entgleisungen; die fatale Übung, die 
Konfession komiptionsverdächtiger Bürger immer 
dann zu nennen, wenn es sich um die jüdische 
liandelt; die öffentlichen Begleitumstände dieser 
Vorgänge — das alles nötigt uns zur Stellungnahme« 



Wir wollen die Betroffenen nicht mit ihrem 
Erschrecken und iiirem Protest allein lassen. 
AllentiiaUien icehren sie wieder: die antisemitischen 
Redensarten und Anspielungen, Witze und Parolen. 
Was nützen und bewirken Entschuldigungen, 
abgepreßt, halbherzig, uneinsichtig, ausgesprochen 
in der Gewißheit, daß viele doch augenzwinkemd 
ikler lautlials zustimmen? 

Angesichts unserer deutschen Geschichte emp- 
finden wir dieses erneute Sichtbarwerden von 
Antisemitismus zutiefst erschreckend - unserer 
jüdischen Mitbürger, aber auch unserer Selbst- 
achtung wegen. 

Wir berufen uns auf Bundespräsident Richard von 
Weizsäcker: „Es geht nicht darum, Vergangenheit 
zu bewältigen. Das kann man gar nicht Sie läßt sich 
ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen 
machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen 
versclüießt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich 
der Unmensciüiclilieit nicht erinnern will, der wird 
wieder anfällig für neue Ansteckungsgefaliren." 



Wir machen uns diese Auffassung zu eigen und 

fordern desluüb 

— ilie uneingeschränkte und unmißverständliche 
Distanzierung aller öffentlich Verantwortlichen 
von antisemitischen Äußerungen in ihrem 

Umkreis; 

— die unnachsichtige Verfolgung und Bestrafung 
antisemitischer Äußerungen und Handlungen 
nach dem Gesetz; 

— die Auseinandersetzung mit den Ursachen, die 
diesen Erscheinungen zugrunde liegen, in allen 
gesellschaftlichen Gruppen und in den Schulen. 

Wenn wir zulassen, daß die Menschenwürde von 
Mitbürgern angetastet wird, zerstören wir die 
Grundlage unseres Gemeinwesens. 

Wir bitten alle Bürger um deutliche Zeichen der 
Solidarität mit denen, die von Antisemitismus und 
jeder Art von Diskriminierung betroffen sind. 

Wir müssen lernen, Angst zu nehmen, staii Aiigsi zu 
verbreiten! 




Friedemann Ames, Lehrer, Bonn 1; Gudrun Arnes. Angestellte, Bonn 1; Hans-Joachim Anders, wiss. Mitarbeiter. Bonn2: Heidi 
Amade. Bonn 1; Joachim Baecker, Schüler, Bonn 2; Sigurd Baecker. Redakteur, Bonn 2; Dr. Sibylle Bänke. Itentnenn Bonn2j 
Annelene Bantzer, Rentnerin. Öschelbronn; Daniel Becker, Schüler, Bonn 2; Dr. Werner Becker, Referent. Borui 2. ..alta^aud 
Becker-Hammerstein, Lehrerin, Bonn 2; Dr. Jutta v. Bergmann, Axrtin. Bonn 2; Prof D Eberhard Bethge, Pfarrer i R W&chtber|; 
Renate Bethge, Wachtberg; Heinz Bickert, Offenbach/M^ Friedrich Bleek, Pfarrer i. R, Bonn 2; Ueselott Bltu^ MdB, 
WedeiyHolstein: Dr. E. Böhm, Priv. Doz. Bochum; Angelika Braun, GlasBchleiferin, Bonn 1; Dr. Michael Brelud* JuriBt, Bonn 1; 
Christa Breuer, Lehrerin. Swisttal 2; Dr. Wilhelm Breuer, Studienprofessor. Swisttal 2; Edith Brockmann, Kauffrau Krefeld; 
Gerhard Broszukat. Bonn 2; Prof. Dr. Jutta Brückner, Berlin; Walter Buckpesch, MdB, Otfenbach/M^ Leo Bödcl. l^hrer, 
Offenbach/M.: Achim Burkart, stud, jur^ Bonn 1; Ingrid Burkart, Realschullehreranw., Bonn 1; Eberhard Btttch, Mecicenh^m; 
Frieda Ckioe» Hausfrau, Bonn l; Hanna Dahlhaus. St Augustin 1; Jutta Daub, Studentin. Bonn 1; Dr Andreas v.I>oiiibon, 
Sozialpädagoge. Bonn 1; Friedhelm Dreyling. Bonn 1; Helga Drüner, Oberamtßr&tin, Bonn 2; Dr Reinhard Drüner. OberstotUew^ 
Bonn 2; G. Eckstein. Lehrer. Klosterkumbd; ü. Eckstein» Hausfrau, Klosterkumbd; Dr. Frauke Edelhott, Bonn 2; Renate n. Kari H. 
Eflertz, Bonn 1; Eva EhrUch, Hausfrau. Giefien; Dr. Edda Blsenlolir, Referentin. Bonn 2; Dr. Monique En««, l-elrorin, 
Heusenstamm; Peter Erdnumn. Verw.-Angestellter. Bonn2; Dr. Friederike Euler, Redakteurin, München; Dr Klans Euler. 
Kunststöffberater. Frankfurt/M.: Dr. Walter Euler, Kunsthistoriker. Düsseldorf; Dr. Sabine Euler-KünsemOller, Rest^uratonn. 
Düsseldorf; Dr. Ing Hmrich Eylers. Eschborn; Dr. Ilse Eylers, Arztin. Eschborn; Dr. Jürgen Fteher, GeneralwkreUr i. R., Bonn 1; 
Volkhard Fischer. Student. Bonn 1; Dora Fischer -Barnlool» Heidelberg: Heike u- Klaus Flegel, Bcnn 2; Heinz Frank. Offei.bach/M, 
Ulrich Frey, Geschäftsführer, Bad Honnef; Dr. Else u. Dr. Werner Fricke, Bonn 1; Herta Friede. Referentin Bonn 3i "aji^^J^J« 
Fuchs, Bonn 2 Renate u. M. Fuchs, Unzenberg/Hunsrück; Dr. Suse Puchs. Ärztin, Düsseldorf; Dieter Funk. Bonn 1; ^Usabeth 
Gideke» Bonn 2* Helga Gediehn, Bonn 2; Volker Geller, Angestellter, Swisstal 6; Dr Renate Gerling, Wuppertal; Marianne Giese. 
Buchhändlerin Bonn 1; Brigitte Göbbels-DreyUng, Bonn 1; Reinhard Gorski, Pfarrer. Jülich; Eberhard Grenz, wiss. AnfesteUter, 
Bonn 2; Heinz Gruber. Köln; H. E. Grünewald, Bonn 1; Gisela Grzesik. Dipl.-lng.. Konigswinter 41; Dagmar u. Jom-Enk «^mU> 
Düsseldorf* Gisela u. Karl Gutzmer, Bonn 8; Martin Gutzmer, Bonn 1; Nikolaus Gutzmer. Bonn 1; Mareile Hackenbrocl;. Bonn 2; 
Helene Hätner. Hausfrau. Bonn 2; Leonore H&nze, Bonn 2; Prof. Dr. Siegfried Hänre, Arzt, Bonn 2; Bons Hainmerich, 
Offenbach/M - Dr. Gertrud Harig, Arztin, Essen; Hans Hansen, Stadtplaner, Bonn 2; Reni Hansen, Mitglied im Rat der Stadt. 
Bonn 2 Monika Hanses, Referendarin, Bonn 1; Hanna van Hasselt, Bonn 3; Harry van Haaselt, Rentner, Bonn 3; Jutta van HaMit, 
Angestellte Bonn 1- Artur Heck, Beamter. Nassau/Lahn; Kilian He<-k. r^chiilor. Nassau/I.ahn; Ursula Heck. Hausfrau. 
Nassau/Lahn Inge Heitmann. StjdienrStin. Bonn 2; Elisabeth Hellmann, Hausfrau. Bonn 1; Christel Herrmann, BeamUu. ^nn 2; 
Sascha Hertel, Azubi, Bonn 2; Ursula Herzog, Jugendreferentin. Bonn 3; Rainer van Heukelum. Lehrer. Bonn 1; Dr. Rainer 
Hochheim, St Augustini; Jochen Hölsken. Pastor, Königswinter 1; Joachim Hoffmann, Referent, Bonn 2; Monika 
Koffmann-Kuhnel. Projektbearbeiterin. Brühl; Lebrecht Hoffmeyer. Oberstudienrat, Bonn 2; Miriam HoUineyer^Cudentin, 
Bonn 2* Dr Inga Habnert Hausfrau, Bad Honnef; Dorothee Jacobeen, Hausfrau. Bonn 1; Prof. Dr. Hans-Adolf jaeooeen, Bonn l; 
Emst F ioäüuB, Pfarrer. Bonn 2; Rolf KalhWer, Vikar. Bonn 2; Janne Kemer. Buchhändlerin, Bonn 2; Mag Bruno Kern, 
Bildungsreferent. Bonn 2; Kurt Kerp. Buchhändler. Bonn 1; Dr. Elisabeth KIckhdIer. Theologin. München; WllheUn KicU>5ier, 
Agronom München; Edith Kirchhausen, Hausfrau, Duisburg; Wolfgang Kirchhaussn. Oberstudienrat l. R.. Duisburg; Jürgen Kluge, 
Pastor. Bonn 2; Marlene Kluge. Lehrerin, Bomi 2; Werner Koep-Kenttn, Bonn l; Agnes KMgen, Praktikantin. Konigswinter 41 ; 
Armgard KArfgen. Sozialarbeiterin. Königswinter 41 ; Peter Kfirigen, JoumaUst, Königswinter 41; Helene Koppe. Hausfrau. Bonn 2; 
Karlheinz KoSpe, Institaitsleiter, Bonn 2; Rosa KMer, Offenbach/M^ Karsten Krickhan» Student. Köln; Gisela Krflgel. Bonn 2; 
Horst KunzToffenbach/M.; Hanne LMhmuiid, Haustrau. Köln; Dr. Bva Lshaaits. Bonn 2; Ulrich Lsikaul. Stiidieiirat, Bonn 2; Sofia 
lind, Lehrerin. Rheinbreitbach; Dr. Heiner Lindner, Veriagslelter. St Au^fijstin 3; Bernhard M Uppert, Referent, Bonn 1; Uwe 
Lesfer» Ftetott Bona 1; lOiuis Irtrh-^"! Pferrer L lU Bonn 2; Maifarete Loviscach, Bonn 3; Hartwig u. Monika Uiricl^ Bonn 2; 



Joachim Martus, Sozialarbeiter, Bonn 1; Franziska Matz, Musikpidafogin. Dietzenbach; Maus A. »tot2. Architekt. Wetwn^^^ 
Otmar Mannered, Offenbach/M.; Dr. Arnold E. Maurer, Studienrat. Bonn 1; Dr Dons Maurer, Autonn Bonn 1; Dr. Johannes 
Meyer.Undenberg, Neurologe und Psychologe. Bonn 2; Hans Werner Michael. Beamter. Bonn 2; Prof Dr. Susanne Millen 
Historikerin. Bonn 1; Elisabeth u. Wilhelm Nagel, Bonn 1; Lisa Nerreter, Pensiomstm. München; Hedi Heuhoff, MTA Bonn 1. 
H. Ney, Pfarrer. Simmem; L Ney, Lehrerin. Simmem; Dr. Manfred NleSeii, Referent Remagen; Han^Theo Nürnberg. Bonn 1 ; Enno 
Obendiek, Landeskirchenrat. Düsseldorf; Thoraas Oppcl. Bonn 2; Paul Oppenheün, Stiid.-Pfaj-rer. Bonn ; Linda Orth, 
Dok.-Assiitentin, Bonn 1; Astrid Ost, Offenbach/M.; Wolfgang Oster. Student. Bonn 2; Juhanc und ^oL Dr. Kari J^ef Partsch, 
Ingelheim; Coro PenseUn. Hausfrau. Bonn 1; Prof. Dr. Siegfried Ftaselln, Bonn 1; Bruno PbrslehliU. I^hrer, Offenbach/M ; 
^istt^Pflnuner, Schüler. Swisttal-Buschhoven; Dr. Gerd Pflaumer, Swisttal-Bus<dhtoven; ^^^''/'l^Tf^J^i* Konigswin 
ter 21: Johannes Petersen. Pastor l R, Königswinter 21; Helga und Rainer Plest, Bonn 2; Helga und Prof. Dl^^ Platen. Bonn 2; 
Johannes Pollmann. Bonn 3; Ulrike Pollmann. Bonn 3; Gisela Pücken. Erzieherin. FranWurt/M.; J"tta Ftoreru» Hwch. Bonn 1. 
Ulrike PttvogeL wiss. AngesteUte, Bonn 2; Horst Rave. Maler. Bonn 3; Klaus Reiff. Joumahst. Bonn ^e\ga Rlndt. Bonn l; Lore 
Rbuwald. st^v. Stadtverordnetenvorst.. Offenbach/M.; Rolf Ringwald, VHS-Fachbereichsleiter, Offenbach/M.; Barbara imd 
Christoph Rlnser. Bonn 2; Irroela Risch, Hausfrau, Bonn 2; Konrad Risch. Richter i. R, Bonn 2; Dr Helga Roblnson-Hammmteln. 
Historikerin. Dublin/Bonn 2; Friedeborg RAefaer-GUson. BUdungsreferentin. Bonn 1; Peter R5hrig. Jo^-j^a»»^ Bonn 1; Roman 
Röhrig. Offcnbach/M-; Dr. Frieda RMing, Hausfrau. Bonn 1; Dr. Edzard Bohland. Pfarrer. Bonn 1; Gisela Rohhmd. Bonn 1. Hilde 
Rostosky. AngesteUte. Bonn 2; J. u. W. Roth, Konigswinter 41; Jürgen-Bemd Bonn 1; Birgit Sal^- Studienraun, Bonn 3; 

Anneliese Sa^munis, Oberstudienratin, Bonn 1; JutU von Seggem. (Äeretudtenrätln. Born. 2; Dieter Seidel. Bonn 2. infried S^^ 
Lehrer, Otfenbach/M.; Gudrun Siebfirger-Enlmann, Bonn 2; Rüdiger SIelafl, Angestellter. Bomhe^; Waltraud Simon Bonn 1. 
Friederike Slnaplus, Bonn 2; Gisela ßpangenberg. Krefeld; Simone Spangeribetf , toefeld; Julia StoerijSchulerm. Bonn ^Marga 
Bpienger. Seluetärin, Bonn 2; Reinhard Scbelbenhuber, Rentner. Berlin: Ellen SeheMmann, Hausfrau. Bonn 1; Ern^Ulricb 
Sdieler, Kirchenmusiker. Bonn 2; Volker Schierk, Kunsthistoriker. Bonn 2; Marianne Schlegel. Angestellte Bonn ^; Ruggero 
Schleicher. Publizist. Bonn 1; Eva Schlingenslepen, Hausfrau. Bonn 1; Carsten, Dr. Hansgünther. Katja und Traute Schmidt, 
Bonn 1; Gisela Schmidt, Kün. Psychologin, Heidelberg; Herbert Schmidt, Beamter; Ursula Schmidt, Hausfrau; Brigitte Schneider. 
Politologin. Bonn 1; Jürgen Sehroer, Pfarrer. Düsseldorf: Brigitte Schubert, Lehrerin. Bonn 2. Gerhard Schüßler Konigswinter 41 . 
Ineeborg und Dr. Hans-Jürgen Schulse F^grrt. Bonn 2; Dr. Hellmut Schuster, ArTt. Bonn 2; Dr. Ilse Schuster, Arztin, Bonn 2; Sigrid 
und Siegfried Schwert. Köln; Susanne ScbwteUke. AngesteUte, Hellenthal-Ramscheid; JiUian-Beth SUmos, Schülerin. Bonn 2; 
Stephan Steinhoff. Student, ^nn 1; Carola Stern, Publizistin. Köln; W. S«lln»elmann, stud, agr, Bonn 1; Dr. Rainer Stuhlmann. 
Pfarrer. St Augustin 1; Sigrid Stuhlmann. Lehrerin. St Augustin 1; Vihna Sturm. Journalistin Bonn 1; Dr. Beatrix Tappeser. 
Dipl.-Biol . Bonn 1 ; Agnes Terhardt, Stildentin. Bonn 1; Yvonne Trappe, Schülerin, Bonn 2; Anke IVeteusek, Bonn 3; Anadne Winer, 
Bonn 2 Margarete Uliner, Bonn 2; Gerti^id Vel' Bonn 1; Dr. Matthias Vodiem, Arzt. Bomheim 4; Gretel VBckjAngestellte..St 
Awrustin 2 Dr IHrich Waiberor. Verlagslektor, !• rankfurt/M.; Dieter Wahlen, Bonn 2; Gunter Walter. JoumaUst Konig-swinter 41; 
Peter Walter. Student, Bonn 2; Albrecht v. Wangenhelm. Azubi, München; Christa v. Wai»nhelm, Frühberaterin. Bom 
Hans-WUhelm v. Wangenhelm, Geschäftsführer, Bonn 2; I»a v. Wangenheim, Mölln; Stefan v.Wangenbeim, Wu 
Frankfurt/Main: Joachim Weber» Rechtsanwalt, Bonn 1; Ursula Weber-Llndcnthal. Lehrerüi. Bonn 1; Greta und Herbert Wehner, 
Bonn 2- Ansela Wenzel. Angestellte. Bonn 3; Stephan WUdhirt, Offenbach/Main; Elfriedo Wllke, Mölln; Gisela Wlnkel^nn. 
Angest^UteTBonn 2; Gabriele Witt, DipL-PÄd, Bonn l; Heiner Wolf, Offenbach/ Main; Gisela Wuttke^chterin. Bonn 1; Pr&t Vr. 
DMsr Wi^derUch. Hochschullehrer. DOsseUorf; Leonore Wunderlldb. KUvieipadagogln. DüsseWorf. Hanna Zeller 
Sozial-Arbeiterin. Offenbach/Main; Heiner Zeller. Schulleiter. Offenbach/Maln; Antje v. Zlnunermarm. Köln; Dr Harald 
V. Zimmermann. Kinderarzt Köln; Kark) V. Zimmermann, stiid. theoL, Tübingen; Ingeborg Zimmermann-Gofskl, Sozialarbelterin, 
Jülich. Kurt ZuUul, Offenbach/Main. 



dsnlJntsfisk:hnsmlinsnzlen.d»etk^ 



Waltraud Becker-Hammerstein M.A. & Dr. Werner Becker 

Viktoriaplatz 4, 53173 Bonn 

Veröffentlichungen, Vorträge, Ausstellungen etc. zum Thema Juden in 

Nassau/ Lahn 



1. Julius Israel Nassau. Juden In Nassau an der Lahn im 19. und 20. 
Jahrhundert 

in: Stadt Nassau. Ursprung und Gestaltung. Nassau: Selbstverlag der Stadt 

Nassau, 1997, S. 62-85. 

(Sonderdruck) 

2. Israelitische Kultusgemeinde Nassau-Dausenau 

in: Rhein-Lahn-Kreis, Heimatjahrbuch 1999, S. 29-41. 
(Sonderdruck) 

3. Zehn Häuser. Häuser jüdischer Familien in Nassau 
(mit Yehuda Altmann und Peter Ax) 

in: Rhein-Lahn-Kreis, Heimatjahrbuch 2000. S. 84-90. 
(Kopie) 

Zugleich in der Ausstellung der Stipendiaten des Künstlerhauses Balmoral 
in Bad Ems, August/September 1 999 
(Kopie Vita Yehuda Altmann) 

4. Julius Israel Nassau. Juden in einer ländlichen Kleinstadt im 19. 
und 20. Jahrhundert 

Bad Honnef: K. H. Bock, 2002, 303 S., mit zahlreichen Abbildungen 
(Buch separat; Kopie Rezensionen) 

5. Die Präsentation des Buches war verbunden mit einer Ausstellung im 
Kreishaus des Rhein-Lahn-Kreises, Bad Ems, 12. - 26. November 2002 
(Einladung, Eröffnungsrede, Presseberichte) 



6. Zum Besuch von Frau Ellen Cohen, geb. Israel, 8.-13. November 2002: 
Rückkehr in die Sprache der Kindheit 

in: Rhein-Lahn-Kreis, Heimatjahrbuch 2004, S. 135-138 
Eröffnungs-Ansprache Ellen Cohen 
ebd., S. 138f 

Empfang der Stadt Nassau 
(Kopie) 

Presse-Berichte 
(Kopien) 

7. Interview Deutschlandfunk, Sendung „Corso", 8. November 2003 

8. Lesung Tübingen, 24. Juni 2004 
(Kopie Einladung) 

9. z.B. Nassau an der Lahn. Ausstellung in der Gedenkstätte für die 
Bonner Opfer des Nationalsozialismus, Bonn 1 6. Oktober 2003 - 29. 
Januar 2004 

(Einladung, Eröffnungsrede, Pressebericht) 

10. Nicht nur Auschwitz... Gedenkstunde zur Erinnerung an den Tag der 
Befreiung von Auschwitz, Bonn, 26. Januar 2006 

(Einladung, Gedenktext) 

11. Julius Israel Nassau. Ausstellung im Kulturhaus Nassau, 4. Februar - 

12. April 2006 

(Einladung, Eröffnungsrede, Begleittext, Presseberichte, Gästebuch, 
Führung Lahntalschule, Fotos) 

12. Initiativ-Veranstaltung Stolpersteine, Nassau, 8. Januar 2010 
(Pressebericht) 

13. Erzählcafe, Bonn, 19. Januar 2010 
(Pressebericht) 



# 



2 



/ 




Geschichte und 



Geschichten 



Impressum 



Herausgeber: Stadt Nassau 

Buduedaktkm: Hubert Baum, Dorothee ftown» Dr. M^ihard OUxrich 

WidoKknms: Sidie Etnasribeitii^ 

TüdUld: AiBsdmilt Kalle von 1680 (StedtardihrNassm 

kcrforierter Stich: ,^assau" (Stadtarchiv Nassau) 

Printed in Germany 1997, alle Rechte vorbehalten 
Umschlaggestaltung: Dorothee Brown (Stadtarchiv Nassau) 

Vorspann: Foto- Jörg (M. Riege), Nassau 

Satz + Druck: Druckerei Hachenburg GmbH, S7627 Hachenburg 

Vctaibeitui^ C. Filmlacher GmbH, 6429S Dannsladt 

NadMkttdc üad Vmmidung in ddctronisdien Systemen - auch miszugsweise - 

nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung der Autoren. 

bn Selbstverlag der Stadt Nassau, 1997 



Inhaltsverzeichnis 



Vorwoit 7 

Stadtgeschichte 

Paul-Georg Custodis, Kurt Frein Nassau, Scheuem und Bergnassau 9 

Dr. Hfiis-Jürgen Sarfaotz Stadtrecfate för Nassui, Scfaeuem irad Dniseiini 13 

Pirter Wolfgang Nick Dk Katettscfae Kinto^emräfe St Bonitenu 22 

KtflMaxeiaer Die Evangelische Kiidieagemende Nmsm 24 

Dr. Meinhard Olbrich Die Geschichte des Kiidiipielt MwM bb zur Umon voa 1817 25 

Kari-Heinz Schönrock . Nassau in aller Welt 32 

Armin Wenzel Nassaus Patenschaften 38 

Siegfried Schnabel Heimatkreis Lüben/Niederschlesien 43 

Herbert Baum Aus Trümmern wächst eine moderne Stadt 45 

Helmut Kiöckner Die Veibandsgemeinde Nassau mit Sitz in Nassau 56 

Julius Israel Nassau 

Widtnnid BedKr-Hnnmetst^ Joden in Nanw an der Lahn im 1 9. md 20. laUmdcKt 62 
Werner Becker 

Große Nassauer 

Karl-Heinz Schönrock Im „Rösselsprung" durch die Geschichte des Hauses Nassau 86 

Karl-Heinz Schönrock Freiherr vom Stein 93 

Walter Ellermeyer Persönlichkeiten unserer Stadt 97 

Baudenkmäler 

Paid-Georg Custodis, Kurt Frem Die Stammburg Nassau und ihre BurpaanneB 102 

Dr. Doris Fischer Das Steinsche Schloß in Nassau 109 

Dr. Doris Fischer Ehemaliges Nassauisches Amtshaus in Bergnassau 1 1 8 

Karl Maxeiner * Die Evangelische Johanniskirche in Nassau 122 
Dr. Hugo Rosenberg Zur Geschichte der ehemaligen Befestigung der Stadt Nassau 126 

Armin Wenzel Vor und nach der Kettenbrücke 142 

Einrichtungoi 

Kari-HmzSdiöarock Dr. Eanl Haupt und das JKuffaans Bad Naii»r 150 

Kari-HenzScii5arock ZurGeschkteedesHeHielieB-llMRacB-Stilbml«^^ 159 

SceftnKofipdiiiaaii Ein Stieifzug durch die GesdiidMe der HräwScIWMEra 162 

Dr. MedMbtld Quendirän Das Marienkrankenhaus Nassau 1 72 

M. Schäfer Das Diakoniewerk Friedenswaite Bad Ems 1 75 

Dr. med. Werner Kühn, Jürgen Linkenbach Die Lahntalklinik Nassau 178 

Thomas Rätz, Eberhard Glatz Der Stadtwald Nassau - wie ihn k(aum)einer kennt 182 

^K^tsdiaft und Volcehr 

HeibertBaiBn DieLebenpundlagraNassawiiivoiiadutrieUerZeit 188 

CUNKfiaKurz-EUenneyer Vom Haaddmd Wandel im ateaNaasau 197 

Dr.HugoRoaenbeig Eme ^fiekydie Syadicse: Industrie- und Kinl^ 215 
Wiflidm Lawbeis Vom sagenumwobenen Hollerich zum 

mrwjBm w n Fabrikzentnun Elisenhütte 218 



Dr. Hugo Rosenbeig Zur Geschichte des Nassauer Brauereiwesens 224 

Herbert Baum Die „Nachnchi" in Nassau hat zwei Namen 226 

Dr. Charlotte Schrupp Der Schruppsche Kalkofen auf der Au 229 

Kunst und Kultur 

Kvt-HemzSdiönock GadaDiintaim 232 

Kari-HemzSdiöuock HennanAi^Wdier 235 

Kari-HeinzScIiaimick Dias StadlaRliiv Nassau 237 

Karl-Heinz Schönrodk Herzog Wilhelm und das J^Masment* 239 

Waltraud Becker-H amu ae istei n, F«8chdcrii»cfa wm wumicibog 247 
Werner Becker 

Vereinsgeschichte 

Aimm Wenzel Die Veieiiie der Stadt Nassau vor dem Ersten Wel&rieg 270 

diristianKuR Chronik der FreiwilligBnFeoefw^ Nassau 272 

AndreasSdmndi FrciwüligeFdierwefarBeisDassau-Scfaeueni seit 1886 275 

MatduasLisck Und es gibt Ominunernoch- den MSnneiclior Nassau!!! 278 
Günther Bröder Der MinneigesaQgsverein ^intradit^ BetgDassau-Seheuem 280 

Fritz Wiederfaold Obst- und Gartenbauverein Nassau 28 ! 

Karl Mörsch Neiother Wandervogel in Nassau 283 

Karl Hermani Der Taunusklub e.V. - Zweigveiein Nassau (Lahn) 284 

Armin Wenzel Turnverein 1860 Nassau e.V. 286 
Karl-Heinz Schönrock IVB Nassau - ursprünglich „Turnverein Bergnassau-Scheuem" 290 
Heimut Hdfer Tum- und Sportgemeinde (TuS) Nassovia Nassau 1913 e.V. 291 

Hefannt Lcndd Anglerldub Nassau 1930 e.V. 293 

Dr.MeaiHMdOibridi RS V Oianien44assau 294 

UnubBuadi Der Nassauer Kanochib 299 

HeinKit Sdnmz Der Tennisveiein Nassau e.V. 301 

Dr. Meinhanl OAridl Geschichtsverein Nassau 303 

Herbert Baum Stadtgeschichte mitgestaitet - 75 Jahie SPD Nassau 305 

Annin Wenzel SO Jahre CDU in Nassau 307 

FWG - Freie Wählergruppe Nassauer Land e.V. 310 

KuitThoma VdK-Ortsveiband 311 

Dr. CfarisloFh Fiodilidi Der Eine-Welt-Aibeitdcreis Nassau 312 

Urania Heck, Zwammenstelhmg Land liod Leute, Und Matchen 314 

Selbstdarstellung Nassauer Unternehmen 

Firma Leifheit AG 328 

Firma C. Hermann Gross 332 

WfB Langauer Mühle der Heime Scheuem 335 

Metallwerk Elisenhütte GmbH 336 

Bucfahandlung-FotoJöig 338 

Finna WOhefanLausbefgA Sohn KG 340 

FimaFnMizJfiiBen Blauer 341 

Gebr.HeynmCM« 342 

Nassauer Löwenbrauerei 344 

Nassauische Sparkasse 346 

Volksbank Diez-Nastäden eG in Nassau 348 

Mittelrhein-Verlag 349 



ulius Israel 
Nassau 



Juden in Nassau an der Lahn 
im 1 9. und 20. Jahrhundert 

Waltraud Becker-Hammerstein 
Werner Becker 



Einleitung 

Nassauer nannten das weiße Marmor- 
Denkmal des Fteihenn v<Mn Stein, das von 1872 
bis zum Beginn der 1 95oer Jahre auf einer Anhöhe 
über der Lahn stuid, JSleins Avon". Warum 
»Steins Afon*7 „ Wesdie der lange NaS^ - w^m 
der jädUsdiai Nase, so wv das gemeint, die anifie- 
jenige des Vidi- und GewüizhSndlm Anm Stein 
erumeite. 

In unserer Jugend nach dem 2. Weltkrieg gab es in 
Nassau noch die Redensart „Ei, du sit2t jo in de 
Stubb mit de Kapp uffoi Kopp - mar maant, du 
wärst cnJudd". 



Jtiden in Nassau? 

Juden in Nassau: Sie hießen Anger, Goldsdunidt, 
Grönebauni, Heilbfonn, Hofoiami, Israel, Landau, 
Lmcflietmer, Ldw, Löw^berg, Mühlstein, Ro- 
seiMhal, Stdn, Strauß, oft audi vm der Sally, der 
Louis, ^Molche, (kr Leo, der Julius. Sie wdm- 
ten in der Oberstraße 16undOberstniße 18, Obm- 
hoferstrafie lo, Freihnr vom Stein-Straße 2, Bahn- 



hofstraße 2, Bahnhofstraße 5 und Bahnhofstraße 6, 
Grabenstraße 2o und Grabenstraße 25, Hintergas- 
se 1, Amtsstraße 7, Späthestraße 5, Schloßstraße 2, 
Kettenbrückstraße 2. Straßennamen und Haus- 
nummern haben sich geändert seither, aber viele 
der Häuser, die mit diesen Adressen bezeichnet 
wurden, stehen noch heute. 

Sie waren Sdnil- und Klassenkameraden, Freiui- 
dinnen und Freunde, Naddiam, Vennieter und 
Mieter, Geschäftspartner oder Konkumaiten, mit 
Sympathie, Gleichgültigkeit oder Ant^MOhie be- 
dachte Mitbürger unserer Ehern und Großeltern. 
Sie hatten Namen, Berufe, Adressen, die man be- 
nennen kann. Sie betrieben ihr Gewerbe, meist im 
Waren- und Viehhandel, und trugen das Ihre zur 
sozialen und kulturellen Entwicklung, zum wirt- 
schaftlichen Aufstieg Nassaus bei. 

Diese jöifisdien Nassauer Bürger Ukum in einer 
nodi weitgehend dirisüich gepikten Umgebui^. 
Sie hielten sidi * mehr od» wmger streng - an die 
Regeln ihrer Religion. Am dei^idisten wurde das 
am Sabbath. Am späten Freitag nadunittag ende- 
ten die Mittlen des Gesdiäftealltags, begann da- 
heim in der Familie & Sabbatnihe mit ihrer hd- 
teren und gelösten Festlichkeit Die Juden gingen 
zur Synagoge (Oberstlaße 16), am Frdtag zum 
Abendgebet nur die Männer, am Samstag zum 
Morgen- und Mittaggebet die ganze Familie. Das 
unterschied sie von ihren christlichen Nachbarn, 
die - mehr oder weniger streng - die Sonntagsruhe 
hielten und die evangelischen oder katholischen 
Gottesdienste besuchten. 

Eimge jü^sche Fmnilten lebten sdt lai^em in Nas- 
sau, nmidestens seit dem 18. Jahifaundeit Einige 
kmenim Lauf des 19. Jahrhunderts, etwaab 18So, 
aus den Dorfon der Umgebung - genau wie unse- 
re eigene Großväter - in dk aufttrebmie Klein- 
stadt. Sie suchten hier ein Auskommen, das ämen 
die von kaiger LandwvtschaA geprägten Orte ün 
Westerwald oder im Taunus nidit mehr bieten 
koontOL Viele gründeten eine solide Existenz und 
blid)en - odo* waren geblieben, wenn da Verlauf 



62 



Das ehemaligß Schaufenster des Kaufhauses Albert Rosenthal. Obertal 



(Foto: Becker) 



der Geschichte und ihre Mitbürger es ihnen er- 
möglicht hätten. Sie lühlten sich sicher und inte- 
griert. Einige ihrer Söhne - erst eine Generation 
später auch ihre Töchter - suchten eine bessere 
Ausbildung, Zugang zu qualifizierteren Berufen; 
das fanden sie nicht in Nassau, sondern in Wies- 
baden, in Frankfurt, in Koblenz oder auf den Uni- 
versitäten. So zogen sie weg. In Nassau galt dieses 
Schenia des sozialen Aufstiegs dir Juden und für 
Christen und ist auch heute noch wiricsam. 

Der Antisemitismtis, der in der Nazizeit trium- 
phierte, hat das allgemeine imd das private Bild 
von Juden entstellt, verzerrt und dieses Zerrbild 
verabsolutiert. Die Vielfalt von Menschen und Ge- 
sichtern wurde ausgewischt und durch eine Scha- 
blone ersetzt, die das individuelle Gesicht zur Frat- 
ze machte: der böse, dämonische, habgierige, 
falsche, lauernde, haßliche Jude. Dieses Zorbitd 
ist auch nach dem Ende der Naziherrschait und - 



latent, in Abwandlungen, oft unausgesprochen - 
bis heute wirksam geblieben. Es vergiftet die Dis- 
kussion und erschwert das unbefangene Erzählen 
und das offene Gespräch. 

Ein ganz anderes Problem entstand in der Nach- 
kriegszeit. Die Wahrheit über Auschwitz, über den 
deutschen Massenmord an der jüdischen Bevölke- 
rung Europas erzeugte - mit Recht - Schuldgefüh- 
le, aber auch Verdrängungen und Verkrampfun- 
gen. In diesem komplizierten Prozeß entstand das 
Bild von Juden als den wehrlosen, mutlosen, pas- 
si\ en. u illieen Opfern. Auch das ein Zerrbild, hin- 
ter dem die F in/elnen verschwanden und ihren An- 
spnich auf cm individuelle^ Leben verloren. 

Wir hingegen versuchen, von individuellen Men- 
schen imd ihren Schicksalen zu sprechen; von 
Menschen mit guten und schlechten Eigenschaf- 
ten, freimdlichen oder unfreundlichen, hilfsberei- 
ten oder abweisenden, engagierten und offenen 



63 




Oer ehemalige Eingang zum laden Johanna Strauß H u t . 
Grabenstraße (Foto: Becker^ 

oder egozentrischen und verschlossenen, tüchtigen 
oder untüchtigen, erfolgreichen oder erfolglosen, 
mutigen oder ängstlichen, auch emsthaften oder 
komischen. Wir versuchen, nicht Theorien zu be- 
schreiben, nicht abstrakte, sondern konkrete Din- 
ge, nicht das Historisch-Allgemeine, sondern das 
Menschlich-Besondere. 

Wir sprechen von einer vergangenen Zeit, von 
Menschen, die nicht mehr leben; von Menschen, 
die glaubten, sich auf Recht und Gesetz und auf 
die bürgerliche Gleichberechtigung, die das 



preußisch-deutsche Kaiserreich und die Weimarer 
Republik ihnen garantierten, v erlassen zu können: 
von Menschen, die auf politische Stabilität, auf so- 
zialen Aufstieg, auf die Integration in die Gesell- 
schaft liofften. Sie haben die Anzeichen der Ge- 
fährdung, des heranziehenden Unheils sehr wohl 
gesehen. Aber die meisten glaubten nicht an die 
Unabwendbarkeit. Daraus isl ihnen oft ein Vor- 
wurfgemacht v\ Orden. \\ ir Heutigen, die wissen, 
daß die Gefährdung schließlich zur Katastrophe 
uurde. sollten die Hoffnung, das \ enrauen und 
den Glauben an Recht und Gerechtigkeit und an 
die Möglichkeit der Integration von damals res- 
pektieren \V ir wollen die Geschichte in der rich- 
tigen Abfolge erzählen. 

Sieht man vom jüdischen Friedhof an der Land- 
straße nach Obemhof und von den Gedenktafeln 
im Eimelsturm ab, so wird, wer heute durch d»e 
Stadt geht, keine auf den ersten Blick erkennbaren 
Spuren mehr von den jüdischen Nassauern fmden. 
Schon vorher angefeindet, wurden sie nach 1933. 
nach dem Herrschaftsantritt der Nationalsoziali- 
sten, schikaniert, ihrer Bürgerrechte beraubt, ver- 
folgt, um ihre Existenz gebracht, vertrieben, getö- 
tet. Allenfalls im Gedächtnis einiger ehemaliger 
Nachbarn und Freunde leben sie weiter. Wer dort 
nachfragt und wer mit den Kindern und Enkeln de- 
rer Kontakt aufnimmt, die der nationalsozialisti- 
schen Verfolgung entkommen konnten, wer viel 
Papier - alte Akten, alte Zeitimgen - sichtet und be- 
wertet, ein bißchen als Detektiv, ein bißchen als 
Historiker, kann die Spuren der Nassauer Juden 
finden, kann sie wieder mit ihren Namen nennen 
und sie so der Anonymität entreißen. 

Wir haben versucht, das Leben dieser Menschen, 
die in Nassau geboren wurden, die aus der Umge- 
bung dorthin gezogen sind, die dort eine Zeitlang 
- und sei es vorübergehend - oder auch bis zu ihrem 
Tod gelebt haben, wiederzuentdecken. Die Über- 
lieferung ist lückenhaft, und unsere Darstellung ist 
es auch. Die Informationen sind uneinheitlich, oft 
unzusammenhängend, manchmal austührhch. 



64 



manchmal spärlich: auch das hat sich auf unsere 
Dar^ictlung ausgewirkt. Manches kann wohl nie 
mehr aufgeklärt werden, u. a. deshalb, weil wir /u 
spät mit den Recherchen begannen. Manches ha- 
ben wir ubersehen, manche Spur konnten wir aus 
Zeitgründen nicht \ erfolgen. Manches ist uns - aus 
welchen anderen Gmnden immer - verborgen ge- 
blieben. Für Ergänzungen, für Korrekturen und 
weitertiihrende Hinweise sind wir dankbar. 

Gewidmet ist das Buch dem Andenken der Nas- 
sauer Juden, die m den Konzentrationslagern getö- 
tet worden sind, dem Andenken von 

Gustav Anger 

Elise Goldschmidt, geb. Rosenthal 

Mathilde Hermann, geb. Salomon 

(und ihrer Familie) 

Heinrich Herz (und seiner Familie) 

Helene Hirsch, geb. Lindheimer (und ihrer 

Familie) 

Clementine Kathinka Hofmaiin, geb. Katz 
Sal<Hnon Hofinann 
Emst Josef^ Hofinann 
Lina Israel, geb. Kaufnuinn 
Leopold Israel 

Jenny Katzenstein, geb. Rosenthal 

(und ihrer Familie) 

Rika Lebrecht, geb. Rosenthal 

Amalie Lindheimer 

Johanna Lindheimer 

Recha Lindheimer, geb. Stern 

Rosalie Low, geb. Landau 

Otto Low 

Irma Marx, geb. Goldschmidt 

Inge Marx 
Paul Marx 

Flora May, geb. Goldschraidt 
(und ihrer Familie) 
Henriette Metzger, geb. Bär 
Dora Rieser, geb Löwenberg 
Fmma Rosenthal, geb Heilbronn 
Bertha Rubens, geb. Lmdheimcr. 
verw. Feldmann fund ihrer Familie) 
Sara Strauß, geb. Liebmann 



Der Julius 

Als es im August 1 928 ..nach vielen Bemühungen " 
gelungen war, für die Nassauer Stadtschwester 
Pauline eine Wohnung zu beschaffen, wurde das 
im Nassauer Anzeiger unter der Überschrift 
„Schwestemstation" freudig verzeichnet. Einen 
Telefonanschluß hatte die neue Wohnung (Lahn- 
straße 2) nicht. Dennoch war Schwester Pauline 
„auch in dringlichen Fällen erreichbar durch 
Fernsprech-Anschluß Nr. 317 (Kaufmann Julius 
Israel) " (N A,25. 8. 1928). 

Julius Israel wohnte in der Nähe - Ecke Amts- 
siraße H intergassef in Nassau: /Ym/it7 t,'(j.vs ) Erbe- 
trieb /u dieser Zeit em kiemes. sehr bescheidenes 
Geschäft tur Haushaltsartikel und zugleich einen 
Altwarenhandel. Er war knapp über 5o und ein al- 
ler Nassauer. Für die Jahrgangskanieraden und für 
die Nachbarn war er „der Julius ". Die gememsa- 
me Sprache war das Nasser Platt: „Meine Mutter 
und der Julius w aren Schulkameraden und außer- 
dem Nachtarn. Die Gespräche zwischen ihnen be- 
gannen immer mit 'Julius horsch'emo...' oder 
'Paulinsche. isch muß der mo wot so ' - Pau- 
linsche mit Betonung auf der ersten Silbe '* (P.A.). 

Nassau war klein und eng, und die Hinnergass war 
besonders eng. Dicht standen die Häuschen ne- 
beneinander, und alle waren von großen, manche 
von mehreren Familien bewohnt. Die gegenseiti- 
ge Hilfe wdr üblich, oft unvenueidlich. die Sorge 
bei Krankheit und Tod. das Ausleihen von Mehl 
oder Salz; aber auch Streit und Handgreiflichkei- 
ten, die aus allzu großer Nähe herrührten, waren 
an der Tagesordnung. 

Julius Israel - mittelgroß und schmal, und immer 
mit einem Zahnstocher im Mund " - war hilfsbereit, 
nicht nur was die Mitbenutzung seines Telefons 
und die damit verbundene Lauferei betraf. Als sich 
eine gerade verwitwete Nachbarin in der Hinter- 
ga>se einer lebensbedrohenden Operation unter- 
ziehen mußte und \orsorgIich einen Vormund für 
ihre minderjährigen Söhne suchte, war klar; das 



65 



macht der Julius. Der konnte aber auch energisch 
werden. Einmal wurde er „wegen vorsätzlicher 
körperlicher Mißhandlung begangen an Karl Ochs 
(einem Nachbarskind), zu einer Geldstrafe von 
Ig Mark ... verurteilt' (NA, 13. 1 . l9o6); einmal 
erzwang ervoneinerMieterindenöffentlichen Wi- 
dernjf einer Beleidigung: Klein.stadtgeschichten. 

Was uns an Julius Israel imponiert, ist gerade dies; 
die selbstverständliche Einordnung in die Klein- 
stadt, in ihre Solidarität und ihre Konflikte, in ihre 
Geselligkeit und ihren Konkurrenzkampf, in Le- 
bensumstände, die nur mit Fleiß, Tapferkeit und 
Selbstbeschränkung gemeistert werden konnten. 
Er gehörte ganz und gar dazu - und auch wieder 
nicht; das böse Wort vom Lumpenjud war immer 
gegenwärtig. Wir haben Julius Israel ins Herz ge- 
schlossen, weil er, der kleine Mann, der er war, auf 
seine bescheidene Art diesen Widerspruch atisge- 
halten hat. 

(ieboren wurde Julius Israel am lo. Okiober 187fi 
als jüngstes von acht Kindern des V iehhändlers 
Falk Israel aus Meudt, der 1866 nach Nassau ge 
zogen war. Julius' Mutter Karoline - Falk Israels 
zweite Frau - stammle aus Rendel, einer kleinen 
Ortschaft nördlich von Bad Vilbel. Das Elternhaus, 
damals Oberstraße 1, heute Obenal 3. steht noch 
Es zeigt sicherlich nicht mehr semen ursprüngli 
chen Zustand, kann aber doch einen Eindruck \ er- 
mitteln \on der Enge und Bescheidenheit frijherer 
Nassauer Häuser, die ansonsten durch die Kriegs- 
Zerstörungen und den Wiederaufbau aus dem 
Stadtbild verschwunden sind. Häuschen. Scheune. 
Stall, Keller, das alte Kopfsteinpilaster des Hofs, 
selbst der Ort, an dem einmal der Mistplatz war: 
wer will, kann ^ch hier die Vergangenheit verge- 
genwärtigen. 

Da die Nassauer Standesamtsunterlagen vom Ende 
des 1 9. Jahrhimderts nicht mehr da sind, taucht Ju- 
lius Israel auf amtlichem Papier zum ersten Mal in 
einer Liste der 16 jüdischen Nassauer Schulkinder 
des Jahrgangs 1888/89 auf. Da war er zwölf, imd 
seine älteren Brüder waren schon erwachsen, trie- 
ben seit Jahren für den Vater Viehhandel, einer war 




Das ehemalige Haus Falk tsrael. Oliertal 3 (Foto: Bectcerf 



nach Amerika ausgewandert, ein anderer folgte 
kurz darauf Die Fainilie war mit Reichtümern 
nicht gesegnet. Der \ iehhandel des X'aters reichte 
nicht aus. eine groik Familie zu ernähren. Alle Ge- 
schwister, mit Ausnahme des Bruders Leopold, der 
den Viehhandel übernahm, und Julius selbst, ver- 
ließen in der Folge Nassau. 

Julius erhielt eine kaufmännische Ausbildung, 
wohl bei Verwandten (in Runkel und Erbenheim). 
1898, mit 22 Jahren, nannte er sich Buchhalter, 
setzte also die Familientradition des Viehhandels 
nicht fort. Erst fünf Jahre danach, am IS. Juli 19o3, 
konnte er in der Schulstraße, in unmittelbarer 
Nachbarschaft des Elternhauses, sein eigenes Ge- 
schäft für Glas- und Porzellanwaren eröffnen. Drei 
Wochen später, am 9. August 19o3, heiratete er. 
Seine Frau Karoline (in Nassau: Lina) Kaufmann 
stammte aus Osterspai, wo ihre Familie eine ko- 



66 



schere Metzgerei betrieb. 19o4 wurde der Sohn 
Otto geboren, 19o6 folgte die Tochter Frieda. 

Am 8. September 19o6 konnten Israels ihr Ge- 
schäft in ein eigenes Haus verlegen: 




tmtet W IM J iii g , >t|i4 a» IM 
, 3ali«* 9UIIM. 



Doufcnoul 



Naaaner Aia^ger, 9. 9. l9o6 (Siadua-ckiv Nassau. Foto: Ax} 



Dieses Haus, in dem Israels dann bis zu ihrem er- 
zwungenen Wegzug aus Nassau lebten, stand am 
Ausgang der Hmtergasse und war nur von dort aus 
zugänglich. Es war ein altes Haus, das unmittelbar 
neben einem der ehemaligen Nassauer Stadttore - 
dem Griendtor - stand und früher das Gasthaus 
.^um Karpfen" beherbergt hatte. Auf alten Fotos 
ist gut zu erkennen, daß es dreistöckig hoch auf- 
ragte; offenbar hatte es einen winzigen Grundriß: 
„Parterre W(tren der kleine Porzellanladen, eine 
Kammer für Lumpen und ein kleines Klo. Dann 
ging es eine schmale Treppe rauf in ein Wohnzim- 
m&r und in die Küche. Dann kam wieder eine 
schmale Treppe» und oben waren die beiden 
SchU^immer" (PA.), 

Spater kauften Israels das in der Hintergasse an- 
grenzende Haus dazu und vermieteten die darin ge- 
legenen Wohnungen. Den Hofbenutzten sie fur die 
Lagerung der Altwaren, mit denen sie nun zuneh- 
mend bandelten. Obwohl beide Häuser im 2. Welt- 
krieg stark beschädigt wurden, Vsm man an einer 
Unterbrechung in den Grundmauern noch heute 
die Mhere Baustruktur erkeimen. 

Als alter Nassauer, als rühriger Geschäftsmann, als 
geselliger Mensch wuchs Julius Israel quasi von 



selbst in das ausgedehnte Vereinsleben hinein, das 
die Kleinstadt in der Vor-Femseh-Zeit prägte. 
Durch Berichte im Nassauer Anzeiger sind seine 
Mitgliedschaften und Tätigkeiten \ lelfach belegt: 
in der Tumgemeinde Nassau, im Männcrgesang- 
verein Liederkraiu (bei der Feier zu dessen 
Sojährigem Jubiläum 1^27 saß er in der Woh- 
nungs- und Empfangskommission - „blaue Roset- 
te", im Presseausschuß - „grüne Rosetie" und im 
Schiedsgericht - „schwarz-weiße Rosette"); in der 
Freiwilligen Feuerwehr (deren Ehrenzeichen er 
1927 erhielt). Als die jüngeren Nassauer Juden vor 
dem 1. Weltkrieg einen eigenen Geselligkeitsver- 
ein ..Gemütlichkeit" gründeten, war Julius Israel 
natürlich im Vorstand Sogar als BüUenredner im 
Karneval ( Monolog ..Der verliebte Schuster") und 
als Solosänger beim Unterhaltungsabend fiir Land- 
sturm-Männer im I , Weitkrieg trat er - erfolgreich 
- auf. 

Mindestens so interessant ist sein offenkundiges 
politisches Engagement, das ihn. wie es scheint, 
schon früh zur SPD gefuhrt hat Das war doppelt 
ungewöhnlich: einmal weil die SPD noch ganz und 
gar eine Arbeiterpartei, das vorherrschende politi- 
sche Milieu in Nassau hingegen kleinbürgerlich 
geprägt war; zum andern, weil die Juden - aus be- 
gründeter Angst vor antisemitischen Reaktionen - 
zu dieser Zeit politisch eher zurückhaltend waren 
und sich in der Regel an die bürgerlichen Gepflo* 
genheiten hielten. 

Schon 19o9 gdiörte Julius Israel der Arbeitneh- 
mer-Vertretung in der Generalversammlung der 
Allgemeinen Ortskrankenkasse Nassau an. In ähn* 
licher Funktion war er 1912 an der Einrichtung ei- 
ner Sterbe- und Altersversicherung beteiligt. Als 
nach dem 1 . Weltkrieg und der Etablienmg der Re^ 
publik in Nassau Kommunalwahlen anstanden und 
die örtlichen politischen Parteien dafür eine Ein^ 
heitsliste präsentierten, kandidierte Julius Israel 
(mit Karl Busch, Ludwig Busch, Heinrich Flakus, 
Christian Pape und Gustav Steinkrüger) als Er- 
satzmann fur die SPD, ohne allerdings gewählt zu 



67 



werden. Dieses Engagement fand seine Ergänzung 
in der aktiven Mitgliedschaft im Reichsbund jüdi- 
scher Frontsoldaten, der sich, im Verbund mit dem 
Reichsbanner Schwarz-Roi-Gold. für die Weima- 
rer Republik und ihte Institutionen einsetzte. 

Als Julius Israel im 1. Weltkrieg Soldat wurde, 
fiihrte seine Frau das Geschäft allein weiter. Das 
war in dieser Notzeil gewiß nicht einfach. Die hen- 
schende Kriegswirtschaft sah auch die Wieder\ei- 
wertung von Abfall vor. Die Stadt Nassau betrau- 
te Frau Israel mit dem Sammeln der Kjiochen. wi j 
sie auch andere Frauen (und Witwen) von Kriegs- 
teilnehmern mit dem Sammeln anderen Materials 
(Hotz, Lumpen, Metall etc.) beauftragte, um ihnen 
das wirtschaftliche Überleben zu sichern. Für heu- 
tige Leser muß man in Ennnerung rufen, daß die 
Rolle der Frauen - bei Juden wie bei Nicht-Juden 
- zu dieser Zeit vorrangig von der Arbeit in der Fa- 
milie, vom Modell der Hausfrau und Mutter ge- 
prägt war Bei öffentlichen Anlässen trugen sie 
stets den Namen des Mannes: Frau Julius Israel. 
Im Krieg freilich war ihre Arbeitskraft auch an- 
derswo gefragt. Es verstand sich von selbst, daß 
die Frauen, wenn ihre Männer zurückkamen, von 
der Geschäftsführung wieder zurücktraten. 

Lina Israel wird als eine schöne, fürsorgliche und 
hilfsbereite Frau geschildert. In ihrem Haus waren 
Gäste immer willkommen: „Frieda (Israel) und 
ich waren ja immer zusammen von Kindheit an. 
Gingen zusammen zur Schule... Unsere Eltern hat- 
ten uns die gleichen Ranzen gekauft, braunes 
Rindsleder. So sind wir morgens zusammen zur 
Schule gegangen. Frieda war sehr musikalisch, Sie 
bekam früh Klavierunterricht. Als wir dann so 15 
oder 16 Jahre alt waren, bekam ich Gesangsun- 
terricht. Dann haben wir eine wunderschöne Zeit 
erlebt. Wir haben abends zusammen im Wohnzim- 
mer von Israels musiziert. Frau Israel war uns eine 
verständnisvolle mütterliche Freundin. ... In den 
Sommerferien kamen die Kinder ihres Bruders aus 
Osterspai. Ein Junge und ein Mädchen in unserem 
Alter. Oder Frieda fuhr an den Rhein. Das mach- 



te mir immer Kummer, weil ich zu Hause bleiben 
mußte (P.A.). 

