Skip to main content

Full text of "Gesammelte Werke"

See other formats


Google 


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world’s books discoverable online. 

It has survived long enough for the copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to copyright or whose legal copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to {he past, representing a wealth of history, culture and knowledge that’s often difficult to discover. 


Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book’s long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 


Usage guidelines 
Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 


public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 





‘We also ask that you: 


+ Make non-commercial use of the files We designed Google Book Search for use by individual 
personal, non-commercial purposes. 





and we request that you use these files for 


+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google’s system: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 


+ Maintain attribution The Google “watermark” you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 


+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we can’t offer guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book’s appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 






About Google Book Search 


Google’s mission is to organize the world’s information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world’s books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the full text of this book on the web 
alkttp: /7sooks. google. com/] 














Google 


Über dieses Buch 


Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei — eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 


Nutzungsrichtlinien 


Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 


+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 


+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 





+ Beibehaltung von Google-Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 


+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 





Über Google Buchsuche 


Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter|'http: //books .google.comldurchsuchen. 














DJ 


— u. 


ur 





Vet. Ge.IE A: 245 


Sefammelte Werke 


von 


Charles Sealsfield. 


Dritter Theil. 
Ber Segitime und die Republikaner. 


Dritter Theil. 


Stuttgart. 
Berlag ver 3. B. Mes ler'ſchen Buchhandlung. 
1845. 


Der Segitime 
und 


Die Nepnblifaner. 


Eine Geſchichte 
ans dem lebten amerifantfchsenglifchen Kriege. 


Don 
Charles Sealsfield, 





In drei Sheilen. 





Dritter Theil. 
Dritte durchgeſehene Auflage. 


—0>- 


Stuttgart. 


Berlag der J. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 
1845. 


Ich zittere für mein Boll, wenn ich ber Ungerechtigkeiten gebente, 
deren es fich gegen die Ureinwohner ſchuldig gemadt bat. 
Sefferfon. 





Adtundzwanzigfles Kapitel. 


Herr! Herr! Es iſt oft ſchwer für Freunde 
fi wieber zu fehen; aber Berge können durch 
Erdbeben verfeßt werden und ſich fo wieder 
begegnen. 

Shalespeare. 


Der Landfig, in dem unfer Squire es fi fo be⸗ 
quem gemacht, und zu Haufe fehlen, gehörte zu einer 
ber vielen Mifjifippis Pflanzungen , die weniger durch 
äußere Großartigfeit, als durch innere Pracht, Die 
glänzenden Reichthümer zur Schau tragen, die biefer 
Erwerb feinen Beflifjenen beinahe immer fichert. 
Er Hatte nebft dem Erdgeſchoße bloß noch ein Stod- 
werk, und ruhte auf Pfeilern, vielleicht des Luftzuges 
ober des austretenden Miffifippi wegen, war leicht 
gebaut, augenfheinfich mehr zum Schuße gegen die 
fengenden Strahlen der Sonne, ald gegen erftarrende 
Winterfälte. Acht Stufen von weißlich geſtecktem 
Marmor führten zur Piazza und dem Periſtyle, mit 


6 


dem die Fronte des Haufed verziert war; die Säu- 
Yenräume waren mit hohen Salouflefenftern aus⸗ 
gefuͤllt , gleichfalls um während der heißen Sommer⸗ 
zeit einen fortwährenden Luftzug zu unterhalten. 

Im Hintergrunde- waren zwei andere ziemlich große 
Gebäude, von denen dad eine zur Wohnung ber 
Wirthſchaftsbeamten, das andere zur Aufnahme der 
Colonialprodukte der Pflanzung beftimmt zu ſeyn 
ſchien, und an diefe beiden jchlofien fi zwei Neihen 
Fleinerer aber nicht unmohnlicher Blockhäuſer für 
die ſchwarze Bevölkerung der Pflanzung an, hinter 
welchen eine meilenbreite Fläche gegen die Cyprefſen⸗ 
wälder Binablief, aus der ein fahler, blätter=, rinde⸗ 
und zweiglofer Wald ungeheurer abgeftorbener Bäume 
emporftarrte, der, in längliche Vierecke abgetheilt, 
in feinen weiten Zwifchenräumen mit hoch aufges 
ſchofſenen breiten Stauden bepflanzt war, deren ver⸗ 
dorrte Blumenkronen noch hie und da die aufgebro⸗ 
chenen Kapſeln ber zarten weißen jogenannten Baum⸗ 
wolle fehen Tießen, mit welcher, abwechfelnd mit 
Maid, die Felder bepflanzt gewefen waren. Der 
größte Theil dieſer Cotton⸗ und Waͤlſchkornfelder 
war augenſcheinlich dem Cypreſſenſumpfe abgenommen 


47» 


und durch Gräben getrorfnet worden, und der Con⸗ 
traf mit dem üppigen, undurchdringlichen Urwalde 
und dem bodenlofen Sumpfe gab ein anfchauliches 
Bild von dem Kraftaufivande, den ed erforbert haben 
mußte, um diefe herrliche Pflanzung der furchtbaren 
Wildniß abzugewinnen, und fo allmählig aus einem 
Verſtecke reißender Thiere ein fürftlihes Befigthum 
zu ſchaffen. | 
Man fah gewiffermaßen, daß ein Geift hier ges 

waltet, ber, flufenweife fortſchreitend, allmählig 
vom Nöthigen aufs Bequeme übergegangen, und 
mit genauer Berechnung feiner Kräfte einen eifernen 
Willen verband. Wenn jedoch das fihhtliher maßen 
Harte eines langen Dienſtzwanges, der hier fo auf- 
fallend hervorſtach, dem menfchenfreundfichen Auge 
wehe that, fo verfühnte andererfeits wieber das heitere 
und muthwillige Völkchen, das im reinlichen Doͤrf⸗ 
hen fih umhertummelte, und fröhlich und wohlges 
muth wenigftend verrietb, daß, wenn feines Herrn 
eiferner. Wille es zur Thätigkeit gehalten hatte, ex 
ed zugleich an den Früchten derfelben in einem Maße 
Theil nehmen ließ, das Taufende von dürftigern Ber 


— 8 — 


wohnern ber alten Welt mit neidiſchem Auge geſehen 
haben duͤrften. 

Wer ſo die kleinen Wollköpfe auf der zwiſchen den 
beiden Hüttenreihen hinablaufenden Gaſſe herum⸗ 
toben, ober die ſchlanken Mädchen in ihren bunten 
maleriſchen Kopfputze ſah, die hellgrünen oder hoch⸗ 
rothen ſeidenen Tücher um ihre Scheitel in einen 
Knoten gewunden, wie fie ſchäckernd und lachend mit 
den jungen Burfchen umbertangten; oder die Alten, 
wie fie, wohl genährt und bequem gekleidet, behaglich 
ihre kurzen Pfeifen rauchten, der dürfte vergeblich) 
nad dem herzzerreißenden Elende gefucht haben, das 
parteitfhe Unwiſſenheit Diefer allerdings gebrüdten 
Klafie fo reichlich zugetheilt, und Dad, wenn aud) 
einzeln wahr, zur Ehre des amerikaniſchen Charaf- 
ters, nichts weniger als allgemein iſt. 

Das Geſetz und ber anerkannte Gerechtigkeits⸗ und 
Billigkeitsſinn des achtungswerthen ſüdlichen Bür⸗ 
gers hat auch das Loos dieſer Klaſſe bereits um Vie⸗ 
les verbeſſert, und wenn es einerſeits drückend er⸗ 
ſcheint, daß ihrem Lande geraubte Unglückliche oder 
deren Nachkom men in fremden Dienſten fröhnen 
ſollen, fo dürfen wir hinwieder nicht vergeſſen, daß 


nn > „um tn mg 


— —- 


— 9 — 


biefe. Zwingherren, ſchuldlos an dieſem fluchwürdigen 
Dienſtzwang, ſelbſt unter dem ererbten gefährlichen 
Joche leiden, und daß die menſchenfreundlichſte Weis⸗ 
heit nicht ohne Schaudern an eine ploͤtzliche Los⸗ 
lafſſung einer ſeit Jahrhunderten gefeſſelten Race 
denken duͤrfte. | 


\ 


Die Sonne war mittlerweile hinter dem unge⸗ 
beuern Eypsefienfrange, der im Oſten die Pflanzung 
umgürtet, hervorgeftiegen, und ihre Strahlen bünn- 
ten allmählig den Nebelfaum, ver ſich über bie ganze 
Landſchaft Hingezogen Hatte; nur am Hauptſtrom 
ſchwamm er noch, eine ungeheure Schihte, hinter 
der am jenfeitigen Ufer die Pflanzungen und Wälber 
den Horizont begrenzten. 

Ein reizendes Mädchen im eleganten Morgenanzuge 
war auf die Piazza des Hauſes beraudgeflogen und 
fah forgfältig in der Richtung des Bayou bin, von 
dem man über den mäßigen Raſenplatz durch Grup⸗ 


pen von Chinatulpen, Orange- und Gitronenbäumen 


einer weiten Ausſicht auf den Sttom gegen Weiten 
genoß, die nur gegen Norden zu buch bie Bluffs 


— 10 æ— 


oder das Hochland begrenzt war, deren ſchroffe, mit 
Yasmin und Nebengehänge überzogene Lehmwände 
fih unfern dem neben der Pflanzung hinſchlängelnden 
Bayou hinzogen. . 

Ein ſchlanker Wuchs, ein fehr fchöner Kopf, der 
fih zuweilen etwas, ſtolz aufwarf, ein zart kolorirtes 
Geſicht, deſſen Mienenſpiel weniger leichte Beweglich⸗ 
keit, als etwas Pikantes errathen ließ, durchdringend 
blaue Augen, die ſehr zuverſichtlich um ſich blickten, 
waren die hervorſtechenden Züge dieſer intereffanten 
Geftalt, die lauſchend den Blick auf das Bayou ge⸗ 
richtet ſtand, als ein zweites Mädchen herangeflogen 
kam, die, ihren Arm um den Nacken der Erſtern 
werfend, dieſe freundlich auf die marmorne Piazza 
dem eiſernen Geländer zuzog. 

„Aber weißt Du ſchon, Siſſi?« ſprach ſe, „daß 
wir Gäſte haben und zwar allerliebſte Gaſte⸗ ſagte 
Polli. 

„Zwei Indianerinnen Sq — Squaws,«“ verſetzte 
die Sis, indem fie ironiſch die fehönen Lippen ver- 
drehte, gleihfam als fürchte fie, das ungeſchlachte 
Wort dürfte fle ungebührlich erweitern, „Du fennft 
ja den Hautgout unferd Squire.“ 





1 


—H 11 — 


„Nein, nein, Bergy. Pa felbft Hat fle eingeladen; 
er fol ganz entzüdt von ihr geweſen feyn. Sie 
ſchläft noch, aber Poli fagt, fie fol wunderſchön 
feyn; ſie ift eben gegangen, nach ihr zu fehen.« 

„Huſh Gabriele!« entgegnete die etwas ſtolze 
Schöne der zarten Schwefter, deren arglos heiteres 
Auge und blonde Lockenkopfchen einige Sommer 
weniger in die liebe Gotteswelt bineingefchaut Haben 
mochten. „Ich hörte das Parkthor, und Pa hat ihn 
zum Srühftüc geladen. Warum er doch nicht fommt. « 

„Recht fonderbar, Siffi, Du haft ihn doch ſchon 
geftern erwartet ;« « lispelte Gabriele mit einem etwas 
ſchalkhaften Ausdrucke, der ihr zum Röckchen à l’en- 
fant allerliebſt ließ. „Und dann ‚w fegte fie ſchmollend 
hinzu, „muß er wieder hinab zum gräulichen alten 
General. 

„Und in die Schlacht vor den Feind ;« feufzte Vir- 
ginie, die in die Säulenhalle zurückeilte, während 
Gabriele ſtehen blieb. 

„Ach, es iſt mir eine Ordonnanz;⸗ fluͤſterte Dieſe, 
indem fie auf Siſſi zuflog und fie wieder auf Die 
Piazza zog, auf welche die Ordonnanz zugefehritten 


—d 12 — 


fam, die Die Beiden grüßte und ind Sunere des Haufes 
ging. 

„AH! ſieh doch, Sifi, wie ſchoͤn!«“ deutete das 
Mäpchen auf ben Nebelhang des Miffifippi, der num, 
in dem flärker werdenden Strahlen ber hinter ben 
Baumgipfeln herauffleigenden Spnne aud einander 
ſtaͤubend, in bie phantaſtiſchſten Gebitbe ſich formte. 
Während ungeheure Schichten in die Küfte verſchmol⸗ 
zen, kräuſelten ſich andere in die Formen umgeftärzter 
Kegel, zwifchen denen die in mellenweiter Berne 
verlorenen Wälder nun näher zu treten und im 
fehnellen Laufe dem Strome zuzueilen ſchienen. Die⸗ 
fer bligte nun in feiner ganzen hehren Majeftät 
Durch die Silberdünſte hervor, und die einzelnen Boote 
und Fahrzeuge, die auf feiner weiten Fläche pfeil- 
[nel hinabſchoßen ober ſchneckenartig hinaufkro⸗ 
chen, ſchimmerten mit ihren glänzend weißen Segeln 
wie Schwäne auf dem erglänzenden Waſſerſpiegel. 

„Ach wie ſchön,« ſprach eine: ſchmelzend fanfte 
Stimme Hinter den beiden Mädchen, während zwei 
blendend weiße Arme fih um: ihre Nacken legten und 
ein wunderliebliches Weſen in ihre Mitte trat. „Gu⸗ 
ten Morgen, meine Schweftern!» Die beiden Mädchen 


—H 13 6 


pralften aus einander, fahen die holde Grüßende 
einen Augenblick verwundert an und flogen dann 
Beide zugleich auf ſie zu, und indem fie fle umſchlan⸗ 
gen, preßten fie eine Unzahl Küſſe auf den lieblichen 
Mund und Wangen. 

„Und Wer biſt Du benn, A Du Heber holder Engeit« 
fragte Birginie. 

„Dein füßes Kind, wie om Du hieher? ?4 fiel 
Gabriele ein. 

„Mein ſüßes, liebes Götterkind,“ fiel die Erſtere 
wieder ein, indem ſie ſie umſchlang und Kuß auf Kuß 
auf ihre Lippen preßte. 

Es war Roſa, die in der reizenden Ueberraſchung, 
die ſie den beiden Mädchen’ verſchafft, noch nicht Zeit 
gehabt hatte, ein Wort zu fagen. „Sie nennen mid) 
Roſa, liebe, Thöne Schweſtern,“ Tiöpelte fte. 

„Roſa, meine. füße, Liebe Roſa, Du holdeſte, 
ſchonſte Roſe! 

Und wieder umſchlangen ſie das wunderſ chöne Mäp- 
chen und erdrückten es beinahe in ihren Liebkoſungen. 
Es war ein lieblicher Anblick, das holde Natur⸗ 
geſchoͤpf zwiſchen den zwei fein. gebildeten reizenden 
‚Mädchen zu ſehen, wie ſie aus den Armen der Einen in 


— U — 


die der Andern flog und ſich im erſten Augenblicke 
Beider Herzen erobert hatte. Sie ſchienen ſich nicht 
ſatt an ihr ſehen und küſſen zu können. Selbſt die 
dem weiblichen Geſchlechte angeborne Schwäche, die 
ſich in ſchönen Kindern beim Anblicke eines noch ſchö⸗ 
nern ſo unwillkürlich und verzeihlich regt, war hier 
verſtummt. Die reine ungefünftelte Natur hatte über. 
Schwächen und die kalten herzloſen Formen des ges 
ſellſchaftlichen Lebens auf einmal geſiegt. 
„Sieh doch, Bruder! was wir hier haben?“ froh⸗ 
lockte Gabriele einem elegant gekleideten Jünglinge 
zu, der an die reizende Gruppe herangekommen und, 
nicht minder erſtaunt, erſt jetzt bemerkt wurde. 
Mein Bruder!“ lispelte Roſa, indem fie feine 
Hand zutraulich erfaßte und ihn verwundert anfah. 
„Komm, füßed Kind, zur Ma!” riefen nun Beide, 
fie erfaſſend und.jubelnd einer würbdevollen Dame: zu⸗ 
eilend, die das liebe Kind freundlich willkommen hieß. 
Du biſt ja ein holder Engel!u vief Virginie, die, 
als Roſa in den Armen der Mutter King, erſt Zeit 
hatte, ihren Anzug zu muflern. „Und. wahrlid,« 
fuhr fie in drolliger Bermunderung fort, „im neueften 
Geſchmacke angezogen. Sieh doch nur, Gabriele, 





— 15 — 


dieſe allerliebfte ſchwarzſeidene Robe, wie unvergleich- 
lich fie fie kleidet, umd die niedlichen Prunelle⸗Halb⸗ 
ſtiefelchen, und ber allerliehfte Gürtel und bie Spange 
und Bracelets. Wirklich, mein liches Mädchen, bie 
erfte Parifer Künftlerin könnte Dich nicht lieblicher 
dargeftellt haben. Und bift Du wikuch mit den In⸗ 
dianern gefommen ?« 

nGewiß, liebe Schmwefter. “ 

‘ „Und Du haft bei ihnen in ihrem — wie heißen 
ſie nr⸗— 

„In ihrem Wigwam gewohnt,«“ half ihr Rofa. 

Der Oberſte mit Major Copeland und Capitain 
Percy waren gleichfalls eingetreten. Zart und naiv, 
mit einem gewiſſen Ausdrucke von Hoheit, nahte ſie 

ſich den Eintretenden, und begrüßte die beiden Stabs⸗ 
offiziere als theure Väter, den jungen Gapitain als 
Bruder. 

„Ia, Du mußt nicht fo. viele Väter anerkennen ;« 
rief der Squire lachend, indem er fle herzlich Füße. 
„Biſt wahrlich ein prächtiges Kind geworben, Gott 
fegne Di! Der Indianer hat wahre Vaierſtelle an 

- Die vertreten. Sollte es nicht gedacht Haben, daß 
der alte, grimmige Tokeah Dich fo gut halten würde. 





—d 16 3>— 
Biſt ja fo zart, ald ob Du al’ Dein Lebenlang in 
einem Käftchen aufgehoben geweſen wäreft.“ 

n Spotte nur, Pflegevater, « ſprach fie; „die Squaws 
und Mäbchen fpotteten meiner garten Hände und Füße 
auch, und Canondah wollte mich deßhalb nie in den 
Feldern arbeiten laſſen. Uber ſiehe,“ Sprach fie, „ich 
habe doch einen langen, langen Weg zurüchelegt. u 

„Aber doch nicht zu Fuße ?« — 

„Nein,« ſprach fie; ihr Blick war jedoch ſchon auf 
einen andern Gegenſtand gefallen, und fie ſah freund⸗ 
lich lächelnd dem Spiele des Eapitains und Virgi⸗ 
niend zu. 

- Diefer ſchien, trotz des harten Kampfes, der zwi⸗ 
ſchen ihm und dem Oberſten ſtatt gefunden, mit dem 
Hauſe in einer nähern Berührung zu ſtehen. Er 
Hatte kaum ber Frau feine Ehrfurcht bezeugt und ſich 
im Kreiſe herum verbeugt, als er ſich Virginien 
näherte, die bei ſeinem Eintritte glühend roth ge⸗ 
worden war, doch ſich eben ſo ſchnell in eine ernſte, 
etwas ſtolze Miene gezwungen und bie Hand zurüd- 
gezogen hatte, die er vergeblich zu erfaſſen geſucht. 
Roſa hatte abwechſelnd den jungen Mann und ihre 


“ 


— 17 — 


neue Schwefter angefehen. Sie ſchwebte nun auf 
Leptere zu und fah fie bebeutfam Lächelnd an. 

"Sieh doch,« ſprach fie, mwie flehend fein Blick 
auf Dir ruht. Er ift ein Häuptling, aber fanft und 
milde wie eine Taube.“ 

Eine ſchöne Taube ;“ lachte Virgine, „wenn Du 
fie kennteſt, diefe Taube. « 

nLiebe, meine Schwefter,“ Tiöpelte Mofa ihr zu, 
mvergißt ſich ſelbſt, um nur das Lächeln ber Freude 
auf dem Gefishte des Bruders hervorzuloden.“ 

„Mein wunderliches Rind,“ ſprach Virginie, vum 
Deinetwillen fey ihm vergeben.“ Und fie reichte dem 
Gapitain ihre Hand. 

„Meine Lieben !a fprach der Oberfte, ber ein ſtum⸗ 
mer Zeuge der artigen Vermittelungsſcene geweſen 
war, „vergeßt nicht, daß wir wieder hinab müſſen, 
und daß das Frühſtück unſer wartet. Komm Du 
herrliche Roſe der Wildniß! und ihren Arm in den 
ſeinigen legend, folgte er dem Squire, der mit der 
Oberſtin den Zug führte. 

"&3 ift mir noch immer wie ein Traum, ſprach 
Diefer, ber nun Platz genommen hatte. „Hätte mir 
eher den Tod eingebilbet, ald gedacht, Dich wieber 

Der Legitime. UL | 2 


—d 18 6 


zu fehen. Erſt al8 Du fort warft, da empfunden wir, 
wie lieb Du uns Allen gemefen bift. Ja, ja, Roſa. 
Wir haben noch nah Jahren von Dir gefprochen. 
Und als ich heute nun fo mit dem grimmigen Tokeah 
rebe, fich, fo kommt fie heraus. aus ihrer Wolldecke 
und auf mid zu, und faßt mich fo zutraulich bei der 
Hand und macht mid zum Daten, ohne daß ich ein 
Wort davon weiß. “ 

„Und dieſe Vaterſchaft ſchien Euch nicht übel zu 
gefallen?« fiel ihm der Oberſt in ſeiner etwas trocke⸗ 
nen Art ein, „denn Ihr vergaßt darüber, den Hãupt⸗ 
ling über fein Verhältniß mit dem Britten auszu⸗ 
forſchen. 

„Mit dem Britten?« fragte bie aufmerkſam ge⸗ 
wordene Roſa. 

„Ja, liebe Roſa,“ verſetzte der Squire. „Kennſt 
Du ihn ?u 

„Gewiß; und-ift mein Bruder hier gewefen?« 

„Ja,“ lachte der Squire, „Du haft zu viele Brüder 
und Väter; Daß ift ein arger Zeifig, fo jung er iſt. 
Ein Spion, der nad zur rechten Zeit Reißaus ge- 
nommen, fonft hinge er. Wird aber dem Balgen 
nicht entgehen.“ 


— 19 — 


Das Mädchen hatte verwundert zugehört. 

„Aber das Nämliche dachte auch der Miko, und er 
hat gegen feine Tochter und Roſa das Schlachtmeſſer 
aufgehoben, weil er glaubte, daß fie einen Spion in 
fein Wigwam gebracht. Kann ber Britte zugleich bei 
den rothen und den weißen Männern Spion feyn?« 
fragte fie unſchuldig. 

Alle waren aufmerkffam geworden. „Du kennſt 
ihm alfo, liebe Roſe? « fragte der Squire. 

nGewiß,# — verficherte fie abermals. „Er ift vor 
dreißig Sonnen bei und in einem Boote am untern 
MWaldfaum angefommen. Er war vom Seeräuber 
geflohen und ſchwach und matt, und eine große 
Waſſerſchlange biß ihn, als er aus dem Boote fleigen 
wollte, und Canondah kam ihm zu Hülfe und tötete 
die Schlange, und wir buchten ihn in ven hohlen 
Baum und trugen ihn in das Wigwam, und da 
pflegte ihn Canondah, bis er wieber hergeftellt war. « 

„Und weiter ?« fragte der Squtre, der Antheil an 
dem Schickſal des jungen Mannes zu nehmen ſchien, 
und, was eben nicht fehr häufig der Ball ſeyn mochte, 
ber Huhnsbruſt auf feinem Teller vergaß. 

„Als er gefund geworben,“ fuhr fie Im unſchuldig 

2 ® 


dd — 


naiven Tone fort, „wurde er ängſtlich; er fürdtete 
den Miko, der mit den Männern auf der Jagd war 
und fagte, er müſſe zu den Seinigen, die gegen die 
Weißen dieſes Landes Krieg führten. Er wurde mit 
jedem Tage verflörter. Da warb mir bange um den 
leidenden Bruder, und dad Gerz drohte mir zu zer» 
fpringen, und ich flehte zu Canondah und bat und 
beſchwor fie, ihn nicht Länger zurüdzuhalten und ihn 
zu den Seinigen gehen zu laſſen; denn ber Miko 
würde ihn, wenn er ihn gefunden, im Glauben, daß 
er ein Späher der Weißen ſey, mit dem Tomahawt 
getödtet haben.“ 

„Und weiter ?“ fragte der Squire 

«Und Canondah,« fuhr fie fort, „wollte nicht, und 
Nofa mußte droßen und fagen, fie jelbft wolle dem 
Bruder den Weg zeigen oder mit ihm im Sumpfe 
erſticken. Sie hätte wohl dieſes gekonnt, aber fie 
hätte den Pfad nicht gefunden,“ unterbrach fie fi; 
wer ift fchmal-und nur den Häuptlingen und der 
Tochter des Miko bekannt. Selbſt die Squaws wuß⸗ 
ten ihn nicht. Und Canondah gab weinend den Bitten 
Roſas nah, und dem weißen Bruder hing fie eine 
Wolldecke um und band die Mocaffins an feine Füße 


1 > 


und. den Wampumgürtel um feinen Leib, und fle 
färbte feine -Haut, um die Verfolger zu täufchen, und 
fie führte ihn über den ſchmalen Pfad auf das jen- 
feitige Ufer des zweiten Fluſſes. Es hat Canondah 
und Roſa vieles Herzeleid verurſacht; denn als der 
Milo zurück kam und er von den Weibern hörte, daß 
ein weißer Fremdling im Wigwam geweſen, wurde 
fein Angeficht finfter, wie das des reißenden Panthers; 
denn er dachte, ber Britte fey ein Späher, und fihon 
hatte fich jeine Hand erhoben, um dad Schlacht» 
meſſer in die Bruft feiner Tochter und Roſa's zu 
ftoßen ; der gute Gott hat ihn jedoch zurück gehalten. = 

„Und der Britte Hatte den Mike nicht gefehenta 
fragte der Squire. 

„Der Mike ift feiner Spur nachgeeilt; ob er ihn 
geſehen hat, weiß ich nicht.“ 

„Und was will der Miko mit den Indianern hier ?a 

n&r bat einen langen Traum gehabt, den er erfüllen 
muß, weil es ihm der große Geift geboten hat, Er 
geht mit feinem Sohne zu den mächtigen Cumanchees; 
bie Seinigen find bereits abgegangen, er ift nur mit 
Wenigen zurüd in die Niederlaffungen der Weißen. 
‚Und. ber große Häuptling der Cumanchees wollte ben 


Vater feines Weibes nicht allein. ziehen laffen.. Der 
arme Miko hat feine Tochter verloren, und Roſa hat 
ihn gleichfalls begleitet, fonft würden ja,“ fehte fie 
mit naiver Unſchuld hinzu, „feine Augen vor Jammer 
erblinden.“ J u 

Die Geſellſchaft Hatte mit Verwunderung und Růh⸗ 
rung dem einfachen Vortrage der reizenden Sprecherin 
zugehört, der allerdings für fie von größerer Wich⸗ 
tigkeit war, ald die Erzählerin ahnen mochte, indem 
fle einen Lichtſtrahl auf Pie plögliche verbächtige Er- 
fiheinung des Britten und der Indianer warf. Sp 
wenig eine ſolche Erſcheinung zu einer andern Zeit 
“ beachtet worben wäre, fo bedeutend wurde ſie im ge- 
genwärtigen Augenblide, wo die Bertheidiger bes 
Landes auf dem Punkte ftanden, nahe an zweihundert 
Meilen den Strom hinab gegen den auswärtigen 
Feind zu ziehen. Selbſt eine Eleine Horde von India⸗ 
nein mußte, mitihrer Art Krieg zu führen, nicht nur 
endloſen Jammer in den zerſtreuten Niederlaſſungen 
jenſeits des Stromes verbreiten: ein feindlicher Ueber⸗ 
fall konnte ſelbſt dem Gange des Krieges eine un⸗ 
günſtige Wendung geben, indem er natürlich die Mi⸗ 
lizen, die die Ihrigen den blutigen Tomahawks preis⸗ 


—, 3 — 


gegeben ſahen, entmuthigen, fie vielleicht gar bes 
wegen würde, Die ohnehin ſchwache Armee zu ver- 
 Iaffen, um den Ihrigen zu Gülfe zu Tommen. Die 
ungefünftelte, das .Gepräge unverfennbarer Wahrs 
heit an ſich tragende Erzählung war naher eine wahre 
Wohlthat für die beforgten Väter geworden. 

„Und warum, a fragte der Squire nach einer Welle, 
what der Narr nicht gefagt, woher er feinen Wam⸗ 
pumgürtel und Fellwamms hat ?« 

„Canondah,«“ verfehte Rofa, what ihn beim großen 
©eifte ſchwören laſſen, daß er nicht verrathen wolle, 
wo er geweſen. Der Miko fürchtet die Weißen febr, 
und er hat fich in ein Land gezogen, wo ex fie nimmer⸗ 
mehr fehen will. « 

„Ja, das iſt's!« verfeßte der Squire nach einer 
Panfe, während welcher er eingeholt, was er wäh- 
rend ber Erzählung allenfalls verfäumt haben mochte. 

Gabriele und Rofa hatten ihr Mahl geendet und 
die beiden Mädchen flogen ſchäckernd aus dem Saale. 

„Immerhin vürft Ihr nicht vergeſſen, hub wieder 
der Oberfte an, „daß, fo wenig die Wahrheit dieſes 
lieben Kindes zu bezweifeln fteht, Die. Indianer, wenn 
fie etwas im Schilde führen follten, nicht Roſa zur 


— u» 


Vertrauten gemacht haben würben. Obwohl Träume 
viel vermögend bek ihnen find, fo erfcheint dieſer weite 
Ausflug eines Traumes wegen doch immer fonberbar. 

„Mir nicht,“ entgegnete der Squire. „Sie gehen 
Taufende von Meilen, wenn ihnen ber große Geift 
im Schlafe es zuflüftert, wie fle fagen. Und dann 
müßt Ihr wohl bedenken, daß die Indianer geradezu 
auf unſre Niederlafſungen gekommen. Hätten fie 
etwas Arges im Schilde, glaubt Ihr, ſie wären den 
Atchafalaya herüber, ohne ſich umzuſehen? Und dann, 
würden ſie wohl das Kind mitgenommen haben? 
Sahet Ihr nicht, wie der Indianer plöglich alle Faſſung 
verlor, als ih ihm ankündigte, daß Ihr feine Pflege⸗ 
tochter zu Euch geladen? Konnte faum meinen Augen 
trauen, wie ich ihn fo bewegt ſah. Und ihre Klei⸗ 
dung und Geſchmeide verrathen ja offenbar, daß fie 
von ihm über Alles hoch gehalten wird. Die reichfie 
Erbin dürfte ſich nicht ihres Anzuges fehämen. 

n&ben -diefer Anzug,“ erwiederte der Oberfte, 
„macht mir-da8 Ganze um fo unerklärbarer. Woher 
kann der Indianer diefe Dinge-haben ?« 

„Ihr vergeßt,, daß er der Schwiegervater des Cu⸗ 
manchee ift, ber vor Gold flarrt; dieſe Cumanchees 


—3- 
find, Höre ich von unfern Männern, bie hinüber nach 
Santa Fee und Merico handeln, reiche Wilbe, im 
ewigen Kriege mit ben Spaniesn begriffen, von denen 
fle oft große Beute machen.“ . 

„Der Schnitt. diefer Kleider und die Faqon ihrer 
Geſchmeide ift englifch,, lieber Squire, « bemerkte die 
Dame, wund zwar im beften, neueften Geſchmacke.“ 

„Und das,“ verfeßte der Oberfte, „ift allerbings 
bedenklich. Ihr wißt, John Bull, obwohl er breit 
auf feine Taſchen fchlägt, ift Fein folder Narr fie zu 
feeren, wenn er babei nicht zehnfach gewinnen Kann. 
Das Näthfel ift fo wenig gelöst, daß es mir im Ges 
gentheil nur verwidelter vorkommt. « 

"Wir wollen bald dem Hacken einen Köder finden, 
ſprach der Squire; „ohnedem haben wir eine Zuſam⸗ 
menkunft mit den Indianern, und e8 müßte ſchlimm 
hergeben, wenn wir nicht das Wahre heraus fanden.“ 

Die Töne des Pianoforte unterbrachen das etwas 
ernft gewordene Tiſchgeſpräch. Die Gefellfchaft, als - 
ſehe fle die bezuubernde Wirkung voraus, welche bie 
Mufif auf das Naturkind hervor bringen würde, er⸗ 
hob fich von der Tafel und trat in den Saal. 