Auch der Sohn Otto war zunächst in diese Ge- 
meinschaft einbezogen. Es gab in unniitielbarer 
Nachbarschaft von Israels zwei weitere Ottos, die 
im Abstand \ on je einem Monat, wie er. 19o4 ge- 
boren waren. Das gab Anlaß zu gemeinsamen Fei- 
ern und zu viel L'lk. Otto erkrankte gegen Ende des 
1 . Weltkrieges, als der Vater an der Ostfront war. 
an Epilepsie. Das war eine weitere Sorge für die 
Mutter: ..Otto ist oft heim Einkauf in Breßlcrs L a- 
den zusammengebrochen. Dann wurde er im Hin- 
lerMuhchen auf ein Sofa gelegt, seine Mutier ver- 
ständigt und bis zu deren Eintreffen von uns ver- 
sorgt" (P.A.). Otto Israel mußte schließlich meine 
Heil- und Pflegeanstalt gebracht werden. Er ist 
1928 gestorben. 



•C>cute eutfd)licf tmc^ langem )cl)tpe* 
Ten mit <|ro^r @fbu(b erfradenem 
l*eiben unfn inni<)%eliebtet Sohn 
unb trüber 

$m diu z^ui 

im 24. eeepnfijabr. 
2)ie tcauetnbeii ^tntetbUcbeiieii. 

:»e«bi9unfl finbet ^ittitt^ ben 
1. 3nni, nacbm. 2 Übt uom ^tiatteir« 
baufe aus fcott. 

^tumcnf>enbcn banlei^ twrbctcn. 



Nassauc! Anui^ti. - (Stadtarchiv Nassau. Foto: Ax) 

Israels waren religiös. Sie hielten sich an die Vor- 
schriften ihres Glaubens. Natürlich wurde freitags 
der Tisch im Wohnzimmer festlich gedeckt. Und 
das Schuhnädchen Frieda Israel mußte aufhörrai« 
im Gäßchen Schlagball zu spielen, sich lunziehen, 
um rechtzeitig an der Sabbat-Tafel zu sitz^. Die 



68 



Kerzen auf dem Tisch zündete - jüdischem Brauch 
gemäß - Lina Israel an Da aber nach dem Anbruch 
des Sabbat das Anzünden v on Ltcht ( auch von elek- 
trischem Licht) nicht den Regeln entsprach, be- 
sorgte das der christliche Mieter aus dem Nach- 
barhaus . . . Wenn er nicht da war. durfte ich das ma- 
chen. Das habe ich nie vergessen " (P.A.)- 

Freilich war das kein Idyll. Julius Israel wußte - 
aus eigener Erfahrung und aus den Veröffentli- 
chungen des Reicbsbunds Jüdischer Frontsoldaten 
- was Antisemitismus war. Das politische Erstar- 
ken der extremen Rechten und dann der National- 
sozialisten, die ^)at6Stens seit 1 926 in der Nassau- 
er Gegend den Ton angaben, bedrohte die bürger- 
liche Existenz der Juden. Julius Israel wehrte sich. 
Als der Völkische Beobachter, die Zeitung der Na- 
tionalsozialisten, 1926 nach dem sogenannten 
, J)eutschai Tag" ihrer Paitei in Nassau verleum- 
derische Behaiq>tun^ über „die Jtiden des Nas^ 
sauer Bezirks" verlneitete, klagte ^ mit 23 Glmi* 
bensgenossen vor dem Mänchner Amt^ericht ge- 
gen den verantwottlicben Redakteur Josef Cemy, 
den sich Stolzing nannte. Die Klage wurde mdn^- 
fych abgewiesen und ging durch drei Instanzoi. 
Erst das Oberlandesgericht hob die fineisprechen- 
äem Urteile der Untainstanz^ auf. Das Verfahren 
hat in der lokalen imd überregionalen Presse viel 
Au^hen erregt tmd ist sogar im Reichstag zur 
Sprache gekommen. Wir müssen in anderem Zu- 
sammenhang darauf zurückkommen. 

Keiner kormte übersehen, daß viele der jungen 
Manner in Nassau, auch die aus dem Gißchen, 
auch die aus der Nachbarschaft, bei den Nazis wa- 
ren. Einer der drei Ottos, mittlerweile herange- 
wachsen, verweigerte eines Tages Julius Israel, der 



Julius Israel 

Femapred^er 117 



Brießtopf Julius israet 



ihn begrüßen wollte, den Gegengniß: „Einem Ju- 
den gehe ich keine Hand. " Das war noch vor 1933, 
und natürlich kamen die Eltern des jungen Man- 
nes, moralisch entrüstet, und entschuldigten sich. 

Auch wirtschaftlich gab es Probleme. Das Ge- 
schäft war wohl nie sehr gut gegangen. Aus den 
spärlichen Unterlagen, die noch zur Verfugung ste- 
hen ( im wesentlichen Steuerlisten zur Berechnung 
des Beitrags zur Jüdischen Kultusgemeinde), gehl 
hervor, daß Israels Einkommen außerordentlich 
bescheiden gewesen sein muß. Das kann täuschen: 
Steuerlisten spiegeln nicht unbedingt die Wahr- 
heit. Aber es ist deutlich, daß Julius Israel mit sei- 
nen Konkurrenten in Nassau - den Kaufhäusem 
Kuhn, Geschwister Bach, Albert Rosenthai - nicht 
mithalten konnte, auch dann nicht, wenn er deren 
Weihnachtsausstellungen kopierte und versuchte, 
mit Sonderangdx)ten auß^ialb seines eigentli- 
chen Warenangebots - nüt Leiterwagen etwa, mit 
Weihnachtsgansen - oder mit dem V^eih von 
Bier- und Wemgüsem, Geschirr und Besteck für 
hausliche Festlichkeiten oder fur die beliebten 
Straufiwirtschaften Kundoi zu locken. Die Bezah- 
lung von Angestellten konnte er sich - von weni- 
gen Ausnahmen abgesehen - nicht leisten. Er bli^ 
offenbar immer abhängig von den Erlösen det ver- 
mieteten Wohnungen. 

Einen Au^hwung gab es kurz nach dem 1 . Welt- 
krieg, aber auch der war nicht von Dauer. Die Wiit- 
sdiafbkrise bedrohte alle, und der Konkurrenz- 
kampf wurde schärfer. Die kleinen Geschäftsleu- 
te in Nassau - Juden wie Ntchtjuden - waren exi- 
stentiell abhängig von ökonomischen Entschei- 
dungen, die anderswo imd über ihre Köpfe hinweg 
getroffen wurden. Julius Israel scheint nicht der 



NcxssÄU (Lohn), der^ 3^A^ii.5l 



(Stadtarchiv Nassau) 



69 



wagemutige, unternehmende Kaufmann gewesen 
zu sein, der sich in einer solchen Krtsensituation 
hätte durchsetzen können. Vielen Nassauern blieb 
sein Poizellangeschäft eher als ein Kramladen in 
Erinnenmg: „Die Leute, die Sachen brachten, 
Lumpen, Knochen, altes Eisen, nahmen kein Geld 
dafiir, sondern etwas aus dem Jxiden, Teller, Tas- 
sen oder was sie gerade brauchten. Damit konn- 
ten Israels keine Reichtümer sammeln " (P.A.). 



Ein bißchen resignativ, ein bißchen selbstironisch, 
aber doch auch selbstbewußt und mit dem Willen 
zu Behauptung klingt das in der Anzeige aus dem 
Jahr 1928 durch: 

8ung! ^ 

Die Wcihnachtstage sind nicht fern! 
Zurn Julius geht ein Jeder gern, 
Drum kaufet dort Geechenke ein, 
Ihr werdet sehr zufrieden sein. 
Der WeihoKfatoverkaur hat eolioii begonnea, 
Ihr Itdml MgunHuH ml z« nMr komniM, 
Zu tehM u dia ediSMti Saehm, 
Dia Groea «nd Klam viel Frenda maekan. 
Für Midohen gibts priehtige PapiM mi Harda, 
Für Knaben Autoi. Kegel und Pferde, 
M<,d»rnp Artjl(til fÜP die ältere Jahre, 
Ge^ciienke für Veitobung und Hochieitipure. 
Ajch allen ChriilbaumochniiMk and Karäw, 
Die erfreuen alle Herzen. 
Ee wäre zu viel alles aufzuzählen, 
Aber bei eoloh einer Auewahl kann jeder was wlUMi, 
Sie brauchen bei mir öbarhaupt kvifl Q«M| 
Wann Ihnen bei mir eo msnohei geflllt, 
Sie haben gewies doch Lumpwi und Fl«— 
WofGr 8i« arlialtan dia höclistan PTtttoan. 
Dram gthm» Sfe itw um JlrihM Uaa, 
Denn jetzt ist noch dfa AMWrtI gHM, 
1 Nun auf zur Hinlergaaa« dM* ' 

IM Sit iMbaa o*r kifeia. 
aBBSSSSBSSSSBaSaBSBaSBB^ 
Nassauer AitzeigeK S. 12. 192H (Statharchiv Nassau, Foto: Ax} 



Lindheimers 

Noch in den Soer Jahren dieses Jahiiiunderts gab 
es in Nassau das Judengäßchen'\ mitten in der 
Stadt, und an seinem Ausgang stand, weit in die 
Einmündung der Bachgasse vorspringend, Lind- 
heimers Haus. Auf alten Katastern läßt sich leicht 
erkennen, daß das Gäßchen ein organischer Teil 
des Straßenzugs war, der von der Stadtmauer in der 
Grabenstraße im Osten durch die Mauerstraße, 
über die Amtsstraße, dann eben durch das Juden- 
gäßchen. über die Scliloßstraße und weiter durch 
das Seilergäßchen bis zur westlichen Stadtmauer 
am EimclsluiTn führte. Das Gäßchen war schmal 
und für Autos nicht passierbar; einen Bürgersleig 
gab es nicht. Es war mit Kopfsteinen gepflastert. 
Nur an der Einmündung zur Spathestraße Amts- 
straße standen weitere Häuser; es scheint, daß in 
einem von ihnen um die Milte des 19. Jahrhun- 
derts einmal ein jüdischer Betraum war - vielleicht 
rührt der Name des Gäßchens daher. 



Wenn man vom Lindheimerschen Haus an der 
Ecke Bachgasse/Schloßstraße ins Judengäßchcn 
ging, lagen links, hinter einer hohen Mauer, Lind- 




Unierlahnkreis, Gemeinde Nassau 

Biatt 5 vom 20, Augast iS7S (StadtanM^ Nassau} 



70 



heimers Hof. Garten. Stallungen, rechts ursprüng- 
iiL-h der ehemalige Rcalschulgarten (hinter dem 
Adelsheimer Hof), später, nach der Bebauung im 
1. Weltkrieg, der Posthof. Der Name .Juden- 
gäßchen'". m den Grundbüchern des 19. Jahrhun- 
deils belegt, \\urde in der Nazizeit offiziell in 
..Postgäßchen" umgeändert, blieb im Sprachge- 
brauch aber erhalten und verschwand erst, als auch 
das Gäßchen verschwand: mit der Neuvermessung 
und der Neubebauung in den 1 95oem. 

J^indheimers Haus'* waren eigentlich zwei Häu- 
ser, ein Vorderhaus an der Bachgasse, ein Hinter- 
haus längs dem Judengäßchen gelegen. Beide Häu- 
ser hatten den 2. Weltkrieg unversehrt überstan- 
den. Und noch lange nach ihrem Abriß konnte man 
am Siraßenpflaster erkennen, wo einmal die Straße 
und die Hausmauer verlaufen waren. 

Auch das Vordediaus an der Bachgasse hatte sei- 
nen Eingang im Judengäßchen: „Man ging eben- 
erdig über eine Schwelle und durch eine schone 
hölzerne Kassettentür in einen terazzobelegten 
Hausflur, Dieser hatte drei ganz tief sitzende Fen- 
ster zur Bachgasse hin. Am hinteren Ende fiihrte 
eine dunkle Wendeltreppe hinauf zur - ehemals 
Lindheimerschen - Wohnung. Vom Flur aus nach 
rechts öffnete sich eine Tür zum früheren Metz- 
gerladen, der aus zwei hintereinander liegenden 
Räumen mit hellen Holzfußböden bestand. Die La- 
dentür war im Nachkriegs-Dexitschland besonders 
auffallig. weil sie zwei mit Jugendstil-Ornamenten 
verzierte Scheiben besafi. Das Schaufenster des 
vorderen Ladenraums, verhältnismäßig schmal, 
aber hoch, lag mit der Fensterhrüstung allenjalls 
einen halben Meter über dem Niveau des Juden- 
gäßchens - ein Hinweis auf das beträchtliche Alter 
des Hauses. 

Vorder- und Hinterhaus hatten ungeßhr die glei- 
che Firsthöhe, weil letzteres auf einer nicht abge- 
tragenen Böschung stand. Innen war es nämlich 
viel kleiner. Seltsamerweise reichte die vordere 
Hausmauer bis zum Pflaster des Judengäßchens 
hinunter, aber Fenster gab es nur auf der Höhe des 



ersten Stockes Der Eingang zum Hinterhaus war 
vom Judengajk hcn aus durch ein kleines Holztör- 
chen und über einen kopfsteingepfhisfcnen steilen 
Aufgang zu erreichen. Er lag auf der Rückseite des 
Hauses. Hinter der Tür öffnete sich ein einziger 
Raum mit einem Fenster zum Hof und zum Garten. 
Cher eine - w ie eine Leiter in diesem Raum leh- 
nende - offene Holztreppc kam man hinauf in den 
cr\tcn Stock, wo die Wohnräume lagen. Vom Hof 
aus konnte man zw ei kleine Fenster im oberen Stock 
und eine offene Luke direkt unter dem spitzen Gie- 
bel sehen. 

Ein merkwürdiges Gewinkel tat sich hinter diesem 
Haus auf. Der Eingangstur gegenüber gab es an 
der Brandmauer des Nachbarhauses ein aufge- 
mauertes Podest - dort war, wie es hieß. Lindhei- 
mers Mistplatz gewesen. Zwischender Haustür und 
diesem Podest führte dann eine mit unregelmäßi- 
gen Feldsteinplatten belegte Treppe steil hinunter 
zu einem schluchtartigen, abschüssigen Platz an 
der Rückseite des Vorderhauses. An dessen unte- 
rem Ende war der Kellereingang mit - meist geöff- 
neten ' großen Flügeltüren, die auf Podesten aus 
Feldsteinen auflagen. Eine Steintreppe führte ins 
völlig lichllosc Kellergewölbe, in dem es unheim- 
lich rauschte Angeblich floß da der offene Kalt- 
bach hindurch tn Richtung Schloßhof. Auch dies 
deutet auf das Alter der Lindheimerschen Häuser 
hm. Oh es von diesem Hinterhof, der so eng. dun- 
kel und kühl war. dafS w ir ihn Lindhamers Loch ' 
nannten, einen Zugang zum Vorderhaus gab. weiß 
ich nicht. Ich kann nvch nur erinnern, daß man von 
dort einen halb offenen überdachten Gang mit ei- 
ner Holzhrüstung sah. der am ersten Stocks des 
Vorderhauses entlang zu einer Toilette fiihrte. 

Rechts vom Holz-Törchen und dem holprigen Auf- 
gangzum Hinterhaus lag der Garten - ebenfalls auf 
der Böschung und bestimmt anderthalb bis zwei 
Meter über dem Judengäßchen. Er war durch eine 
Backsteinmauer mit senkrechten Eisenstreben ab- 
gestützt. An der Mauer neben dem Aufgang stand 
ein Fliederbaum, der bloß noch schüttere, ganz 
verwaschene lila Dolden bekam, aber Anfang Mai 



71 



über und über mit ihnen bedeckt war: er hatte ei- 
nen einzigen dicken Stamm, wie ich ihn nie wieder 
hei Fliederbäumen gesehen habe. Darunter stcnd 
ein offenes Gartenhäuschen, eigentlich nur vier im 
Quadrat aufgestellte Pfosten mit einem Dach oben 
drauf, das in der Mitte spitz zulief. Heute denke ich. 
daf} aic\ in: Oktober, wenn die Juden ihr Lauhhüt- 
tenfest (Sukkot) feiern, die Laubhütte von Lindhei- 
mers gewesen sein könnte. 

Zwei bis drei Meter von der Gasse weg wuchs eine 
holte, dichte, immergrüne Hecke. Sic grenzte den 
Garten von dem Schlacluhaus und dem StalL'->e- 
reich ah und zog einen seltsamen, unpraktisch .'n. 
langen Schrägstrich durch das Gelände. An der 
Ecke des Schlachthauses, wo sie endete, ließ sie nur 
einen engen Durchgang frei zu Lindheimers Stall, 
l'ieh und Fahrzeuge konnten nur von der Bach- 
gasse aus durch die lange Torf ahrt in den Stall ge- 
bracht werden. Der Stall, aus Bruchsteinen ge- 
mauert, war geräumig und hatte einen eigenen 
Heuspeicher. Daneben lag ein großer Mistplatz. 
Zwischen Schlachthaus und Hinterhaus gab es ei- 
ren kleinen sonnigen Hof der mit roten Sand- 
steinplatten ausgelegt war. ** ( W.B.-H.)- 




Das ehemalige Lindheimersche Haus, i 90^, nach dem verhee- 
renden Hochwasser (Stadtarchiv Nassau) 



Über der Tür zur Metzgerei im Judengäßchen und 
über den Flurfenstem in der Bachgasse stand 
jeweils in schönen altenümlichen Buchstaben 
„ISRAEL LINDHF.IMER Metzger". Das war, in 
den I87oer Jahren, der Gilinder des Geschäfts, 
selbst Sohn und Nachkomme alter Nassauer Juden, 
deren Geschichte sich bis zur Mitte des 18. Jahr- 
hunderts zurück\ erfolgen läßt, weiter als in vielen 
anderen Fällen, Israel Lindheimers Urgroßvater 
war der Nassauer Schutzjude Feist Israel dessen 
Name in den einschlägigen Urkunden des 1 8. Jahr- 
hunderts gelegentlich auftaucht und dessen Testa- 
ment (von 1813) sich erhalten hat. Vor allem die- 
ses Testament macht es möglich, die Familienge- 
schichte nachzuzeichnen. Von Feist Israel ist z. B. 
belegt, daß sein Nassauer Wohnhaus - wie die Häu- 
ser seiner Nachbarn - „auf den I4ten Juny 1796 
durch die Kayserliche Canonade ... ein Raub der 
Flammen geworden ist ' ' ( Stadtarchiv Nassau). Das 
war das Schicksal Nassaus in den nachrevolu- 
tionären Franzosenkriegen und der Beginn einer 
Verarmung« wetm nicht Verelendung des Stadt- 
chens. 

Als Feist Israel 1822 starb und sein Testament 
wirksam sKurde. hinterließ er vier Töchter, von de- 
nen zwei auswärts verheiratet waren, und drei Söh- 
ne, die nach herkömmlicher jüdischer Sitte 
zunächst den Vornamen des Vaters als eigenen Fa- 
miliennamen führten: Moses. Meyer und Israel 
Feist. Diese Sitte hat zeitgenössische Amtmänner 
und spätere Histonker häutig in Verwirrung und 
nicht selten in Verzweiflung gestürzt, weil die Va- 
ter-Sohn-Abfolge (Feist Israel. Israel Feist, Feist 
Israel) kaum noch nachzuvollziehen war. Als die 
Herzoglich-Nassauische Regierung im Interesse 
ihrer Amtmänner und zur Erleichterung späterer 
Historiker 1841 auch für Juden die Annahme un- 
veränderlicher Familiennamenanordnete, wählten 
Moses und Meyer Feist den neuen Nachnamen 
Liebschütz. Dieser Name hat sich in Nassau nicht 
erhalten, weil beide ohne Nachkomme staibesu 

Der dritte Bruder Israel Feist starb 184o im Alter 
von 66 Jahren, sieben Jahre nach semer Frau Hen- 



72 



del, geb. Hirsch (iuis Ladenhach bei Boppard); erst 
sein Sohn Hirsch Israel stand vor dci Notucndiiz- 
keiiderNamenswahlund nannte sich foilan Hirsch 
Lindheimer, Fr w ar. wie sein Vater und dessen bei- 
den Brüder, die er beerbte. Viehhändler. Und er 
war eine wichtige Stütze der jüdischen Gemeinde 
Nassau-Dausenau. Es seheint, daß Hirsch Lind- 
heimer die Häuser und Stallungen auf dem ver- 
winkelten Gelände zwischen Bachgasse und Ju- 
dengäßchen, die I860 noch Seligmann Levinger 
gehört hatten, von dessen Erben gekauft hat. Und 
damit sind wir wieder bei Israel Lmdheimer. 
Hirsch Lindheimers einzigem Sohn, dessen Name 
über Tür und Schaufenster seines Hauses im Ju* 
dengäßchen stand. 

\'on Israel Lindheimer ist ein Foto erhalten, das 
ihn im Sonntagsstaat zeigt, einen bärtigen, milde 
lächelnden Patriarchen mn emem Zwicker aut der 





Israel Lindheimer (Foto: Stadtarchiv \iLs.\au) 



Nase und offenen, wachen Augen. Israel Lindhei- 
mer durfte das Gefühl haben, in der bürgerlichen 
Gesellschaft seinerzeit und seines Hci malones an- 
gekommen /u sein, Schon \or seiner Cjcburt im 
Jahr 1 N42 und spätestens seil seiner .lugcndzeit wa- 
ren die letzten Hindemisse auf dem \V eg zur bür- 
gerlichen Gleichberechtigung der Juden getallen. 
Israel Lindheimer war mit Nichtjuden zur Schule 
gegangen und hatte (I863-1K66) mit Nichtjuden 
seinen Wehrdienst in der - wohl nicht sehr großen 
- .^rmee des Herzogtums Nassau geleistet. Seinen 
Militäreid hatte er bekräftigt mit einer Fonnel, die 
den Besonderheiten seiner Religion Rechnung 

trug: so wahr uns Gott durch die Verheißung 

des wahren ^fessias und die zu unseren Vätern ge- 
sandten Propheten zum ewigen Leben helfen wer- 
de". 

1 87o 7 1 kämpfte er m der preußischen Armee - als 
Gefreiter des I. Nassauischen Infanterieregiments 
Nr. S7 - gegen Frankreich und wird auf den Sieg 
nicht \\ cniger stolz gewesen sein als andere; zumal 
er sow ohl v om Nassauischen Herzog als auch von 
Kaiser Wilhelm 1. ausgezeichnet worden war: ..Auf 
Befehl Seiner Majcsta! des Kaisers und Königs ist 
die von Allerhöchsideniselhen von erbeuteter Ka- 
nonen-Bronze i^estiftete Kriei^s-Denkmünze für 
Comhallanlen dem ... Israel Lindheimer in Aner- 
kennung seiner pfliehlgetreuen Theihiahme an 
dem siegreichen Feidzuge is^o-jsil ... überge- 
hen worden" (Stadtarchiv Nassaul, Der Gemein- 
derat von Nassau hat ihm daraufhin das unentgelt- 
liche Büi^errecht der Stadt verliehen. 

Israel Lindheimer hatte eine große Familie zu ver- 
sorgen. Mit im Haus lebten seine Eltern Hirsch (der 
1881 starb) und Jette Lindheimer (geb. Lehr aus 
Großzimmem bei Darmstadt, die 1 888 starb); dazu 
die beiden unverheirateten Schwestern Amalie 
(Malchen, 1844-?}undJohanna(Hannchen, 1846- 
1893). Er selbst halte aus seiner ersten Ehe mit 
Benha Metzgeraus Main/-VVeisenau( 1844-1888) 
sieben Kinder, von denen allerdings nur vier das 
Kindesalter überlebten; und aus seiner zw eiten Ehe 
mit Helene Herzberg» einer Metzgerslochter aus 



73 



|StUT 



i. .. STADT 
NASSAU 




Crahmai Helene Lindheimer jüdischer Friedhof Sassau 

(Foto: Becken 

Dausenau ( lS5(vl914). einen weiteren Sohn. Da 
werden alle Räume im Vorder- wie im Hinterhaus 
gebraucht worden sein. 

Die Steuerlisten, wenn sie denn zuverlässig sind, 
weisen Israel Lindheimer als einen soliden Ge- 
schäftsmann der mittleren (Nassauer) Einkom- 
mensgruppe aus, der sich gegen die Konkurrenz 
der zahlreichen anderen (christlichen wie jüdi- 
schen) Metzger am Ort behaupten konnte. Als ko- 
schere Metzgerei versorgten Lindheimers natür- 
lich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Nas- 
sau, wohl auch der Umgebung, und vermutlich die 
Küche des Kurhauses, das immer jüdische Gäste 
hatte. Die Cienehmigung /um Schächten (dem le- 
ligiösen Juden \ orgeschnebenen rituellen 
Schlachten) halte ihm der Mam/er Rabbiner Dr. 
Lehmann 1877 ausgestellt; sie wurde regelmäßig 
erneuert. Israel Lindheimer starb Sojährig im Jahr 
1922. 



ta<^« iKit— 




Im 



H.-u'- T*r:«.i. 

Jsi Jci Lindheimer, 

Mclzsermeistcr, 

■ III f^-i. L< i"-'ii?j»tlinv 

Nassau ^en IS. April 1932. 
Namens der trauernd. Hintefhliebmen: 
Markus Undheimer. 

Dil- Be-riiij;iing fiiid«! KriHtBg ma- 
ta:; I ü'tir «talt. 




Hxxtqtx- iu6.Kanp|acioi|eRP(KW, 

Den J^OTneTa^f'! ^vr Äeiinmw. bog tüm- 

Israel £inöl)eimcr 

Dtrjdjicticn iir. 

Secrttgung ^ititaq noir, i liht. '■Jintr*- 
t« bc» SeniM 12,30 UI}T l "Vkiulus. 



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Nassauer Anzeiger. 2o. 4- 1922 fStadtarchiv \assau. Foto: Am 

W enn im Nassau der 1 92oer und 1 '^3oer Jahre \ on 
„Lindheimers" die Rede war. ging es um die näch- 
ste Generation, um Israel Lindheimers Söhne und 
Töchter, um die Erben einer langen Famihentradi- 
lion, wie selbstverständlich und scheinbar unan- 
gefochten eingebunden in ein Geflecht von Schul- 
und Militärfreundschaften, von Berufskollegen 
und Nachbarn, von Gesangs- und Sportvereinen. 
Das Geflecht hielt nicht, und gerade eine alteinge- 
sessene Familie wie die der Lindheimers mußte 
schließlich bitler datür zahlen, daß sie sich auf sei- 
ne Haltbarkeit verlassen hatte. 

Johanna, die älteste Tochter, war nicht verheiratet. 
Sie arbeitete als Köchin und Haushälterin in Frank- 
furt, dann jalirelang in Genua, nach dem 1. Well- 
krieg im Martinsstift in Koblenz. In der Nazizeil 
zog sie erneut nach Frankfurt: \on dort aus ist sie 
am 15- September 1^42 nach Theresienstadt de- 
portiert \\ orden, wo sie am 2. April 1 943, 69jähng, 



74 



umgekommen ist. Ihre Schwester Sara Mathilde 
verließ Nassau im Jahre 1 9o8 nach ihrer Heirat mit 
dem Metzger und Viehhändler Albert Schwarz aus 
Heckholzhausen. Sie konnte, inzwischen verwit- 
wet, Deutschland rechtzeitig verlassen und nach 
Südafrika auswandern. 

Die dritte Tochter Amalie ( in Nassau; liel Mak he) 
schließlich blieb im Elternhaus und später im Haus 
ihres Bruders. „Lindheimers Makhe kam in ilic 
Häuser mit einem gefhwhtenen viereckigen Korh. 
darüber lag immer ein weißes Tuch, und hol 
Fleisch an. Meine Mutter hat oft davon gekauft " 
(M.B.). Auch diese Schwester, Jahrgang 1878, 
blieb unverheiratet, galt aber als „ewig verlobt". 
Eine große und melancholische Liebe verband sie 
mit dem fast gleichaltrigen Sohn des örtlichen 
Druckerei-Besitzers. Die beiden konnten nicht hei- 
raten - wesche der Relischon Heirat hätte Reli- 
gionswechsel bedeutet, des einen oder der ande- 
ren, und das war, in dieser Generation und in die- 
sem sozialen Umfeld, noch weitgehend tabu. Die 
beiden gingen sonntags Hand in Hand im Philoso- 
phenweg spazieren (werktags war dafür natürlich 
keine Zeit), hielten sich lange die Treue, auch der 
Druckerei-Erbe blieb unverheiratet. Amalie Lind- 
heimer zog 1937 - nun allein - nach Limburg, von 
dort aus nach Frankfurt. Auch sie ist nach Thc- 
rcsiensiadt deportiert worden; ihr Todesdatum ist 
unbekannt. 

Erbe des Geschäfts war Israel Lindheimers ältester 
Sohn, der Metzgermeister Markus Lindheimer. Er 
warmit Recha Stern verheiratet, die aus einer eben- 
falls alten jüdischen Familie in Meudt stammte. 
Die beiden Kinder Bertha und Siegfried wurden 
1911 und 1913 geboren. Auch Markus Lindheimer 
hatte (I9ol-1903) seinen Militärdienst beim 1. 
Nassauischen Infanterie-Regiment Nr. 87 geleistet 
und „sich während seiner Dienstzeit vorzüglich ge- 
ßhrt" (Stadtarchiv Nassau). Im I. Weltkrieg war 
er Soldat und wurde - vom Enkel Allerhöchstdes- 
selben - im Oktober 1918 mit dem Eisemen Kreuz 
2. Klasse ausgezeichnet. Auch er durfte Schächten: 
,Merm Marcus Lindheimer in Nassau erteile ich 




Oeävnktüffin an der Xtüuer des allen Jüdischen Friedhofs in 
Frantiiurt Main (Fotos: Axf 

hicnntf auf (jriffh/ einer mit ihm vargemtmnwnen 
und Yen ihm ziemlich siu! hesiandenen Wiederho- 
limiisprüfiiifi; die Aiiiorisulmn zum Au.sühen des 
SchÜchtens iinier der Bedingung, daß er einen 
streng relig<)sen Lehenswandel führe und vor ed- 
lem heim Schächten pp. mit peinlichster S(ngfall 
verfahre. Dr. Weingarten. Bezirksrahbiner" 
(Stadtarchiv Nassau). 

Markus Lindheimer wuchs, wie sein jüneslcr Bru- 
der Moritz, der einen Viehhandel betrieb und Mit- 
begründer des Stemm- und Ringclubs war, wie Ju- 
lius Israel, wie viele andere, in die Geselligkeit des 
Nassauer Vereinslebens hinein. Sein „Bariton- 
Solo" war der Höhepunkt der Gesangvereins-Fei- 
em. Freilich sah auch er die Zeichen der Zeit - und 
wehrte sich. Wie Julius Israel gehörte er zu den 
Klägern gegen die antisemitischen Verunglimp- 
fungen von 1926. Er konnte nicht übersehen, daß 
die Isolierung zunahm. Ein deutliches Zeichen 
dafür war eine Gemeinschaftsanzeige der Nassau- 
er Metzger im Nassauer Anzeiger, in der die bei- 
den jüdischen Metzger Lindheimer und Mühlstein 
fehlten. Das war am 2. April 1 93 1 , zwei Jahre vor 
Hitlers Machtantritt. Mühlsteins verkauften Haus 
und Geschäft im folgenden Jahr und wanderten in 
die Schweiz aus. 



75 



Das Ende war schrecklich. Lindheimers blieben in 
Deutschland. Das vom gerade verstorbenen 
Reichspräsidenten von Hindenburg gestiftete „Eh- 
renkreuz für Frontkämpfer", das im Namen des 
Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler „dem 
Metzger Markus Lindheimer in Nassau" am 23. 
März 1935 verliehen wurde, mag diesen in dem 
(icfuhl der Sicherheit bcslärkl haben. Markus 
LiiuiliciiiiLT skirh im Ntnembor 1936 bei seiner 
Tochicr Hertha in Ik'rhn. Die Mel/gerei Lindhei- 
mer wurde am I. November ! 937 geschlossen. Im 
No\embcipitgr(>m \on 193?^ wurden WohnutiL! 
und Laden \er\\üstel. Rcclui Lindheimer zog kurz 
darauf nach Berhn. Sie ist. \s le ihre IiK-hter Bertha 
und deren /weiter Mann lutch Auschvsu/ depor- 
lien und dort umgebracht worden. Nur der Sohn 
Siegfried Lindheimer konnte nach Belgien und 
spiiier nach |- rankreich entkommen und hat dort die 
Na/i/eit überlebt. Die Häuser und das \ erwinkel- 
te Gelände zwischen Judengäßchen und Bach- 
gasse gingen in andere Hände über. 

..Meine früheste Erinnerung sagt mir: wir konnten 
durch unser Schlachthuus gehen, und eine schma- 
le, niedrige Tür führte in einen dahinter liegenden 



kleinen Raum: das war einmal Lindheimers 
Schlachthaus gewesen. Das wußten wir -aber wer 
Lindheimers waren, das wttßten wir nicht. Der 
Raum hatte ein hohes Fenster in der Südwand und 
eine .schmale Fensterluke neben der großen dop- 
pe/fh'igeligen Tür, die nach außen zu öffnen war. 
Auf deren Innenseiten standen, mit Farbe groß auf- 
gemalt, ein M und ein L. Als wir das lesen konn- 
ten, erklärte uns jemand, daß diese Buchstaben ßr 
Markus Lindheimer standen. Und wenn dieser 
Same erwiihnt w urde, kam auch eine Erinnerung 
zum l (irschcin: Der Markus konnte so schön sin- 
gen. Zusammen mit seinem Bruder Moritz hat 
er - zur Klu\ lerhcglcitung durch unsere Oma - 
manchtmd gesungen ..Herr, den ich lief im Herzen 
trage... ". 

Die schw eren Flügel der Tür ließen sich mit einem 
senkrechten Riegel im Boden hinter der Tür- 
schwelle feststellen und mit einer über vier schw e- 
re Haken gelegten kantigen Eiscnstangc von innen 
verschließen. H'ir konnten als Kinder das schwere 
Ding nur zu zweit stemmen und v(m oben in die Ha- 
ken legen. Dieser eiserne Riegel kann aber erst 
nach Lifidheimers Zeit angejerligt worden sein. 




Mauer des ehemaligen tinäheimerschen Slatls. i99i 



(Foto: Beciter) 



76 




denn wie sollte Markus Lindheimer sonst von hohen Bmchstetiunauer - dem letzten Rest des 
außen, über den Hof, von seinem agenen Wohn- großen Stalls - ein langes eisernes Band zu sehen 
haus aus, in sein Schlachthaus gekommen sein? mit Ösen und großen Eisenringen zum FcsÖnndcn 

l 'om ursprünglichen Zweck des Raums zeugten vcMiVidl. 
jetzt nur noch eine schwere, waagerecht an der In- 
nenwand verlaufende Metallstange mit Haken, wie 
sie damals in jeder Metzgerei zu sehen waren, und 
der zementierte Boden mit dem Abflußloch in der 
Mitte - iy^ B.'H.). 

Am 9. Oktob^ 1 939 erschien im Nassauer Anzei- 
ger eine kurze Notiz: „DasPost^aßchen, auchJu- 
dengäßchen oder Seilergäßchen genannt, bietet 
durch seine Enge und durch seine Verunreinigun- 
gen in den letzten Jahren ein unwürdiges Bild. Im 
Zusammenhang mit den Verhandlmgen zum An- 
kauf des Hauses Undheimer seitens der Post will 
die Stadtverwaltung den westlichen Teil des 
Gäßchens der Post zum Kaufe anbieten. Den öst- 
lichen Teil können die Anlieger erwerben. Mit dem 
Verschwinden dieses Schmutzwinkels wird emch 
der Name 'Judengasse ' aus dem Gebrauch kom- 
men und damit endlich die Erinnerung an das Ju- 
dentum in Nassau liquidiert werden ". 

Dem folgte ein Jahr später, am 18. September 
J94o. eine Prädsierung: „Das letzte ßidische An- 
wesen in unserer Stadt ist nun endgültig ver- 
st^twunden. Nachdem vorJtdtresfhstdasLindhm- 
mersche Anwesen käuflich an einen auswärtigen 
Metzgermeisterüberging, wurde nach einiger ZeU 
der Kairf wieder rückgängig gemacht. Nunmehr 
hat die Reichspostverwaltung das Anwesen kaitf- 
lieh erworben, und gedenkt nach Kriegsschluß 
größere bauliche Veränderungen vorzunehmen". 

Genau dies gesdidim dm 19SoerJahraLDasJu- 
dei^äßchen verschwand, imd die Eriimertti^ auch. 

Was danach fibrig blieb, war ein bradiliegendes 
Gelindemit den zerfeUeaden Gebäuden vcmLind- 
heimers Sdilachlhw und Stall, die 1945 bei ei- 
nem Bombenai^fr stark beschäd^ worden wa- 
ren und fiber die es jalwelang juristische Ausein- 
andersetzung gab. Erst 1993 ist dieses Gdände 
wieder bebaut wwd^ und bis d^un war an einer 



77 



Jacob und Pauline Landau 



Jacob Landau war der erfolgreichste der Nassauer 

jüdischen Geschäftsleute. Er stammte aus Sing- 
hofen, aus einer kinderreichen Viehhändler-Fami- 
he. Auch ihre Geschichte kann bis ins 18. Jahr- 
hundert zurückverfolgt werden, bis zu Seligmann 
Levi, der 1 77o Brendel, die Tochter der Singhöfer 
Handelsleute Jossei und Esther Jachel heiratete. 
Dessen Sohn Levi Seligmann nahm 1841 den Fa- 
miliennamen Landau an und dessen Sohn Selig- 
mann Levi Landau wiederum war in den 187oer 
Jahren Vorsteher der Singhöfer Israelitischen Kul- 
tusgemeinde - ein Hinweis auf die soziale Stellung 
der Familie. Jacob Landau war das jüngste von acht 
Kindern dieses Seligmann Levi Landau. Zwei 
Schwestern (Amalie und Eva) starben als Kinder, 
zwei Brüder zogen nach Hamburg, einer nach Lon- 
don. Ein weiterer Bruder (Siegmund) setzte den 
Viehhandel des Vaters fort, zunächst in Singhofen, 
^>äter in Nassau» 

Jacob selbst gründete 18S4, mit 2o Jahren, seine 
eigene Firma, die offenbar dem Handel mit Land- 
produkten gewidmet war. Im August 18%, weni- 
ge Tage nach seiner Heirat, zog er nach Nassau und 
baute in der Bahnhofstraße, rechts von der Ein- 
mündung der Grabenstraße, ein stattliches Haus. 
Dieses Haus ist, wie die gesamte BahnhofstraBe, 
im 2. Weltkrieg zerstört worden, aber auf alten Fo- 
tos läßt sich noch etwas von der Gediegenheit bür- 
gerlichen Bauens der Zeit - solider Backstein, 
Hochparterre, Simse, abgesetzte Fenster- Umran- 
dung, reicher Schmuck der Giebel - erkennen. Vor 
dem Haus, an der Bahnhofstraße, gab es einen klei- 
nen Vorgarten, der mit einem Eisengitter zum Bür- 
gersteig hin abschloß. Hinter dem Haus, an der 
Grabenstraße, lagen ausgedehnte Lagerräume. 

Jacob Landaa kaufte von den Produzenten, den 
Bauern in Nassau und in der UmgdMmg, Getreide, 
Kartoffeln, Zuckerrüben, Ti<»prodidEle und s(»gte 
für den Wdterverkauf, dendie Bauern sdbstnidit 
leisten k<»mtaa. Umgekeivt versorgte er ae mit 
Saatgut, Tierfutter, Dßngmittei mA - nidrt zuletzt 



- Landmaschinen. Nassau, nahe genug am land- 
wirtschaftlichen Hinunland, durch die EiseiMm 
mit den Abnehmer-Märkten verbunden, wurde so 
zu eii^ regicmal wichtigen Haadel^latz. Jacob 
Landau betrieb itieses Geschäft in großem ^ und 
konnte schon bald den Viehhandel, den erzunächst 
weitergeftäirt und fur den er eigens einen h4el2^ 
eingestellthatte, aufgeben. Er gehörte zu den wohl- 
habendsten Bürgern in Nassau. 

Schon I9o4 tauchte sein Name in der ersten Ab- 
teilung des Wählerverzeichnisses für die Kommu- 
nalwahlen auf, nach der Aktiengesellschaft Bad 
Nassau (Kurhaus), dem Arzt Dr. Eugen Poensgen, 
dem Fabrikanten Dr. Konstantin Fahlberg, dem 
Bauunternehmer Friedrich Schrupp und vor dem 
Hotelbesitzer Georg Müller und dem Kaufmann 
Adolf Kuhn. (Das in Preußen geltende Dreiklas- 
s^Wahlrecht teilte die Stimmbürger ents{>re- 
chend den von ihnen gezahlten direkten Steuern in 
drei Abteilui^en ein, und jede Abteilung be- 
stimmte die gleidie Zahl von Gewählten). Die 
schon mehrfach erwämt^ Steuer- J^achweise" 
bestatten diesen Beftmd, d»r freilich nicht zu 
falschoi Schlössen verieiten darf: Alles blieb im 
Rahmen bescheid»ierldeinstädttsdier Verhältnis- 
se, die Bodenhafhmg blieb gewahrt, und im Haus 
war, obwohl die FamiUe wodis, meisiens eine 
Wohnung vermietet. 

Dennoch galten Jacob Landaus in Nassau als ..die 
feine Landaus" - im Gegensatz zu den Siegmund 
Landaus, die (zu Unrecht) „die arme Landaus" 
hießen. Jedenfalls: „Die feinen Landaus gehörten 
in Nassau zur Hautevolee" (P.A.), und entspre- 
chend gestaltete sich ihr gesellschaftlicher Um- 
gang, auch und vor allem mit nichtjüdischen 
Freunden. Das war, selbst im Nassauer Rahmen, 
eine andere Welt als die Julius Israels. Bei dem in 
der kleinstädtischen Gesellschaft so überaus wich- 
tigen Sojährigen Jubiläum des Gesangvereins 
J^iederkranz"* mochte Julius Israel wichtige Funk- 
tionen haben (und entsprechende Rosetten tragen) 
- Jacob Lsmdau saß, neben dem Bürgermeister, 
dem Schulleiter, dm Veieinsvorsitz^idea, Pfo- 



78 




Jacob Landau in Bad Neuenahr (Foto: MarÜes Landet 

rem und ähnlich wichtigen Leuten, im Ehrenaus- 
schuB („weiße Schleife"). Auch der Lehrer Levy 
war dort vertreten, nicht aber der Kultus-Vorste- 
her Moses Rosenthal. 



Jacob Landau war ein untersetzter Mann mit einem 
breiten Schädel, vollem Haar, einem energischen 
Kinn und neugierigen, forschenden Augen. Seine 
Enkelin Mariies Lande beschreibt ihn als nidit sehr 
religiös Jedoch beachtete er wohl die rituellen Vor- 
schriften und ging regelmäßig zur Synagoge. Zur 
Kur fuhr er nach Bad Neuenahr, in ein Hotel, das 
koschere Küche garantierte. Sein Geschäft war an 
den hohoi jüdischen Feiertagen geschlossen, je- 
denfalls solange nicht christliche Angestellte ihm 
die Arbeit an diesen Tagen abnahmen. Jacob Lan- 
dau hatte viele nichtjüdische Angestellte und Ar- 
beiter, die z. T. jähre- und jahrzehntelang in seiner 
Firma arbeiteten und die. wie der Prokurist Jakob 
Weimer, Vertrauensstellungen einnahmen. 




Pauline Landau, geh. Koch (Foio: Marlies Landet 



Jacob Landaus Frau Pauline (geb. Koch) stammte 
aus Framersheim in Rheinhessen, einem Land- 
strich, in dem die Juden firüher emanzipiert waren 
und sich stärker an die Lebenswelt der christl ichen 
Nachbarn angepaßt hatten als im Nassauer Land. 
Marlies Lande vermutet, daß ihre Großmutter nicht 
gewohnt war, einen koscheren Haushalt zu führen, 
daß sie es aber, ihrem Mann zuliebe, in Nassau ver- 
sucht hat. 

Pauline (in Nassau: Lina) Landau war eine be- 
merkenswerte Frau. Wiewohl sie in der Öf^- 
lichkeit - der Sitte der Zeit entsprechend - stets als 
,J^rau Jacob Landau'* auftrat, war sie ganz eigen- 
ständig. Auch sie war das jüngste von acht Ge- 
schwistern. Ihre Familie war arm; drei der älteren 
Brüder wanderten schon in den 1 87oer Jahren nach 
Amerika aus. Sie selbst war weltofTen, kulturell in- 
teressiert und in dieser Hinsicht sicher ihrem Mann 
überlegen. Sie war nicht groß und ein bißchen kor- 



79 



pulent. Sie liebte die Geselligkeit und führte ein of- 
fenes Haus, in dem Freunde ein- und ausgingen 
und Verwandte, später die Kinder mit ihren Fami- 
hen oft Wochen und Monate verbrachten. Seit 
19o7 hatte sie Prokura in der Firma ihres Mannes. 

Pauline Landau wurde 1911 in den Vorstand der 
Nassauer Sektion des Vaterländischen Frauenver- 
eins gewählt, den die gestrenge Frau von Eck lei- 
tete. Dies war sicher zunächst nicht viel mehr als 
ein Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Stellung, ge- 
wann aber Bedeutung, als zu Beginn des 1 . Welt- 
kriegs die Truppenzüge durch Nassau rollten und 
Pauline Landau am Bahnhof die Verpflegung der 
Soldaten organisierte. Das setzte sich während des 
vierjährigen Krieges mit Paketaktionen zu Weih- 
nachten, mit Kleiderspenden, mit Geldsammlun- 
gen, mit der „Kaiser Wilhelm Spende deutscher 
Frauen" (1915) fort; all das war nur mit eihebli- 
cher Energie und starkem Engagement zu leisten. 
Im Dezember 1919 war Pauline Landau dann nicht 




Z>eutfd^e fronen tmb jlUb^l 




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• . 



Nassauer Anzeiger. 2o. 3. 1915 (Sladtarchiv Nassau. Foto: Ax) 



mehr im Vorstand vertreten; es muß offen bleiben, 
ob sie von sich aus verzichtete (was bei einer über 
Sojährigen immerhin denkbar ist), oder ob die übri- 
gen Vaterländischen Frauen dachten, der Mohr 
habe seine Schuldigkeit getan - oder ob beides mit- 
einander verknüpft war. 

Auch Jacob Landau hat sich - zurückhaltend - im 
öftentiichen Leben engagiert. Im Bürgerverein, der 
19o8 gegründet worden war und - gewissermaßen 
außerparlamentarisch - die Politik des Bürgermei- 
sters Hasenclever unterstützte, war er I912ab Bei- 
sitzer im Vorstand. Als im 1. Wdtkrieg die wirt- 
schaftliche Mängelverwaltung oi^anisiert wurde, 
war Jacob Landau, selbst zu alt für den Kriegs- 
dienst, „Beauftragter für die Bezirksstelle für 
Gemüse und Obsf ' im Unterlahnkreis und leitete 
den zentralen Obstankauf; das Fallobst lieB er 
- „i. A. Jacob Landau" - von Moses Rosmthal, dem 
Vorsteher der Nassauer Jüdischen Kultusgemein- 
de, mit dem er in Dauerfehde lag, sanuneht. Im Ok- 
tober 1919saß er im Wahlausschuß, der die Kom- 
munalwahlen vorbereitete. 

Die pohtische Orientierung war bürgerlich, aller- 
dings: linksbürgerlich. „Ich weiß genau, daß die 
'Frankfurter Zeitung ' die Zeitung meiner Großel- 
tern gewesen sein muß. schon deshalb, weil die 
Börsennotierungen wichtig für sie waren. Meine 
Eltern haben natürlich auch die 'Frankfurter Zei- 
t^^g* gelesen" (M.L.). Die politische Überein- 
stinunung zwischen Tageszeitungen und ihren Le- 
sern ist damals wesentlich stärker gewesen als heu- 
te. Die »frankfurter Zeitung", anspruchsvoll und 
weltoffen, war das bevorzugte Blatt des linkslibe- 
ralen, gebildeten deutschen Bürgertums im Kai- 
serreich und in der Weimarer Republik. Sie stand 
der Deu^hoi Demokratischen Partei nahe, die 
nach 1919 zusammen mit der SPD und dem ka- 
Üiolischen Zentrum zu den Stützen der Republik 
gehörte. 

Trotz des sozialen Aufstiegs und trotz der offen- 
kundigen gesellschaftlichen Integration blieb Ja- 
cob Landau, so berichtet Marlies Lande, immerein 
bißchen mißtrauisch gegenüber der nichtjüdischen 



80 



I mwL'lt und immer vorsichtig und zurückhaltend. 

wenn er jüdische Auffälligkeiten bemerkte, die 
ihm mchi getlelen. Die Heirat einer seiner Töch- 
ter mit einem christhchen Schvsiegersohn ( Kandi- 
daten waren zur Hand) hätte er nicht gestattet. 

Landaus hatten zwei Töchter (Grete und Gerta) und 
einen Sohn (Paul). Grete, 1 897 geboren, ging 1911 
als Schülerin nach Frankfurt und besuchte dort die 
Elisabethenschule. Sie heiratete 1919 Emst Scheu- 
er aus Alzey, der mit der Familie Koch aus Fra- 
mersheim weitläufig verwandt war und in Offen- 
bach eine Lederhandlung betrieb. Dort sind auch 
die beiden Kinder Marlies und Franz geboren, die 
heute in Amerika leben. Die Verbindung nach Nas- 
sau (wie auch zu den Großeltern Scheuer, die in 
Mainz ein Getreide- und Samengeschäfl besaßen), 
blieb fur die Kinder immer eng: „Ich habe manch- 
mal Jen ganzen Sommer in Nassau verbracht, habe 
dort in der Lahn schwimmen gelernt, an der Angel 
von Herrn Spriestersbach " (M.L.). Marhes Lande 




Grete Scheuer, geh Landau (f t/lo: Marlies Lande/ 



hat uns vie! über diese Besuche bei den Großeltern 

in Nassau erzähk. Dadurch haben für uns die pa- 
piemen Informationen aus den Archiven Farbe be- 
kommen - und auch ein anderes Gewicht. 

Im Gespräch fielen Marlies Lande immer neue Na- 
men ein, von Nassauer Freundinnen (eigenen oder 
solchen ihrer Mutter), Nancy Schulz, Hilda 
Schrupp, Marie Medenbach, Annemarie Braun; 
von der Familie Franken (Verwandten ihrer 
Großmutter), deren „Besuch'' in Nassau zehn Jah- 
re dauerte und die die Gastgeber am Eßtisch mit 
gelehrten Debatten über Thomas Mann nervten; 
von Mensche Malche aus der Hinnergass, die nach 
dem 1. Weltkrieg einen amerikanischen Seeoffi- 
zier heiratete und Scheuers ^ter in der Emigra- 
tion regelmäßig zu Thanksgiving in den Brooklyn 
Navy Yard einlud; und „mir ist noch *Hermanis 
Paula \ eingefallen, Sie war entweder eine meiner 
Spielgejahrtinnen oder - sie war wohl etwas älter 
- war sie angestellt, auf mich aufzupassen? Ich 
weiß Jedenfalls, d<^ ich oft zu Hermanis gelaufen 
bin, um sie zu animieren, etwas mit mir zu unter- 
nehmen. Hat jemand von der Hermani-Familie bei 
Landaus gearbeitet? " (M.L.). 

Im Haus in Offenbach gab es nur Personal, das von 
Nassau aus empfohlen worden war und von dort 
oder aus der Umgebung stammte. So auch das 
..Herminchen " aus Scheuem, das den Kindern zu 
Weihnachten immer Lebkuchen-Häuschen 
schenkte. Familienereignisse wie die Geburt von 
Marlies Lande wurden natürlich im Nassauer An- 
zeiger bekannt gemacht. Wenn Jacob Landau mon- 
tags zur Getreidebörse nach Frankfurt fuhr, wurde 
die Gelegenheit zum FamilientrefTen wahigenom- 
men. 

Scheuers bereiteten sich und ihre Kinder früh auf 
eine Auswanderung vor; sie fuhren, nach dem 
Machtantritt der Nazis, regelmäßig nach England, 
um Englisch zu lernen und zu üben. Emst Scheu- 
er, der im 1 . Weltkrieg Soldat gewesen und schwer 
verwundet worden war, wurde nach dem Novem- 
ber-Pogrom von 1938 wie alle jüdischen Männer 
verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. Er 



81 



kam, da das Einreise- Visum fur die USA schon 
vorlag, kurze Zeit später wieder frei, „but he was 
never the same"- „ er war völlig verändert" (M.L.). 
Seine Frau, die ihn in Buchenwald abholte, brach- 
te ihn direkt zum Schiff nach Bremerhaven. Sie 
folgte mit den Kindern im Dezember 1938. Die 
Verwandten Koch, die mittlerweile in Tole- 
do/Ohio ein Kaufhaus besaßen, konnte Hilfestel- 
lung geben. 