Roſa Hatte mit der naiven Neugierde eines Kindes 


—3- 


find, Höre ih von unfern Männern, die Hinüber nach 
Santa Fee und Mexico handen, reihe Wilde, im 
ewigen Kriege mit ben Spanien begriffen, von denen 
fle oft große Beute machen.“ 

„Der Schnitt diefer Kleider und bie Bagon ihrer 
Geſchmeide ift engliſch, Heber Squire,u bemerkte Die 
Dame, „und zwar im beften, neueſten Geſchmacke.“ 

„Und das, verfegte der Oberfte, „iſt allerdings 
bedenklich. Ihr wißt, John Bull, obwohl er breit 
auf feine Tafchen fehlägt, ift Fein ſolcher Narr fie zu 
leeren, wenn er babei nicht zehnfach gewinnen Tann. 
Das Näthfel ift fo wenig gelöst, daß es mir im Ge⸗ 
gentheil nur vertwidelter vorkommt.“ 

„Wir tollen bald dem Hacken einen Köber finden,“ 





20 — 

die prachtvolle Einrichtung, die herrlichen Fußteppiche, 
bie glänzend feidenen Vorhänge, bie duſtenden Roſa⸗ 
holz⸗Menbeln, die marmornen Statuen angeftumt 
und war in lieblicher Einfalt von einem Gegenſtande 
zum andern gehüpft, als Gabriele zum Pianoforte 
ſchlüpfte und einige Töne anſchlug. Dieſe horchte 
hoch auf, als die zarten Finger über die Taſten hin⸗ 
ſchwebten und eintge ergreifende Akkorde erklangen. 
Sie flog auf das Inſtrument zu und ſah hinein mit 
kindiſch naiver Einfalt, und breitete die Hände dar⸗ 
über, als wollte ſie die ſanften Töne erhaſchen und 
mit verwundertem Blicke hielt. fie es, als fürchtete 
fie ſich, fie würden entfliehen. Allmählig, als Ga⸗ 
briele nach dem ſanften Vorſpiele in die Romanze des 
Ttoubadours einſchlug, da malte ſich in ihrem Ge⸗ 
ſichte ein ſtilles, namenloſes Entzücken, ihre Augen 
begannen zu leuchten mit der Gluth unnennbarer 
Wonne, ihre ganze Geſtalt ſchien von einem elektri⸗ 
ſchen Feuer berührt. Sie umgaukelte ſich felbſt, wie 
ein lieblicher Schmetterling und, ſo wie dieſer ſeine 
zarten. Flügel, fo breitete fie ihre Hände aus, als 
wollte fie die zarten Töne umarmen; ihre Füße hoben 
ſich, fle berührte kaum mehr den Teppich, jede ihrer 


— N 
Bewegungen: war die ſchönſte Poeſie, ihr ganzes 
MWefen. Berflärung geworden... Eben mar die Geſell⸗ 
ſchaft eingetreten, al& bie Töne ihre Kraft auf das 
holde Geſchöpf zu äußern anfingen. 

Sie ſahen dem Ausdrucke der Natur mit Verwun⸗ 
derung und Staunen zu. Ein herrlicherer Tanz war 
nie gefehen worden. Zulegt flog fie, mit Tihränen 
in den Augen, überwältigt von ber füßen Sunfin 
bung, Sabrielen an den Hals. 

„Ich Bitte Dih um Gotteswillen, Schwefter, tödte 
mich nicht; ich ſterbe, meine Seele eilt davon mit den 
entzückenden Tönen. «. 

Und dann feßte fie fich Hin, und eine hrine pe perlte 
nach der andern über ihre Wangen. 

„Ach,“ lispelte fie; „wäre ein doch —R waͤre 
ich.geftorben !# — 


> 


Hennundzwanzigfies Kapitel. 
Der Bortheil iſt Dein Gott, der meine bleibt 
Gerechtigkeit, und folde Feinde fließen keine 
figere Buͤndniſſe. 
, Goͤthe. 
Das liebe Mädchen hatte innerhalb der zwei Wo⸗ 
hen, während welcher wir fie aus den Augen ver⸗ 
Ioren haben, unendlich ‚gewonnen. Sie war zuver⸗ 
fichklicher ‚natürlicher ; ihr Blick hatte ſich aufgehellt, 
ihr ganzes Weſen war felbfivertrauender, ja felbft- 
fländiger geworden. Der gänzliche Mangel an Selbſt⸗ 
ftändigfeit oder vielmehr das Gefühl ihrer gänzlichen 
SHülflofigkeit, vorzüglich aber das empörende Bes 
wußtſeyn, ſich einem Menſchen aufgeopfert zu wiffen, 
den ihr reines. Gemüth verabfheuen mußie, hatte 
ihrem ganzen frühern Wefen etwas fehmerzlih De⸗ 
müthiges, etwas Troſtloſes gegeben, das um fo 
peinlicher aufftel, als ihr dunkles Verhaltniß, ihr 
ſelbſt nicht. gang Har, ihrem ganzen Aeußern etwas 
unnatürlih Geheimnißvolles verlieh. Mit dem Auf- 
hören dieſes unnatürlichen Verhältniſſes zum See⸗ 


+9 


räuber hatte ſich nun ihr niedergedrücktes Gemüth 
nicht nur aufgerichtet, fonbern die ſchreckliche Gata- 
fieophe, welche die Wilden und vorzüglich den Miko 
getroffen, hatte auch ihre Lage auf eine Art geändert, 
die, fo ſchmerzlich fie das jammervolle Enbe ihrer 
Freundin noch immer empfand, nichts deſto weniger 
einen vortheilhaften Einfluß auf fie äußern mußte. 
Der durch den Tod der Seinigen in ftumpfe Bewußt- 
loſigkeit verſunkene Miko Hatte Vieles von dem ihm 
eigenthünilichen herrifch flarren unbeugfamen Shen 
verloren und war nun gewiſſermaßen felbft in jene 
Hülflofigkeit verſunken, die, wie es fehlen, in ihr 
und ihrem reinen Eindlihen Gemüthe allein Troſt, 
Stüße und Labung fand. Nur fe war im Stande 
geivefen, ihn zumeilen aufzuhellen; feine erſtarrte 
"Seele, fehlen es, fand es für nöthig, fih an fie zu 
halten und ſich zuweilen zu fonnen an ben Erinne- 
rungen verflofiener Tage. Dieſe allmählige Aner- 
kennung einerfeits, fo wie die zarte Aufmerkſamkeit 
des jungen Häuptlings andererfeitö, hatte das eble, 
reine, ſich ſelbſt vergeffende und nur-im-Wohle An- 
derer lebende Gemüth auf den Fittichen der Liebe 


0 
emporgehoben: und ihr allmaͤhlig eine höhere Veto: 
nung gegeben. Sie war noch immer Kind, eine zarte 
unſchuldige Seele; aber die Cataſtrophe war der 
Prüfftein ihres Lebens geworden, dem fie nun eine 
höhere Richtung gab. Die höhere Würde ver zarten 
Jungfrau fing an, ſich in ihr zu regen. 

Und die Wechfelwirkung dieſes erhebenden Gefüh- 
les war allmählig in einer Art von Herrſchaft be⸗ 
merkbar geworden, der ſich willig zu unterziehen ihre 
Umgebungen einen beſondern Reiz zu finden ſchienen; 
eine Erſcheinung, die vielleicht eben ſo ſehr durch die 
bezaubernde Anmuth des Maͤdchens als die felbft 
von dem ſtolzeſten Indianer der weißen Race gewiſſer⸗ 
maßen nothgedrungen zugeſtandene Ueberlegenheit zu 
erklären geweſen ſeyn dürfte. Selbſt der Miko hatte 
ſich in den lehtern Tagen einer ſcheuen Ehrerbietigkeit 
nicht erwehren können. El Sol ſchien ſie als ein 
Weſen hoͤherer Art zu betrachten und nahte fich ihr 
mit einer Schuͤchternheit, einer Zartheit, die vielleicht 
den gebildetſten Damentitter befehämt haben würde. 
Auf dem ganzen Wege hatte er fo zu fagen mit freu= 
diger Furcht ihre Teifeften Wünfche erfüllt, mit der 
zarteften Sorgfalt jeden Schritt ihres Pferdes be⸗ 


— 1 ⸗— 


wacht, jeden Wink ihrer Augen abgeſehen und bei⸗ 
nahe nur in ihrem Dienfte gelebt. So wie dieſe An⸗ 
erfennung ihres fittlichen Werthes auf ihren Geift, 
fo Hatten die Zerfireuung auf der langen Reiſe, die 
abwechfelnd prachtvollen Naturfcenen und die reinen 
Lüfte der grenzenlofen Wieſen der Attacapas und 
Opeloufad, auf ihren Körper gewirkt und ihr eine 
Lebhaftigkeit, eine Friſche verliehen, die ihrer herr⸗ 
lichen Zuftgeflalt ungemein wohldtanden: 

Man Eonnte faum etwad Nührenderes fehen, ale 
dieſes anmuthsvolle Weſen, wie fle dem erflarrten 
Wilden füß fehmeichelte und ihn durch die zarteften 
unfehuldigften Liebfofungen zu neuem Leben zu er⸗ 
wecken ſich bemühte. Allmählig war es ihren unaus⸗ 
gefeßten Bemühungen auch gelungen, den alten Mann 
wieder zu einigem Bewußtfeyn zurüdzubringen. Nur 
erichien niit biefem auch eine gewifle Beklommenheit, 
eine Aengftlichkeit, die in demfelben Maße zunahm, 
als er fi den Niederlaffungen der Weißen näherte. 
Mit jedem Schritte, den ber kleine Zug vorwärts 
that, wurde nämlich die Miene des alten Häuptlings 
groflender, feine Ungeduld flärfer; fein Stumpfſinn 
ſchien ihn nur zu verlaffen, um einer keifenden, zank⸗ 


— 2 


fühligen Laune Plag zu machen. Als fähe er die 
Demttbigungen voraus, die er von den Welpen zu 
erwarten babe, verfuchte er ſich zuvor gegen fie zu 
flöhlen und zu ermuthigen. Stunden lang war er im 
zankenden grollenden Selbftgefpräche begriffen, in dem 
er den. Weißen Neden in den Mund legte, um fie mit 
Trotz und Hohn zu beantworten. 

So waren’ fie. auf demſelben Wege, den der India⸗ 
ner den Britten geführt, nämlich auf dem Pfade der 
Coshattaes dem Atchafalaya zugeritten, den Miko 
und ſeine Oconees ausgenommen, die, getreu der 
Sitte ihres Stammes, neben den Pferden einher⸗ 
ſchritten. Oberhalb Opelouſas am Atchafalaya an⸗ 
gekommen, hatten ſie Dieſe mit den Pawnees zurück⸗ 
geſandt, und angefangen ein Rindecanoe zu bauen, 
als ſie in dieſer Beſchäftigung von zweien der vom 
Magiſtrate von Opelouſas ausgeſandten Männer 
entdeckt und bald darauf von einer kleinen Abtheilung 
Milizen überraſcht und zu Gefangenen gemacht 
wurden. 

Obwohl die Indianer weder Widerſtand noch Flucht 
verſuchten und ihr Boot gelaſſen vollendeten, ſo hatte 
die ſtarre herriſche Art, mit der man ſie aufforderte 


|) 33 6 


unverzüglich zu folgen, und die gehäffigen mißtrauis 
ſchen Blicke, mit denen fie gemeſſen wurden, ihren 
Stolz fo empfindlich gefränft, daß, ohne bed Miko 
eindringliche Bitten, wahrſcheinlich ein Kampf daraus 
entftanden wäre. Als fürchtete er nun jede Berüh⸗ 
rung mit feinen troßgigen Erbfeinden, hatte ex fich 
ſchnell an die Seite feiner Pflegetochter zurückgezogen, 
die, in eine Wolldecke gehüllt, auf einem Baumſtamme 
gefefien war: Noch ſprach fie freundlich mit dem alten 
Manne, ald EI Sol kam, um fie in das Boot zu 
führen. Die Wolldecke war ihr zum Theil in der 
Bewegung entfallen, als fie auf das Fahrzeug zutrat. 
Der Anblid des weißen reich gekleideten Mädchens, das 
freundlich und froh fich mit dem alten Indianer unter 
bielt, hatte in den Binterwälblern eine Umwandlung 
hervorgebracht, Die, wäre fie durch einen Zauber- 
flag bewirkt worden, nicht plöglicher oder. größer 
‚hätte feyn können. Ihr rauhes gebieterifches Weſen 
war auf einmal der zuvorfommendften Aufmerkfamfeit 
gewichen. Alle waren zurückgetreten, als ſich ihnen 
das Mädchen grüßend nahte, ihr Führer hatte artig 
feine Sand angeboten, um ihr beim Einfteigen zu 
helfen, war aber vom Qumancheehäuptlinge zurück⸗ 
Der Legitime, IIL 3 


— 4 & 


geftoßen worden. Selhfi dieſe Beleidigung ertrug der 
Befehls haber zur nicht geringen Verwunderung des 
Miko, dem, obgleich ſcheinbar ſtarr und in ſich ver⸗ 
ſunken, keine Bewegung ſeiner Feinde entgangen war. 
Während. der ganzen Ueberfahrt, waren fie mit einer 
Schonung. von den Weißen behandelt worden, bie 
gegen das barjche, herrifche Benehmen bei dem Ueber⸗ 
falle zu ſehr abſtach, um nicht au) EL Sol aufmerf- 
fam zu madıen. 

Im Depot. angekommen, waren fie zwar im Wacht⸗ 
hauſe eingebracht worden, der Führer der Abtheilung 
nahte ſich jedoch ehrerbietig dem Mädchen und bat fie, 
einſtweilen ſeine Begleitung in den Gaſthof anzuneh⸗ 
men. Sie ſchlug dieſes freundlich aus und blieb mit den 
Indianern in der Stube, wo ſie endlich durch die 
Ankunft der Offiziere aus ihrem Zweifel geriſſen 
wurden, von. denen ber Falfenbii des Squire den 
Miko fogleich erkannte. Auch Diefer hatte den von 
ihm nicht weniger als billig behandelten Zwiſchen⸗ 
händler herausgefunden, und ſich zuckend aufgerichtet, 
als er feine Anrede begann. Da trat aus dem Hinter⸗ 
grunde Roſa hervor, und, aus der Wolldecke ſchlü— 
pfend, warf fte fig) dem erftaunten Sau um den 


Hals, der kaum feinen Augen trauend fie ſtarr an⸗ 
ſchaute, bis fie, ihm endlich mit den Worten: » Deine 
Rofa,« fein Pflegefind ind Gedaͤchtniß zurückrief. 
Da umſchlang aud) er fie mit einer Herzlichkeit, bie 
ihn für eine geraume Weile Alles vergeflen machte. . 

Die ausgezeichnete Achtung, mit ber ach die übri⸗ 
gen Offiziere das liebliche Kind empfingen, die kurze 
ernfte Unterrebung,,. die fie mit einander hielten und 
die mildere Anrede des Squire, daß er glaube, To» 
keah fey in Friede und Sreundfhaft gefommen, fo 
wie der Umfland, daß fie fogleih aus dem Wacht⸗ 
hauſe in den Gafthof geführt und dem Wirthe als 
Säfte der Regierung zur beſtmöglichen Sorgfalt 
‚überantwortet wurden, diefe Umftände Elärten endlich 
den im langen Verkehr mit ‚feinen Beinden mit den 
verſchiedenen Behandlungsarten, die fie feiner Race 
angebeihen ließen, wohl befannten Mifo allmählig 
über bie plötzliche Sinnesänderung der gefürchteten 
Welpen auf. Diefe Sinnesänderung hatte natürlid) 
eben fo fehr in dem achtungsvollen Benehmen des 
Amerifanerd gegen das weibliche Geſchlecht über⸗ 
haupt, als ber Vorausſetzung insbeſondere ſeinen 
Grund, daß Indianer, die in einer ſolchen Begleitung 

3* 


ur 


erſcheinen, nicht feindfelige Abfichten im Schilde füh- 
. zen Eonnten. Dem alten Manne, der ſich ſchon auf 
Kränkungen und Demüthigung aller Art gefaßt ge⸗ 
macht hatte, that dieſer Sonnenftrahl in feinem fin- 
ſtern Geſchicke wohl... Der gebeugte, gebrochene, 
unter der. Laft ſeines Schickſals erliegende Häuptling. 
war ſchwach geworden; er fühlte zu feinem bittern 
Schmerze, daß er nicht mehr bie Kraft. habe, dem 
Veinde, der ihn, in feiner Jugend und Mannesalter 
zermalmt hatte, entgegen zu treten. Die Großmuth 
kam ihm Daher wie lindernder Balfam auf feine tödt⸗ 
lich eiternde Wunde. . 

Sp, war- e8 denn natürlich, Daß er ſich von ihr, 
bie er num für feinen Schußgeift anfah, mit Kummer 
und Schmerzen trennte, und nur bie Verficherung bed 
Squire, daß er für Roſa hafte und fie ihm nicht ent» 
riffen werden folle, Eonnte ihn bewegen, fie mit dem 
Oberften gehen zu laſſen, der ſie ehrerbietig in fein 
Haus geladen hatte. Als fie aber ſchied, da verließ 
ben ſtarren Wilden feine Faſſung auf eine unbegreif⸗ 
liche Weile: Er ſtarrte ihr ins Geſicht, als wollte 
er ſie ſich recht ins Gedãchtniß prägen, damit fie ihm 
nicht verwechfelt würde. Er umfaßte fle, feine Stimme 


171 — 


findte, als er feine Hand auf ihr Haupt legte und ſie 
fegnete. 
Noch rannte er ihr nad, als fie fhon aus ber 
<hüre war, umfihlang ſie wieder und ſegnete fie 
nochmals. Der junge Haupiling bezeugte Ihr feine 
Ehrerbietung auf eine bei dem folgen Indianet nicht _ 
minder feltene Welfe. Er begleitete fie mit dem 
Oconeemädchen, welches ihren Kleiderbündel trug; 
und feinen beiden Männern bi8 an die Thürfchwelle.' 
„Die Weißen beugen fi) vor Roſa,« flüfterte er ihr 
mit wehmüthig hohler Stimme zu: „ihr Bruder 
ftirbt für fle; und, fein Haupt auf feine Bruft neigend, 
ſchwieg er eine Welle, und dann fehleb er: Nach ber 
Trennung von Roſa fielen die beiden Häuptlinge in 
ihr voriges büfteres, ſtarres, brütendes Schweigen, 
aus dem fie nur durch die Trommeln geweckt wurden, 
die das Zeichen zur Vereinigung der Truppen gaben. 
Der Anblick der Milizen, die, Beiläufig taufend 
Mann ftarf, fih nun in zwei Bataillone aufftellten, 
regte in dem Wilden plöglih all den Haß auf, der 
fein ganzes Leben fo unnennbar unfelig gemacht Hatte. 
Mit ftarrem Staunen, halb mit Entſetzen, folgte er 
jeder Bewegung, jedem Schritte der Truppen mit 


— ⸗— | 
einer Aufinerkfamfeit, in der ein unfäglich bitteres 
Gefuͤhl fi fpiegelte. Die Mannſchaft von Opelou⸗ 
ſas, die von den Offizieren eingetheilt wurdo, ſchien 
ihn weniger zu intereſſtren, vieleicht weil er ſich be⸗ 
wußt war, Daß auch er.mit feinen Oconees gegen den 
regellofen Ungeflümm des noch ungeorbneten ſchwan⸗ 
Tenden Saufen® mit Erfolg ſtreiten Eönnte.. Als aber 
das geſchloſſene Corps des vom Oberſten komman⸗ 
dirten Bataillons ſeine verſchiedenen Evolutionen 
auszufuͤhren begann, da überzog ſich das Geſicht des 
alten Mannes mit einem grauenhaften Ausdrucke von 
Jammer, Bitterkeit und Groll. 

#Sieht mein Sohn,» ſprach er mit leiſer zitternder 
Stimme im Pawneedialekte, als fürchte er, feine 
Zeinde würden das von ihm ausgeſprochene zwei⸗ 
beutige Lob hören, „ſieht mein Sohn, wie die Weißen 
ſchlau find. Die rothen Männer werden nimmer den 
Tomahawk in ihrem Blute färben; fie find unbändig 
und flolz, wie der Büffelftier, aber wenn fie das 
Kriegögefchrei erheben, fo werden’ fie zuhm und 
folgen nicht Einem Führer‘, wie die rothen Männer, 
fondern vielen‘, Die Alle unter Einem find. « 

„Und treten’fo, wie die Herde den Jäger, bie rothen 


30 ⸗— 


Männer lachend nieder;“ erwiederte EI Sol eben. ſo 
leiſe, ohne von den Bewegungen der Truppen, die 
nun im Sturmſchritte auf ſie zukamen, ein Auge zu 
verwenden. 

„Tokeah,« ſprach er nach einer langen Pauſe, „hat 
oft mit ſeiner Seele geſprochen, woher es kommt, 
daß der weiße Mann ſo trotzig und wieder ſo ſolgſam 
iſt. Die rothen Männer find bloß trotzig; ihnen 
wird nie geholfen werben. « 

„Warum,“ ſprach er wieber nad) einer viertels 
flündigen Pauſe, „find doch die rothen Männer blind 
gemacht vom großen Geiſte? Warum verhülltt er fett 
vielen Sommern fein Antlig?« 

„Im Leben des vothen Volkes iſt der große Geiſt 
nicht; er iſt ihnen zum Stiefvater in ihren? eigenen 
Lande geworben; fie müſſen fluchen dem Leben, das 
er ihnen gegeben hat. « 

„Mein Bater fpricht Worte der Finfterniß, ver⸗ 
wies ihm El Sol; „das Antlik des großen Gelftes 
wird fih ummörfen.« - 

Es Hat ſich ſchon umwölkt. Er mag den Donner 
aus feiner Wolfe fhleubern; Tokeah wird ihn ſegnen.“ 

Der junge Häuptling trat entfegt zurüd. 


4 


„Say der. große Geift,“. ſprach der mit fi) zer⸗ 
fallene Alte, „iſt wie ein fehönes Weib, er liebt bie 
glatte Haut der weißen jüngern Söhne, die ältern 
bat er verftoßen; ſie verſchwinden von der Erde — 
von dem Erbiheile ihrer Väter, er bläst ſie mit feinen 
Minden zur See gegen Sonnenuntergang. Wenn 
fie jenfeitö der Belfenberge angekommen ſeyn werben, 
fo braucht er fie nicht in das Salzwaſſer hinein zur 
ſtoßen, es wird ihrer Keiner mehr da ſeyn.“ 

„Läſtere den großen: Geiſt nicht, alter Man's 
rief ihm EI Sol drohend zu. 

„Räftern?u wiederholte der mit feinen Shicſale 
hadernde Indianer, „bat Tokeah geläſtert, iſt nicht 
fein ganzes Leben eine Läſterung des großen Geiſtes? 
Warum,“ murmelte er mit erboster Stimme, „warum: 
verfolgt er Tokeah und fein Volk von ihrer Geburt 
an? Was haben fie verbroden?: Warum fchlägt.er 
fie? :Hat Tokeah Böfes gethan?. Warum züchtigt 
er feine Kinder? Warum, hat ex feinen Feinden die 
Schlauheit des rothen Hundes, die Stärke des. Büf-- 
fels, den rothen Männern die Blinpheit der. Eule ge⸗ 
geben, die beim hellen Tage im Finſtern tappt ?« 

„Die rothen Männer werben helle ſehen und wieber 


— Hk 


zum Leber erwachen in Senorars und. Senowhares 
Gefilden; der Seher Blackeagle bat es verkimbet ;« 
tröftete ihn EI Sol. 

Ein Soffnungsfhimmer. durchzuckte das Angeſicht 
bed alten Mannes: „mein Sohn hat Recht,“ ſprach 
er, und wieder verfiel er in fein voriges Dahinſtarren. 

- In dieſen büftern Ausbrüchen waren Stunden’ ver= 
gangen; Taum daß ihn Die Seinigen vermochten, an 
dem reichlihen Mahle Theil zu nehmen, das ihm bie 
Gaftlichfeit der Weißen bereitet hatte. Als wolle er 
fi recht felbft quälen durch den Anblick dieſer ges 
haften Weißen und ihre Lieberlegenheit in Anzahl 
und Kriegsübung, fo war er hinausgeeilt, hatte fie 
einige Zeit angeftarrt und war wieder troftlofer zurück⸗ 
gelehrt, um badfelbe in eines. halben Stunde wieder 
zu thun. ' . 

Als endlich. das Bataillon entlaffen worden mar, 
und die Oberoffiziere fich dem Gaſthofe näherten und in 
den Saal traten, in welchem nun auf) bie Indianer, 
eingeführt wurden, ſah ihnen her alte Mann mit einer 
Sehnſucht entgegen, die den Offizieren, die mit feinen 
ſchrecklichen Gemüthezuftande natürlich wenig ober 
gar nicht bekannt waren, aufflel und natürlich beitrug, 


4 0 
eine gewifſe vertrauungsvolle Stimmung zwiſchen den 
beiden Parteien zu erzeugen. Als die Offiziere Platz 
genommen hatten, ließen ſich auch die Indianer auf 
ihre gewöhnliche Weiſe auf den mit Teppichen beleg⸗ 
ten Fußboden nieder, indem ſie, auf ihren Stchenkeln 
figend , ihre Beine in einander Freuzten. | 

„Wünſchen meine rothen Brüder mit der Zunge 
der rothen Männer zu fprechen, oder wollen fie ihre 
Botſchaft mit der der Weißen verkünden? fragte der: 
Squire. 

„Der Miko der Oconees iſt ferne von den Seini⸗ 
gen, und ſeine Augen ſehen viele Weiße; er will mit 
der Zunge der Weißen reden, verſetzte der alte Mann 
nad) einer Pauſe. W 
Unſere Männer,“ ſo Hub der General an, „haben 
die. Bußftapfen ihrer rothen Brüder gefehen, ehe fie 


das Canoe beftiegen, um an den großen Fluß zu ges 


Yangen; fle haben Diefes unferem Bruber, dem Häupt⸗ 
ling Coyeland, berichtet, und er bat die rothen Maͤn⸗ 
ner hieher führen laſſen, damit ihre weißen Brüder 
erfahren, weßhalb fie gefommen find, und ob fie 
ihrer Hülfe bedürfen ?« 

Der General fprach diefe Worte in einem zutrau⸗ 


— 88 


Ud würbenollen Tone, der augenſcheinlich berechnet 
war, die Indianer in guter Stimmung zu erhalten. 
Ein unmerklich bitteres Lächeln hatte den Mund des 
Streifen während derſelben verzogen. Nach der ge⸗ 
wöhnlichen Pauſe erwiederte er: 

„Tokeah hat viele Sommer geſehen, und in der 
Hälfte derſelben iſt er, ein freier und gewaltiger Miko, 
vom Deonee bis zum endloſen Fluſſe gegangen, ohne 
daß ihm Schlingen gelegt worden wären. Warum 
Darf der Mifo mit den Seinigen nicht frei gehen, wo⸗ 
hin er will? Sind die weißen Männer fo furchtſam 
geworden, daß die Schatten von ſechs rothen Män- 
nern und zwei Mädchen fie erſchrecken?“ 

"Daß die weißen Männer ihre rothen Brüder nicht 
fürchten, weiß der Miko am beſten, « verfeßte der 
General; „auch iſt er eingu großer Häuptling, um 
nicht auch zu wiffen, daß, wenn man den Tomahawk 
ausgegraben hat, die Augen offen ſeyn müffen, um 
Diejenigen zu zählen, die fi} dem Lager nähern.“ 

"Hat der weiße Häuptling je den Tomahawk gegen 
die rothen Männer erhoben?“ fragte der Indtaner 
nach einer Weile. \ 

nRein, aber gegen die Söhne bes großen. Vaters 


M — 
der Canadas. Ich bin der Befehlshaber dieſer ach⸗ 
tungswerthen Männer, die in vielen Sdlachin ge⸗ 
kämpft Haben.“ - 

„Sp fmge der weiße Häuptling feine Brüder,“ 
verſetzte der Indianer nach einer langen Pauſe, „und 
fie werden ihm ſagen, daß die rothen Männer nicht 
mit ihren Squaws gehen, um das Schlachtgeſchrei 
zu, erheben. Der Miko ift mit. feinem Sohne, dem 
mächtigen SHäuptlinge ber Cumanchees, im Frieden 
gekommen. Tokeah ift alt geworben; ſebte e er be⸗ 
deutſam hinzu. 

„Und die weißen Männer ſtrecken dem alt gewor⸗ 
denen Miko und ſeinen Brüdern die Palmen ihrer 
Hände zum Friedenszeichen entgegen;“ erwiederte ber’ 
General. „Aber die rothen Männer find klug,“ fuhr 
er nach einer Heinen Paufe fort, „und. fie lieben ihre 
Bigwans und Sagdgründe fehr. Warum haben ſie 

einen fo weiten Weg gemacht?“ 

De. Indianer fah den Sprecher eine Weile for⸗ 
fhend an. „Wenn ber große Vater etwas mit ferner 
Seele rebet, behält er es nicht für fih?« 

„Der große Vater ift im feinem Land, und bie 
Seinigen fehen feine Wege; aber der Miko, frägt er 


4 
nicht auch den Fremdling, den er in ſeinem Wigwam 
findet?“ antwortete der General. 

Sf Tokeah ein Fremdling im Lande ferner Väter? « 
fragte der Wilde mit unfäglic wehmüthiger Bitter» 
feit. „Ja, er iſt's, er hat bexeitö feit vielen Soms 
mern nicht mehr dein Tomahawk gegen feine weißen 
Beinde erhoben. Er hat ihn begraben und er ift roftig 
geworden. Er iſt -auf breitem Pfade gekommen, 
nicht wie ein Dieb; aber er ift ein Fremdling in ſei⸗ 
nem Lande geworden.“ 

„Aber bie rothen Männer find keine Thoren, die 
nicht wiſſen, was ſie thun. Hat nicht der Vater der 
Canadas Tokeah durch ſeinen Boten etwas ins Ohr 
flüſtern laſſen?“ fragte der General, der vielleicht 
mit Vorbedacht die we hmüthige Stimmung, des In⸗ 
dianers nicht berückfichtigte. 

Dieſer wurde aufmerkſam. 

„Iſt der Sohn des großen Vaters der Canadas 
bei-meinen weißen’ Brüdern geweſen?“ 

„Er iſt aufgefangen von den Unfrigen und einge- 
bracht worben;“ erwieberte ber General. . 

Es erfolgte eine lange Paufe, während weldjer die 


4 ⸗ 
beiden Sprecher ih zum ausholenden Weitſtreiue 
vorzubereiten ſchienen. 

„Und 'die weißen Männer haben den Sohn des 
großen Vaters der Canadas ergriffen und Ieigemmın- 
men?“ fragte der. Indianer. 

„So haben wir;« war die Antwort. 

„Und was haben die Häuptlinge der werben Man⸗ 
ner beſchloſſen?“ 

„Was thun bie rothen Männer mit Denimign, 
die fle als Späher einfangen?“ 

„Und tft der junge Sohn des großen Vaters der 

Canadas ald Späher zu den weißen Plännern ge- 
fommen?« fragte der Indianer kopfſchüttelnd. 
Er kam von Tokeah, dem Häuptlinge der Oco- 
need; « Tprad) der General mit plöglich ſtarker Stimme. 
. Sat mein ‘weißer Bruder gejagt, daB er von 
Tokeah kommt?« fragte Diefer in bemſelben 1 falten. 
unbewegten Tone. 

„Glaubt Tokeah, daß die weißen Männer nicht 
Augen baben,,um zu feben, wenn auch die Zunge 
ſchweigt? Sie wiflen, ihre Keinde von ihren Freunden 
zu unterfheiden. Wenn die rothen Männer ihre 
Tomahawks ‘gegen und erheben wollen, fo mögen 


—1- 


fie diefes thun, wir werben ihnen zu begegnen wiſſen; 
wenn fie ſich aber wie bie Hunde vom Jäger aufs 
Wild hegen laſſen, dann müffen fie zufrieden feyn, 
wenn fie als ſolche todtgeſchlagen merden. « 

„Und glaubt der weiße Häuptling,“ fiel der Miko 
ſchnell ein, „daß Tokeah Thor genug fey, ſich wie 
ein Hund von einem Mädchen been zu laſſen, um 
ihr das Wild für ihren Keffel zu fangen? ‚Dex weiße 
Häuptling hat wenig von Tofeah gehört. ge: 

„Der große Vater der Canadas ift ſchlau,“ ver⸗ 
ſetzte der General; wer ſchickt zuweilen auch Maͤdchen, 
weil er weiß, daß die rothen Männer die zarten wei⸗ 
Ben Geſichter lieben.“ 

„Tokeah iſt ein Mann, ein Häuptling, u ſprach 
der Indianer, „der der. zarten Geſichter lacht. Der 
weiße Häuptling mag die weiße Roſa fragen. Sie 
iſt es, die den Sohn des großen Vaters der Canadas 
ind Wigwam geführt, mit Einer, die nicht mehr iſt.“ 
Hier ſtockte feine Stimme und er hielt plöglich inne; 
er ermannte ſich jedoch und fuhr fort: „Ei tft aus 
der Schlinge des Seeräubers entwifcht, und Tokeah 
bat ihn erſt gefeben, als er jenfeit des zweiten Fluſ⸗ 


48 


fes war: Dann bat er ihm Einen.ſeiner Männer ge⸗ 
geben, um ihn zu ven Seinigen zu bringen · 

„Der Miko der Oconees würde dieß nicht mit 
Einem der Unſrigen gethan haben. Der Duo iſt viel 
zu gütig gegen unfere Feinde;“ verfeßte der General. 

„Tokeah hat gethan, wad feine Väter auch mit 
den Vätern der weißen Männer gethan haben, Die 
friedlich in ihre Wigwams famen und wieber gingen. 
Ewmlegi nur feinen Feinden Falftride. 

„Wir zweifeln nicht an Eurer Freundſchaft für Die 
Söhne des fogenannten großen Vaters der Canadas; 
auch haben wir- nichts. Dagegen, wenn Ihr von ihm 
Geſchenke anniehint. Aber vergeßt dabei nicht, daß 
wenn der große Vater der Canadas Euch Glasperlen 
gibt, er dafür die Köpfe Eurer jungen. Männer 
ninımt. « 

„Tokeah fpottet der Gleperlen der Weißen. 

n Aber er nimmt ſie für ſeine Kinder, # verfeßte der 
General, „und er liebt, das gelbe Metal an ihnen 
. glänzen zu fehen.« 

' Der Indianer, der nach feiner jedesmaligen Rede 
wieder ſeinen Kopf auf die Bruſt geſenkt hatte, 
fuhr bei diefen Worten unwillig auf. 