Gerta Landau ging in Koblenz zur Schule und be- 
suchte anschließend eine Kunstakademie. 1926 
heiratete sie Leo Jaffe, der aus einer wohlhaben- 
den jüdischen Familie aus Wreschen {Wrzesnia. 
östlich von Poznan/ Posen) stammte und später in 
Berlin lebte 1931 zogen Jaffes zusammen mit ih- 
rer Tochter Erika nach Nassau, und Leo Jaffe trat 
in die Firma seines Schwiegervaters ein. Er stand 
in Nassau im Verdacht, es mit dem koscheren Es- 
sen nicht so genau zu nehmen: ..Leo Jaffe war groß 
undstattlich. eine auffallende Erscheinung. Erging 
morgens vom Landau-Haus regelmäßig zur Post 
und zur Bank und dann in ein Restaurant zum Früh- 
stück. Alle waren uberzeugt: er ißt Wurst! " (P.A.). 

Erika Weiss-Jaffe, die heute ebenfalls in Amerika 
lebt, kam als Kind nach Nassau, und auch sie hat 
präzise und lebendige Erinnerungen an die Jahre, 
die sie dort verbrachte: „/ haye quite happy me- 
mories of Nassau, I moved there when I was three 
yearsold, and left when I was nine. Afyschoolyears 
started at a Kindergarten on Grabenstrasse. The 
rest of the time, I went to the regular Nassau school 
There were three other Jewish girb in my class 
(Rosel Landau, Inge Marx, Ellen Israel). At first 
we were allowed to sit where we wanted to, but in 
later years the four of tis had to sit together in the 
back of the classroom " - „ Ich habe glOckliche Er- 
innerungen an Nassau. Ich kam hin, als ich drei 
Jahre alt war, und wir zogen weg, als ich neun war 
Zuerst besuchte ich den Kindergarten in der Gra- 
benstraße, dann ging ich in die Nassauer Grund- 
schule. In meiner Klasse waren noch drei andere 
jüdische Mädchen. Zuerst durften wir sitzen, wo 



wir viv>llten, aber spater mußten wir vier uns zu- 
sammen in die hintere Banksetzen *' (E.W.). JafTes 
verließen Nassau im April 1937 und zogen nach 
Frankfurt. Leo Jaffe konnte zu Verwandten nach 
Palästina entkommen, die Tochter kam mit einem 
Kindertransport nach Schweden und schließlich in 
die USA, wo in der Zwischenzeit auch ihre Mut- 
ter eingetroffen war. 

Auch Paul Landau, 19oo geboren, hat Nassau früh 
verlassen. Er besuchte zunächst das „Realpro- 
gymnasium" in Ems, dann das Realgymnasium in 
Wiesbaden bis zum Abitur 1919. Er studiene Jura 
in Bonn, Frankfurt und schließlich in Würzburg, 
WC er 1922 bei dem renommierten Kirchen- und 
Völkerrechtler Christian Meurer mit einer Arbeit 
über ..Minenlegen und Minenräumen unter beson- 
derer Berücksichtigung des llclikrieges" mit der 
Note „sehr gut" zum Dr. rer. pol. promovierte. In 




Ptml Umdau (Foto: MarUes lande) 



82 



dem der Dissertation beiliegenden Lebenslauf ver- 
merkte er: ..Nach Abschluß meiner Studien beab- 
sichtige ich. mich dem Bankfach zu w idmen ". Zwar 
war er, wie seine Schwester Genta, seit N21 fur ei- 
nige Jahre persönhch haftender Gesellschafter in 
der Firma seines Vaters, doch scheint er nicht lan- 
ge in Nassau gelebt zu haben. Er war ein begehrter 
Junggeselle, der sich erst spät zur Heirat enlsch- 
heßen konnte. Auch Paul Landau ging Milte der 
193oer Jahre in die USA. lebte zunächst in New Or- 
leans, dann in Memphis, schiießhch in New York, 
wo er 197o starb. Nach 1945 hat er gelegentlich 
Nassau besucht. Wenn seine Schwestern, auch in 
der Emigration, von ihm sprachen, nannten sie ihn 
stets« auf gut Nassauisch, ,,unsem Paul", 

Jacob Landau ist, kurz nach seinem 7o. Geburtstag, 
im August 1934 gestorben. Ende 1935 mußte der 
Prokurist Jakob Weimer unter dem Druck der neu- 
en Machthaber ausscheiden. Anfang 1937 ver- 
ließen Jaffös Nassau. Pauline Landau konnte das 
Geschäft, jetzt seit vitxx So Jahren in der Familie, 
nicht rodu* halten, fan Sommer 1938 leitete sie, von 
Frankfurt aus, den Veikauf ihres Nassauer Anwe- 
sois ein. Der einschlägige &iefwechsel ist im 



y 9tAth I<ing«m unb ftbiwtcm ?t(btit tNifMff 

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f«a c/Sbm. 2». aagflH 1991 

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Nassauer Anzeiger. 3o. H. 1934 (Siaätarchiv Nassau. Foto: Ax) 



Stadtarchiv Nassau erhalten. Er belegt mit kühler 
Deuthchkeil den tatsächlichen Charakter solcher 
Verkaufsverhandlungen. Der mit der Vermittlung 
beauftragte Koblenzer Immobilien-Makler schrieb 
an die Stadt Nassau: ..Da der niehtansche Besitz 
heute oft sehr günstig und auch bei sehr genehmen 
Zahhtngsbedingungen zu haben ist. könnte ich mir 
denken, daß meine an Sie gerichtete A nfrage für Sie 
von Interesse sein dürfte". Und als Interesse sig- 
nalisiert, aber ein sehr niedriger Preis geboten wur- 
de, schrieb er an Frau Landau: „Da ohnehin ein 
höherer Preis nicht genehmigt werden wird, stelle 
ich Ihnen anheim, sich zu dem heutigen Angebot 
baldigst im bejahenden Sinne zu entschließen". 
Pauline Landau wehrte sich und erreichte schließ- 
lich eine geringfügige Erhöhung des Kaufpreises, 
in ihrem letzten Brief nimmt sie in einer würdigen 
und die Empfanger beschämenden Weise Abschied 
von Nassau: „Ich wurde mich insofern freuen, wenn 
dieStaätNassauäerzukänfligeBesitzermeines An- 
wesens wäre, als ich mich mit ihr eng verbunden 
ßihle, nachdem ich dort über4o Jahre gelebt hid?e 
und Gutes wirken durfte 

Auch dieser „Besitzwechser ist - unter dieser 
Übnschrift - im Nassauer Anzeiger (am 22. Au- 
gust 1938) mitgeteiltworden(dertatsächüche Her- 
gang war ein bißchen komplizierter): 



Pauline Landau ist am 23. Marz 194o in Frankfurt 
gestorben und auf dem Neuen Jüdischen Friedhof 
beigesetzt worden. 

bau« unb Caaetnebdäb« fotsie tin ©artenjininbfifiel, ffi !4»fitA 
!n btn S9«ft^ btr Stabt ?iaffau öbetgeganaei!. ift »«^^^ 
»Tü^n, )>a% bcmit wi»b«iatr ein roettpcner «efl^ ao« Ittbi» 
f*« .^nben gjnowmen »orten \fL 4>offenlI;cb ©erben äuo 
bi< totniyen no* bter aniäfTiqen Suben bolb (>erf(ötpfnb«n 
anb ibrt 3n»Mfen in bic S'änbt atMcber ■ÖorMa«noff«" flel«n^. 
XJirGtabt- bt(iEifi*tigt, oaf V^atz^tHaht för ft4btif*e 3ro«(tt 
m MXtDtnbvn. fiamit »itb i::;^:^ ! rrgenben Übelftanbabgeb&ffen; 
m<u •$ bo* ftttb«: ni*l mt>^l"ti '"^'t-hit. 3nt«niorftö<f e. Cugerboii. 
axiött tuTj AÜ*^ txU. »"^ flttrieb, röit bte bieftge fidb» 
tiftb» B«r»aUung • min einmal !:'en5ifAt cTfcnung*aemä& unb 

ciMM gflo w ^B», b«*- unttT baatmb« aw+tidjt rmb ffontroQe 
fltbt btt «tobt* «Hb bamit brt an§<nwtnb«!: -ax '-'^uii be« 

«tat »mMfL n>oW bintt ^«fl*- 2>« ^ni» für b«« 

Nassauer Anseiger, 22. 8. 193H (Stadtarchiv Nassau, Foto: Ax} 



83 



liachwoit 




Brießopf Firma Jacob Landau (Stadtarchiv Nassau. Foto: Ax) 

Wie stark das Vertrauensveriiältnis zwischen der 
Familie Landau und ihren Angestellten gewesen 
war, zeigt die „Geschichte vom Christian", die 
Marlies Lande und Friedchen Brüggler, geb. Wei- 
mer uns erzahlt haben. Der Christian - Christian 
Kasper aus Winden - war immer dabei, wenn Lan- 
daus Lastauto über Land fuhr. Er wußte alle Neu- 
igkeiten, und wenn er zurückkam, fragte Frau Lan- 
dau, etwas durch die Mundwinkel gepreßt: „ Chri- 
stian, was gibt es Neues ? " Es gab immer was. Die- 
ser Christian Kasper hat, als in der Nazizeit eine 
'Plünderung des Hauses Landau drohte, Silberge- 
schirr in Sicherheit gebracht, in seinem Garten ver- 
graben, nach 1945 den Landau-Kindern zurückge- 
geben - und davon gar kein Aufheben gemacht. 



Sffeot«n-u...ech8«lbank »^^^'jj^^^f^fÜ 
rajj dlrelct aAwnldcn 7.u lassen und wmÜ 
der Bank davon Kitte ilun^ zu iBMhM* 
r freundliche irlft-ii^unt; ^t^x^m-ij^ 

Ufitersckriß PauUite Landau (SkuUarchiv Nassau. Foto: Ax) 



Die hier abgedruckten Texte sind ausgewählte Ka- 
pitel aus einer umfangreicheren Dokumentation 
über die Geschichte der Juden in der Stadt Nassau, 
an der wir gegenwärtig arbeiten. Wir sind dankbar, 
wenn Leser uns auf Irrtümer und Fehler hinweis«! 
oder ims Ergänzungen und weiterführende Hin- 
weise geben. Vor allem Fotos und Dokumente, 
auch Gegenstande, die mit derGeschichte und dem 
Schicksal der Nassauer jüdischen Familien in Ver- 
bindung stehen, sind ims willkommen. 

Bei unserer bisherigen Arbeit haboi wir viele Hel- 
fer gehabt, denen wir Dank schulden. Zwei Freun- 
de möchten wir an erster Stelle nermen: Die Leite- 
rin des Stadtarchivs Nassau, Frau Dmotfaee Brown, 
(tie uns nicht ruir die Unterlagen des Archivs zu- 
ganglich madite, sondern uns viele Recherchen 
abnahm und tms mit Hinweisen und Ratschlägen 
unterstützte; imd Herrn Peter Ax, Melliuiu, der zu- 
sammen mit ims viele Unterlagen durchgeseboi 
und die Foto-Dokumentation bei einem großen 
Teil der Auswertung übernommen hat Beide ha- 
ben uns nicht nur bei der Arbeit geholfen, sondern 
auch unsere Fmide bei erfolgreicher und unsere 
Enttäuschimg bei erfolgloser Suche geteilt; (es gab 
mehr Anlaß zur Freude als zur Enttäuschimg). Im 
Stadtarchiv Nassau kormten wir auch auf einige 
Vorarbeite seines früheren Leiters Dr. Hugo Ro- 
senberg zurückgreife. 

Wertvolle Unterstützung erhielten wir im Hessi- 
schen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden, im Lan- 
deshai^tarchiv Rheirdand-Pfalz in Kc^lenz, in der 
Hessischen Landesbibliotfiek in Wiesbaden, in der 
Germania Judaica/Kölner Bibliothek zur Ge- 
schichte des deutschen Judenmms e.V., in den 
Evangelischen Gemeindeämtern in Nassau und 
Singhofen. Auch für eine große Zahl von Einzel- 
informationen sind wir dankbar. Wesentliche Im- 
pulse und wichtige Informationen haben uns die 
Unterhaltungen bzw. der Briefwechsel mit Mrs. 
Marlies Lande (Montrose, N Y, USA), Mrs. Erika 



84 



Weiss (New Paltz, N Y, USA), Mr. Julian Falk 
(Pittsburgh, PA, USA), Frau Paula Ax, Mellnau 
und mit unserem Eltern vermittelt. 

Der besseren Lesbarkeit wegen haben wir auf Li- 
teraturangaben weitgehend verzichtet. Die ge- 
plante Dokumentation wird ein ausführliches Li- 
teraturverzeichnis enthalten. Für Hinweise auf 
wichtige mündliche Berichte und schriftliche 
Quellen haben wir Abkürzungen benutzt: P.A. 
(Paula Ax); M.B. (Martha Becker); W.B.-H. (Wal- 
tnoid Becker-Httnmeistein); M.L. (Marlies Lan- 
de); E.W. (Eräca Weiss^ N A (Nassauer Anzeiger). 



H50 



S11PT 




85 




Rhein-Lahn-Kreis 





Heimatiahrbuch 





Waltraud Becker-Hammerstein/Werner Becker 
Israelitische Cultusgemeinde Nassau-Dausenau 
(Sonderdruck S. 29 -41) 



6 



Zum Titelfoto: 

Der Eingang zum Judenfriedhof bei Nochern. 



Impressum: 
Herausgeber: 

Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises. Insel Silberau, 56130 Bad Ems 
mit freundlicher Unterstützung der Nassauischen Sparkasse 

Layout/Herstellung: 
Franz*Peter Eudenbach 

Verlag: 

Verlag + Druck Linus Wittich KG, Rheinstraße 41, 56203 Höhr-Grenzhausen 
Druck: 

Anzeigendienst für Verlage GmbH, Rheinstraße 41, 56203 Höhr-Grenzhausen 

Anzeigen: 

Anzeigendienst für Verlage GmbH, Rheinstraße 41. 56203 Höhr-Grenzhausen 
Bernhard Steinebach, Hauptstraße 24, 56412 Girod 

Vertrieb: 

Anzeigendienst fOr Verlage GmbH, Rheinstraf3e 41, 56203 Höhr*Grenzhausen 
M-FUTURA, Kesseiheinier Weg 20. 56070 Koblenz . 
Bernhard Steinebach, Hauptstraße 24, 56412 Girod 

Redaktion: 

Dr. Alkmar von Ledebur, Detlef Oster, Hildegard Schmaglinski 
Redaktionsschluß fOr Ausgabe 2000 Ist am 15. Juni 1999. 

Alle Rechte vorbehalten. 

Bad Ems, im November 1998 
ISSN 0931-2897 



1 




Cultusgemeinde 



Nassau-Dausenau 



Waltraud Becker-Hammarstein/Wemer Backer 

„Am Freitag nachmittag wurde das neue Sefer, das bei dem ältesten hier wohnenden 
jüdischen Bürger, Herrn Salomon Hofmann aufbewahrt worden war, an dessen Haus in 
Empfang genommen und von dem ältesten Mitglied der israelitischen Kultusgemeinda, 
Herrn W. Sundheimerin Dausenau, begleitet von dem Bezirksrabbiner Herrn Dr Weingar* 
ten in Bad Ems und der ganzen israelitischen Gemeinde unter den Klängen der Nassauer 
Musikkapelle zur Synagoge geleitet. Dort fand ein Festgottesdienst statt. ...Am Samstag 
früh fand ebenfalls ein Festgottesdienst statt, dem am Nachmittag im Hotel ,Zur Krone' ein 
lee und abends ein Festball folgten"" {\srae\\\tsches Familienblatt, 7. November 1929). 

So feierte die Israelitische Cultusgemeinde Nassau-Dausenau am 26. Oktober 1929- 
mit einem öffentlichen Umzug - die Einweihung einer neuen Thora. Die Gemeinde bestand, 
als rechtlich verfaßte Einrichtung, seit knapp 90 Jahren, als eine Gemeinschaft der in 
Nassau lebenden Juden jedoch wesentlich länger. Kaum ein Teilnehmer an dem Umzug 
mag geahnt haben, daß die Gemeinde gerade neun Jahre später ausgelöscht, die 
Synagoge zerstört sein und die Thorarollen entweint auf der Straße liegen wurden. 

Im ehemaligen Herzogtum Nassau gab es erst seit 1 842, endgültig sogar erst seit 1852, 
verbindliche Regelungen dessen, was man die jüdischen Kultusverhältnisse" nannte, 
Regelungen, in denen z. B. die Aufgaben der Rabbiner und Gemeindevorsteher, der Ablauf 
des Religionsunterrichts, die Einteilung in Rabbinats- und Synagogenbezirke festgelegt 
waren. Die entsprechenden Vorschriften sind insofern von Bedeutung, als Preußen sie 
1866 bei der Annexion von Nassau übernahm und sie bis zur Zerstörung der jüdischen 
Gemeinden in der Nazizeit weitgehend unverändert fortgalten. 

Im Kreisamt Nassau wurden 1852 zehn Synagogenbezirke gebiktet: Ems, Frücht, 
Gemmerfdi, Kördorf, Montabaur, Nassau, Niederlahnstein, Obertahnstein. Osterspai und 
Singhofen. Diese Einteilung wurde später wiederholt geändert. 1917 bestanden z. 8. für 
den damaligen Unteriahnkreis allein neun Gemeinden: in Diez, Bad Ems, Geisig, Hahnstät- 
ten, Holzappel, Kördorf, Nassau, Singhofen und Wasenbach (HStA, Abt. 417. Nr. 58). 
Solche Veränderungen sind auch eine Folge von Wanderungsbewegungen der jüdischen 
Familien, die manchmal innerhalb der Landgemeinden stattfanden, meistens aber von 
Ihnen wegführten. Zur Nassauer Gemeinde gehörten von Beginn an - nicht immer zu ihrer 
Zufriedenheit - auch die Dausenauer Juden. 

Die Jüdische Gemeinde Nassau-Dausenau gehörte zunächst zum Bezirksrabbinat 
Langenschwalbach, dann, bis zum Ende, zu dem in Ems. Rabbiner in Ems waren von 1 852/ 
1 860 bis 1 883 Dr. Benjamin Hochstätter (geboren 1 8 11 in Binswangen), dann für kurze Zeit 
Dr. Kopfstein, von 1890 bis 1931 Dr. Lazar Weingarten und anschlief3end bis zu seiner 
Auswanderung 1939 Dr. Fritz Laupheimer. 

In den ländlichen Synagogen-Gemeinden waren auch die jüdischen Bewohner der 
jeweils umliegenden Dörfer organisiert, ein Umstand, der oft zu Reibereien geführt hat. Als 
z. B. 1841/42 „behufs der verbesserten Regulienjng der Cultusverhältnisse der Juden im 
Hrz. Amte Nassau^äie Zahl der Landgemeinden reduziert und Niedertiefenbach (mit Roth 
und Obertiefenbach) an Singhofen angeschlossen werden sollte, gab es einen - als 
„unterthänigste Vorstellung und ß/fre"verkleideten - energischen Protest der fünf betroffe- 
nen jüdischen Familien. Sie beriefen sich auf die Tradition und darauf, daß „die Synagoge 



\ 



29 



in Niedertiefenbach schon so lange bestanden hat, daß man ihren Anfang nicht auszumit- 
tein vermag und die gottesdienstlichen Verrichtungen darin stets mit untadelhafter Ordnung 
gehalten worden sind. . "(HStA. Abt. 211, Nr. 11556), Der Protest blieb erfolglos. 

An die Spitze der so gebildeten Jüdisclien Kultusgemeinde setzte die Landesregierung 
einen Vorsteher, der vom herzoglichen (später preußischen) Kreisamt ,nac/> den Wün- 
schen der Mitglieder^ ernannt wurde, und zwei bis drei Vorsteher-Gehilfen, die von der 
Gemeinde gewählt, freilich nur beratend tätig wurden. Der Vorsteher hatte die Verantwor- 
tung für die finanziellen Angelegenheiten der Gemeinde; er venwaltete - sofern vorhanden 
- ihr Vermögen, stellte den Etat auf und reichte ihn zur Genehmigung an die staatlichen 
Behörden weiter Er konnte für diese Aufgaben einen eigenen Kultusrechner, meist ein 
angesehenes Mitglied der Gemeinde, benennen. 

Für die Erhebung der Kultussteuern wurde ein eigenes Kataster gebildet, in das alle zur 
Kultusgemeinde gehörenden Familienoberhäupter (sogenannte Zensiten) eingetragen 
waren und das - aufgetem nach Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer - vom jeweiligen 
Ortsbürgermeisler ,.unter Beiziehung des israelitischen Kultusvorstandes" geiuhrX wurde. 
Für Nassau sind eine Reihe solcher Steuer-^Nachweisungen" erhalten; sie geben (soweit 
Steuerlisten das können) Hinweise auf die Vermögensverhältnisse der Gemeindemitglie- 
der. Eine folgenreiche Nebenwirkung dieser für Juden gesondert geführten Listen war, daß 
die weltliche Obrigkeit, auch später die nationalsozialistische, jederzeit einen bequemen 
Zugriff auf statistische Angaben über jüdische Vermögen hatte. 

Nach dem Vorbild des evangelischen und des katholischen Zentralkirchenfonds, die 
schon 1 81 8 bzw. 1 827 entstanden waren, wurde nun auch ein israelitischer Zentralkultur- 
fonds errichtet, der sich aus den Steuern der Kultusgemeinden speiste, im Innenministe- 
rium venwaltet wurde und auf Antrag Zulagen zur Besoldung der Rabbiner und Lehrer 
zahlte. Die Bewilligung eines Zuschusses war an Bedingungen geknüpft (z. B. an die Zahl 
der zu unterrichtenden Kinder), die von den jüdischen Landgerneinden oft nicht erfüllt 
werden konnten. 

Die starke Stellung des Vorstehers entsprach einer alten Tradition der deutschen 
Judenschaften. Da er auch für den ordentlichen und würdigen Ablauf der Gottesdienste, für 
das, was man anderswo „Kirchenzuchr nannte, und schließlich für das ordnungsgemäße 
und* regelmäßige Erleilen des Religionsunterrichts zuständig war, fungierte er faktisch als 
Vorgesetzter der Religionslehrer, die zugleich Vorsänger in der Synagoge waren. Das hat 
die Lehrer, deren Anstellung ebenfalls der Genehmigung durch das Innenministerium 
bedurfte, von vornherein in eine schwache Position gebracht - die durch eine schlechte 
Bezahlung nicht eben gestärkt wurde. 

Wenn hier von jüdischen Lehrern gesprochen wird, so ist zu beachten, daß es im 
Herzogtum Nassau keine eigenen jüdischen Schulen gab. Kinder aller Konfessionen 
besuchten vom 6. bis zum 14. Lebensjahr die 1817 eingerichtete „Simultanschule". also 
eine Gemeinschaftsschule. Jüdische Lehrer erteilten also nur den Religionsunterricht, Sie 
versahen ein anspaichsvolles und verantwortliches AmL Sie lehrten .cf/e Glaubens- und 
Sittenlehre. Zeremonlalgesetz. spezielle Religionsgeschichte, Geschichte des jüdischen 
Volkes, Geographie Palästinas, Synagogengesang und hebräische Sprache" (Kober, 
S. 238). Sie waren, sieht man von den sehr starken familiären Traditionen ab, die eigent- 
lichen Träger und Öbermittler des religiösen jüdischen Wissens. 1 905 gab es Im Deutschen 
Reich nur 217 Rabbiner, aber 1.100 Religionslehrer/Kantoren (Meyer, Bd. 3, S. 60). 

Theoretisch sollten die Kinder mehrerer Orte für diesen Untenicht (In je eine Gmppe für 
die Acht- bis Zehn- und für die Zehn- bis Vierzehnjährigen) zusammengefaßt werden; In der 
Praxis aber reiste der Lehrer zu den Kindern, oft Ober weite Stredcen, und manchmal 
blieben diese, regelwidrig, ganz ohne Unterricht Zusätzlich erteilte der Lehrer für die 
Vierzehnjährigen einen besonderen «Konfirmationsunterricht", bereitet sie also auf die Bar 



30 




Briefkopf der Jüdischen Gemeinde Nassau. Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 4 17. Nr. 127. 



Mitzwa vor. Die Nassauische Regelung sah - im Gegensatz zu Regelungen in anderen 
Staaten - das Schächten durch den Religionslehrer nicht vor; das besorgten die jüdischen 
Metzger oder, wo es solche nicht gab, Privatpersonen. Erst später gab es auch in Nassau 
Lehrer, die eine Schächt-Erlaubnis hatten. 

Die erhaltenen, freilich löckenhaften Unterlagen eriauben es, eine Liste der Nassauer 
Kultusvorsteher aufzustellen, die 1 842 mit Abraham Hirsch beginnt. Si^ setzt sich fort mit 
seinem Bruder Löb Hirsch, dessen Amtsführung zumindest für die Jahre zwischen 1857 
und 1 868 belegt ist. Ihm folgte Michael Bfir, dann Jakob Salomon, nachgewiesen zwischen 
1 874 und 1 883. Für die folgende Zelt haben wir verläßlfehere Angaben: Löb GrOnebaum 
( 1 886- 1 889); Aron Stein ( 1 890-1 896): Mkäxel Löwenberg (1 898-1 904); Moses Rosenthal 

(1904-1938). 

Als Vorsteher-Gehilfen sind u. a. nachzuweisen: Israel Lindheimer, der als Nach- 
folger von Isaak Mayfeld über lange Jahre auch Kultusrechner war, Moses Mühl- 
stein (1889-1895); Wilhelm Sundheimer aus Dausenau (1890-1896); Jacob Landau 
(1896-1902); Aron Stein (über viele Jahre); Otto Löw (1907-1913); Leopold Israel 
(1902-1914): Sally Heilbronn (1914-1920), Albert Rosenthal (1915-1920); schließlich 
Alberl Strauß. Sally Löwenberg und Sally Israel (der Sohn Leopolds). Es fällt auf, daß die 
Dausenauer Juden im Vorstand durchaus unterrepräsentiert waren. Sie waren bei Wahlen 
naturgemäß in der Minderheit und haben die Ergebnisse gelegentlich angefochten. Nicht 
einmal im Briefkopf der Gemeinde wurden sie erwähnt. 

Um die Benennung von Moses Rosenthal zum Vorsteher im Jahre 1904 gab es in der 
Gemeinde eine heftige und folgenreiche Auseinandersetzung, nachdem auf Betreiben 
Israel Lindheimers und Michel Löwenbergs die Mehrzahl der Nassauer Gemeindemitglie- 
der in einer Unterschriftenliste für Jacob Landau votiert hatten. Leopold Israel, der 
Vorsteher-Gehilfe, legte Einspruch gegen diese Vorschlagsliste ein: „Herr f. Lindheimerfieß 
. . . auf Betreiben des Vorstefiers Löwenberg dural) einen 15jährigen Jungen (das war 
Lindheimers Sohn Moritz) im Geheimen Unterschriften für Herrn Jacob Landau sammeln 
und zwar theilweise von Leuten, die gar nicht wahlberechtigt bzw. keine Gemeinde- 
Angehörige sind. . . . Ich bitte daher königliches Landratsamt, diese Wahl als ungültig zu 
erklären . . ."(Hsta, AbL 417, Nr. 235). 



31 





Seine eigene Unterschrift hatte auf der Liste ebenso gefehlt wie die seines Vaters Falk 
und seines Bruders Julius, wie die von Sally Hof mann und von Moses Rosenthal selbst und 
wie die fast aller Dausenauer Juden. In solchen Details werden Konfliktlinien innerhalb der 
Gemeinde deutUch, die sicher plausible Ursachen, jedenfalls aber erhebliche Nachwirkun- 
gen hatten - Kleinstadtgeschichten. 

Wie es schließlich zur Ernennung von Moses Rosenthal gekommen ist, bleibt unklar; 
jedenfalls wurde er in den folgenden Jahren bis 1 938 regelmäßig wiederernannt und 1 923 
sogar Mitglied des Synagogenrats im gesamten Regierungsbezirk Wiesbaden, einem 
beratenden Gremium, das erst in preußischer Zeit geschaffen worden war. Der Gegensatz 
zwischen ihm und Jacob Landau, zwei noblen, angesehenen und erfolgreichen Männern, 
blieb Ober viele Jahre bestehen und schlug sich z. B. in angefochtenen Wahlen, in einer 
auffallend niedrigen Beteiligung bei den Gehilfen-Wahlen und in Aufsichtsbeschwerden 
nieder. 

Die Auseinandersetzung erreichte ihren Höhepunkt, als Jacob Landau im Dezember 1912 
gegen den Vorsteher eine förmltehe Beschwerde - bezeichnend genug - beim Landrat erhob. 
Der 4)p Rosentharhaxte ihn mit Strafen belegt bzw. bedroht, weil er offenbar ohne Kopfbe- 
deckung in der Synagoge erschien und seinen Sohn ein viertel Jahr vor der bar mitzwa (Jacob 
Landau schreibt „Konfirmation') zu sich in die Envachsenenbank genommen hatte. 

Letzteres war zwar gegen die Regel, aber selbst Rabbiner Weingarten fand, das sei 
besser, als den Knaben sich selbst zu Oberlassen. Ersteres war nur zu offensichtitoh ein 
Verstoß, der zeigt, wie lax es zugehen konnte; und Jacob Landau schlug zurück: »Es 
kommen Mitglieder zum Gottesdienste in einer dem Gotteshaus nicht würdigen Kleidung, 
sogar ohne Hemdenkragen, welches vom Hen- Vorsteher geduldet wird^ {HStA, Abt. 417, 
Nr. 691). Dr. Weingarten, der Bezirksrabbiner in Ems, versuchte die Sache zu beruhigen 
und schrieb an den Landrat, sie habe gar keine objektiven Ursachen, sondern sei 
„größtenteils aus der Gehässigkeit zu erklären, die zwischen Rosenthal und Landau seit 
langer Zeit bestehr {HSXA, Abt. 417, Nr. 691). 

Nachrichten über die jüdischen Religionslehrer in Nassau sind, jedenfalls für das 19. 
Jahrhundert, spärlich. Mitte 1841 wrdder „Judenlehrer (Leopold) Mayer zu Ema'angewe- 
sen, den Cultus in Nassau mit zu versehen, 1844 kam der ^uSoe5f9epn}/te''Lehrer Israel 
Israel aus Dierdorf nach Nassau, verließ es jedoch 1847 wieder, weil das vereinbarte 
Jahresgehalt von 250 Gulden nicht in voller Höhe ausgezahlt wurde (HStA, Abt. 211, Nr. 
11555). Er kehrte nach Dierdorf zurück, wo schon sein Vater Victor Israel Lehrer gewesen 
war. 1 849 wird ein Gesuch um Anstellung von „John William aus London" gesXeWl der aber 
offenbar ebenfalls seinen Dienst nur für kurze Zeit versehen hat. Danach fehlen verläßliche 
Angaben, wenn man von ausführlichen Korrespondenzen über Aufenthaltsgesuche für 
auswärtige (will heißen: nicht aus dem Herzogtümchen stammende) Lehrer absieht. 

1871 betreut der Lehrer Emmel aus Ems das Amt in Nassau mit; die Gemeinde mußte 
für die Bestreitung seiner Kosten selbst aufkommen, weil Anträge um „Bewilligung eines 
Zuschusses aus dem Israelitischen Central Culturfonds zur Bestreitung der Kosten für den 
Religionsunterricht . . . "abgelehnt worden waren (HStA, Abt. 405. Nr. 1 570). Das setzt sich 
offenbar bis 1905 fort - mit Unterbrechungen, die immer neuen Anstellungsversuchen 
gewidmet sind. Für 1 888 findet sich z. B. der Name Samuel Jacob Wetschoyver. aber auch 
sein Aufenthalt scheint nicht von langer Dauer gewesen zu sein. (Ein Seitenblick auf 
Singhofen zeigt, wie problematisch eine Erfüllung der ausgehandelten Verträge sein 
konnte: dort wechselten die Lehrer alle paar Jethre, manchmal jährlich, und Vakanzen waren 
keine Seltenheit.) 

Erst nach dem Ausscheiden Emmels hat es in Nassau eine kontinuierliche Besetzung der 
Rellgionslehrerstelie gegeben, sicherlich ein Verdienst von Moses Rosenthal. Als Lehrer 
und Kantor amtierten: Samson Hanauer (vom 1. November 1906 bis zum 19. Juli 1918); 



32 





Jakob Schloß (vom I.April 1919bis zum I.Mai 1925), Adolf Levy (vom 1 . Oktober 1925 
bis zum 1. April 1931); und Gustav Anger (vom 4. Juli 1931 bis zum 10. November 1938). 
Angers erzwungener Weggang nach dem Novemberpogrom von 1 938 bezeichnet zugleich 
das Ende der Nassauer Jüdischen Gemeinde. 

Die zweifellos auffallendste Erscheinung in dieser Reihe jüdischer Rellgionslehrer war 
Samson Hanauer. Er stammte aus Berlichingen in Württemberg und war 24 Jahre alt. als 
er 1 906 seinen Dienst in Nassau antrat. Er heiratete 1911 Minna Weinberg aus Lichenroth 
bei Kirchhain. Der Sohn Walter Wilhelm Hanauer wurde 1915 in Nassau geboren. Hanauer 
war schnell in das Nassauer Vereinsleben integriert, in den Gesangverein Liederkranz, dem 
er als Kantor sicher willkommen war, als Schnftführer in der Gesellschaft , Frohsinn", auch 
im jüdischen Geselligkeitsverein „Gemütlichkeil", den er mitbegründele. dessen Vorstand 
er wegen interner Querelen aber bald wieder verließ. Im Februar 1909 vertrat er die 
Jüdische Kultusgemeinde in dem Ausschuß, der die Spenden an die Opfer der Hochwas- 
ser-Katastrophe des Vormonats verteilte und dem ansonsten die Nassauer Honoratioren 
mit dem Bürgermeister an der bpitze angehörten. 

Hanauers Jahresgehalt betrug zunächst sehr bescheidene 1 .000,- fvlark. 1 908 setzte er 
eine Erhöhung auf 1.200,- Mark durch. Das war immer noch wenig, entsprach aber dem 
Anfangsgehalt einer Lehrerin an erner Elementarschule (Lehrer verdienten natürlich 
mehr!). Zusätzlich erteilte er kostenpflichtigen Religionsunterricht in umliegenden Gemein- 
den, so 1 908 „ 1) in Holzappel, an dem die Kinder von Langenscheid, Isselbach teilzuneh- 
men haben; 2) in Dauborn resp, Kirberg: 3) in Mensfelden resp. Heringen" {HSlA, Abt, 417, 
Nr. 58). Später ist von Niederneisen. Singhofen, Attenhausen und Seelbach die Rede, und 
oft gab es Streit um die Entlohnung. 



Nachruf. 

Nach fa,^t 2juhriger treuer FrlieliterfüllunK lur 
Kaiser und Reich verschied an einer sich im d'elde 
zugezogenen Krankheit unser ReUgionslehrer und 
Kantor 

Herr Samson Hanauer. 

Ein Mensch von selten vornelimeu Charakter ist 
mit ihm dahini^egangeu, die ganze Gemeinde be- 
trauert in dem \ erstorbenen einen werten Freund 
unrl Mitarbeiter. Sein Andenken wird imuaer iii unn 
fortleben. 

Israelitische Kultusgemeinde. 



M. Rosenthal, 



Nassau» den 23. Juli 191S. 



Todesanzeige Hanauer, Nassauer Anzeiger, 25. Juli 1916, 



33 



Realschule Nassau, um 1920. Obere Reihe. 2. von rechts: Resi Schloß; 
4. von techts: Frieda Israel; 6. vor) rechts: Beatrix Griinebaum. 

Auch mit dem Vorsteher Moses Rosenthal hatte Hanauer Auseinandersetzungen. 
Anlaß war z B eine Rüge des Wiesbadener Reglerungspräsidenten: .Die Schüler aus 
Dausenau habere bei der Erteilung des Religfonsunterrichts in Nassau sehr oft gefehtt 
und waren auch am 15. Februar ds. Jrs. (1911) bei der Prüfung nicht anwesend- 
(HStA Abt 417 Nr 127) Moses Rosenthal schob die Schuld auf Hanauer, der die 
Dausenauer Schüler nicht rechtzeitig von Unterrichtsverlegungen benachrichtigt habe. 
Auch dieser Streit zog sich hin und scheint nicht nur mit der - unertieblichen - Entfernung 
Dausenau-Nassau, sondern ebenso mit dem inneren Zustand derGemeinde zu tun gehabt 
zu haben Zur Aufbesserung seiner bescheidenen Einkünfte übernahm Hanauer 1911 
zusätzlich zu seinem Amt in der Gemeinde die Vertretung einer Schweizer Feuen/ersiche- 
mngs-Gesellschaft. Das galt, im Gegensatz etwa zum Handel Lotterie-Losen als 
standesgemäß und war auch anderswo üblich; es ist das Spottwort uberiiefert. ««e Lehrer 
versicherten die Gemeinde samstags vor Gott und sonntags vor Unfall und Feuer (Rosen- 

*^^19?6 wurde Sa^mwn Hanauer Soldat, kurz darauf wurde bei ihm eine Schizophrenie 
diagnostiziert, an deren Folgen er. vermutlich im Lazarett in Hadamar, am 19- J""' 1918 
starb Der Kultusvorsteher hatte schon vorher versucht, ihm zu kundigen, nachdem der 
Lazarettarzt gegutachtet hatte: .DerLandstm. Samson Hanauer befindet s,ch 
Lazarett wegen Geisteskrankheit (Katatonie). Er bedarf auf '^^de'e 'i.cht absehbare Zeit 
^rPflegel^ einer geschlossenen Anstalt" (HSXA,Ati 417. Nr. 56)- D.e Todesanzeige de^ 
Gemeinde Im Nassauer Anzeiger klingt dann fast wie der Versuch einer W.edergutma- 

^'Tanauers Name stand sowohl auf der Gedenktafel für die indischen Gef^lenen^^^^^^^ 
Eisten Weltkrieges, die 1929 In der Nassauer Synagoge angebracht (und spater mit ihr 



34 



zerstört) wurde, als auch in dem Gedenkbuch „Die jüdischen Gefallenen des deutschen 
Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914-1918", das 1932 In 
Berlin erschien. Auf der Nassauer Gedenktafel im Eimelsturm fehlt er. Minna Hanauer 
kehrte 1918 in ihre Heimat zurück. Noch lange mußte sie mit dörflichen Kultusvorstehem 
Ober ausstehende Entlohnungen ihres verstorbenen Mannes streiten (im Sommer 1938 
konnten sie und ihr Sohn in die USA auswandern). Die Lehrerstefle in Nassau wurde 1918 
vorübergehend vom Emser Lehrer Marx versorgt. 

Jakob Schloß war zwei Jahre älter als Hanauer und stammte, ebenso wie seine Frau 
Sofie, geb. Wechsler, aus einer süddeutschen Lehrerfamilie. Er versah zuvor offenbar 
Lehrerstellen in Malsch, wo seine Tochter Therese (in Nassau: Resi) geboren wurde, und 
in Selters im Westerwald. In Nassau übernahm er auch die Funktion des Kultusrechners; 
er durfte Schächten. Die Familie wohnte in der Obemhofer Straße. Schon 1925 verließ 
Schtoß Nassau wieder und ging nach Mellrichstadt; dort ist seine Frau 1929 gestoriI)en. 
1 940 zogen Jakob und Resi Schk>ß nadh Frankfurt. Im gleichen Jahr hat Jakob Schtoß - 
offenbar angesk:hts der für Juden ausweglosen l^ge - seinem Leben ein Ende gemacht; 
auf dem Friedhof an der Rat-Beil*Straße in Frankfurt ist er beigesetzt. Über das weitere 
Schicksal seiner Tochter haben wir (noch) nichts in Erfahrung bringen können. 

Adolf Levy war um fast eine Generation jünger. Er stammte aus Aach bei Trier und war 
27 Jahre alt, als er 1925 als „Lehrer. Kantor und Schochet" (Schächter) nach Nassau kam. 
Er hatte am Ersten Weltkrieg teilgenommen und dann in Köln das orthodoxe jüdische 
Lehrerseminar besucht. Kurz nach Antritt seiner Steile in Nassau heiratete er Meta 
Weinberg aus Selters. Ein Jahr später wurde der Sohn Alfred geboren. Die Lehrerstelle in 
einer kleinen jüdischen Gemeinde wie der in Nassau scheint eine typische Berufsanfänger- 
Slelle gewesen zu sein; Levy veriieß Nassau nach sechs Jahren und übernahm eine 
Lehrerstelle in Neunkirchen/Saar. Im Dezember 1935 konnte die Familie nach Palästina 
auswandern. 

Auch sein Nachfolger Gustav Anger. 1896 in Ober-Seemen (westlich von Schlüchtern) 
geboren, war Soldat im Weltkrieg gewesen und jetzt Mitglied im Reichsbund jüdischer 
Frontsoldaten. „Er war ein kleiner, zierlicher Mann mit einem Menjou-Bärtchen" (R. M.). 
Seine Frau Frieda, geb. Stern, stammte aus Beilstein; ihre Kinder Erna und Herbert sind in 
Ahaus bzw. in Bingen, wo Anger offenbar vorher Lehrerstellen bekleidet hatte, geboren. In 
Angers Amtszeit fallen die schwersten Belastungen und die Auflösung der Jüdischen 
Kultusgemeinde Nassau. Die Familie war ein Opfer des November-Pogroms von 1938. 



Ihre Vermählung geben bekennt 



Adolf Levy 



Lehrer 



Meta Levy 



geb. Weinberg 



NASSAU. Juli 1926 



Hochzeitsanzeige Levy. Nassauer Anzeiger, 27. Mi 1926. 



35 




„Geidkarie" für Gustav Angerer. 
Konzentrationslager Buchenwald, 



Anger selbst wurde anschlie- 
ßend nach Buchenwald und 
dann nach Auschwitz ver- 
schleppt, wo er ermordet 
wurde. Seine Familie konnte 
vermutlich entkommen, je- 
doch haben wir dafür keine 
sicheren Anhaltspunkte. 

„Wenden wir uns dann 
wieder zum Oberial zurück, 
so kommen wir kurz vor der 
. . . das Oberial kreuzenden 
Amts- und Kaltbachstraße 
an der Synagoge vorbei 
(links hinter der Straßenfront 
gelegen)" - diesen Hinweis 
gibt Adolf Kuhn (Nassau an 
der Lahn, 1928. S. 19) den 
Kurgästen und Nassau-Be- 
suchern, und auch ein ande- 
rer Reiseführer enwähnt die 
„kleine, aber geschmackvol- 
le Synagoge Oberstraße" 
(Lilienthal, S. 63). Erbaut 
wurde diese Synagoge 1857 
auf den Überresten eines 
ehemaligen Spitals, das zu 
den ältesten Gebäuden in 
Nassau gehörte. Die Einwei* 
hung des Neubaus fand am 
20. September 1857 statt. 

Vorausgegangen war der 
Versuch der Dausenauer Ju- 



den sich von der Nassauer Kultusgeme.nde zu trennen und eine eigene Synagoge zu 
errichten Der entsprechende Antrag wurde von der Regierung in Wiesbaden im Oktober 
7sSe^n^^ abgewiesen wie der offenbar ze.tgieich gestellte Nassauer Bauantrag: 
NaSauTwurde^ darauf verwiesen, jhre Synagoge in eine ^^^'P^^^^^^^^ 
Wohnung (zu) verlegen". Ein neuer Antrag im nächsten Jahr wurde dagegen - sicher auch 

^ Jun 18^^^^^ 1 .340 Gulden das in der (damaligen) Oberstraße jene Gebätjde 
M^^^ und im August des gleichen Jahres gewährte .hr ^^^ H^^o^^^^ 

NaswSsche Landesbank-Direction einen Kredit über 2.400 Gulden (zu 6 /a Prozent 
Zns^nT^^^^ Einrichtung einer Synagoge. D.e Dausenauer waren nicht begeistert 

SlrlSe »^9^^" ^'""P^""' ^egen d.e Zwangse.ntrei- 

Kultussteuem ein. zumal sie sich bei einer Vorsteherw^^^^^ 
Spanien fOhtten, Die Antwort der Regierung darauf ist nicht überliefert, sie ist nach Lage 

.eurer als vorgesehen. Der .au,i*e Zustand des 
mittelatt^^^^^^^ nicht der beste gewesen sein, und eine Frauenempore m.t 

Tem e^^^^^^^^^^ war auch vonnöten. Jedenfalls kostete das Ganze statt der 



36 



vdranschlagten 913 schließlich 2.305 Gulden (ein Sachverhalt, der heutige Bauherrn nicht 
in Erstaunen setzen wird). Um das Defizit zu decken, mußte die Gemeinde erneut eine 
Umlage bei ihren Mitgliedern erheben und einen weiteren Kredit über 700 Gulden bei einem 
Privatmann (Cari Buderus) aufnehmen. Für diesen Kredit bürgten alle männlichen Gemein» 
demitgiieder (unter Einschluß der Dausenauer übrigens). 

In der Folge versuchte die Gemeinde, ihren „sehr verschuldeten ZustarKfzu verbessern 
und das vor der Synagoge, direkt am Obertal gelegene Wohnhaus zu verkaufen. Das 
scheiterte öt>er lange Zeit am Einspruch der Witwe von Moses Isidor, der offenbar 
zugesichert worden war, sie dürfe dort „zu einer billigen /\/f/ef/7e" wohnen (HStA. Abt. 211. 
Nr. 11 555). Es scheint, daß der Verkauf tatsächik:h erst 1880 (an Zadock Löb GrOnebaum 
aus Kehll»ach) zustande kam. 

Der Zugang zur Synagoge lag im Ot>ertal zwischen den Häusem Rosenthal und 
GrOnebaum (heute Nr. 14 und 16). Er führte zu einem Hof, an dem rechts die Eingänge 
zunftchst zu einem kleinen Vorraum (mit der Treppe zur Frauenempore) und dann zur 
Synagoge seilet lagen. Dieser Raum war nk:ht groß; wenn wir die Maßangaben (in Fuß) 
richtig verstanden haben, hatte er eine Grundfläche von knapp 43 Quadratmetern. 

Über dem Vorraum gab es eine kleine Wohnung, <to seit 1880 bis zu ihrem Tod von 
der - offenbar verarmten - Witwe von Moses Isidor, später von den christlichen Be* 
Schließern der Synagoge (1892-1910 Johann Mayer, seit 1917 Jakob Montreal) bewohnt 
wurde. Bis zu ihrer Verv^stung im 
November 1 938 war diese Synago* 
ge der Mittelpunkt des religiösen 
Lebens der Nassauer und Dause- 
nauer Juden, zu denen sich häufig 
die (zahlreichen) jüdischen Gäste 
des Kurhauses und der anderen 
IHotels und Pensionen gesellten: 

„Unsere israelitische Cultusge- 
meinde feierte am vorigen Sams- 
tag das 25jährige Jubiläum der Ein- 
weihung ihrer Synagoge. Ihr Got- 
teshaus war am Eingang und im 
Innern festlich mit Kränzen ge- 
schmückt. . . . Anwesend waren 
Herr Bürgermeister Epstein und 
Herr Gemeinderath Neumann, der 
evangelische Geistliche, Herr Pfar- 
rer Westhoff etc. Der Bezirksrabbi- 
ner, Herr Dr. Hochstädter von Ems, 
hielt über den Text , Wie lieblich sind 
Deine Wohnungen, Herr Zebaoth' 
. - , die sehr ansprechende Festpre- 
digt . . . Des Nachmittags von drei 
bis vier Uhr wurde in dem .Nassau- 
er Hof bei Herrn Chr Balzer ein 
Concert und dann ein Ball abgehal- 
ten, (tor bis in die früheste Zeit des 
artäeren Tages in Freud und Ge- 
mOtUOtkeit dauerte'' (Israelitische 
Wochenschrift, 25. Oktober 1882). 




Qrundfiß der Nassauer Synagoge, 
St^fMv Naaaau. 



37 



Bei feierlichen Anlässen, etwa der Einweihung einer neuen Thora, war die Synagoge das 
Ziel von Umzügen. Das war am 11. Juni 1883 SO, als der Kultusvorsteher Salomon, der 
Rabbiner Hochstätter und Aron Stein die neue Thora unter einem Baldachin, gefolgt von 
einer Musikkapeile und ^zahlreichen Festgästen\ durch die Stadt trugen (N A, 14. Juni 

1883): 

J\m ersten Tage unseres Wochenfestes feimtB<^hi6$igei^BlUisctwKultusgemMe 
die Einweihung einer neuen Thora. Sie ist von der Brüderschaft - allen Männern der 
Gemeinde - gestiftet und in dem Dorfe Ungedanken bei Cassel verfertigt worden. Hiesige 
Badegäste haben eine in Crefeld gearbeitete rothbraune Sammetseidendecke mit golde- 
ner Krone. Name und Widmungsschrift geschenkt . . . Heute Morgen begann die Feier mit 
einem Zuge der Gemeindemitglieder unter eine Herz und Gemüth erhebenden Musik nach 
der mit Tannenzweigen und mit deutschen wie preußischen Fahnen geschmückten 
Synagoge. . ."(Israelitische Wochenschrift. 16. Juni 1883). 

Das wiederholte sich 1912 und, wie wir gesehen haben, am 26. Oktober 1929. Die 
Feierlichkeit solcher öffentlichen Anlässe, auch die der freitäglichen und samstäglichen 
Synagogen-Besuche, wenn alle in Festtagskleidung, die Männer mit Zylinderhüten, kamen, 
ist vielen Nassauern als etwas Besonders in der Erinnerung haften geblieben (das Problem 
der fehlenden Hemdenkragen scheinen sie nicht bemerkt zu haben). Die Synagoge wurde 
mehrfach umgebaut, so 1901. als das Dach erneuert, und 1904, als der Innenraum 
vergrößert und dann grundlegend umgestaltet wurde. Immer waren Nassauer Handwerker 
beteiligt. Dachdecker. Maurer. Maler. Schreiner: Schrupp. Krämer. Westerburg. Kreidel, 
Lötz. Egerth. Schwarz, Braun. Hehner. Ein Foto der Synagoge konnten wir bisher leider 
nicht finden. 

Es ist mehrfach belegt, daß es vor dem Neubau von 1857 schon eine Synagoge in 
Nassau gegeben hat. Als Seligmann Levingers Tochter Babeth im November 1 845 Michael 
BAr aus Wiesbaden heiratete, wurde dieses Ereignis - dem Brauch entsprechend - an drei 
vorausgehenden Samstagen Jn der Synagoge in Nassau proclamirt". Saul Lilienthal, der 
1 938. kurz vor dem gewaltsamen Ende der Gemeinde, die Gegend bereiste, berichtet (wohl 
vom Hörensagen): .Die alte Synagoge befand sich im Eckhaus SpätstrJJudengäßchen 
(ste). ist aber auch 0fst um 1850 eingerichtet woricfen''(Lilienthal, S. 63). Vermutlich haben 
cffe Gottesdienste in Prlvathäusem stattgefunden; beide Eckhäuser Späthestraße/Juden- 
gAßchen gehörten allerdings Nichtjuden, eines war ein Gasthaus. Es ist in diesem 
Zusammer^ang daran zu erinnern, daß es auch den Katholiken erst 1 868 gestattet wurde, 
in Nassau Gottesdienste zu halten; ihr Kirchanbau datiert von 1871 ! 

Einen JOcfischen Friecttiof hat es bfi Nassau schon im 18. Jahrhundert gegeben. Ein 
Qrat)stein aus dem Jahr 1738 ist in die steinerne Umfassung eingemauert. Er gehörte zum 
Grab des Jaakov ben Meir Segai aus Nassau. Oer Friedhof wurde 1886/87 t,ein Stück 
Land zum TodtenhofzugekaufT- HStA, Abt. 41 7, Nr. 421 ) und erneut nach 1 926 auf eine 
Größe von etwa 1.400 Quadratmeter eiwaitert Er Hegt außerhalb der Stadt, an 
der l-andstraße nach Obemhof. und wurde auch von den Dausenauer Juden benutzt 
Heute, nach mehrfachen Zerstörungen und Schändungen, sind zwar auf dem neueren 
Teil noch viele Grabstellen sichtbar, aber nur 54 Grabsteine (davon 18 ohne Namens- 
angabe) stehen an ihrem ursprünglichen Platz. Auf dem allen Teü sind keine Grabsteden 
mehr erkennbar; einige gut erhalterw Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert sind an der 
Stützmauer, die den Friedhof zum Berg hin begrenzt, aufgestellt. Einige weitere sind 
aufeinander geschichtet und zur Absicherung dieser Mauer venvendet worden und 
Icönnen als Quellen gegenwärtig nicht benutzt werden. 

Nach jüdischem Ritus folgten die Trauemden dem Sarg zu Fuß vom Trauerhaus bis 
zum Friedhof. Das war ein weiter Weg, länger als anderthalb Kilometer. Auch das ist vielen 
Nassauern in Erinnenjng geblieben: Der flache, aus Brettern genagelte Holzsarg, sichtbar 



38 



« 




Grundstück der israeHtschen KuitusgemekH^ Nassau, 1860, StadtarOuv Nassau. 



Um üonnerstaa iin6 Sreitog ift unfer 



auf dem schwarzen Leichenwagen der Firma Rölz. der von einem Pferd mit schwarzen 
Schabracken in langsamem Trab gezogen wurde, dahinter die Trauergemeinde zu Fuß. 
„Uf^d uns Jungen hat natürlich interessiert, was da vorher in den Sarg gelegt wurde: das 
Säckchen mit Sand, die Münze . . (R. M.). Natürlich gingen auch NIchtjuden - 
Hausbewohner, Nachbarn, Freunde - mit. Jüdische Frauen jedoch folgten dem Zug nur bis 
zur nächsten Straßenecke, well sie, einem Brauch zufolge, den Biick-Kontalct mit dem 
Trauerhaus nicht verlieren durften. 