— WM 


nDer weiße Häuptling mag feinen Bruder fragen ;« 
entgegnete er, aufden Squire deutend. „Es iſt fett 
geworben von den Biber» und Hirſchfellen, die ihm 
die rothen Männer für Beuerwafler gebracht haben, 
und er wird ihm fagen, wie man das glänzende 
Metall gewinnt.. Die weiße Roſe iſt Die Tochter des 
Miko und er hat viele Biberhäute und Bärenhäute 
gefammelt, und feine Tochter Canondah Hateviele 
Calabaſſen Yeuerwaflers gebrannt, um bie Augen 
ber weißen Roſe in Freude leuchten zu machen. To⸗ 
keah würde das glänzende Metall des großen Vaters 
der Canadas mit dem Buße wegftoßen. « 

„Und warum hat die Tochter Tokeahs dem Sohne 
des Vaters der Kanadas den Mund verfhloffen?« 

„Tokeah felbft hat ‚feine Zunge gebunden; ent» 
gegnete ber Indianer. 

„Und warum hat der Säuptlng dieſes gethan? 
Sind die Oconees Diebe geworden, die das Tages⸗ 
licht jcheuen?« on . 

n&iebt mein Bruber, das, was ihm cheuer iſt, die 
Diebe ſehen zu laſſen? Die Oconees verſtecken ihre 
Wigwams nicht vor den weißen Männern, aber vor 

Der Legitime. HL . "4 


— 50 — 


ihren Dieben, die kommen, um ihnen ihr Vieh und 
ihr Korn zu ftehlen. ‘Sie wollen Frieden.“ 

„Und Tokeah if zurüdgefommen, um fein Volt 
zu fehen?« fragte der General. 

Der Häuptling fehüttelte das Haupt. „Der Mito 
kennt die Muscogees nicht mehr. Er iſt gekommen 
in Frieden, weil der große Geiſt ihm in die Ohren 
gefliftert hat.. Wenn er gethan, was er befohlen 
hat, dann wird er dahin gehen, wohln ihn Keiner 
der Weißen mehr fehen wird.“ 

Der General und die Offiziere ſchienen mit den 
Aufklärungen, die ihnen der TalE*) gegeben hatte, 
zufrieden zu feyn.. Site befprachen fich noch eine Weile 
unter einander, und dann ſchloß der Erſtere die Zu⸗ 
fammenfunft mit den Worten: „Meine rothen Brü⸗ 
der find willkommen in den Wigwams der weißen 
Männer, and Diefe werden forgen, baß fie Ueberfluß 
an Feuerwaſſer und Wildpret haben. Aber fie werben 
warten in dem Wigwam, in dem fie find, bi der 
große Bater don Ihrer Ankunft benachrichtigt ift. Der 
Mike weiß, daß er. gerecht ift, und daß Er und feine 


*) Unterrevung. — Berhaublung. 


61 ⸗— 


Kinder nichts zu fuͤrchten haben, wenn fie in Sricben 
gekommen ſind 7 

„Gut; « erwieberte der Indianer. 

Beide Parteien erhoben fih nun, und, nachdem fie 
fi würdevoll die Hand gereicht hatten, trennten fie 
fi. Die Indianer Tehrten in ihre Stube zurüd und 
die Offiziere, mit Ausnahme des Capitains, blieben 
im Saale, ber fich ſchnell zum.abermaligen Meeting 
zu füllen begann. 


Dreißigfies Kapitel. 

Ihn, feinen Werth, wie ſehr wir ibn bes 

dürfen, habt Ihr recht wohl getroffen. 

Shabkes peair e. 

„Willkommen, Capitain!“ ſprach die Frau des 
Oberſten, als Dieſer im drawing room eintrat. 
„Setzen Sie ſich, die Kinder ſind oben. Sie haben 
uns ein herrliches Chriſtgeſchenk in dem lieben Engel 
gebracht. Es kömmt mir immer vor, als waͤre ſie 
der Bote des Sieges, der Engel des Friedens und 
eine-gute Vorbedeutung für bie Unſrigen, die morgen 
gegen den Feind ziehen. Wit haben den ganzen Nach⸗ 

4° 





—+9- 

mittag mit ihr geweint, als fie und ihr Schönes Leben 
und den Tod der Tochter des Miko erzählte. So ein 
Herrlich demüthiges, in Liebe erquillendes Gemüth! 
Sie müſſen dieſem Miko alles Gute erweifen; er muß 
ſehr unglücklich ſeyn. Sie haben eine Unterrebung 
gehabt? Ich ſchloß es aus Wrem langen Ausblei- 
ben.“ 

_ Der Capitain hatte fidh nachläffig aufs Sopha hin- 
geworfen und fuhr mit ber Sand unmuthig durch bie 
ſchwarzen Locken. „Ein troſtlos zerrüttetes Gemüth, « 
ſprach er, „in dem nur eine Leidenſchaft noch brennt, 
Haß, glühend verzehrender Haß gegen Ale, was 
amerikaniſch ift, der ſich in jever Miene, jedem Worte, 
jeder Muster ausbrüdt. Hat aber wahrlich Urſache 
dieſe Hinterwaͤldler ſind ein Tepfüdtige, fleifes, 
Rarıes, rauhes Volk.⸗ 

Die Dame ſchuͤttelte den Kopf. „Capitain! Sie 
ſehen mit den Augen des Voruttheiles. Sie fũhlen 
fich unbehaglich:⸗ 

nUnbehaglich!u rief der Capitain, Bitter lachend. 
AS ih heute vortrat, der Major ſprach noch mit 
den Stabsoffizieren des andern Bataillons, da kehrte 


wir Die ganze- Rotte den Rüden. Es in zum raſend 
werden.“ 

Der Offtzier ſprang auf und lief nahneknirſhend 
durch den Salon. 

„Und Sie?” fragte die Dame. 

„Was würden Sie, theure Mutter, in meinem 
Balle nach einer ſolchen Affronte gethan haben? 

"Würde. die Männer ernft, aber vertrauensvoll 
gefragt haben, was ſie mit ihrem Betragen meinen. 
— Und was that der Major? 

„Rauchte dann und trank und ftolperte mit ihnen 
den ganzen Tag herum; « erwieberte ber Gapitain. 
„Ich ließ fie ftehen und ging auf meine Stube. « 

nGapitain Percy!« ſprach die Dame ernfthaft, 
„man hat ſchon geftern, ober vielmehr heute Mor⸗ 
gen, ihr Betragen ehr fonderbar gefunden, daß 
Sie als Militär es wagen fonnten, die Volksverhand⸗ 
lungen zu unterbrechen. 

Der Eapitain wurde feuerroth. „Wagen, ihre 
Volksverhandlungen zu unterhrechen. Beim Himmel! 
ſie verdienten Alle, vor's Kriegsgericht geſtellt zu wer⸗ 
ben. Der Gefangene entwiſcht, er konnie feine Stunde 
fort ſeyn. Ich eife,..ich renne; ich befehle den Män- 


—2.5 eo» 


nern, ich bitte, ich beſchwöre den General. „Nur zwan⸗ 
‚zig Dann. — Da ftehen fie mit offenen Ohren, Au⸗ 
gen und Mäulern, ohne ein Glied zu bewegen, um 
anzuhören, was taufenbmal bereits in-allen unfern 
Countyzeitungen geftanben.“ 

„Aber, Tieber Gapitain, was geht das Sie an, 
wenn das Volk es feinem Interefje gemäß findet, ſich 
zu berathen? Und Ste haben fehr unamerikaniſche 
Worte geſprochen. Sie gehen-von Mund zu Munde. « 

nDefto befler. Ste mögen wiſſen, was man von 
ihnen denkt.“ 

Die Oberſtin ſchüttelte den Kopf. „Und Ste ver- 
meſſen fich, gegen den millionarmigen Rieſen, Volks⸗ 
geiſt genannt, Ihre Stimme zu erheben und den 
Bürgern mehrerer Counties Trotz zu bieten!“ 

Ich bin nicht worte, ich bin Linientruppencapi⸗ 
tain.“ 

„Und. Wem gehören Diefe Linientruppen?« fragte 
bie Dame. „Und dann ‚“ fuhr fie fort, „Diefer Un⸗ 
friebe, biefer Hader in der gegenwärtigen, ſchwer 
bedrängten Zeit, wohin joll er führen? Wenn Diefe- 
nigen, die das Volk gegen den Feind leiten. follen, aus 
über verſtandenem Stolze ſich mit dieſem zerwerfen?“ 





1 55 > 

„Und Wer Hat diefen Unfrieben verurſacht, theure 
Mutter? Doch nicht Capitain Percy. Wer ift e8, 
der die Oppofition gegen den Commandirenden be⸗ 
gonnen hat?“ 

„Capitain!“ ſprach die Dame beforgt, „Sie find 
zu lange von Haufe geweſen, Sie kennen das Volks⸗ 
leben und feine Gewalt hier nicht. Sie ftellen fi 
unfer Bolt wie das des alten Englands, des Para- 
diefes der Großen, vor. Hier ift dad Paradies des 
Volkes, und fo wie in jenem die Großen, hat hier 
das Volk alle Macht und Herrſchaft.“ 

mReider!a verfeßte der Capitain. 

* Die Frau wandte fih unwillig mit einem halb 
mitleidigen, halb beleidigten Blicke von ihm. Indem 
gingen die Thüren auf, und der Oberfte mit dem 
Major Copeland traten ein und begrüßten die Dame 
herzlich, den Capitain etwas Falt. 

n Ihr fon Hier?“ fragte Dieſe. 

„Ja, Liebe!“ erwieberte Der Oberſt. „Das haben 
wir dem Squire zu verdanken. Es iſt vortrefflich aus⸗ 
gefallen, und ich gehe nun mit Zuverſicht hinab. 
Squire Copeland iſt ein Wundermann; die Reſolu⸗ 


+ 


tionen find eimmüthtg angenommen. Cinige wolkten 
Einwendungen machen, nahmen fie jedoch zurüd.» 

„Das find die Tennefieer, bie erſt letztes Jahr 
berabgefommen find,“ entgegnete der Squire. „No 
wilder Stoff und haben ſich das Fechten und das 
Gouging noch nicht abgewöhnt. Für unten find fie 
jedoch gerade recht .· 

„Die Manoeuvres ihrer Schützen find aller Ehre 
werth, Major! und die Ordnung, mit ber fie fi 
benahmen, bewundernswerth — für ben eriten Tag 
nämlih.u 

„Einige Male,“ bemerkte der Squire, „wandelte 
fie noch immer die Luft an, ein Kleines zu verkoſten; 
aber als ich einem Dutzend die Eigarren aus dem 
Munde genommen, warenfle für denganzen Tagrubig. 
Ei, es find freilich Eeine Neroyorker oder Londoner 
Gentlemen; aber glaubt mir, ihres Landes Beſte 
geht ihnen über Alles. Wir haben nun vier Com⸗ 
pagnien Schügen. beifammen, die ein Duhend brit⸗ 
tiſcher wegblaſen.“ 

Der Capitain, nachläſſig auf das Sopha hinge⸗ 
ſtreckt, Hatte. läächelnd den Squire angehört. „Major 
Copeland,“ ſprach er endlich -ein wenig ſpöttiſch, 


+37 


oſcheint feine Feinde etwas ‚unter ihrem Werthe zu 
Halten. Es verräth wenigſtens Selbſtbewußtſeyn.“ 
„Und das kann bei einem Volke nie zu weit gehen. 
Mer. fih das Ummögfiche zutrant, wird es auch aus⸗ 
führen. « 
ner feinen Beind verachtet ift bereitö gefchlagen, 
babe ich immer gehört,“ entgegnete der Capitain. 
„Mag feyn in der alten Welt,“ .entgegnete ber 
Squire trocken. „Hier haben wir ein beſſeres Sprüch⸗ 
wort: Achte Dich zuerſt ſelbſt, und Deine Feinde 
werben Dich nicht verachten. uebrigens „ Capitain, 
ſind wir in einem freien Lande, und Sie mögen ſprüch⸗ 
wörtern fo viel Sie wollen; nur möchte ich Ihnen 
sathen, daß, wenn Sie mit Bürgern zu thun haben, 
Sie auch Bürger und Fein Iota mehr feyn müſſen.“ 
„Und nah Dpeloufad zum Squire Copeland in 
die Lehre gehen ;« lachte der Capitain bitter. | 
mBielleicht wäre es befler. für Sie geweſen, als 
daß Sie Ihre Schöne Jugend in dem grundverborbe- 
nen England verbrachten. Ste haben, ſcheint es, aus 
lauter Entzüden übge das gehorſame. Volk der alten 
Welt vergeffen, daß hier dad Volk Gehorſam fordert. 
Es ift freilich bequemer, zu fagen: Du gehft und. Du 


ſtehſt, wie e8 von dem Manne in der Bibel heißt; 
aber in diefem Punkte haben wir hier noch ein neues 
res Teſtament, und felbft dad großartige und. edel⸗ 
flolze Wefen geht an und verloren. Nicht einmal an⸗ 
ſtarren oder ſcheel anfehen dürfen Sie Einen, -weil 
Ihnen fonft der Mann den Rüden wendet: Sie müſ⸗ 
fen fich unfere Manieren: juft gefallen lafſen, und wenn 
Sie fi dieſer ſchämen, je nun, ſo glauben Sie mir, 
die Männer würben fih noch mehr aus ländiſcher Ma⸗ 
nieren ſchämen; fie find Männer, und zwar bie freie- 
ften Männer dev Welt, und zu ſtolz, um fich frem- 
den Manieren zu unterwerfen. u 

nDiefe Lektion, Mafor, als was fol ich fie neh⸗ 
men ?4 fuhr der Capitain auf, der rafch auf den Ma⸗ 
jor zutrat. 

Dee junge, fihöne, von Gold ſtatrende, äußerſt 
elegant uniformirte Offizier, der augenſcheinlich den 
feinſten Weltton ſich angeeignet hatte, ſchien weniger 
über die Reden des Squire, als deſſen Aeußeres em⸗ 
pört. Dieſes war, wie unſere Leſer wiſſen, nichts 
weniger als elegant. Eine rehfarbige, etwas grob⸗ 
tuchene Redingote, die, zwar weniger berühmt, aber 
eben ſo viele Touren gemacht haben mochte, als ihre 


— 59 


graue, dazumal in Elba befindliche -Schwefter, eben 
ſolche Pantalons, eine Art ſchwarzſeidenen Strickes 
um den Hald, und der. Quäferhut, auf. dem der bar⸗ 
roke Federbuſch wie eine Vogelſcheuche prangte, halb⸗ 
runde Schuhe, die von der Japaneſerwichſe ſeit ihrem 
Daſeyn nichts geſehen, waren das Coſtum des vier⸗ 
ſchrötigen Squire, der ernſt und ſcharf auf den jungen 
Offizier zutrat. „Als nichts denn einen gut gemeinten 
Rath, Capitain,“ erwiederte er. „Sie ſind ein wack⸗ 
rer junger Mann, und Gott verzeih es Denen, die, 
ſtatt aus Ihnen den Stolz unſeres Landes zu machen, 
Sie hinüber ſandten und uns einen engliſchen Faſhio⸗ 
nable wiedergaben. Aber Sie haben ſich wie ein 
Mann oben an den Seen gehalten. Wäre das nicht 
der Fall, Major Eopefand würde wahrlich für Sie 
kein Work verloren haben.“ 

„Bapitain Percy,“ ſprach der Offizier ftolz, be— 
darf keines Fürſprechers und am wenigſten —“ 

„Sie find fung, Capitain,“ fiel ihm der Major 
falt und troden ein, „dergefien Sie nicht, dag Sie 
mir fubordinirter Offigter find... Wir gehen morgen, 
wie es beſchloſſen worden, mit den acht Compagnien 
hinab, Zweihundert Dann bleiben. zurück. Sie wer« 


—2 0, e— 

‚ den num Gelegenheit Haben, zu zeigen, ob Ihnen, an 
Ihren englifhen Manieren.oder am Wohle des Lan⸗ 
des mehr liegt. Und vergeſſen Sie nicht, daß wenn 
Sie einmal mit einem Ihrer Mitbürger eine Cigarre 
nehmen oder ein Glas Toddy trinken, dieſes Ver⸗ 
trauen Sie ehrt und kein Haar breit von Ihrer Würde 
nimmt; auch daß dieſe nämlichen Bürger größere 
Männer zu Baaren zu treiben wiſſen, als Sie Sind.“ 
Er nidte mit dem Kopfe und verſchwand im hintern 
dpawing room. 

Es war etwas zutraulich Gemä chige, aber auch 
zugleich etwas lakoniſch Hartes ‚in dem Tone des 
Squire geweſen, das dem Offtzier abwechſelnd das 
Blut über die Wangen jagte. Eben wollte er dem 
Major nacheilen, ald ihm, ber Oberfte zurief. 

„Bas wollen Sie, Capitain Pereytu 

„Dem Grobian eine Erklärung ubforbern. u 

„Segen Sie ſich, diefe will ich Ihnen felbft geben: 
Wiffen Sie, daß die ſämmtliche Mannſchaft, ohne 
Ausnahme,- über Ihr Betragen bei dem geſtrigen 
Meeting, und die Aeußerungen, die Siefallenließen, ſo 
wie über Ihr heutiges Benehmen fo entruͤſtet ſind, daß ſie 
ſte henden Fußes ein Comito vonOffizieren ernannten ? 


—4 6 — 

„Und ?a- fragte der Capuein, der ein wenig be⸗ 
troffen wurde. 

„Und daß dieſes Comité barau antrug, das Ganze 
an den Commandirenden zu berichten und Sie einſt⸗ 
weilen von allen Dienftverhältniffen mit unfern Bürs 
gern zu fußpendiren ?« 

"Der Eapitain erblaßte. . / 

* „Da ttat Major Eopeland vor, und mit jener ihm 
eigenen nervichten Veredtſamkeit ftellte er ben-Män- 
nern die Nothwendigkeit dar, Ste: beizubehalten. 
Nichts vergaß er; Ihre Dienfte, Ihre glänzenden 
Thaten bei Plattäburg, Alles fehilderte er. Er kennt 
Sie genau. Es dauerte lange; endlich gelang es ihm, 
den Unwillen zu beſchwichtigen. Die Befchtüffe wur- 
ben einftweilen zurückgenommen, verſtehen Sie? einſt⸗ 
weilen!“ 

„Ich habe im Auftrag meines Chefs gehandelt, 
und wenn mir im Unwillen Worte entſchlüpften —u 

„Die nie einem Manne entſchlüpfen ſollten, der 
Andere zu commandiren berufen iſt; « ſprach der 
Oberſte. „Sie kamen ih Aufträgen des Generals. 
Wohl! fo möchten Sie fi derſelben entfedigen und 
dann fehweigen. Aber. Sie kamen wie der Pfeil vom 


62 — 


Bogen und dachten vermuthlich, weil der General 
“unten mit den- Ereolen fo wenig Umſtände macht, 
diefe hier noch weniger nöthig‘ zu haben. Ihr-Chef 
verfteht jedoch die Sache beſſer, und während er Sie 
mit / ſeiner Donnerbotfehaft aufs’ Gerathewohl ſendet, 
ſchreibt er einen freundlichen Brief an den Squire, 
ja recht bald mit dem Bataillon herabzukommen, er 
ſelbſt Habe ihm Quartier beftellt. « 

Wie wußte er, daß der Squire Eopeland zum 
Major gewählt werden würde ?u 

„Wenn die jenfeitigen Counties die Präfldenten- 
ftelfe zu vergeben hätten, fo würde fie ihm zu Theil 
werben, der buch Erfahrung, Kenntniffe, Gemein- 
nügigkeit und ſelbſt Vermögensumſtände eine hohe 
Stellung dort einnimmt. Er tft einer ber Tonangeber 
der demokratiſchen Partei im Staate, in mehreren 
Counties allgewaltig. Wie konnten Sie es wagen, 
mit einem Manne, ber ſechs angeſeſſene Söhne hat 
und der für fein Rand geblutet, che Sie noch waren, 
in einem ſolchen Tone zu -fprechen?“ 0 

Der Capitain war einige Male raſch im Salon 
auf und ab geſchritten. „Der Beneral ahnte etwas 
von einer Oppofition ; er hat mir aufgetragen, alles 


— 0 
Mögliche zu thun, um dieſe rüclgangig zu ma⸗ 
chen. u 

„Und- Sie kamen und glaubten, man: werde Hier 
fogleich den Athem verlieren? Seyen Sie verfichert, 
Ihr donnernder General wirb die gewaltige Pille, 
wegen ber Sie fi den. Mund verbrannt und Ihre 
Popularität und, was bafjelbe ift, Ihre militärifche 
Eriftenz vielleicht auf immer gefährdet, mit zuder- 
füßem Munde hinabwürgen, und durd) ein freund» 
liches Geſicht dem fernen Volksunwillen vorzubeugen 
fuhen. « 

Es erfolgte eine lange Pauſe. 

„Wir gehen morgen, wie Sie wiſſen, mit den sin» 
geübten Truppen und den Riflemännern hinab; Sie 
bleiben einige Tage zurüd,, bis die Mannſchaft eingeübt 
it. Eines muß ich jedoch bemerken, « fuhr der Oberſte 
ernſthaft fort, „Ihrer Bewerbung um meine Tochter, 
Gapitain Percy, Habe ich Feine Hinderniſſe in den 
Weg gelegt, obwohl fie nit ganz nach meinem Sinne 
ift. IH will jedoch der Neigung meines Kindes keinen - 
Zwang anlegen. Nur vergefien Sie nicht, daß ih 
mit meiner Tochter nicht zugleich "auch meine Popu⸗ 
Yarität bei. meinen Mitbürgern hinweggeben will. # 


6 
* Der Eapitain. hatte den Sprecher ftarr angefehen. 
Einige Male fehritt er raſch im Salon auf und ab; 
dann griff er nach den Handſchuhen und Tſchako, 
die er heftig an ſich riß. Noch ſtand er unſchlüſſig, 
als bie: Frau des Oberſten ſich erhob und würdevoll 
ſprach 

„Eintracht und Zuſammenwirken! Kommen Sie, 
Capitain, Sie waren es, der gefehlt hatte. An Ihnen 
liegt e8, den erſten Schritt zu tfun.a 
Der Gapitain faßte die dargebotene Hand umd 
folgte der Dame. Nach einer Weile kamen die Beiden 
Arm in Arm -mit dem Squire.und Virginien zurüd. 
* nSie ift bereits zu Bett gegangen,“ ſprach der 
mild gewordene Squire, nber- liebe Engel! Hätte fe 
gerne noch einmal fehen mögen. “ 

‚Laßt fie,“ entgegnete die Frau, „fie bedarf der 
Ruhe. Sie- hat zwei Nächte nicht gefchlafen. Mor⸗ 
gen wollen wir fie mit hinabnehmen.“ 

Und al8 wäre mit dem lieben Kinde auch der Froh⸗ 
finn von ihnen gewichen, jo Tagerte fich nun ſchwer⸗ 
muthsvoller Ernft über die Familie Hin, 

Es waren die letzten Stunden, bie fle vor einer 
Trennung hatte, die Wochen, Monate, vielleicht auch 


— 6 > 


ewig dauern fonnte, und natürlich wurben fie in einer 
ernfien Stimmung gefeiert. Die wichtigen Angelegen⸗ 
halien des Vaterlandes und’ des ſehr großen Haus⸗ 
heites des Oberſten knüpften den ſpäten Theetiſch bei⸗ 
nahe an die Soupertafel, und es war lange nach Mit⸗ 
ternacht, als dieſe aufgehoben und die Sklaven 
familienweiſe in den Speiſeſaal eingeführt wurden, 
wo der Pflanzer ihnen eine eindringende Anrede hielt, 
ſie zur treuen Pflichterfüllung ermahnte und dann ge⸗ 
rührten Abſchied · nahm. An Schlaf dachte Keiner. 
In den viekfältigen Geſchaͤften des großen Hausweſens 
und den Vorbereitungen zum Abmarſche war die Nacht 
verfloſſen und der Morgen graute ſchon herauf, als 
der Donner der Kanonen auch die Ankunft der Dampf⸗ 
böte verkündete. Nicht lange darauf kamen Roſa 
und Gabriele in den Saal. Eine Weile ſtand noch 
die ſchöne Familiengruppe beiſammen, und dann ver⸗ 
ließ ſie das Haus und Bayou auf dem vr zum 
Stromedufer. 

Noch hing. der Nebel fo dicht über dem Strome | 
und dem Ufer, daß bloß ein dumpfes Gewirre von 
Stimmen zu entnehmen, Tein Gegenftand zu unter- 
ſcheiden war. Die Mannfhaft war jebod verjams 

Der Lenitime. IIL , 5 


— 6 


melt und mit ihr Taufende von Frauen, Mäbchen 
- und Kindern, die von nahe und ferne gelommen waren, 
um von ben Ihrigen Abſchied zu nehmen. Der Schay- 
Iuflige dürfte Hier nicht fehr befrienigt gewefen feyn; 
benn es war bier nichts von jenem Pompe und Prunfe 
zu fehen, von jener betäubenden Muſik zu hören, bie 
in. den fogenannten -centralifirten Staaten gewiffer- 
maßen-mit ald Lockſpeiſe zu dienen befkimmt find, bie 
armen Söldlinge deſto williger ihr glänzendes Elend 
vergeffen. zu machen; feine jener wilden Gefänge, 
Tumulte oder ftehenben Zedherfcenen, die bei ſolchen 
Beranlaffungen ähnliche Abſchiede Harakterifiren und 
bie fogenannten Landeövertheidiger als einen Haufen 
disciplinirter Auswürflinge, bezeichnen, denen man 
zu guter Let noch etwas durd) Die Finger ſieht; im 
Gegentheile, e8 herrfchte hier eine tiefe Stille, oder viel⸗ 
mehr ein murmelndes Geflüfter, das nur durch die lau⸗ 
ten Stimmen der Handlanger und Neger unterbrochen 
wurde. Ernft und beſonnen ftanden Alle und beipra= 
hen: fi mit den Ihrigen mit einer Ruhe, die un⸗ 
widerleglich die hohe Stufe der Selbfladhtung beur- 
kundete, bie das amerikaniſche Volk fo weit Uber jedes 
‚ andere erhebt und wohl am natürlichſten dadurch zu 


—97- 

erklären feyn dürfte, daß dieſes keinen eigentlichen 
Pöbel in feiner Mitte hat, fonbern jedes Glied des 
großen Körpers, felbftthätig und politiſch wichtig, jeden 
feiner Schritte als denkendes, freies Wefen überlegt 
und eben deßhalb mit gefeter ernfter Kraft derſelben 
entgegentritt. Noch einmal umarmte der Oberfte feine 
Lieben, und dann ließ er das Zeichen zum Aufbruche 
geben. Ihm folgte fein Sohn, der Mutter und Schwe⸗ 
flern raſch küßte, die Hand Mofas erfaßte, fie fiebe⸗ 
riſch an fein Herz riß, und dann der Squire, der den 
Damen die Hand fehüttelte und dann Roſa in feine 
Arme nahm. „DBete für uns, Mofa,“ murmelte er 
ihr zu, „der da droben hört das Flehen der Unfgulb, 

wir werden's wahrlich brauchen. # 

Und ftärfer rollten die Trommeln, und gellender 
tönten die Pfeifen, und der Donner der Kanonen von 
den Dampfbooten brüllte darein, und ber alte Mann 
riß fih von ihr und der Familie los. Und Trupp 
auf Trupp z0g nun an ihnen vorüber. Eindumpfes, 
duͤſteres Gemurmel, ein Anfangs leifes, unterbrüd- 
te8, dann allmählig Tauter werdendes Schluchzen ber 
Frauen, Mäbdchen und Kinder. Gott fegne Cuch! 
Er fey mit Euch, der Herr der Heerfihnaren!« rief es 

. 5* 


6 — 

aus hundert Kehlen. „Denkt aͤn Weib und Kind! 
Send ſtark, ſeyd Männer!“ ſchrieen und kreiſchten 
Andere. Da ſchrak Roſa plötzlich zuſammen. „Um 
Gottes Willen!“ rief ſte, und flog erſtarrt in die Arme 
ihrer. neuen Mutter. Sie drückte ihr Geſicht in den 
Bufen der Dame. Sie deutete ſchaudernd hinter ſich 
auf eine Schaar von Männern, die im dichten Nebel- 
flor, von einem Zug Miligen geführt, auf das Dampf- 
ſchiff zufchritten. 

„Was iſt's? was iſt 8? 24 rief die aiſdrodene 
Dberftin: 

„Mutter! um Gotteswillen rette mich! — Nette 
Deine Roſa!“ Mehr vermochte fie nicht zu fagen: 
denn fie Bing in den Armen der Frau halb todt vor 
Schrecken, ihre Glieder ſchlotterten, ſie war von un- 
endlicher Angſt ergriffen. | 

Da ſtürzte plöglich son hinten eine vieflglange, 
bagere Geftalt, gleich einem Gejpenfte, unter die 
Gruppe der Damen, riß Roſa mit Rieſengewalt aus 
den Armen der Frau und hielt fie mitden langen, dürren 
Händen umſchlungen, mehr wie ein hölliſches Nacht⸗ 
gefpenft, denn ein Erdenbewohner. Mutter und Töch⸗ 
ter waren vor Entfeßen Freifchenb zurüdgefprungen. 


— 69 — 


„Was iſt's ?u rief der Capitain, der mit gezocktem 
Degen herbeigerannt war. 

Der Indianer ſtierte ihn mit den rollenden n Augen 
eines Raſenden an, drückte Roſa krampfhaft an ſich, 
nur den langen Hals ſtreckte er gräßlich nach dem 
Dampfſchiffe bin, und feine furchtbar funkelnden Au⸗ 
gen ſtierten nach. „Der Häuptling der Salzſee; « 
ſtöhnte er. 

Roſa blickte auf. Sie ſchaute um ſich. „Miko!“ 
rief ſie, „er iſt gegangen. Sey ruhig, Miko, der 
Mörder Canondahs und der Deinigen iſt auf dem 
Strome.“ 

Und allmaͤhlig wurde ‚fein Blick ruhiger. Seine 
Hände fielen von dem Mädchen, er blickte nochmals 
| ftier auf und ſchwankte langſamen Schrittes den Sel⸗ 
nigen zu. 

„Um Gottes willen, Kind, was iſt dag sonen? 
rief Die entfeßte Oberflin. on 

Mofa zitterte noch an allen Gliedern. 

nDer Seeräuber, Mutter. « 

⸗Kind, Du täuſcheſt Dich," rief die beſorgte Dame. 
„Wie ſollte der Seeraͤuber hieher kommen?“ | 
„Nein, nein ‚u verfeßtefte; „her Miko hat ihn auch 


70 ⸗— 
geſehen.“ Und wieder ſchaute fie ängfifich hinüber 
auf die Dampfboote, aus deren Kaminroͤhren nun der 
"Rau heftiger zu qualmen- anfing. Einige Male 
zifähte der Dampf noch wie raſend herüber: Ein lan⸗ 
ges, tauſendſtimmiges Gott fegne Euch, fchallte hin⸗ 
über, kam herüber, die Schiffe hoben ſich, wandten 
ſich und trieken dann der verhängnißvollen Ferne zu. 


. r 


Einmösreifigte Kapitel. 


Beliebts Euer Wohlehren, meine armen en Dienſte 
zu genehmigen. Möchte gerne Euer Brod ver⸗ 
koſten, und wenn’s noch fo ſchwarz wäre, und 
Cuern Trank, und wär’ er auch der wäſſerigſte, 
und für vierzig Schillinge will ich Cuer Wohl⸗ 
ehren ſo viele Dienſte thun, als ein Anderer 
für drei Pfund. 

Greene 
«Sind: fie abgezogen? 24 fragte ein Mann mit leiſer 
Stimme, als wollte er die Umftehenden in ihren 
ſchmerzhaften Betrachtungen nicht flören. 

⸗So wie Ihr feht,“ verfeßte ein Zweiter; „Ihr 
ſeyd unter den Niflemännern Bob; Ihr foltet ſchon 
geftern da gewefen ſeyn; Euer Eapitain iſt fort.“ 

„Pamn!“ verſetzte der Mann. „Wären es auch, 


— 7 


wenn und .nicht Diefe zurück gehalten hätten.“. Er 
wies auf eine Gruppe. von fünf Männern, mit denen 
er fo eben vom jenfeitigen Ufer gelandet, und die ver⸗ 
wundert ſchienen, als fie ſich plötzlich in einer Dichten 
Reihe von Männern, Weibern und Kindern befanden, 
von denen Einige ihre Ohren den ferne her ziſchenden 
Dampfſchiffen nachhielten, Andere in ſchweren Ges 
danken vertieft ſtanden, wieder Andere ihre Tücher 
an die Augen bielten. Es war etwas Ergreifenbes . 
in dieſer Todesſtille der vielen Hundert Männer, Frauen 
und Kinder, die, ohne einen Laut von fich zu geben, 
noch das Zifchen der Dampffchiffe erborchen zu wollen 
ſchienen. Das Geſpräch, obwohl leiſe geführt, Hatte 
jedoch die Aufmerkſamkeit auf die ſo eben Angekom⸗ 
menen gerichtet, von denen Zwei als Nachbarn bes 
grüßt, der Dritte als der entlaufene Neger bes Ober- 
ften Barker erkannt, und der Vierte einige Augenblide 
betrachtet und dann als ein befonderer Aufmerfamfeit 
eben nicht fehr werthes Subjekt entlaffen wurbe, der 
Letzte jeboch eine raſche Bewegung und ein Gemur- 
mel veranlaßte, das ſchnell lauter. wurde. „Der 
Spion,“ sollte e8 von Mund zu Munde. 