Die - oft strikte - Befolgung solcher 
ritueller oder zur Gewohnheit geworde- 
ner Vorschriften durch die Nassauer Ju- 
den läßt sich auch daran ablesen, daß 
sie ihre Geschäfte nach Todesfällen in 
der Familie für einige Tage geschlossen 
hielten. Und unter den meisten jüdi* 
sehen Todesanzeigen steht der Zusatz: 
^Blunwispenden dankend verbeten"-- 
eine diskrete Bitte an die christlichen 
Nacht>am, den Unterschied in den Be- 
grAbnis*Sitten zu l>eachten. 

An den hohen Jütfsehen Feiertagen 
blieben die Geschäfte der Nassauer Ju- 
den geschlossen. Da jCtdische Feste 
nicht an ein festes Datum gebunden 
sind, wurde das Ereignis im Nassauer 
Anzeiger regelmäßig sowohl in redaktio- 
nellen Notizen (Jsraetttlsche Herbstfeh 
ertage") als auch in Kleinanzeigen der 
t>etroffenen Geschäfte angekündigt. Es 



jetertage lialber ift mein (Befc^aft am 
OoKRcrstas wb $rei(ag gcf^Iolfen. 

Um 20m 2t unb 29. September bleibt 
mein (Befc^öft ftreng gefc^IoHen. 

Qo^er Feiertage negen bleibt mein 
6efd}aft Donnerstag, ben 20., Freitag, ben 
2|. unb Samstag, ben 29. September ge< 
fc^Iofien. 

gilbert @(rau6. 

Anzeigen üt>er die Schließung von Geschäften 
an Feiertagen. 
Nassauer Anzeiger, 18. Septemt)er 1906. 



39 



scheint daß einige größere jüdische Läden dagegen am Samstag geottnet blieben und 
dann von den christlichen Angestellten besorgt wurden. 

A^^n n2,Su haies. wie in den meisten jüdischen Gemeinden, eine chewra kadischa 
oea^en SS wir ursp;ünglich eine Beerdigungs-Bruderschaft, deren Mitglieder - nur 
Männer 1 neben der Erfüllung der rituellen Pflichten bei Tod und Beerdigung auch 
kranker oder noöekJender Gemeindeangehöriger und mittelloser Durchreisender annah- 
men, in den Weinen jüdischen Landgemeinden erfüllten alle enwachsenen männlichen 
Mitglieder ursprüngHch diese Funktion selbst; die Gemeinde war die chewra kad.scha. Der 
Bericht Ober die Thora-EInweihung von 1 883 hat gezeigt, daß dies auch »n Nassau der Fall 

^OkTortSdung einer eigenen chewra kadischa im Jahre 1 909 deutet darauf hin. daß der 
Gemeinde-Zusammenhalt steh gekjckert hatte, daß zumindest berufliche Pflichten. Ge- 
schäftsreisen die Gepflogenheiten d«i modernen Lebens eine Arbeitsteilung notwendig 
machten. Immertiln hatten die Nassauer chewra kadischa zu Beginn der 1930er Jaf^re 
20 MitQlieder was darauf schließen «ßt. daß aus jeder Familie ein Mann vertreten war. Ihr 
Arbeitsgebiet hatte steh auf die .Unterstützung NlfsbedOrftiger Durchwanderer einge- 
arenzt (Führer S. 201 f.). Da Frauen nteht Mitglieder werden konnten, gründeten sie - 
mit zeittypischer 1 6jähriger Verspätung - 1 925 eir\e Bereinigung jüdischer Frauen Nassau 
und t;/77gebung", die sich der Wohltätigkeit widmete. 

Unverkennbar war die Ausrichtung der Gemeinde tradittonell. konservativ. Wenn man 
diese Worte gebraucht, darf man frellteh nteht an das Äußere Erschelnungsbikl heutiger 
Orthodoxer Juden in Israel oder in New Yorit - mit altmodischer KleWung. Kaftan. Pelzmüt- 
ze Schläfenlocken - denken. Derartiges war bei den Landjuden des 19. Jahrhunderts (und 
erst recht bei den in die Städte abgewanderten) nteht OWteh. Die Alltags- und dte 
Festtagskleidung unterschied sich nur geringfügig (Kopfbedeckung für MÄnner, auch In 
geschlossenen Räumen) von der der christItehen Nachbarn. 

Viele religiöse Vorschriften konnten in den armen Landgemeinden gar nicht oder nur 
mangelhaft befolgt werden oder waren seit langem aus der Übung gekommen. Aber am 
Sabbat, an den Feiertagen, bei Geburten. Hochzeiten. TodesfÄllen wurden - flwhr oder 
weniger streng, manchmal, wie wir gesehen haben, auch eher lax - die ^^^'^J^ 
dem überkommenen Brauchtum entsprechenden Vorschriften befolgt; und audi Irn 
täglichen Leben. Dazu gehörte für die meisten die Unterscheidung von -koscrfier und 
trefe" beim Essen, die Unterscheidung von „Milchding" und .Fleischd.ng beim GesdM"-- 
Vor Pessach wurden die Töpfe in den Backöfen der benachbarten christlichen Bäcker 
ausgebrannt, „geglüht". Da am Sabbat oder am Feiertag das Feueranzünden nicht ertaubt 
war kamen auch die Töpfe mit dem Mittagessen rechtzeitig zum Warmhalten in diese 
Backöfen. Oder es gab die christliche Schabbesmoad. die die häuslichen Handgnffe 

Natüritoh gab es an Pessach Mazze. und die christlichen Bäcker beherrschten die Kunst 
.Datscher- zu backen, jenen hellen Hefezopf, der zum Sabbatmahl gehört - und den auch 
Nich^uden gern kauften. 

DerNerabgeänKkte Text ist TeU eher umfangreichen Dokumentation über die Geschichte der Juden 
in der Stadt Nassau, an der wir gegenwärtig arbeiten. Wir sind dankbar, ^enn Leser uns auf irrtumer 
und FeMerhkmeisen oder uns Ergänzungen und weiterführende Hinweise geben. Vor allem Fotos und 
Dokumente, auch Gegenstände, die mit der Geschkshte und dem Schicksal der Nassauer jüdischen 

Familien *» VetbkKk/ng stehen, skid uns willkommen. . , n ^ ^-o/.„#« 

Derbesseren Ijesbarkeit wegen haben wir auf Uteraturangaben weitgehend verzichtet. Die geplante 
Dokumentathn wkd eki ausführlk^hes Uteratunrerzekhnis enthalten. 



40 



Abkürzungen 

HStA: Hessisches HeupistMtsafChiv Wiesbadmt, 

NA: Nassauer Anzeiger, 

R. M, : Dr Rudolf Mackeprang, }A/Mmden. 

Literatur 

Führer durch die Jüdische Grnn^ndeverwaltung und WoNfahrtsf^ege in DeutscNand t932^: hrsg. 

von der ZentralwoMahrts^e^ der deutschen Juden; BerHn, o. J. 
Adolf Kober:DieJudeninNassauseHEndedes tß. Jahrhurtdertsm. besond. Berücksich^gung ihrer 

Unterrichts- und Kimjsverhütnisse. EktBeitr^zurQeschk:htederJudenefnam^tk)nin0eut9Gh' 

land: in: Nassauische Annalen, Bd. 66, Wiesb^en, 1955. S. ^<h250. 
Adolf Kuhn: Nassau an der Lahn: 2. Aufl.. Nassau: Verlag des städtktchen Verkehrsausschusses. 

1928, 105 S. 

Saul Li lien thai: Jüdische Wanderungen in Frankfurt am Main. Heesen, Hessefhf^SassM: Frankfurt 

am Main: J, Kauffmann, 1938, 138 S. 
liMchaelA. Meyer (Hrsg.): Deutsch-Jüdische Geschk:hte in der Neuzeit: Bd. III: Umstrittene Integration 

1871-1918: Mönchen: Beck, 1997,428 3. 
Monika Richarz: Jüdische Lehrerauf dem Lande im Kaiserreich: in: TelAviverJahrtiuch für deutsche 

Geschichte. Bd. XX, TetAviv, 1991. S. 181-194. 
Erich Rosenthal: Eine jüdische Kieinstadtgemeinde: in: Der Morgen, Bd. IX, 1933, S. 372-378. 



I 





84 



Grabenstraße 16, 




i 




I 



Zehn Häuser - 

Häuser jüdischer Familien in Nassau 



Fotografien von Yehuda Altmann; 

Lebensdaten, gesammelt von Waltraud Becker-Hammerstein und Werner Becken 
vorgestellt von Peter Ax, 

Zehn Häuser jüdischer Familien dokumentiert Yehuda Altmann im April 1 999 in Nassau. 
Den Schwerpunkt seiner fotografischen Arbeit sieht er darin, eine Beziehung zwischen dem 
abgebildeten Ort und seiner Geschichte herzustellen. Dokumentarisch, zeugnishaft sach- 
lich und ohne moralische Bewertung. Diese vielmehr soll sich offenbaren aus dem Kontext, 
in dem seine Fotografien erscheinen. 

Er sammelt 10, 20, 40 Fotografien von weniger als 10 Häusern. Fast findet er seine 
„Zehn Häuser** im Nassau des Jahres 1999 nicht mehr. Denn zu der (juristischen wie 
physischen) Zerschlagung des jüdischen Eigentums durch das Regime gesellen sich 
hier weitere zerstörende Kräfte. Folgen der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Der 
Wiederaufbau danach benutzt die Plätze des zerstörten jüdischen Besitzes; oft über die 
Grenzen der ursprünglichen Parzellen hinweg. Die Erinnerung daran erhält eine andere 
Qualität. 

Der „Minian der Häuser" als Zeugnis einer jüdischen Gemeinde, die aktiver Bestandteil 
des gesellschaftlichen Lebens dieser Stadt war und längst begonnen hatte, deren Traditio- 
nen mitzugestalten. bleibt Fiktion. Die Spuren der nach 1 933 zerschlagenen Gemeinschaft 
lassen sich nicht mehr zu einer „Versammlung der Zehn" vereinen. Diese kommt letztlich 
nur zusammen in dem. was verloren ist, weiter verloren gehen wird und damit seiner 
Darstellbarkeit beraubt wird. 

Yehuda Altmann dankt seine Kenntnisse über diese Häuser einer Führung, die Waltraud 
Becker-Hammerstein und Werner Becker zusammen mit Freunden für ihn Anfang April 
1999 organisiert hatten. Dabei lernte er Nassau und die umliegenden Dörfer im Taunus 
kennen, aus denen die Familien zum größten Teil stammten, die sich Mitte und Ende des 
19. Jahrhunderts in der Stadt angesiedelt hatten. 

Genau das ist das Thema der Beckers. Sie gewinnen ihre Kenntnisse aus jahrelanger 
Beschäftigung mit der Sache und fleißigen Recherchen zum Schicksal der jüdischen 
Familien. So sollen auch Lebensdaten der einzelnen Mitglieder dieser Familien, enthalten 
in einer entstehenden Dokumentation, skizzenhaft als textliche Ergänzung zu Altmanns 
Bildern dienen. - 

Am Marktplatz/Kettenbrückstraße 2. 

Albert Strauß (1866, Kemel - 1932, Nassau); 

Sara Strauß, geborene Liebmann (1869. Ellar - 1942, Theresienstadt/F). 

Amtsstraße 2. 

Julius Israel (1878, Nassau - 1941, Bad Godesberg); 

Lina Israel, geborene Kaufmann (1878, Osterspai - 1942. Lodz?/BN); 

Otto Israel (1904, Nassau - 1928, Eichberg); 

Frieda Strauß, geborene Israel (1906, Nassau - 1995, New York). 



85 




i 




Gerhart-Hauptmann-Straße 6. 
Salomon Hofmann (1863, Frickhofen - 1943. Theresienstadt/F); 
Rosalie Hofmann, geborene Rosenthal (1864. Bierstadt - 1907, Nassau); 
Clementine Katiiinica Hofmann, geborene Katz (1878. Marköbel - ?. Auschwitz/F); 
Adolf Hofmann (1891, Nassau - 1956. Zürich); 

[Selma Blumenthal, geborene Hofmann (1893. Nassau - Ende der 1950er, 

Argentinien); 
Karl Blumenthal (1889. Kördorf - ?, Argentinien);] 
Willi Hofmann (1899, Nassau - ?, Ndola/Sambia); 
Ernst Joseph Hofmann (1909, Nassau - 1942. Auschwitz/IHH); 
Paul Hofmann (1915, Nassau, lebt in Kapstadt); 
Sitti Landau, geborene Hofmann (1896, Nassau - 1987, Stockholm). 

Grabenstraße 11, Kirchstraße 4. 

Maier Goldschmidt (1863, Singhofen - 1934, Nassau); 

Elise Goldschmidt, geborene Rosenthal (1868, Kempten - 1941, Riga/F); 

[Flora May, geborene Goldschmidt (1897, Singhofen - 1941/42, Lodz/F); 

Jacob May (1891. Wöllslein - 1943, Lodz/F); 

Ellen May (1923, Kreuznach - 1941/42. Lodz/F); 

Vera May (1935, Kreuznach - 1941/42, Lodz/F)]; 

[Irma Marx, geborene Goldschmidt (1898, Singhofen - 1941, Riga/F); 

Paul Marx (1891, Siegburg - 1941, Riga/F); 

Inge Marx (1927, Nassau - 1941, Riga/F)]; 

Erwin Goldschmidt (1904. Nassau - verstorben in der Emigration). 




Grabenstraße 12. 

Sally Heilbronn (1877, Frickhofen - ?, Kapstadt); 

Frieda Heilbronn, geborene Simon (1 881 , Pohlgöns - ?); 

[Johanna Hirsch, geborene Heilbronn (1905, Nassau - 1996. Kapstadt); 

Emil Hirsch (1899, Bad Wildungen - ?, Südafrika); 

Manfred Hirsch (1929, Bad Wildungen, lebt in Kapstadt)]; 

Sidonie („Sitti") Levi, geborene Heilbronn (1906, Nassau, lebt in Australien); 

Erna Hotmann, geborene Heilbronn (1908, Nassau - 1996, Kapstadt); 

Walter Heilbroitn (1909, Nassau, lebt in Simbabwe). 

Grabenstraße 16. 

Robert Strauß (1877, Dierdorf - 1910, Nassau); 

Johanna Strauß, geborene Selig (1877, Zeilsheim - 1937, Nassau); 

[Fritz Strauß (1904. Nassau - ?. USA); 

Erna Strauß, geborene ... (? - ?, USA)]; 

Paula Crupain, geborene Strauß (1906, Nassau - ?, USA). 

Obertal 3. 

Falk Israel (1823, Meudt - 1908, Nassau); 

Johannette Israel, geborene Rosenfeld (1832, Singhofen - 1866, Nassau); 
Karoline Israel, geborene GrQnebaum (1835, Rendel - 1911 , Nassau); 
Isaak Israel/Falk (1858, Singhofen - 1926, Scranton/PA/USA); 
Elise Esther Israel/Falk (1860, Singhofen - 1940, Stockholm); 
Ferdinand Israel/Falk (1863, Singhofen - 1940, Stockholm); 





Gerhart-Hauptmann-Straße 6. 
Neubau des 1946 zerstörten Hauses, 



Grabenstraße 12. 



87 





[Leopold Israel (1868, Nassau - 1943, Theresienstadt/F); 

Jeannette Israel, geborene Sommer (1864, Freudenberg - 1938, Nassau); 

Sally Israel (1895, Nassau - 1983, Johannesburg): 

Henny Israel, geborene Kahn (1896, Mogendorf - 1976, Kapstadt); 

Ellen Karoline Cohen, geborene Israel (1928, Nassau, lebt in Johannesburg): 

Max Israel (1898, Nassau - 1918 gefallen bei Noyon)]; 

Caroline Israel (1865, Nassau - 1866, Singhofen); 

Adolph Falk (1871 , Nassau - 1935, New York); 

Moritz Israel (1874, Nassau - ?). 

Obertal 16. 

Benzion Rosenthal (1844, Hadamar - 1912, Nassau); 

Sara Rosenthal, geborene Jessel (1843, Weilmünster - 1919, Nassau); 

[Albert Rosenthal (1875, Hadamar - 1926, Nassau); 

Ella Rosenthal, geborene Hirschmann (1881, Großkrotzenburg - 1936, Frankfurt/ 
Main); 

Therese (., Tea ') Abraham, geborene Rosenthal (1904, Nassau - ?, USA): 
Samuel Abraham (1690, Massenbach - ?, USA): 
Walter Rosenthal (1907, Nassau - ?, USA)]; 

[Jenny Katzenstein, geborene Rosenthal (1877, Nassau - 1942, Minsk/Wl); 

Albert Katzenstein (1874. Hann. Münden - 1942, Minsk/Wl)]; 

[Rebekka („Rika") Lebrecht, geborene Rosenthal (1880. Hadamar - 1942, im 

Osten/Wl); 

Max Lebrecht (1875, Schöllknppen - 1932, Wiesbaden)]; 

Sara Hirschmann, geborene Heitbronn (1850, Nassau - 1926, Nassau). 




Kirchstraße 4. Amtsstraße 2. 



88 



i 



Späthe Straße 5. 
Michel Löwenberg (1844, Geisig - 1905, Nassau); 
Emma Löwenberg, geborene Vogel (1846, Sprendlingen - 1876. Nassau); 
Sara Löwenberg, geborene Sternberger (1857, Neu Leiningen - 1914, Nassau); 
[Jonas Sternberger (1808, Eierbach - 1896, Nassau); 

Elisabeth Sternberger, geborene Emanuel (1818, Obrigheim - 1886, Nassau)]; 

[Rosa Hirsch, geborene Löwenberg (10/4. Nassau - ?); 

Isidor Hirsch (1870-?);] 

Mina Löwenberg (1875, Nassau - ?); 

[Guta Thal, geborene Löwenberg (1880, Nassau, verstorben in der Emigration); 
Salomon Thal (1873, Kesten - ?)]; 

[Lilly Rosenbusch, geborene Löwenberg (1883, Nassau - ?, Palm Springs/USA); 

Abraham Rosenbusch (1874, Gissigheim - ?)]; 

[Dora Rieser (1 884, Nassau - 1 941 , Minsk/F); 

Albert Rieser (1874, Müllheim - 1941. Frankfurt/Main)]; 

[Sally Löwenberg (1886, Nassau - 1948, Long Island/USA); 

Dora Löwenberg, geborene Feibelmann (1900, Rülzheim - ?, New York); 

Fritz Löwenberg (1924. Koblenz - ?, USA)]. - 

„Falk's Haus", - „Leopold Israel's war Falk's Haus", seine Frau „die Falksen"; sein Haus 
war eng und dunkel. Im Parterre gab es einen kleinen Vorraum, von dem aus die Treppe 
nach oben führte, die Küche und ein Zimmer; alles zusammen knapp 40 Quadratmeter. Im 
Obergeschoß waren drei kleine Kammern. Die Haustür stand, um Licht hereinzulassen, 
meist offen (so etwas war damals noch möglich). „Da hat's schon nach Armut gerochen." 
Als das alte Fachwerkhaus im September 1 997 ziemlich achtlos abgerissen wurde, konnte 




89 



man an der Rückwand Spuren des früheren Küchenanstnchs und der Treppe erkennen. Zu 
dieser Zeit war das Haus - alte Nassauer sagten noch immer „Falks" oder auch „det 
Juddehaus"-schonseitlangenJahren nicht mehrbewohnt gewesen. Verlassen zwar aber 

unangetastet stand es lange da. dazu die Scheune, der Stall, dazwischen das bucklige 
Kopfsteinpflaster-fast wie ein Öffentlicher Gedenkraum für seine ehemaligen Bewohner. 
Nun ist auch der zerstört, - 

Nachbemerkungen. Am Ende der Reihe - anstelle eines Hauses, von ..Halks Haus^- n^'""^" 
das Bild von zwei Garagentoren vor einem Rest der ,.hemal,gen Stadtmauer, an die dieses lehnte, als 

Bildei^ss^ 

EZerungen von Zeitzeugen oder rekonstruierbar anhand alter Bauplane im S^^^^^ 
Ihaebildete viduelle Blick zeigt die Treppe und die dahinter liegende Küche von ..Falks Haus . - 

haus Schloß Balmoral" in Bad Ems - dem Stadtarchiv in Nassau ubereignet hat Die Auswahl der 
abgedruckten ist von Altmann autorisiert. Die Rechte an den Negativen Hegen be, ihm; ein 
\A/f>itfirf^r Nachdruck bedarf seiner Zustimmung. - 

Sli^TnsSSen der Bewohne ihrer Ar^gehöngen ur.d die atgedruckten Te.te von 

Waltraud Becker-Hammerstein und Werner Becker sind ausgewänite Teile ^'"^/J^"'^,^"3reichen^^^ 
mentation über die Geschichte der Juden in der Stadt Nassau Hierin werden auch die Namen der Familien 
entha en sein, die an dieser Stelle unerwähnt geblieben sind. Die fertige Dokumerrta^on wird alle 
entschädigen die wissenschattliche Präzision und die lebendige Erzählung hier vermißt haben^- 

TderTypografieistan 

von eckigen Klemmen zu verdeutlichen. In der Regel werden so die Familien der Kinder und 
Shw^gSndergekennzeichnetDIeNamenderEnkel^^^^^^ 

ben Die Daten der Deportierten wurden durch Angaben zum Deportationson ergänzt, dabei steht „BN 
für Bonn. „F" für Frankfurt am Main. ..HH" für Hamburg und .. wr lur Wiesonden. - 

Die virtuelle Rekonstruktion des Innenraumes von ..Falks Haus'' wurde von Peter Ax mit der 
Architektur-Software ARCON von mb-Software, Hameln, erstellt. - 




Obenal3. Der Platz von. .Falk-s Haus". Obertal 3. Virtueller Blick in Falks Haus" 

(nach alten Bauplänen rekonstruiert). 



90 



1 



Aus der Geschichte 
der Gemeinde Kehibach 

Werner Emmerich 

Aus dem seinerzeitigen Amtsblatt für die königlichen Ämter Braubach und St. Goarshau- 
sen, dem „Lahnsteiner Anzeiger", sind mir von einem Lahnsteiner (Friedrichssegener) 
Heimatforscher zwei Veröffentlichungen vom 8. und 12. Juni 1872 zugeleitet worden, die 
ich hiermit der Bevölkerung bekanntgeben möchte. 

Der geschilderte Vorgang ist im Ort teilweise noch bekannt - so auch mir von Schilde- 
rungen meines Großvaters Karl May - der 1 888 geboren war und den Vorgang wohl auch 
aus Überlieferung wußte. 

Anläßlich unserer 650-Jahr-Feier in 1994 war ein hierüber verfaßtes Gedicht bei der 
damaligen Bilderausstellung zu sehen, das Ich vom inzwischen verstorbenen Sohn unseres 
Altbürgemielsters Karl Sommer erhalten habe. Die drei Männer des Dorfes haben wohl 
seinerzeit ihr Leben für die Allgemeinheit gelassen, als sie den Brunnen in der Dorfmitte 
gegenüber dem jetzigen Rathaus gegraben bzw. gesäubert haben bzw. die Abgestürtzen 
retten wollten. 

Der Anton Sommer stammte wohl aus dem Haus Sommer und war ein Vorfahre unseres 
Altbürgermeisters Karl Sommer. 

Adam Emmerich ist aus dem heutigen 
Haus Lenz und Karl May ist ein Vorfahr 
meines verstorbenen Großvaters glei- 
chen Namens aus dem Hause Johanna 
Plies. 

Der ehemalige Brunnen in der Ortsmitte - 
genau gegenüber dem jetzigen Rathaus - 
diente wohl als Schöpfbrunnen der angren- 
zenden Bevölkerung. Derartige gemeindli- 
che oder private Brunnen gab es früher 
mehrere, damit man es nicht allzuweit mit 
den schweren Wassereimern hatte. 

Vorläufer der heutigen 
Wasserversorgung 

Erst um 1 882 wurde in Kehlbach die erste 
Wasserleitung gebaut. Eine Schürfquelle 
oberhalb der Ortstage, die heute dort noch 
in den Wiesen vorhanden ist, speiste in 
eine Wasserleitung ein, die in einen Wasser- 
trog in der heutigen Oberdorfstraße (vor 
Haus Lindepitz) und weiter in einen zweiten 
Trog unterhalb der Gemeindetreppe am Eh- 
renmal lief. Aus diesen Wassertrögen haben 
sich wohl die Bewohner mit Wasser ver- 
sorgt, soweit sie keinen eigenen Brunnen in 
der Nähe hatten; auch wurde hieraus das 
Vieh mit Wasser versorgt. 



V aius bcm Oailleimcr Orunkic, 4. 3unL 
Ort Äc^lbac^ ifl man feit länöerct 3cit mit 
bcr Einlage eineä ®cmc{nbe-8runncnä befc^afti^t. 
S)cr Unternehmer biefer ülrbeit, 6 cm me c von 
Äe^lba^, ein armer SDlann mit 4 uncrjogenen 
Ainbem, iDiDDte §eute aHotgen 7 U^r, bie einige 
a:a0e unterbrod^ene ^^ M^ aufne|men> 
Prjte aber von ber $ätf(e bcr Seüet in bie Sicfe. 
ebcnfo crginp cd feiner ©(^mcftetfo^n St. 3Raj), 
omb SKaurcr @mmcri(^. ^ierburdi rourbe man 
aufmerffam, bafe böfe 2Betlcr im Srunnen feien 
mb ftettte man oon ofien Stetlungdocrfu^&e an, 
toeld^e« um jö f«it$ter fd^icn / ba bte Mcitet 
noc^ lebten. SKan lieg ben Sörunncntübcl in^bte 
^iefe ; einer tlammcrt fi* U% Pürst aber?4ui5 
falber $ö^e roieber in bie Xiefe juräi : ; SRau 
[e^ite ibnen ^äden in bie i?leibung/ boc^ bol 

Aöcpergemid^t Bringt bieJtteiber jum ifietgen unb 
bie IXngCädffid^en fallen jUi^cf. - Soeben, IJla^V 
mittags nac^ 2 Ulir, rijurten bie bret Unglficflli- 
c^ien oon SBcrglcuten tobt aud ber Siefe bciS ^Brun» 
ncn5 gebracht. 3)ie ^crren Slmtmann ^abel 
uno 3J2ebictnaIral() Dr. ^ellbad; maren zuge- 
gen. Wt und Äitget^eilt mitb, lebte Sommer 
in febt änRlic^n Qer|jiitmfTen unb ift nunmehr 
feine ^rau mit ibren 4 unmünbigen Äinbern in 
übler Sage, roeß^alb fie ^iermii barmberjigen 
3Jtenf^cn beflenä empfohlen fein foE. S)er Süc^ 
germeiflcr oon Äe^lbacb, ber ©ciftlit^c unb bie 
fif^rer bed Älrd&fpielÄ rocrben gcioig gerne milbc 
©aben jur abgäbe an Me fetter §cimgefu(^ten 
tn Smpfaitg nehmen. 



91 



Yenuaa Aitmann 




2001/02 Kunstpreis der Deutschen Volksbanken und RaifFeisenbanken 

2001 Nominieaing für den Förderpreis der Stadt München 

2000 Y.A. wurde beauftragt, eine Arbelt für das Ministerium für Veri<elir, Bau- und 

Wohnungswesen, Berlin, herzustellen. 

2000 art identity Saar Ferngas Förderpreis 
C 1999 Balmoral -Stipendium, ßad Ems 

.^3, 1995 Stipendiat der Stadt München in der Villa Waldberta 

Einzelausstellungen 

2008 Nüsser & Baumgart Contemporary, München 

2005 Bilder ohne Gegenwart, Nusser & Baumgart Contemporary, München 

2005 Mixed Zone, InVorm gallery, Dortrecht 

2004 Room of the Winds, Galrie Mosel & Tschechow, München 

2003 Viewlnteriors, Galerie Aktueller Kunst Im OSRAM-Haus, München 

2003 Museum - Ausschwitz , Gedenkhalle Schloss Oberhausen 

2001 Itemsinteriofs, Galerie Mosel & Tschechow, München 

1999 Museum Auschwitz, Kunsthistorisches Institut der Universität Bonn 
1999 Jehudah Altmann. Fotografien., KunstRaum Klaus Hinrichs, Trier 
1999 BrOgger Mühle 1999, Kunst Im Bau, BLÜCHER GmbH Düsseldori=-Eri<rath 
1997 Cities and stmcture, Kulturforum Alte Post, Neuss 
1995 Fotoarbeiten 1993-1995, Galerie Mosel und Tschechow, München 
^95 August in meinem Kibbuz, Altes Rathaus, Potsdam 
1994 München 1991-1993, Aspekte Galerie, München 
1994 Fotoarbeiten 1991-1994, Weweria Galerie, Beriln 

1994 Bilder aus Deutschland, Bilder aus meinem Kibbuz 1989-1993 , Goethe Institut Tel 
Aviv und Jerusalem 

1993 Denkmale, Deutsches Hitorisches Museum, Bertin 
1993 Dazwischen, Brandenburger Pariament, Potsdam 
1992 Trier und die Mosel, Galerie Kunst-Raum, Trier 

GrappenausttaUungen 

2008 Arquitectura fantasma. lynne cohen - thomas weinberger - bert danck^rt - yehuda 
altmann. Fotografie contemporanea en tomo al espacio yala arquitectura, Galeria 
espaivisor, ValerKia 

2007 MACO Mexico arte contemporäneo, Mexico-City 

2005/06 Photographie sehen..., Nusser & Baumgart Contemporary, München 

2004 Room of the Winds, Arpionale, München 

2002 Kunstpreis der Deutschen Voiksbanken und Raiffeisenbanken 

2002 Lew und arbeitet, Artothek Galerie und Kunstverleih der Stadt München, 



Projektförderung durch die Erwin und Gisela von Steiner Stiftung 
2001 art identity, Saar Femgas Förderpreis 2000, Pfalz Galerie Kaiserslautern 
2600 Im Strom der City, Mülheimer Medien Meile, Mülheim an der Ruhr 
2000 Die Inszenierung der Freizeit, Stadthaus Ulm 
^ 1999 Stipendiatenausstellung, Künstlerhaus Schloß Balmoral, Bad Ems 
1997 Kaiser Wilhelm Denkmal, Mittelrhein-Museum Koblenz 
1995 Representation of Ausctiwitz, Museum Auschwitz 1993, Krakau, Weimar, 
Oldenburg und Oswiecim 

(C) 2006 - Alle Rechte vorbehalten 




die bücherei 

Zeitschrift für Öffentliche Bibliotheken in Rheinland-Pfalz 

Eine Informationsschrift des Ministeriums für 
Wissenschaft, Weiterbildung. Forschung und Kultur 
ISSN 1619-4276 




Herausgeber und Redaktion: 
Jürgen Seefeldt. Dipl.-Bibl. (Koblenz) 
Gudrun Kippe-Wengler (Koblenz) 
Angelika Hesse (Neustadt/Weinstr.) 



UndesbQchereistelle Rheinland-Pfalz. Eltzerhofstraße 6 a. 56068 Koblenz 
Telefon (02 61) 30 12-0. Telefax (02 61) 30 12-2 50 ^OD'enz 
E-Mäil: info©landesbuechereistelle.de 
Homepage: www.landesbuechereistelle.de 

Staatliche Büchereistelle Rheinhessen-Pfalz, Lindenstraße 7-11. 67433 NeustadtAVelnstraße 
Telefon (0 63 2 1 ) 39 1 5-0, Telefax (0 63 2 1) 39 1 5-39 «/"einsTraBe 

E-Mail: info@buechereistelle-neustadt.de 
Homepage: www.buechereistelie-neustadt.de 

Druck: Corres Druckerei GmbH. Koblenz. Carl-Spaeter-Straße 1. 56070 Koblenz 
Tele#on^(02 61) 8 84 19-0. Telefax (02 61) 8 84 19-80 

Titelbild: Stadtbibliothek Bad Kreuznach 
Fotö: Jürgen Seefeldt 



Redaktionsschluss des nächsten Heftes; 30. September 2003 



/ 

aturdienst • Rheinland-Pfalz in Büchern 



gen der Schutzdeiche) und die Perso- 
nengefährdung angegeben; außer- 
dem werden die Schäden auf Indu- 
strie-, Gewerbe-, Infrastruktur- und 
Verkehrsflächen, auf Siedlungsflä- 
chen bzw. auf landwirtschaftlichen 
Nutzflächen sowie die Gesamtsum- 
men möglicher Hochwasserschäden 
erfasst. 

Der rheinland-pfälzische Rheinab- 
schnitt wird dabei auf insgesamt neun 
Kartenblättern dargestellt (Bl. 11 bis 
19). Besonders hochwassersensible 
Räume sind hier das Oberrheingebiet 
zwischen Speyer und Oppenhelm, 

Bereits ein erster Blick in den IKSR- 
Atlas macht deshalb deutlich, dass 
Hochwasserschutzmaßnahmen eine 

»tige raumordnungspolttische Auf- 
sind. Zugleich offenbart er die 
räumliche Ambivalenz der Rheinach- 
se zwischen naturräumlichen Eig- 
nungs- und Gefährdungseigenschaf- 
ten. Der IKSR-Atlas ist damit weit 
mehr als ein bloßer Überschwem- 
mungsrisiko-Atlas, denn er fordert 
zur gedanklichen Auseinanderset- 
zung mit den Grenzen der Beherrsch- 
barkeit unseres Lebensraumes he- 
raus. 

Klaus Kremb 



Bauer, Uwe F.W.: Steine über dem 
Fluss: Jüdische Friedhöfe an der Mo- 
sel/von Uwe F.W. Bauer und Marian- 
ne Bühler. - Trier: Paulinus, 2002. - 
färb. III.; ISBN 3-79Q2-1372-1: 
€W90 

Dieses schöne Buch bringt viel mehr 
als der Titel zu versprechen scheint: In 
mehreren Beiträgen wird der Leser 
und Betrachter an die jüdischen Fried- 
höfe entlang der Mosel herangeführt. 
Die Beiträge sind gut lesbar und ver- 
lieren sich nicht in zu breite Darstel-. 
langen. Zunächst wird ausführlich auf' 
die Geschichte der Juden in den Ge- 
meinden an der Mosel eingegangen: 
die Frühzeit, das Mittelalter, die Neu- 
zeit und besonders das 17. und 18. 
Jahrhundert. Nach dem besonders in- 
teressanten Abschnitt über das Zu- 
sammenleben von Juden und Chri- 
sten wird das Schicksal der Juden auf 
dem Hintergrund der oft nur vorder- 
gründigen Emanzipation im 19. und 



beginnenden 20. Jahrhundert ge- 
schildert. Fragen zur Berufstätigkeit 
zu dem Gemeindeleben und dem ak- 
tuellen Zusammenleben mit den Chri- 
sten auch in dieser Zelt sind eigene 
Schwerpunkte des Textes* Der abso- 
lute Tiefpunkt der Geschichte war die 
Schoa, der Mord an sechs Millionen 
Juden, ein Schicksal, das auch die Ju- 
den an der Mosel traf und auch hier 
Teil der Darstellung Ist. Abschließend 
wird die Hoffnung auf das Entstehen 
neuer Gemeinden zum Ausdruck ge- 
bracht. 

Sodann ist der jüdische Friedhof, 
die jüdische Friedhofskultur Gegen- 
stand einer ausführlichen Darstel- 
lung. Die Brücke der Tradition wird 
geschlagen von der Antike bis hin zu 
den Gräbern entlang der Mose! - ei- 
ne faszinierende Beschreibung, Dazu 
gehören zum Beispiel der Begräbnis- 
ort, die Grabrichtung, die Wahrung 
der Würde des Verstorbenen oder die 
Gestaltung der Friedhöfe und Grab- 
steine. Sehr ansprechend sind die ein- 
geschalteten Zitate von Grabinschrif- 
ten und Schriftstellen. Nicht zuletzt 
folgt der reich bebilderte Hauptteil 
„von Konz bis Koblenz". Hier werden 
nun die jüdischen Friedhöfe in Beil- 
stein, Bernkastel-Kues, Brauneberg (= 
Dusemond), Brodenbach, Bullay, Co- 
chem, Enkirch, Fell, Klotten, Kobern- 
Gondorf, Koblenz, Konz, Kröv, Lei- 
wen, Lieser, Lösnich, Lütz, Mehring, 
Neumagen-Dhron, Osann, Schweich, 
Trier (alt und neu) Trittenheim und 
Zeltingen-Rachtig vorgestellt 

Das Buch ist - auch im Hinblick auf 
die ortsüberschreitenden Texte - für 
alle Büchereien geeignet. 



Heinz Monz 



/ Becker-Hammerstein, Waltraud: 
Julius Israel Nassau: Juden In einer 
ländlichen Kleinstadt Im 19. und 
20. Jahrhundert/Waltraud Becker- 
Hammerstein, Werner Becker. - Bad 
Honnef: Bock, 2002. - 303 S.: HL; ISBN 
3-87066^57-1: €33,50 

Die Zahl der Publikationen über 
ehemalige jüdische Gemeinden in 
Deutschland, über das Schicksal der 
Menschen In diesen Gemeinden, der 



deutschen Juden« dl.e unter den Au- 
gen Ihrer nichtjödischen Nachbarn 
enteignet misshandelt und vertrie- 
ben wurden, der Ermordung nur ent- 
gingen, wenn sie emigrieren konn- 
ten, diese Zahl wächst stetig, vor al- 
lem In den letzten Jahren. 

Manche kleine, bescheidene Schrift 
Ist darunter, verdienstvoll auch diese, 
aber auch manches stattliche Werk,' 
historische Untersuchungen von ho- 
hem Rang. 

Das hier anzuzeigende Werk ragt 
aus der Fülle solcher Bücher heraus 
durch die Gründlichkeit der Arbeit 
durch die Vielzahl der aussagekräfti- 
gen Bilder und Dokumente, vor allem 
aber: durch die innere Haltung der 
Autoren. Das Wort Compassion fällt 
mir dazu ein, Waltraud Becker Ham- 
merstein und Werner Becker geht es 
um Menschen, um Schicksale. „Wir ver- 
suchen, nicht Theorien zu beschrei- 
ben, nicht abstrakte, sondern konkre- 
te Dinge, nicht das Allgemeine, son- 
dern das Besondere. Wir suchen die 
Namen und Gesichter hinter der ab- 
strakten Zahl" (S. 7). Von dieser Hal- 
tung ist die ganze Arbeit geprägt. 
Verschwiegen werden auch nicht die« 
Widerstände, die alle erfahren, die es 
auf sich nehmen, die Recherchen zu ei- 
nem solchen Buch zu leisten. "Manches 
wird hartnäckig beschwiegen" (5. 8). 

So entsteht ein imponierendes Werk, 
besser: ein bewegendes und erschüt- 
terndes Werk, ein mahnendes vor al- 
lem. 

In zwanzig Kapiteln erhalten wir 
eine Fülle von Informationen über 
das Leben der Juden in Nassau, über 
die jüdische Gemeinde, über die 
scheinbare Integration, die sich Im 
entscheidenden Moment als Illusion 
erwies, über den Antisemitismus, der 
Im Beginn vergleichsweise harmlos 
war, doch spürbar, gegen den es aber 
deutliche Gegenwehr gab (Kapitel 1 7, 
S. 233 ff.). Das zwanzigste Kapitel ist 
Julius Israel gewidmet, nach dem 
Namensrecht der Nazis dann: Julius 
Israel Israel, der dem Buch den Titel 
gab (S. 273 ff.). Einst angesehener 
Nassauer Bürger, starb er am 10. Au- 
gust 1941 in Bad Godesberg. Es gab 
noch eine Beerdigung, sogar einen 
Trauerzug zum jüdischen Friedhof, 
von dem seine Witwe Lina in einem 
Brief berichtet (S. 279). 

Dem Buch wünsche ich weite Ver- 
breitung. Ich könnte mir denken, dass 



1 93 



6 



• Uteraturdienst • Rheinland-Pfalz in BOchern 



4 



es sich vorzüglich für Arbeit mit Schü- 
lern eignet: So war das mit den Juden, 
so lebten sie, so raubte man ihnen ih- 
re Existenz, so wurden sie vernichtet. 
Das Ziel: „Das Wissen wiederherzu- 
stellen und an die Stelle von Mythen 
zu setzen" (S. 288). 

Mferner A Güth 

♦ 

Söhres, Franz: Aus dem Schatten 
der Geschichte: Erlebniswandern in 
Rheinhessen, Hunsrück, Mittelrhein/ 
Franz und Susanne Böhres. - Mainz: 
Probst, 2003. - 294 S.: III. - (Software- 
CD-ROM); ISBN: 3-935718-81-0: € 16,- 

Boos, Richard: Rheinschiffahrt einst. 
Gelsenkirchen: Th. Mann, 2002. - 
^Pl12 S.: III. - (Historisches vom Strom; 
Bd XXI); ISBN 3-7862-0143-9: € 36,- 

Ciasen, Carola: Tot und begraben. - 
Hillesheim: Klein u. Blechinger, 2003. 
- 237 S. - <KBV-Krimi 108); ISBN 
3-937001-03-4: €8,90 

♦ 

Craemer, Annette: Das Fräulein vom 
Frankenturm: Märchen und Geschich- 
ten aus Trier - Trier: Editions trfeves, 
2003. - 125 S.: III.; ISBN 3-88081-482-1: 
€11,50 

Geister, Teufelchen, Wetterhexen 
und Burgfräulein tummeln sich vor 
dem realen und historischen Hinter- 
grund Triers in diesen romantischen, 
bizarren oder schalkhaften Märchen. 

•Diese Märchen und Geschichten sind 
z.T. bereits in den Bänden der Auto- 
rin „Trierer Geschichten" (1974) und 
, Jrierer Geschichten von gestern und 
heute für alte und für junge Leute - 
Trierer Märchen durch Sommer Und 
Winter für große und für kleine Kin- 
der" (1 975), „Neue Märchen - Alte Sa- 
gen aus Stadt und Land" (1981 und 
1986) abgedruckt worden, haben aber 
bis heute nichts von ihrem Charme 
verloren. Da diese Märchensamm- 
lungen seit langem vergriffen sind, 
hat der Verlag anlässlich des 80. Ge- 
burtstages von Annette Craemer die- 
se Auswahl ihrer besten Märchen und 
Geschichten herausgebracht. Darun- 
ter sind auch einige, die bislang in 
Buchform noch unveröffentlicht sind. 
Illustriert sind sie wiederum mit den 



zauberhaften Scherenschnitten der 
Autorin. 

Alle Büchereien der Region, die die 
Märchensammlungen nicht (mehr) im 
Bestand haben, sollten das Bändchen 
unbedingt anschaffen. 

Gudrun Kippe-Wengler 

♦ 

Dieckmann, Guido: Die Gewölbe 
des Doktor Hahnemann: Roman. - 
Berlin: Rütten u. Loening, 2002.-452 
S.; ISBN 3-352-00585-0: € 20,- 

Der Autor wurde 1969 in Heidel- 
berg geboren, studierte Geschichts- 
wissenschaft und Anglistik in Mann- 
heim und lebt in Haßloch in der Pfalz. 

Deutschland in den Wirren des 
18. Jahrhunderts: Gegen alle Wider- 
stände träumt der Sohn eines Porzel- 
lanmalers einen großen Traum: Der 
junge Samuel Hahnemann lässt sich 
mit Alchimisten und Geheimbündlern 
ein, um ein berühmter Arzt zu wer- 
den. Der erste große Roman über den 
legendären Doktor Samuel Hahne- 
mann, den Begründer der klassischen 
Homöopathie. 

♦ 

Dieckmann, Guido: Die Magistra: 
Roman. - 2. Aufl. - Berlin : Rütten & 
Loening, 2003. - 400 S. - ISBN 3-352- 
00595-8 -€19,90 

Dieckmann liebt das historische Su- 
jet. Mit «Die Poetin" (2000), „Der 
Neujahrpakt" (2001) und „Die Ge- 
wölbe des Dr. Hahnemann" (2002) 
beschrieb der 1969 in Heidelberg ge- 
borene, seit Jahren in der Pfalz le- 
bende Autor interessante Biograf ien 
vor historischer Kulisse. Auch diesmal 
ist die beschriebene Epoche - die Lu- 
ther-Zeit - gut recherchiert und an- 
schaulich eingefangen. Man schreibt 
das Jahr 1537. Seitdem Martin Luther 
mit seinen Thesen zu Wittenberg und 
der Bibelübersetzung die bestehen- 
den politischen und religiösen Zu- 
stände aufgemischt hat, sind knapp 
zwei Jahrzehnte vergangen, in den 
unaufhörlich schwelenden Macht- 
konflikt zwischen den protestanti- 
schen und katholischen Herrschern 
gerät auch die von ihrem heimischen 
Hof vertriebene junge Adelige Phi- 
lippa von Bora aus Sachsen, nachdem 



ihr Vater an der Pest stirbt und der 
hochverschuldete Hof ihrem Bruder 
und dessen ehrgeiziger Verlobten 
zufällt. Die aufgeweckte Philippa 
wendet sich in ihrer Not an ihre Tan- 
te Katharina von Bora, die mit dem 
ehemaligen Mönch Martinus Luther 
in Wittenberg liiert ist und alle Hän- 
de voll zu tun hat, das im Zentrum der 
lokalen Aufmerksamkeit stehende 
häusliche Anwesen zu führen und ne- 
benbei den bereits von Krankheit ge- 
zeicriiieLei» Galien uti Laune zu iidi- 
ten. Philippa erhält von Luther den 
Auftrag, die Mädchenschule als „Ma- 
gistra" zu leiten; eine schöne Aufga- 
be für eine kluge und energische 
Frau, wäre da nicht der nächtliche 
Anschlag eines Pamphlets gegen Lu- 
ther und der Mord an einer befreun- 
deten Magd, die darauf hindeuten, 
dass offenbar eine tödliche Ver- 
schwörung gegen Luther geplant ist, 
die auch ihr neues Leben zerstören 
würde. Der langsam an Spannung 
und atmosphärischer Dichte gewin- 
nende Roman (mit zarter Lovestory) 
überzeugt vor allem durch eine zeit- 
kritische Sicht der historisch unter- 
legten Figuren und Ereignisse, wenn 
er auch nicht ganz frei von Klischees 
ist. Für viele Bibliotheken eine Berei- 
cherung, zumal auch das sprachliche 
Niveau gegenüber früheren Werken 
an Solidität gewonnen hat. 

Jürgen Seefeldt 

♦ 

Dieckmann, Guido: Die Poetin: 
Roman« - 4-Aufl. - Berlin: Aufbau 
TaschenbuchverL, 2002. - 296 S.; ISBN 
3-7466-1848-7: €7,50 

Der Autor ist direkter Nachfahre 
seiner Protagonistin Nanetta von 
Schildesheim. Die lebensfrohe Dich- 
terin Nanetta reist 1819 mit ihren El- 
tern nach Heidelberg. Die Stadt ist in 
Aufruhr. Nach dem Mordanschlag auf 
den Schriftsteller Kotzebue in Mann- 
heim sehen die aufgebrachten Stu-. 
denten nahezu in jedem Fremden ei- 
nen Spion, Als Nanetta zufällig ein 
Treffen von Verschwörern belauscht 
gerät sie in den Verdacht, eine wich- 
tige Depesche gestohlen zu haben. 
Nur mit Hilfe eines besonnenen Stu- 
denten kann sie fliehen. Noch in der- 
selben Nacht brechen die ersten blu- 
tigen Unruhen aus. 



die bOcherel 47 (2003) 1 



in^f^^Sl^^'S"^^*"*^^ '^^'"«^^ B^*^'^"^ J"^"s Israel Nassau. Juden 
VcT 2^^T ™ ""r"'; "ü J^^h-^' «. Bad Honnef: K. R Bock 

vea^ 2002, 304 S. m. ub. 400 z. T. farbigen Abb. ISBN 3-87066-857-1. Katt. EUR 

cin?sdr^«r ^'f^u^'l' ^^^^"'^^^ ß^'^ Kleinstädte unserer Region: 
Sen ^tlST' r ^ b-^^-hende jüdische Gemeinde mit alteingesessfnen 

Sc5^S eiei ni? " ^^"^^""r ^^'''^^ wurde eine Titelfigur ausgewählt, deren 
^c^ksal exemplansch ist fur die Zat, die dieses Buch hauptsächlich bfhandelt. Sek! 

1941 starb. Seu.e Frau (geh" 878) 1 9^^^^ 5**^ Godesberg, wo er 

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pen von de™ Juden" ^^^^^^^^^^tJ^t^^Tr' 




schreiben, um später zu Vcrallgemcindiingcn komme erweist sich den 

Ausführungen zur noch wenig erforschten Zeit vor den Reformen des 19. Jh,s. Für jene 
Penode findet man hier nur die in der Sekundärliteratur tradierten unzutreffenden 
Formeln wie die von den finanziellen Interessen der Herrschaft. Die Erlangung des 
Schutzbriefes war in Nassau (und auch in der Umgebung keineswegs so restriktiv, was 
die Familie des Jacob Mayer, dessen Grabstein von 1735 als ältester abgebildet ist, be- 
legt. Sein Vater durfte 1650 zuziehen, weil dessen Großvater hier schon zu Hause ge- 
wesen war, und die auf ihn folgenden Schutzjuden waren fast alle mit ihm verwandt. 
Jacob konnte lange vor seinem Tode fur seine Tochter und den zugezogenen Schwie- 
gersohn den Schutzbrief erhalten. Ihr Besitz war wie bei fest allen anderen sechs nahe 
verwandten Schutzjuden nur mäßig. Nicht der Reichtum, sondern der alte gute Ruf 
dieser Familie zählte, auch für die Nachfahren. So wurden sie wie viele andere Juden zu 
alteingesessenen Familien. Die Kenntnis von dieser langen Anwesenheit ist wichüg für 
das Verständnis des Heimatgefuhls der Juden im 20. Jh. 

Zwischen den Kapiteln über die Familien stehen solche zu vielfältigen Themen. Sehr 
anschaulich wird z.B. der weit reichende Viehhandel im 19. und 20. Jh. beschrieben. 
Die Erklärung der jüdischen Namen hilft, daß dieser Kulturkreis nicht mehr so fremd 
erscheint Vor allem die Fraucnnamen muten uns heute sehr eigenartig an, da sie größ- 
tenteils nicht der Bibel entstammen. Dabei sind sie nur Abwandlungen von Wörtern 
und Namen der deutschen Sprache. Wenn die Juden es wollten, konnten sie sich 
sprachlich absondern. Aber die Beispiele zeigen, daß viel von ihrem deutsch eingefärb- 
ten Hebräisch von den anderen Nassauern übernommen und schließlich als deutscher 

yiL kkcbn^fsdddOt, ]i^Ht$m 521 

Wortschatz betrachtet wurde. Interessant wäre es gewesen zu er&hren, wie die jüdische 
Kultur an die Jugend weitergegeben wurde. Aber zum Thema religiöser Unterricht 
finden sich praktisch nur ausfuhrliche Lebensläufe der Lehrer und ihrer Familien. 

Zu Recht sind allein drei Kapitel der genauen Beschreibung und Analyse der Integra- 
tion, des Antisemitismus und der jüdischen G^nwehr sowie der Vertreibimg und 
Deportation gewidmet. Die Autoren akzeptieren nicht die die (Groß-)Eltem verteidi- 
gende Floskel vom freundlichen Zusammenleben in der Stadt Hinter dem äußeren 
guten Schein finden sie nie verschwundene diffuse Vorurteile. Schon seit 1926 war klar, 
wie stark der Antisemitismus in Nassau und Umgebung war und wie wirkungslos die 
jüdische Gegenwehr selbst vor einem hohen deutschen Gericht. Konkret werden politi- 
sche Einstellung und Aktionen (auch der eigenen Familien) beschneben und ergänzend 
dazu die unbefriedigenden Gerichtsurteile von 1950. Es sind viele engagiert geschriebe- 
ne und zum Nachdenken anregende Seiten, von denen die letzten über die Wege in den 
Tod besonders eindmcksvoU sind. 

Die Fülle der Abbildungen sorgt dafür, daß man nicht nur durch den Text umfassend 
über diese in sich so gegensätzliche Epoche informiert wird. Statt mit der zu empfeh- 
lenden Lektüre des großformatigen Werks zu beginnen, wird so mancher sich wohl 
zunächst der Betrachtung der Bilder widmen. 

Gerhard Buck 



Für /V/c/7f- Oder Neu-Emser ein paar Erläuterungen: 
' Die Emser „vom Bad", also die aus dem oberen Stadtteil 
' Die Bewohner der Emser Hütte und die Leute aus der Gmbe (dem Bergwerk) 
'Große Wiese, Wohnbereich nördlich vom Friedhof. Eine größere Wiese gab es da. wo heute der 
städtische Friedhof an das jüdische Gräberfeld in nördlicher Richtung anschließt 

'fJfi^lFl ^^^'^ "^""^ "^^"^ Weitkrieg lief gegenüber - meist paraiiei zum Emsbach - die 

Werksbahn der Stoiberger Zink AG. 

* Weiße Straße, die Kastanienallee i^eii//c/ /, ub^riiaib des neutigen (Jewerbegebietes. Weiße Straße 
deshalb, weif sie mit Quarzsteinen geschottert war 

'Die Schlackenhafde (es gab noch mehrere andere Abraumhalden) lag nördlich des Gewerbege- 
bietes, schräg gegenüber der Emst Born-Schule in der Kurve der L 329 

Die l^ide war 20^25 m hoch, rund 150 m lang und etwa 100 m breit Dort waren die Schlacken 
der früheren Blei- und Silberschmelze aufgeschüttet Die Halde war ein beliebten wenn auch nicht 
ganz ungefährlicher Spielplatz der Hütter Buben, Wir haben dort auch Schmelzreste von der Blei- 
Verhüttung gesammelt, die, stark mit Sand versetzt, überall hewmlagen. In einem alten Kübel ha- 
ben wir die Reste eingeschmolzen und dann (einigermaßen sauber) zur Aufbessenjng des Ta- 
schengeldes an Altwarenhändler verkauft. 

Die Halde wurde nach dem Zweiten Weitkrieg abgetragen und die Schlacken zum Deichbau nach 
den Niederlanden verkauft. 




Buchbesprechung 



AU<mar von Ledebur 

Waltraud Becker-Hammerstein, Werner Becker: Julius Israel Nassau. Juden in 
einer ländlichen Kleinstadt im 1 9. und 20. Jahrhundert- Verlag Karl-Heinz Bock Bad 
Honnef 2002, 304 Seiten, etwa 300 (z. T. farbige) Abbildungen, Preis 33.50 Euro ' 

ISBN 3-87066-857-1. 

Den Lesern des Heimatjahrbuches ist das Autorenpaar nicht unbekannt. 1999 erschien 
der Beitrag „Die Jüdische Cultusgemeinde Nassau-Dausenau" (Seite 29-41) und im Jahr- 
gang 2000 ein weiterer in Zusammenarbeit mit Peter Ax und dem Fotokünstler Jehuda 
Altmann „Zehn Häuser. Häuser jüdischer Familien in Nassau" (Seite 84-90) Beide Arti- 
kel entstanden aus einer Forschungsarbeit, die Waltraud Becker-Hammerstein und Wer- 
ner Becker vor Jahren begonnen haben. 

Der vorliegende Band ist das Ergebnis dieser Forschungen. Zur Zeit der Drucklegung 
dieses Heimatjahrbuches ist eine Ausstellung im Kreishaus Bad Ems in Vorbereitung in 
der das Buch der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll. 

Das Buch ist ein Beitrag zur Heimatgeschichte der Stadt Nassau an der l ahn und ih- 
res Umlandes, indem es die Schicksale der jüdischen Familien beschreibt und doku- 
mentiert, die bis in die Nazizeit hinein hier lebten. Zugleich versteht es sich als exem- 
plarische Darstellung jüdischer Lebenssituationen in einer ländlichen Kleinstadt 

Die Beschreibung der privaten Geschichte der etwa 30 Familien (oft von der Mitte des 
18. Jahrhunderts an) und des Schicksals ihrer Mitglieder in und nach der Nazizeit bildet 
den Kern des Buches. VenA^oben ist diese Darstellung mit der des Nassauischen Land- 
judentums, seiner Herkunft, seiner Ansiedlung in den Dörfern des Westerwaldes und des 
Taunus, seiner sozialen Stellung, seiner beruflichen Tätigkeit vor allem im Viehhandel. 

156 



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Eigene Kapitel sind den bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts lebendig gebliebenen Re- 
sten des Judendeutschen, den in der jüdischen Tradition verwurzelten Ruf- und Famili- 
ennamen und den religiösen Bräuchen gewidmet. Einbezogen ist schließlich die histo- 
rische Entwicklung im Deutschland des 20. Jahrhunderts (Antisemitismus und Gegen- 
wehr, Verfolgung, Vertreibung, Deportation und Emnordung während der Nazizeit Re- 
konstruktion des Novemberpogroms von 1938). 

Die Darstellung beruht auf der gründlichen Auswertung der einschlägigen Jahrgänge 
der Lokalzeitung und der verstreut erschienenen gedaickten Literatur, daneben auf Ge- 
spräche mit jüdischen und nichtjüdischen Zeitzeugen und - nicht zuletzt - auf eigenen 
(Familien-) Erinnerungen. 

Unter den benutzten Archiven sind insbesondere zu nennen: 

das Hessische Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden, das Landeshauptarchiv Rheinland- 
Pfalz in Koblenz, das Stadtarchiv Nassau/Lahn; daneben das Bundesarchiv in Berlin, 
das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München, das Hessische Staatsarchiv in Marburg, 
das Thüringische Hauptstaatsarchiv in Weimar, das Politische Archiv des Auswärtigen 
Amtes in Bonn, das Jüdische Museum in Frankfurt am Main und die evangelischen Ge- 
meindeämter in Nassau und in den umliegenden Gemeinden. 

Aufschlussreich für das Thema des Buches waren Meideregister, Steuer-, Bau- und 
Polizeiakten, Viehhandelsprotokolle, Volkszählungs- und Konsknptionsakten, Unterlagen 
über die Annahme erblicher Familiennamen, die rechtlichen und finanziellen Verhältnis- 
se der Israelitischen Kultusgemeinden, Schutzgeldzahlungen. Auswanderungen, die Is- 
raelitischen Lehrerseminare, schließlich Ausbürgerungs-, Entschädigungs- und Pro- 
zessakten (z.B. über den Ziviiprozess Nassauer Juden gegen den Völkischen Beobach- 
ter 1 926ff oder den Strafprozess zum Novemberpogrom von 1 938 in den Jahren 1 948ff). 

Dokumente, Fotos und Zitate aus den Akten sind so in die Darstellung eingebunden, 
dass der Erzählfluss, der sich am Schicksal der Menschen orientiert, nicht gestört, son- 
dern farbiger und lebendiger wird. Der lokale Bezug wird auch durch Hinweise auf den 
örtlichen Dialekt unterstrichen. Zugleich enthält das Buch bisher unbekanntes Material, 
das über den lokalen und regionalen Rahmen hinaus wichtig ist. 

Der Anhang enthält ein Literatur-Verzeichnis mit gut 200 einschlägigen Titeln. 

Mit diesem in vielfacher Hinsicht beispielhaften Buch wird ein wichtiger Schritt unter- 
nommen, eine noch immer große Lücke in der heimatlichen Literatur zu schließen. 

Die Verfasser: 

Waltraud Becker-Hammerstein M A. geboren 1940 in Nassau/Lahn, Studium der Ang- 
listik und der Germanistik in Marburg, Freiburg, Newcastle und München, 1965 bis 2000 
Lehrerin an Gymnasien in Ludwigshafen und Bonn 

Dr. Werner Becker, geboren 1938 in Nassau/Lahn. Studium der Geschichte und der 
Romanistik in Bonn und München, 1965 bis 1 968 Journalist in Mannheim, 1968 bis 2001 
Referent, seit 1990 Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Information im Sekre- 
tariat der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK)/Hochschulrektorenkonferenz 
(HRK) in Bonn 




0 



6 





, Der nationalsozialistische Wahnsinn 
bereitete dem harmonischen Zu- 
sammenleben auch in Nassau ein 
entsetzliches Ende. 

Wenigen Juden gelang es auszu- 
wandern, viele wurden deportiert 
und schließlich in Konzentrationsla- 
gern ermordet. Es gibt heute weder 
in der Stadt Nassau noch sonst wo 
im Rhein-Lahn-Kreis eine israelitische 
Gemeinde; die Nassauer Synagoge, 
die 1 938 geschändet, aber nicht zer- 
stört wurde, ist nach 1946 abgerissen 
worden. 



Waltraud Becker-Hammerstein und Werner 
Becker wurden beide in Nassau geboren. 
Seit vielen Jahren leben sie in Bonn. 

Waltraud Becker-Hammerstein studierte 
Anglistik und Germanistik in Marburg, Frei- 
burg, Newcastle und München und war von 
1963 bis 2000 als Lehrerin an Gymnasien in 
Ludwigshafen imd Bonn tätig. 

Werner Becker studierte Geschichte und 
Romanistik in Bonn und München. 1965 bis 
1968 arbeitete er als Journalist in Mannheim, 
von 1968 bis 2001 war er Referent - seit 



1990 Leiter - der Abteüung ÖflfentHchkeits- 

arbeit und Information im Sekretariat der 

Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK) / 

Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in 
Bonn. 



Am Donnerstag, 14. November 2002 
19.30 Uhr, veranstaltet der 
Rhein-Lahn-Kreis in der Reihe 
„ Gegen das Vergessen " 
ebenfalls im Großen Sitzungssaal 
des Kreishauses 
eine Autoreniesung mit 
Hildegard Möller-Meyer 

„Den Himmel 
mit Händen fassen" 

Musik: Odelia Lazar 



R H £ t N 




KULTUR 

IM KREISHAUS 
INSEL SILßERAU, BAD EMS 




GEGEN DAS VERGESSEN 
AUSSTELLUNG 

JULIUS ISRAEL NASSAU 



Im Rahmen seiner 

Veranstaltungsreihe 

„Gegen das Vergessen" 

präsentiert der Rhein-Lahn-Kreis 

Im Kreishaus, Insel Silberau, Bad Ems, 
Großer Sitzungssaal 
die Ausstellung 

Julius Israel Nassau 

Juden in der Stadt 
Nassau an der Lahn 
im 19. und 20. Jahrhundert 

von Waltraud Becker-Hammerstein M. A. 
und Dr. Werner Becker, Bonn 



Die Ausstellung ist geöffnet während der 
Dienststunden: 
12.-26. November 2002 
Dienstag und Mittwocin 8 - 16 Uhr 
Donnerstag 8 - 18 Uhr 
Freitage - 12 Uhr 
Samstag - Montag geschlossen 



Zur Eröffnung 
am Samstag, 9. November 2002 

19.30 Uhr 
lade ich Sie und Ihre Freunde 

herzlich ein. 

Ich freue mich, an diesem Abend 
die aus Nassau stammende 

Zeitzeugin Ellen Cohen 
aus Johannesburg/Südafrika 
begrüßen zu können. 

Den Vortrag zur Einführung 
haben freundlicherweise 
Frau Waltraud Becker-Hammerstein 
und Herr Werner Becker, Bonn, 
übernommen, 
deren Buchpublikation 

„Julius Israel Nassau. 
Juden in einer ländlichen Kleinstadt 
im 19. und 20. Jahrhundert" 
im Rahmen dieser Veranstaltung 
vorgestellt wird. 

Für den musikalischen Rahmen 
sorgt die Kreismusikschule. 



In langjähriger Arbeit haben Wal- 
traud Becker-Hammerstein und 
Werner Becker gemeinsam nach 
den Spuren jüdischen Lebens in ihrer 
Heimatstadt Nassau geforscht. Der 
zeitliche Rahmen setzt an mit dem 
Landjudentum des frühen 19. Jahr- 
hunderts, betrachtet die Entwicklung 
über Emanzipation und Assimilation 
der Juden und endet mit der Kata- 
strophe, der Vertreibung, der Depor- 
tation und der Ermordung der jüdi- 
schen Bevölkerung. Aus schriftlichen 
und bildlichen Dokumenten ent- 
stand ein eindrucksvolles Gesamtbild 
einer lebendigen israelitischen Ge- 
meinde, die fest in die Gesellschaft 
ihrer Zeit einbezogen war - eine Si- 
tuation, die durchaus exemplarisch 
für eine ländlich strukturierte Klein- 
stadt sein kann. 

Die jüdischen Bürger nahmen am 
kulturellen Leben ihrer Stadt regen 
Anteil, waren Mitglieder in allen 
möglichen Vereinen, und wenn es 
galt, im Notfall zu helfen, waren sie 
dazu gern bereit. 



Internet: 

www.rhein-lahn-info.de/kultur-kfeis2QQ2 



Kurt Schmidt 



Gegen das Vergessen 
Ausstellung 

Julius Israel Nassau - Juden In der Stadt Nassau an der Lahn 

im 19. und 20. Jahrhundert 
von Waltraud Becker-Hammerstein und Werner Becker 
Kreishaus, Insel Silberau, Bad Ems, Großer Sitzungssaal 



Sehr geehrter Herr Schmidt, 
sehr geehrte Frau Schmidt, 

liebe Ellen Cohen, 

liebe Veiwandte, Freunde, liebe Gäste, 

"Gegen dm Vergessen" - es ist in der Tat eindrucksvoll, mit welcher 
Beharrlichkeit der Rhein-Lahn-Kreis unter diesem Motto im Verlauf langer 
Jahre an unterschiedliche Aspekte der Nazi-Verbrechen in Deutschland und 
in Europa erinnert hat. Wir freuen uns, dasswir mit unserem Buch und mit 
unserer Ausstellung einen Beitrag zu dieser Reihe leisten dürfen. 

Das heutige Datum fordert zum Erinnern heraus: zum Erinnern an das, was am 
9. und 10. November 1938 in Deutschland geschah; an den von der Nazi- 
Partei und ihren Anhängern öffentlich inszenierten Pogrom gegen die 
deutschen Juden, an zerstörte Wohnungen und Geschäfte, an brennende 
Synagogen, an misshandelte, gedemütigte, entrechtete, ausgeraubte und in 
die Konzentrationslager verschleppte Menschen. Im Volksmund hieß das, 
durchaus distanzierend, "Reichskristallnacht". Die Nazis selbst nannten es 
"Judenaktion". Sie finden in der Ausstellung (und im Buch) eine 
handschriftliche Liste der Nassauer Juden, in der bei den Opfern des 10. 
November 1938 penibel das Wort "Judenaktion" eingetragen ist - darunter 
auch Sie, Ellen Cohen, und Ihre Familie; wir wissen, dassSie präzise 
Erinnerungen an diesen Tag haben und von den Ereignissen in Nassau ein 
authentisches Zeugnis ablegen können. Sie finden in der Ausstellung 
ebenfalls Kopien der Häftlings- oder Geldkarten derjenigen Nassauer Juden, 
die nach dem Pogrom nach Buchenwaid gebracht wurden, darunter Frau 
Cohens Vater Sally Israel. 

Warum erinnern an diesen Tag, immer wieder und immer noch? 1938 ist von 
dem Geburtsjahr unseres Enkels fest so weit entfernt wie der deutsch- 
französische Krieg von 1870/71 von dem unseren. Also sehr weit, soweit 
jedenfalls, dass es einer stichhaltigen Begründung für das Erinnern bedarf. 
Darüber ist, nicht nur an Tagen wie heute, viel gesagt und geschrieben 



1 



worden. Wir können das nicht wiederholen. Aus unserer persönlichen Sicht 
und aus der Erfahrung unserer Arbeit an diesem Thema wollen wir nur zwei 
Aspekte anführen. 

Oer Pogrom von 1938 war ein ungeheurer Bruch mit den bürgerlich* 

ziviliöatorischen Normen, die bis kurz zuvor in Deutschland gegolten hatten. 
Und er tand - unter den Bedingungen einer DHctatur - keinen öffentlich 
wirksamen Widerstand. Die Menschen schauten weg oder sie schauten, 
durchaus missbiiligend, zu, aber sie griffen nicht ein, übrigens auch die 
Vertreter der Kirchen nicht. Sie wurden zu Zeugen und damit, so hatten die 
Nazis diesen Probelauf der Gewalt angelegt, zu Mitschuldigen. Daher wurde 
der Pogrom eine Station auf dem Weg nach Auschwitz. Will heißen - unter 
den Bedingungen unseres demokratischen Rechtsstaats: Zivilcourage statt 
Wegsehen, Eingreifen statt Zusehen sind gefordert. Jeder von uns kennt 
Situationen, wo das angesichts individueller öffentlicher Gewalt gegolten hat 
und gilt. 

Der andere Aspekt: Opfer des Pogroms waren Menschen, denen Gewalt 

angetan wurde. Warum darf das nicht sein? Die Antwort auf diese Frage steht 
auf den Gesetzestafeln der Weitreligionen und am Anfang unserer Verfassung. 
Wir haben uns an Massenhunger, Massensterben, Massenmord, Massenraub, 
Massenvergewaltigung gewöhnt und stehen in Gefahr, den einzelnen 
Menschen darüber zu vergessen. Will heißen: Zynismus ist nicht erlaubt, die 
Rückbesinnung auf die Gesetzestafeln dringend nötig. 

Als wir vor etwa sechs, sieben Jahren mit unseren Recherchen über die 
alteingesessenen Nassauer Juden begannen, hatten wir zunächst nur die 
Nazizeit im Blick, vielleicht noch die davor liegende kurze Epoche der 
Weimarer Republik. Schnell stellte sich heraus: so geht das nicht. Die allen 
Historikern geläufige Frage "Was war davor?" drängte sich auf. Also: wie war 
das im Kaiserreich? Wie war das in der Mitte, am Anfang des 19. 
Jahrhunderts, in der deutschen Kleinstaaterei des 18. Jahrhunderts? Dort, in 
der Mitte des 18. Jahrhunderts, haben wir auf unserem Weg nach rückwärts 
schließlich Schluss gemacht. Die Quellenlage wurde zu kompliziert und - 
ganz banal - unser Zeitbudget reichte nicht aus. Vielleicht nimmt sich 
jemand anderer dieser Aufgabe an. immerhin haben Juden lange vorher in 
Nassau gelebt. Sie sehen in der Ausstellung eine Nassauer 
Bürgermeistenrechnung mit den Namen Mayer, Salomon und Schmui aus 
dem Jahr 1680 und ein Foto des ältesten Grabsteins auf dem jüdischen 
Friedhof für Jaakov bar Meir Segal aus dem Jahr 1738. Also, da ist noch viel 
zu tun, und wir können jedem Aspiranten versichern: es macht Spaß. 

Auch geografisch wollten wir uns ursprünglich beschränken: auf Nassau, die 



Stadt Nassau wohlgemerkt, nicht das gleichnamige Herzogtum. Das klappte so 

wenig wie die zeitliche Begrenzung. Als Nassau in der zweiten Häfte des 19. 
Jahrhunderts expandierte und das arme Hinterland die wachsenden Familien 
nicht mehr ernährte, kamen Zuwanderer aus dem Taunus und aus dem 
Wssteiwald in die Stadt, darunter auch jüdische: Landaus, Goldschmidts, 
Mühlsteins aus Singhofen, Grünebaums aus Kehlbach. Löwenbergs aus 
Geisig, andere aus Dierdorf, Mogendorf, Wilmenrod, Frickhofen, Ellar. Zu 
unserer Schande müssen wir gestehen, das wir manchen dieser Ortsnamen 
vorher noch nie gehört hatten. Das musste also einbezogen werden. Bald 
waren wir mittendrin in der Geschichte der Nassauischen Landjuden. Sie 
waren, wie anderswo im alten Deutschen Reich auch, im 16. und 17. 
Jahrhundert aus den großen Städten vertrieben und in den Dörfern der oft 
winzigen Territorialherrschaften - gegen Geld natürlich - aufgenommen 
worden. Wir lasen vom kargen Leben auf dem Land, vom Viehhandel, vom 
zähen Festhalten an jüdischen Traditionen unter widrigen äußeren 
Umständen. Im Buch haben wir das breiter dargestellt, aber auch in der 
Ausstellung finden Sie Dokumente zu diesen Themen. 

Wie das bei einem Städtchen wie Nassau nicht anders sein kann, sind 
Menschen nicht nur zu-, sondern auch abgewandert, in größere Städte, nach 
Übersee. Armut und Unterdrückung haben im 19. Jahrhundert dabei eine 
Rolle gespielt, später das Streben nach sozialem Aufstieg, der Drang in die 
akademischen Berufe. Das galt für Nichtjuden ebenso wie für die Söhne und 
Töchter der Landjuden. Auch diesen Ab- und Auswanderern haben wir 
nachgespürt, nicht immer mit Erfolg. Mancher und manche ist uns auf dem 
Weg gewissermaßen verloren gegangen. Dennoch finden Sie in der 
Aussteilung ein paar signifikante Beispiele. Daswar wohigemerkt vor 1933. 
Die von den Nazis erzwungene Flucht war von anderer Art. Es ist uns, von 
ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, gelungen, die Lebenswege der 
Nassauer Juden, auch in den jeweiligen Fluchtländern nachzuzeichnen und 
zu dokumentieren. 

Zwei Erfahrungen, die wir bei unserer Arbeit über die Nassauer Juden 
gemacht haben, wollen wir noch mitteilen. Es sind positive Erfahrungen, 
Erfahrungen, die uns bereichert und Freude gemacht haben. 

Die erste: wir haben Menschen entdeckt. Das muss erklärt werden, zumal der 
Ausgangspunkt eher unerfireulich ist Die Menschen, für die wir uns 
interessierten, waren nicht nur vertrieben oder ermordet, sondern auch 
vergessen worden. Dieses Vergessen hatte etwas Unnormales, Zwanghaftes, 
etwa nach dem Motto; 1. ist garnichts passiert; 2., wenn doch, dann waren es 
die anderen; 3. wir haben nichts gewusst; 4., wenn doch, haben wir nichts 
gesehen; und 5., wenn doch, konnten wir ja nichts machen. Man kann das 

3 



beliebig abwandeln oder fortsetzen. Wir erinnern uns an einen 
Gesprächspartner In Nassau, der zunächst versicherte, er könne sich an nichts 
und niemanden erinnern, auch nicht an seine langjährigen jüdischen 
Nachbarn. Als wir von einer öffentlichen Misshandlung in der Nazizeit 
erzählten und den Namen des Opfere enA^ähnten, sagte er spontan: Das war 
nicht der Leo, das war der Max Grünebaum. Ach so! 

Nicht nur die Generation derer, die in den 1920er und 1930er Jahren in 
Nassau lebten, wurde vergessen, sondern erst recht ihre Vorfahren. Das geht 
weit über die übliche Geschichtsverdrossenheit hinaus. Bei mancher 
lokalhistorischen Arbeit, bei mancher Stadt-, Firmen- oder Vereinsgeschichte, 
auch bei mancher Stadtführung hat man den Eindruck, der Autor oder Redner 
habe akrobatische Ven-enkungen vollführen müssen, um jüdische Spuren 
nicht zu sehen oder nicht mitzuteilen. Die Erinnerung an die jüdischen Vieh- 
und Kramhändler, Metzger und Handwerker ist ausgelöscht, als hätte es sie 
nie gegeben. Es hat sie aber gegeben: die Mayer Hirsch, Feist Israel und 
Israel Feist, Seligmann Levi und Levi Seligmann, Abraham Moses, Sender 
Löb, Aron Stein, Falk Israel. Und ihre Frauen nicht zu vergessen, die Kunetle 
und Hendel, Breinie und Byssel, Gütle und Veigel, Frummet und Cheiche 
hießen - Namen, die uns so fremd klingen, wie sie den damaligen christlichen 
Nachbarn geläufig waren. 

Um an diese Menschen zu erinnern, sind elf der 20 Kapitel unseres Buches 
eigens dem Schicksal von insgesamt etwa 30 Nassauer jüdischen Familien 
gewidmet, und aus dem gleichen Grund beginnt die Ausstellung mit Fotos 
aus ihrem Familienalbum. Sie werden schnell sehen, dass essich dabei nicht 
um Prominente handelt, um Geistes- oder Finanzgrößen, um Mendelssohns, 
Rothschilds oder Einsteins. Wir berichten von einer kleinen Welt, von kleinen 
Verhältnissen, von "kleinen" Leuten, wie sie eben in die Sozialgeschichte 
einer ländlichen Kleinstadt gehören. Immer wieder hat uns das imponiert: die 
Einordnung in die kleinstädtische Gesellschaft mit ihren Konflikten und ihrer 
Solidarität, mit ihrem Konkurrenzkampf und ihrer Geselligkeit, mit 
Lebensumständen, die nur mit Fleiß, Tapferkeit und Selbstbeschränkung zu 
meistern waren. Julius Israel z.B. verkörperte all das, und darum ist er der 
Titelheld unseres Buches und der Namensgeber dieser Ausstellung. Diese 
Welt zu eri^unden und die Menschen, die in ihr lebten, zu beschreiben, hat 
uns Spaß gemacht. Wir hoffen, dass die Leser unseres Buches - wir wünschen 
uns natürlich viele Leser - unsere Freude teilen. 

Die zweite Erfahrung; sie kann uns Mut machen. Wir wurden uns bei der Arbeit 
plötzlich bewusst, dass es im Zusammenleben von Juden und Nichtjuden vor 
der Nazizeit so etwa wie Normalität, verlässliche Nachbarschaft, 

Kameradschaft und Kollegialität gegeben hat, und das über sehr lange 



Zeiträume. Keine Idylle, weiß Gott nicht, kein Mangel an Vorurteilen und 
Konflikten, aber doch die Beachtung von zivilisierten Regeln im 
Zusammenleben. Die Menschen auf dem Land, Juden und Nichtjuden, waren 
im 18. und 19. Jahrhundert in der Regel arm und unfrei (und zwar 
gemeinsam), genossen gemeinsam die politischen Freiheiten und die 
sozialen Chancen des 2. Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Das 
verband sie mehr, als es sie trennte* 

Die Gleichberechtigung, nach einem harten und bitteren Kampf von der 

jüdischen Minderheit schließlich erreicht, ihr immer wieder geleisteter Einsatz 
zum Wohl des Gemeinwesens, ihre Beiträge zur wirtschaftlichen Prosperität, 
zur Kultur und zur Lebensqualität in der kleinen Stadt bildeten ein tragfähiges 
Fundament für eine Erfolg versprechende Entwicklung. Die Sektion "Deutsche 
Staatsbürger jüdischen Glaubens" unserer Ausstellung und die 
entsprechenden Kapitel im Buch zeigen Beispiele für das vielfältige 
gedeihliche Miteinander und beweisen die Fruchtbarkeit der Zusammenarbeit 
von Menschen mit unterschiedlichen Traditionen und Lebensweisen. Selbst 
in Zeiten wirtschaftlicher und politischer Krisen waren die meisten Menschen 
bereit, die Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Obwohl es 
Störenfiriede gab, die Probleme auf Kosten anderer lösen wollten und bei 
Minderheiten Sündenböcke suchten, blieb bei einer großen Mehrheit die 
Achtung vordem Nachbarn, der Respekt vor seiner Leistung, die Schul- oder 
Vereinsfreundschaft bestehen. Dasses eine Ausgrenzung, Verfemung, 
Entrechtung, schließlich sogar die Vernichtung dieser mit ihrer Heimat 
verwachsenen Nachbarn geben könnte, erschien den meisten undenkbar. 
Dass es diesen Zusammenhalt - der sich freilich am Ende als zu schwach 
erwies - einmal gegeben hat, gehört zu den schönsten Entdeckungen unserer 
Arbeit.. 

Die Juden, die einen größeren sozialen Nachholbedarf hatten als andere, 
glaubten, sich auf Recht und Gesetz, auf die Integration in die 
Mehrheitsgesellschaft, auf eben diesen Zusammenhalt verlassen zu können, 
und sie hatten ein Recht auf diesen Glauben. Wir Heutigen, die wissen, dass 
es in einer Katastrophe endete, sollten die Hoffnung und die Lebenskraft, die 
sich darin manifestierten, nicht als Fehleinschätzung und Illusion abtun. Wir 
sollten die Geschichte in der richtigen Reihenfolge erzählen. Darum steht als 
Motto Ober unserem Buch ein Satz der israelischen Historikerin Shulamit 
Volkov: "Es wäre eine Verfälschung unserer Aufgabe, wenn wir die Geschichte 
der Juden in Deutschland verstehen wollten, als hätte sie nicht in einer 
Katastrophe geendet. Dennoch wäre es ein Fehler, in den entgegengesetzten 
Irrtum zu verfallen und diese Geschichte als Einbahnstraße in die 
Vernichtung zu rekonstruieren". 



Wir wi86en, dass es in einer Katastrophe endete. Wir haben in unserem Buch 

(und in wenigen Beispielen auch in der Ausstellung) den Weg dorthin 
nachgezeichnet: den nniiitanten Antisemitismus der Nazis in der Weimarer 
Republik, den Fanatismus ihrer Anhänger, die Diskriminierung, Verfolgung, 
Enteignung, Vertreibung der jüdischen Minderheit seit 1933 und schließlich 
den Weg nach Auschwitz. Unser Buch ist dem Andenken der 80 Menschen 
gewidmet, die in den Umkre» der hier erzählten Geschichte gehören und die 
in den Konzentrationslagern der Nazizeit getötet wurden. Angesichts dessen 
ist der Satz von Shulamit Volkov einer, der sich zwar auf die Vergangenheit 
bezieht, aber in die Zukunft weist, ein Satz der (Hoffnung, ein Satz zum 
Mutmachen. Die Geschichte, auch die Geschichte unserer Bundesrepublik 
hat viele Beispiele dafür: was einmal im Positiven möglich war, kann wieder 
möglich sein, wenn wir uns unserer Verantwortung bewusstsind und - wenn wir 
nicht vergessen. 

Zum guten Schluss haben wir noch Dank abzustatten. Wir danken Ihnen, Herr 

Schmidt, dafür, dass diese Ausstellung möglich geworden ist; wir danken Ihren 
Mitarbeitern Detlef Oster und Dr. Aikmar von Ledebur für die Hilfe bei der 

Organisation und beim Aufbau; 

wir danken unseren Freunden Dorothee Brown und Peter Ax für die 

unermüdliche Hilfe in allen Phasen unseres Projekts; wir danken vielen, vielen 
Menschen für Informationen, Hinweise, Dokumente, Fotos - sie werden uns 
nachsehen, dass wir hier nicht alle nennen können und dass wir stellvertretend 
der Altesten unter ihnen, unserer langjährigen Freundin Frau Paula Ax, 
geborene Bret^ler, hier den Dank abstatten; 

wir danken den ehemaligen und heutigen Nassauer Bürgerinnen und Bürgern 
und zahlreichen Institutionen für Druckkostenzuschüsse, die das Erscheinen 
des Buches in dieser Form möglich gemacht haben; wir danken dem Verlag 
Karl Heinrich Bock, der das Buch verlegt hat; 

wir danken Ihnen, liebe Ellen Cohen, dass Sie zu uns gekommen sind und 
dass Sie anschließend zu uns sprechen werden - übrigens: der kleine braune 
Umschlag, mit dem Sie uns ein Tonband mit Ihren Nassauer Erinnerungen 
geschickt haben und mit dem unsere Bekanntschaft begann, haben wir in 
einer der Vitrinen ausgestellt; 

und last but not least danken wir Ihnen allen, dass Sie hierher gekommen sind 
und uns zugehört haben. 



6 



Kurz & bündig 



Gegen das Vergessen 

Im Rahmen der Veranstaltungsrehe „Gegen das Vergessen" 
ist vom 12. bis 16. November im Kreishaus in Bad Ems die 
Ausstellung „Julius Israel Nassau - Juden in der Stadt Nas- 
sau an der Lahn im 19. und 20. Jahrhundert" zu sehen. Die 
Ausstellung wird am Samstag. 9. November. 19.30 Uhr. 
eröffnet. 



/ 



Ausstellung gegen das Vergessen 



T?HEIN-LAHN. „Julius Israel 
Nassau - Juden in der Stadt 
Nassau" ist das Thema einer 
Ausstellung im Kreishaus in 
Bad Ems. Waltraud Becker- 
Hammerstein und Dr. Werner 
Bieck^r haben sich mit der Ge- 
schichte der Juden im 19. und 
20. Jahrhundert in der Stadt an 
dettahii beschäftigt. ImRah- 
inen der VeranstaltungsreUie 
des fihein-Lahn-Iü:eises «Ge- 



gen das Vergessen", werden 
die Ergebnisse der Nachfor- 
schungen am Samstag, 9. No- 
vember, um 19.30 Uhr im gro- 
ßen Sitzungssaal des Kreis- 
hauses zu sehen sein. Für den 
musikafischen Rahmen wird 
die Kreismusikschule sorgen. 
Die Ausstellimg kann, danach 
v0m 12. bis 26. November 
während der Dienstzeiten be- 
suchtwerden. 



Nichts 
vergessen 

Gespräch mit Schülern 

y 

NASSAU. Die m Südafrika le- 
bende Zeitzeugin Ellen Co- 
hen, die als Kind von den Na- 
tionalsoziaüsten aus Nassau 
vertrieben wurde, spricht am 
Dienstag, 12. November, 9.30 
Uhr, in der Aula des Nassauer 
Schulzentrums mit Schülern 
über ihre schreckUchen Erleb- 
lüsse. Ellen Cohen hat die 
Reichspogromnacht am 10. 
November 1938 in Nassau in 
ihrer scheufiUduKenForm mit* 
erlebt. Bereits äm heutigen 
Samstag, 9. Nov^ber,r,|9.30 
Uhr, ist sie Gast bei eiä^ Aus- 
stellungseröffflun^ in>4er.Rei* 
he „ Gegen das Vergesseil" im 
Bad ^isißr ICreishAUS. Die 
Ausstellung beschäftigt sich 
mit Julius I$rael Nassau uiid 
dem Thema Juden in der 
Stadt Nasisau an der Lahn im 
19. und20. Jahrhtmdert\ 



Seite 16 











N-LAH 



Nazi-Verbrechen nicht vergessen 

Ausstellung und Autorenlesung im Kreishaus in Bad Ems- Judentum in Nassau - Zeitzeugin kommt aqs Südafrika 



Seit 15 Jahren gehört die Ver- 
anstaltungsreihe „Gegen das 
Vergessen" zum festen Be- 
stand des Kulturprogramms 
der Kreisverwaltung. Jahr für 
Jahr erinnert die Veranstaltung 
an die Verbrechen des Natio- 
nalsozialismus. Fünf Ausstel- 
lungen, sechs Lesungen/zwei 
TheaterauffOhrungen und sie- 
ben Konzerte gab ^ bisher - 
und auch in diesem lahre giU 
es Veranstaltungen. 

RHEIN-LAHN. Jedes Jahr tritt 
der Rhein-Lahn-Kreis gegen 
die „Vergesslichkeit" in der 
Gesellschaft an, diesmal mit 
der Ausstellung « Juliiis Israel 



Nassau - Juden in der Stadt 
Nassau an der Lahn im 19. und 
20. Jahrhundert" . Sie wird von 
Landrat Kurt Schmidt am 
Samstag, 9. November, um 
19.30 Uhr im Kreishaus Bad 
Ems eröffnet. Zur Ausstel- 
lungseröffnung kommt auch 
die aus Nassau stammende 
Zeitzeugin EUen Cohen aus 
Johannesburg (Südafrika). 

In langjähriger Arbeit ha- 
ben Waltraud Becker-Ham- 
merstein und Werner Becker 
gemeinsam nach den Spuren 
jüdischen Lebens in ihrer Hei- 
matstadt Nassau geforscht. 
Der zeitüche Rahmen setzt an 
mit dem Laadjudeatum des 



frühen 19. Jahrhunderts, be- 
trachtet die Entwicklimg über 
Emanzipation imd Assimila- 
tion der Juden imd endet mit 
der Katastrophe, der Vertrei- 
bung, der Deportation und der 
Ermordung der jüdischen Be- 
völkerung. Aus schriftlichen 
und büdhchen Dokumenten 
entstand ein eindrucksvolles 
Gesamtbild einer lebendigen 
israeüüschen Gemeinde, die 
fest in die Gesellschaft ihrer 
Zeit einbezogen war - bis Hit- 
ler an die Macht kam. 

Wenigen Juden gelang es 
auszuwandern - viele wurden 
deportiert und schheßhch in 
Konzentrationslagern ermor- 



det. Es gibt hieute weder in der 
StadtNassaunochsonstwoün ^ 
Rhein-Lahn-Kreis eine israeli- 
tische Gemeinde. 

Waltraud Becker-Hammer- \ 
stein xmd Werner Becker wur- ; 
den beide in Nassau geboren, j 
ebenso wie Ellen Cohen. Sie | 
entstammt einer alteingeses- 
senen jüdischen Familie. Sie 
ist die Großnichte von Julius 
Israel, also des Titelhelden des ; 
Buches xmd der Ausstellung, \ 
wozu sie Erinnerungen und} 
Fotos beigesteueithat | 

Zu einer Lesung mit Hilde- 
gard Möller-Meyer lädt der,* 
Kreis für Donnerstag, 14. No-j 
vember, um 19.30 Uhr in den 



Großen Sitzungssaal ein. Der 
Roman „ Den Himmel mit Hän- 
den fassen" schildert die Be- 
gegnungen einer deutschen 
Frau mit einem israehschen 
Journalisten, da: sie durch 
sein Heimatland begleitet und 
führt. Der Reisebericht ist der 
Rahmen für die Auseinander* 
Setzung mit der Vergangen- . 
heit, insbesonde^ mit dem j 
Schweigen der Generation, 
die das Dritte R^ch bewusst 
erlebt hat. Oddia Lazar, die 
die Lesung musikalisch be- 
gleitet, spielt an diesemAbend 
an^ Klavier und auf der Zieh- 
harmonika und singt dazu is- 
raelische Lieder. 



Lokales 




Hoteliers greifen nach den Sternen 

Für Hotelbetriebe ist die Vergabe von „Sternen'' ein wichti* 
ges Kriterium, was Preise und Kundenfrequenz anbelangt. 
Um die Attraictivität der Region Mittelrhein zu steigern, sol- 
len die dortigen Hoteliers möglichst schnell nach eben jenen 
Sternen greifen. Diverse Leistungen werden nach einem 
ausgeklügelten Punktesystem bewertet. ^ Seite 15 

An die Juden in Nassau erinnern 

Die Ausstellung Julius Israel Nassau - luden in der Stadt 
Nassau an der Lahn im 19. und 20. Jahrhundert" im Kreis- 
haus zeigt die Geschichten jüdischer Mitbürger. Mehr als 
sechs Jahre lang trugen das Ehepaar Waltraud Becker-Ham- 
merstein und Werner Becker Infos zusammen. ► Seite 19 



RL104 




Seite 19 



Stark verwurzelt in N 



au 



Ausstellurigseföffnung im Kreishaus: Juden in Nassau im 19. und 20. Jahrhundert 



»Wie überall im Reich, so setz- 
ten auch in Nassau und Umge- 
bung Vergeltuns^mafinahmen 
an jüdischen Häusern und 
Wohnungen für den feigen Pa- 
riser IMeuchelmord ein. Die Ak- 
tion war um 8 Uhr abends 
beendet", schrieb der Nassau- 
er Anzeiger am 11. November 
1938. Hinter dieser euphemi- 
stischen Formüllerung steht 
der Pogrom gegen die deut- 
schen Juden am 9. und 10. No- 
vember 1938: brennende Sy- 
nagogen, ausgpraubte und 
entrechtete Manschen, die in 
Konzentrationslager gebracht 
wurden - auch im Rhein-Lahn- 
Kreis. 

BAD EMS/NASSAU. Die Aus- 
stellung „Julius Israel Nassau 
- Juden in der Stadt Nassau an 
der Lahn im 19. und 20. Jahr- 
hundert" im Kreishaus zeigt 
die Geschichte und Geschich- 
ten jüdischer Mitbürger im 
Raum Nassau, Mehr als sechs 
Jahre lang trugen hierfür das 
Ehepaar Waltraud Becker- 
Hammerstein und Werner Be- 
cker Inlonnationen zusam- 
men, die auch in einem kürz- 
lich erschienenen Buch ge- 
fasst wurden. Zur Eröffnung 
der Ausstellung betonte Land- 
rat Kurt Schmidt die Notwen- 
digkeit des Ennnems vor al- 
lem mit Bück auf heutige Dis- 
kussionen über Antiseimtis- 
mus III der Öffentlichkeit. 

Begrüßen durfte er Ellen 
Cohen. Sie ist fast die einzige 
Überlebende der jüdischen 
Gemeinde in Nassau und lebt 
heute in Südafiika, Im Alter 
von zehn Jaliren erlebte sie die 




rr^allS^^'l ^""f n' ^^«»"'f' !f ^ Ausstellung. Hier im Gespräch mit Eden Cohen (Mitte), die 
GroSnichte des Julius Israel. ■ Foto: Jürgen Heyden 



Ausschreitungen gegen ihre 
Familie und die jüdischen 
Nachbarn in Nassau. An dem 
besagten Tag wanderten sie 
und ihre Famihe durch die 
Weinberge von Dausenau. 
Aus Angst in die Stadt zurück- 
zukehren suchten sie Zuflucht 
hei Bekannten. Ihr Vater v^ur- 
de kurze Zeit später nach Bu- 
chenwald deportiert. Dort 
überlebte er jedoch und flüch- 
tete anschließend nach Afrika. 
Ellen Cohen und ihre Mutter 
kamen kurze Zeit später nach. 

Fremde waren Ellen Co- 
hens Famihe und deren jüdi- 
schen Nachbarn in Nassau je- 
doch nicht gewesen, so erga- 
ben die Nachforschungen des 
Ehepaars Becker. Sie berich- 
ton von emer Nachbarschaft, 
die zwar keineswegs konfükt- 
oder vorurteilsfrei war. Jedoch 
hatte man zusammen die Un- 
freiheit und Armut unter den 
dutoritdren Strukturen im 18 
und 19. Jahrhundert durch- 



lebt, und die jüdischen Mit- 
bürger beteihgten sich rege 
am Nassauer Vereins- und 
StadÜeben. Man lebte mitein- 
ander. 

Dies ist in der Ausstellung 
unter der Abteilung „Deut- 
sche Staatsbürger jüdischen 
Glaubens " dokumentiert. 
„Dass es diesen Zusammen- 
halt - der sich freihch am Ende 
als zu schwach erwies - einmal 
gegeben hat " , so Waltraud Be- 
cker-Hammerstein, „ gehört 
zu den schönsten Entdecktui- 
gen unserer Arbeit." Eine 
zweite Entdeckung der Be- 
ckers waren Menschen. Ihnen 
sind elf der Kapitel des Buches 
und der erste Teil der Ausstel- 
lung gewidmet. Gemeint ist 
hiermit, dass es sich bei den jü- 
dischen Familien nicht um In- 
tellektuelle oder Finanzgenies 
handelte, sondern um Men- 
schen in der Nonnaütät der 
kleinbürgerhchen Gesell- 
schaft* Die Familienalben 30 



jüdischer Famihen belegen 
dies. 

Die Verkörperung dieser 
Entdeckxmgen ist ein Mann 
namens JuÜus Israel. Er lebte 
seit den 1880er Jahren in Nas- 
sau. In der „Hinnergass " , spä- 
ter in der Amtsstraße, betrieb 
Israel ein Haushalts Warenge- 
schäft und sprach einen aus- 
geprägten Nassauer Dialekt, 
„Erwarjasoverwurzeh." sag- 
te eine Zeitgenossin über ihn. 
Als er und seine Frau im Fe- 
bruar 1939 im Zug Richtung 
Bad Godesberg saßen, ver- 
kündete der Bürgermeister, 
Nassau sei nun „judenfrei". Er 
hat der Ausstellung und dem 
Buch seinen Namen gegeben 
und ist eine der Hauptfiguren. 

Musikahsch begleitet wur- 
de die Eröffnung von Miriam 
Merz imd Werner Honig. Sie 
spielten vierhändig am Kla- 
vier die „Sonate in D" von 
Wolf gang Amadeus Mozart. 

Lisa Krausbeck 





S- 

f- 
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a. 





; i^i#^ep das Vergesseri" i gen una sieben JKorizeitd' *^®^'^ 

hat in Rheinland-Pfalz machten Gegep 4^ Ver- SclSi3iät''^ ?^tofe* | 

mid darüberltiriaus große ' gessen" fiir alk^Ä»^ ! 

BeacHtUng vorgefunden, Kreisbauses imSIE^ ™^ ^ 

weil dipse Veranstaltun- «t^JT^^ * Ems/B^ AüMun|ser- i 

jen J^. JU^ Jah^ an die ^2? -iT^ i 
^VerbrMshen d^s National- Ai»p>in tteseta^^jOTT'^^ Na^^ 
sozialisrnus erinneir^. Ins- der fülein^^ÄW-Kteis gei ZdtxeügiH '''^ 



sozialisrnus e^nneinp. ...^ 

gesamt fünf Au^pluh- geri di^'f Y^gessli(^ii''| 
gen, sechs Lesungen, in der GesieUVchaft an. Die "afrikaT^^ 



etlde 




W ' ^ , ' - .. , _ . _ 44i(, AXVUi 1 

Ausstellung Jwlius IsrsS^t toitseöBii^^ J. 

Darii 



OKALANZEIGER 




Ute ein Temiin 
Verden. Fur die 
I des* ^heuen 
cbeins wird ii- 
in Höhe von 

erteilt ^^yhtich 
r Von der 
Itung Rhein- 

ii503/9'; 18. 



iste 
I ein 



Fortsetzung; 



Gegen das 

Vergessen 



t und Schlacht- 
; Lokalanzeiger 



In langjähriger Arbeit haben 
Waltraud Becker-Hammer- 
stein und Werner Becker 
gemeinsam nach den Spu- 
ren jüdischen Lebens in ih- 
rer Heimatstadt Nassau ge- 
forscht. Der zeitliche Rah- 
men setzt an mit dem Land- 
j udenlum des frühen 1 9. 
Jahrhunderts, betrachtet die 
Entwicklung über Emanzi- 
pation und Assimilation der 
Juden und endet mit der Ka- 
tastrophe, der Vertreibung, 
der Deportation und der Er- 
mordung der jüdischen Be- 
völkerung. Aus schriftli- 
chen und bildlichen Doku- 
menten efitstand ein ein- 
drucksvolles Gesamtbild ei- 
ner lebendigen israeliti- 
schen Gemeinde, die fest 
in die Gesellschaft ihrer Zeit 
einbezogen war - eine Si- 
tuation, die durchaus exem- 
plarisch für eine ländlich 
strukturierte Kleinstadt sein 
kann. Die jüdischen Bürger 
nahmen am kulturellen Le- 
ben ihrer Stadt regen Anteil, 
waren Mitglieder in allen 
möglichen Vereinen, und 
wenn es galt, im Notfall zu 
helfen, waren sie dazu gem 
bereit. Der nationalso^ali- 
stische W^msiim bereitete 
dem harmonischen Zusam- 
menleben auch in Nassaiu 
ein entsetzliches Ende. We- 
nigen Juden gelang es aus- 
zuwandern, viele wurden 
deportiert und schließlich in 
Konzentrationslagern er- 
mordet. Es gibt he;ute weder 
in der Stadt Nas^u noch 
sonst wo im Rhein-Lahn- 
Kreis eine israelitische Ge- 
meinde; die Nassauer Syn- 
agoge, die 1938 geschändet, 
aber nicht zerstört wiude, 
ist nach 1945 abgerissen 



worden. Waltraud Becker- 
Hammerstein und Werner 
Becker wurden beide in 
Nassau geboren. Seit vielen 
Jahren leben sie in Bonn. 
Waltraud Becker-Hammer- 
stein studierte Anglistik und 
Germanistik in , Marbij^g, 
Freiburg, Newcastle und 
München und war von 1965 
bis 2000 als Lehrerin an 
Gymnasien in Ludwigsha- 
fen und Bonn tätig. Werner 
Becker studierte Geschichte 
und Romanistik in Bonn 
und München. 1965 bis 
1968 arbeitete er als Jour- 
nalist 'in Mannheim, von 
1968 bis 2001 war er Refe- 
rent - seit 1990 Leiter - der 
Abteilung Öffentlichkeits- 
arbeit und Information im 
Sekretariat der Westdeut- 
schen Hochschulrektoren- 
konferenz (HRK) in Bonn. 
Ei ne Lesung veranstaltet 
der Kreis dann am Don- 
nerstag, 14. November. 
19.30 Uhr, ebenfalls im 
Großen Sitzungssaal mit 
Hildegard Möller-Meyer. 
Titel der Lesung: „Den . 
Himmel mit Händen fas- 
sen". Die Verans^tung 
wird rausikaliscj) , begleitet 
von Odilia LazaK Der Ro- 
man „Den Himmel mit Hän- 
den fassen" schildert die 
Begegnungen ei»er deut- 
schen Frau mit dnem isr 
raeUschen Journalisten in 
Israel, det' sie durch se^n 
Heimatlai^d begleitet und 
führt; Der Reisebericht ist 
d^ Rahmen für die Aus- 
einandersetzung mit der 
Vergangenheit, insbesonde- 
re nüt dem Schweigen der 
Generatidn, die das Dritte 
Reich bewusst erlebt hat 



II Jt'j ' 



1 




Dies muss wohl MissfeHen bei BOrgermeister Jäger erregt haben, denn unter die näch- 
ste Statistik-Meldung 1 941 setzt Sophie Sdilaadt nur das offizielle Dienstsiegel. Ein Jahr 
(1942) später lässt sie den Namen ganz weg, setzt nur »Vdksschule" ein und icein Sie- 
gel unter das Doloinrient. In der MeMung vom No\mnto 

le auch nicht von der Hand Sophie Schlaadts eingesetzt, sondern mit Schretkimaschi* 
ne. 

Nach Kriegsende verschwindet der neue Name sang- und Iclanglos, wofür Sophie 

Schlaadt sorgen konnte, da sie zu den Lehrkräften zählt, die von der französischen Be- 
satzung im Amt belassen werden. 

Bleibt zu ergänzen, dass sich der Name „Hans-Schemm-Schule" in der Oberlahnsteiner 
Bevölkerung in keiner Weise festgesetzt hat. Auch ältere Zeitgenossen, die in jenen Jah- 
ren die Schule besuchten, zucken bei dem Namen mit den Schultern. Die Schule war, 
ist und bleibt für sie immer die „K-W-Schul". 

Nachsatz: 

Etwa 1990 startete ein Lahnsteiner Kommunalpolitiker eine „Sommerloch"-lnitiative: 
Öffentliche Gebäuden sollten Namen erhalten und die Kaiser-Wilhelm-Schule sollte ei- 
nen .moderneren' Namen bekommen. Der Verfasser - zu jener Zeit Leiter der Schule - 
wandte sich mit Erfolg dagegen. Wenn auch Kaiser Wilhelm II., der Namenspatron aus 
dem Jahr 1 906, nicht zu den Lichtfiguren der Geschichte zählt, so ist er doch Teil unse- 
rer Geschichte, mit der wir leben, um aus ihr zu lernen, getreu dem l^tto; Vergangen- 
heit enUedcen - Gegenwal verstehen - Zul(unft gestalten. 

' Da die preußische Regierung sehr auf den konfessionellen Proporz achtet, soll die Stelle mit ei- 
nem Protestanten besetzt werden. Hiergegen erhebt s/cft in Ob&ISihnstGin kein Widerstand. 
^ Querelen gibt es nur um die Person des i<andidaten. 

^ Volksschullehrerin 

* Die Demtyacher Schwestern hatten bereits im 19. Jahrhundert in Oberlahnstein eine Mädchen- 
schule betrieben, die sie im Zuge des Kulturkampfs 1877 aufgeben mussten. Von Privaten über- 
nommen ging sie in städtische Trägerschaft. 

' StA Akten der Stadtverwaltung betn Volksschule, Nr 4c; Jägers ausführliche Begründung vom 6. 
4. 39 auf Nachfrage des Regierungspräsidenten vom 29. 3. 39 

• Hans Schemm, geb. am 6. 10. 1891 in Bayreuth als Sohn eines ScN^tmachers, wurde Vc^ks- 
schullehrerundiemte 1923 Hitler kennen; gihndete schon 1925 d^NßDAP-Ortsgnjppe Bayreuth; 
fanatischer Judenhassen guter Redner und ge¥rienBrT^^ 1^ GaiMter der heutigen Re- 
gtentngsbedrlm Oberfrmken, Oberptelz und Mederbs^em, Leiter des NationaisfxmHs^chen 
Lehmrbundes, 1933 konmbsatfscher KM^minb^. Schemm kmn am 5. 
Flugmigabstuaunts Leben. Ermmte Legend /x)disfliSsterf zum^gu^ 



134 



■ |T ][ g| Wc^ [j^qU 2oo^ 



Rücidcehr in die Sprache der Kindheit 

Ellen Cohen, geb. Israel, in Nassau und Bad Ems, 
8.-13. November 2002 

Walüaud BfKdm-Hmmierstein, mmerBe<^ 

Wir hatten uns nie zuvor gesehen und erkannten uns sofort; wir hatten nur Briefe ge- 
wechselt In den vergangenen Jahren und gelegentlich telefoniert, und doch begann oh- 
ne Ül)ergang ein intensives Gespräch, das in den nächsten Tagen nicht mehr abriss. Der 
nächtliche Flug von Johannesburg nach Frankfurt war anstrengend gewesen, der Ser- 
vice enttäuschend, aber Ellen Cohens Stimme klang kein bisschen müde. Unsere Sor- 
gen wegen des dichtgedrängten Programms, das ihr bevorstand, enviesen sich als 
unnötig: „l'm a tough person". 

Für jemanden, der mit zwölf Jahren aus Deutschfand verjagt wurde und nach weite- 
ren 62 Jahren zum ersten Mal dorthin zurückkehrt, sind ein unpersönlicher Flugsteig, ei- 
ne betonbewehrte Tie.'garage, eine nächtliche Autobahn exterritoriales Gelände und 
deshalb hilfreich: sie gewähren Aufschub, verzögern die Konfrontation mit der Erinne- 
rung. Wir unterhielten uns auf Englisch, aber ab und zu gab es bei EUen deutsche Ein- 
sprengsel: „Ich soll euch von meiner Tochter grüßen - unbekmumr Weise - sagt man 
so?". Ja, so sagt man. 

Viele solcher einzelnen Wörter folgten. „Gibt es noch essi^^saun» Tonerde?'' - die Nas- 
sauer Apothekerin war ziemlich verdutzt, als wir danach fragten ^her l^tte das in kei- 
ner Hausapotheke). „Mein Vater hatte so einm Spruch - Bn sdlönerfWidten kam aut^ 
entzücken - kennt ihr das? Oder V^nkhtwagt, der nnht gewinnt Wtenn er gut gelaunt 
war, sang er Obs ist die Uet» der Matn}sen, auf cKe Daajer lielaer S(^iatz. ist mein 
kein ArUferplatz. Und wenn meine Mutter ihm Vorhaltungen wegen seines starken Rau- 
chens machte, sagte er Wenn teh nkditm^ rächen darf, fleuch zum Kusse mir die 
Kt^. Die Btem- und GroBelternsprache. die in ihr schlummerte, war mit einem Mai, zu 
ihrer eigenen VsrialQffiing, wieder hellwach. 