Bei Jafusla rief der Junge, den wir ald den 


—B— 
Bierten bezeichnet, mit einer ſcharfen, knarrenden, 
rauhen Stimme, und einem Dialekte, der ihn ſogleich 
als einen Sohn Erins verrieth. „Bei Jaſus! Meir 
ſter James, das iſt eine luſtige Hetze; was das für 
einen Lärm fetzt. ALS wir ankamen, hätte man eine 
Maus laufen hören können; kaum ‚haben wir. aber 
einen Fuß and Land geſetzt, fo hebt.der Tumult und 
Schrecken an, juft als menn.eine Dankeefregatte an 
einen Eöniglichen Zweiundfünfziger angeprallt Time. « 

Der angerebete Mafter James, der, wie unfere 
Leſer errathen werben, wieder unfer unglüdfeliger 
Britte war, gab Feine Antwort. Mit zufammen- 
gepreßten Zähnen und Lippen fland er flierem, leeren, 
halb verwilderten Blickes, der, wenn er auch nicht Die 
Begrüßung, mit ber er bewillkommt worden, rechtfer⸗ 
tigte, mindeſtens auf harte Stöße während ſeiner 
dreißigſtündigen Flucht deutete. Das Gemurmel „der 
Spion“ war mittlerweile immer lauter geworden. 
Der Irländer beſah zuerft fih som Kopfe zu den 
Füßen, dann feine beiden Gefährten, und rieflufttg aus: 

„Spion, bei Jingo! Wer, glaubt Ihr wohl, daß. 
ein Spion iſt? Meines Vaters Sohn?, Ei, das iſt 
zum Todtlachen. Mafter James, das Milch- und 


— 73 8 


Butgeſicht?« Er ſah ihn nochmals an. „Der Neger⸗ 
gentleman? Hol' mich der Teufel, wenn Ihr bei 
Sinnen ſeyd. In unferer Familie, den Murphys zu " 
Kildare, Fol mi — verdammen, lebt Keiner, der 
no. gehängt worben wäre. Spion! gebt zum Teu⸗ 
fet, Ihr ſeyd: nicht geſcheidt.“ Er brach in ein un« 
bändiges Gelächter auß. 

„Iſt ja Dein Bruder Paddy zu Dublin mit der 
Hanfbraut getraut worden, “ rief ihm Einer ber Berl 
gebliebenen Milizen zu. 

„Da fpreht Ihr wie ein verbammtr Mau 
dreſcher; fuhr der Irländer heraus. „E8 war mein 
Stiefbruber, der Mami ihr Balg, ift im Greenhoufe 
in der Kaferne vom Brette getanzt. Wäre nicht ihr 
Eoufin zu Eamarthaen in dem Teufelöneft aufgefeflen, 
fo wäre er noch in feiner Jade. Er hatte aber feine, 
Hatte fie für einne Bouteile Whisky noch im Loche 
verſchachert, wurde im Sembe gehängt.“ 

„Haft recht, Paddy,“ rief ein Zweiter, der den 
Spaß nicht kalt laſſen werben wollte. „Aber Dein 
Pater, der Davy Murphy ?u | u 
adſt wegen eined elenden Fäßchens Magentroft 
vom Conftable Meigs erfchoffen worden. Verdamm⸗ 


— 7 


ter Rare! Ein’ fo wbeliher Tod, als ihn Einer nur 
ſterben kann.“ 
. „Und Deine Schweſter zu Cork iſt ja wegen Schaaf⸗ 
diebſtahl confiszirt worden!“ rief ihm ein Dritter zu. 
„In Cork? Bei Jafus,“ lachte der. Irlaͤnder. „In 
Cork? Haben in.ganz Cork Fein Schaaf. Sind froh, 
wenn fie eine Ziege füttern Eönnen. . Der Grashalm, 
ber übrig bleibt, da machen ſie Thee daraus. - Arme 
Mary!« rief er drollig. „Als ich fie zum zweiten 
Male fah, da fagte fle mir: Du, Davy, ſagte fie, 
ſey geſcheidt, ſagte ſie, und — “ 
Der luſtige Irländer wurde in ſeinen Familien⸗ 
bekenntnifſen, zum Leidweſen dev Männer von Ope⸗ 
louſas, wie es ſchien, Durch zwei Milizen unterbrochen, 
die, Gewehr im Arm, nun von dem Wachthaufe 
ankamen, um ihn mit feinen zwei Gefaͤhrten in Empfang 
zu nehmen. Er ſah einen Augenblick verwundert bie 
Beiden an, und fehrie dann, fich niederhockend, mit 
naͤrriſchem Gelächter: „Maſter James Hodges! Ma- 
fier James Hodges! Parleh fouhs frenseh Monsie- 
hour ?« Und wieder lachte er fo unbänbig, daß ihm 
zulegt der them verging. „Ei, Mafter James!« 
ficherte er, „als wir da geftern mit Beſen und 


7 


Stöden- erpebirt wurden, Wer hätte da glanben 


follen, daß uns in vierundzwanzig Stunden darauf 
ſo viele Auszeichnung erwieſen und wir mit einer 
Ehrenwache eingeholt würden ?« 

„Ich glaube,“ rief Einer, „hinter dem ſteckt etwas 
mehr, ald der bloße Schalkänarr. « 

„Parleh fouhs frenseh Monsiehour?“ ſhrie der 
Irländer wieder mit einem tollen Gelächter. 

"Das iſt ein närriſcher Kauz,“ riefen einige Mi⸗ 
lizen. „Laßt ihm doch feine Freude.« Und fofort 
ſchloß fich der ganze Haufe der Männer und Kinder 
an den Zug. 

- „Parleh fouhs frenseh Monsiehour ?“ ſchrie er 
wieder, indem er ftille ſtand und närrifch Lachte. 
nKönnt auch nichts ‚u fuhr er in feinem iriſchen Bro⸗ 
gue fort. „Hol mich der Teufel, da fagen die Nar⸗ 
zen, Louiſiana iſt halb franzöfifch, Halb Wankee. 
Damn ye, unfer Pfaffe, der Bater Kirkpatrik, weiß 

es beffer, und meines Vaters Sohn hat's von ihm 

gelernt; aber wo ich noch arigefragt habe, at mid 
Keiner verflanden. « 

„Du bift. ein lecker Burfche, u rief ihm Einer ber 

.Otfftziere zu, wein paarmal vierundzwanzig ‚Stunden 


— 76 
bei Wafler und Brod werden Deine Landſtreicher⸗ 
zunge wohl langſamer machen. u | 

Der Ire ſah den Sprecher eine Weile zweifelhaft 
an; dann fiel ſein lauernder Blick auf die Umſtehen⸗ 
den, die augenſcheinlich durch ſeine tolle Laune ergötzt 
waren, und wieder ſchrie er: „Parleh ſouhs frenseh 
Monsiehour?“ aus feiner blauen: Jacke ein Papier 
hervorziehend. „Mit Euer. Wohlehren‘ Erlaubniß, 
ein Seemann von der Brigg Sarah, Capitain Mo- . 
rand, ein Landsmann von mir, der aber Yankee ge= 
worben, und Hol’ mich der Teufel, ich werde auch 
einer. Nicht über die Danfees.  Parleh fouhs fren- 
seh Monsiehour, Mafter James Hodges?“ wandte 
er fih zu Diefem. „Ah, Mafter James! wären wir, 
wo wir geftern waren; bie Befen und Stöcke find bei 
alledem nicht fo gefährlich, wie diefe Stuger da.“ 

Der luſtige Schalksnarr hockte ſich wieder nieder 
und lachte toller als je: „Parleh ſouhs frenseh Mon- 
siehour'?“ 

„Deine Abfertigung if richtig,“ a per Offizier, 
„aber wie kamſt Du zu dem Gefangenen ?” 

‚„Parleh fouhs frenseh?“."rief der Ire wieder. 
„Hol' mic) der Teufel, wer ich felbft weiß wie, und 


e3 fagen fann. Meine Zunge ift ſo troden, feit ich 
die Stadt verlafien babe, als wenn fie eine Gallon 
Erbfenwaffer hinabgeſchwemmt hätte.“ Und wieder 
ftand er ftille und lachte pfiffig. 

Das halb eonfiscirte Schelmengeficht, in dem ein 
Zug von Öutmüthigfeit mit einer derben Portion 
irifeher Unverfhämtheit und unbezwingbarer . Zaune 
ſich fpiegelte, Hatte die ganze: Escorte allmählig in 


eine Stimmung verfeßt, die, fo ernſt fie anfangs . 


war, 098 Lachen kaum mehr: unterbrüden Fonnte. 
Der Zug näherte fih nun dem Wachthaufe, der Ire 
bielt jedoch alle zehn Schritte. Einer der Offiziere 
nahm ein halbes Dollarftüd aus feiner Börſe und 
bieft e3-zwifchen den Fingern. 

„Ach gnädigſter, ſüßeſter, liebſter, ſchönſter, hold⸗ 
ſeligſter, allerfürtrefflichſter, ehrenfeſteſter Squire, 
Major, Oberſter, General, Lieutenant oder gar 
Corporal!“ rief der Irländer, feine Hand nach dem 
Geldſtücke mit einer poffierlichen Fratze ausſtreckend, 
die ein allgemeines Gelächter erregte. | 

„Ei, die alte Frau mit ihrer Kappe und ber Adler 
mit feinen Sternen, die find doch tauſendmal ge= 
ſcheidter, als der naͤrriſche Capitain Morand. Wollte 


—ı 78 ⸗— 
mich mit aller Gewalt unter ein Corps Freiwilliger 
haben, da gegen die Rothroͤcke zu fechten. Hol mich 
der Teufel, wenn ich's gethan habe. Ei, wenn's noch 
der Acciſe gegolten hätte, oder eine. Gallon Kilbare 
Whisky dabei zu verbiehen geweſen wäre. Hört 'mal, 
Euer Whisky Hier ift ’ m Teufel zu’ ſchlecht. Ah,“ 
blinzte er pfiffig, „Dany iſt fein Narr, Hätte ihn Sir 
Edward erwifcht, fo hinge er. Gas ift auch Einer, 
bat in eine Gelbrothe hinein geheitathet. Ein ver⸗ 
dammter Drangemann. Ah, Mifter, nun laßt uns 
mal eind dem Mafter James Hodges zutrinken.“ 

„Bleibe nur unterdeſſen hier,“ erwiederte der Of⸗ 
fizier. „Du gehft mit ind Wachthaus; wird Dir 
aber nichts gefchehen. 4 

Bei allen Mächten!u ſchrie ber Ire, wind ai 
haus fol ih! Was wollt Ihr damit? Weil ich 
nicht in der Freicompagnie dienen wollte, ſoll ich ins 
Wachthaus?“ 

„Paddy,“ rief ihm der Riͤchſſttehende zu, „Dei⸗ 
nes Vaters Sohn iſt ein gewaltiger Narr.“ 

„Bei allen Mächten, ex iſt's; « rief der luſtige Ire 
wieder. „Aber doch kein ſolcher Narr, feine Finger in 
den kochenden Topf zu ſtecken. Hab' mich auf'n 


—9.79 6 


Weg ind Land gemacht, und da bin ich nun. Braucht 
Ihr 'n gewichsten Burfchen? Kann Alles in der 
Welt, nur Geld machen nicht. Schteinern, zimmern, . 
Schuhe flicken, Stricke drehen. Hol’ mich der Teufel, 
wenn zwifehen Cork und Dublin- Einer ’8 mit Davy 
Murphy aufnimmt. Daoy, fagte Seine Wohlehren, 
der Squire zu Camarthaen, Davy, fagte er, wenn 
aus Dir nicht etwas Rechtes wird, fo heiß mich etwas. 
Aber geftern hättet Ihr mich fehen follen! Bei Jaſus, 
da mar ich wild.‘ Berbammter je .nantang pas. 
Damn him. Nein! Hat mich über die Stiegen hin⸗ 
abgeworfen, mid) mantang pas aufgeheifen. Kann 
mir's Einer fagen, was das nantang pas it? Wenn 
ich's müßte, ich ging. hinüber und drehte dem Land⸗ 
lubber den Hald um, und follte ih morgen baumeln. « 

„Du mußt und nur fügen, wie Du zu dem nan-' 
tang pas gefommen biſt.“ 

Unfer Britte hatte bisher in ſtummer Wuth die 
nimmer endenden tollen Ausbrüche feines Leidens⸗ 
geführten angehört; nun fehien jedoch feine Geduld 
ihr Ende erreicht zu haben, und ex faßte den Jungen 
am Arme, ihn Heftig fehüttelnd. „Wenn Du nit 
Dein Maul Hältft, verdammter Taugenichts, jo dreh 


— Hu > 

ich Dies — er konnte jedoch feinen Sa nicht: vol- 
Verden, denn im nämlichen Augenblick riſſen ihm zwei 
Männer von dem Iren weg. 

Ruhe, junger Menſch!“ſprach der Eine mit einer 
fo. ernſten Miene, daß dem zuckenden Jünglinge das 
Wort auf den Lippen erſtarb. | 

„Geduld, Maſter James,“ ſchrie der etwas aus 
ſeiner Faffung gekommene Ire darein; „Ihr ſeht, die 
Hankees haben nicht gar zu vielen Reſpekt vor einem 
englifhen Gentleman; am beiten iſt's, Ihr ergebt 
Euch in Euer Schieffat. Hätt's nicht gedacht," fuhr, 
er. fort, „hat's aber ſchon meine Großmutter ihrer 
Tochter geſagt. Hörft Du, Davy, fagte fie, Davy, 
fagte fte, bift ein geſchickter Balg, fagte fie, und geh’ 
nur recht fleißig in die Schule zum Pater Murdod), 
fagte fle, aus Dir wird etwas Hohes. Aber der-ver- 
dammte Greole, Fein Wort franzöfifh Tann er.“ 

„Und Du haft mit ihm geſprochen fragten ihn 
Zwanzig lachend. 

Mit ihm geſprochen? Ei, das hab’ ich, hab’ mit 
größern Herrn gefprochen als dem ſchäbigen Creolen 
da, und verdammt mag ich ſeyn, wenn's nicht wahr 
iſt; hab' mit ihm parlirt, ſo klar, ſo deutlich, wie's 


—9 81 — 


nur immer feyn kann. Fragt nur _Mafter James. 
Ab, der arme Mafter James! der hat 'mal fo ein 
Armefündergefiht, — habt doch 'mal Mitleid ; hatt'n 
juft ein paar Stunden zuvor aufgegabelt, Tugte mir 
da am Waldrande herum, wollte mit dem ſchwarzen 
Gentlement da nicht recht hinein und nicht heraus ; 
dacht' mir, bei Dem ſieht's au nicht zweimal richtig 
aus, willft doch mal fehen, was ſie vorhaben, hat's 
aber im Geſicht; hab'n kaum angefehen, wußt' ich 
ſchon, wie viel es gefhlagen, hatte. Ei, ſagt' id, 
Mafter, ſagt' ich, woll'n 'mal zufammen fhauen, ob 
wir den NYankees nicht eine Nafe drehen und und 
nah Newyork oder Philadelphia durchſchlagen können. 
Es kann do fo gar weit nicht ſeyn?“ 

„Eine Kleinigkeit, « Tachten Alle; „fünfundzwanzig⸗ 
hundert Meilen. « 

nDanfees Meilen“ fragte der Irlänber mit einem 
pfiffigen. Blinzeln, „bavon gehen fünfzehn auf eine 
engliſche.“ 

„Der Kerl iſt witzig,“ riefen ihm Einige zu. 

"Ne, Spaß bei Seite, find ed wirklich zwei⸗ 
taufend ?« 

„Fünfhundert darüber, und gutg.a d 

Der Regitime. II. 6 


— 2 — 


„Bei Iafus.!“ Ereuzte fich der. Irländer, „wenn's fo 
if, da war meines Vaters Sohn doch ein gewaltiger 
Narr, dag er. feine ſechsunddreißig Dollars fo ver- 
filbert, als wenn fte ihm in der Taſche brennten. 
Und wenn fie num Ale fo find, wie der verfluchte 
‚Nantang pas, ftelt Euch 'mal vor: als wir und denn 
da mat Mafter James und dem Neger-Öentleman 
zufammen gefunben, da machten wir uns auf'n Weg; 
Ihr wißt warum und weßwegen: in unſern Magen 
hatte es bereits zwei Mal Mittag geſchlagen. Wohl, 
kamen denn ſo in der beſten Intention auf ein Haus 
zu, und ein ſauberes Haus war's auch noch, ſteht ſo 
ein Landlubber mit zwei Lehdies vor der Thür, und 
fieht uns ganz behaglich zu, wie wir Einer nach dem 
Andern angeſtiegen kamen. Maſter James hielt ſich 
jedoch zurück und wollte auch mich nicht vorlaſſen; 
aber Dayy iſt kein Narr, und fo ging er denn friſch 
d’rauf und d'ran. Es that Noth, in meinem Magen 
rumpelte es, ſo wahr ich meines Vaters Sohn bin, 
wie in der Sarah, wenn ein Nordweſter angezogen 
kam. Thut mir nur leid um den ſchönen Kratzfuß 
und die vielen Complimente, die ich ſchnitt; aber die 


8 
Damen waren fauber, feine [hönern in Dublin, und 
das will viel ſagen · 

Der Ire war mit ſeiner Begleitung, worunter wir 
die ſämmtlichen zurückgebliebenen Milizen verftehen, 
vor dem Wachthauſe angelangt. Eine Anzahl der⸗ 
ſelben hatte ſich vor den Eingang geftellt, fo gleich⸗ 
fam ſtillſchweigend den Wunſch zu erfennen gebend, 
noch etwas mehr von dem luſtigen Zeiflge zu hören, 
ebe er in die Wuchtftube abgeführt würde. Sein un 
gemein brolliged Wefen und feine unverflegbar un⸗ 
verfhämte gute Laune hielten die Mienen feiner Zu⸗ 
börer in fteter lachluſtiger Spannung. 

„Wohl, Gentlemen,“ fuhr er fort, „rüdte ſodann 
die Kappe in der Hand an meinen Dann und bie 
beiden Lehdies heran, und fragte ihn auf fo gut fran= 
zöftfeh wie Ihr je gehört habt: Parleh fouhs frenseh 
Monsiehour ? fagt’ ih; wui, fagt er; da war ich froh. 
Wir find zwei arme reifende Gentlemen von der See, 
mit dem ſchwarzen Gentleman vom Lande hier, dad war 
der Neger, und wir wollten gerne ſogleich nad New⸗ 
york oder Philadelphia oder Bofton, wenn das näher 
ift, fagt’ ih. Da winkt der verbammte Lanhlubber, 
fhaut mid an, als hätt’ er in feinem Leben feinen 

6 % 


— 8 > 


Teer gefehen, und heißt mich verdrießlich einen: Je 
nantang pas.“ 

Das Parleh fouhs frenseh Monsiehour haft Du 
franzöftfeh gefragt, das Uebrige aber in Deinem 
auberwälfchen iriſchen Brogue, « bemerkte Einer der 
Umftehenden lachend. 

„Ei, bei allen Mächten! wie glaubt Ihr wohl, 
daß meines Vaters Sohn auch reden fol, als in ſei⸗ 
ned Vaters Sprache?“ u 

Es brach nun ein Gelächter aus, fo brüllend, fo 
übermäßig, daß die bereitö weit entfernten Frauen 
und Mädchen vermindert flehen blieben. "Nur ber 
Britte ſchoß wüthende Blicke auf feinen armen irlän- 
pifchen Reifegefährten. 

„Und was thateft Du? fragten ihn gwanig. 

„Damn ye,“ fuhr der Ire fort, als ſich der Auf⸗ 
ruhr ein wenig gelegt hatte, „glaubt Ihr, ich hab’ 
ihn fo bald fahren laſſen, wenn mir aus der Küche 
herüber‘der Dampf fo Hiebreich in die Nafe fuhr? ich 
fragte ihn nochmals: Parleh fouhs frenseh Monsie- 
hour, fagt ich, und der Kahlkopf fagt wieder wui, 
und als ih ihm mieber unfere Noth auseinander 
feßte, ſchaut er mich wieder wie verrüdt an. Der 


{+85 
Maulaffe, er verftand wieder Fein Wort franzöflgch, 
und als ich ihm weiter erklärte, ward er zornig und 
hieß mich wieder einen Je nantang pas. # 

„Und Du?a brüllten Fünfzig. 

„Fragt 'n nochmals: Parleh fouhs frenseh Mon- 
siehour ? und dann jagt’ ich ihm, der Teufel fol ihn 
holen, wenn er fo gleihgültig zufehen kann, wie 
zwei Gentlemen am Hungertuche nagen. Er aber 
hieß mich wieder giftig einen Je nantang pas. “ 

„Ei, das haft Du aber doch nicht geduldig ein= 
geſteckt; viefen ihm Zwanzig mit brülfendem Ge⸗ 
lächter zu. | 

»Da kennt Ihr Davy Murphy fehleht, wenn 
Ihr denkt, er ginge fo Teichten Kaufes davon; war 
fhon halb wild und rief ihm nochmals mit lauter 
Stimme in die Ohren: Parleh fouhs frenseh Mon- 
siehour ; aber da hättet Ihr ihn fehen follen, er wurde 
toll wie Gapitain Morand, wenn’3 nen Squall feßte 
und er von der Rumflaſche weg muß, zappelte vor 
Wuth an allen Gliedern und fuhr auf mich zu. Um 
das hätte ich mich wenig geſcheert; aber ed kamen ein 
halb Dutzend Neger mit Knitteln und Veen, Alle 
auf mich 108. Wurden ihrer zu Viele, und fo ſchaur 


eu | 
ich denn, w wo ver gimmermann Loch ofien gelaffen; 
det verfludhte Landlubber!“ | 

„Und wie ging es Euch. weiter?“ fragten Zwamzig. 

„Hört 'mal, « fuhr der Irländer fort, „in Eurem 
Danfeelande weiß man nit, ob man gefotten ober 
gebraten iſt; aber wenn wir nicht geftern in einer 
Raͤuber⸗ und Mörberhöhle warten, Mafter James 
Hodges, fo will ich wie eine Kanone vernagelt feyn. 
Bei Jafus! Und die alte Vettel vor der Thine.a " 
‚ »$unb,“ vief Einer der Hintenftehenben, " ich drehe 
Dir den Hals um, wenn Du meine Mutter fo titu- 
Yirft. u 

„Ei, Mutter! Capitain Rock hatte auch eine, und 
James Kirkpatrik, der in Ketten zu Greenwich ge- 
rade unterm Hofpital am Strande hängt, könnt ihn 
noch Happern hören, wenn der Wind sieht, der Hatte 
wohl auch eine?“ | 

„Ne, weiter,“ beruhigten ihn Andere, j „fürchte 
Dich nicht.“ 

„Verdammt ſey Deine Plauderzunge, rief ihm 
der Britte zu, der ſich kaum mehr halten fonnte; 
„wenn Du nicht ſchweigſt, fo drehe ich Dir den Hals 
um. 


— 1 — 


Er machte Miene, feine Drohung in Ausführung zu 
bringen, jedoch ohne auf den eigenwilligen Iren die 
mindefte Wirkung hervorzubringen; im Gegentheile, 
der Zorn feines vormaligen Gefährten fette fein 
Mundwerk nur um ſo mehr in Bewegung, als er 
ſeinen Triumph in den Geſichtern der Menge las. 

„Schaut nur, wie Ihr d'raus kommt, Maſter Ja⸗ 
mes,“ rief er, „und laßt mir die Sorge für meine 
Zunge. Meine Zunge ift eine fo gute Zunge, wie’ 
eine in Irland, hat Niemanden etwas zu leid gethan, 
meine Zunge; habt fie nicht gefüttert, meine Zunge; 
braucht ihr alſo nicht das Meden zu verbieten, meiner 
Zunge.“ 

„Bravo, Paddy!« rief e8 von mehreren Seiten, 
„Du bift in einem freien Lande. « 

„Eben deßwegen,“ fuhr Diefer fort, „aber ber 
Teufel feibft hätte Rißaus genommen, wenn er mit 
und im Bette gewefen wäre. Wohl denn, Gentles 
men, als wir jo liefen, die Neger hinter und drein —“ 

nSelbft Neger,“ Ereifchten ihn ein Dutzend Woll- 
köpfe aus dem äußern Halbzirkel zu. 

„Laß Dich nicht irre machen, Dany !a 

„Wohl,“ fuhr der Ire fort; „als wir fo liefen — 


—8- 


auch after James hob feine Beine, da ginge dem 
fort über Stumpf und Stiel, durch Wälder und Fel⸗ 
ber, weiß ſelbſt nicht mehr wie lange, "wir liefen wie 
zwei ehrliche Unterthanen Gr. brittiſchen Majeftät 
nur laufen können, ivenm bie Yanfees hinter ihnen 
drein find.“ 

- »Da8 war nicht übel, Padby,⸗ bemerkte Einer, 
nbier-ift ein anderer halber Dollar.“ 

„Der Himmel fegne es?« verfeßte der Junge, nenn 
nur Euer Whisky nicht gar fo fchlecht ware! — Wir 
waren ein paar Stunden ſo auögezogen, auf einmal 
fahen wir und vor einem Haufe oder einer Hütte ober 
einem Blockhaus, wie Ihr es nennen mögt. Saß da 
eine Alte vor der Thür, und wieder fragt’ ich: Parleh 
fouhs frenseh Monsiehour ? und fie fchüttelte den 
Kopf. Wollte fehon abziehen, dachte, da ſetzt's auch) 
nicht viel, fragte aber doch, ob wir nicht eine Eleine 
Unterlage für unfere rebelliſchen Mägen und Knochen 
haben Eönnten ; und hol’ mich der Teufel, fie fagt ja, 
in einem fo guten Engliſch, als je in Kildare gehört 
wurde; aber famen uns theuer zu ftehen, die Schin- 
kenſchnitte und Wälſchkornpfannkuchen und der Thee. 
Es ſah grauslich aus-in der Stube, könnt mir 


9 


glauben! ein Menfchenkopf mit Füßen und Beinen 
in einem Troge, die Arme in einem zweiten, dazu das 
Grabeslicht; wir ſaßen wie im unterſten Schiffsraume 
bei unſerm Nachteſſen.“ 

Der Britte wurde mit jedem Augenblicke ärger⸗ 
licher: 

„Wohlwerthe!« fuhr der Ire fort, „Dayy ift fein 
Narr, er weiß was er weiß, umfonft hat ung bie 
alte Here nicht fo freundlich ind Haus hineingewinkt, 
und dann dad Mefjerfchleifen in der ſpäten Nacht, — 
be? — haben wir's denn nicht mit unfern eigenen 
Ohren gehört?“ .. 

Die drei jungen Männer, Die die beiben Gefange- 
nen und ihren Iuftigen Compagnon eingebracht hatten, 
ſprachen num leiſe mit den Miligen, und es entſtand 
wieder ein lautes betäubendes Gelächter. 

„Und fte haben alfo auf Euer Eoftbares Leben einen 
Anschlag gemacht?“ fragten ihn Mehrere. 

„Ei, Ihr mögt lachen,“ ſchrie der Ire, „wärt Ihr 
aber an unferer Stelle gewefen, wäre Euch dad La⸗ 
chen mohl vergangen. Als wir fo im Bette Tagen, 
Mafter James und ich, und die draußen in der Stube 
unter einander zu wispern anfingen: Die Beiden ent- 


— 0 
gehen und nicht, uber haltet die Meffer parat, es tft 
Nacht, und die Kugeln Eönnten fle nur anfehleßen, laßt 
fie ruhig noch eine Weile im Bette-und fehneibet ihnen 
die Kniegelenke ab. Ja, fo fagten fie, und das mun⸗ 
kelten ſie, verficherte der Ire, vund mas fagt denn 
Ihr dazu? fragte er die Umftehenden, . 
„Das ift ja ſchrecklich,“ riefen Mehrere mit einem 

Schauder, der wieder in einem brüllenden Gelachter 
endigte. 

Ja, das war es au; ; aber wir ſprangen, als 
wir die Vögel ſo ſingen hörten, Beide zugleich aus 
dem Bette, als ob der Donner drein gefahren waͤre. 
Maſter James, der wollt’ ed anfangs nicht glauben; 
aber dann horchte.er felbft an der Thüre, und durch 
die Spalte jah er ihrer Drei in der Stube, ihre Stutzer 
‚in der Hand und ihre Meſſer auch, und auf unfere 
Thüre fchauten fie fo geimmig, da fprangen wir Beide 
zugleich aus dem Fenſter auf gut Glück.⸗ 

ind Ihr zwei Schaafsköpfe habt in allem Ernfte 
Mistreß Blunt für eine Räuberin und ihre Söhne 
für Räuber gehalten?“ fragten ein- Dubend zugleich. 

„Bei allen Maͤchten!“ rief der Irlaͤnder in verwirr⸗ 

tem Staunen, „wie meint Ihr das?“ 


9 9 - 


„uUnd die Hirſche, die fie in der Nacht zu jagen 
audgingen, auf Euch gedeutet? fragten andere Zwan⸗ 
zig, „und bie geſchlachteten Schweine für gemorbete 
Menfchen angefehen? und Euer gefcheibter Compag⸗ 
non, der Midſhipman im Donnerer Sr. brittiſchen 
allerercellenteften Majeftät, hat ſich auch aus dem Fen⸗ 
fter ſalvirt?« fragte ein dritter Haufe. 

„Ah Der ſprang,“ rief der Ire, in deſſen neblich⸗ 
tem Gehirn es allmählig zu tagen anfing, „Der ſprang, 
als ob der Donner in den Mainmaft hineingeſchlagen 
hätte. Flugs war er durchs Senfter; aber der arme 
Gentleman war aus 'm Regen in die Traufe gekom⸗ 
men, und ſchrie, als ob er am Spieße ſteckte; er war 
einem brummenben Bären in den Rachen gelaufen. « 


Bweinnddreißigfies Kapitel. 


.. Wie ein Vogel, der den Baben bricht 
Und zum Wale kehrt, 
Schleppt er des Sefängniffes Sqchmach 
Noch ein Stückchen, den Faden, nach; 
Er iſt der alte freige borne Vogel nicht. 
‚Bötpe. 


Unfere Lefer kennen die ernſte, ſtattlich ſteife Per⸗ 
fon Bruder Jonathans oder, wie er ſich neuerlich zu 


—ı 9 

nennen angefangen hat, Uncle Sams, zu wohl, um 
mit ihm nicht den etwas derben.Scherz zu fühlen, der 
‚ihn nun auf Koften feines ihm eben nicht ſehr wohl⸗ 
gewogenen Verwandten zu Theil’ warb, und der, fo 
wenig übrigens befagter Uncle Sam für vielen Spaß 
entpfänglih iſt, des wahren Salzes. eine zu flarke 
Dofis. Hatte, um ihn nicht zu vermögen, die herge- 
brachte, etwas fteife republikaniſche Würde einftmeilen 
abzulegen und feine Lachorgane in Bewegung zu jegen. 
Es war wirklich ein recht origineller Streich John 
Bulls, mit all der gehörigen Farbengebung von Ueber- 
muth und Albernheit, Irog und paniſchem Schrecken, 
die imferm Verwandten bei feinen Befuchen im Lande 
Bruder Jonathans fo haufig Poflen fpielen und ihm 
jene tragifomifchen Schattenfeiten verleihen, bie das 
Charaktergemülde erft in feiner Vollendung barftellen. 
Das Schickſal felbft fehien ſich verſchworen zu haben, 
unferm jungen brittifchen Uebermuthe eine derbe Lek⸗ 
tion zu geben. Unſere Leſer werden nämlich aus der 
verworrenen Relation des Irländers entnommen ha⸗ 
ben, daß unſer Held, gerade wie er mit ſeinem ſchwar⸗ 
zen Gefährten von der Straße in den Wald einzulen= 
fen im- Begriffe ſtand, von Diefem entdeckt und mit 


— 93 — 
iriſcher Zudringlichkeit um fo weniger Toägelaffen 
wurde, als er gleichfalls Die Ehre hatte, ein Theer zu 
feyn. — Auf dem Irrzuge, den fie nun miteinander 
antraten, war ber Irländer auf die erſte Pflangung, 
die in feinem Wege lag, mit Acht iriſcher Unverſchämt⸗ 
heit Sturm gelaufen, um mittelſt feiner franzöfifchen 
Sprachfenntniß ſich und feinen beiden Compagnons 
eine Heine Magenunterlage, wie er ed nannte, zu 
verfchaffen. Der Ire war in, feiner Anrede an ben 
Greofen natürli) im parlez-vous frangais ſtecken 
geblieben und hatte auf fein weiteres, im rauhen: iri» 
ſchen Dialekte vorgebrachtes Kauderwälſch ein. „je 
n’entends pas‘‘ zur Antwort erhalten. Als er zu- 
dringlicher wurbe, Tieß ihn der Creole wie es zu er- 
warten ftand, im Slauben, er werde zum Beten 
gehalten, aus dem Haufe werfen. Das Lächerlichfte 
dabei war. jedoch der Umftand, daß der Junge noch 
Immer nicht begreifen Eonnte, warum der Creole ſei⸗ 
nen iriſchen groben Brogue nicht für baar franzöſtſch 
verſtehen wollte, nachdem er doch fein parleh fouhs 
frenseh Monsiehour, das ſich in ſeinem Gehen feft- 
geſetzt, dafür erkannt hatte. 
Der zweite Verſuch unfeser Abenteurer. war nicht 


—i 4 

weniger ‚beträbt ausgefallen. Bor einem Sinter- 
waͤldlerhauſe angekommen und da ſelbſtmitleidig auf⸗ 
genommen, hatte ihre aufgeregte Phantaſie die 
abgethanen Schweine für geſchlachtete Menſchen an⸗ 
geſehen und die Reden der ſich auf eine nächtliche Hirſch⸗ 
jagd vorbereitenden Söhne des Hauſes ihre Gehirn⸗ 
kammer ſo gänzlich in Aufruhr gebracht, daß ſie, um 
ihre Haut zu retten, in gerechtem Entſetzen bei Nacht 
und Nebel aus Bette und Fenſter ſprangen, wobei 
unſer Midſhipman noch dad Unglück hatte, einem 
jungen Bären, der, wie dieß haufig der Fall ift, zur 
Mäftung an einer Kette lag, in die Tatzen zu gera⸗ 
then und ſo feſtgehalten zu werden, bis ſein Hülfe⸗ 
ruf endlich die drei Söhne des Hauſes herbeilockte. 

Auf unſern Britten nun hatte der Auftritt eine 
ſeltſame Wirkung. Er beſaß überhaupt, wie unſere 
Leſer wiſſen, bei vielem Muthe auch eine teichliche 
Gabe jenes kalten, höhnenden Uebermuths, den die 
ariſtokratiſchen Jünglinge des Mutterlandes fo un 
vergleichlich in Worten und Geberden an den Tag zu 
fördern verſtehen, jenen kalten, ſ elbſtiſchen Vebermuth, 
auf den John Bull fih fo viel zu gute thut, und ber, 
die Wahrheit zu geftehen, ihm vieleicht mehr genügt 


bat im gewaltſamen und friedlichen Verkehre mit fei- 
nen gefügigern und ſchlichten Nachbarn, als fein wirkli⸗ 
her Muth, der aber gewöhnlich den Kürzern zieht im 
Verkehre mit ſeinem kalten, ſtarren Verwandten. So 
ſehr er ſich nun in dem Spotte gefallen hatte, den er 
ziemlich derb bei jeder Gelegenheit über die fi ogenannten 
NYankees ausgegofſen hatte, fo ſ chien ihm doch die Noth⸗ 
wendigkeit nicht einzuleuchten, die kleine Züchtigung, die 
er fich ſelbſt zugezo gen, mit tAnftand zu ertragen. Schon 
daß er, ein Midſhipman im Donnerer, vor einen 
bunten Haufen Hankees gebracht worden war und da 
ſein Verhör beſtehen mußte, war ein Umſtand, der 
ihm, der ſich ſeine Richter nie ohne die gehörigen 
Perücken, oder wenigſtens goldene Epaulettes denken 
konnte, mit Schauder erfüllte; daß aber eben dieſe 
Danfeed in ihrer plebejifchen Frechheit fo weit geben 
und einen brittiſchen Offizier, der ‚die Lieutenantſchaft 
gewiffermaßen in der Taſche hatte, zum Gegenflande 
ihres Gelächters machten, überftieg fein Capacitäts⸗ 
vermögen fo fehr, daß wir ihn, den fröhlichen Jun⸗ 
gen, ber bisher in guten und fhlimmen Lagen ſich fo 
wader und launig bewiefen, Taum mehr erfennem 
würden, hätten wir nicht den Schlüffel zu diefer felt- 


— 6 


famen Verwandlung Im Nationalcharalter beſagten 
John Bulls. | 

.&r ftand nun, in Folge feiner Entwehchtng und 
der durch Roſa und die Indianer gegebenen Aufklã⸗ 
rungen, abermals im Verhöre, das der Comman⸗ 
dant des Depots ſogleich nach dem Exercitium zu⸗ 
fammenberufen hatte. So ſehr Dieſer von ſeiner 
Unſchuld überzeugt ſeyn mochte, fo -Fonnte er doch 
nicht umhin, bei dem Vernehmen des jungen Man⸗ 
nes alle jene Genauigkeit und ſelbſt Strenge blicken 
zu laſſen, die ebenſo die Unſchuld des Jünglings, 
als ſeine eigene Unpartheilichkeit darthun ſollte. Ein 
ſchleuniges Verfahren war um ſo nöthiger, als, trotz 
der einleuchtenden Unſchuld des Verdächtigten, Gefahr 
im Verzug obwaltete. Selbſt der Umffand, daß ein 
Bewohner des Städtchens mit in ſeine Entweichung 
verwickelt: war, erſchien von einer um ſo größeren 
Bedeutung, als wirklich mehrere ſehr gefährliche Ver⸗ 
ſchwörungen von Ausländern in der Hauptſtadt ent⸗ 
deckt worden waren. Allein der Capitain fand in 
dieſer ſeiner menſchenfreundlichen Bemühung, den 
jungen Mann fo fchnell als möglich aus feiner kriti⸗ 
fen Lage zu reißen, nicht geringe Schwierigfeit in 


— 17 — 


Dieſem, der ed recht darauf angelegt zu haben ſchien, 
feine gute Sache felbft zu verderben. Der junge Mann. 
Hatte den Kopf gänzlich verloren und fchon bei feinem 
Eintritte in die Verhörftube diefes durch einen Trotz, 
einer Hintanſetzung alled Anftandes bewiefen, ber bie 
fämmtlichen Offiziere mit Unwillen erfüllte. Im Ver⸗ 
laufe des Verhörs ſah fich der Bapitain einige Mal 
genöthigt, ihn ernftlich zurecht zu mweifen. Das Vers 
hör Hatte bereit3 mehrere Stunden gedauert, ohne 
ein Nefultat zu ergeben. Selbft die Frage, ob er mit 
einem der Einwohner des Städtchen im Einver- 
ftändnifje geweſen, wollte er, trotz des Flehens Diefer, 
nicht beantworten. Mehrere waren bereits mit ihm 
eonfrontirt worden und unter Diefen unfer Schenk⸗ 
wirth, den wir unter dem Namen Benito kennen. 
Die Offiziere ſchritten nun zum letzten Punkte, näm= 
lich der Gonfrontation mit den Indianern. Zuerſt 
wurde Rofa eingeführt. | 

„Ihr bekennt alfo nicht, daß Ihr mit Tofenh und - 
den Seinigen in Verbindung geftanden nr fragte 
Gapitain Percy. 

Der Gefangene gab ein berdrießlches „Rein“ zur 
Antwort. | 

Der Legitime. II. 7 


— 8 > 

„Remit Ihr dieſe junge Dame ?s. fragte der Ca⸗ 
pitain. 

Mofa war an ber Hand zweier Offfziere durch die 
geöffnete Thüre eingetreten. Sie verneigte fich ſitt⸗ 
fam vor den Anweſenden, die ihrerfeitö aufſtanden 
und fie baten, fi auf den Seſſel niederzulaſſen, den 
Einer der Offiziere für fie hinſtellte. Sie hatte jedoch 
den Gefangenen kaum erſehen, als fle auf ihn zu= 
trat, und, feine Hand erfaſſend, ihn fragte: „Mein 
Bruder! Du bift fehr blaß; Wer hat Dir etwas zu 
leid gethan?“ | 

Das befümmerte Mädchen, das ihm theilnehmend 
wehmüthig ind Auge blickte, weckte ihn für einen 
Augenblick aus feinem düftern Dabinftarren. Ex fah 
fie forſchend, Kalt, beinahe unmillig eine Weile an. 
„Ah, Roſa, find Sie es? Vergebung. « — Und wies 
der heftete er feine Augen zur Erde.‘ 

Die Offiziere ſchienen eine nähere Erflärung der 
‚ beiden jungen Leute zu wünfchen; aber ber Gefangene 
ſchwieg fo eigenfinnig verbüftert; daß dem Mädchen, 
das ihm einige Zeit verwundert angefehen hatte, ſicht⸗ 
lich bange warb. 

„Mein Bruder !u Sprach fie mit flehender Stimme. 


— N = 


„warum bift Du böſe? Du zůrnſt doch wit Deiner 
Schwefter ?u 

„Mein Bruder!“ bat fie abermals, „rede doch! 
ah warum hift Du nicht bei dem Miko geblieben. 
Sieh, Canondah hat e8 Dir geſagt, daß die Weißen 
Dich töbtenwürben. Ach, vielleicht wäre Vieles nicht 
gefchehen. Mein Bruder! Nicht wahr, die Beipen 
find kalt ?« flüfterte fie. 

Ein Knirſchen mit pen Zähnen war all die Antwort, 
die fie erhielt. — Sie zog ſich verfchüchtert zurüd 

„Wollen Sie gefälligft, Miß Roſa,“ ſprach der 
Eapitain Percy endlich nah langem vergeblichen 
Warten, „uns einige Fragen beantworten ?« 

„Ja wohl, mein Bruder;“ verfeßte fie. 
„Sie kennen den Gefangenen?“ auf den Dritten 
deutend. on 

nGewiß, mein Bruder !u 

„Wie fam er in das Wigwam der Indianer?» 

„Ganz Trank und verwundet.“ 

„Wer nahm ihn auf? 

„Canondah, die Tochter des Miko, auf die Bitte 
Roſas. Der Miko war auf der großen Iagb. « 

7 % 


— 10 — 

„Bat er während feines Aufenthaltes im Wigwam 
per Oconees den Miko geſehen?“ 

⸗Nein, mein Bruder! Er zitterte vor Furcht, ihn 
zu ſehen. Ex rannte Tag und Nacht, um aus dem 
Wigwam zu entkommen, ehe der Miko zurückkehrte, 
und nachdem er geſund geworden war. Er hat den 
Miko nicht geſehen.⸗ 

Et bat alſo mit den Indianern, männlich oder 
weiblih, Feine Art von Verbindung gehabt?“ 

„Nein, mein Bruder! Er ſprach bloß mit Canon⸗ 
dah, die ihm Zu effen brachte, und mit Roſa.⸗ 

Wie lang blieb er im Wigwam?« 
»Eiebzehn Tage’ oder Sonnen.“ 
Der Gefangene hatte jeine Augen ftier- auf den Bo⸗ 
den geheftet; zuweilen vaffte er fich auf, warf einen 
Blick auf die Sprechenden, dann verſank er in fein 
voriges Dahinſtarren. 

Der Capitain ſtand nun auf, und Roſen bei der 
Hand nehmend, führte er ſie ſeitwärts zu einem Sitze, 
ſie erſuchend, einſtweilen Platz zu nehmen. 

In demſelben Augenblicke trat der Miko, begleitet 
von zweien ſeiner Oconees, ein. 

„Tokeah!« rieſ der Jüngling, ber ben Indianet 


—t 101 ⸗— 


eine Weile filer anfah und dann wieder das Auge zu 
Boden ſchlug. „Damn, Euer. Wigwam,“ murmelte 
er in fih hinein, „hat mich in eine faubere Wäfche 
gebracht. « | 

Der Häuptling fah den Gefangenen eine Welle 
aufmerffam an und ſprach dann: „Tokeah hat e8 ſei⸗ 
nem Bruder gefagt, ald er von ihm Abfchien nahm, 
daß ihn die Weißen als Späher einfangen würden. Mein 
Sohn hätte bei den rothen Männern bleiben follen: « 
. „Damn die weißen und dierothen Männer ;« mur⸗ 
melte der Britte zwifchen ven Zähnen. „Wollte, ich 
wäre lieber in die Hölle gerathen, als in Euer Wig- 
wam und unter die v— 4 

Der Indianer wurde immer aufmerkfamer. 

„Tokeah!« fragte der Eapitain, wift diefer junge 
Menſch Derfelbe, ver fich vierzehn Tage bei Euch auf⸗ 
gehalten hat?« 

„Er ift es,“ ſprach der Indianer, „den Eine, die. 
nicht mehr ift, und die weiße Nofe in das Wigwam 
des Milo gebracht haben. « 

„Dem Eure Tochter die Kleidungsſtücke gegeben hat, 
die er auf dem Leibe trägt. « 

Der Indianer nidte. 





402 — 


- „Der aus dem Wigwam entwiſcht iſt/ gegen Euern 
Willen und Euer Wiſſen 74 fragte der Capitain wieder. 

Ich glaube, Capitain,“ bemerkte der Zunächft- 
figende, „Sie ſollten die Beiden confrontiren und. 
nicht dem Indianer die Worte auf die Zunge legen.“ 
 nXofeah, u ſprach der Häuptling, nbat feinen Rund 
bereits zweimal geöffnet und feinen weißen Brüdern 
die Wahrheit gefagt; der Miko ſchlief, als fein weißer 
junger Sohn kam und er war auf der Jagd, als er 
ging.“ 

wUnd warum,“ ſo fragte der Milizenofftiier den 
Gefangenen, „habt Ihr Dieſes nicht früher geſagt?“ 

Dieſer gab Feine Antivort. 

Der Indianer ſah ihn eine Weile verwundert an 
und ſprach dann: „Mein Bruder magreben; er mag, 
was Tokeah gefagt hat, mit feiner Zunge befräfti- 
genz ber Miko bindet feine Zunge nicht mehr.“ 

Der Gefangene ſchwieg nord immer. „Der Mio,“ 
fuhr er endlich mürrifch heraus, „weiß, was er zu 
thun bat, und ich thue, was mir gefällig iſt.“ 
„Als mein-weißer Bruder dad Wigwam ber Oc⸗ 
eoneed verließ,“ ſprach der Indianer Eopffhüttelnd, 
„da band ihm Tokeah die Zunge, weil er den Pfad, 


118 ⸗— 


der zu feinem Wigwam führt, rein halten wollte. Es 
iſt num nicht mehr und der Seeräuber hat e3 ver- 
brannt, Tokeah bat ihm den Ruͤcken gewendet. Mein 
Bruder mag reden. Mein Sohn muß reden,“ fuhr 
er nach einer abermaligen Paufe.fort; „die weißen 
Brüder und der große Vater würben fonft.glauben, 
daß er und die Seinigen auf dem nämlichen Pfade 
mit den Söhnen des Vaters von Canada begriffen 
find. « 

„Glauben Sie, Gapitain, daß diefes in der Ord⸗ 
nung iſt;“ bemerkte wieder Einer der Beiſttzer. 

„Ich glaube, es ift ganz in der Ordnung;« er- 
wieberte Dieſer. „Wie wir aus dem Brotofolle, das 
vorgefteru mit den Indianern aufgenommen murbe, 
erfehen, jo hat Diefer dem Gefangenen dad Ehren=, 
wort abgenommen, die Lage feined Wigwams an 
Niemanden zu verrathen.“ 

Der Indianer hatte unterdeffen den Gefangenen 
aufmerffan betrachtet. „Mein. Bruder,“ ſprach er, 
mist wie der Bürfelftier, der in der Grube gefangen ift. 
Sein Muth ift im Loche geblieben.“ Und mit diefen 
Worten wandte er ſich von ihm. 

„James Hodges,“ fprach der Capitain, „Ihr ſeyd 


—H 104 — 


hiermit aufgefordett, Erklärung über Euern Aufent- 
halt bei den Indianern zu geben. I Tann bei dieſer 
Gelegenheit nicht umhin, Euch Gerechtigkeit hinſicht⸗ 
ih der Treue widerfahren zu laſſen, mit der Ihr 
Euer, dem Indianer gegebenes Ehrenwort gehalten 
habt.“ 
„Ste haben ihn ja gehört, fo wie das Mädien. 
Schreiben Sie, mad Sie wollen; chun Sie, was Sie 
wollen.“ 2 

„Ihr meint Miß Roſa, junger Menfh,“ verwies 
ihn der Offizier, „diefelbe junge Dame, die Euch mit 
Gefahr ihres Lebens aus dem Wigwam entließ?« 

Der Gefangene erröthete; einen Augenblick war er 
"betroffen, dann ſchlug er feine Augen wieder zur Erbe. 

„Fahrt nur fort,“ bedeutete ihm der Offizier. 
„Vergeßt jedoch nicht, daß es Eure Angelegenheit 
nicht verfchlimmern wird, wenn Ihr von Perfonen 
mit Ehrerbietung ſprecht, denen fein Gentleman Ach⸗ 
tung verfagen wird, und Die am mwenigften von Eud) 
Geringſchätzung verdient haben. « 

„Ich habe nichts weiter zu fagen,“ verſetzte ber 
Gefangene mit etwas leiferer Stimme und befchämt, 


—) 16 


wie es fhien. „Brauche Eure Gunft und Gnade 
nicht; “ fügte er mürriſch hinzu. 

„Junger Menſch! Ihr ſeyd irrig, wenn Ihr glaubt, 
es ſey bloß um Euch in dieſer Angelegenheit zu thun. 
Ihr fend es der Ehre Eures Landes, Eurer Mitbür- 
ger, der Flotte ſchuldig, zu der Ihr zu gehören vor⸗ 
gebt, den Verdacht abzuwälzen, der auf Euch Taftet.« 

„England und feine Flotte werden ihre Ehre felbft 
zu rechtfertigen wiſſen; fpradh der Gefangene, fi 
ſtolz aufwerfend. „Scheint, es kitzelt Euch,“ fuhr er 
murmelnd fort, „daß Ihr mit guter Art einen Britten 
in Eure Klauen gebracht habt, an dem Ihr Euer 
Müthchen ungeftraft Fühlen könnt. — Macht, mas 
Ihr wollt.“ 

„Es kömmt mir vor, mit dem kungen Menſchen 
iſt's nicht richtig; „bemerkte Einer der Milizoffiziere. 
„Ich glaube, wir heben einftweilen das Verhoͤr auf. « 

Der Capitain ſchien Bedenken zu tragen und 
wandte ſich nochmals an den Gefangenen. „Ihr wollt 
aljo nicht Rede ftehen?« 

Ein mürriſch trogiges Kopfſchüttrin war Alles, 
was er zur Antwort erhielt. 

Die Offiziere erhoben ſich nun und der Gefangene 


— 16 > 
wurde abgeführt. Ohne aufzublicken hatte ex ſich 
gewendet und die Stube verlaffen. Auch die Indin- 
ner, wurden freundlich. entlafien, und Roſa wieder 
von zwei Offizieren in die Mitte genommen und aus 
dem Hauſe "begleitet. . | 

„Das ift ein fo dummer, roher Zunge, u bob end= 
lich Einer der Beifiger des Verhöres an, „als mir . 
noch je einer in meinem Leben vorgefommen iſt.“ ' 

„Nichts Hündifcheres, Verſtockteres;« verſetzte ein 
Zweiter. „Es iſt, als ob das böſe Gewiſſen ihn 
nicht aufſchauen ließe.“ 

„Ich weiß nicht,“ fiel der Capitain ein, ver be 
nahm ſich früher mit vieler Artigfeit und ganz ald 
Gentleman. Ich bin wirklich ganz erftaunt über die 
Beränderung ‚ die mit ihm vorgegangen. « 

n sch. weiß nichts vom Gentleman, bin auch feiner, 
fondern ein fchlichter Pflanzer,« bemerkte der dem Li⸗ 
niencapitain zunächft ftehende Hinterwäldler, der im 
hellgrünen "rad und. pompabourrothen Pantalons 
einen Gapitain der Opeloufasmilizen cepräfentirte, 
naber fo viel fehe ih, Daß ber junge Menſch einen 
Trotz hat, wie Einer. Er ift.ein Iohn Bull, ein 
wahrer junger Bull, dem der Kiel benommen ift. 


— 107 ⸗— 


Ich hab' ihn mir genau in Opelouſas angeſehen. 
Jedes Wort war Hohn, jede Miene ausgelaſſen, 
muthwillig; es war des Spottes kein Ende. Wißt 
Ihr, was ihm den Kitzel benommen hat? Die Ge⸗ 
ſchichte bei Mistreß Blunt. Daß er ein ſolcher Ha⸗ 
ſenfuß war, und ſich fo in's Bockshorn jagen ließ, 
das verzeiht er ſich und uns nimmermehr. Glaubt 
mir's, der Junge gäbe kein gutes Wort um ſein Le⸗ 
ben, und wäre in dieſem Augenblicke froh, wenn wir 
ihn hingen. « 

"Das tft auch meine Meinung,“ verfegte ein An⸗ 

derer. „Nehmt Iohn Bull, fo wie Ihr ihn hier vor 
Euch feht, den Hochmuthsteufel, und Ihr Habt einen 
Ochſen, und das ift ber junge Menſch. Er hat den 
Kopf verloren, und gab’ feinen Leoy darum, wenn 
man ihm auch den Hals nähme. Ich glaub's auch, 
es ware ihm lieb, wenn wir ihn hingen.“ 
So hängt ihn,“ meinte ein Dritter. „Ich, meiner- 
feitö, kann nicht fehen, warum wir da mit dem jungen 
Laffen ſo viel Federlefend machen. Laßt 'n anrennen, 
wenn er Luft dazu hat. Den ganzen Tag exerzirt 
und protofollirt. Es ift halb neun. Wollen doch 
nicht bis Mitternacht ſitzen.“ 


— 108 — 


nenn es ſeyn muß, Lieutenant Wels,“ ſprach 
ein junger Mann, „ſo wollen wir. Es würde uns 
und dem Lande zu feiner. Ehre: gereichen, wenn wir 
und den, Troß des Jungen Mannes zu Nutze machten, 
um Iohn Bull Eines zu verfeßen. Das fähe fo hinterm 
Rücken aus, daß. wir und wahrlich ſchämen müßten. 
Mir find hier, um. der Sache auf den Grund zu 
Iommen. « 

- Bapitain Percy fhwieg. Er ſchien feine befondern 

Urſachen zu haben, fich in diefe heifele Angelegenheit 
fo wenig als möglic zu miſchen und die Sache felbft 
fprechen zu laſſen; wahrſcheinlich hatte er auch deß⸗ 
halb eine größere Anzahl von Offizieren zum Verhöre 
eingeladen, ala ed gewöhnlich der Tal war. 
- Ihr habt hier die Kriegögefeße,“ ſprach der Erfie 
wieder. „Nach dem 22. $. gehört er vollkommen vor 
unfere Schranken. Nah dem 43. $. da ift er der 
Verachtung ded über ihn niedergefeßten Court zeihlich. 
Selbſt wenn das Letztere nur vor die Ohren des Un⸗ 
tern kommt, fo gnade ihm Gott.“ 

„Laßt mich machen,“ fprach der junge Mann, „ich 
glaube, ich kann ihn zum Neben bringen. Lapt ihn 
nochmals vortreten und den Irländer dazu.“ 


400 ⸗ 


„Wohl, Miſter Copeland, wenn Ihr meint;« 
verſetzten die Uebrigen. „Sollte und freuen.“ 

Nach einer Weile traten die Beiden ein. 
Daphy Murphy!“ ſprach der junge Mann mit 
einem ermunternden Blicke, Einige von und haben 
Deine und ‚Deines Leidendgefährten Gefchichte noch 
nicht. gehört. Laß doch einmal los. Wie war e8 mit 
dem nangtang pas und ber Mörderhöhle ?« 

. »Gapitain Percy!« ſchrie der Britte außer ſich, 
wich bitte Sie um Gotteswillen.“ | 

„Euer Wohlehren!# rief der Irländer, fi Hinter 
den Ohren fragend. „Meines Vaters Sohn ift ein 
närrifher Kauz; aber feit der Gefchichte iſt der Gent» 
Ieman da zum Narren geworben. Ich muß, wenn 
ih muß; aber glaubt mir's, er überſchnappt.“ 

„Das Tann Euch aber Alles zu nichts helfen,“ 
verfeßte der Offizier mit einem ſcharfen Seitenblick 
auf den Gefangenen, der abwechfelnd feuerroth und 
leichenblaß wurde. „Wenn Ihr aber,“ fuhr er zum 
Pritten gewendet fort, „Eure Zunge löfen wollt, 
dann erfpart Ihr und die Mühe, Euern närrifchen 
Landsmann zu hören. Gebt Auskunft über das, 


' . 110 > 


mas Ihr gefragt werdet, und ‘wir fönnen Eu viel= 
leicht daß Uebrige erlaffen . . ) 
Der Gefangene ſchwieg noch immer im fichtlichen 
innern Rampfe; dann fiel fein Auge auf den Iren, 
und ald Diefer das Zimmer. verlafen: hatte, löste 
ſich auch feine Zunge. Aber erſt nad) geraumer Zeit 
war er im Stande, bie ihm uorgelegten Fragen zu 
beantworten. Als ex geendet hatte, ſprach der Ca⸗ 
pitain: „Junger Menſch, Ihr habt dießmal beſſere 
Richter gefunden, als Ihr verdient. Ich hoffe, Eure 
Angelegenheit werde ſich ausgleichen laſſen.“ | 





Dreiunddreißigſtes Kapitel. 


Mädchen, vie gut durchſommert und warın 
gehalten werben, find, wie bie liegen um 
Bartholomät, blind, ob fie glei ihre Augen 
haben; und dann lafjen fie mit, ſich handhaben, 
da fie vorher fi nicht einmal wollten anfehen 
laffen. 

& hakespeare. 


Auch unſere eoſa ſchien etwas bange zu ſeyn, ein 
wenig verſchüchtert; ein leiſer Anklang von Unruhe, 
von leichter Verſtimmung war an ihr bemerkbar, 


— 111 ⸗— 


die vielleicht ihren Grund in der ernſtern ·Betonung 
überhaupt, die nach dem Abzuge der Milizen einge⸗ 
treten war, vielleicht aber auch in den Eigenthümlich⸗ 
keiten des Hauſes Hatte, in dem fie ſich nun befand, 
das, obwohl achtungswerth, in vieler Hinficht Hoch 
vielleicht nicht das geeignetfte geweſen ſeyn dürfte, die 
Uebergangsſtufe zu bilden, und ein gewiffermaßen 
aus dem Naturzuftande kommendes Kind, wie unſere 
Roſa, mit den zwangvollen geſellſchaftlichen Verhaͤlt⸗ 
niffen der gebildeten Welt auszufühnen. — Unſer 
Pflanzer nämlih ſtammte von einer jener ariſtokra⸗ 
tifchen Familien ab, die, in frühern Zeiten herüber- 
gewandert, die Cigenthümlichkeiten der englifchen 
Ariftofratie auf den freien Boden unſeres Landes mit 
zu verpflanzen beigetragen hatten, und bie, obgleich 
fie auf Titel feinen Anſpruch machten, ihre Stamm⸗ 
bäume noch immer eben fo wenig vergeffen haben, 
als ihre im Mutterlande zurückgebliebenen betitelten 
PBerwandten. Zwar war bas pofitifche Glaubens⸗ 
bekenntniß des Oberſten das demokratiſche, und Miſter 
Parker war Einer der Erſten geweſen, der ſich ſeit 
feiner Ueberſiedelung der Partei des letzten Präfi- 
benten umd Gründers der neuen bemofratifchen 





— 11 — 


Schule, die im Staate herrſchend geworden war, an⸗ 
geſchloſſen hatte; und der Ernſt, mit dem er die Sache 
ſeines Freundes⸗ Copeland gegen Capitain Percy. er⸗ 
griff, ſchien auch die Aufrichtigkeit. ſeiner politiſchen 
Grundſätze zu verbürgen. Die näher mit der Familie 
Bekannten wollten jedoch wiſſen, daß er ſich nur noth⸗ 
gedrungen, und weil die alten Grundfäge Virginiens 
hier ganz außer Mode, an die herrſchende demokra⸗ 
tiſche Majorität angeſchloſſen Hätte. Es wurde ſelbſt 
behauptet, daß der Oberſte nicht nur die im J. 1789 
ausgeſprochenen Herrſchergrundſätze ſeines Staates, 
jene gewiſſermaßen zur fixen Idee gewordenen Sym⸗ 
bole eines ächten Virginiers, ſondern ſelbſt die weiter 
gehenden Irrlehren des alten Adams, wie er ſelbe in 
ſeiner bekannten Correſpondenz mit Cuningham ge⸗ 
offenbaret, im Herzen trage; ſelbſt der Eifer, mit 
dem er das Meeting und die dabei gefaßten Reſolu⸗ 
tionen betrieben hatte, wurde auf Rechnung jener 
Schelſucht geſetzt, die dem alten ariſtokratiſchen Vir⸗ 
ginier nicht erlaubte, die Anmaßungen eines kaum 
dem Namen nach bekannten und, wenn das Gerůcht 
wahr ſprach, von einer unbedeutenden iriſchen Fa⸗ 
milie abſtammenden Emporkömmlings, den der Zu⸗ 


9 113 — 


fall gehoben, fo gebuldig Hinzunehmen. Es war 
ziemlich allgemein angenommen, daß vorzüglich Mis- 
treß Barker an diefer politifhen Gefligigfeit des Ober⸗ 
ften ihren Antbeil habe, fo wie fle überhaupt nicht 
nur mit, den Führern ber ariftofratifchen Partei in 
ihrem Mutterftaate, ſondern auch in der Bruder⸗ und 
Mankeeſtadt in Verbindung ſtehen ſollte, noch immer 
der Hoffnung lebend, die gegenwärtige demokratiſche 
Tendenz in die ihrer Anſicht nach würdigere ariſto⸗ 
kratiſche des Mutterlandes oder wenigſtens Mutter⸗ 
ſtaates umzuſtimmen. 

Dieſe politiſchen Geſtnnungen hatten nun, wie es 
immer der Fall iſt, auch auf das geſellſchaftliche Ver⸗ 
haͤltniß der Familie einen bedeutenden Einfluß ge⸗ 
äußert, und einen gewiſſen höfiſch berechneten, ſtatt⸗ 
lich ſteifen und wieder gisten Ton in ihr hervorge⸗ 
bracht, der ſelbſt den Nachbarn eine nähere Verbin⸗ 
Dung zu verleiden fehien, die, obwohl fle in guten 
-  Bernehmen mit ihr flanden, doc) ihr Beftreben, ſich 
populär zu machen, nichts weniger als zu würdigen 
ſchienen, infofern dem Oberften bereits mehrere Can⸗ 
vaſſe oder Bewerbungen um Öffentliche eonfidenttelle 

Der Legitime. I. u 8 


—H 114 &— 


Stellen mißlungen waren, und dieſes trag Der Be⸗ 
deutſamkeit, die ihm feine frühe Anflevelung gab. 

Es waren bereitd zehn Iahre feit diefer Ueberſiede⸗ 
Jung aus feinem Mutterftaate Virginien verfteichen. 
Nichts verfnüpft. aber bekanntlich ‚leichter, bindet 
Bürger und Bürger inniger an einander, alß eine 
ſolche, und befonders eine frühe Ueberſtedelung. Die 
mannigfaltigen Hülfsleiftungen, die felbft der Aermſte 
dem Neichen zu leiſten im Stande iſt, die vielfachen 
Entbehrungen, die fih Alle — wenigſtens für einige 
Zeit gefallen Yaffen müffen, bringen die beiden End- 
punkte der Gefellfehaft einander fo nahe, und knüpfen 
fie fo feft, daß ein geringer Grad von Vertrauen und 
Zuvorkommen hinreicht, aus den neuen Nachbarn 
dauernde Vreunde zu machen. Das Benehmen der 
zarten, an Ueberfluß un Vdquemlichkeiten des Lebens 
gewöhnten Mistreß Parker hatte damals ſehr .ge- 
fallen. Sie hatte Die Entbehrungen des Hinterwäld- 
lerlebens mit einem Gleichmuthe ertragen, dem felbft 
ihre ärmften Nachbarn die Bewunderung nicht vers 
fagen Tonnten. Hülfreich und tröſtend, erheiternd 
und leitend war fle ihrem Gatten zur Seite geftanden, 
mit zarter Sand bemüht, felbft diefe Entbehrungen 


—d 115 6 


in Genüffe zu verwandelt. Noch war die Blodfhütte 
zu fehen, in der fie mit ihrem Gatten und Kindern 
bie erften Jahre verliebt. Mit Nührung wies fle in 
bie Ede hin, wo in der einzigen Stube das Piano⸗ 
forte ftand, an dem fle ihres verehrten Sändels fromme 
Melodien ihrer Familie nad) vollbrachtem Tagwerke 
vortrug. Mit Stolz zeigte fle Die abgetragenen. Klei« 
der, die in derſelben Hütte als Andenfen hingen, und 
von ihrer Sand gefertigt waren. Sie war überhaupt 
eine Frau von trefflichen Grundfäßen und einem aus⸗ 
gebildeten Verftande; aber obgleich bei einem nun 
fürftlihen Vermögen einfach und ſcheinbar unſpruch⸗ 
108, hatte fie Doch viel von jener Vornehmheit, dur 
welche Die Damen unferer fogenannten guten Bamilien 
ihren Mitbürgerinnen gewiffermaßen al3 Muſter vor- 
zuleuchten befliffen find; und obgleich weit entferht, 
der guten Dame ein beleidigendes Vornehmthun zur 
Laſt zu legen, fo hatte fie doch eben dieſe Eigenthüm⸗ 
lichkeit in eine etwas falfche Stellung zu ihren Mit- 
bürgern verfeßt, die ihrem Betragen etwas kuͤnſtlich 
Kaltes verlieh, das vielleicht nirgends aufgefallen 


wäre, aber bei einem Volke, wo ber gefelichaftliche 
E g* 





—: 116 — 


Eharakter mit dem Sffentlichen fo innig verſchmolzen 
ift, Mißtrauen zu erregen nicht verfehlen konnte. 
Wir begnügen uns einftweilen, unfern Lefern diefe 
Andeutungen über eine Familie zu geben, die zwar, 
tie bemerkt, bei Allen, die ſie näher. kannten, in hoher 
und verbienter Achtung ftand, die aber doch einen 
gewiffen Keim der Unzufriedenheit in ſich ferbft ent 
bielt, und in zu gefpannten Verhäftniffen lebte, um 
ein fo kunſtlos einfaches, aber empfänglich auffafiendes 
Gemüth, wie dad unferer Rofa, ganz anzufprecdhen. 
Auf ſie Hatte das Zuſammenleben mit dem gebilde⸗ 
ten, dem feinen Welttone vertrauten Kreife eine ganz 
eigenthbümliche Wirkung. Zuerft war fle erfhienen, 
als ob fie, in einen langen Schlummer verfunfen, 
plöglih aus dem Traume erwacht wäre, fo- frifch 
laͤchelte fie Alles an, und fo lieblich ſpiegelte fich ihr 
ganzes Weſen in den neuen Umgebungen. Diefer 
Gontraft war wieder fo fein, ſie erſchien fo bezaubernd, 
felbft in den kleinen Verftößen, vie fie ſich anfangs 
zu Schulden fommen ließ, daß fie für ihre neuen 
Freundinnen, die das Verhältniß, in dem fie bei den 
Indianern gelebt hatte, nicht-Fannten, wirklich zum 
Mäthfel wurde. Der veine mütterliche Sinn Canon- 


— 17 — 


dahs, die wie ihre Schußgeift nur Blumen auf ihren 
Pfad zu fireuen bemüht geweſen war, und die Zart⸗ 
Heit, mit der fie von. allen rohern Berührungen mit 
den Squaws entfernt gehalten worden, hatten auch 
ihr eine gewiſſe Vornehmheit gegeben; aber ganz ande⸗ 
rer Art, eine Art Hoheit, eine Zurückgezogenheit, Die 
fi) gleichſam um ihr ganzes Weſen gelegt. Es war 
etwas Miknifches, etwas wie Anklang vom indiani⸗ 
fchen Hofleben, oder vielmehr der Poeſie dieſes Lebens, 
das fie Häufig in den lebhafteſten Ergüffen überraſchte, 
und beſonders bei jedem unharmoniſchen Anftopen 
auf ihr zart empfängliches Gemüth bemerkbar wurbe. 
Diefes unharmoniſche Anſtoßen fonnte, ungeachtet 
der rückſichtsvollen und fchonenden Behandlung, die 
ihr zu Theil wurde, nicht ausbleiben; denn e8 Tiegt 
nun einmal in der Natur unſeres freien Lebens, daß 
es Diejenigen, die in zwangvollen Berbältniffen ge⸗ 
lebt und fo gefchmeidiger geworden find, allzu ſchroff 
— allzu frei und rückſichtslos anftößt, und daß ſelbſt 
die verfeinerten Sitten unfered ſogenannten ariſto⸗ 
fratifchen und dem hohen Weltton nähern Lebens, 
dieſe Anftöße um fo weniger verhindern können, als 
ihre fleifern und geregeltern Formen biktatorifcher 


—d 118 — 


feftgefegt find. Bei jedem diefer Anſtöße nun zog 
fih das Mädchen immer, verfehüchtert zurück, der 
Mimofa nicht unaͤhnlich, die, von einer rauhen Hand 
berührt, in ſich ſelbſt zurückſchreckt. Allmählig wur⸗ 
den auch die Folgen dieſer auf das Gemüth des Kindes 
fieberiſch fröſtelnd wirkenden Anſtöße in einer gewiſſen 
ſcheuen Bangigkeit bemerkbar; die Eigenheiten des 
civiliſirten Lebens, indem ſie klarer vor ihre Anſchau⸗ 
ung traten, ſchienen ſie mit dem niederſchlagenden 
Gefühle ihres Zurückſtehens in Bildung zu mahnen. 
Sie hing oft nachdenklich das Köpfchen, und häufig 
fah man Thränen in ihrem Auge. Immerhin bauer= 
ten. die Empfindungen nicht lange; ihre natürliche 
Elafticität und ihr Verſtand gaben ihr bald ihre 
Schwungfraft wieder. Ste hatte überhaupt eine un⸗ 
gemein richtig Elare Anſchauung. Die Eigenheiten 
und Charaftere ihrer neuen Umgebungen hatte fie 
gewiſſermaßen in den erſten Stunden herausgefunden. 
Ohne erinnert zu werben, hatte fle ſich die verſchie⸗ 
denen Bormen. bes gefellfehaftlihen Lebens im Um⸗ 
gange in nur wenigen Tagen angeeignet. Ihre Sprache 
verrieth noch am meiften die Abgeſchiedenheit, ih ber 
fie gelebt hatte. Sie war wortarm, und Fämpfte oft 


—H 119 > 


mit peinlicher Verlegenheit, ihren Ideen Ausdruck zu 
geben. Sie horchte aufmerkfam auf Alles, was ges 
fagt wurde, und fann nach der Weife der Indianer 
eine Weile nah, ehe fie Antwort gab. Wenn fie 
jedoch erzählte, war fie anwiderſtehlich; dann war fie 
ganz poetiſche Natur. 