Der erste Gang durch Nassau vertief eher schweigsam. Kann man, nach so vielen Jahr- 
zehnten, überhaupt noch etwas wieder erkennen? Und schließlich waren das die 
Straßen gewesen, auf denen sich der Naziten-or gegen die Nassauer Juden, gegen El- 
lens Familie, gegen Ellen als Schulkind ausgetobt hatte. Das Elternhaus, abseits vom 
unteren Obertal, steht nicht mehr „Falks Häusje", wie es in Nassau genannt wurde, ist 
vor einigen Jahren abgerissen worden, um Garagen Platz zu machen. Als ihr Blick dar- 
auf fiel, machte Ellen auf dem Absatz kehrt und sagte lapidar „So, that's it I've seen 
enough". 

Ganz allmählich nur kamen die Erinnerungen: „Am Marktplatz war so ein Laden, da 
gab es Sarotti-Sciiokolade' . - Beim Wegweiser nach Winden: „Ist das 'Winne'? Mein 
Großvater Leopold ging da »mmer hin, mit seinem Stock quer hinter dem Rücken in die 
beiden Armbeugen geklemmt". - Und: „Freitags vor Sabbat-Anfang ging er zum Rasie- 
ren zum Frisör Bach in der Emser Straße" (den gibt es nicht mehr); „samsts^ nach der 
Schul (Synagogen-Gottesdienst) ging er in ein Gasthaus, einen Scfmape trinken. Ich glau- 
be es hieß Stern" (das gibt es noch). - „Hier in der Nfihe, bei uns um die Ecke, wohnte 
eine kleine Frau..., sie hieß Una... Una Kart)acti. die bei uns am Schabbes das Ucht und 
das Feuer anzündete...". - „Gibt es das Henfkatten-TheresenStift? Da bin k2h zur WM 
gekommen«. - „Da stand das Haus von Onkel Julius. Ich habe ein Foto, wo zu sehen ist. 
dass sie ihm ein Hakenkreuz auf die Tür gemalt hatten". 



135 



ßten Cohen (Dritte von rechts) bei der Erö^ung der Ausstellung „Julius Israel Nassau" am 9. No- 
venHMr 2002 im Kreishaus Bad Enis, 




Noch so eine Lied-Erinnerung: ,Alle meine Entchen... Nein, das konnte mein Vater spä- 
ter nicht mehr hören, er hatte es in Buchenwald immer beim Appell singen müssen". 

Samstags fuhren wir nach Montabaur. Ellens mütterliche Großeltern Hermann und Ka- 
roline Kahn hatten dort gewohnt, am Rebstock. Als Kind fuhr Eilen oft mit ihrer Mutter 
dorthin, mit dem Zug über Limburg oder manchmal mit dem Taxi von Herbeis, Nach- 
barn aus der Scr jlstraße. Auch das Haus am Rebstock steht nicht mehr, aber die Erin- 
nerungen kamen schnell: Hier wohnte das Mariechen, eine Freundin der Großmutter, das 
mich manchmal mit in die katholische Kirche nahm; und neben dem Rathaus war eine 
Backerei, da hat mein Onkel Leopold Kahn immer Erdbeer-Törtcher} gekauft Die Bäcke- 
rei - siehe da - gibt es noch; sie ist nach wie vor im Famjjienbesitz. Schnell entwickelte 
steh im Laden ein freunditehes Gespräch, schon halb auf Deutsch. Ebenso In \Atelsch- 
neudoif: „Hier hat mein Vater Saily Viehhandel getrieben. gab es nette Leute, die wa- 
rnt k^ne Afazfe". Wir hielten an und fragten in einem Lebensmittel-Laden nach. Der jun- 
ge Inhaber hotte seinen Vater, und der wusste auf Anhieb Bescheki: „Ja, das war der 
SaOy...", als wenn es gestern gewesen wäre. 

Auf der Rück^rt, kurz hinter Hömberg, weideten Schafe auf einer Wiese. Ellen be- 
trachtete sie aufmerksam und sagte „Ich bin doch immernoch ne Viehhändlers-Tochter". 

Ihr Vater Sally Israel, ihr Großvater Leopold Israel und ihr Urgroßvater Falk Israel wa- 
ren Viehhändler gewesen, und im großeiterlichen Haus, in Falks Häusje, war sie aufge- 
wachsen, bis ihr Vater 1938 zum Verkauf gezwungen wurde. Manchmal, mitten im Ge- 
spräch über andere Dinge, überstürzten sich die Erinnerungen an die Großeltern Israel. 
Mit dem Großvater durfte sie nach Ems fahren; er trank Emser Wasser, sie bekam im 
Cafe Fürst-Pückler-Torte. Wenn Leopold vom Viehmarkt in Koblenz zurück kam, brach- 
te er ihr immer etwas mit, das er in seinen Taschen versteckte; Ellen holte ihn vom Bahn- 
hof ab. klopfte gleich auf seine Taschen und fragte „/)osscia.- Mit der Großmutter Ka- 

136 



mm. 



roline ging sie, vor allem in der Nazizelt, spazieren, in die Kailbach, am Buigberg. Das 
mussten wir ihr natürlich zeigen. Und: „Ich sehe meine Großmutler noch vor mir, wie sie 
die Backbleche in die Hüfte stemmt und sie zum ßäcfcer Hbert t>ringt Zum Ende des 
Sabbat, zur Spejsnacht, hatte sie immer Kartomisalat mit Würstchen vort>erelt»t oder 

Pellkartoffeln mit Hering". 

Ellen hatte mehrfach gesagt, sie wolle die Gräber dieser GroBeltem sehen. Das be- 
reitete uns Kopfzerbrechen. Karoline Israel ist im Januar 1938 gestorben. (Der Arzt Dr. 
Berthold Mutterer hatte sie - Nazis hin, Nazis her - bis zuletzt betreut). Sie wurde auf 
dem Nassauer lüdischen Friedhof beerdigt, aber ihr Grab ist nicht mehr erkennbar; sei- 
ne Uge kann nur annähernd erschlossen werden. Leopold Israel ist 1942 von Frankfurt 
aus nach Theresienstadt deportiert worden und dort umgekommen. Ein Grab gibt es 
nicht, nur einen Gedenkstein an der Mauer des Frankfurter Alten Jüdischen Friedhofs. 

Wir fuhren mit Ellen nach Frankfurt, wo sie von ihrem erzwungenen Wegzug aus Nas- 
sau im Dezember 1 938 bis zur Emigration im April 1 940 gelebt hatte. Wir sahen ihre ehe- 
malige Schule, das Phllantropin; das jüdische Museum; und schließlich die lange Reihe 
der Gedenksteine. Blen fand die Namen anderer Nassauer Juden (Lindheimers, Gold- 
schmidts, Hofmanns), den ihrer ehemaligen Schulfreundin Inge Marx und am Ende den 
ihres Großvaters. Sie stand lange davor, betete stumm, legte zwei Finger erst an ihre 
Lippen und dann auf den Stein. Schwelgend gingen wir weiter. Diesen Augenblick des 
Gedenkens werden wir nie vergessen. . ^ j 

Den Besuch auf dem Nassauer jüdischen Friedhof zögerten wir hinaus. Er ist in der 
Nazizeit (und danach) mehrfach venwüstet worden und würde wohl In seinem heutigen 
Zustand am wenigsten Ellens Erinnerungen entsprechen. Am letzten Tag ihres Aufent- 
halts fuhren wir hin Wir zeigten Ellen die vemnutllche Grabstelle Ihrer GroBmutter, ein 
leeres Stück E de. Wieder betete sie stumm. Einen Stein zum Berühren gab es nteht. El- 
len beeilte sidi. der jüdischen Tradition entsprechend, den Friedhof zu verlassen. Die 
entweihten Grabsteine, die in der rückwärtigen Stützmauer aufgeschichtet sind, sah sie 
zum Glück nicht. 

Die Muttersfjrache, das Deutsch ihrer Kindheit, rumorte in unserem Gast. Immer Wie- 
der gab es Anekdoten, ihr Vater hatte in der Emigration schnell Englisch gelernt, aber die 
Mutter tat sich schwer damit. Um ihr Kauderwelsch zu persiflieren, zitierte Sally den Spott- 
vers Die deutschen Mädchen sind nicht dumm, sie liken chocolate und den gum". Oder. 
Bei Ellens Hochzeitsfeier animierte ein - zum Entsetzen ihrer Mutter - angetrunkener Gast 
die Feiemden mit dem Ued „Kommt. Kameraden, wir trinken noch einen, wir sind ja noch 
so jung und schön" - ehemalige deutsche Soldaten aus dem 1 . Weltkneg unter sich. 

Ellen Besuchsprogramm war dicht: Ausstellungs-Eröffnung in Ems, Empfang beim Nas- 
sauer Bürgermeister. Besuch der Freihen- vom Stein-Schule, der Heime Scheuern und 
schließlich eine Begegnung mit Schülern der zehnten Klassen in der Nassauer Realschule. 
Immer häufiger gebrauchte sie deutsche Wörter und Sätze. Was ihre Gastgeber, ihre Ge- 
sprächspartner sagten, was die Zeitungen schrieben, veretand sie. Aber ihre Sprache 

blieb das Englische. ^ 

Für die Diskussion mit den Schülern war alles vorbereit»t für eine Ubersetzung von 
Vortrag von Frage und Antwort. Als Blen anfing, ihre Lebensgeschk^te zu erzählen, 
sprach sie deutsch - und hörte nteht mehr auf. Als sie die Schüler fragte, Wfesfrfwu^ 
die Hitlerzeit Bescheid?", kam die zögeritehe Antwort „Ja. ungefähr«. Es flSnfl uns aflen 
unter die Hau :, wie sie prompt zurückgab „Ungefähr ist nicht genug!'. Blen eraJWte. frag- 
te diskutierte, über eine Stunde lang... Später sagte sie: „Ich weiß auch nidjt. Wie i^ 
kam es brach aus mir heraus". Es hörte sich so nomial und selbstverständlich an, döss 
die meisten im Saal nicht einmal merkten, was es war: die Rückkehr eines gewaltsam 
verjagten Menschen in die Sprache seiner Kindheit. 



137 



/n senrier VbranstiAungs^^ 
im ttovember 2002 die viel beachtete Atß^hjng „Julius /siae/ Nassmj", eine Doku- 
mentBäon zum jüd^chen Ldt>en in der Stadt Nassau, die von dem aus Nassau stam- 
menden Autorenpaar Waltraud Becker-Hammerstein und Werner Becl<er unter l/e/wen- 
dung von Archivalien insiDesondere aus dem Nassauer Stadtarchiv zusammengestellt wor- 
den war Dabei wurde die gleichnamige Buchpublikation der Öffentlichkeit vorgestellt (vgL 
Buchbesprechung in: Heimatjahrbuch 2003, Seite 156f.). 

Bei der Eröffnung war als Gast des Rhein-Lahn-Kreises die Zeitzeugin Ellen Cohen geb. 
Israel anwesend, die 1938 mit ihrer Familie Nassau verlassen musste und der es gelang, 
nach Südafrika auszuwandern. Nach über sechzig Jahren kehrte Ellen Cohen in ihre Ge- 
burtsstadtzurück. Den nachfolgenden Text trug sie in englischer Sprache vor. 

Gegen das Vergessen 

Ansprache bei der Eröffnung 
der Ausstellung „Julius Israel Nassau. 
Juden in der Stadt Nassau an der Lahn 
im 19. und 20. Jahrhundert'' 

im Kreishaus Bad Ems am 9. November 2002 

fiHlBnCü/ien 
Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren. 

Auch nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir jemals vorstellen können, hier 
zu stehen und zu dieser würdigen Gesellschaft zu sprechen. Dazu haben Werner und 
Waltraud Becker mich veranlasst, die zunächst meine Briefpartner waren und nun mei- 
ne Freunde geworden sind. 

Diese beiden wunderbaren Menschen haben es auf sich genommen, sich tief in die 
vergangene Geschichte der Juden in dieser Gegend und insbesondere in Nassau hin- 
einzugraben. Ich bin fast die Einzige aus dieser Gemeinschaft, die noch am Leben ist. 
Meinen herzlichen Dank an Waltraud und Werner. Eure Hingabe und eure Forschung sind 
bewundernswert; mir fehlen die Worte, die diesen Danl^ angemessen aussprechen 
könnten. 

Ich war zehn Jahre alt. als ich von hier wegging. Ich erinnere mich nur wenig an die An- 
fangsjahre des damaligen Regimes, aber natürlich ist die Nacht des 9. November für im- 
mer meinem Gedächtnis eingeprägt. Meine Eltern und ich liefen in jener Nacht hoch Wn- 
auf in die Weinberge. Schließlich entschied mein Vater, dass wir versuchen soliten, hin- 
unter zu kommen zu Leuten, die uns für den Rest der Nacht verstecken würden. Leider 
ist das zu lange her und ich war noch zu jung, um mich an die Namen dieser Menschen 
erinnern zu können. Sie hatten eine kleine Landwirtsc^ 
zweite, dass sie noch am Leben sind, aber ihnen gehest rnein 0^ 

Mein Vater t)rachte sechs Wochen in Buchenwald zu, und nach seiner Freiia^ng ging 
er nach Afrika. Mehe geliebte Mutter und ich hatten das Glück, im April 1940 über die 
Schweiz zu entkommen mit Hilfe unserer Freunde, den Mühlsteins, die aus Nassau 
stammten und heute noch in Genf leben. Wr stehen bis heute miteinander in Verbin- 
dung. Ja, vor kurzem hat Louis Mühlsteins Enkel sechs Monate in Johannesburg ver- 
bracht und war häufig in unsemi Haus zu Gast. 

138 



Meine Eltern hatten ein gutes Leben in Afrika. Ihr einziger ICummer war, dass mein 
Großvater väterlicherseits und meine Großmutter mOttertk:henseite uns nfeht nachkom- 
men und bei uns sein konnten. 

Ich bin fast 51 Jahre verheiratet, und wir heb&n eine Tochter und einen Sohn. Wir sind 

mit acht Er kelkindern gesegnet, die alle in England leben. Wir haben das große Glück, 
dass unsere Tochter in unserer Nähe in Johannesburg lebt und mir und meinem Mann 
eine große Stütze ist. Unser Sohn lebt als orthodoxer Jude in Manchester mit seiner Frau 
und sieben Kindern. Er ist Doktor der Medizin, praktiziert auf dem Gebiet der Homöo- 
pathie und ist dort sehr angesehen, 
teh wollte Ihnen hienmit einen kleinen Einblick in meine Familiengeschichte geben. 



EgonKom 

Eine Handvoll Männer machten sich l>ereit, 
wieder zu oeleben die alte Zeit. 
Dinge, die schon seit hundert Jahren 
Vergraben, verschüttet, vergessen waren, 
bringen sie wieder ans Tageslicht, 
sie sehen es an als ihre Pflicht! 

Am Anfang belächelt und als Spinner bedacht, 

bis man gesehen, wie viel Arbeit das macht. 
Mit viel Mühe und Hilfe die Säulen errichtet, 
auf dem E ergmannsfhedhof die Gräber gelichtet. 
Fundamente der Kirche freigelegt und im Stollen gemauert, 
fast ein Jahr lang hat das Museum gedauert. 

Ein Viadukt freigegraben und mit Schienen belegt, 
eine Lore darauf, die hin und her ^h bewegt. 
M^nt man, die Art^^ geht nur langsam vorw, 

denkt, man ist fertig, fängt's neu wieder an. 
Zu wünschen sind viele helfende HärKle, 
dann hat alle Arbeit ein schnelleres Ende. 

Berichte der Zeitung, und Filme im Fernsehen belegen, 
^nd eine sehr gute Werbung für Friedrichssegen. 
Fragt man nach, für wen man die AgbeHt steh macht, 
es ist für die Enkel und deren Kinder gedacht. 

Vieles ist, was sie noch machen wollen, 
geplant ist die Öffnung zwei weiterer Stollen. 
Und ist ihnen auch das Glück einmal hold, 
finden sie stett Bleierz vieileteht einmal Gold! 



139 



Maat 




Nassau 



in der Verbandsgemeinde Nassau 





Frau Waltraud Becker-Hammerstein 
Herrn Dr Werner Bednar 



Stadt Nassau • Postfach 1107 • 56371 Nassau 



Stadt Nassau 
Rathaus 

Telefon 0 2604/9702- 32 
Telefax 02604/970258 
56377 Nassau/Lahn 

Bankverbindungen: 
Nassauische Sparkasse Nassau 
563 000 058 BLZ 510 500 15 
Postbank Frankfurt/Main 
12 544-601 BLZ 500 100 60 



http://www.verbandsgemeinde-nassau.de 
Email: poststelle®vgnassau.de 



Ihr Zeichen 



Ihre Nachricht vom 



Unser Zeichen 



Datum 



21. Oktober 2002 



Sehr geehrte Frau Becker-Hammerstein, 
Sehr geehrter Herr Dr. Becker, 

Am 9. November, um 19.30 Uhr wird im Kreishaus Bad Ems zum 15. mal die 
Veranstaltungsreihe "Gegen das Vergessen" mit einer Ausstellung "Julius Israel 
Nassau - Juden in der Stadt Nassau an der Lahn im 19. und 20. Jahrhundert" von 
Landrat Kurt Schmidt eröffnet. In jahrelanger Arbeit haben Frau Waltraud Becker- 
Hammerstein und Herr Dr. Werner Becker nach den Spuren jüdischen Lebens in 
ihrer Heimatstadt Nassau geforscht. 

Zur Ausstellungeröffnung kommt auch Frau Ellen Cohen, eine aus Nassau stam- 
mende Zeitzeugin aus Johannisburg in Südafrika. Im Rahmen ihres Besuches 
möchte Frau Cohen natürlich auch ihre Heimatstadt Nassau besuchen und mit 
den Menschen ins Gespräch kommen. 

Aus diesem Anlass laden wir Sie ein zu einem Gespräch und 



Ich würde mich freuen, wenn Sie an dieser Begegnung mit Frau Ellen Cohen teil- 
nehmen und bitte Sie um eine kurze Bestätigung. 

Mit freundlichen Grüßen 



Empfang der Stadt Nassau 
zu Ehren von Frau Ellen Cohen 

am Montag, dem 11. November 2002, um 10 Uhr, 
im Sitzungszimmer des Rothouscs. 



Herbert Baum 

Stadtbürgermeister 






aus 






Fehler 



u 



Zeitzeugin Ellen Cohen beiici' tet / Ausstellung i 



"loch bis 



urn 26: Novembei 



NASS0mAD EMS. 
,»Milbiltee ist Ellen Co- 
hen, ilicfe4;^ bin dne ge- 
iHH^caie Jterael« Genau wie 
der Natiae des Ländes. Ich 
war zei^ Jähre alt, als idi 
BUS Niisa^u vertrieben 
wurde. war eine 

schreckliche Kindheit , in 
Deutsddand. Ich sah aus 
wie ihr, aber idi hatte 
nen Fehler: Idi war Jtt- 
dta." 

Ellen Cohen, für wenige Ta- 
ge aus Südafrika nach 
Deutschland gereist, er- 
zählte Realschülern in Nas- 
sau von ihrer Kindheit, von 
der Unterdrückung und De- 
mütigung durch die Nazis 
und der Flucht über die 
Schweiz bis nach Südafrika. 
Es ist sehr ruhig in der Aula 
der Nassauer Schule. Die 
Jugendlichen zeigen sich 
berührt und betroffen. Ellen 
Cohen, die in den ersten Ta- 
gen noch mühsam nach 
deutschen Worten suchen 
musste, findet sich immer 
besser zurecht. Nur hin und 
wieder wird sie sprachlich 
unterstützt von Waltraud 
Becker-Hammerstein, die 
sie, gemeinsam mit ihrem 




Ausstellungseröffnung im Kreishaus: Waltraud Becker-Hammerstein, Dr. Werner 
Becker, Ellen Cohen, Peter Ax und seine Mutter (von rechts). Foto: Lokalanzeiger 



Mann, Dr. W^er Becker, 

liebevoll in Deutschland be- 
treuen. Denn Ellen Cohen 
ist zum ersten Mal nach so 
vielen Jahrzehnten wieder 
in ihrer früheren Heimat. !n 
Nassau begrüßt sie die Lei- 
terin der Realschule, Marita 
Schleiden. Sie habe große 



Achtung davor, dass Ellen 
Cohen den Weg nach Nas- 
sau gefunden habe. Dass sie 
gemeinsam mit dem Rhein- 
Lahn- Kreis, Lehrern und 
Schülern gegen das Ver- 
gessen ankämpfe: Und sie 
freue sich auch darüber, 
dass es ihr ureigenstes An- 



liegen sei, mit den Jugend- 
lichen zu diskutieren. Ellen 
Cohen erzählt sehr ein- 
dringlich und einfühlsam, 
fragt immer wieder die Ju- 
gendlichen Zuhörer nach ih- 
rem Alter und ob sie alles 
verstehen. Weiter im In- 
nenteil 




6 



8 



Fortsetzung von Seite 1 : 



„Ich sah aus wie ihr, aber 
ich hatte einen Fehler../' 



Die^ Tage der Vertije^iml 
aus Nassau Men dir-siisun^ 
ihre Familie furehtbar ge- 
wesen. Damals habe sie 
„Schnee vor dem Eltern- 
haus" wafargenonunen. In 
Wirklichkeit waren es die 
Bettfed^, die- Vandalen 
aus den Fenstmi gew<^en 
hatten. Heute sei dies an- 
ders. Sie habe hier sehr 
wertvolle MensclMi kennen 
gelernt. Cohen: ,Jch bin 
froh, dass ich hier bin. Ich 
bin aber auch froh, keinen 
Menschen zu begegnen, die 
an den damaligen Verfol- 
gungen beteiligt gewesen 
waren". Ob sie Angst hatte 
zurück nach Deutschland zu 
kommen, so eine Schülerin. 
„Nein, heute habe sie keine 
Angst mehr vor irgend et- 
was." Warum sie ausge- 
rechnet Südafrika als neue 
Heimat gewählt habe? Ellen 
Cohen antwortet in ihrer 
ganzen „versöhnlichen Här- 
te": ,JMiemand auf der Welt 
wollte die Juden. Wir waren 
kein populärer Export." 




^^^H^ Sä. 
^sju^ch nut d€^^ 
chen &ti der 
„Schindm Liste" aRge- 
sprochen^l^. Ob ö^^er 
realistisch sei? ,,0h yeah, 
dass ist er. Leiht euch das 
Video aus md schaut .0$. 
euch an. D^nkt anxlas Mäd- 
chen in dehit roten Manibl. 
So kam ich mir damals vor." 
Ünd inmitten . der Ge- 
sprächsrunde der rund 60 
Schüler mit Ellen Cohen 
meldet sich dann ein Mäd- 
chen gleich in der ersten 
Reihe und berichtet, dass 
sie vor vier Jahren aus Süd- 
afrika nach Nassau gekom- 
men sei. Zwischen Mira, 15 
Jahre jung, und Ellen Co- 
hen, entwickelt sich spontan 
ein kurzes Gespräch über 
Johannesburg, über ver- 
schiedene Straßen, Parks 
und Gegebenheiten. So 
klein ist die Welt heute. Ihr 
Vater - so Ellen Cohen - 
sei damals nach Buchen- 
wald transportiert worden. 
Er habe freikommen und 



er Klick zur Jagd! 



^^§i|^be er Ober dif 
schlimme Zeit in Buchen- 
wald erzählt Nur ehies habe 
sie of ehren;. Das Lied ,AUe 
meine.Entclien" konnte und 
^lEe er nicht mehr h^n. 
4>^m m diesem Lied hätten 
sie im Läg^ marschieren 
müssen. Ellen Cohen richtet 
an die Jugendlichen eihea 
persönlichen dringenden 
Appell. Man müsse lernen 
zusanunenzuleben, sonst 
gebe es einen Krieg nach 
dem anderen, und Hass ko- 
ste einfach zu viel Energie. 
Zuvor war Ellen Cohen be- 
reits Gast im Kreishaus. Im 
Rahmen der Eröffriungs- 
veranstaltung der Serie 
„Gegen das Vergessen" be- 
grüßte sie dort Landrat Kiut 
Schmidt. Das Ehepaar 
Waltraud Becker-Hammer- 
stein und Werner Becker 
stellten ihr Buch ,Juliusi Is- 
rael Nassau - Juden in der 
Stadt Nassau an der Lahn 
im 19. und 20. Jahrhundert" 
vor. Bereits im Kreishaus 
hatte Ellen Cohen von ihren 
schlimmen Erlebnissen be- 
richtet. Die Aussteilung ist 
geöffnet bis zum 26. No- 
vember zu den üblichen 
Öffnungszeiten des Kreis- 
hauses. Sehenswert ist ne- 
ben den zahlreichen Fotos, 
Dokumenten, Briefen und 
Gegenständen auch die von 
Peter Ax geschaffene 
Skulptur. . 



NR. 263 - MinWOCH, 13. NOVEMBER 2002 




RUGS 



Seite 21 



Auch 64 Jahre nach dem Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland lebt die Erinnerung an dieses grausame Kapitel der deutschen Geschichte - Auch in Nas sau 

Rückblende auf deutsche Willkür ^ie krank muss die 



^ußer an Sauerampfer habe ich an Nassau keine guten Erinnerungen" - Ein Vortrag der vertriebenen jüdin Ellen Conen 



Sie wurde in Nassau geboren, 
aufgrund Ihrer jüdischen Her- 
kunft von den Nationalsoziali- 
sten gepeinigt und schließlich 
aus dem Land getrieben. 64 
Jahre nach der so genannten 
Reichskristallnacht, in der die 
SA überall auf deutschem Bo- 
den in der Nacht vom 9. auf 
den 10. November ein großan- 
gelegtes Pogrom gegen die jü- 
dischen Mitbürger durchführ- 
te, kehrte Ellen Cohen zurück. 
Zurück nach Nassau in ihre 
Geburtsstadt, um interessier- 
ten Schülern ihre Eindrücke 
der Zeit des Nationalsozialis- 
nnus zu schildern. 

NASSAU. „Unserr^ Familie 
lebte schon seit mehr dls 100 
Jahrenm Nassau, bevorsieam 
9. November 1938 aus ihrer 
Heimat vertrieben wurde". 
Ruhig, nut deutlich hörbarem 



engüschen Akzent, schildert 
Ellen Cohen, vor den Schüle- 
rmnen und Schülern der zehn- 
ten Kld^-^pn der Realschule 
Nassau, -Oic Verfolgung, De- 
mütigung und Flucht ihrer Fa- 
müie während der NS-Zeit. 

Sieben Jahre alt war Ellen 
Israel, so der Geburtsname 
von Ellen Cohen, als sie von 
der Volksschule vertrieben 
wurde. Ihr Makel aus Sicht der 
Ideologie der NationalsoziaU- 
sten: Sie war Jüdin, und dieser 
Umstand genügte, um von den 
Kmdern gepeirügt zu werden. 
Von einem Hausmädchen 
wurde Ellen Israel auf ofiener 
Straße geschlagen. 

Interes sierte Schüler 

Die Nassauer Schüler sitzen 
64 Jahre später fast regungslos 
in der Atila, die Augen auf den 
Tisch vor der Bühne gerichtet 



Was Ellen Cohen zu sagen hat, 
rüttelt auf, macht auch die jun- 
gen Leute betroffen, Immer 
weder gleitet der Stilt der jun- 
gen Menschen über die Schul- 
hefte, um sich Notizen zu ma- 
chen. 

,,Der Hitler ist auch schuld 
daran, dass ich bis heute rücht 
schwünmen kann". Ellen Co- 
hen schildert, wie sie bei ihren 
Schwimmversuchen in der 
Lahn von Hitlerjungen unter- 
getaucht wurde. Als Kind hat- 
te sie Angst, alleine durch Nas- 
sau zu gehen. Ständig musste 
sie, wie die anderen Kinder jü- 
discher Fanüüen, von Erwach- 
senen begleitet werden, um 
rücht den wiUkürüchen rassis- 
tischen Übergrilfen diuch 
Deutsche ausgesetzt zu sein. 

Wie in einem BUd be- 
schreibt sie den 9. November 
1938, den schrecküchsten Tag 





Gesellschaft sein? 

Geburtsstätte und ehemalige Spielplätze besucht 



Die Vortragsveranstaltung mHt Ellen Cohen war von Nassauer 
Schülern gut besucht 



Ellen Cohen (Mitte) berichtete in Nassau von den Erfehrungen, die sie 64 Jahre zuvor zuletzt in 
der Stadt hatte machen mOssen. ■ Fotos: Jürgen Heyden 



in ihrem Leben, den sie nie- 
mals vergessen könne. Gegen 
17 Uhr seien an diesem Nach- 
nüttag Männer der örOichen 
SA ins Haus gekommen, hät- 
ten ihrem Vater die Pistole auf 
die Brust gesetzt imd ihn ge- 
zwungen per Unterschrift 
Haus zu übereignen. Ihr Vater 
wurde in das Konzentrations- 
lager Buchenwald gebracht, 
Ellen Israel floh mit ihrer Mut- 
ter durch die Weinberge, sie 
fanden in Dausenau einen ers- 
ten Unterschlupf. 

„Aber wanmi flüchteten sie 
nach Afrika \ wurde aus dem 
Pleniun der Schüler in Nassau 
eine Frage laut. „Ö^als", so 
die Antivort von Elm Cohen, 
M wollte niemand Juden auf- 
nehmen, wir waren kein po- 
pulärer Exportartiker. Aber 
in Afrika seien Weiße „sehr 
gefragt" gewesen, ging Ellen 
GoheiL erklärend aui die Fra- 
gen der Schüler ein. Niemals 
sei sie in den mehr als b( ) 'an- 
ren, die sie in Airika verbracht 
hat, wegen ihres jüdischen 
Glaubens angefeindet worr 
den. Im Gegenteü, selbst in ih- 



rer Schtilzeit, als sie noch kein 
Wort Englisch sprach, seien 
die Kinder sehr hilfsbereit ge- 
wesen. 

Auf den vor einigen Jahren 
durch den ameiikanischen Re- 
gisseur Steven Spielberg ge- 
drehten Film »Schindlers Lis- 
te" eingehend, empfahl sie ei- 
ner jungen Fragestellerin, sich 
diesen Film unbedingt einmal 
anzusehen. Cohen erinnerte 
sich an eine Szene des Films - 
an ein kleines Mädchen im ro- 
ten Rock- die bei ihr noch im- 
mer die Tränen fheßen lasse. 
,Fragt einmal eure Großel- 
tern", vielleicht wissen die 
noch mehr als ich, was in Nas- 
sau geschehen ist", empfahl 
sie den Schülern. 

Dieser erste Besuch nach 64 
Jahren in ihrer Gebiurtsstadt, 
von Heimat mochte Ellen Co- 
hen nicht sprechen, und die 
Begegiiungennüt vielen groß- 
artigen Menschen hatten sie 
üef beeindruckt, crklarteEllen 
Cohen. Angst hebe sie keine 
verspürt, „die h( tte man nur 
schon 1938 herau .gepirügelt! " 

Jürgen Heyden 



NASSAU. „Hoffenthch neh- 
men sie nach (üesem Besuch 
bessere Erirmerungen an Nas- 
sau mit nach Hause, als vor 64 
Jahren, als sie die Stadt zmn 
ersten Mal verüeßen", 
vränschte Nassaus Stadtbür- 
germeister Herbert Baum bei 
emem Empfang im Rathaus. 
Ellen Cohen, Tochter der jüdi- 
schen Famihe Israel in Nassau, 
war 1938 gerade emmal zehn 
Jahre alt, äls sie mit ihrer Mut- 
ter die Stadt an der Lahn v^- 
lassen musste. 

Der Vater kam für mehrere 
Wochen nach Buchenwald 
und mit ihrer Mutter, so ihre 
Erinnerung, flohen sie bei 
Nacht und Nebel durch die 
Weinberge, zunächst nach 
Dausenau. Sie eriimert sich, 
dass sie- dort für den Rest der 
Nacht von einer Familie „mit 
Herz " , in einem kleinen Häus- 
chen am Ortsausgang beher- 
bergt wurden. Ellen Cohen 
bedauert sehr, dass sie den 
Namen dieser Famihe, die ihr 
und der Mutter vielleicht das 
Leben retteten, nicht keimt. 
Sie erinnert sich, dass es rund 
lun das kleine Haus am Orts- 
rand, Ziegen, Hühner und an- 
dere Haustiere gab. 

Uber die Schweiz konnte sie 
erst 1 940 mit ihrer Mutter dem 
^Ster nach Ostafrika folgen, 



der - nach einigen Wochen in 
Buchenwald - dort lebte und 
sich als Viehhäncü^ verding- 
te. Ellea Cohen ist Afrika treu 
gebheben und lebt heute in 
Süd^rika. 

Jetzt war sie zu ein^mehr- 
tätigen Besuch an ihre Ge- 
burtsstätte zurückgekomme 
Ein Empfang im Rathaus, eui 
Rundgang durch die inzwi- 
schen veränderte Stadt imd 
vor allem viele Gespräche und 
Begegnungen mit Menschen 
weckten zunächst zwiespälti- 
ge Gefühle. 

Das Kaltbachtal, in ihrer 
lündheit ein beUebter Ort zum 
Wandern, gehörte auch heuer 
wieder zu den Arsten Zielenih- 
rer Visite. Vermisst hat EUen 
Cohen das Krankenhaus, in 
dem sie geboren wurde, imd 
die kleine gemüthche Wein- 
stubeneben der Kirche. 

Es komme entscheidend da- 
rauf an, Umgang und Kontak- 
te miteinander zu suchen und 
zu finden, betcmte Stadtbür- 
germeister Herbert Bauir 
„Wie krank muss die Gese^ 
schaff damals gewesen sein. 
vm so etwas zuzulassen?" 
Auch als jüngerer Mensch, so 
Bürgermeister Udo Rau, der 
damals noch nicht lebte, fühle 
ersieh mitschuldig. 

JQrgen Heyden 




Ihren Besuch in Nassau schloss Ellen Cohen, die seit 64 Jahren 
keinen Fuß mehr in die Stadt an der Lahn gesetzt hatte, mit 
einem Eintrag ins Buch der Stadt ab. ■ Foto: Jürgen Heyden 




Interview Deutschlandfunk, Sendung „Corso" 

8. November 2003 

liegt nur als Tonbandaufnahme vor 





Lesung 



Julius Israel Nassau 



Jud«n in einer lindlichen Kleinstadt 
im 19. und 20. Jahrhundert 

Waltraud Becker-Hammerstein und 

Dr. Werner Becker lesen aus ihrem Buch. 

Das Buch beschreibt die Schicksale der jüdischen Familien, 
die bis in die Nazizeit hinein in Nassau/Lahn lebten. Es doku- 
mentiert lokale und regionale Geschichte und setzt diese in 
einen allgemeinen politischen und sozialen Zusammenhang. 



Donnerstag, 24.06.2004, 20 Uhr 
Veranstaltungsraum Kulturamt 
Nonnengasse 19 



Eine Veranstaltung der Universitätsstadt Tübingen, 
Kulturamt und der Geschichtswerkstatt e.V. Tübingen 




Tübingen 
Universitätsstadt 




BIS Do, 29.01. 



Mo^Do g.oo-is.oo Uhr 
(geschhisen vom 
24.12.0}- oj^.01.04) 



Verein An der Synagoge, 
Framiikanentr 9 
{trdgeichois) 



Ml, 14.01. 

19.00 Uhf 



Verein An der Synagoge, 

fiümnkanent/'. 9 
(Brdi^eichoss) 



Dl, 20.01. 

18.00 Uhr 

Verein An de "Synagoge, 
r run/i\konpr\lr g 
(tfdgeschosi. Btbliothck) 




Jmlteri Kleinstadt im to. lihd ; ^ - 

^^^;ife^h Än der Synagoge, Tel. 02 28 - 69 sfi'ä'^-/ ■ ' 




sirnisn rifw-TiUsri ^--'^'^ ■"■''■^ «■.■.■»-»^t t »-.r.'^ ... , ; .r-; ■,• ■> ■ ; 



(Veranstaitung b^teunäeter OrgarthatFonen) 

LiTERATURGESPRäCH UNTER lEITÜNC VON Oft. CAROU PAUISEN ObER 

Benny Bin htisch: Mein er^ta Sony 

Veranstalten Arbeitskreis Jüdiscke Literatur, Cesellschafifür chhsUichrjüdische Zusammenarbeit 



Ml, 28.01. 

20.00 Uhr 



(Veranstaltung befreundeter Organisationen) 
LbSÜNC VON DoRts UND Gernot Jona^, Koblenz 



Jidd^cbe Erzähbmgßn von Schalem Aleichem 



^athau^- Restaurant Beuef Vietanstalter: Reihe»,Neben dem Rathaus* 





Do, 12.02. 

20.00 Uhr 



Lesung und Gespräch 



MIT Dr. Joachim Schlör. Potsdam 



Verein An der Synagoge, 
Franziskanerstt g 
(Semtnarraum 



Efidlich im gelohten Landi Deutsche Juden unterwegs in eine neue Heimat. 

Das im Aufbau Verlag erschienene reichbebilderte Buch beschreibt die lange Geschichte der Einwanderung deutscher Juden nach Palä- 
stina und Israel. Gezeigt wird der Abschied aus Deutschtand und der Weg in eine ungewisse ?ukunft. Ein neuer Alltag wird erfahren, in 
einer fremden Umwelt, die doch den Anspruc h \\a{, Heimat ^u sein oder zumindest zu werdefi Die persönlichen Erinnerungen und die 
Bilddokumente - Raritäten wie Annoncen, Werbung oder Schnappschüsse aus dem Familienalbum - halten ganz besondere Lebens- 
situatiönen fest wie sie rtur in dieser Generation der Jeckes" antutreffen sind. 

Der Kulturwissenschaftler Privatdozent Dr. Joachim Scht6^ peh loTio. i<,t zur Zeit Projektleiter des „Kompetenznetz lüdis' he und Rabbi 
nische Studien" an der Universität Potsdam. Von 1993- '999 wdi er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Moses Mendelssohn Zentrum für 
europäisch-jüdische Studien und bis Ende 2001 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl Neuere Geschichte in Potsdam^ 
Schlör hat viele Publikatfor^en, darunter das Buch„Tet-Avlv: Vom Traum zur Stadt" verfasst und hat den großartigen jüdischen Autor 
Sammy Cronemann wieder entdeckt, der natürlich auch in der vorzustellenden Publikation nicht fehlt. 

Veranstalter: Verein An der Synagoge e.V., Bildunqswerk für Friedensarbeit, Buchiaden 46, Deutsch-tsraeiische Ceseitschaß (AG-Bonn). 



AAi, 25.02. 

19,00 Uhr 



(Veranstattunq befreundeter Organisationen) 
Vortrag VON Or.Mordeghai Kremnitzer, Jerusalem 



Israel and its Struggle against Terrorism 



Uni\/er!,iiot^club Bonn 
Konviktstr. 9 



Der Kampf gegen den Terrorismus ist seit dem 11.9.2001 zum Leitmotiv der internationalen Politik gewordert Israel, seit vielen Jahren 
mit diesem Phänomen konfrontiert, hat für diese Auseinandersetzung Maßnahmen entwickelt, die zunehmend auch innerhalb des 
Landes auf Krttik stoßen. Die Weigerung von Piloten und Offizieren der IDF, an Antiterroreinsätzen in den Gebieten teilzunehmen, bei 
denen auch unbeteiligte Zivilisten gefährdet werden, ist nur ein Ausdruck des Dilemmas, in dem sich Israels Demokratie befindet. 
Dr. Mordechai Kremnitzer ist Professor fur Verfassungs- und Straf recht an der Hebräischen Universität Jerusalem und arbeit am „Israel 
Democracy Institute". Cr ist President des "israelischen Presserates" und Direktor des Minerva Zentrums für Menschenrechte an der 
Hebräischen Universität. Er war Humboldt^Sttpendlat an der Universität Freiburg und ist zur Zeit Teilnehmer einer Konferenz des 
Vertefdi^^unf^srninisteriums über „Rechtsfragen der Terrorismusbekämpfung dUrch Streitkräfte" In Deutschland. £r hält seinen Vortrag 
in englischer Sprache, in der Ahlssprache kann Deutsch gesprochen werden. 

Veranstalten Deutsch-tsraeiische Gesellschaft (AG-Bonn), Juristisches Forum Bonn, Universftätsctub Bonn 




04.^25.03. 

Mo-Do g.oO'i$.oo Uhr 
So H.00-17 00 Uhr 

Do, 04.03. 

19,00 Uhr 



Verein An der Synagoge, 
franvskoner^U, v 
(tfdge^chosit 



KU NSTAUSSTELLU NC unur osr ScHiRMHERRSCHAnr des Kulturdezernenten Dr. Ludwig Krapf 

JZ£Uschrift Arbeiten auf Papier von Martine Metiing^Peyre 
Eröffnung durch Frau Or. Irene Kleinschmidt-Altpeter (Kunstmuseum Bonn) 

Frau Metzing-Peyre zeigt eine Reihe gleichformatiy^ei Bilder (36 x 48 cm) Sie beschichtet Papier zweifach mit Acryl und schreibt Texte 
auf Deutsth. Französisch und Englisch in die noch fem hlf f) farbfia( (-.cn Dabei handelt es sich um Auszuge aus Zeitunj^sartikeln und 
Zeugrtisse bekannter Persönhchketten. die über die Notwendigkeit und die Risiken des Krieges mr Irak reflektieren. Mit derselben Technik 
und Im gleichen Format erstellt sie Landschaftsbilder aus der Vogelperspektive. Diese Acrylarbeiten knüpfen thematisch an ihre Auf 
schritten .VFRANfWORTLiCH' in die seit der StadtKunsVAusstellung 3002 auf den Fenstern des Vereins An der Synagoge zu sehen sind, 
Veranstalter: Verein An der iynagoge e V 




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Der Verem e.V. 

freut sich, wenn Sie uns mit einer Spende 
unterstützen. Der Verein ist als gemeinnützig 
anerl<annt und Spenden sind steuerlich 
abzugsfähig, 

Konto 30460 bei der Sparkasse Bonn, BLZ 380 500 oa 

Sie können den Verein An der Synagoge auch mit ihrer 
Mitgiiedschqft unterstützen: 



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Verein An der Synagoge e.V. 

ist der Trägerverein der Gedenkstätte für 
die Bonner Opfer des Nationalsozialismus, 



ANTRAG AUF MITGLIEDSCHAFT 



Name 



Vorname 



tnstitution 



Straße, Hausnummer 



PLZ, Ort 



Telefon 



Fax 



£-Mail 



Datum. Unterschrift 

Der Jahresbeitrag betragt 

für Einzelpersonen 

ftir Rentner, Auszubildende, 
^^beitslose, Studierende 

- fur Institutionen 



EUR 50.00 

EUR 25.00 
EUR 80.00 



Bitte senden Sie Ihren Antrag folgende Adresse: 

Verein An der Synagoge e. V. 
Franziskanerstraße 9 • 53113 Bonn 

Vielen Dank! 



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Dfe Arbeit des Vereins konzentriert sich auf Führungen durch 
Mie Dauerauisteiiung Verfolgung und Widerstand", Projekte 
fürSchufklassen, Vorträge, Lesungen unäWorkshops, Sonder'^ 
^Ausstellungen, Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugeh 
sowie Öffentlichkeitsarbeit 

Die Bibliothek des Vereins ist eine wissenschaftliche Präsenz- 
bibliothek, deren Schwerpunkt auf der Lokal- und Regional- 
■geschichte der NS-Zeit liegt. Sie verfügt über zahlreiche Werke 
der Standardliteratur und Nachschfagewer(<e. 
Hier finden Sie auch Bestände zu Antisemitismus, Holocaust, 
Israel sowie zu den Themen Rechtsextremismus und 
•Ausländerfeindlichkeit 

Darüber hinaus verfügt die Bibliothek über didaktisches Mate- 
rial zur Vorbereitung dieser Themen im Unterricht und bezieht 
Fachzeitschriften zur Gedenkstätten arbeit sowie Zeitschriften 
wie die „Tribüne den „Aufbau " oder die "Jüdische Allgemeine 

Die Bibliothek ist zu den Öffnungszeiten der Geschäftsstelle 
montags - donnerstags von g.oo Uhr bis 15.00 Uhr geöffnet . 




Die aktuellen Öffnungszeiten der Dauerausstellung „Verfolgung 
und Widerstand" entnehmen Sie bitte der Tagespresse oder 
erfragen sie In der Geschäftsstelle. 

Die Geschäftsstelle und die Dauerausstellung finden Sie in der 

Franziskanerstraße 9 - 53113 Bonn 
Tel. P228 - 69 52 40 • Fax 69 52 17 



buchLaden 46 

KAIÜERSTK. 46 531 13 BONN 



Z.B. Nassau an der Lahn 
Juden in einer ländliciien Kleinstadt im 19. und 20. Jatirhundert 
eine Ausstellung von Waltraud Becker-Hammerstein und Werner Becker 

16. Oktober 2003 - 29. Januar 2004 
in den Rttumen des Vereins An der Synagoge e.V. 
Franziskanerstraße 9, 53113 Bonn, Tel. 0228-695240 

Eröffnung 

Liebe Frau Mehmel. liebe Gäste, 

unsere kleine Ausstellung will erinnern, will Erinnerung wecken und 
Erinnerung wachhalten. Sie will an Menschen erinnern, die weit überwiegend 
nicht mehr leben, die von ihrer Mitwelt und erst recht von ihrer Nachwelt 
vergessen wurden, die im kollektiven Gedächtnis allenfalls als Chiffre, als 
Zahl, nicht jedoch als Einzelne präsent geblieben sind. Sie will an die Juden 
aus einer ländlichen Kleinstadt erinnern, an Menschen, die vor knapp 70 
Jahren aus Deutschland vertrieben oder von Deutschen ermordet wurden. 
Und zugleich an ihre Vorfahren, an die Vieh- und Kramhändler, Metzger und 
Handwerker, an Mayer Hirsch zum Beispiel, an Abraham Moses, Feist Israel, 
Seligmann Levi, Sender Löb, Aren Stein, Falk Israel; und an ihre Frauen, die 
Kunetle und Hendel, Breinle und Byssel. Gütle und Veigel, Frummet und 
Cheiche hießen - Namen, die uns so freoKl klingen, wie sie den damaligen 
christlichen Nachbarn geläufig waren. 

Erinnerung an Menschen also. Deshalb beginnt die Ausstellung mit der 
Sektion "Familienalbum", und wenn Sie sich beim Betrachten an Ihre eigenen 
Familienalben erinnert fühlen, dann lag das in unserer Absicht. 

Die Ausstellung heißt "z.B. Nassau an der Lahn". Sie zeigt Fotos, Dokumente 
und einige wenige Gegenstände, die wir bei den Recherchen für unser Buch 
"Julius Israel Nassau" - es liegt hier aus und kann auch gekauft werden - 
zusammen getragen haben. Sie deckt einen Zeitraum von gut 300 Jahren ab. 
Der Bogen spannt sich vom Ende des 17. Jahrhunderts bis in unsere Zeit. Der 
Schwerpunkt freilich liegt im 19. und 20. Jahrhundert. 

Julius Israel, der Titelheld unseres Buches, seine Frau Lina Israel und seine 

Vorfahren sind auch in diesen Räumen präsent, aber ihre Lebensdokumente 



hätten nicht ausgereicht, die Ausstellung zu bestücken. Daher haben wir einen 
anderen Titel gewählt. Er soll ausdrücken, dass die Geschichte der Juden 
(und ihrer Nachbarn) in Nassau ein Beispiel ist für die Geschichte der Juden 
(und ihrer Nachbarn) in vielen anderen Dörfern, Städtchen, Städten in 
Deutschland, dass die Geschichte sich so oder ganz ähnlich tausendfach 
abgespielt hat. 

Nassau an der Lahn also, eine ländliche Kleinstadt. Sie liegt am Unterlauf der 
Lahn. 30 Kilometer östlich von Koblenz, ist etwa 80 Kilometer von hier 
entfernt. Sie hatte eine gewisse historische Bedeutung als Herkunftsort der 
Dynastie Nassau-Oranien, die im Mittelalter einen deutschen König (Adolf von 
Nassau) und mehrere Mainzer Erzbischöfe und Kurftirsten gestellt hat. im 16. 
Jahrhundert in den Niederlanden zu Statthalter- und später zu Königswürden 
kam. zeitweise auch England regierte und so den Namen Nassau bis auf die 
Bahamas und sonstwohin getragen hat; und als Geburtsort des preußischen 
^^nisters und Reformers Heinrich Friedrich Kari Freiherr vom und zum Stein 
(1767-1831). 

Als Stadt hat Nassau nie Bedeutung erlangt. Es war Jahrhunderte lang von 
einer Mauer umgeben, hatte Stadt- und Marktrecht und war gräflich- 
nassauischer Amtssitz. Im 1 9. Jahrhundert entwickelte es sich zu einer Art 
von kleinstädtischem Mittelpunkt für ein großes bäuerliches Hinterland im 
Westerwald und im Taunus mit allen entsprechenden Attributen: einer 
wichtigen Straßenbrücke über die Lahn, Eisenbahnanschluss, Amtsgericht, 
Post, Sparkasse, Krankenhaus, Apottieke, Schulen, einem Sanatorium. Die 
Einwohnerzahl stieg auf etwa 2.500, und größer ist sie bis in die 1 950er Jahre 
nicht geworden. Wir haben versucht, in einer kleinen Auftakt-Sequenz davon 
einen Eindruck zu vermitteln. Politisch gehörte die Stadt bis 1 866 zum 
Herzogtum Nassau, dann zu Preußen, seit 1945 zum Land Rheinland-Pfalz. 
Heute ist sie Sitz der Verbandsgemeinde Nassau, der neben der Stadt selbst 
19 Dörfer des Umlandes mit zusammen etwa 12.000 Einwohner angehören. 

Erinnerung an Menschen aus einer ländlichen Kieinstadt, das heißt: die 
großen Namen, die Sie aUe kennen, kommen hier nicht vor. Keine 
Mendelssohns, keine Rothschilds, keine Henriette Herz und keine Rahel, nicht 
Heinrich Heine, nicht Meyerbeer, nicht Albert Einstein, nicht Else Lasker- 
Schüler; auch keine Bankiers, keine Arzte, keine Psychiater, keine 



Wissenschaftler. Unsere Dokumente berichten von einer kleinen Welt, von 
kleinen Verhältnissen, von kleinen Leuten, von der Sozialgeschichte der 
Provinz, und das war - um romantischen Missverständnissen vorzubeugen, 
weiß Gott keine Idylle. Unsere Dokumente berichten von Landaus, Ht^anns, 
Israels, Heilbronns, Mühlsteins, Löwenbergs, Grünebaums, Rosenthals - und 
Lindheimers nicht zu vergessen, für unsere Eltern buchstäblich der Metzger 
um die Ecke - und von den nassauischen Landjuden, deren Nachkommen sie 
aUesamt waren. 

Bei unseren Recherchen haben wir im 20. Jahrhundert begonnen und uns 
dann langsam, gewissermaßen gegenläufig, in die Geschichte zurOckgetastet. 
Das wollen wir hier umdrehen und die Sache in der richtigen Reihenfolge 
erzählen. Das älteste Dokument, das wir zeigen - eine Bürgermeisterrechnung 
mit den Namen dreier Juden - stammt aus dem Jahr 1680. Und dort wollen wir 
auch beginnen. 

Im 17. und im 18. Jahrhundert lebten üt>er 90 Prozent, zu Beginn des 19. 
Jahrhunderts noch immer 80 Prozent der deutschen Juden auf dem Land. 
Dies war eine Folge der Vertreibung aus den Städten und der 
"Peuplierungspolitik" der Landesherren in der frühen Neuzeit, besonders im 
16. Jahrhundert. Juden fanden in dieser Situation - gegen Geld, versteht sich - 
oft Zuflucht in den kleinen ländlichen reichsritterlichen, reichsgräflichen oder 
geistlichen Territorien des zersplitterten alten Deutschen Reiches, und davon 
gab es in unserer Gegend - z.B. - besondere viele. Die Historiker beschreiben 
das so: "Das Lanctjudentum sollte von nun an für Jahrhunderte den Kern des 
deutschen Judentums bilden und seinen Ctiarakter bestimmen. Ohne 
ständige Berührung mit der geistigen und sozialen Dynamik der Stadt hielt es 
über viele Generationen an seinen Traditionen und seinem besonderen 
Gepräge fest" (M. A. Meyer, Deutsch-jüdische Geschichte der Neuzeit, I, S. 
590- 

Die Juden waren bis ins 19. Jahrhundert - auch daran muss erinnere werden - 
geduldete Untertanen, nicht Staatsbürger. Ihre rechtliche Stellung, ihre 
Berufsausübung, ja sogar ihr Privatleben wurden durch sogenannte 
Judenordnungen geregelt. Auf dem Territorium des späteren Herzogtums 
Nassau galten im 18. Jahrhundert 15 solche Ordnungen. Sie regelten (wie 
entsprechende andere Verordnungen für Nichtjuden) die absonderiichsten 



Einzelheiten (kein Aufenthalt auf der Straße während der christlichen Predigt), 
aber audi ganz fundamentale Dinge, die für die Wahrnehmung der Juden 
durch ihre Umwelt prägend wurden. In der Regel verboten sie jegliche 
Ausübung von Handwerksberufen - zu den Zünften waren Juden ohnehin 
nicht zugelassen - und verwiesen so die Betroffenen auf das Kredi^schäft 
und den Handel, meist mit Vieh und Viehprodukten, also mit Wolle, Häuten 
und Fellen, manchmal auch mit Wein und Früchten, wenn es gut ging mit 
Kramwaren, im besten Fall mit Tuchen, Gold- und Silberwaren. Der Vieh- und 
Pferdehandel, für den es in den Städten keine Zünfte gab, spielte dabei eine 
herausragende Rolle. 