„Ah, mein Gott!“ feufzte Virginie eines langen 
trüben Nachmittags von ihrem Sopha der Ma zu, 
bie auf einem zweiten, vor einem mit Wirthichafts- 
büchern und Papieren überdeckten Tifche faß, ihr 
gegenüber ein junger Mann, von dem unfere Lefer 
als Auffeher der Pflanzung und Sohne des mit 
Sproffen reichlich gefegneten Squire Copeland gehört 
haben — „Ah, Ma!« rief die Miß wieder,. indem 
fie einen kürzlich an's Lebenslicht getretenen Roman . 
des fchottifchen Unbefannten auf das Sopha warf und 
zum. &enfter eilte, „Alles tobt und erfiorben. — Nicht 
einmal eined ber Tieblichen Flachböte zu fehen. Fürs 
wahr, man möchte auswachfen;“ ſchmollte fie in ko⸗ 
mifcher Ungeduld, der. Mutter einen troftlofen Blick 
zufendend, bie ‚ ihrerſeits zum Auffeher gewendet, in 
ihrer Rede fortfuhr: 

„Ste glauben alfo niht, Mifter Cophignd, w 


—, 10 — 


wir Pompey binabfenden ſollen? Aber hieher koͤn⸗ 
nen wir ihn doch auch nicht nehmen?“ 

„Er ſcheint gewitzigt,“ ſprach der junge Mann. 
„Sie ſpielten ihm ſchrecklich mit, und vieleicht Yäßt 
fih noch etwas aus ihm machen. Ich denke, wir 
laſſen ihn unterbeffen oben. Hierher taugt er freilich 
nicht. Er Hat fich das Herumziehen angewöhnt und 
verdürbe uns nur die Pflanzung. Wir haben nun 
dreißig ſo ruhige Familien beiſammen, wie ſie ſich 
nur wünfchen laſſen.“ | 

„Ach mein Gott! feufzte Virginte darein. „Nichts 
als von Pompey's und Cäſars und Cato's und Eajus’ 
und Baummollenballen zu bören!« und mit biefen 
Klagetönen Tieß fte fich wieder In eine etwas ſchmach⸗ 
tende Attitude nieder, das Köpfchen in die Hand ge- 
ftüßt, und dem ſchottiſchen Zauberer, wie er fi} felbſt 
mit wahrer ſchottiſcher Beſcheidenheit nennt, einen 
huldvollen Blick zuwerfend. Das Gemälde zu vollen⸗ 
den, tanzten Roſa und Gabriele in das Drawing 
room, hinter ihnen drein ein ſchwarzes Kammer⸗ 
zöfchen, bas einen ungeheuern Globus trug. 

„Uns iſt es beinaͤhe kalt in ber Bibliothek gewor⸗ 


— 131 — 


den,“ rief die Miß der Ma zu, „und ih will Roſen 
nun gerade Alles erklären, wie Miötreß Dee. Leod.“ 

Die Ma nickte Beifall zu, und dad Töchterchen, 
indem fie den näfelnden Ton der Penfionsvorfteherin 
To ziemlich annahm, begann: „Nun Fennft Du Ames 
rifa und weißt alfo, wo unfer Land fu fuchen iſt, 
nun, wo ift es?“ „Hier;“ wies Roſa. 

„Gerade daneben,“ lachte Onbriele. „Ei Du Uns 
aufmerkfame. Das ift ja Neuſüdwallis. Hier ift es; 
merke Dir e8 wohl,“ fuhr fie gewichtig fort. „Es ift 
das Hauptland von Amerika, verftehft Du, fo wie 
wir die Hauptnation find, und deßhalb vorzugsweiſe 
Amerikaner heißen, mährend die Andern bloß. Mexi⸗ 
caner, Peruvianer, Brafilianer genannt werden.“ 

„Aber Ihr ſeyd doch aus Yanfeed?« warf ihr 
gioſa ein. 

„Pfui, wer wird ſo etwas ſagen, Du garſtiges 
Kind! Mer bat Dir denn das geſagt? Dankees 
heißen bloß Diefe da,” — fie deutete mit dem Finger 
auf die ſechs Neu⸗England⸗Staaten. „Diefe da find 
und heißen Danfeed. Wir heißen fie fo, weil fie uns 
Wallnußholz für Muskatnüſſe und Hickory für Schin- 
fen, und unfern Negern Miffifippifehlamm für Me⸗ 


—4 18 > 


dizinpulver verkaufen; überhaupt weil fie. wie Die 
Juden find.“ 

„Ad, was Du Doch nicht Alles weißt;“ rief Vir⸗ 
gine etwas piquirt vom Sopha herüber. 

„Huſh Siſſi! wir ſind in einem freien Lande,“ 
lachte ſie, mit dem Finger drohend, ihrer Schweſter 
zuGs iſt natürlich, daß Du Dich der Nankees 
annimmſt. Aber ich kann Capitain Perch gar 
Aht⸗ — — 

„Aber Du biſt doch wirklich unausſtehlich, Ga⸗ 
briele;“ flötete ihr Die bitterböſe Virginie zu. 

„Siſſi, Siſſi,“ riefen Lehrerin und Zögling, und 
hüpften auf die Zürnende zu, und ihr um den Habs, 
und dann trippelte Gabriele zum Zenfter und tröftete 
fie; „er wird bald fommen, und wir müfjen zuvor 
enden.“ Und dann hüpfte fie wieder zu ihrem Globus 
und fuhr fort: - 

„Nun, weißt Du, wo wir find? Wo ſind wir?“ 

„Da, Siſſi.“ 

„Recht ſo, mein Kind!“ bekräftigte die drei Monate 
ältere Lehrerin. 

„Nun, weißt Du aber auch, wo Europa ift? Sieh, 
bier ift es, und Hier ift Afien, und Afrika ift da unten. 


— 13 — 


Diefe drei Welttheile werben die alte Welt genannt, 
und. der unfrige die neue.” 

„Und warum werben fie Die alte, und der unfrige 
die neue Welt genannt?” fragte die aufmerkſame 
Schülerin. , 

„Warum? Warum? Barum? Ja nun, weil 
der unfrige neu, und deßhalb befier ift. Alles was 
neu ift, ift beſſer als das Alte, Ia, auch weil der 
unfrige fpäter entdeckt wurde. « 

Der Zögling nidte Beifall zu. 

„Sieb, diefer.Eleine Fleck da, der ganz kleine, heißt 
Großbritannien, und ber noch Eleinere daneben Irland, 
das find zwei Infeln. « 

„Die dem thörichten Häuptling gehören, der die. 
beiden Canadas befigt?« 

„Richtig, mein Kind!” bekräftigte die Prazeptorin. 
„Und hier iſt Frankreich und hier Deutſchland, hier 
Spanien und da oben Rußland, und eine Menge 
kleiner Staaten und Königreiche.“ 

„Königreiche, was find das für Dinge fragte 
Roſa. 

„Das ſind Länder, die Könige haben oder Häupt⸗ 
linge, ſo wie der Miko, nur viel größer. Und ſie ſind 


— 12 — 


feine Wilden. Sie haben auch mehr Leute, denen fle 
gebieten, und einen prächtigen Hofſtaat. Ma wird 
Dir dieß erzählen. Sie iſt im Drawing room der 
Königin geweſen, von England nämlich, um die 
Andern kümmern wir uns nicht viel, und ſie hat mit 
ihr geſprochen. Sieh, dieſe Völker und Länder müſſen 
Könige haben, weil ſie ſich nicht ſelbſt regieren können, 
‚und im Zuſtande der Kindheit find, der politiſchen 
Kindheit nämlich, fagt Ba. Wenn fte die Könige 
nicht hätten, fo würben fle in Unordnung und Revo⸗ 
lution geratben, wie fie e8 in dieſem Lande,“ fie zeigte 
auf Frankreich, vgethan haben. Da ſie aber Könige 
haben, denen fle angehören und die mit großen Armeen 
: und vielen -Dienern fie im Zaume Halten, fo müffen 
fie wohl ruhig ſeyn.“ oo 

„Und was thun die Könige mit ihnen?” 

„Se nun, gerade was der Miko mit den Seinigen 
auch tut,” erwiederte bie Lehrerin, Die die Erklä⸗ 
rungen ein Bischen in die Enge zu treiben anfingen. 
„Sie regieren fle und machen Krieg und Brieden, und 
verfaufen ihre Ländereien, weil ihre armen Unter⸗ 
thanen:glanben, daß fle von Gott eingefegt find.“ 

„Sa, aber Gabriele, Du fagft, daß bie alte Welt 


— 15 — 


noch in der Kindheit ift, das kann doch nicht feyn; 
wenn fle alt ift, jo Fann fie Doch nicht in der Kindheit 
feyn. * 

„Sehr gut Fann fie es ſeyn 3“ verſtcherte fie Ga⸗ 
briele. „Die alten Leute werden wieder zu Kindern. 
Weißt Du das nicht? Sieh, weil wir jung find, 
Vernen wir noch immer. Wir haben unfere Eivili- 
fation von ihnen, und find bereit weiter fortgefchrit- 
ten. Aber fie lernen. nichts von und. Wir haben bie 
Dampfichiffe *) ſchon feit acht Jahren erfunden, und 
al8 Ma mit Pa in England waren. fahen fie noch 
Teines. Wir find fchon feit vierzig Iahren frei; aber 
fie blieben immer was fie find. * 

„Aber wie kommt denn dieß?“ 

‚. „3a eben, weil fie wie die alten kindiſchen Beute 
fich Elüger bünfen als Andere — und weil fie in ihrer 
Kindheit auch gehalten werben.” 

nRKinder,“ mahnte die Oberftin aus dem. erften 


*) 1805 von Foulton erfunden, und der erfte Verfuch am Hud⸗ 
fon gemacht. 1809 wurden fie am Miflifippi eingeführt, und 
bald fehr vermehrt. Gegenwärtig laufen auf diefem Strom gegen 
vierhimdert. 


126 — 


„a„wartet bis die Lichter tommen, 
Ihr verberbt Euch fonft Die Augen.” Ä 

Indem trat ein ſchwarzer Diener mit filbernen 
Reuchtern ein, der zugleich die Argand⸗Lampen an- 
zundete und dann zur Herrin leiſe ſprach. 

„Laßt fie eintreten," befahl fle dann. 

‘Eine junge, ziemlich gut. ausfehende, aber etwas 
trödleriſch gekleidete verſchüchterte Frau trat ein, fah 
ſich auf allen Seiten um, und nachdem ſie ſich ver- 
neigt hatte, eilte fle auf die Oberſtin zu, um ihr die 
Hand zu küſſen. 

„Laſſen Sie das, Madame Madiedo,“ rief Dieſe. 
„Sie wiſſen, daß dieß nicht Sitte bei uns iR. Haben 
Sie mir etwad zu ſagen?“ 

Madame!" fprach die Frau in gebrochenem Eng⸗ 
ich, „Sie wiſſen, ich fomme Ihre Milde anzuflehen.“ 

„Es thut mir fehr leid, Viebe Madame Madiedo,“ 
erwiederte die Frau des Oberften; naber in den Ball 
Ihres Mannes glaube ich mich nicht einmifchen zu 
dürfen.” 

„Madame!“ ſprach die Framoſin ſtockend. „Sie 
wiſſen vielleicht nicht, daß mein Mann mit Ihrem 
Neger nichts zu thun hatte?« 


— 197 — 


" „Aber deſto mehr mit ſchlechten Menfchen;” fiel ihr 
die Dame ein. „Er hat jerbft einen Staatögefangenen 
aus feiner Haft befreit.“ 

„Aber, Madame,“ verfeßte die Franzöſin einwenig 
ſcheu. „Aber, Madame! das iftu — ' 

„Was wollen Sie ſagen? liebe Madame Ma⸗ 
diedo?“ 

„Es iſt diefes eine Angelegenheit,“ ſprach die 
Franzöſin und leiſe und mit ſtockender Stimme, 
„welche die hohe Obrigkeit allein angeht, und mit 
der wir uns eigentlich, ich bitte um Vergebung, nicht 
befaſſen ſollten.“ 

„Das glauben Sie, meine Gute,“ fiel ihr die Frau 
des Oberſten ein. „Und als Ausländerin geht Sie 
wirklich dieſe Angelegenheit nur inſoferne an, als Ihr 
Mann darin verwickelt iſt; aber als Amerikanerin 
habe ich mit der Obrigkeit etwas mehr zu thun, und 
es ſollte mir leid ſeyn, wenn durch meine Schuld der 
Gang der öffentlichen Gerechtigkeitspflege gehindert 
würde. Einem Verbrecher, der ſich an der öffentlichen 
Sicherheit ſo ſchwer verſündigt, Vorſchub zu leiſten, 
dazu werde ich nimmer einwilligen.“ 

Die Sranzöfin erblaßte bet Anhörung dieſer Worte, 


—H 18 — 


bie in einem zwar fehr gelaffenen, aber auch fehr 
Falten Tone ausgeſprochen worden waren. 

„Seyeni Sie doch nicht fo Falt, fo graufam. Seyen 
Sie ‚gütig! Geben Sie mir eine fanftere Antwort. 
Senden Sie mich nicht fo troſtlos zurück!” bat fie. 
Moſa hatte ſich unterbeffen fehon einigemale aus 
dem zweiten Bimmer herangeföhlichen, war aber im- 
mer wieder von Gabrielen zurüdigehalten worden. 

„Was will die arme Frau?“ fragte fie. | 

„Ihr Mann hat den wegen Spionirens und Um⸗ 
triebe mit den Indianern verbächtigen Britten aus 
feiner Haft befreit, und wurde deßhalb en Gefäng- 
niß geworfen.” J 

„Aber das hat ja Roſa auch gethan.“ u 

„Rein, Miß!“ belehrte fie die Oberftin. „Was 
Sie gethan haben, war edle Selbftaufopferung ge= 
genüber einer wilden rohen Willkür. Sie haben ein 
Menfihenleben gerettet oder zu vetten ‚geglaubt; Ihre 
Sandlung war edel, obwohl nicht ganz geſetzlich; 
aber e8 ift immer - verbienftlih gegen Willkür aufzu⸗ 
ſtehen, mo und in welcher Geftalt fie ſich zeige; aber 
der Dann dieſer Brau bat aus ſchlimmen Abſichten 
weifen Geſetzen, bie unfere Mitbürger fich zu ihrer 


—t 19 — 


Sicherheit gegeben haben, feines eigenen Vortheiles 
willen allein, in die Hände gegriffen. « 

Dieſe etwas lange Erklärung war wieder in dem 
gelaffenen, aber unter’ den gegenwärtigen Berhält- 
niffen etwas rüdfichtlofen Tone gegeben, ber mehr 
Schein — als wirkliche Tugend zu verrathen ſchien; 
auch war die bebrängte Franzöſin beinahe ungebulbig 
geworben. „Mein Gott,“ murmelte fie halb laut 
zu fi felbſt: „fie ſpricht wie ein Richter, der auf dem 
Stuhle figt, während mir das Herz im Leibe fprin« 
gen möchte. Was doch biefe Menſchen für alte 
Naturen haben!“ — 

Die Dame mochte die Worte vernommen haben; 
ohne fie jedoch zu beachten, fuhr fle in demfelben 
belehrenden Tone fort: „Unfer Land hat Ihrem 
Panne, ohne nach feinem frühern Betragen zu fragen, 
ein Aſyl unter der Bedingung angeboten, vhß er 
denſelben Geſetzen gehorche, unter denen auch wir 
ſtehen, daß er beſonders nie etwas gegen die Sicher⸗ 
heit des Landes unternehme, das ihn duldete,⸗ fie 
betonte dieſes Wort. „Oberſt Barker hat Monfleur 
Madiedo verhaften laſſen; warum ‚ wiffen Ste. 17: 

Der Legitime. IIL 9 


—ı 10 6 


geziemt nicht mir, dom, was er getan, entgegen zu 
handeln. « 

„Er äft nur, weiler feine Bürgſchaft ellen konnte, 
gefangen geſetzt worden; « ſchluchzte die. Franzöſin. 
„Ein Wort von Ihnen, und er iſt frei. Erbarmen Sie 
ſich unfer. Seit feiner Verhaftung haben wir Feine zehn 
Pinten verfauft. Alles ſcheut und - Alles Hat ſich vor 
und zurückgezogen. Es ift eim graufames Land,biefes. 
Statt uns in unferem Unglüde beizufpringen und 
aufzuhelfen, drücken fle immer nur tiefer Hinab.« 
Es ift Kein Frankreich, noch ein Spanten;“ ver⸗ 
feßte die Damie ernſt. | Ä 

„Leider, nein!“ jammerte die Sranzöfin. 

„Da dürfte vom Volke allerdings die Befreiung 
eines Staatsverbrechers als verdienſtlich angeſehen 
werben, weil ſie Niemanden gefährdet als den Ge— 
walthaber; hier iſt es Verrath an der Menſchheit, 
an allen Buͤrgern — und es freut mich, daß Dieſe ſo 
viele öffentliche Tugend befigen, um ihren Abſcheu 
auf alle Weiſe zu erkennen zu geben. u 

- Die Obriftin erhob ſich nun von ihrem Sitze, und 
eift leichtes Kopfnicken gab der Frau zu verfichen, daß 
fie entlaſſen fey. 


— 131 6 


Sp richtig im Ganzen genommen die bier ausge⸗ 
fprochenen Grundfäge waren, fo ſchien deren An⸗ 
wendung doch ſowohl dem jungen Copeland als 
Roſen nicht ganz zu gefallen, obwohl aus ganz ver⸗ 
ſchiedenen Gründen. 

Die Letztere hatte ſich zum Fenſter geſchlichen, und 
der ſich entfernenden Franzoͤſin nachgeſehen. 

„Ach Mutter! laſſe doch das troſtloſe Weib nicht 
ſo von Dir,“ — bat ſie, ihre Hände belũnmert 
faltend. 

„Miß Roſa!“ erwiederte die Dame etwas vor⸗ 
nehm: „Wollen Sie gefälligſt⸗ — fie deutete auf 
Gabrielen, zu der das Mädchen verſchüchtert ſchlich. 

„Es find. fürdterlih gräßliche, im Grund und 
Boden verborbene Menſchen, dieſe Ausländer,“ 
feufzte die Frau, indem fie ſich wieder fehte. „Wann 
wird doch einmal dieſe fo ſchrecklich mißbrauchte Gna⸗ 
denthuͤre ſich ſchließen, dieſes Aſyl, das unfere blut⸗ 
erkaufte Freiheit — 

Sie hielt inne und ſah den jungen Go ſor⸗ 
ſchend an. 

„Das wollte ich, auch wieder nicht,“ — ihr Dieſer 
raſch ein. „Dieſe Menſchen da ſchaden unſern Buͤrgern 

9* 


—d 133 6- 


nichts , fie geben nicht böfes Beiſpiel, weil fich Nie- 
mand nach ihnen kehrt; aber ihnen unfete Thüre zur 
thun, würde heißen auch die Guten ausſchließen, in 
andern Worten, die Alien bill mit all ihrem Trieb⸗ 
werke wieder in den Gang bringen. ‚Das wäre unfern 
Toried juft recht.“ 

Er fah die Dame ſcharf an. — 

"Laßt und weiter in unferm Nechnungaabfi ziufe; zu 
bemerkte fie mit einiger Verlegenheit. 

Diefe Berlegenheit, in welche fie der Eleine Ver⸗ 
rath gefeßt, den ihr die Zunge gefpielt, indem fie fich 
einen ber: heißefter Torywuͤnſche in Gegenwart beö 
jungen Copeland entſchlüpfen ließ, verlieh ſie erft 
beim Eintritte des Capitains, der ungefähr nach ˖zehn 
Minuten erfolgte. 

„Mein Bruder,“ kam ihm Roſa, noch immer 
über die jammernde Franzöfin ſinnend, entgegen 
„Dein Geſicht iſt heiter. Du bringſt froͤhliche Bot⸗ 
ſchaft. Und iſt der Britte nun wirklich frei, und zürnt 
er nicht mehr, und iſt/ — 

v Miß Roſa!« fiel ihr die Oberſtin ein, „Sie fra⸗ 
gen für eine junge Dame zu viel. Auch haben Sie 
wieder vergeſſen/ — 


— 18 0 


„Leider!“ verſetzte Diefe, „Tann Mofa ſich nicht 
angewöhnen, zu ihrem Bruder zu reden, als menn 
ihrer Zwei wären. « 

„Ich glaube wirflidh,“ verſicherte fie ber Capitain, 
„Miß Rofa verkünden zu dürfen, daß er, an bem fie 
fo unverdiente Theilnahme nimmt, gänzlich frei iſt.“ 

„Ihr Schügling ſcheint Sie jehr in Anfpruch ge» 
nommen zu haben, « bemerkte Virginie etwas ſpöttiſch. 
„Das liebe Alt-England wird e8 Ihnen Dank wifien. 

nIch Hoffe, auch das Neue,“ ſprach der Eapitain 
etwas ernſt, „und ſelbſt Miß PVirginie dürfte mir 
Gerechtigkeit und vielleicht auch einigen Dank wiber- 
fahren laſſen.“ 

„Ich bin ganz Amerikanerin, # verfegte Diefe etwas 
fpröbe, „und was ich von England gefeben habe, iſt 
wahrlich nicht geeignet, mich weniger flolz auf mein 
Land zu machen. Ich behalte meinen Dank ganz 
meinen Landsleuten vor. * 

„In diefen Punkte,“ flel der junge Eopeland ein, 
„dürfte Capitain Percy wirklich auf Ihren Dank, 
Miß Virginie, fo mie auf den unfrigen Anfprud zu 
machen berechtigt feyn; denn er hat und eine Scham⸗ 
röthe erfpart.« 


— 1. 


: Ich babe Hop, meine Schuldigkeit gethan, Mifter 
Copeland, 4 bedeutete er dem jungen Manne etwas 
vornehm. „Es ſcheint jedoch, daß noch Jemand an⸗ 
derer mehr als feine Schuldigkeit gethan habe.“ 

„Die Ehre feines Landes zu wahren, ſollte ich glau⸗ 
ben, iſt Schuldigkeit für Jeden; da brauchen wir 
nicht Männer dafür zu bezahlen. Wir Tönnen es 
ſelbſt thun,“ fprach der junge Mann trocken. 

„Wie ſoll ich das verfiehen?« fragte die Dame 
ben. Gapitain. 

nSie wiflen, theure Mutter,“ berſebte Diefer, 
„die Ordre des Generals traf vorgeftern ein, kaum 
drei Tage nach unferer Unterfuchung.” . 
aIch follte meinen, die Zeit wäre hinlänglich, fie 
zweimal hinab und herauf paffizen zu machen . - 

«In gewöhnlichen Zeiten, nicht in biefen,“ verfeßte 
ihr der Capitain bedeutfam; „ber junge Menfch fcheint. 
unten Freunde gefunden. zu haben, und in Gnaden zu 
ſtehen, fo daß Gapitain Percy vieleicht felbft es 
wagen bürfte, ohne Anfloß zu geben — « 

«Ihm einige Güte-zu erweifen,“ fiel der junge 
Copeland ein. „Er verdient auch einige. Wenigftend 
bat fein Betragen gegen die Indianer und den armen 





15 > 


Pompey ihn als einen warmherzigen feiten jungen 
Menſchen eriviefen. .Und haben Sie.ihm ja etwas 
Gutes erzeigt, Capitain, fo ift dieß wirklich nicht Ihre 
fehlechtefte Sandlung.4 Und mit diefen Worten packte 
ber Jüngling feine Bücher und Schriften zufammen 
und. verließ, mit einer leichten Verbeugung gegen bie 
Damen, den Salon. 

nRätbfel und wieder Räthfel,“ ſprach die Oberſin. 
„Was haben Sie doch mit dem jungen Copeland, und 
was hat Dieſer mit dem jungen Britten zu thun tu 

Der. Bapitain hatte Diefem ſchweigend und fopf- 
ſchüttelnd nachgeſehen. „Ich weiß felbft nicht, was 
der junge Menſch will. Uebrigens ſind mir meine 
Herten Mitoffiziere,“ — fein Geſicht verzog ſich in 
ein unwillkührliches Hohnlächeln, „ein Räthſel. Hoͤ⸗ 
ren Sie nur, Capitain Mike Broom hat ſich geſtern 
in eigener hoher Perſon berbeigelaffen,-.den jungen 
Britten bei der Tafel aufzuführen, und Alle haben 
ihm recht generöß ihre Börfen angetragen. 

„Eine Aufmerkſamkeit, über bie ich Ihnen vielleicht 
einen Aufſchluß zu geben vermag;« erwiederte bie 
Oberſtin. „Soviel ich weiß, hat ber Bruder unfere® 


— 16. — 


Auffeherd, der Lieutenant, fei einem Bater das Reſul⸗ 
tat des letzten Verhörs geſchrieben.⸗ | 
„Aha!“ fiel ihr der Eapitain ein. „Nun verſtehe 
ich — und ber allmaͤchtige Major Hat fein gnäbiges 
Fürwort eingelegt, und der junge Britte ift nun von 
ben Söhnen bach protegirt, und natürlich von der 
ganzen Mannfchaft des lieben Opeloufas.u | 
„Ein guter Credit bei feinen Mitbürgern ift vieles 
werth, lieber Gapitain ;« ſprach die Dame mit einem 
halben Seufzer. 

Dieſem ſchwebte noch die Antwort auf den Lippen, 
als eine Ordonnanz eintrat und ihm ein verſiegeltes 
Paket übergab. Zugleich gingen die Flügelthüren 
auf, und die Worte: „Onkel, Couſinen,“. begrüßten 
einen Zug junge Damen, die, von einem ältlichen 
Manne begleitet, in den Saal eintraten. 

Sie wurden von der Oberſtin herzlich, aber auch 
etwas ſtattlich empfangen. Obne auf die Beweglich⸗ 
feit der drei übereleganten Miffes oder Die Ungeduld 
des Onkels Rückſicht zu nehmen, ging fie alle For⸗ 
men. ber etwas ceremoniöſen Aufführung fowohl Ro⸗ 
ſas als des Capitains durch, obgleich ihre Gäfte von 
Beiden nicht beſonders Notiz zu nehmen fihienen. 


—$ 137 — 


Bierunddreifigfies Kapitel. 

Wie do jeder Harr mit den Worten Tpielen 
kann! I denke, es wird in Kurzem fo weit 
fommen, daß Stillſchweigen vie befte Art ſeyn 
wird, feinen Wig zu zeigen. 

j Shaketpeare. 

„Ja, da wären wir,“ ſtöhnte der Onkel darein, 
ein fettes behagliches Männchen mit einer beneidens⸗ 
werthen Kupfernaſe und ein paar graublinzelnden 
Augen, die, man hätte ſchwören ſollen, irgendwo in 
Conecticut oder Maffahufets das Licht der Welt er⸗ 
blickt Haben mußten. „Ihr habt alfo nichts nom 
Dampfſchiff gehört? Wir Tiefen fo eben ein.“ 

„Recht ſchoͤn,“ rief Virginie, „daß Sie unfer nicht 
vergefien haben, und den Sylveſter⸗Abend mit uns 
Armen zubringen wollen. Ach, wir ſitzen ſchon eine 
ganze Woche, wie die arabiſchen Prinzeſſinnen.“ 

„Euer Fehler,« verſetzte der Onkel, ſich den Schweiß 
von der Stirne wiſchend. „Warum ſeyd Ihr nicht 
hinabgegangen wie wir? Uns wurde es zu Haufe zu 
enge. Da ſetzten wir uns auf ein Dampfſchiff und 
hinab ging es. Sind aber re beß wir wieder weg 


find.“ 


—, 138 e— 


Froh:« tief Eine der drei Miffed. „Aber Pa, 
wie können Sie nur fo ſagen? Wir wären gerne 
unten’geblieben, aber Ihnen wurde bange.« 

na, ſtellen Sie fi nur vor, Liebe Schwägerin ‚« 
verfeßte der Onkel, „die tollen Mädchen wollten ab- 
folut unten bleiben. O Schwägerin! Sie haben 
feinen Begriff, wie ſchrecklich es da unten außfleht. 
Ich verfichere Sie, es wird mir ganz ſchauerlich zu 
Muthe, kein Handel, kein Mandela. — 

- „Aber Partien ‚genug! fiel m wieder Eine der 
Miſſes ein. | 

„Es muß ein fehr freier Ton unten feyn, Miß 
Georgiane;“ bemerkte die Oberftin etwas ernfl. . 

„Sehr frei, liebe. Tante; die altwäterifche fteife 
Manier ift ganz verſchwunden. Man iſt ganz sans 
gene. 4 

„Was ich ſehr mißbmige, Miß;⸗ verfedte die 
Oberſtin. 

„Hörſt Du, Mitt“ fiel ihre der Pa ein. „Ach 
mein Gott!“ fuhr er fort, „nur Trommeln und Pfei- 
fen zu hören, Auf der Levee nichts als Gezelte und 
Mannſchaft — exerzietend, trommelnd, pfeifend, laͤr⸗ 
mend; und hinunter an der Levee — Gott ſey es ge. 


—2 19 — 


‚ Hagt! Wagen auf. Wagen, Karren auf Karren, mit 
Munition, Pulser, Lebendmitteln — Neger und 
Milizen, Offiziere und Mannfhaft, Matrofen und 
Generale, Alles unter einander. Mußten felbft.zum 
Dampfſchiffe zu Buße gehen. Das tft aber Alles 
nichts, Mistreß Parker,“ fuhr er, fich ſelbſt erfräf- 
tigend, fort — „das ift Alles nichts!“ rief er noch⸗ 
mals, fi die Stirn trodinend. „ber Fein Schiff zu 
fehen, keine Brigg, nicht einmal ein armſeliger Scho⸗ 
ner. Oberhalb der Vorſtadt Unnunciation liegen 
noch ein paar abgetadelt, und das ift Alles; und das . 
Zehren auf unfere Roften, als ob es nimmer ein Ende 
hätte! Das Herz möchte Einem-zerfpringen. Wenn's 
noch ein halbes Jahr fo fortgebt, fo find wir Alle 
ruinirt.“ Der kurzathmige Pflanzer war ganz leben⸗ 
dig in der Befhreibung feiner und ber allgemeinen 
Noth geworden. 

„Ach!“ feufzte er wieder. „Meine arme, ‚arme 
Baumwolle! Stellt Euch nur vor. Habe da in der 
Preſſe Rilieux an die zweitauſend Ballen, die Ernte 
der letzten drei Jahre. Was geſchieht? Der General, 
mir nichts, Dir nichts, läßt fünfhundert Ballen her- 
ausnehmen, ohne mir nur ein Wort zu fügen. Tünfs 


—$ 140 6 


hundert Ballen! «Dreipigtaufend Dollars! . Prime 
Cotton: Glaubt denn der einfältige General, meine 
Baumwolle fomme mit ven Baumftänpnen den a 
ſouri herab!“ ae 

„Ich verſtehe nun,“ ſprach Mistreß Barker. _ 
„Ihr ginget hinab, um Eure Baumwolle aus ben 
Klauen. des Generals zu retten. "Das hättet Ihr Euch 
immer erfparen Eönnen. Auch wir haben fünfhunbert 
Ballen hergegeben. Sie wurden geſchätt und werden 
vergůtet werden.“ 

„Und dann, wenn einige Kugeln einfchlagen, wiegt 
fie um fo ſchwerer,“ tsöftete ihn der Eapitain, der 
‚zeitweilig von feinen Depefchen das Maͤnnchen anſah. 
.. Der Pflanzer Hatte Beide mit Ungebuld angehört. 
„Erſparen Eönnen? fhägen? erſtatten? — Ih fage 
Euch, es ift ein Eingriff in's Eigenthumsrecht, ber 
ſchrecklich iſt. Sollte er nicht meine Cinwiligung ab⸗ 
gewartet — 

„Und den Feind zugleich gebeten haben, zu war⸗ 
ten, bis Miſter Bowditch dieſe zu geben geſonnen 
wäre,“ fiel der Capitain etwas ſpoͤttiſch ein. | 

„Ich merbe e8 ihm ſchon weiſen,“ verſicherte Die⸗ 
ſer. „Stellen Sie ſich vor, dieſer Quaſi⸗Pflanzer 


—9 14 — 


von Nafhville da, der kaum hundertundfünfzig Bal⸗ 
len Upland⸗Cotton mit all feiner Generalſchaft zus 
ſammen bringt, will einem Mann wie mir die Thüre 
weifen! Ich dränge mich Hindnrch mit meinen Kin- 
bern. Sie wollten bie Befeftigung des Lagers ſehen. 
Drei Stunden hatten wir zu gehen, zwanzigmal wa⸗ 
ren wir in Gefahr, unter die Näder zu kommen, und 
als ich endlich vor dem Hauptquartier ankomme, läßt 
er mir fagen, ex babe feine Zeit, ſich mit meiner An⸗ 
gelegenbeit zu befafien.« 

„Es war fehr-unartig, Tante, wir tonnen Sie 
verſichern; meinten bie drei Miſſes. 

Unſer Exemplar, einer jener Republikaner, deren 
wir im Norden und Süden eine ſo erkleckliche Anzahl 
haben, und die, wenn es darauf ankäme, lieber den 
Schach von Perſien zu Washington ſitzen ſähen, als 
ein Prozent ihrer Aktien oder einen Ballen ihrer Baum⸗ 
wolle zu verlieren, war in eine mäßige Aufwallung 
gerathen, ſo viel naͤmlich ſeine comfortable Leibes⸗ 
beſchaffenheit und eine Affaire von dreißigtauſend Dol⸗ 
lars zuließen. Das Iheegeräthe, dad nun aufgetra= 
gen wurde, unterbrach einigermaßen feine gerechte 
Erbitterung und er gewann ein ruhigeres Ausſehen; 


dh 1423 6 
ala: aber die‘ Dieny fi entfernt, hatten, brad er 
mieder 108. 

„Stellen Sie fi nur vor, liebe Sämägerin, Sie 
wiffen, unter dem legten Landhauſe, wo er fein Haupt⸗ 
quartier aufgefehlagen bat, zweihunbert Schritte darun⸗ 
ter, da liegt meine Baumwolle und noch zehn⸗ bis 
zwölftauſend Ballen mehr. Und alle hat er ſie zur 
Bruſtwehr verwendet. Sie läuft mannshoch vom 
Miſſiſippi zu den Cypreſſenſümpfen quer durchs Land, 
eine halbe Meile lang. Die ganze Baumwolle iſt mit 
Erde überworfen, davor ein Graben, acht Schuh 
breit und ſechs tief. Auf den Flanken ſind die Bat⸗ 
terien mit Sechzehnpfündern.“ 

„Miſter Bowditch,“ verſicherte der Capitain, „Sie 
haben die ganze Befeftigung des Lagers jo bündig an- 
gegeben, daß auch der beſte Militär nichts ausſetzen 
fönnte.“ 

Unfer Bflanzer nahm eine Taffe Thee und fuhr 
fort: „Ih verſuchte es, den Mifter Parker zu einer 
Meeting zu bewegen, Hopfte bei Floyd und Bower's 
an. Allen hat aber das Kanonenfieber die Köpfe fo 
verwirrt, daß gar nicht Daran zu denken iſt.“ 

„Aber ich wundre mich nur, mie Sie ſelbſt an fo 


— 13 — 


etwas denken Eonnten, — in einem fo Tritifchen Zeit- 
punfte daran denken konnten,“ bemerkte die Oberftin, 
mit. fihtlihem Mißfallen an dem grob ſelbſtſüchtigen 
Schwager. 

„Wie, was?u fragte Diefer, „und Euer Meeting 
— He?« — 

„War, ein unerdußetißes Virgeneqht auf 
zu erhalten. « 

nUnveräußerliches Bürgrereit! — li, ei, Frau 
Schwägerin! — oder um dem guten Mann"oorläufig 
ein Bein umterzufchlagen, falls er es ſich gelüften 
laſſen follte, einft im weißen Hauſe wohnen zu wol⸗ 
Ien. Hab’ aber.nichts Dagegen einzumenden. Es ſteht 
auf dem:Grund und Boden von alt Virginien und 
ſollte eigentlich alfo nur Virginfer zu Einfaßen haben. « 

„Es folkte mir leid thun, wenn Sie fo. etwas den⸗ 
fen Tönnten, » ſprach Miötreß Parker mit einem Tone, 
bem man anfah, daß ihre Gelaſſenheit auf eine e harte 
Probe geftelt wurde. 

»Denten!u fiel ihr ber Schwäger. ein. „Ih denke 
nicht3, ‚gar nichts. Am Beften ‚fo. — I denke an 
nichts, als an meine Baumwolle. Denken mögen 


14 


Die, die nichts Beſſeres zu thun haben. Dante Ihnen 
für eine andere Taſſe.“ 

Und der General bat Ihre Bemlihungen, eine 
Broteflation gegen feine Gewaltthätigkeit, wie Sie 
es nennen, hingehen laſſen?« fragte der Capitain. 

„Hingehen laſſen?« entgegnete der Pflanzer ver⸗ 
wundert. „Wie meinen Sie dieß?“ 

„Ich kann mich unmöglich eines gelindern Aus⸗ 
drucks bedienen.“ 

" Sie denken alſo, er ſollte mir haben ein Zimmer⸗ 
chen in der Nähe der Cathedrale im Staatsgefaͤng⸗ 
niſſe anweiſen laſſen?“ 

Der Militär. ſah ihn bebeutfam lächelnd an. 

„Capitain Percy !u fprach das dicke, runbe Männ- 
Gen, und e8 wurbe ungemein ernft. „Wir nennen 
unſer Land frei, weil Jeder unverholen feine Meinung 
fagen und ſich vollkommen ausſprechen mag; mas 
das Handeln betrifft, fo beftimmt das Gefeß, das 
beißt die Mehrzahl, und die Minderzahl muß fi 
fügen. Wenn Sie aber meinen, daß des Generals 
Erklärung des Kriegsgeſetzes und Belagerungdzu- 
ſtandes mich auch nur um eine Sylbe an meinen Rech⸗ 
ten verkürzt hat ober verkürzen kann, fo irren Sie 


—) 145 0 


ſich. Ich bin ein Virginter; aber in biefem Punkte 
gegen bie Adminiſtration und folglich gegen den Krieg, 
und billige ‚ganz, was Die Hartforb-Bonvention ge» 
than bat, und habe mid au in dieſem Punkte er⸗ 
klärt.“ 

Und mit dieſen Worten erhob er ſich von feinem 
Sige und ging in das andere Zimmer, wohin die 
jungen Damen ſich, ald die Converſation dieſe ernfte 
Wendung genommen, zurüdgezogen hatten. Der 
Gapitain felbft ſtand raſch auf und empfahl ſich. 

Ueberhaupt ſchien des junge Mann, von dem wir 
zwar nicht viel gefehen ober gehört haben, der ſich 
aber bei mehreren Gelegenheiten, und felbft im Pros 
zefle des Britten, ald wohlmollend und zartfühlend 
erwiefen hatte, feine natürliche Stellung gegenüber 
feinen Mitbürgern ganz untichtig aufgefaßt zu haben. 
Er hatte etwas militärifch Kurzes, etwas gebieteriſch 
Nafches, ein gewiſſes herriſch gentlemaniſches We⸗ 
ſen, mit einem Ton von Selbſtbewußtſeyn, der ſich 
nur unwillig in die bedaͤchtlich abgemeffenen Formen 
bes Öffentlichen und Privatlebens zu fügen wußte, 
und bei jeder Gelegenheit an dem felbftftändigen Sinn 
feiner Mitbürger. anftieß.: Was ihm jedoch vorzüg- 

Der Legitime. III. | 10 


146 - 

KA mangelte, war die Achtung für die Meinung die⸗ 
fes feiner Mitbürger. Er zeigte eine gewiffe Gering« 
ſchatzung, die häufig in einen fehneidenden Hohn übers 
ging, eine Eigenheit, Die er wahrſcheinlich feiner Er⸗ 
ziehung in einem ganz ariftofratifehen — und damals 
den’ Amerikanern ſehr abholben Lande, vielleicht aber 
auch der Gewohnheit des Befehlens verbanfte.. - - 

Allein diefer Mangel an Achtung für die öffent⸗ 
liche Meinung, und weit mehr noch Geringſchaͤtzung, 
wirb nirgends härter beſtraft als in dieſem Rande. 
Was auch immer die Fehler des Amerikaners feyn 
mögen, Achtung für die Meinung jedes Menſchen tft 
ihm angeboren ; politiſche oder religiöfe Unduldſam⸗ 
keit find ihm fremd und verhaßt. Alle Geflnnungen; 
alle Prinzipe können ſich bei ihm unumwunden aus⸗ 
ſprechen, alle Grundſätze und Religionen leben und 
weben friedlich neben einander und verſchmelzen durch 
eben dieſe Duldſamkeit jeden Tag mehr in ein har⸗ 
moniſches Ganzes. Er hat natürlichen Abſcheu nicht 
nur gegen alle Vorrechte, fondern fehon die bloße 
Anmaßung, ſelbſt fogenannte großartig leidenſchaft⸗ 
lich herriſche Empfindungen ſind ihm zuwider, weil 
er überzeugt iſt, daß ſie die Natur des öffentlichen 


— 17 — 

Lebens trüben unb in Gährung bringen. So be⸗ 
ſchraͤnkt daher unſer Miſter Bowditch ſeyn mochte, 
ſo einzig und allein er nur Eine Idee im Kopfe hatte, 
nämlich feine Baumwolle, fo war doch bie bloͤße Zu⸗ 
muthung ded Capitains, Die Beſchränkung feiner 
Freiheit betreffend, hinreichend geweſen, feine phleg» 
matifche Cottonfeele weit mehr zu empören, als es 
ſelbſt die gefährbeten fünfhundert Ballen vermochten, 
und die Art und Welfe, wie Mistreß Parker ihre 
Mißbilligung äußerte, verrieth nur zu fehr ihre voll⸗ 
kommene Beiſtimmung 

Die jungen Damen hatten unterdeſſen in dem zwei⸗ 
ten Kraͤnzchen ihre Herzensergießungen begonnen. 

„Alſo die Ma will ſelbſt das Pianoforte nicht er⸗ 
lauben, ſo lange der Onkel und Charles vor dem 
Feinde ſtehen ?u fragte bie Aelteſte der drei Grazien. 
„Die unten machen ſich das Gerz nicht fo ſchwer. 
Beſuche über Beſuche von beiden Ufern. Da find bie 
Longs, die Broadheads, bie Johnſons, die Smithe, 
Alte find fie unten. « 

„Und die engliſchen Offiziere; fiel die Zweite ein. 
„Ich verfichere Dich, Vergy, nichts Schöneres. Ehen, 
als wir im Lager waren, kam ein Major als Par⸗ 

10° 


us ⸗— 
Iainentär an. Er bed auerte unendlich, daß die Damen 
Louiſtanas in ihren Karnevalsunterhaltungen ſo ver⸗ 
kürzt würden, und. lud ſich und die Seinigen vet 
artig zu. unfern Bälle ein.“ . 

„Kam aber derb weg,“ ſchaltete der Papa. ein, 
„Tanz und Bil,“ erwieberte der General, „follten 
fie genug haben, mehr als ihnen lieb ann werde. Er 
meinte eiferne Baͤlle ·· 

- „Und Bartieen find beſprochen i in Menge;“ begann 
die Erſtere wieder. 

„Ja, ſtellt Euch nur vor,“ fiel der Pflanzer wieder 
ein, „die Melly heirathet den Capitain Warburton. 
Iſt feit dem Falliment ihres Vaters keine zwanzig 
Dollars werth. Er nichts werth, als feine Gage — 
fie nichts — wo die Leute nur hindenken“ 

Roſa, welche Die angekommenen Gäfte nicht ſehr 
anzuſprechen ſchienen, hatte fich an die Seite Gabrie⸗ 
lens zuruͤckgezogen. Sie fragte num leiſe: „Warum iſt 
die arme Melly nichts werth?“ 

„Weil ſie nichts werth iſt, weil ſie arm iſt; er» 
wiederte ihr Diefe. 

„Weil fie arm iſt, deßhalb iſt ſie nichts werth;# 
verfetzte dad noch ärmere Kind nachdenklich. 


— 19 ⸗ 


„Und nun,«“ fuhr die lebhafte Couſtne fort, „Pa 
wollte morgen nad) Natchez hinauf; wenn Ihr aber 
hübſch artig ſeyd und und zu amuſtren verfprecht, fo 
bleiben wir einige Tage. Nicht währ, Ba?u 

„O Schmerz!“ rief lachend Virginie. „Sie kom⸗ 
men auf zwölf Stunden und wollm ſchon amnfirt 
feyn. in fehr großes Compliment finde ich darin 
für ımfere annehmlichen Gaben eben nicht; damit Ihr 
aber jeht, wie wir Böfes mit Gutem vergelten, fo 
will ich mich zu Borfehlägen herbeilafien. « 

„Wir find ganz Ohren; verſichertent die drei faſhio⸗ 
nablen Schönen. 

„Morgen früh denn Sqhen bei den indianiſchen 
Römern. u 

„Pfui, mit Euern ſchmubigen indianiſchen Löwen;“ 
riefen die Drei mit Abſcheu. 

„So hört doch nur,“ mahnte Virginie, „einer 
darunter ſoll wirklich ein koöniglicher Löwe ſeyn.“ 

Das Geplauder war in dem leichten, gefällig an⸗ 
muthigen Tone geführt, der gerade nicht ausgelaſſen, 
aber für die etwas bedenklichen Zeitumſtände vielleicht 
muthwillig genannt werden konnte. 

Die Oberſtin hatte ſchon einige Zeit mit Ungebubb 


—d 150 6 


zugehört. Miſfes!“ ſprach fie etwas ſcharf, „Ihr 
ſeyd ſehr vergnügt und es freut mich; aber ich wünfchte, 
Euer: Frohſinn wäre etwas mehr gedämpft; etwas | 
mehr Zartheit, in einem Augenblicke, wo bie Unſri⸗ 
gen in einem ſo ernften Rampfe begtifen find, bürfte 
nicht überfläflig ſeyn:⸗ 

Auch Roſa Kim onbemmstniligen Zonevenlebt. 

„Die Löwen ?« fragte Gabriele. „Habt Ihr Löwen 
bier? Das müfjen ſchreckliche Thiere feyn, wenn fie 
fo ausfehen, wie-fie auf dem Bilde im Speiſcſaal⸗ 
gemalt find!» ⸗ 

nDu-Tamft ja mit ihnen;“ erwieberte Gabriele.- 

„Ich!« rief Roſa verwundert. Sie fann eine Weile 
nad. „Du meinft beqh nicht — u fie Rode, fle wurde 
blaß. 

„Die Indianer;“ lachele⸗ Gabriele. „Wir nennen 
jebe ungewöhnliche auslänbifihe Erfcheinung einen 
Löwen. Das tft Sprachgebrauch.“ 

„Das ift ein fehr graufamer Sprachgebraud ;« 
feufzte fie. „Ihr ſeyd graufam und felbft in Eurer 
Froͤhlichkeit ſchneidet Ihr tiefer ein, als die Schlacht⸗ 
meſſer der Wilden in ihrer Wuth, — ſtoßt Ihr dem 
armen alten Mann den Stachel Eurer Zunge in das 


— 151 — 


Herz." Sie zog ſich unwillig zurück. Gabriele ſchlang 
ihren Arm um fie: „Sey nicht böſe, Siſſi, der alte 
Häuptling iſt ja nicht hier.“ 

.. nAber feine Tochter ift es;“ ſprach Roſa. 

"Seine Tochter?« fragte Mifter Bowditch, der in 
feiner Promenade durch die beiden Abtheilungen des 
drawing room die legten Worte des Mäbchens ge- 

‚hört Hatte. „Wer tft doch die junge Dame?« fragte 
er Mistreß Barker. 

„Miß Rofa, unfer lieber Saft. 

„Miß Mofa — Roſa,« wiederholte der Pflanzer 
mit einer Stimme, die leiſe feyn follte, die aber in den 
beiden Zimmern gehört wurde. 

„Ih babe Sie Ihnen bereits vorgeſtellt, aber 
Mifter Bowditch ſchien zu fehr mit andern Gegen⸗ 
ftänden beſchäftigt; ſprach bie Dame mit einem ſanf⸗ 

‚ten Berweife. 

„Ad, jetzt erinnere ich. mich, a propos! Br 
wackelte zur Klingelfihnur und z0g ſie. „Bringt mir 
doch einmal. meinen Meberrod aus der Vorhalle her⸗ 
ein. Da, Mistreß Parker, find ein halbes Dutzend 
Briefe, ein wenig verfpätet, aber gute Nachrichten 
kommen nie zu ſpät. Muß doch ſehen.“ Und mit 


— 12 — 


biefen Worten fegte er ohne Umſtände, feine Brille 
zwiſchen Nafe und Ohren und fing an eine Seitung 
zu entfalten. 

: Die Dame hatte die Briefe in Empfang genommen, 
und fi. für einige Augenblicke entſchuldigend, verlieh 
fle mit Birginien das Befuchzimmer. . 

„Da feht einmal diefe Zeitungfchreiber — aber im 
Ganzen genommen nicht jo übel, nein, — rief er; 
indem er das Kind durch die Brille mufterte, mit 
etwas weniger Intereffe, als er wahrſcheinlich einem 
fremden, in feine Baummollenpreffe derathenen 6 Cot⸗ 
tonballen bewieſen haben dürfte. 

„Sehen Sie,“ fuhr er fort, „da ſteht hhr⸗ Lebens⸗ 
geſchichte ſchwarz auf weiß.“ 

„Etwas von Roſa in dieſen Bapieren?« fragte 
das aufmerkfam gemordene Mädchen. 

. Der Pflanzer fah fle verwundert an. „Sie wiffen 
ja, die ftedfen ihre Naſen in Alles hinein. « 

„Darf ih bitten,“ ſprach fie. 

- „Gerne;u verſetzte er, ihr das Blatt reichend. 

Sie nahm es und zog ſich ſchnell in die Edle des 
Sophas zurüd. Sie las Wort für Work. Bei jeder 
- Linie fefüttelte fie das Köpfchen ftärfer: Sie wechfelte 


—) 183 > 


die Farbe. Wieder Ins fle, eine Thräne perlte in ihren 
Augen, und das Köpfcken fenfend, fehlen fle Alles 
um fi} Her zu vergefien. Sp war fie eine geraume 
Pelle gefeften, das Blatt auf ihrem Schooße, ohne 
ein Wort zu fprechen. Die. Damen waren herbeis 
getreten und fühen fie verwundert an. Unwille, be⸗ 
leidigtes Zartgefühl, fhienen in ihrem Gemüthe 
wechfelfeitig zu Tämpfen; Die Freiheit, die man ſich 
mit ihr genommen, ſchien ſie tief zu verlegen. 

Der Pflanzer trat an ſie heran. 

„Aber, mein Bater,“ rief fie aufftchend, und nicht 
ohne Unwillen, „daß tft ja nicht wahr, was hier ge» 
druckt ift. Der weiße Mann muß Ir böfe ſeyn, der 
dieß gethan hat.“ 

„Pah, Vater,« wiederholte der langer „Dante 
ſchönſtens, Mifft! Hab’ aber mit den. Dreien da ge⸗ 
nug zu tbun. Glauben nicht, was bie Einen für 
Geld Eoften. Da mußten drei Shawls her, eine neue 
Erfindung irgend eines müßigen Webers in China, 
das uns ohnedem ſchweres Geld koſtet. Kommen mich 
die drei Dinger da auf zweitauſend Dollars; das 
gäbe vier tüchtige Neger, A fuͤnfhundert Dollars per 
Stück, von denen Jeder fünfzig Prozent geben muß, 


1 - 


macht tauſend Dollars: per ammum. Das verftchen 
Sie aber. nit, armes Kind;“. meinte: er mit einem 
mitleibigen, beinahe geringfhägigen Blide. „Ja, da 
find file mir nun Alle über'm Hals. Die Georgiane — 
nun, ba glaube ich, wird ſich wohl mit Charles etwas 
‚machen laſſen. Bin nur froh, daß Krieg iſt. Haben 
wir doch biefen Winter mit den verbammten Bällen 
and Partien Ruhe. Der vorige. Carneval koſtete 
mich netto zehentaufend Dollars. Wenn's meinem 

Kopfe. nach gegangen ‚wäre, fo hätte. ih Amalien 
noch. ein Jahr in der Penſion gelaſſen. Schickt ſich 
beſſer. Sieht fo ſonderbar aus, wenn inan zwei auf. 
einmal auf's Tapet bringt; die jungen Leute wiſſen 
nicht, wo am erften anzubeißen iſt, und Iedern nur. 
Sa, Bin ein alter Spa.“ 

. Der kleine Mann ‚hatte diefe. Nede, feine beiden 
Sände in der Taſche, in den beiden Zimmern prome- 
nirend, mit einer Selbfigefälligkeit vorgetragen, Die 
' feine drei Miffes fehr zu beluſtigen fehlen, von ber 
aber das arme Naturkind nyr fo viel begriff, daß fie 
mit einer ſchonungsloſen Geringſchätzigkeit und Müd- 
fihtslofigkeit behandelt murde. Ihe Bufen bob fi 
immer beflommener. . - 


15 > 


„Nun voirklih,a fuhr der Pflanzer fort, das Blatt 
wieder aufnehmend, „ber Artikel ift gut gefchsieben, 
und wenn ihn irgend eine alte mohlthätige Haut zu 
Geſichte bekönmt, kann er vielleicht Ihr Glück machen. 
Haben Sie ihn denn auch gelefen?« Er begann: 

„Wir würden Bedenken tragen, Nachſtehendes in 
unfer Blatt aufzunehmen — das iſt fo eine gemöhn- 
liche Formel,« unterbrach er fih. — „Bedenken tra⸗ 
gen — die Wichte Bedenken tragen, wenn und,“ 
fuhr er fost, „bie Wahrheit der berührten Daten nicht 
buch reſpektable Autoritäten verbürgt und wir nicht 
auch zugleich der Hoffnung wären, durch ihre Ver⸗ 
breitung nützlich zu werben, und Licht und Aufklaͤ⸗ 
zung über einen Borfall zu verbreiten. « 

«ht und Aufklärung Uber einen Vorfall ver- 
breiten; commentirte er. „Er will Licht und Auf⸗ 
Eärung über fie verbreiten. Das ift übrigend ganz 
recht, und es läßt ſich gar nichts dawider fogen. Nur 
unfere Neger muß man nicht aufklären wollen. « 

Das Mädchen hatte aufmerkſam zugehört. „Die 
Worte find füß, aber in feinem Herzen fpricht er 
bitter;« fügte fie keife und unwillig. 

„Je nun, was ‚die Indianer betrifft, da macht er 


—d 156 — 


freilich feine Complimente; aber Wer ‚wird auch 
bie mit einem, Wilden meqhent Wäre ungeräumt.“ 
Er las weiter. 

„Bor beiläufig vierzehn Yabeen ‚in aner ſtürmi⸗ 
ſchen Dezembernacht, ſtürzte plötzlich eine Horde In⸗ 
dianer von dem Volke der Ereeks an die Behauſung 
Eines unferer Bürger, der, damals im Staate Geor⸗ 
gien, am Fluſſe Cooſa, als von der Regierung auto⸗ 
riſirter Zwiſchenhaͤndler lebte. Aus dem Schlafe auf⸗ 
geſchreckt, öffnete er noch gerade zu rechter Bett bie 
Tpüre, um einen gewaltfamen Einbruch zu verhüten. 
Es war die Schaar des berüchtigten Tokeah, der 
durch feine Gräuel und Schreckensthaten die Lang⸗ 
muth unferer Bürger und Regierung fo fehr ermüdet, 
und, nachdem er-fein Land verfauft, durch Gewalt⸗ 
thäten ‚aller Art das weſtliche Georgien unfisher ge- 
macht. Die Bamilie, den unbändigen Sinn bes 
Wilden wohl fennend, erwartete nichts Geringeres 
als angenblidlihen Tod; fey es jedoch, daß feine 
NRaub⸗ und Mordgier bereitö durch frühere Opfer 
gefättigt —“ 

„Der Miko,“ fiel: ihm Mofa mit einer Heftigleit 
ein, die den kleinen Mann ſtutzen machte, „der Miko 


—. 157 > 


it. fein Dieb, Eein Räuber, Tein Mörder. Er hat 
nicht fein Land verfauft. Es iſt ihm geftohlen worden. 
Er dat nicht das Meffer an die Bruft meiner Milch⸗ 
mutter geſetzt. Er bat ihr für das, was Roſa bei 
ihr genofien, Welle bezahlt. Er Hat Roſa nicht ges 
ftohlen. Er hat den Pfeil bittern Hohnes nie fo tief 
in ihr Herz.gebrüdt, als —“ 

„Run, ich will nicht fireiten, Miſſi. Es iſt immer 
ſchön, daß Sie ſelbſt eines Wilden Partei nehmen. 
Ja, ja — hm, — aber der Schluß iſt recht gut.“ 

„Wir enthalten uns aller weitern Bemerkungen 
bis zur gerichtlichen Aufklärung diefes möofteriöfen 
Berhältniffes, wünfchen jedoch, es möge etwas von 
den Angehörigen des unglüdlihen Kinded, das nun 
hülflos und verwaidt und verwahrlodt in die Welt 
Binausgeftoßen ift, entdeckt werden, und falls Diefe 
‚nicht mehr am Leben wären, daß fich irgend eine mit- 
leidige Seele veffelben erbasmen möge. Wir erſuchen 
deßhalb unfere Mitredactoren ; beſonders franzöfifche 
und fpanifhe, daß fie Diefer Anzeige eine Aufnahme 
in ihre refpeftablen Blätter gönnen, und fo einer 
Thatſache Publichtät. geben, die wahrfcheinlich unfäg- 


liche Trauer und Sammer in irgend einer franzöſtſchen 
oder ſpaniſchen Creolenfamilie verurfacht hat.“ 

Roſa,“ ſprach fie bebend, „iſt arm. ‚Sie ift den 
Weißen’ nichts werth. Aber fie iſt dem Miko werth 
und theuer. Sie geht zu ihm und wird den Weißen 
nicht beſchwerlich fallen.“ 

„Sie, Miß, zu den Indianern zurückkehren? Cine 
Milde werden? das märe wirklich ſchade. ‚Sie wol⸗ 
len?« fragte der Pflanzer verwundert. 

„Aber mein Gott, was habt Ihr denn?« rief 
Mistreß Parker, die von Gabrielen in der Angſt 
ihres Herzens herbeigeholt worben war. ' 
- „Nichts,“ verficherte der Onkel, „bloß das Zeitungs⸗ 
blatt. Sie will zu den Indianern zurück, und ich fage 
ihr, ſie thäte beffer, wenn fle irgendwo unterzufom« 
men trachtete. « 

„Aber, Mifter Bowditch,“ rief Die Dame un⸗ 
willig, „wie können Sie ſich doch ſolche Familiaritã⸗ 
ten mit unfern Gäften erlauben!“ 

„Ic weiß aber nicht, was Ihr da für ein Wefen 
macht. Sie ift doch nur ein armes Kind, und Oberſt 
Parker ſelbſt hat mir geſagt A 


0 159 ⸗— 


"Indem trat ein Bedienter ein. „Madame, ein 
fonderbarer Beſuch — zwei der Indianer. 

-»Sie-fommen um Rofa. Lebe wohl, theure Mut- 
ter! Lebet wohl, Birginie-und Gabriele!« rief fie. 

„Miß, wohin wollen Sie?“ ſchrie Die erfchrodene 
Dame. Doc fie war ſchon verſchwunden. Wie eine 
Berfolgte flog fie Durch den Corridor auf bie beiden 
Cumanchees zu, und mit diefen-über das Bayou, fo 
ſchnell 918 fie Tonnte, zum Gafthofe. Sie flürzte die 
Stiegen hinan und warf fi mit unendlicher Angſt 
an den Hals des Miko, gleihfam als wollte fle ihn 
fefthalten, damit er. ihr nicht entriffen würde. „Armer 
gefangener Löwe; flüfterte fie: „Arme Nofa, ſie 
ift nicht werth; die Weißen haben ſie mit Sohn ver⸗ 
flogen. Arme Roſa.“ Einige Male waren ihr die 
Worte entfehlüpft, als der alte Häuptling aufmerkſam 
wurde-und fie forfhend anfah. 

„Wie meint. meine weiße Mofa dieß?“ fragte er. 
„Was ift der Löwe? Wer ift er?“ 

„Der Löwe ift eine grimmig wilde Kate, die Alles 
töbtet, und die von den Weißen gefangen und in einen 
eifernen Käfig geſperrt wird, wo fie dann ihrer Qual 


— 1 ⸗— 


in ber Gefangenfhaft fpotten. Ste heißen alle Ge⸗ 
fangenen Löwen. Das ift Sprachgebraud. « 

„Und. Rofa ift nichts werth?« fragte EI Sol. 
„Wie mieint meine theure Schwefter dieß?“ 

„Nights werth ſund bei den Weißen alle Diejenigen, 
Die nicht viele. Dollars oder-viel Gold haben.“ 

„Dann mag meine Schwefter' den Weifen ſagen, 
daß Roſa mehr werth ift, als fle; daß fie alles Gold 
und alle Dollars der Cumanchees beſitzt, daß El Sol 
und die Seinigen freudig all ihr gelbes und weißes 
Metall hergeben wollen, wenn es ein Lächeln auf 
ihrem Geſichte hervorbringt. Roſa muß den Weißen 
fägen, daß ſie mehr ſilberne Dollars, mehr Gold 
befitzt, als viele Pferde tragen können. So wenig 
der Milo und fein Sohn gefangene wilde Kapen find, 
fo wenig ift Nofa nichts werth Sie iſt mehr werth/ 
als die Weißen.“ 

Das Mädchen ſah den Häuptling, der hefuig ge⸗ 
worden war, gerührt an. „Et Sol,“ lispelte fie ihm 
zu, „ift mein Bruder, Roſa will ihm die theure 
Schweſter ſeyn.“ 

Der alte Mann war unterdeſſen aufgeſtanden und 
einige Male in der Stube auf⸗ und abgeſchritten. Er 


—d) 161 9 


horchte, eilte un bie Thüre, zum Benfter, er fing an, 
fi fchneller zu bemegen. Im anftogenden Zimmer 
wurden mehrere Stimmen gehört, und dad Getöſe 
vom Ufer, und das Trommeln vor dem Wachthaufe 
verfündeten eine Bewegung unter den zurückgebliebe⸗ 
nen Milizen, die Alle in Reihe und Glied flanden. 
Auf einmal ſetzten ſie fih in Marſch und zogen dem 
Ufer zu. Das Geziſche des entquellenden Dampfes 
verrietb ihren Abzug auf dem Dampfboote. Die 
Augen bed alten Mannes fingen an zu funteln. Er 
ſah ſtarr auf die im Fackelſchein fich fortbewegenden 
Maſſen, rannte wieder zur Thüre und horchte. Bei⸗ 
nahe ſchien es, als ob er fühle wie der König der 
Thiere, der, in feinem eifernen Käfig eingefperrt, 
raſtlos vor= und rückwärts trabt und durch Die Spal⸗ 
ten feined Gefängniffes fpäht und einen Ausgang zu 
erlauern trachtet. 

nDte weißen Krieger « rief er ploͤtzlich mit freubes 
funkelnden Augen, „find gegangen. Hört mein Sohn 
das Kochen des feuerfpeienden Canoes? Tokeah will 
nun gehen zu erfüllen, was ihm der große Geift Hat 
zuflüſtern laſſen. Diefe Nacht,“ ſprach er zu Rofa, 
werben bie rothen Männer die Wigwams der Wei⸗ 

Der Legitime. III. 411 


—d 168 — 


sen verlaffen; zu Tange find fie ſchon von ihnen im 
Käfige gefangen gehalten worden. % 

„Sp laß und ellen,“ rief Roſa. 

„Mein, meine Tochter kann nicht mitgehen, er⸗ 
wiederte er; „der Pfad iſt rauh, der Miko muß ellen, 
damit er erfülle, was ihm geboten worben. Die 
Füße meiner Tochter find zart.“ 

„Nicht mitgehen? Der Miko will feine Zdehter 
verlaſſen?“ rief das Mädchen entſetzt. 

Der alte Mann fhüttelte dad Haupt. „Die weiße 
Roſa iſt Tokeah ſehr lieb; aber ſie iſt vom Noffe ge⸗ 
tragen worden auf dem Pfade, der zwiſchen dem 
Natchez und dem endloſen Fluſſe liegt. Die Dornen 
des. Weges, den ihr Bater nun geht, würden ihre. 
Füße verwunden.“ 

„Sie werden flarf werben; verficherte fie ihn. 

„Roſa, meine Schwefter, muß bleiben, bis ber 
Miko und fein Sohn zurückgekommen. Die Brüder 
EI Sol, die Häuptlinge der Cumanchees, merben 
ihre Schritte bewachen, und fie ſchützend umſtehen.“ 

„Und Tokeah und EI Sol wollen wirklich geben, 
ohne Roſa mitzunehmen? ſprach fie, beinahe unwillig. 