Gläubige Juden durften nur Fleisch von Vieh verzehren, das rituell 
geschlachtet war. Daher mussten sie immer selbst Vieh kaufen. Dem trugen 
die Judenordnungen Rechnung. Sie ertaubten - zum Schutz der christlichen 
Metzger - das Schlachten von Vieh nur zum eigenen Gebrauch, ließen aber 
zumindest den Verkauf des Hinterteils von Großvieh, das Juden aus rituellen 
Gründen nicht verzehren durften, zu. Die eigenartige Berufestruktur der 
Landjuden, die ihnen immer wieder zum Vorwurf gemacht wurde, hat in den 
amtlichen Einengungen ihre Ursache; sie wurde von der Obrigkeit, die sie 
gleichzeitig beklagte, erzwungen. 

Das Interesse der Territorialherren an den Juden war fast ausschließlich 
finanzieller Natur. Dies hatte eine lange, ins Mittelalter zurückreichende 
Tradition. Juden mussten ihr Aufenthaltsrecht erkaufen und waren für Kaiser 
und Könige, Bischöfe und Fürsten, Reichsstädte und Klöster eine wichtige 
Einnahmequelle. Von Juden wurden im 18. Jahrhundert "...Aufnahme-, 
Einzugs- und Abzugsgelder, Schutzgelder, Leibzoll, Abgaben für die 
Beerdigung der Toten, Neujahrsgelder, Schreibpapierabgaben an die 
herrschaftliche Kanzlei, Schlachtgelder erhoben..." {Kober, Die Juden, S. 223). 
Juden zahlten an ihre Landesherm in der Regel das Vierfeche dessen, was 
ein christlicher Untertan zu erbringen hatte (Suchy, S. 147). Sie finden in der 
Ausstellung Übersichten der herzoglich-nassauischen Finanzkasse über 
'Judensteuern' aus der ersten Hälfte des 1 9. Jahrhunderts, die eine Einahme 
von rund 10.000 Gulden jährlich aufweisen. Das war viel Geld. 

Die Aufenthaltserlaubnis wurde von der jeweiligen Obrigkeit in der Form von 
Schutzbriefen - auch die finden Sie in der Ausstellung - erteilt. Sie war u.a. an 



den Nachweis eines bestimnfiten Vermögens gebunden. Sie galt für das 
männliche Familienoberhaupt, seine Ehefrau, seine unverheirateten Kinder 
und gegebenenfalls für Knechte und Mägde. Für den Schutzbrief selbst 
musste ein jährliches Schutzgeld entrichtet werden, dessen Höhe durchaus 
nicht einheitlich war. 181 1 betrug es in Nassau 29 Gulden, 28 Kreuzer, im 
Dorf Ems 15 Gulden, 36 Kreuzer, in benachbarten Dörfern 17 Gulden, 28 
Kreuzer; anderswo im Amt Nassau war es erheblich niedriger. 

In armen Zeiten - und die Zeiten waren oft arm - zogen jüdische Familien in 
entlegene Dörfer, um die Last des Schutzgeldes zu mindem, so auch der 
Vater von Julius Israel. Dennoch mussten sie häufig genug, bei Krankheit oder 
im Alter, um Erlass nachsuchen und - in krassen Fällen - betteln gehen. Auch 
dies - das Umherziehen und die bittere Armut - charakterisiert das 
nassauische Landjudentum. Um die Not zu lindern, gab es seit der Mitte des 
18. Jahrhunderts eine nvldtätige Stiftung, in die jüdische Familienhäupter 
Beiträge einzahlten. Sie finden das entsprechende Dokument in der 
Ausstellung. 

Die meisten Landjuden betrieben Viehhandel, und das war ein stark 
reglementiertes Gewerbe. Im Herzogtum Nassau und auch nachher in der 
preußischen Provinz Hessen-Nassau galten die Vorschriften eines 
Nassauischen Viehhandels-Gesetzes von 1 791 , deren Einhaltung die 
Amtmänner regelmäßig anmahnten. Ein Kernpunkt war der "Gesundheit- 
Schein", in dem der Schultheiß des Herkunftsortes für jedes Stück Vieh 
bestätigen musste, "daß hierund in der Umgegend unter dem ...Viehe l<eine 
ansteckende Krankheit herrscht'. Dieser "Gesundheit-Schein" musste beim 
Verkauf vorgelegt werden und war die Voraussetzung für eine 
ordnungsgemäße Protokollierung des Handels. Wir zeigen einige Beispiele. 

In vielen Städten und Gemeinden unserer Gegend sind die Viehhandels- 
Protokolle, die die Schultheißen fortlaufend zu führen haften, erhalten 
geblieben. Das war für uns eine wichtige Quelle; an etwa 3/4 alier Verkäufe 
waren jüdische Viehhändler beteiligt. Zwei solcher Protokoll-Bücher, aus den 
1820er und 1830er Jahren, liegen gleich in der ersten Vitrine. In ihnen ist jeder 
KaufA/erkauf oder Tausch von Großvieh, also im wesentlichen von Kühen, 
Kälbern, Rindem, Ochsen und Pferden registriert. Au^eführt werden nach 
einem festen Schenna Tag und Stunde, die Namen von Käufer und Verkäufer. 



eine Beschreibung des Tiers, die Versicherung, dass es fehlerfrei sei, der 
Preis, ggf. die Zahlungsweise und andere beim Kauf getroffene 
Vereinbarungen; und besiegelt wurde das Ganze - wie ein Vertrag - durch die 
Unterschriften der beiden Handelnden und des Schultheißen. 

Diese Situation änderte sich grundlegend erst im 19. Jahrhundert. Der Handel 
differenzierte sich, die Einrichtung von Läden wurde möglich. Die Öffnung 
anderer Berufe, die Abwanderung in die Städte ennögiichten den Juden einen 
sozialen Aufstieg, der sie rasch von ihrem ländlichen Ausgangspunkt 
entfernte. 

Dennoch überlebte das Landjudentum - nun eine Minderheit in der Minderheit 
- in weiten Teilen West- und Süddeutschlands, in Franken, in Baden, In 
Westfalen bis ins 20. Jahrhundert und bis in die Nazizeit hinein. Das waren in 
Nassau z.B. die Familien Leopold Israel, Heilbronn, Low, Moritz Lindheimer, 
Sally Landau. Auch hier zeigt sich das zähe Festhalten an Traditionen, das 
auf Beobachter oft anachronistisch wirkte und von der Geschichtsschreibung 
lange gering geschätzt oder einfach übersehen wurde. Vielen erschien das 
Landjudentum "als eine - vom Aussterben bedrohte - Sonderform jüdischen 
Lebens ... ", als "eine Art RestbevöH<erung auf Zeit", und die Leistungen der 
Landjuden werden bis heute nicht angemessen gewürdigt (Richarz/Rürup, S. 
V, S. 1). 

Dies lässt sich auch damit erklaren, dass diejenigen, die den sozialen Aufstieg 
geschafft, den Hausier- und Viehhandel hinter sich gelassen und sich in 
bürgerlichen Berufen etabliert hatten, nur ungern an die Vergangenheit 
erinnert wurden. Das armselige und knochenharte Leben auf dem Land, wo 
lange Zeit an Wasserieitung, Elektrizität, Schulbildung und eine ordentliche 
medizinische Versorgung nicht zu denken war, konnte den neuen sozialen 
Standards nicht entsprechen. Aus dieser Sicht (und nur aus dieser) stand der 
V^hhandel "ganz am unteren Ende der S/ca/a des sozialen Ansehens der 
jüdischen Berufe" (Richarz, Viehhandel, S. 80). Ahnlich haben vermutlich 
unsere Großväter - drei Handwerksmeister und ein Oberpostsekretär (!) - 
reagiert, wenn sie daran erinnert wurden, dass ihre Vorfahren Taglöhner, 
bettelarme freiherrlich vom und zum Stein'sche Pächter und von der 
Erbteilung auf handtuchgroße Äcker reduzierte Kleinbauern gewesen waren. 




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Abwanderung hieß oft: Abwanderung in die nächstgelegene Kleinstadt, deren 
Bahnstation den Viehhandel regelrecht revolutionierte. So war das in Nassau, 
so war das In vielen vergleichbaren Orten. Die Abwanderung begann in 
unserer Gegend in der Mitte des 1 9. Jahrhunderts, als die Kindersterblichkeit 
zurücic ging und der Viehhandel allein die wachsenden Familien nicht mehr 
ernähren konnte. Auf dem Stammbaum der Familie Goldschmidt aus dem 
Taunusdorf Singhofien iässt sich dieser Weg ganz gut verfolgen, auch über die 
Kleinstadt hinaus und schließlich bis in die Enrügration nach Amerika oder 
Palästina oder in den Tod, nach Riga, Minsk oder Auschwitz. 

Mit der Abwanderung aus den Dörfern einher ging die Befreiung von den 
rechtlichen und sozialen Diskriminierungen der Vergangenheit. Wir haben in 
der Sektion, die wir "Historischer Rückblick" genannt haben, ein paar 
Stationen auf diesem Weg dokumentiert: die nassauische Umfrage "über den 
staatsbürgerlichen Zustand der Juden" von 1811, sehr detailliert, aber 30 
Jahre lang ohne handgreifliche politische Folgen; der Kampf um die 
Niederlassungsfreiheit; die Annahme erblicher Familiennamen, die im 
Herzogtum sehr spät, erst 1841 vorgeschrieben wurde; die Präponderanz der 
Obrigkeit selbst in Ehe- und Religionsangelegenheiten. Das ist viel zu lesen, 
bürokratischer Kram, der aber das Leben der Menschen, um die es hier geht, 
entscheidend bestimmt hat. 

Die Historiker haben konstatiert - und als eine beispielhafte Leistung 
gewürdigt - dass die deutschen Juden innerhalb von zwei Generationen d^ 
Weg von einer randständigen Schutzjuden-Existenz in den bürgeriichen 
Mittelstand zurück legten und dass ihnen dabei das in den Jahrhunderten der 
Unterdrückung entwickelte Überlebenstraining geholfen hat. Das können wir 
auch an unserem Beispiel belegen. Die Emanzipation der nassauischen 
Landjuden vollzog sich allerdings später und ging langsamer vonstatten als 
diejenige der Bewohner der großen Städte. Das lag nicht zuletzt daran, dass 
die Aktivsten, Ehrgeizigsten gleich weiter wanderten und anderswo Karriere 
machten. Wir zeigen dazu einige Belege, u.a. über die Brüder von Julius 
Israel: zwei gingen in den 1880em nach Amerika und ein anderer wurde der 
hochgeachtete Kantor der jüdischen Gemeinde in Stockholm. 

Aber auch bei denen, die dablieben, ist der soziale Aufstieg unverkennbar. 
Die Söhne ländlicher Viehhändler gründeten kleinstädtische 



Konfektionsgeschäfte, Kolonialwarenläden, Schuhgeschäfte, Kaufhäuser gar, 
und sie waren damit in der Regel (aber nicht immer) erfolgreich. Und deren 
Söhne wiederum (bald auch die Töchter) besuchten die höhere Schule, 
studierten und wurden Juristen und Volkswirte. Das ist nun sciion im 20. 

Jahrhundert. Wir zeigen das an zwei Beispielen. Upward bound nennt man so 
etwas in Amerika. 

Die jüdischen Geschäfte und Kaufhäuser haben viel zum Ansehen und zum 
Wohlstand des Städtchens beigetragen. Das Streben nach sozialem Aufstieg 
heißt, ins wirkliche Leben übersetzt: Arbeit, Fleiß, Entbehrung, Sparsamkeit, 
Genügsamkeit, Ordnungsliebe, Zuverlässigkeit, Anstand und Etikette, auch 
Mut und Selbstvertrauen. Das sind bürgertiche Tugenden und Grundsätze, die 
heute ein bisschen - und zu Unrecht - in Vergessenheit geraten sind. Nichts 
hat die Juden - in Nassau und anderswo - mehr mit ihrer christlichen 
Umgebung verbunden, nichts hat sie trotz aller Wklerstände stärker in diese 
integriert als gerade das. Aus vielen Unterhaltungen, die wir geführt haben, 
ließ sich heraushören, dass diese Haltung Vorbildcharakter hatte. 

Zu den beglückendsten Erfahrungen, die wir bei unserer Arbeit an diesem 
Thema gemacht haben, gehört die Entdeckung, dass es im Zusammenleben 
von Juden und Nichtjuden vor der Nazizeit so etwas wie Normalität, 
verlässliche Nachbarschaft, Kameradschaft, Kollegialität gegeben hat, und 
das über lange Zeiträume. Wiederum: keine Idylle, kein Mangel an Vorurteilen 
und Konflikten, aber doch die Beachtung von zivilisierten Regeln im 
Zusammenleben. Der Weg, so scheint uns, führte nicht zwangsläufig in die 
Katastrophe. 

Die Fotos, Poesiealben, Festbücher, die wir für die Sektion "Deutsche 
Staatsbürger jüdischen Glaubens" zusammen getragen haben, stammen zu 
einem guten Teil aus unserem Familienbesitz und zeigen so etwas wie unsere 
private Beteiligung an der hier erzählten Geschichte. Es ist eine Geschichte 
von Tür-an-Tür-Nachbam. Wenn wir die Fotos betrachten und sie als 
Zeugnisse gütlichen, ja freundschaftlichen Zusammenlebens werten, dürfen 
wir nicht vergessen, dass Julius Israel und Moritz Lindheimer, Frau Landau 
und Betty Mühlstein, Frieda Israel und Walter Rosenthal schon wenige Jahre, 
nachdem die Fotos gemacht worden waren, ausgestoßen und isoliert, 
gedemütigt und geprügelt wurden. z.B. in Nassau an der Lahn. 



Um an die damals virulente Gefährdung der Zivilisation zu erinnern, 
dokumentieren wir am Ende dieser Sektion einen Prozess, den Nassauer 
Juden zwischen 1 926 und 1 928 gegen schwere VerleunKlungen durch den 
Völkischen Beobachter, die in München erscheinende Zeitung der NSDAP, 
anstrengten; dabei machten sie eigenartige Erfahrungen mit einer offen mit 
den Nazis sympatisierenden bayerischen Justiz. 

Die Nassauer Juden haben diesen Prozess, der durch alle Instanzen ging und 
großes öffentliches Aufsehen erregte, schließlich gewonnen. Erich Eyck hat 
das - erleichtert - so kommentiert: "...das Recht, das Gesetz ist unser, der 
Minderheit, einziger Schutz und Schild. Es liegt ein tiefer Sinn in Schillers Wort 
'Das Gesetz ist der Freund des Schwachen'." Es hat uns stark berührt, dass 
unser Freund Arnold Paucker, der deutsch-jüdische Historiker und langjährige 
Direktor des Londoner Leo Baeck-Instituts, im Februar 2003 einen 
autobiografischen Rückblick mit dem Satz abschloss: "Ich schreik)e diese 
Worte zu einer Zeit, in der es Mode geworden ist, selbst die Aufklärung in 
Frage zu stellen und somit jenen Fortschritt, der alleine uns Juden ein 
menschenswürdiges Dasein verhieß. Der Kampf um Recht und Freiheit dauert 
fort". Auch diese Mahnung gehört, so glauben wir, zum Erinnerungs-Charakter 
unserer Ausstellung. 

Freiheit, Recht und Gesetz - das galt nicht mehr, als Adolf Hitler am 30. 
Januar 1 933 deutscher Reichskanzler geworden war. Wir haben uns bemüht, 
das was nun folgte, mit Dokumenten zu belegen, die aus Nassau selbst 
stammen. Wiederum also: z.B. Nassau an der Lahn. Das reicht vom 
"judenfreien Markt" 1 935, von Denunziationen und parteiischen Polizei- 
Protokollen über den bürokratischen Vollzug der Ausgrenzung und die mit 
dem roten J versehenen Kennkarten, über die Mühsal der Auswanderung und 
die Inhaftierung in Buchenwald im November 1 938 bis zur Triumph-Meldung 
des damaligen Bürgermeisters "Nassau ist judenfrei!". Das war am 6. Februar 
1939. 

Was wir Ihnen leider nicht zeigen können, sind Fotos vom Pogrom am 10. 
November 1938, einem Ereignis, das sich jetzt zum 65. Mal jährt. Es gibt 
solche Fotos von den Verwüstungen in Nassau, holländische Touristen haben 
sie gemacht. Aber wir haben sie nicht auffinden können. Was wir zeigen 



können, ist der Schlüsset zur ehemaligen Synagoge, die 1 938 venwüstet und 

1 945 bei einem Bombenangriff zerstört wurde; ein (vielleicht absichtlich) 
unbekannt Gebliebener hat ihn später im Nassauer Stadtarchiv hinterlegt. 

Am 6. Februar 1 939 zogen Julius und Lina Israel zu Linas Venvandten nach 
Bad Godesberg. Hier ergibt sich eine persönliche Verbindung zwischen 
unserem Beispiel Nassau und dem Ausstellungsort Bonn. Nassau war 
"judenfrei". Aber unsere Geschichte geht weiter. Julius Israel starb im August 
1941 in Godesberg und liegt auch dort begraben. Lina Israel ist von Endenich 
aus im Juni 1942 vermutlich nach Izbica in Polen deportiert worden und unter 
unbekannten Umständen an einem unbekannten Tag umgekommen. Wir 
dokumentieren die Zwischenstation Endenich und das Schicksal der anderen 
Nassauer Juden, die nicht rechtzeitig Deutschland verlassen konnten, auf 
einigen Tafeln hier auf der rechten Seite. 

Im Dezember 1947- wir nähern uns dem Ende - wurden durch einen - 
städtebaulich vielleicht begreiflichen - Venwaltungsakt der Stadt Nassau das 
Judengässchen (das wohlgemerkt kein Ghetto gewesen war) "eingezogen" 
und das Grundstück der ehemaligen Synagoge "umgelegt". Einen 
authentischen Ort des Gedenkens gibt es nicht mehr. z.B. in Nassau an der 
Lahn. Der jüdische Friedhof - er liegt weit außerhalb der Stadt - ist der einzige 
Ort. der noch von der Jahrhunderte langen Anwesenheit einer jüdischen 
Gemeinde in Nassau zeugen kann. Er ist nach 1 945 und bis in die jüngere 
Vergangenheit hinein mehrfach verwüstet werden. Sie können das Ergebnis 
auf einem der Fotos hier sehen. z.B. Nassau an der Lahn. 

Zum Ende bleibt uns übrig, Dank zu sagen: dem Verein An der Synagoge 
dafür, dass wir die Ausstellung hier präsentieren können; seinen 
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die tatkräftige Hilfe beim Aufbau; dem 
Stadtarchiv Bonn, der Kreisventvaltung des Rhein-Lahn-Kreises und der 
Gleichstellungsbeauftragen der Universität Bonn für die Ausleihe von Rahmen 
und Vitrinen; Ihnen allen dafür, dass Sie gekommen sind, dass Sie sich für die 
Ausstellung interessieren, dass Sie sich mit uns erinnern und die Erinnerung 
weitertragen. 




SAMSTAG/SONNTAG. 18. /.19. OKTOBER 2003 




ONN 



V - VI . V 



Wohin! die letzte Reise gingest nicht gewiss 



AUSSTELLUNG Iii „Z.B. Nassau an der Lahn" porträtieren Waltraud Becker-Hammerstein und Werner Becker das 

Schicksal von 30 jüdischen Familien. Bad Godesberg wurde für das Ehepaar Israel nur vorübergehend Heimat 



Von Silke Elbezn 

Vereint liegen die Pässe von Julius und 
Lina Israel in der hölzernen Vitrine - ganz 
eng nebeneinander. Fast, so könnte man 
vermuten, haben Waltraud Becker-Ham- 
merstein und Werner Becker in ihijer Aus- 
stellung „z.B. Nassau an der Lahp" wie- 
dergutmachen wollen, was dem jüdischen 
Ehepaar Israel im und nach deip Tode 
verwehrt blieb: Sich nahe zu sein. \ 

Auf den ersten Bhck handelt es sich 
um ganz normale Kennkarten der 30er 
Jahre: Oben rechts das Foto, unjten die 
Unterschrift. Doch bei genauerer Betrach- 
tung fällt das rote „J" für Jude äuf der 
linken Seite auf. Und wie alle Juden muss- 
te Julius als zweiten Vornamen Isrkel hin- 
zufügen, seine Frau Lina den Namen Sara. 

Das Ehepaar Israel steht für eine von 
30 Familien, die in der Ausstellimg, die 
jetzt im Verein An der Synagoge eröffnet 
wurde, porträtiert werden. „Wir wollen 
damit an Menschen erinnern, die fast alle 
nicht mehr leben und von ihrer Nachwelt 
vergessen wurden'*, sagt Becker. Genau 
wie er stammt auch seine Frau ursprüng- 
lich aus Nassau, seit 35 Jahren leben sie 
allerdings in Bonn. Ein Großteil des Mate- 
rials, wie Fotos, Poesiealben, Festbücher, 
stammeNaus dem eigenen Faioilioibesitz 
der Vorfahren. „Beglückend war für uns 
während der Erstellimg die Erfahrung, 
da^s es im Zusammenleben von Juclen tmd 
Nicht-Juden vor der Nazizeit so etwas wie 



IHe Exponate erzäh- 
len eine traurige 
Geschichte. 

TOTO: FROMMANN 




Normalität, verlässliche Nachbarschaft 
und Kameradschaft gegeben hat", sagt 
Becker-Hammerstein. 

So war auch Julius Israel, der Nach- 
komme nassauischer Landjuden, in das 
Stadtleben voll integriert, ^al ob Kame- 
valsverein, Skatclub oder Chor - der Kram- 
und Altwarenhändler Israel ist auf allen 
^dem immer mittendrin im Geschehen. 
Nach dem Pogrom 1938 musste das Ehe- 
paar Israel sein kleines Haus verkaufen 



und den Laden schließen. 1939 zogen sie 
zu Linas 6mder nach Bad Godesberg. 
„Hier er^bt sich eine persönliche Verbin- 
dung zwischen unserem Beispiel Nassau 
und dem Ausstellungsort Bonn", erklärte 
Becker-Hammerstein. Im August 1941 
starb iulius vermutlich an Herzversagen. 
Er liegt auf dem kleinen jüdischen Friedhof 
unterhalb der God«sburg begraben. Ein 
halbes Jahr später jtnternierten die Nazis 
Una; und ihre Verwandten im Endenicher 



Kloster. „Dort haben sie ein halbes Jahr 
gelebt, aber während die Verwandtschaft 
nach Theresienstadt gebracht winde, ver- 
liert sich Linas Spur", fügt Becker an. 
Tochter Frieda Israel war 1938 nach Ame- 
rika ausgewandert. 

Die Ausstellimg ist bis zum 29. Januar 
2004 im Verein An der Synagoge, Franzis- 
kaner Straße 9. zu sehen, Sie ist montags 
bis donnerstags von 9 bis 15 Uhr geöffnet 



Gedenkstunde 
zur Erinnerung an den Tag der Befreiung von Auschiwitz 
DoiMMrttag, 26. Januar 2006, 18.00 Uhr 
Gobalinsaal des Alton Rathauses am Markt 

Musikalischer Auftakt 
Vokalen8emt)le des Pliilharmonischen Chores der Stadt Bonn 

l^itung Thomas Neuhoff 
Orlando di Lasso „Timor et tremor" 



Begrüßung durch Frau Ok>erbürg6rmelsterln Bärbel Dieckmann 



„Nicht nur Auschwitz.... Ermordung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden 

aus Bonn" 

kurze Portraits von Otto Meyer (Manfred Struck), Bella und Max Weis 
(Dr. Ruth Schlette) und l-udwig Waklmann (Dr. Manfred van Rey) 



Musik 

zwei hebräische Lieder für Frauenstimmen von Viktor Ullmann 



kurze Portraits von Una Israel (Dr. Werner Becker), Familie Fragmann 
(Astrid Mehmel) und den Familien Jülich, Kaufmann und Klee (Dr. Norbert 

Schioßmacher) 



Musikalischer Abschluss 
zwei hebräische Lieder für Frauenstimmen von Viktor Ullmann 



Schlusswort von Frau Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann 



Nicht nur Auschwitz... Ermordung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden 

aus Bonn 

Gedenkstunde zur Erinnerung an den Tag der Befreiung von Auschwitz 

Bonn, 26. Januar 2006, 18 Uhr 

ich möchte Ihnen das Schicksal von Frau Serline Israel schitelem, get>oren 
am 8. Novemt>er 1 878 in Osterspai, einem kleinen Rheinstddtchen südlich 
von Kok)lenz, gestorben an einem uns unl;>ekannten Tag und an einem uns 
unbekannten Ort. 

Lina Israel - kein Mensch nannte sie Seriine - stamnfite aus einer weit 
verzweigten Familie von Landjuden, die - meist als Viehhändler - in den 
Dörfern des l-iunsrücks und der Eifel lebten. Auch Linas Vater Isaak 
Kaufmann war Viehhändler. Lina hatte fünf ältere Geschwister. Ein Bruder, 
Hermann Kaufmann, zog nach Bad Godesberg. Hen^ Schloßmacher wird 
nachher das Schicksal seiner Familie schildern. 

1903 heiratete Lina Kaufmann den wenig älteren Julius Israel aus Nassau 
an der Lahn, der sich gerade in seiner {Heimatstadt mit einem kleinen 
Ladengeschäft für Glas und Porzellan selbständig gemacht hatte. Auch er 
stammte aus einer Landjudenfamilie. Kurz nach der Heirat konnten Israels 
ein eigenes kleines Haus in Nassau beziehen. 1904 wurde der Sohn Otto, 
1906 die Tochter Frieda geboren. Der Umsatz des Lädchens ernährte die 
Familie nicht, also starteten Israels zusätzlich einen Altwarenhandel. 

Julius Israel war wohl kein großer Geschäftsmann. Er kümmerte sich um 
vieles, war in der Kommunalpolitik aktiv, in den kleinstädtischen Vereinen, 
im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, war Kamevalspräsident, spielte 
Skat, half Verwandten und Nachbarn in Not, aber die Arbeit im Geschäft, 
im Haushalt, in der Familie tat Lina Israel. Sie wird als eine schöne, 
fürsorgliche und hilfsbereite Frau geschildert, war eher klein von Statur und 
hatte ein rundes, mütterliches Gesicht. In ihrem Haus waren Gäste immer 
willkommen. Und, so sagt es heute eine ehemals enge Freundin der 
Familie: »Sie konnte wunderbar kochen und backen. Ihren Streuselkuchen 
ess ich heut noch ". 



Große Sorge und Arbeit bereitete der Sohn Otto, der an Epilepsie litt. Er 
mussto 1927 in einer Heil- und Pflegeanstalt hospitalisiert werden und starb 
dort ein Jahr später. 

Sie sehen, ich berichte von kleinen, bescheidenen Verhältnissen, von 
einem Leben, das nur mit Fleiß, Tapferkeit und Selbstbeschränkung 
gemeistert werden konnte, und. so muss man hinzufügen, gemeistert 
wurde. Halt zu geben schien das Leben in der Kleinstadt mit einer 
gewissen sozialen Homogenität, mit Alltagsfreuden und Alltagszank und 
nidit zuletzt mit dem allen gemeinsamen Dialekt. Hier waren Lina und 
Julius Israel verwurzelt. 

Diese Welt brach 1933 - nicht ohne Voniifarnungen - zusammen. Julius 
Israel war kein Kriegs-, kein Sängerkamerad und kein Skatbruder mehr, 
Freunde von gestern wandten sich ab. Das Geschäft ging schlecht und 
schlechter; im Sommer 1938 mussten Israels es schließen. Kurz zuvor war 
der Tochter Frieda die Emigration in die USA gelungen. Im 
Novemberpogrom von 1938 wurde auch Israels Haus verwüstet. Kurz 
danach mussten sie es verkaufen. Im Februar 1939 zogen sie zu Linas 
Bruder nach Bad Godesberg. Hier lebten sie zurückgezogen und isoliert 
das Leben von Menschen, denen fast alles verboten war und täglich mehr 
verboten wurde. Hier starb Julius Israel im August 1941 . Auf dem alten 
jüdischen Friedhof am Fuß der Godesburg wurde er begraben. 

Lina Israel, nun 63 Jahre alt, wurde am 23. Januar 1 942 im Endenicher 
Kloster interniert. Am 14. Juni 1942 wurde sie nach Köln geschafft. Über ihr 
weiteres Schicksal wissen wir nichts. Vermutlich musste sie den 
Deportationszug Da 22 besteigen, der aus Koblenz kam und in Lublin 
endete. Wenn sie die Fahrt überlebt hat, wurde sie dort oder in einem der 
umliegenden Vernichtungslager ermordet. Sie fand ein „Grab in den 
Wolken" - und vielleicht nicht einmal das. 

Ihr Name steht auf dem von Schüiem gestalteten Gedenktuch und auf 
einer Tafel im Gedenkraum der Bonner Gedenkstätte und auf einem 
Stolperstein vor dem Haus Friesdorfer Straße 92 in Bad Godesberg. 

Dr. Werner Becker, Viktoriaplatz 4, 53173 Bonn 





Julius Israel Nassau 



öffentliche Führungen: 
1 1 . Februar, 1 1 . März, 1 . April, 
Jeweils um 1 5 Uhr 

mit 

Waltraud Becker-Hammerstein 

und Werner Becker 




Juden in einer ländlichen Kieinstadt 
im 19. und 20. Jahrhundert 



OOKmUgBT- 




Una iffKl Julius Isiaei, Skulpturai: Peter Ax, Bad Ems 
Foto: Manfred Riege, Nassau 
Design: Dorothee Brown. Nassau 



Eine Ausstellung 
von Waltraud Becker-Hammerstein 
und Werner Becker 

r 

Günter Leifheit-Kulturhaus, 

Obertal 9a, Nassau an der Lahn 

Museumssaal, 4. Etage 
4. Februar - 12. April 2006 

geöffriet: 
Montag - Freitag 
10- 13 und 14- 17 Uhr 



Die Eröffnung, 
verbunden mit einem Vortrag 
von Waltraud Becker-Hammerstein 
und Werner Becker, 
findet am 3. Februar 2006, 
18 Uhr 
im Kulturkeller statt. 

Musik: Odelia Lazar 

Sie und Ihre Freunde 
sind herzlich eingeladen. 



Terminabspradien für Führungen: 
Stadtblbllothek Nassau. 

Telefon: 02604-952510 



Julius Israel Nassau 
Juden in einer lindliclien Kleinstadt im 19. und 20. Jahrhundert 

Eröffnung der Ausstellung von Waltraud Becker-Hammerstein und Werner Becker 

Günter-Leifhelt-Kulturhaus Nassau (Lahn), Obertal 9a 

3. Februar 2006, 18 Uhr 

Lieber Herbert, liebe Gäste 

wir freuen uns, dass unsere Ausstellung nun auch hier in Nassau gezeigt 
werden kann. Denn dies ist der authentische Ort, in dem die Geschichte, 
die wir dokumentieren, spielt. Wenn Sie durch den schönen 
Ausstellungsraum im 4. Stock gehen und aus dem Südfenster schauen, 
sehen Sie den Hof des ehemaligen Anwesens von Falk Israel; dort stand, 
bis zum Abriss vor acht Jahren, Julius Israels Elternhaus, ein an die 
Stadtmauer angeklebter Fachwerkbau, der zu den ältesten erhaltenen 
Wohnhäusern in Nassau zählte. Das ist, wenn mein Orientierungssinn nicht 
trügt, gleich hier hinter der Rückwand. Und ziemiksh genau hier, wo wir 
sitzen, standen in der ersten Hälfte des 1 9. Jahrhunderts, vor dem Bau der 
Brauerei, die Stallungen des jüdischen Viehhändlers Mayer Hirsch. 

Unsere Ausstellung erzählt die Geschichte der Nassauer Juden und damit 
einen guten Teil der Geschichte der Stadt Nassau. Sie erzählt auch - 
ausschnittweise - die Geschichte der nassauischen Landjuden und damit 
ein Stück Sozialgeschichte des Nassauer Umlandes im Westenvald und im 
Taunus. Daher beginnt sie mit einer kurzen geografischen und historischen 
Sequenz Uber die Stadt Nassau selbst. 

Es folgen sechs weitere Abschnitte. Der erste heißt „Familienalbum" und 
stellt - in Auswahl - die Menschen vor, um die es hier geht. Der zweite - 
„Familiengeschichte" - vertieft diese Vorstellung an Hand von Dokumenten. 
Es folgen der „historische Rückblick" auf die Geschichte des nassauischen 
Landjudentums und der Abschnitt „Deutsche Staatsbürger jüdischen 
Glaubens" mit Dokumenten und vielen Fotos aus den beiden ersten 
Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Danach werden Verfolgung, 
Vertreibung und Ermordung in der Nazizeit dokumentiert, und schließlich 



1 



sind unter dem Stichwort „Spuren" Gegenstände, Fotos und Bücher 
versammeK. die heute an die Menschen erinnern, um die es uns geht. 

Wir haben versucht, die Ausstellung so zu konzipieren, dass der Besucher 
sie ohne Führung anschauen kann; dafür liegt oben ein Begleittext (kein 
Katalog) bereit, der die notwendigen Informationen enthält und den Sie sich 
mitnehmen können. Wir haben verabredet, dass wir an drei Samstagen 
(am 1 1 . Februar, am 1 1 . März und am 1 . April) jeweils eine öffentliche 
Führung anbieten. Wir kommen aber gern zu zusätzlichen Führungen, 
wenn sich interessierte größere oder kleinere Gruppen - ehemalige 
Nachbarn, aus Vereinen, aus Schulen, Nassauer Neubürger - anmelden. 
Frau Schröder in der Stadtbibliothek koordiniert die Temnine. In der 
Ausstellung liegt übrigens ein Gästebuch, und wir. würden uns freuen, wenn 
Sie sich dort, auch gern mit Kommentar, einschreiben würden. 

Wie schon mit unserem Buch, das vor drei Jahren erschienen ist - und das 
Sie natürlich kaufen können, wollen wir mit unserer Ausstellung nicht nur 
Geschichte schreiben, sondern an Menschen erinnern: an die jüdischen 
Vieh- und Kramhändler des 18. und 19. Jahrhunderts, die die Nachbarn 
und zuverlässigen Geschäftspartner unserer Urgroßeltem gewesen sind, 
an Mayer Hirsch und Israel Feist, an Levi Seligmann und Abraham Moses, 
an Sender Löb und eben an Falk Israel. Und an ihre Frauen natürlich, an 
die Kunetle und Hendel, Breinle und Byssel, Gütle und Veigel, Frummet 
und Cheiche - Namen, die uns so firemd klingen, wie sie unseren 
Vorfahren im Nassauer Land vertraut waren. 

Und wir wollen erinnern an die jüdischen Kaufmanns-Familien, die in der 
zweiten Hälfte des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zum 
Gedeihen ihrer Heimatstadt Nassau beigetragen haben, an Grünebaunra 
und Löwenbergs, Rosenthals und Goldschmidts, Landaus und Löws, 
Lindheimers und Mühlsteins, Hofmanns und Israels, Heilbronns und 
Strauße (so sagt man in Nassau), an Gustav Stern und Aron Stein samt 
seiner tüchtigen und in Nassau so beliebten Frau Johanna Stein. 
Erinnerung an Menschen also. 

Den Namen, die wir genannt haben, werden Sie in der Ausstellung wieder 
begegnen, fireilich nicht allen und sicher nicht in der gewünschten 



Ausführlichkeit. Das liegt nicht nur an der notwendigen Beschränl^ung auf 
ausgewählte Beispiele, nicht nur am gewissermaßen natürlichen Schwund 
historischer Quellen und Artefakte, sondem in erster Linie an der 
Vertreibung und Vernichtung der deutschen und europäischen Juden in der 
Nazizeit. M\t den IVIenschen ist auch ihre Hinterlassenschaft verschwunden. 
z.B. fehlen uns viele Personenfotos; wir haben bisher kein Foto der 
Nassauer Synagoge gefunden und auch keine Fotos von den 
Ausschreitungen während des Pogroms von 1938. obwohl holländische 
Touristen an diesem Tag viel fotografiert haben. 

Wir versuchen mit unserem Buch und mit dieser Ausstellung dem 
Mechanismus des Vergessens entgegen zu wirken, der, nach Lage der 
Dinge, etwas Unnormales und Zwanghaftes hatte. Bewusst haben wir den 
zeitlichen Bogen weit gespannt und uns nicht auf die tödlichen zwölf Jahre 
zwischen 1933 und 1945 beschränkt. Die ältesten Dokumente in der 
Ausstellung stammen vom Ende des 17. und dem Beginn des 18. 
Jahrhunderts. 

Der Schwerpunkt liegt freilich auf den ersten Jahrzehnten des 20. 
Jahrhunderts. Zu den beglückendsten Erfahrungen, die wir bei der Arbeit 
an diesem Thema gemacht haben, gehört die Entdeckung, dass es im 
Zusammenleben von Nichtjuden und Juden vor der Nazizeit auch hier in 
Nassau so etwas wie Normalität, verlässliche Nachbarschaft, 
Kameradschaft, Kollegialität gegeben hat, und das über lange Zeiträume 
vor und nach der Emanzipation im 1 9. Jahrhundert. Keine Idylle, weiß Gott, 
kein Mangel an Vorurteilen und Konflikten, aber die Beachtung von 
zivilisierten Regeln im Umgang miteinander, im Umgang von Mehrheit und 
Minderheit. Eine kleine, fast winzige Minderheit sind Juden in Deutschland 
und in Europa immer gewesen. In Nassau z.B. gab es 1905 unter gut 
zweieinhalb Tausend Einwohnern ganze 82 Juden, auf über hundert stieg 
die Zahl nie. 

Für unser Buch haben wir uns einen Satz der israelischen Historikerin 
Shulamit Volkov als Motto gewählt, den wir auch hier zitieren wollen: „Es 
wäre eine Verfälschung unserer Aufgabe, wenn wir die Geschichte der 
Juden in Deutschland verstehen wollten, als hätte sie nicht in einer 



I 



t 

Katastrophe geendet. Dennoch wäre es ein Fehler, ... diese Geschichte als 
Einbahnstraße in die Vernichtung zu rekonstruieren". 



Wir haben von den nassauischen Landjuden gesprochen, und dieser 
Begriff muss vielleicht eriflutert werden. Noch zu Beginn des 1 9. . 
Jahrhunderts leisten 80 Prozent der deutschen Juden auf dem Land, in 
Dörfern und Kieinststädten. Dies war eine Folge der Vertreibung aus den 
großen Städten und der „Peuplierungspolitjl<" der Landeshen*en in der 
frühen Neuzeit und dann erneut nach dem 30-jährigen Krieg. Juden fanden 
in dieser Situation - gegen Geld, versteht sich - Zuflucht in den kleinen 
ländlichen reichsritterlichen, reichsgräflichen oder geistlichen Territorien 
des zersplitterten alten deutschen Reiches, und davon gab es in unserer 
Gegend besonders viele. 

Dabei waren Juden bis ins 19. Jahrhundert geduldete Untertanen, nicht 
Staatsbürger. Ihre rechtliche Stellung, ihre Berufsausübung, ja ihr 
Privatleben wurden durch sogenannte Judenordnungen geregelt. Die 
Ausübung von Handwerksberufen war ihnen in der Regel verboten, zu den 
christlichen Zünften waren sie nicht zugelassen. Das verwies sie auf das 
Kreditgeschäft und den Handel, meist mit Vieh und Viehprodukten, also mit 
Häuten, Fellen und Wolle, manchmal mit Wein, Getreide und Früchten, 
wenn es gut ging, mit Kramwaren. Der Vieh- und besonders der 
Pferdehandel spielte dabei eine herausragende Rolle. Die Vorfahren fast 
aller Nassauer jüdischen Familien waren Viehhändler in den Dörfern des 
Umlandes. Die Viehhandels-Protokolle, die dies belegen, sind für Nassau 
und für Scheuern fast lückenlos erhalten; einige können Sie im 2. Abschnitt 
der Ausstellung sehen. 

Das Interesse der Territorialherren an den Juden war fast ausschließlich 
finanzieller Natur. Juden zahlten in der Regel das Vierfache dessen, was 
ein christlicher Untertan an Steuem zu zahlen hatte. Sie finden in der 
Ausstellung Übersichten der herzoglich-nassauischen Finanzkasse über 
Judensteuern" aus der ersten Hälfte des 1 9. Jahrhunderts, die eine 
jährliche Einnahme von rund 10.000 Gulden aufweisen. Das war viel Geld. 
Besonders viel Geld kostete zudem der .Schutzbrief, also die jähriich zu 



4 



erneuernde Aufenthaltserlaubnis für das männliche Familienoberhaupt - 
auch dafür gibt es in der Ausstellung Beispiele. 

Diese Situation änderte sich grundlegend erst im Lauf des 1 9. 
Jahrhunderts. Der Wegfall alter Beschränl<ungen, die Öffnung anderer 
Berufe, die Atiwanderung in die Städte ennöglichten den Juden einen 
sozialen Aufistieg, der sie rasch von ihrem ländlichen Ausgangspunkt 
entfernte. Dennoch überlebten das Landjudentum und der jüdische 
Viehhandel in weiten Teilen West- und Süddeutschlands bis in die Nazizeit 
hinein. In Nassau belegen dies Namen wie Falk, Leopold und Sally Israel, 
Moritz Lindheimer, Sally Hofmann, Sally Heilbronn, Otto Löw, Sally Landau. 
Mit Israels und Lindheimers wollen wir Sie näher bekannt machen. 

Die Familie Israel ist in vielen Teilen der Ausstellung präsent. Das liegt 
auch daran, dass wir zu den ausgewanderten Nachkommen Kontakt 
aufnehmen konnten. Ellen Cohen, geborene Israel, war vor drei Jahren 
hier, als wir unser Buch in Ems präsentierten. Sie hat uns viel vom Leben 
ihrer Eltern und Großeltern erzählt, vor allem von ihrem Vater Sally Israel, 
der im März 1939, kurz nach seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald, 
in die damalige englische Kolonie Nord-Rhodesien auswandem konnte, im 
Gepäck - unter wenig anderem - das Eiserne Kreuz aus dem 1 . Weltkrieg, 
im Herzen die Erinnerung an eine Jugend in Deutschland. Wenn er gut 
gelaunt war, sang er das Soldatenlied „Kommt Kameraden, wir trinken 
noch einen, wir sind ja noch so jung und schön" oder den Gassenhauer der 
Comedian Harmonists .Das ist die Liebe der Matrosen..." 

Musik 

Die Nassauer Geschichte der Israels begann 1 863, als der Viehhändler 
Falk Israel das kleine Anwesen, von dem schon mehrfach die Rede war, 
kaufte. Er war 40 Jahre alt, geboren in Meudt im WestenA/ald, damals ein 
großes Dorf, in dem, der Viehmärkte wegen, viele Juden wohnten. 1855 
hatte er in die Singhöfer Viehhändler-Familie Rosenfeld eingeheiratet, und 
acht Jahre später machte er sich in Nassau selbständig. 

Das war zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Nassau war damals eine 
aufstrebende Kleinstadt mit einem großen bäuerlichen Hinterland, mit einer 



wichtigen Straßenbrücke über die Lahn, mit Eisenbahnanschluss (der z.B. 
den Viehhandel revolutionierte), mit Behörden, Amtsgericht, Post, 
Sparkasse, Kranicenhaus. Apotheken, Schulen, einem Sanatorium, dem 
berühmten Kurhaus. Es lockte die Menschen an, die, als die 
Kindersterblichkeit zurückging, im dörflichen Umfeld kein Auskommen mehr 
ftinden. Einer unserer Urgroßväter kam in dieser Zeit aus Dausenau nach 
Nassau, einer unserer Großvater später aus Dauborn, ein anderer aus 
Frücht. So auch die Landjuden: Landaus, Goldschmidts und Mühlsteins 
aus Singhofen, Grünebaums aus Kehlbach, Löwenbergs aus Geisig, 
andere aus Dierdorf, Mogendorf, Willmenrod, Frickhofen, Ellar, Kemel. An 
zwei Stammk>äumen in der Ausstellung können Sie diesen Weg gut 
verfolgen, auch über Nassau hinaus in die Großstädte und schließlich in 
die erzwungene Emigration - oder in den Tod, nach Theresienstadt, Riga, 
Minsk und Auschwitz. 

Falk Israel war ein ungemein rühriger Viehhändler, blieb aber sein Leben 
lang arm. Acht Kinder musste er ernähren. Zwei Söhne und eine Tochter 
sind - aus purer Not vermutlich - in den 1880er Jahren nach Amerika 
ausgewandert. Ein weiterer Sohn machte als Religionslehrer und Kantor 
eine beachtliche Karriere. Der Emser Rabbiner Hochstädter hatte dafür 
gesorgt, dass er mit einem Stipendium das Lehrerseminar in Kassel 
besuchen konnte. 1891 wurde er - nach Zwischenstationen in 
Norddeutschland - Hauptkantor der jüdischen Gemeinde in Stockholm. 

In Nassau blieben nur die Söhne Leopold und Julius. Leopold übemahm 
1 908, als der Vater Falk Israel starb, dessen Viehhandel und mit ihm das 
Elternhaus, das bei alten Nassauern noch lange „Falks Häusje" hieß. Seit 
1894 war Leopold Israel mit Jeannette Sommer aus Freudenberg in Baden 
verheiratet; sie hieß in Nassau „die aal Falksen". Das Ehepaar hatte zwei 
Söhne: Sally (geboren 1895) und Max (geboren 1898). Leopold Israel war 
ein großer hagerer Mann. Über 20 Jahre lang hat er das Viehhandeis- 
Geschäft geführt, zum guten Teil noch als Wandergewerbe, immer zu Fuß, 
über weite Strecken, über die Dörfer, ganz im alten Stil. Ein großer 
Kaufmann war er wohl nicht. Jedenfalls blieb auch er immer amn. 1 930 
übergab er das Geschäft an seinen Sohn Sally. 



Beide Söhne von Leopold und Jeannette Israel haben im 1 . Weltkrieg 
gekämpft. Max wurde 1917 Soldat und ist im März 1918 an der Westfront 
gefallen. Sein Name steht auf der Gedenktafel im Eimelsturm. Sally wurde 
im November 1916 - als Obergefreiter - mit dem Eisernen Kreuz 
ausgezeichnet. Er war ein gut aussehender, charmanter Mann, schlank, mit 
grauen Augen und einem schmalen Gesicht. 1922 heiratete er Henny Kahn 
aus einer Metzgerfamilie in Montabaur. Es scheint, dass der Schwerpunkt 
seines Viehhandels im vorderen Westerwald lag. Als wir vor drei Jahren mit 
seiner Tochter Ellen Cohen in Welschneudorf waren, trafen wir einen alten 
Herrn, der sich an Sallys regelmäßige Besuche in seinem Elternhaus - 65 
Jahre zuvor! - erinnerte. 

Wesentlich agiler als Leopold war sein jüngerer, 1876 geborener Bruder 
Julius. Er besuchte die Nassauer Realschule und absolvierte eine 
kaufmännische Ausbildung, setzte also die Familientradition des 
Viehhandels nicht fort. 1 903 eröffnete er in der Schulstraße, in 
unmittelbarer Nachbarschaft des Elternhauses, ein eigenes Geschäft für 
Glas- und Porzellanwaren. Im gleichen Jahr heiratete er Lina Kaufmann 
aus Osterspai. 1904 wurde der Sohn Otto, 1906 die Tochter Frieda 
geboren. 1 908 verlegten Israels ihr Geschäft in ein Haus in der Amtsstraße, 
das sie zunächst mieteten und später kauften und in dem sie bis zu ihrem 
erzwungenen Wegzug aus Nassau lebten. Da der Porzellanladen die 
Familie nicht ernährte, kam der Handel mit ^Aitwaren", mit Metallabfällen, 
^ Lumpen, Knochen und Papier hinzu. 

Lina und Julius Israel sind sowohl in unserem Buch als auch in der 
Ausstellung an vielen Stellen präsent; hier natürlich durch die Skulptur - 
eigentlich der Entwurf für ein Denkmal - die unser Freund Peter Ax von 
ihnen gefertigt hat und deren Foto auf der Einladung zu sehen ist, der Sie 
heute gefolgt sind. Wir haben Julius Israel zum Titelhelden von Buch und 
Ausstellung gewählt, weil er - der „kleine Mann", der er war - die 
Widersprüche der Kieinstadt, die er liebte und in der er verwurzelt war, auf 
seine bescheidene Weise ausgehalten hat, die Widersprüche zwischen 
Solidarität und Konflikt, Geselligkeit und Konkurrenzkampf, Dazugehören 
und Ausgeschlossenwerden. Der einfache jüdische Kaufmann Julius Israel 



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steht damit für viele seinesgleichen. Er wurde für uns zum Inbegriff des 
„Deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens". 

Auch Julius Israel war vermutlich kein großer Geschäftsmann. Er kümmerte 
sich um vieles, war in der Kommunalpolitik aktiv, im Reichsbund jüdischer 
Frontsoldaten, in den kleinstädtischen Vereinen. Er war ein begeisterter 
Sänger, nahm an alten Sdngerfesten teil und saß, für den 
Männergesangverein „Liederkranz , im Schiedsgericht. 

Musik 

Er war Karnevalspräsident, spielte Skat in der „Union" (so hieß das in 
Nassau), half Verwandten und Nachbarn in Not, jüdischen und christlichen. 
Hier fand er seine Anerkennung. Mit diesem Nassau identifizierte er sich 
immer. Und so stand es auf seinem Briefkopf: „Julius Israel, Nassau". 

Die Arbeit im Geschäft, im Haushalt, in der Familie besorgte Lina Israel. Sie 
wird als eine schöne, fürsorgliche und hilfsbereite Frau geschildert, war 
eher klein von Statur und hatte ein rundes, mütterliches Gesicht. Die 
Nachbarskinder liebten sie. Gäste waren ihr immer willkommen. Und, so 
sagt es heute eine ehemals enge Freundin der Familie „Sie konnte 
wunderbar kochen und backen; ihren Streuselkuchen ess ich heut noch". 
Große Sorge und Arbeit bereitete der Sohn Otto, der an Epilepsie litt. Er 
musste 1 927 in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen werden und starb 
ein Jahr später. 

1933 brach diese Welt - nicht ohne Vorwarnungen - zusammen. Julius 
Israel durfte kein Kriegs-, kein Sängerkamerad, kein Skatbruder mehr sein; 
Freunde von gestern wandten sich ab. Am Lieblingslokal hing das Schild 
„Juden sind hier unerwünscht". Die Söhne der Nachbarn waren bei den 
Nazis und bestimmten jetzt den Ton. Wenn sie an Israels Haus 
vorbeimarschierten, sangen sie „Die mit den krummen Nasen dürfen nicht 
Richter sein..." und Schlimmeres und schmierten ihnen ein Hakenkreuz an 
die Tür - das kleine Foto davon sehen Sie in der Ausstellung. Das 
Geschäft ging schlecht und schlechter; Im Sommer 1938 mussten Israels 
es schließen. Kurz zuvor war der Tochter Frieda die Emigration in die USA 
gelungen. Im Novemberpogrom von 1 938 wurde auch Israels Haus 



verwüstet. Kurz darauf mussten sie es verkaufen. Im Februar 1939 zogen 
sie zu Linas Bruder Hermann Kaufnrann nach Bad Godesberg. Der 
damalige Nassauer Bürgermeister nahm diesen Wegzug zum Anlass für 
die Triumph-Meldung „Nassau ist judenfrei" - auch das ist oben zu sehen. 

In Godesberg lebten Israels isoliert und zurückgezogen das Leben von 
Menschen, denen fast alles verboten ist und denen täglich mehr verboten 
wurde. Hier starb Julius Israel im August 1941. Lina Israel, nun 63 Jahre 
alt, wurde im Januar 1942 zusammen mit den anderen Bonner Juden in 
einem ehemaligen Kloster in Bonn-Endenich Interniert. Am 14. Juni 1942 
wurde sie nach Köln geschafft. Über ihr weiteres Schicksal wissen wir 
nichts. Vermutlich musste sie den Deportationszug Da 22 besteigen, der 
aus Koblenz kam und in Lublin (Im heutigen Ostpolen) endete und in dem 
auch Otto und Rosa Löw aus Nassau waren. Wenn Lina Israel diese Fahrt 
überlebt hat, wurde sie in Lublin oder in einem der umliegenden 
Vernichtungslager ermordet. Sie fand, wie Millionen andere, ein .Grab in 
den Wolken" - und vielleicht nicht einmal das. 

Nicht nur Israels Haus in der Amtsstraße wurde am 1 0. November 1 938 
verwüstet, zerstört wurden die Wohnungen und Geschäfte aller noch in 
Nassau lebenden Juden und die Inneneinrichtung der Synagoge (hier 
schräg gegenüber). Besonders brutal waren die Misshandlungen, die 
Leopold Israel erlitt. Es scheint, als ob die Rabauken es gerade auf diesen 
hinfälligen, völlig hilf- und wehrlosen Mann abgesehen gehabt hätten. Die 
einen zerstörten seine Wohnungseinrichtung und warfen das wenige Hab 
und Gut auf den Hof, ein anderer verprügelte und ohrfeigte den alten Mann, 
der, am Ohr blutend, verstört und weinend, „helft mir, helft mir" rufend 
zwischen den Trümmern seines Eigentums saß. Und ein ganz Junger 
schlug mit einer Dachlatte auf ihn ein. Auch diese Szene spielte sich im Hof 
hier nebenan ab; es gab viele Zuschauer und Zeugen. 