—, 163 6 


"Bater,u bat fie, fi an den Hals des alten Milo 
werfend, „nimm Rofa, Deine Rofa, mit Dir.“ 

nEl-Eotah,# ſprach Diefer, „wird dem Miko fein 
Mahl bereiten. Aber Roſa muß bei den Weißen 
bleiben, bis er zurückkommt. Tokeah weiß,“ fuhr 
er fort, „daß ihre Herzen nicht ſchlagen, wie die der 
rothen Maänner; fie klappern, weil nur Dollars darin⸗ 
nen find; ſie zählen die Biſſen, die meine Tochter in 
ihren Mund ſteckt; aber Roſa mag beim Händler mit 
Seuerwaffer bleiben. Tokeah wird mit Dollars be⸗ 
zahlen. Odht⸗ii⸗ lan hat ihrer viele für ſie, und das 
gelbe Metall — # 

Es Hopfte an die Türe, und der Wirth trat ein 
und fprach mit Roſen, die mit ihm die Stube verließ. 

Sie erſchien ungemein ernft und bewegt nad) eini⸗ 
gen Minuten wieder. 

„Alſo muß Nofa Bleiben?“ fragte fie nochmals. 

nMeine Tochter weiß, wie theuer fie dem Miks 
iſt. Sie iſt die einzige Weiße, die feinem "Herzen 
tbeuer ift. Aber Mofa kann nicht auf dem Pfade 
sehen, ven er nun wandelt. | | 

„So will Roſa wieder zu den Weißen. Sie darf 
nicht beim Händler mit Feuerwaſſer bleiben, wo bloß 

41° 


—5 164 — 


Männer find. Es geziemit der Jungfrau sicht, unter 
Diefen zu ſeyn. Die Weißen find kalt; aber fie find 
auch Klug, fie wiflen, was geziemt.“ 

„Meine Tochter iſt weile,“ ſprach der alte Dann 

in demfelben gelaffenen Zone, „der große Geift der 
Meißen ift in ihr; fie wird feiner Stimme folgen, 
und thun, was er ihr heißt, und ihr Herz ihrem 
Vater bewahren. « 
Möge der große Geift Dich begleiten/ PBater!a 
tiöpelte fle ihm zu. „Du bift Rofen theuer. Das 
Eimige, was ihr von Canondah übrig iſt. Nofa 
witd den großen Geiſt bitten, daß er die Dornen von 
Deinem Pfade tilge.“ 

Sie fiel ihm bewegt um den Hals, und der alte 
Mann legte ſeine Stirne auf die ihrige; dann erhob 
er ſich, und beide Hände auf ihrem Haupte faltend, 
ſprach er im tiefſten Gefühle: „Der große Geiſt be⸗ 
wahre Dich, meine Tochter!“ 

Der junge Häuptling ‚fand in ehrfurchtsvollem 
Schweigen. Als ber: Miko feinen Segen ausgeſpro⸗ 
hen hatte, faßte er ihre Hände und, fie an fein Herz 
prüdend, fab er ihr eine Welle in die Augen und 
wandte ſich dann raſch weg. 


—d 165 — 


Naoſa ſchaute ihn verwundert an und verließ Daun 
gedankenvoll die Stube. 


Fünfnnddreißigfles Kapitel. 


Willſt Du genau erfahren, was fi ziemt, 
So frage nur bei edlen Frauen an.- 
Göthe. 
Roſa kehrte ernſt, beinahe feierlich, nach Hauſe 
zurück; es war etwas Unerflärbares in ihrem ganzen 
Weſen, das der Oberftin und felbft ihren etwas fri⸗ 
polen Eoufinen auffiel. Alle ſchwiegen jedoch; aber 
am folgenden Morgen, als Diefe mit dem Onkel ab⸗ 
gereißt waren, nahm die Oberftin fie bei der Hand, 
und fie forfchend anblickend, ſprach fie mit einer mil- 
den, aber eindringenden Stimme: - 
„Liebe Miß Roſa! Sie haben geftern etwas ge= 
than, Das und Alle fehr geſchmerzt hat.“ 
„Roſa etwas gethun, dad Schmerzen verurfacht 
Hat?u verjeßte das Mädchen, ihre Hände faltend. 
„Und Ste fragen, Miß?“ erwieberte die Dame, 
„nachdem Sie bei Nacht, ohne etwas zu fagen, aus 


— 16 
dem Haufe entwichen, zu den Wilden entwichen,“ 
ſprach fie mit flärferer Betonung. 

"nZheure Mutter, ich bitte Dich, heiße fie nicht 
Milde. E8 find edle Menſchen. 3b habt ihnen viel 
Böoſes zugefügt." 

„Miß Roſa,“ fprach die Dame, „darüber fünnen 
Sie jetzt nicht urtheilen. Sie werben es einft können. 
Bis dahin verfihieben Sie Ihr Urtheil und glauben Sie 
einftweilen meiner Verfiherung, daß dad 2008, dad 
dieſe Wilden nieberbrügft, nicht unverdient iſt. Jeder 
Menſch hat ſein Schickſal in den Händen. Auch Sie, 
Roſa, haben es. Und darum bitte ich Sie, nie zu 
vergeſſen, daß Sie eine junge Dame ſind, die ſich 
nie etwas vergeben, am wenigſten aber den Anſtand 
ſo ſehr verletzen darf, um Wilde zur Nachtzeit zu be⸗ 
ſuchen. u “ 

„Aber fie kamen, um Rofa abzuholen, und Roſa 
mußte zum Milo, ihrem Vater, gehen.“ 

„Vater,“ rief die Dame unwillig. „Miß, wie kön⸗ 
nen Sie den wilden garſtigen Indianer Ihren Vater 
nennen?“ . 

aRofa wird. ihn nie anders nennen. - Er iſt Ca⸗ 
nondahs Vater. Sie wird ihn nie verlaffen;“ ſprach 


—. 167 — 


fle mit leifer, bemütbiger, aber auch entſchloſſener 
Stimme. 

nie, Sie wollen zu den Wilden gehen?“ vief bie 
Oberſtin mit einem Abfcheu, fo unverholen, als wenn 
Eine ihrer eigenen Töchter ihr diefen feltfamen, Ent⸗ 
ſchluß verkündet hätte. „Zu den Wilden? rief ſie 
nad einer langen Baufe abermald, und mit geflei- 
gertem Unwillen. „Unſer Haus, bie civiliſirteſte Ge⸗ 
ſellſchaft, wollten Sie verlaſſen? Würe es möglich?“ 
Sie warf einen langen, forſchenden, beinahe miß⸗ 
trauiſchen Blick auf das Mädchen. 

Unfere Oberflin war, mie unfere Leſer entnommen 
haben werden, eine Dame von hoher Bildung; aber 
obgleich. fie nicht Die gewöhnlichen Vorurtheile theilte, 
die man häufig gegen bie Indianer hegt, fo mußte 
ihr. doch der Entſchluß des Kindes, zum Mindeſten 
gejagt, außerorbentlih vorkommen, Nah ihrem 
Blicke zu urtheilen, fchien fie nicht ungeneigt, diefen 
jeltfamen Entſchluß einer minder lautern Quelle zu= 
zuſchreiben, als die war, ber er feinen Urfprung 
verdankt. 

„Miß Roſa!« ſprach fie mit einer feierlichen 
Stimme, „das ebelfte Geſchöpf, dad aus der Hand 


—H 168 ⸗— 

per. Natur hervorging, iſt das Weib. Sie duldet, 
fie leidet, wo der Mann nur genießt. . Selbft ihre 
Freuden find an Schmerzen gefnüpft. Aber in ihrer 
Hand liegt das Schickſal des Geſchlechtes, und eim 
tugenhhaftes Mädchen, das ſich pflichtbemußt zur 
Gattin bildet, ift eine achtunggebietende Erſcheinung. 
Aber die tiefſte Erniedrigung, Roſaiſt es, wenn 
ein weißes, frei geborenes Mädchen ſich freiwillig 
einem — weniger als Barbaren — einem Wilden zu 
überliefern niedrig genug denkt. — Es iſt thieriſche 
Erniedrigung,“ ſprach fie mit Abſcheu, „weil bloß 
thieriſche Leidenſchaft — u ſie hielt inne; denn das 
Mädchen ſchrack ſichtlich zuſammen. 
Roſa,“ ſprach, ſie, „iſt ſehr unglücklich. Du 
ſagſt, es ſey die tiefſte Erniedrigung, ſich den Wilden 
hinzugeben; wohin fol Roſa gehen? Bei Euch,“ 
feufzte fie, „iſt ſie nichts werth. Sie hat fein Gold. 
Sie ift arm. Ihr bietet fie, wieder Zwiſchenhändler 
fein Beuerwaffer, dem öffentlichen Mitleiden an.“ 

Die Oberftin fah dag Mädchen, veffen richtiger 
Blick fo tief das Unzarte des Zeitungsartifeld aufs 
gefaßt und noch immer fühlte, betroffen an. „Es ift 
gefehlt worden, « ſprach fie; „aber dieſe Unzartheit war 


i00 ⸗ 
gut gemeint, meine Tochter. Wir müſſen Manches 
dulden, was uns hart ſcheint, weil wir den Grund 
davon nicht einſehen.“ 

„Mutter!«“ ſprach das: Mädchen, „in meinem 
Herzen ſpricht eine Stimme, die mich nie irre geführt 
hat. Sie gebot mir, dem Miko zu folgen. Sie wird 
mir ſagen, was ich zu thun habe. Aber bei Euch 
würde die arme Roſa verlaſſen ſeyn. Als der Miko,“ 
fuhr fie mit leiſer Stimme fort, „fich entſchloſſen 
hatte, in die Niederlaſſungen der Weißen zu gehen, 
da ward es in meiner Seele plötzlich helle. Ich ver⸗ 
langte mitzugehen. Roſa iſt gegangen. Ach!« ſeufzte 
ſte, „ſie ift fremd unter Euch. Als fie in der Hütte 
des Zwifchenhändlers war, da gab man ihr Speife, 
weil der Milo Belle gab.. Sie war fremd damals. 
Sie ift es wieder. Beim Miko war fie Tochter. 
Mutter! rief fie überwältigt von ihren Gefühlen, 
nfey nicht graufam, entreiße der armen Mofa nicht 
das Einzige, was fle auf der Welt befitt, den Troft, 
den Miko zum Vater zu haben. Roſa hat nie ihren 
Bater gekannt; fie ift nie am Buſen ihrer Mutter 
gelegen. O, es ift fo wenig, um was fie Dich bittet.“ 

Die Oberftin blickte das in tiefſten Schmerz ver⸗ 


—) 10 0 


funfene Mädchen in fprachlofer Rührung af. »Mein- 
theures, verwaistes Kind! ſprach fle, „ich will Die 
Mutter ſeyn. Eine Mutter läßt ſich zwar nimmer⸗ 
mehr erſetzen! aber mütterlije Freundin, Beſchützerin 
will ich Dir ganz ſeyn.“ 

Der unglücklichen Waiſe war nun alimählig ihr 
Verluſt, dad Entbehren der Mutterbruſt, des väter» 
lichen Schutzes in den Contraſten, die ſie in ihrem 
kurzen Leben erfahren hatte, deutlich geworden. Es 
war aber nicht bloß Sehnſucht nach den entbehrten 
Bater- und Mutterarmen, bie fi num in dem Kinde 
fo ergreifend äußerte. Sie hatte ihre Verlaſſenheit 
ſchon in, der Hütte des Miko gefühlt; aber nie war fie 
ſich derfelben fo deutlich, fo fehmerzlich bewußt wor⸗ 
ben, als in ihren neuen Umgebungen, und ber freien 
Beweglichkeit und hinwiederum den eingezmängten 
Formen ihreöneuen Kreifed. An die rauhe Väterlichkeit 
bes Miko gewöhnt, war diefe ihrer demüthigenden, 
von Liebe erquedenden, fi fo gerne anſchließenden 
Natur zum Bebürfnip geworben; jegt aber fühlte fie 
fih nun unendlich einfam und verlafien. 

Sie war biäher im Haufe des Oberften ganz als 
lieber Saft, mit al der Rüdficht und Aufmerkſam⸗ 


—) 171 ⸗— 


feit, bie einer jungen Dame in ihrer Lage erwieſen 
werben konnte, behandelt worben; allein ihr natürs 
licher, durch lange Einfamkeit zum Nachdenken auf 
geregter Verſtand ließ fie in eben dieſer Rückſicht 
zugleich) all die Kälte erfehen, die in unfern ſoge⸗ 
nannten guten Häufern gewiffermaßen zur Sitte ge 
worden ifl. Zwar hatte in den erſten Tagen ihres 
Hierſeyns, und vorzüglich während ber Anweſenheit 
des Squire Copeland, eine herzliche Ausnahme Statt 
gefunden;, aber als Diefer abgeganger, wurde ihr 
der Contraſt nur um fo auffallender. Vielleicht war 
auch eine Eleine Scheu vor dem Mädchen, das fo lange 
* Zeit unter den Indianern gelebt hatte, mit im Spiele. 
„Ja, Roſa!«“ ſprach Die Oberflin, die gegangen 
und wieder zurüdgefommen war, „Du ſollſt meine 
Tochter ſeyn. Der Indianer ift unfihtbar geworben, 
höre ich .jo eben. "Möge er nie wieder kommen.“ 
„Er wird wiederkommen; « rief das Mädchen zu- 
verfihtlid. „Er wird kommen, um Rofen zu holen.“ 
„Ich zweifle; « erwiederte ihr die Oberftin, Die es viel⸗ 
leicht nicht räthlich fand, das, was ihr als Starrſinn 
an dem Mädchen erſcheinen mochte, gegenwärtig zu 
. bekämpfen? „Es iſt zwar ſehr wenig an ihm gelegen; 


—$: 12 > 


allein ex hat des Boͤſen zu viel gethan, um fich-feinen 
gerechten, aber auch frengen Richtern nochmals zu 
ftellen. « \ 
„Er wird gewiß wiederkommen;«“ verfi icherte fe 
Roſa nochmals. 

„Und warum ift er gegangen ?« fragte bie Oberftin. 
„Vielleicht ſollte ich nicht fragen, da er Deinem Herzen 
näher jcheint ald wir. Nur ift fein Verſchwinden 
gegenwärtig auffallend. Mofa! ich hoffe, Du wirft 
mir Vertrauen fhenfen, Tindliches Vertrauen? Es 
hat das Verſchwinden des Indianer einige Unruhe 
verurfacht. Ich Hoffe, nochmals ſage ich ed, Du wirft 
in Deiner Anhänglichkeit, die ich übrigend-chre, bie 
Scheidelinie der Pflicht erkennen, und das Vertrauen, 
Dad in Dich gefeht wird, nicht mißbrauchen. « 

Nachdem fie dieſe Worte mild, aber ernft und ein⸗ 
dringend gefprochen hatte, entfernte fie, fih. Das 
Mädchen wur in tiefes Nachdenken verfunfen geftan- 
den, über die feltfamen Worte finnend. Die myſte⸗ 
riöfe und plögliche Entweichung ber vier Indianer 
hatte wirklich am Bayou.und in der Umgegend einige 
Unruhe verurſacht, und die Frau des Oberſten war 
erfucht worden, wo möglich die Beranlaffung dieſes 


—d 173 — 


Unſichtbarwerdens des gefährlichen Unruhſtifters aus 
ſeiner Pflegetochter herauszubringen. Ihr offener, zu⸗ 
verſichtlicher Ton war jedoch ein hinlänglicher Beweis, 
daß ſie keine Mitwiffenſchaft habe, was auch um ſo 
wahrſcheinlicher ſchien, als es ſich kaum denken ließ, 
daß die Wilden, im Falle ſie wirklich etwas Feind⸗ 
ſeliges im Schilde führten, ihr ihre Abſichten kund 
gethan haben würden. Bald verſchmolz auch dieſe 
Heine Beforgniß in der großen Angelegenheit, Die nun 
Alle ausſchließlich zu befchäftigen anfing und in der 
man alles Uebrige vergaß. Sp lange nämlich die 
beiden Eompagnien unter dem Befehle des Gapitain 
Percy noch am Bayou waren, fehlen man noch immer 
beruhigt. Sp. unbedeutend die Anzahl der zurückge⸗ 
bllebenen Milizen war, fo hatte doch der Umſtand 
ihrer Nichteinberufung der Umgegend ein gewifjes 
Gefühl von Sicherheit, von Vertrauen einigeflößt, 
das nun durch die plößliche Ordre zum Abmarfche 
ſehr erfchüttert worden war. Es mar eine fieberifche 
Aufregung eingetreten, eine krampfhafte Spannung, 
die die Gemüther immer heftiger dann ergreift, wenn 
der Schauplatz der Gefahr entfernt und fo der Düftern 
Phantafle mehr Spielraum zu trüben Bildern ge⸗ 


4 mM. 
Taffen iſt, eine Art ſchaudernder Empfindung, die fi 
mehr oder weniger an den Zurückgebliebenen äußerte. 
Man ſah ſie in den ernft verſchloſſenen Geſichtern, den 
bedenklich ausforſchenden ſtarren Mienen, dem hän- 
figen Vergeſſen aller perſönlichen Rückſichten und 
Vortheile, dem ängſtlichen Zulaufen beim jedesmali⸗ 
gen Erſcheinen eines Dampfbootes und dem bangen 
Verſchlingen der Zeitungen, deren lakoniſch geheim⸗ 
nißvolle Kürze nie peinlicher ward. Auch unſere 
Familie war von dieſen fieberiſchen Schauern nicht 
verſchont geblieben, und wenn durch das rege Still⸗ 
leben, das auf der Pflanzung herrſchte, die duͤſtere 
Folie weniger ſtark hindurchſchimmerte, fo war dieſes 
‚nicht fo ſehr einem Mangel an Theilnahme ober Ge⸗ 
fühl, als vielmehr der Selbſtverlaͤugnung der wuͤr⸗ 
digen Frau zuzuſchreiben, die als Mutter und Bes 
bieterin dem Haufe vorſtand. „Unſere Gatten und 
Söhne,“ ſprach fie zu ihren Töchtern und Rofen, 
„kämpfen für uns und unfer Land. Uns hat die 
Natur eine nicht minder ehrenvolle Beſtimmung an⸗ 
gewiefen, die — durch häusliche Thätigkeit die Kräfte 
unferer Männer und Söhne in den Stand zu feßen, 
ihrer großen Beftimmung Genüge zu leiften; die wuͤr⸗ 


—, 15 
vigſte Teilnahme, die das Weib Aufern Tann. Es 
geziemt bem freien Weibe nicht, fi von Empfindungen 
überwältigen zu laffen ; denn es ift nicht niebergebrüdtt 
durch das erfihütternde Phantom eined übermüthigen 
Tyrannen, ber ihre Lieben von ihrem Bufen reigt 
und einem dunkeln Verbängnifie zuftößt; e8 kennt bie 
Gefahr und die Nothwendigkeit, ihr zu begegnen. « 

Aber ungenchtet diefer männlich flarfen Gründe 
wurde die Prüfung auch für fie allmählig zu ſchwer, 
und fonderbarer Wetfe fuchte fie bei unferem Liebenden 
Naturkinde Troft und Ermunterung. Seven Tag, 
jede Stunde fühlte fie fih mehr und mehr angezogen, 
und der beiderfeitige Anklang von Schmerz und Ent- 
behrung ſchien fie nun wirklich zu einem Gliede ber 
"Familie zu einigen. So verlief eine Woche. 


Es war an einem fonnigen. Mittage, daß Roſa 
am Bayou in finnender Betrachtung ſtand, dem Ge- 
fange der in Cottonpreſſe arbeitenden Neger zuhor⸗ 
chend, wie fie ihr eindringend wehmüthiges Tallari- 
hoe berüber tönen ließen. Es ift ein ergreifend me⸗ 
lancholiſcher Gefang, wie er in feinen tiefen. Baßtö⸗ 
nen und dem klagenden Tenor in langen Cadenzen 


—) IB 

‚an das Ohr ſchlaͤgt. Allmählig verfkummten Die 
Stimmen eine nach der andern, dann erhoben fie ſich 
wieder, und ein Chor von vierundzwanzig Männern 
brach in den ſchönen Negergefang Bulla-tai aus. 
Auch diefer war verflungen. Roſa fand aber noch 
immer, ohne zu bemerken, wie die Oberſtin mit ihren 
Töchtern herantrat. ‘ 

„Weißt Du, liebe Roſa,“ ſprach fie, „daß diefer 
Schmerz, dem Du Dich überläßt, ſelbſtiſch ift, daß 
wir uns nie ganz einer Wehmuth überlaffen dürfen, 
die unfere Kräfte aufzehrt?« 

„Es ift nicht Schmerz, Mutter; es iſt etwas ganz 
Anderes. Etwas Großes, etwas Wichtiges, das Dir 
Roſa zu verfünben hat.“ 

„Etwas Großes;“ ſprach Die Dame, vie aufmerk⸗ 
fam wurde; denn die Züge des Haren idealen Ge⸗ 
fichtes .der Sprecherin fehienen außerordentlich beivegt. 

„Ja,“ ſprach fie, „es ift eine wichtige Stunde diefe, 
in der viel entſchieden wird. Der gute Gott wird fie 
tröftend für Dich werben laſſen; Mutter, er ift gut 
und milde. Sey auch Du ed, Mutter! ich Bitte Dich.“ 

„Wie kann ich es, liebe Roſa;“ fprach die bewegte 
Dame. 2 N 


— 177 e— 


„Du kannſt e8. Sey milde gegen das arıne Weib, 
deren Mann im Gefaͤngniſſe ſchmachtet. Die Stunde, 
in der Roſa Dich bittet, ift wichtig. Gewähre ihr, 
fo wird fle-Dir fagen — “ 

„Und was wird Roſa fagen?« fragte bie Oberſtin 
das ſinnend horchende Mädchen. „Deine Bitte iſt 
gewährt; ich will die Bürgſchaft übernehmen.“ 

Das Kind drückte die Hand der Dame freudig an 
den Buſen. „Roſa dankt Dir, theure Mutter!“ 
ſprach ſie mit Hoheit. „Dafür will ſie Dir etwas 
ſagen. In dieſer Stunde ſchlagen die Eurigen die 
Schlacht;« flüſterte fie leiſe, aber beftimmt. 

Mutter und Töchter lächelten ungläubig. 

„Kommt,“ ſprach fie; „hier hören wir nichts.“ 
Sie eilte voran an bas untere, füblihe Ende bes 
Parkes, ftellte die drei Damen in einen Halbzirkel, 
und beugte fi dann in ber Nichtung des Ruftzuges. 

Es war biefen Morgen ein ungemein dichter Nebel 
über der ganzen Gegend gelegen. Gegen Mittag jes 
doch fing ein ſtarker Sübwind an vom Strome herauf- 
zuwehen, und die Kraft der Sonne, bie felbft Januar⸗ 
tage in dieſem Lande zu fo herrlich milden Erſchei⸗ 
nungen madt, hatte almählig die Atmoſphäre in 

Der Legitime. IL 12 


) —d 178 &— 


eine zitternd efaftifche Bewegung verſetzt. Von den 
fernen Pflanzungen her waren noch einige Chöre der 
Neger zu hören. Allmahlig ſchwiegen jedoch dieſe, 
und die Natur-fehien mit den armen Schwarzen ihre 
Feierſtunde zu halten. 

„Ich höre nichts,“ ſprach die Dame, „als ben 
Windzug, u ſetzte Virgine Hinzu; „und das knarrende 
Gekrächze der alten Bidi,“ meinte Gabsiele. 

„Ihr habt nicht in dem ſchweigenden flillen Wig- 
wam am Natchez gelebt,“ Lächelte Roſa. Sie horchte 
wieder und fehauerte dann zufammen. „Das -find 
fürchterliche Schüffe. « Ä 

„Hörft Du wirklich etwas?“ riefen bie drei er- 
blafienden Damen. 

„Gewiß, ich höre jeden Schuß, viele Schüffe, fünf- 
zehn, zwanzig auf einmal. Jeder gleicht dem ent⸗ 
fernten Rollen des Donnerd. 

„Es ift nicht möglich,“ meinte die Oberſtin. „E&8 
find nahe an hundertundachtzig Meilen. Zwar ber 
Wind kommt vom Balize herauf — kein Gebirge — 
die Ufer Tiegen offen.“ 

„Ich komme fo eben vom Strome,“ fprach ber 
* Junge Eopeland mit einer Teichten Verbeugung. „Ein 


9 179 — 


fonderbarer Vorfall: die beiden Indianer, bie wir 
feit der Entweihung des Alten in Haft zu ſetzen ge⸗ 
nöthigt waren, brachen plötzlich 108; aber flatt zu 
entfliehen, ſtehen fie num am Ufer, die wunderlichſten 
Berzerrungen fehneidend. Ich glaube, Die Leute hören 
etwas, 

„Es ift die Schlacht, liebe Mutter. Komm, liebe 
Mutter! Virginie und Gabriele! zu Ochtitlan, und 
mein Bruder wird dem armen Manne ſeine dreihelt 
verkünden.“ 

„So ſey es denn,“ ſprach die Oberſtin, bie ſich 
von der natürlichen Beweglichkeit des Mäpchens hin⸗ 
geriffen fühlte. „Mifler Copeland gehen Sie zu 
Squire Brown, und fagen Sie ihm, daß wir Bürg- 
ſchaft für Madiedo ftehen.« - 

Der junge Mann ſah die Frau verwundert an. 

Gehe, gehe, lieber Bruder!« trieb ihn Roſa vor⸗ 
mwärts, „und fomme dann.“ 

„Sehr gerne, Sifii;“ ſprach Diefer, der rafch den 
Weg zum Städtchen einſchlug, während die Damen 
dem Strome zueilten. ‚Schon von weitem erblickten 
fie die Indianer, umgeben von einer Gruppe von 
Männern, Weibern und Kindern. Einer derſelben 

12° 


—— 10 ⸗ 

lag in dem Winkel der Erdzunge, die hier durch dad 
aus dem Miffifippt tretende Bayou gebildet wird, 
auf dem Boden, während der Andere bie Neugierigen, 
die mehr und mehr herbeilamen, in einen Halbzirkel 
ordnete. Ein leiſes, Taum merkbares Säufeln am 
vom Süden herauf, das aber bei Weitem von dem 
Haufen der Wogen übertäubt wurde... Allmählig 
Hatte das jonderbare ſtumme Schaufpiel eine bebeu- 
tenbe Anzahl von Menſchen angezogen. Als die In⸗ 
dianer Roſen erſahen, ſprangen ſie mit der lebhafte⸗ 
ſten Freude auf ſie zu und ſprachen einige Worte im 
Pawneedialekte, mit der Gluth der höchſten Leiden⸗ 
ſchaft. Ihr ganzes Weſen hatte eine kriegeriſche Wuth 
angenommen. 

„Es iſt die Schlacht,“ ſprach Dieſe. „Die Cu⸗ 
manchees hören ſie deutlich. Sie ſagen, es iſt eine 
ſchreckliche Schlacht, die die Weißen ſchlagen. Viele 
tauſend große und kleine Feuerſchluͤnde ſpeien ihre 
eiſernen und bleiernen Kageln aus ⸗· 

. "Der Indianer warf fi ef den Boden und gab 
Zeichen. 

nSie fiehen noch immer auf demfelben Orte,“ 
ſprach ſie. „Nun brüllen die Feuerſchlünde weniger.“ 


—d9 181 9 


Nun brüllen fie ftärker;« vief fie nach einer Weite. 
„Nun zittert Die Erde. Zwanzig der großen Feuer⸗ 
ſchlünde brüllen auf einmal.“ 
„Bott ſegne Sie, Madame!“ rief plötzlich eine 

Stimme hinter ihnen. Es war der Spanier ober 
Mexicaner Madiedo, alias Benito, mit feinem Weibe. 
“ Die Oberftin winfte ihnen Stillſchweigen zu und 
deutete auf Nofen. „Danken Sie e8 Diefer;“ ſprach 
fie leiſe. | 

Der Mann faßte fie einige Augenblide ins Auge, 
und fein fprachlofes Erſtaunen ſchien ihm die Worte 
auf der Zunge zu feſſeln. „Um Gotteswillen, Wer 
find Sie Miß? um Vergebung?“ 

„Roſa;« ſprach das Mädchen verwundert. 

„Roſa!“ ertwieberte der Dann. „Mein Gott, wie 
fle leibt und lebt. Unbegreiflich!“ rief er. 

Die Indianer waren während dieſes Zweigeſpräches 
ungeduldig geworden. Der auf dem Voden Liegende 
hatte ſich aufgerichtet und ſtand gleichgültig, ohne 
ferner feine Beobachtungen fortzuſetzen. Das Ge- 
ſpraͤch, obwohl leife geführt, hatte e8 ihnen unmoͤg⸗ 
lich gemacht, etwas weiter zu hören. 

„Die Schlacht, Madame und meine ſchönen Miſſes,“ 


\ —d I ⸗— | 
rief ein junger Mann in der englifchen Offtziersuni⸗ 
form, aber mit dem Inarrenben irifchen Diakekte, „bei 
St. Patrik! Wer. das fagt, muß die Obren eines 
Midas Haben. Wiffen Sie, meine ſchönen Damen, 
baß wir auf einem ‘ihrer Dampfſchiffe volle achtzehn 
Stunden brauchten, und ſie gehen wie die beſten eng⸗ 
liſchen Poſtpferde. Eine ſchöne Erfindung, Madame, 
die Ihnen Ehre macht.“ 

Die Oberſtin ſah den dreiſten jungen Mann ver 
wundert unwillig an. 

„Lieutenant Connaught!“ ſprach det junge Eopes 
land, „wollen Sie fo gefällig ſeyn, mir auf ein Wort 
zu folgen?“ 

„Ein andermal,« rief der Irländer, der-fih recht 
wohl zu Befinden fehlen, obgleich ihm alle Damen den 
Rüden gewendet Hatten. „Diefe Wilden,“ fuhr er 
fort, whaben übrigens ein feines Gehör, und es ifl 
zehn gegen eind zu wetten, daß wir bei Diefer Zeit bie 
Hauptftadt genommen haben und die Unfrigen auf 
dem Sermarfche find. In diefem alle, meine Da⸗ 
men, können Sie fi) auf den Schu Lieutenant Con⸗ 
naughtd verlaffen. Darf ich fo freifeyn, Ihnen mei- 


1 183 — 


nen Arm anzubieten, fehöne Mint“ fprach er zu 
Pirginien. 

Statt der jungen Dame bot ihm Miſter Copeland 
ben feinigen an, und ohne ein Wort weiter zu ver⸗ 
lieren, 309 er ihn einer Gruppe Eriegägefangener Of⸗ 
fiziere zu, die mehr befcheiben ‚in einiger Entfernung 
am Stromesufer handen. 

So wie der Irländer entfernt war, warf ſich der 
Cumanchee wieder zur Erde, und gab neuerdings 
denſelben regelmäßigen Bericht von der Schlacht durch 
Zeichen, zuweilen wisperte er Roſen einige Worte zu, 
bie fie dann der Oberftin und der verfammelten Menge 
mittheilte. Die Umſtehenden ftanden ftarr in athem⸗ 
Iofer Stille. Jeden Augenblick mehrte fich Die Menge; 
fie kamen auf den Zehen gefehlichen, unb gingen, 
kamen wieder und ftanden, Alles um ſich her vergef- 
fend. Stunden waren fo verftrichen, Die Sonne fant 
bereitö hinter die weftfichen Wälder, und noch ftanden 
Alle verfammelt. Ploͤtzlich fuhr der Indianer zufam- 
men und fprang, mit allen Symptomen bed Ent- 
ſetzens auf. 

„Es war ein ſchrecllicher Donner;“ rif Rofa. 

Wieder warf er ſich zur Erde, lag noch eine Viertel⸗ 


— 19 — 


flunde, und fland dann gelaffen-auf. Beide Wilde 
nahmen Abſchied von Nofa und folgten der Bade; 
bie fie ihrer Haft zuführte. 

Madame!“ ſprach der Wirth Madiedo die Ober⸗ 
ſtin an, als Dieſe nun mit ihren Töchtern und Roſa 
den Heimweg betrat. „Darf ich Sie um einen Augen⸗ 
blick Gehör bitten?“ 

„Nicht heute, Monſieur Madiedo; ⸗ ſprach bie Dame. 

„Nur zehn, nur- fünf Minuten. Es betrifft die 
junge Dame;“ auf Roſa deutend. 

„Kommen Sie denn in einer halben Stunde.“ 


J 


3 


Sechsunddreißigſtes Kapitel. 


Vierzig Sqhillinge wollt’ ich darum geben, 
wenn. ich mein Buch mit Liedern und Sonneten 
bier hätte. — Nun Simpel, wo haft Du ge⸗ 
ftedt? Ich muß mir wohl felbft aufwarten! 

Spafespeare. 
Grabesftille herrſchte am folgenden Morgen im 
Speiſeſaale des Gaſthofes zum Bayou Sarah, wo 
ſich die Gaͤſte ſo eben zum Frühſtücke niederließen, als 
der Donnerruf „ein Dampfſchiff!“ erſchallte. Die 


ir 


Seftel flogen nun in jeber Nichtung aus einander, und 
Alte firömten todtenbleih zur Ihüre hinaus auf das 
Stromufer zu. Rur vier junge Männer, bie ihre 
reihen golbftrogenden rothen Uniformen als englifche 
Offiziere bezeichneten, blieben mit unferem Mibfhip« 
man ganz gemachlich an der vollbeſetzten Tafel ſitzen. 

„Da geben fie, die glorreichen Pankees;« lachte 
Capitain Murray. | 

„Sind bloß drei Darunter, die Mebrigen find-unfere 
franzöftfehen und deutfchen Spargelwächter;“ ent« 
gegnete Lieutenant Forbes. 

Diefe Spargelwächter, wie fie ber launige Eng⸗