Ans Auswandem hatte Leopold Israel nicht gedacht. Einen Sohn fur's 
Vaterland geopfert, immer rechtschaffen und mit den Nachbam in Frieden 
gelebt - was soll mir passieren? Nach dem Pogrom zog Leopold, dessen 
Frau kurz zuvor gestorben war, mit Schwiegertochter und Enkelin nach 
Frankfurt. Von dort aus ist er im August 1942 nach Thereslenstadt 
deportiert worden, wo er im März 1 943 umkam. Sally, der in Buchenwald 



inhaftiert war, konnte nach seiner Entlassung mit seiner Familie emigrieren. 
Dokumente über Buchenwald und über die Misshandlung und Ermordung 
anderer Nassauer Juden finden Sie im 5. Abschnitt der Ausstellung. 

Die Historiker haben konstatiert und als eine beispielhafte Leistung 
gewürdigt, dass die deutschen Juden innerhalb von zwei Generationen den 

Weg von einer randständigen Schutzjuden-Existenz in den bürgerlichen 
Mittelstand zurücklegten und dass ihnen dabei das in den Jahrhunderten 
der Unterdrückung entwickelte Überlebenstraining geholfen hat. Die 
Emanzipation der nassauischen Landjuden vollzog sich später und ging 
langsamer vonstatten als diejenige der Bewohner der großen Städte. Aber 
auch hier war der soziale Aufstieg unverkennbar. Die Söhne ländlicher 
Viehhändler gründeten Konfektions-, Haushaltungs- und Möbel-Geschäfte 
(Goldschmidt, Moses Rosenthal, Albert Rosenthal, Grünebaum), 
Schuhgeschäfte (Löwenberg), Koionialwarenläden (Strauß), 
Landproduktenhandlungen (Landau) oder Metzgereien (Mühlstein, 
Lindheimer); sie waren dabei in der Regel - aber durchaus nicht immer - 
erfolgreich. 

Das Streben nach sozialem Aufstieg hieß damals, ins wirkliche Leben 
übersetzt: Arbeit, Fleiß, Entbehrung, Sparsamkeit, Genügsamkeit, 
Ordnungsliebe, Zuverlässigkeit, Anstand und Etikette, auch Mut und 
Selbstvertrauen. Das sind bürgeriiche Tugenden und Grundsätze, die 
heute ein bisschen - und zu Unrecht - in Vergessenheit geraten sind und 
bei deren Befolgung gewiss mancher auf der Strecke blieb. Nichts hat 
Juden, in Nassau und anderswo, mehr mit ihrer christlichen Umwelt 
verbunden, nichts hat sie trotz aller Widerstände stäri<er in diese integriert 
als gerade diese Grundsätze. Aus vielen Unterhaltungen, die wir geführt 
haben, ließ sich heraushören, dass diese Haltung Vorbildcharakter hatte. 

Auch Lindheimers sind in dieser Ausstellung an vielen Stellen gegenwärtig, 
besonders deutlich durch die Eingangstür ihres Hauses, das einmal an der 
Einmündung des Judengässchens und der Bachgasse in die Schloßstrasse 
stand. Lindheimers waren Nachbarn von Hammersteins, und meine 
Großmutter hat oft erzählt, dass sie den Markus Lindheimer am Klavier 
begleitet hat, wenn der mit seiner schönen Baritonstimme sang: 



„Herr, den ich tief im Herzen trage, sei du mit mir! 

Du Gnadenhort in Glück und Plage, sei du mit mir! 

Im Brand des Sommers, der dem Manne die Wange bräunt, 

Wie in der Jugend Rosenhage, sei du mit mir "... 

Musik 

Lindheimers lialaen eigentllcJi immer in Nassau gelebt, länger jedenfalls als 
die meisten unserer Vorfahren. Der erste, den wir namhaft machen 
konnten, war der 1739 geborene Nassauer Schutzjude Feist Israel, aber 
auch dessen Eltem und Großeitem wohnten wohl schon hier. Feist Israel 
handelte mit Vieh und Häuten, und das taten auch seine Söhne und Enkel. 
Einer dieser Enkel nahm 1841, als im Herzogtum Nassau die Führung 
unabänderlicher Familiennamen vorgeschrieben wurde, den Namen 
Lindheimer an. In der nächsten Generation wurde die Metzgerei in der 
Schloßstraße gegründet. Noch in den 1 940er Jahren konnte man an dem 
Haus den verblassten Schriftzug „Israel Lindheimer Metzger" lesen. 

Israel Lindheimer war, in der vorbildhaften Nassauer Simultanschule, mit 
Nich^uden zusammen zur Schule gegangen und hatte mit Nichtjuden 
seinen dreijährigen Wehrdienst in der kleinen Armee des Herzogtums 
geleistet. 1870/71 kämpfte er -als Gefreiter des 1. Nassauischen 
Infanterieregiments Nr. 87 - gegen Frankreich. Er konnte sich 
„dazugehörig" fühlen. Seine Kriegsauszeichnungen hängen, zusammen mit 
denen seines Sohnes, im 3. Abschnitt der Ausstellung. 

Natürlich sprachen Lindheimers, wie Israels, wie die anderen Nassauer 
Juden den Dialekt ihrer Heimatstadt, und auch der war etwas 
Verbindendes. Bei den Landjuden war das ohnehin gang und gäbe. 
Manchmal waren auch die wenigen Überbleibsel des Judendeutschen mit 
hinein gemischt, Wörter wie achele und embern, Maschores, Kabäisje. 
Stuß und Zores. Nichtjuden galten solche Wörter fast schon als 
Bestandteile des „Nasser Platt". Wir haben in einer Vitrine am Ende der 
Ausstellung Auszüge aus einer Sammlung solcher Ausdrücke und 
Redensarten ausgelegt und empfehlen sie zur Lektüre. 



11 



Wenn im Nassau der 1920er und 1930er Jahre von Lindheinfiers die Rede 
war, ging es um die nichste Generation, um Israel Lindheimers Söhne 
Markus und Moritz, um die Töchter Johanna. Mathilde und Amalie, um die 
Erben einer langen Familientradition, wie selbstverständlich und scheinbar 
unangefochten eingebunden in ein Geflecht von Schul- und 
Militärfreundschaften, von Berufskollegen und Nachbarn, von Gesangs- 
und Sportvereinen. Markus und Moritz waren, wie Julius Israel, begeisterte 
Sänger. Von Amalie gibt es die romantische Geschichte ihrer .ewigen 
Verlobung" mit dem Sohn des örtlichen Druckerei-Besitzers. Die beiden 
konnten nicht heiraten „wesche der Relischion", wie das in Nassau hieß. So 
gingen sie sonntags Hand in Hand im Phitosophenweg spazieren (werktags 
war dazu natüriich keine Zeit). Das Geflecht, wir wissen es, hielt nicht, und 
gerade eine alteingesessene Familie wie die der Lindheimers musste bitter 
dafür zahlen, dass sie sich auf seine Haltbarkeit verlassen hatte. 

Von den Töchtern konnte nur Mathilde rechtzeitig mit ihrer Familie nach 
Südafrika auswandern. Johanna kam in Theresienstadt um. Amalie 
vermutlich in einem der Deportationszüge dorthin. Markus Lindheimer starb 
1936 in Berlin im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße nach 
einer Operation. Auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, der 
heute wie ein riesengroßes BikJerbuch der deutsch-jüdischen Geschichte 
wirkt, liegt er begraben. Seine Frau Recha, seine Tochter Bertha und deren 
Mann Walter Rubens wurden in Auschwitz ermordet. Nur der Sohn 
Siegfried und seine Frau überiebten den Massenmord unter 
abenteuerlichen Umständen in Südfrankreich. 

Moritz Lindheimer. der jüngste in der Geschwisterkette, hatte die alte 
Familientradition wieder aufgenommen und war Viehhändler. Er war durch 
seine Ehe mit einer - nach der Naziterminologie - nichtjüdischen Frau 
zunächst geschützt. Die Tochter Helene (Leni) und ihr Mann Walter Max 
Hirsch wurden 1942 in Auschwitz ermordet. Moritz selbst wurde noch im 
Februar 1945 von Frankfurt aus nach Theresienstadt deportiert, hat aber 
übertebt. Zusammen mit seiner Frau Elise und der kleinen Enkeltochter 
kam er nach der Befreiung nach Nassau zurück - die einzigen aus der 
großen Schar ihrer vertriebenen und verschleppten Glaubensgenossen. 
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere aus unserer Generation noch 
an ihn. Er saß oft. vor der Zeit gealtert, auf einem Küchenstuhl vor seinem 

12 




Haus in der Steinstraße. IVIoritz Lindheimer starb 1950. Als letzter wurde er 
auf dem Nassauer jüdischen Friedhofen der Landstraße nach Obernhof 
beerdigt. 

Wir kommen zum Schluss. Die Geschichte, die wir erzählt haben, ist nicht 
gut ausgegangen. Sie hat in der Katastrophe geendet. Wir haben versucht 
zu beschreiben, dass sie auch hatte anders ausgehen Icönnen. Die 
Normalität, von der wir sprachen, kann, da sie einmal möglich war, immer 
wieder möglich sein. Das darf nicht verstanden werden als eine 
Verharmlosung von Verfolgung, Vertreibung, Massenmord und ihrer 
intelleictuellen, gesellschaftlichen und politischen Ursachen. Es ist gemeint 
als eine Mahnung, dafür zu sorgen, dass die Katastrophe sich nicht in der 
einen oder anderen Form, an dem einen oder anderen Ort wiederholt. 

Wir danken Ihnen dafür, dass Sie heute hierher gekommen sind und dass 
Sie uns so geduldig zugehört haben, und sind nachher, wenn wir durch die 
Aussteilung gehen, gern zu weiteren Auskünften und zu Gesprächen 

bereit. 



Waltraud Becker-Hammerstein M.A., Dr. Werner Becker 

Viktoriaplatz 4, 53173 Bonn 
Februar 2006 



13 



Julius Israel Nassau 

Juden in einer ländlichen Kleinstadt im 19. und 20. Jahrhundert 



Eine Ausstellung von Waltraud Becker-Hammerstein und Werner Becker 
Im Günter-Leifheit-Kulturhaus, Nassau (Lahn), Obertal 9a 

4. Februar -12. April 2006 



Nassau 

1. Zwischen Westerwald und Taunus: Regionaikarte aus den 1960er Jahren; 
rechts und links sind die Wohnorte von Personen verzeichnet, die in der 
Ausstellung vorkomnien 

2. Fotos von 1876 und 1912; schematisierter historischer Stadtplan niit dem 
Verlauf der alten Stadtmauer und der Lage der Judengasse und der Synagoge 

3. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Ausrichtung an Fremdenverkehr und 
Kurbetrieb 

4. Ein bisschen Geschichte; Stadtplan von 2002 

5. "Uebersichtsplan der Stadt Nassau a. d. Lahn" (1908) 

I. Familtonalbum 

1 . Lindheimers, Schloßstraße/Judengasse 

2. Landaus, Bahnhofstraße 

3. Hofmanns, Grabenstraße 

4. Israels, Anrrtsstraße 

5. Peter Ax: Modell eines Denkmals für Lina und Julius Israel (2002) 

6. Israels, Obertal 

7. Heilbronns, Grabenstraße 

8. Mühlsteins, Obernhofer Straße 

9. Löwenbergs und Grünebaums, Späthestraße, Obertal 

1 0. Gustav Stern, Emser Straße 

11. Familiengeschichte 

Das traditionelle Gewerbe Nassauer Lan^iuden: Der Viehhandel 

1 . Viehhandels-Protokollbücher aus Nassau für die Jahre 1 830-1 899 und aus 

1 



Scheuern für die Jahre 1819-1872; Gesundheitsscheine 

2. Marktschein für Gerson Moses aus Holzhausen vom 5. 9. 1793; 
Gesundheitsschein für Isaac Arnstein aus Seelbach vom 23. 6. 1847; 
Marktschein für Aron Stein aus Dausenau vom 22. 12 1861; Unterschriften der 
Nassauer Viehhändler Mayer Hirsch, Abraham Stein, Seligmann Levi, Aron 
Stein (und Philipp Pape), Michael Beer, Israel Lindheimer, Salomon Hofmann, 
Herz Grünebaum, Leopold Israel, Moses Mühlstein (und V\Alheim Eitert) und Falk 
Israel (und VAfflhelm Eibert) 

Auf dem Weg in die bürgerliche Gesellschaft: Lindheimers zum 
Beispiel 

3. Das Testament von Feist Israel aus dem Jahr 1813 (Auszug); Schutzbrief für 
Hirsch Israel/ündheimer vom 18. 2. 1841 

4. Erlaubnis zum Schächten für die Metzgemrteister Israel und Markus 
Lindheimer, 1887 bzw. 1901 

5. Kriegsauszeichnungen des Nassauer Herzogs und des preußischen Königs 
für Israel Lindheimer aus den Jahren 1 866 und 1 871 

jS. Kriegsauszeichnungen des deutschen Kaisers und des Reichskarulers Adolf 
Hitler für Markus Lindheimer aus den Jahren 1 91 6, 1 91 8 und 1 935 

Das Land ernährt die Leute nicht: Auswanderung vor dem 1. 
Weltkrieg 

7. Die Brüder Louis, Nathan und Feist aus der Singhöfer Familie Landau 
beantragen ihre Enbürgerung in Hamburg (1891, 1892, 1910) 

8. Die Brüder Isaak und Adolf Israel/Falk wandern 1882 bzw. 1891 in die USA 
aus und werden dort eingebürgert 

9. Ferdinand Israel/Falk, der jüngere Bruder von Isaak und Adolf, erhält ein 
Stipendium für das jüdische Lehrerseminar in Kassel und wird - nach 
Zwischenstationen in Norddeutschland - schließlich Hauptkantor in Stockholm; 
Stipendien-Antrag des Emser Rabbiners Hochstädter und Personalblatt der 
Jüdischen Gemeinde in Stockholm 

Handel und Wandel: ein wirtschaftlicher Faktor in Nassau 

10. /1 1. Zeitungs-Anzeigen jüdischer Geschäfte und Kaufhäuser (Rosenthal, 
Grünebaum, Löwenberg) - und von Julius Israel 

1 2. Briefköpfe jüdischer Geschäfte in Nassau 

Sozialer Aufstieg: der Weg in die akademischen Berufe 

13. Die Dissertationen von Fritz Strauß und Paul Landau aus Nassau, 

Immatrikulationsbogen von Paul Landau 



III. Historischer Rückblick 

1. Eine Nassauer Bürgemieister-Rechnung aus dem Jahr 1680 (erwähnt 

werden die Nassauer Juden Mayer, Salomon und Schmul); 

Armut auf dem Land: sogar das Schutzgeld wurde erlassen (1775) 



2. Fest im Griff der Obrigkeit: 

Gesuch von Israel Feist vom Juli 1809 um Gewährung eines Schutzbriefes für 
Weinähr und ablehnende Stellungnahme des Miehlener Amtmanns 

374. Bestandsaufnahme ohne politische und rechtliche Folgen: 
Umfrage "über den staatsbürgerlichen Zustand der Juden in dem Herzogthum" 
vom 18. 6. 181 1 und Bericht des Nassauer Amtmanns Raht vom 31 . 8. 181 1 mit 
detailierten statistischen Angaben (Auszug) 

5. Ohne (teuren) Schutzbrief kein Aufenthaltsrecht: 
Schutzbrief für Isaak Rosenthal aus Holzappel, 1815 

6. Die "Judensteuern" brachten dem Herzog Geld (rund 1 0.000 Gulden jährlich) 
in die Kassen: 

Steuer-Übersichten aus den Jahren 1826, 1830, 1836, 1841 

7. Hygienische Probleme auf dem Land: 

Bericht über die Lage der Judenbäder im Amt Nassau und Schließungs- 
Verfügung, 1837 

8. Annahme erblicher Familiennamen durch die Juden des Herzogtums Nassau: 
Circular vom 7. 8. 1841; 

, Bekanntmachung vom 16. 3. 1842; 

Namenskonkordanzen für Nassau und Singhofen (1842); 

Unterschriften Nassauer und Dausenauer Juden (mit den neuen Familiennamen) 

unter einer Bittschrift von 1844 

9. Schutz gegen die Wechselfälle des Lebens: 

Bittschrift von Mayer Hirsch aus Nassau und Salomon Thalheimer aus Ems vom 
19. 10. 1842 zum Erhalt des jüdischen Wohltätigkeitsvereins 

1 0. Keine Niederiassungsf reiheit: 

Gesuch von Michael Bär aus Wiesbaden (dessen Frau aus Nassau stammte) 
um Verlängerung der Aufenthalts-Ertaubnis für Nassau, 1860 

1 1 . Ein aufwändiges Verfahren: 

Aufgebot für Liebmann und Bertha Herz aus Dierdorf, 1866; das Ehepaar lebte 
später in Nassau 

12. Auch in Reiigionssachen ist die Obrigkeit zuständig: 
Visitationsberichte der Emser Rabbiner Hochstädter (1870) und Weingarten 
(1895) über Nassau, Dausenau und Ems an die staatlichen Behörden 

(Auszüge) 

Stammbäume Nassauischer Landjuden 

13. Die Nachkommen von Löb Sender und Gela Salomon seit dem Ende des 18. 
Jahrhunderts, zunächst in den Dörfern des Nassauer Umlandes und in Nassau 
selbst, zuletzt - erzwungen - in aHer WeK 

14. Entwurf eines Stammbaums: Die Nachkommen von Meir Levita, Holzappel, 
u.a. die Familie Mühlstein, Nassau (rechts) 

(Ein Blick aus dem Fenster zeigt den Hof des ehemaligen Anwesens Falk und 
Leopold Israel nach dem Abriss des Wohnhauses und der Scheune, die zu 
den ältesten erttaltenen Gebäuden in Nassau gehörten: vgl. Fotos unter VI. 3.) 



IV. Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens 

1 . Im Nassauer Stadtarchiv aufbewahrt: der Schlüssel zur ehemaligen 
Synagoge in Nassau, nach 1 945 anonym dort hinterlegt; und der Grundriss der 
Synagoge, offenbar aus einer Bauzeichnung herausgerissen 

2. Israelitische Kultusgemeinde Nassau: 
Brief der Gemeinde, 1927; 

Gebet für den Landesherrn aus einem jüdischen Gebetbuch der Kaiserzeit; 

Hinweis auf die hohen jüdischen Feiertage, 1906; 

"Gottesdienstordnung", 1910; 

Spendenquittung, 1914; Spendenaufrufe, 1918, 1931; 

Zusammenarbeit der Konfessionen bei der Winternothilfe, 1 929 (Eintrag von 

Pfarrer Adolf Schlosser in der evangelischen Kirchenchronik) 

3. "Damen-Feuerwehr Nassau 1929" (Das Nassauer Land, S. 88); stehend, 5. 
von links: Frieda Israel; 

4. Festbuch zur Feier des 82-jährigen Bestehens des Männergesangvereins 
Nassau, 11.-13. 7. 1925; 

Festbuch zum 50-jährigen Bestehen des Männergesangvereins "Liederkranz" 
Nassau, 1927; 

5. Eintrag von Ruth Grünebaum im Poesie-Album von MathikJe Kreide!, geb. 
Trombetta; 

Einträge von Betty Mühlstein und Ilse Löw (Kopie) im Poesie-Album von Martha 
Becker, geb. Thönges; 

Besucherbuch der ortsgeschichtlichen Sammlungen Nassau, 1924-1970 

6. Der gemeinsame Schulbesuch von Kindern aller Konfessionen förderte die 
Integration: 

Kindergarten- und Schulfotos aus den Jahren 1 889 bis 1 935 

7. Das Vereinsleben einer Kleinstadt: Sportler, Sänger, Karnevalisten 

8. Jüdische Bürger aus Nassau und der Umgebung wehren sich gegen 
Verleumdungen durch die Nationalsozialisten und klagen durch mehrere 
Instanzen gegen den Redakteur der Parteizeitung "Völkischer Beobachter" 
Josef Cemy: 

Artikel aus dem "Völkischen Beobachter" vom 16. 11. 1926 (Abschrift, Auszug); 

Anzeige der NSDAP "Deutscher Tag in Nassau", 1926; 
Artikel aus der "Münchener Post" vom 2. 3. 1927 und Anweisung des 
Bayerischen Justizministeriums an die Staatsanwaltschaft; 
freisprechendes Urteil des Amtsgerichts München vom 14. 10. 1927; 
Urteil des Obersten Bayerischen Landesgerichts vom 30. 3. 1 928, das die 
freisprechenden Urteile der Vorinstanzen aufhebt und den Klägern zum Erfolg 
verhilfl (Auszug) 



V. Verfolgung, Vertreibung, Ermordung 
Verfolgung 

1 . "Nassauer Anzeiger", 28. 9. 1935: der Nassauer Michelsmari(t wird 
"judenfrei" 

2. Pfarrer Adolf Schlosser berichtet von der Misshandlung von Moses 
Rosenthal (Ende der 1930er Jahre); 

Undatiertes Flugblatt (Juli 1933): die Nassauer NSDAP verteidigt Gewalttaten 



3. Christliche Kunden halten dem Nassauer jüdischen Viehhändler Otto Low 
die Treue - Polizeibehcht vom 1. 3. 1938; 

ein Angriff auf das Haus Salomon Hofmann - Polizeibericht vom 28. 9. 1938 

4. Stigmatisierende "Kennlorten" für Nassauer Juden; die entsprechenden 
Anträge waren mit den zwangsweise eingeführten Vornamen "Sara" bzw. 
"Israel" zu unterzeichnen - es ist deutlich zu sehen, dass Elise und Helene 
Lindheimer dies zunächst verweigerten 

5. Genaue Buchführung: 

Liste der verbliebenen Mitglieder des "Reichsbunds jüdischer 
Frontsoldaten", 1938; 

undatierte Liste der Nassauer Juden ("JA" oder "Judenaktion" bezeichnet 

den Pogrom vom 10. 11. 1938); 

Statistik zur "Judenbewegung", 6. 10. 1939 

Vertreibung 

6. "Nassauer Anzeiger", 6. 2. 1939: "Nassau ist judenfreü" 

7. Das Ende: Julius Israel quittiert den Erhalt der Kündigung der Räume für 
die jOcfische Schule; alles andere stand im "Nassauer Anzeiger" 

8. Der Kampf um die Auswanderung: Walter Rosenthal zum Beispiel 
Kopie der Schiffsfahrkarte für Johanna Grünebaum; 

"Unbedenklichkeitsbescheinigungen" der Stadt Nassau und des Finanzanrrts 

für Max Grünebaum, der schließlich nach England entkam; 

Schreiben von Lilly Rosenbusch, geb. Löwenberg und Ruth Grünebaum an 

das Landratsamt mit der Bitte um Auslieferung der Pässe; 

ein Fragebogen für Ernst Hofmann, dem die rechtzeitige Auswanderung 

misslang und der in Auschwitz enmordet wurde 

9. "Gekikarten" Nassauer Juden in Buchenwald 

10. Fluchtländer von Nassauer Juden in Europa und Übersee 
Ermordung 

11. Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der 
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1 933 - 1 945; 
verzeichnet sind u.v.a. Angehörige der Nassauer Familien Lindheimer 
(Rubens, Hirsch), Anger, Goldschmklt (Marx, May), Hofmann, Israel, Löw, 
Rosenthal, Strauß, der Geisiger Familie Heilbronn, der Singhöfer Familien 
Goldschmidt und Mühlstein 

12. Lina Israel war vor ihrer Deportation in Bonn interniert: verfaulte 
Kartoffeln für Juden der "Gemeinschaft Kapellenstraße"; dahinter verbarg 
sich ein (zwangsgeräumtes) ehemaliges Kloster (Foto); Koblenzer 
Deportationsliste mit den Namen der Nassauer Otto und Rosa Löw 

13. Konzentrations- und Vernichtungslager im oeutschen Machtbereich: 
Nassauer Juden waren in Buchenwald und Dachau inhaftiert und wurden in 
Gurs in Südfrankreich und in den Vernichtungslagern des Ostens ermordet 

14. Gedenktafeln für von Frankfurt am Main aus deportierte und ermordete 
Nassauer Juden und ihre Familienangehörigen am Alten Jüdischen Friedhof 
in Frankfurt am Main 



VI. Spuren 



1 . Eine Geschichte, die nie endet: 1 947 werden das Judengässchen 
"eingezogen" und das Grundstück der ehemaligen Synagoge (Obertai) 
"umgelegt" - Ortssatzungen der Stadt Nassau (Lahn) vom Dezember 1 947 
(Gesetz- und Verordnungsblatt der Landesregierung von Rheinland-Pfalz, 
Teill, Nr. 10,30. 4. 1948) 

2. das ehemalige Anwesen Markus Lindheimer mit der Mauer des Viehstalls, 
Zustand 1 993 

3. das ehemalige Anwesen Leopold Israel mit Stall, Scheune und Hof, 
Zustand 1981 

4. das ehemalige Haus Robert Strauß mit dem zugemauerten Ladeneingang, 
Zustand Anfang der 1990er Jahre 

5. rekonstruierter Belegplan des mittleren und des neuen Teils des jüdischen 
Friedhofs Nassau 

6. Jüdischer Friedhof Nassau: Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert für 
Isaac Maifeld. Frumet Levi, Hirsch Lindheimer, Helene ündh«mer 

7. Jüdischer Friedhof Nassau: ältester Grabstein (1738) für Jaakov bar Meir 

Segal (links oben) und jüngster Grabstein (1950) für Moritz Lindheimer 
(rechts unten); Grabsteine für Löb Zadock Grünebaum und das Ehepaar 
Aron und Johanna Stein (rechts von oben); nach 1945 gewaltsam zerstörte 
Grabsteine für Maier Goldschmidt und Amalie Rosenthal 

8. Yad Vashem: Erinnerung an untergegangene jüdische Gemeinden 

9. Stolperstein für Lina Israel, Bonn-Bad Godesberg, Friesdorfer Straße 92 

10. Recherchen: Korrespondenz mit den Nachkommen Nassauer Juden 

11. Jehuda Leopold Frank: Loschen Hokodesch (= Heimatsprache). Jüdisch- 
deutsche Ausdrücke, Sprichwörter und Redensarten der Nassauischen 
Landsjuden (Auszüge) 

12. Engangstür zum ehemaligen Haus Markus Lindheimer, Schloßstraße 

13. Literatur zum Thema (Auswahl) 

14. Yehuda Altmann: Zehn Häuser, Fotoserie aus dem Jahr 1999 



Wir danken Yehuda Altmann, Peter Ax, Carol Barberer, Horst Becker, Ute 
Becker, Horst Birkenstock, Dorothee Brown, Ellen Cohen, Julian Falk, 
Abraham Frank, Else Gottfried, Paul Hofhiann. Marlies Lande, Judith Meyer zu 
Hinmem, der Familie Mühlstein, Manfred Riege, Eugen Zajonz, Barbara 
Schröder, Johanna Singhof, Gisela Spangenberg, Hans Stern, der 
Verbandsgemeinde Rülzheim, der Gedenkstätte Bonn und vor allem dem 
Stadtarchiv Nassau für die Überlassung von Original-Dokumenten, die 
Erlaubnis zur Verwendung von Fotos und die Unterstützung bei der 
Vorbereitung der Ausstellung 




Ausstellung erinnert an Juden 

Eine Ausstellung im Günter-Leifheit-Kulturhaus erinnert ab Frei- i 

tag. 3. Februar, an die jüdischen Mitbürger, die bis 1939 in / 

Nassau lebten Bis zu 100 Juden hatten ihr Helm Mitte der 20er- i 

jähre des vergangenen Jahrhunderts in der kleinen Stadt und ( 

waren weitgehend in das kulturelle, gesellschaftliche und wirt- ( 

schaftliche Leben integriert. Erst nach den Pogromen 1938 ver- I 

ließen sie Nassau. Das Ehepaar Waltraud Becker-Hammerstein • 

und Werner Becker - auf dem Foto beim Besuch des jüdischen - 
Friedhofs in Nassau - hat die Ausstellung konzipiert. Die Exposi- 
tion zeigt viele Fotos und Originaldokumente. Sie wird am Frei- 
tag um 18 Uhr eröffnet, (crz) 1 Foto: Carlo Rosenkranz 



RLIOS 




? 



«04» 



Jüdisches Leben zeigen 

Ausstellung erinnert an vertriebene und ermordete Nassauer Bürger - Julius Israel im Mittelpunkt 



Eine Ausstellung im Günter- 
Leifheit-Kulturhaus beschreibt 
vom4- Februarbis 12. Aprildas 
Leben der Juden in einer länd- 
lichen Kleinstadr. Im Mittel- 
punkt steht der Kaufmann )uU- 
us Israel, der seit 1866 in 
Nassau lebte. Eröffnet wird die 
Exposition am 3. Februar,um 
ISUhrimKuUurkeUer. 



NASSA 



"^i tens seit 



dem 18. Jahrhundert hatten 
Juden in Nassau Fuß gefasst. 
Ab etwa 1850 zogen zahlrei- 
che jüdische FamiUen aus den 
umliegenden Dörfern in die 
Stadt an der Lahn, wo sie am 
Sabbat die Synagoge in der 
Oberstraße 10 besuchten. 
Heute, rund 72 Jahre nach der 
Machtergreifung der Natio- 
nalsozialisten, gibt es nur noch 
wenige, versteckte Hinweise 
auf diese Menschen. Eine 
Ausstellimg von Waltraud Be- 
cker-Hammerstein und Wer- 
ner Becker erirmert an jene, 
die für viele alte Nassauer 
Nachbarn, Schulkameraden, 
Vereinskollegen waren. 

Die Ausstellung ist rücht 
neu. Bereits 2002 war sie im 
Bad Emser Kreishaus zu se- 
hen, parallel zur Veröffentli- 
chung eines Buches über Juli- 
us Israel, einen jüdischen 
Kaufmann. Doch die erneute 
Präsentation verschiedener 
Fotos und Dokumente ist 
mehr als ein bloßes Wieder- 
käuen. „Im Museumssaal des 
Kulturhauses haben wir viel 
mehr Platz als damals im 
Kreishaus", sagt Werner Be- 
cker- „ In den vergangenen 
vier Jahren haben wir weitere 
Dokumente, Bilder und Bu- 
cher entdeckt, die wir nun 
zeigen können/ Erstmals ist 
beispielsweise die so genann- 
te „Tür Lindheimer" zu sehen, 
das Emgangsponal der 




Die Ausstellung zeigt auch eine Skulptur, die Julius und Una Is- 
rael geborene Kaufmann aus Osterspai) darstellt Geschaffen 
hat sie Peter Ax aus Bad Ems. ■ Foto: Manfred Riege/Foto Jörg 



gleichnamigen Famüie, deren 
Haus imd Laden im Novem- 
berpogrom 1938 verwüstet 
wurden. Viele Famiüenmit- 
glieder wurden in Auschwitz 
ermordet. „Die Tür war vor 
Abriss des Hauses in den 60er- 
Jahren ausgebaut und dem 
Stadtarchiv übergeben wor- 
den", schildert Becker die 
Bewahrung des Exponats, Zu 
sehen ist auch der Schlüssel 
der ehenidhgen Synagoge. 

Nazi-Schmierereien an Wand 

Neu ist auch ein Foto, das 
erst kurz nach der V .>rof{entli- 
chung des Buches entdeckt 
wurde Es zeigt die Familie Ju- 
hus Israels vor dem Eigen- 



heim. An der Wand prangt ein 
Hakenkreuz, dass Unbekann- 
te dorthin geschmiert hatten. 
Viele andere Büder lassen die 
damalige Zeit vor Augen le- 
bendig werden. Viele der Fo- 
tos stammen aus Privatbesitz, 
viele sind Klassen- und Ver- 
einsfotos aus den 20er-Jahren. 
Das älteste Foto stammt aus 
dem Jahr 1865, das jüngste 
von 2006- 

Mit d'^r Ausstellung, zu der 
auch eir Kdtdiüu erhältlich ist, 
will das Ehepaar Becker emen 
Teil von Nassau Geschichte- 
sichtbar machen, der kauir; 
noch auszumachen ist, ,\\u 
haoen als Kinder unmer miN 
bekommen, dass unsere El- 



tern jüdische Nachbarn hat- 
ten", sagt Walter Becker, der 
wie seine Frau aus Nassau 
stammt und heute in Bonn 
lebt. „Es waren immer noch 
die Häuser zu sehen, aber die 
Menschen, von denen erzählt 
wurde, gab es nicht mehr." 
Inuner wieder beschäftigten 
sich die Beckers mit der The- 
matik, die schüeßlich im Vor- 
feld der Chronik zum 650. 
Jahrestages der Verleihung 
der Stadtrechte an Nassau ei- 
ne Art Lebensmittelpunkt 
wurde, aus dem Buch und 
Ausstellung entstanden. 

Carlo Rosentoranz 

■ Das Buch Julius Israel 
Nassau, luden in einer ländli- 
chen Kleinstadt im 19. und 20. 
Jahrhundert." ist im Verlag K.H. 
Bock erschienen und für 33,50 
Euro im Buchhandel erhältlich 
(ISBN 3-87066-857-1). 



Öffnungszeiten 

Die AusstellungseröfF- 
nung mit einem Vortrag 
von Waltraud Becker- 
Hammerstein und Dr. 

Werner Becker findet am 
3. FeDruar um 18 Uhr 
statt. Für den musikali- 
schen Rahmen sorgt die 
jüdische Künstlerin Ode- 
iia Lazar. Die Ausstellung 
ist montags bis freitags 
von 9 bis 13 und lA bis 
17 Uhr geöffnet, öffentli- 
che Führungen gibt es 
am 11. Februar, 11. März 
und 1. April jeweils um 
15 Uhr. Weitere Führun- 
gen nach Terminabspra- 
che unter Telefon 
02604/95 25 10. 



Seite 18 



Wlc!vU -v,a ^Iv, l 




ässau 



Nur wenige Spuren gibt 





noch 



Ausstellung Julius Israel ~ Juden in einer ländlichen Kleinstadt" wird am Freitag eröffnet - Pogrome vertrieben Mitbürger 



In einer Ausstellungim Günter- 
Leifheit-Kulturhaus erinnern 
Waltraud-Becker-Hammer- 
stein und Werner Beckeran die 
jüdischen Bürger von Nassau 
(Eröffnung am Freitag, 18 Uhr). 
Unzählige Dokumente, Fotos 
und Exponate hat das Ehepaar 
gesammelt und in einen Zu- 
sammenhanggestellt» derein 
wenig Licht in das Schicksal 
der Nassauer Bürger jüdischen 
Glaubens bringt. Der Nazi- 
Schrecken hat die Stadt, die 
1939 von Julius und Lina Israel 
als letzte luden verlassen wur- 
de» armer gemacht. 

NASSAU. Man meint, den 
Triuni})h gerddezu hören zu 
können; „Nassau ist juden- 
frei", schreibt der Nassauer 
Anzeiqer am 6. Februar 1939. 
Erst wt^iKje Tage zuvor wa- 
ren Juüus Israel und seine 
Frau Lina aus der Stadt gezo- 
gen, „Der Text der Meldung 
ist vom damaligen Bürger - 
meisler selbst verfasst wor- 
den", ist Werner Becker uber- 
zeugt. „Wir haben Manu- 
skripte gefunden, die das be- 
legen," Mit dem Tag des Ab- 
schieds der Israels endet eine 
jahrhundertelange jüdische 
Kultur in Nassau. In einer 
Ausstellung im Günter Leif- 
heit-Kulturhaus haben Be- 
cker untl seine Frau Waltraud 
Becker -Hammerstein - beide 
geburtige Nassauer ■ Zeug- 
nisse über das jüdische Leben 
in der Stadt und ihrer Umge- 
bung gesammelt. Das Leben 
endete mit dem Nazi-Terror. 

Der erste schriftlich erhal- 
tene I hnweis auf Juden in 
Nass<ui ist eine Auflistung der 
Stadt über ihre Außenstande 
und Schuldner aus dem Jahr. 
1680. Schriftstucke aus dem 
1 9. Jahrhundert belegen, dass 
sich die jüdischen Nassauer 
nur gegen eine Geldzahlung 
des Schutzes durch den 1 lei - 
zog zu Nassau sicher spin 
konnten - eine upj)ige F.m- 
kommcns(|uelle fui dt»n 
„ Souverän von Gottes Cina- 
den" übrigens, dessfMi Hiu her 
rund 10 000 Gulden jährlich 
allem aus der Judensteuer 
verzeichnen, 

Ende des H), Jalir liunderts 
zogefi viele Juden ans dem 
Umhnid narh Nassau l:unge 
wandtMten heieits /u dies*^ 
Zelt ihtf h Aiiieiika tUis i)d(M' 
suHlelten m deutsche Klem- 
stadte um. „In Nassau wohn- 




Das Ehepaar Becker prüft noch einmal die Tür des vor Jahren abgerissenen Hauses der jUdischen 
Familie Lindheimer, die in der Ausstellung zu sehen ist. ■ Foto: Carlo Rosenkranz 



ten vol alien die so genannten 
Land|uden" , erklart Walter 
lieckei, „Als die Kindersterb- 
lichkeit immer geringer wur- 
de, gab es oft für die Nach- 
kommen keine Möglichkeit 
mehr, sich hier in der Region 
selbst zu ernähren." Viele Ju- 
den zogen demnach als Ar- 
mutsfluchtlinge in die Welt - 
ein Tatsache, die später man- 
chen Daheimgebliebenen die 
Flucht vor dem Naziregime 
erleichterte, weil es bereits 
Verwandte im Ausland gab. 



Anhand vieler alter Foto- 
grafien stellen die Beckers in 
ihrer Ausstellung verschiede- 
ne Nassauer Judenfanniilien 
vor. „Das waren die Nach- 
barn unserer Eltern", ruft 
Waltraud Becker-Hammer- 
stein die Nähe der dargesteU- 
ten Fakten in Erinnerung. 
„Wir als Kinder haben keinen 
dieser Menschen je kennen 
gelernt, aber auch nach dem 
Krieg hieß es immer noch, 
,das ist Lindheimers Haus'." 
Selbst die Judengasse exis- 



tiert heute nicht mehr, sie 
wurde - auch das ist in der 
Ausstellung anhand von Plä- 
nen dargestellt - beim Wie- 
deraufbau der zerbombten 
Stadt überplant und " zuge- 
baut. 

Bis zu 100 jüdische Bürger 
zählte Nassau einst Mitte der 
20-er Jahre, doch den Nazis 
gelang es, diese Menschen zu 
vertreiben. Was viele nicht 
wahrhaben wollten - rücht zu- 
letzt, weil Hitler vielen von 
ihnen noch heuchlerisch 1935 



das „Ehrenkreuz der Front- 
kämpfer" für ihie Verdienste 
im Ersten Weltkrieg verlieh - 
wurde im Novembt^r UK^H 
GewisshfMt, „Sie sind alle 
nach den Fo(jromen wegge- 
zogen", erläutert Werner Fle- 
cker. Die Ausschrfutungen 

der braunen Scheiyeii waren 
dem gleichgeschalteten Nas- 
sauer Anzeiger gerade mal 
vier Zeilen direkt unter dem 
Wettorbencht wert. Viele der 
bedrohten Juden fluchteten 
nach Frankfurt, von wo aus sie 
ihre Auswandern HCl voran- 



\ 4 U - 

1 ^ lUi U Iii 



Iii I yJLKj , 

viele jedoch landeten m Kon- 
zentrationslagern, von etli- 
clien ist üire Ermordung be- 
legt, eirüge Schicksale hegen 
nach wie vor im Dunkeln. 

Die Stammbäume zweier 
Familien, die die Beckers re- 
konstruierten, sowie die Post- 
adressen zahlreicher Nach- 
fahren Nassauer Juden, nut 
denen sie im Laufe ihrer Re- 
cherchen Kontakt aufnah- 
men, verdeutlichen das Aus- 
maß des erneuten jüdischen 
Exodus'. Neben den USA sind 
auch Brasilien, Schweden und 
vor allem afrikanische Länder 
zur Heimat der Überlebenden 
geworden, „Dass Afrika so oft 
vertreten ist, ist kein Zufall", 
weiß Becker. HDie Landjuden 
waren in den damals noch 
englischen Koloiüen sehr ge- 
fragt, weil sie sich mit Land- 
wirtschaft und Viehhaltung 
auskarmten." 

Die Germanistin Becker- 
Hammerstein und ihr Mann, 
ausgebildeter Historiker, sind 
eher zufällig auf die Ge- 
schichte der Nassauer Juden 
gestoßen, verfolgten die Spu- 
ren lange Jahre nur spora- 
disch. «Aber wir sind inuner 
wieder auf das Thema gesto- 
ßen", sagt Becker, der mitt- 
lerweile mit seiner Frau in 
Bonn lebt. Doch auch dort ha- 
ben Nassauer Juden ihre Spu- 
ren hinterlassen. „ Julius und 
Lina Israel sind 1939 nach 
Bonn gezogen", haben die 
Beckers erst lange nach ihrem 
eigenen Wohnortwechsel er- 
fahren. Während Julius Israel 
eines natürlichen Todes starb, 
musste Becker Linas Namen 
in einer Bonner Gedenkstätte 
entdecken. »Sie wurde depor- 
tiert, doch ihre Spur verliert 
sich nach der Abfahrt des Zu- 
ges, in den sie gepfercht wur- 
de. " Carlo Rosenkranz 



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^ Klasse 4 mit Förster Rainer Jäger 



|[ Dietrich-Bonhoeffer-Realschule Nassau 

I Sportsponsoring 

Im Rahmen der Aktion "Tore für Deutschland" haben einige Firmen uns 
im Februar 2006 mit Sportgeräten ausgestattet, nämlich mit einem Steck- 

* system und mit verschiedenen Bällen. 
Das sind unsere Sponsoren: 

^ Fliesen Bergmann. Inh. Frank Bergmann; Orthopädische Gemein- 

^^^haftspraxls Dr. Al-Tawili und Dr. Erlinghagen; Steuerkanzlei Rainer Figu- 
Steuerberater Werner Maus Ä Jürgen Schaaf; Sprenger Zimmerei und 

F ^^ägewerk Weisel, Restaurant "Zur Stacnhallp" 




Lahntalschuie Nassau 

Geschichtsunterricht zum Anfassen 

Neuntklässler der Nassauer Lahntalschule besuchten gemeinsam mit 

ihrem Geschichtslehrer Ralf Reifer die eindrucksvolle Ausstellung "Julius 
Israel Nassau - Juden in einer ländlichen Kieinstadt* im Nassauer Leifheit 

Kulturhaus. 



I 




Dr. Werner Becker und seine in Nassau geborene Frau Waltraud Becker- 
Hammerstein haben mit unendlichem Fleiß in gut zehn Jahren ein feh- 
lendes Stück Nassauer Sladlgeschichte zusammengetragen. Begonnen 
hatten sie die Arbeit zu der BSO-Jahr-Feier Nassaus. Um alle Informatio- 
nen zu erhalten, war es für Of. Becker notwendig, weltweit Zeitzeugen 
aufzuspüren und zu befragen. 



Nr. 15/2006 



Heraus kam dabei ein umfangreiches und detailliertes Sozialbild vom 
1 . ben der rund 100 jüdischen Mitbürger der Stadt, die bis in die 30er Jah- 
re hinein dort wohnten und lebten. 

Die Schülerinnen und Schüler hatlon die Thematik im Unterricht mit ihrem 
Gescliichtslehrer Ralf Reifer behandelt. Aber erst durch die Ausstellung und 
den beeindruckenden Vortrag des Ehepaares Becker, die extra dafür aus 
Bad Godesberg angereist waren, konnten sie sich ein richtiges Bild über 
das Leben der Menschen und die Gräuel, die sie In dieser Zeit erleiden mus- 
stefi, machen. Die Ausstellung mit Dokumenten. Fotos. Zeitungsberichten. 
Lxponaten und Plastiken gibt umfasbende Einblicke in die judische Kultur, 
das jüdische Brauchtum und die Nassauer Zeitgeschichte. 
Nachd9nklk:h und sichtlich beeindruckt verließen die Schülerinnen und 
Schüler den interessanten Lemort außerhalb des Schulgebäudes. 

Kath. Kindergarten St. Martin, Bad Ems 

"Verkehrserziehung hautnah und praktisch" durften die Kinder im 

Katholischen Kindergarten "St. Martin Bad Ems erfahren 
In der Woche vorti 23.03. bis 24.03. besuchte Herr Schrupp von der Poli- 
zeiinspektion Bad Ems den katholischen Kinderyaiten "St. ivloüiu . vVit! 
es schon viele Jahre Tradition ist, erzählte er den Kindern von den viel- 
fältigen Auf nhnn der Polizei. Dabei ist "die Polizei, dein Freund und Hel- 
fer" das HauptUiema 

So erfuhren die Kinder u.a.. dass ein Polizist ein Ansprechpartner ist, wenn 
sie Hilfe brauchen und wie wichtig es ist, ihren Namen und Anschrift nen- 
nen zu können. Auch die Notrufnümmer 110 wurde geübt. Während der 
Informationswoche durch Herrn Schrupp durften alle Kinder ihr Lieb- 
lingsfahrzeug (Fahrrad. Roller. Bobbycar usw.) mit in den Kindergarten 
bnngen. Von den Erzieherinnen wurden Parkplätze eingerichtet. Ver- 
l<ehrsschilder und Ampeln aufgestellt und kleine Schwierigkeiten, wie z.B. 
eine Wippe eingerichtet Mit viel Freude nahmen die Kinder dieses Ange- 
bot an. In der nächsten Zeit wird Herr Schrupp noch unsere zukünftigen 
Schulkinder im Rahmen der Verkehrserziehung auf einem Gang durch 
Bad Ems begleiten. 

(Termin wird rechtzeitig bek innt geyeben - voraussichtlich im Juni). 




Ein weiteres "High light" findet am 1 2.04.06 in unserem Kindergarten statt. 
An diesem Tag besucht uns das "Rollende Klassenzimmer" von der Poli- 
zeibühne Rheinland-Pfalz. Am Vormittag werden die Kinder In einem 

großen Bus an einem Theaterstück teilnehmen und nachmittags sind die 
ritpf n zu einer parallelen L iternveranstaltung zum Thema: "Kinder im Ver- 
kehr als Fußgänger" eingeladen. 
Osterferien vom 18.04. - 21.04.06. 

Kath. Kindergarten Fachbach - Nievern - IMiellen 

Gefahren des Feuers mit der Feuerwehr kennen lernen 

Offenes Feuer ist für Kinder von besonderem Reiz und bietet eine Viel- 
zahl von Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten - aber auch Gefahren. 
Deshalb sollte der Umgang damit schon im Vorschulaller frühzeitig geübt 
werden. 

Es ist allgemein bekannt, dass sich Kinder durch Verbote nicht 
abschrecken lassen. Wenn man etwas nicht offiziell und unter Aufsicht 





B 







9 




len die Erinnerung daran, wie 

eiT-vom-SteiD- 




s 

terte die Biogratien der m elf 
verschiedener 
den rund 20 Personen, für 
jetet nach Spcfuiern für 
Stolpersteiri*' gesuilit wird. 
Glei 



en Schilde 



qaaement 
iebeo Ueöeii em 



der Opfer irn Stac 



ovor- 



sieiiDdre 

ebeni(ii(i werden, heruli'tpr! 



dasgiau^HiiTieStfi 



ler- 



zei und der Konrcirna- 
tor der Aktion, Dieter 
ortmafiH, oetinsB- 
Burger sowie die 
ehemaligen Nassau- 
er Waltraud Becker- 
Hammers t em 





turoie und boten viele 



.me 



Spon 



Dr4 



und die evangelische 



nein de 



Beckcr-Htmmftistelti und Werner Be- haben sich bereits fur 

agepian, wo in * 



Teilweisf^ sine 



später ermordtt wurden 



Bonn, um die Aktion 
ter vorzusteiieri, Lelztere ha- 
ben mit ihrem Buch „JüUus Is- 
rael, Nassau" eine wichtige 

Vorcirbest fur die Siolpersteui*' 

geleistet, in ihm wird untei 
anderem dokumentiert, wo 
welche Fduulien lebton Erst- 
mals wurde ein Lagepkn qr 
zeigt, der ausweist, wo „Stoi- 



qen Nashäuern judischen 
(lldubens, dass sie nach ihrer 
Vertreibung aus Nassau grau- 
sam errrioidei wurden oder 
Si t« n ihrer Deportation als ver- 
schollen gelten. Omer - Gus- 
tav Stein - hfjttedie Foyroiu- 
n<K*hi am 10 November WM 
in Nri^sau so erschutieii,, riass 
er sich eme Woche später lo 



6 




stp.rke neu uberhuu' 'xlerwie 
die iicUitdUge Synagoge rur 
mehr von einer Straße aus er- 
reKhbdr, „Od ist jeweils zu 
überlegen, wo die -.teme am 
sinnvollsten platziert wer- 
(i,.n Warluidnn, der sich 
nuu viele Aktionen "nd »'me 
große Spendenbeieibciwtt 
die AkiHtii wünscht, ' ' 



JJeportiert iinü ermordet a a . 21 ■ 

Heimailorscher berichten über das grausame Schicksal des jüdischen Ehepaars Israel aus Friesdorf 



Von Ebba Hagenberg-Miiiu 




Präsentieren ihr Buch über Julius Israel und seine Frau Lina: Waltraud Becker-Hammerstein und ihr 
Mann Werner Becker haben sich darin jedoch nicht nur mit dem Schiclisal dieses jüdischen Ehepaars be- 
schäftigt. FOTOSyREPRO: FRIESE 



1 FRIESOORF. Am Ende dieses 
Nachniillags im Erzählcafe des 
AWO-Nachbarschaftszenlrums 
versagt Waltraud Becker-Ham- 
mersiein dann doch die Stimme. 
Die ehemalige Lehrerin am Hein- 
rich-Hertz-Gymnasium hat über 
das tragische Schicksal des jüdi- 
schen Ehepaars Israel berichtet, 

I dem vor ihrem letzten Wohnort in 
der Friesdorfer Straße 92 inzwi- 
schen zum Gedenken ein Stolper- 
stein gelegt wurde (der GA berich- 
tetej 

Noch ein Jahr, bevor die letzten 
Juden Bad Godesbergs zur Inter- 
nierung nach Endenich geschafft 
wurden, war Julius Israel hier 1941 
vor Leid gestorben. Seine Frau Li- 
na jedoch musste den schweren 
Weg noch bis zu Ende gehen. Nach 
fünf Monaten Kasemierung in En- 
denich verliert sich 1942 mit den 
Deportationszügen von Köln nach 
Osteuropa endgültig ihre Spur. 
Wurde die damals 64-Jährige im 
Vernichtungslager Sobibor ver- 
gast» wo auch der derzeit in Mün- 
chen angeklagte John Demjanjuk 
27 900-fach Beihilfe zum Mord ge- 
leistet haben soll? Oder starb Lina 
Israel schon auf dem Transport 
dorthin und wurde einfach aus 
dem Vieh waggon geworfen? 

Jetzt will Becker-Hammerstein 
noch die frischste Erinnerung ei- 
ner letzten Zeitzeugin nachrei- 
chen. Ehemann Werner Becker 
muss übernehmen. Eine 2009 ver- 
storbene Nachbarin der Israels ha- 
be noch kurz vor ihrem Tod der 
jüdischen FamiUe gedacht. Wenn 
sie schon nicht mehr in ihr inzwi- 
schen abgerissenes Elternhaus zu- 



rückkönne, habe die demente 
100-Jährige gemeint, „dann geh 
ich eben zu den Israels, da kann 
man immer hm." Betroffenheit 
herrscht im Erzählcafe. Die gast- 
freundlichen und hilfsbereiten Is- 
raels waren iluer Nachbarin bis 
zum Schluss unvergessen. 

Mit Spannung haben die Gäste 
den Nachforschungen der Beckers 
gelauscht, die über die Schicksale 
der aus ihrem Heimatort Nassau 
an der Lahn vertriebenen Deut- 
schen jüdischen Glaubens das 



Buch „Julius Israel Nassau" her- 
ausgegeben haben. Und damit 
eben das Leben dieses gleichzeitig 
jüdischen wie weltoffenen, in sei- 
ne Umgebung immer gut integrier- 
ten Ehepaars Israel nachzeichne- 
ten. 

Rechtschaffene, aber arme 
Hauswarenhändler seien beide 
gewesen. Julius habe in den örtli- 
chen Vereinen und politisch in der 
SPD aktiv mitgearbeitet, habe die 
Faschisten als dekorierter deut- 
scher Soldat des Ersten Weltkriegs 



als „dumme Buben" falsch einge- 
schätzt. Bis nach den November- 
pogromen J938 auch sämtli:her 
Hausrai der Israels in Nassau auf 
der Straße landete, das Städtc hen 
..endlich iudenfrei" gemacht wer- 
den sollte und die Israels meinten, 
sich zu Verwandten nach Bad Go- 
desbergfluchten zu können. 

Doch auch die, Linas Bruder 
Hermann Kaufmann mit Gattin 
Mathilde und deren Tochter Jo- 
hanna mil Ehemann Maximilian 
Klee, wurden deportiert und er- 




Das Ehepaar Israel (im Jahr 
1938) und der Stolperstein in 
Friesdorf, der an sie erinnert. 



mordet. Der GA berichtete über ih- 
re Schicksale anlasslich der Le- 
gung ihrer Stolpersteine in der 
Oststraße 8 und der Bonner Straße 
74. Eine Tochter der Israels, Frie- 
da, habe überlebt, weil sie recht- 
zeitig in die USA geflohen war, 
merken die Referenten noch an. 

Doch sie habe bis heute jegli- 
chen Kontakt mit der Heimat strikt 
verweigert. „Diese Tochter ver- 
gisst nicht, dass wir Deutschen ih- 
re alte Mutter noch m den Tod ge- 
schickt haben/' 



End of [Nominees for the 
Obermayer German Jewish History 

Award 2011]: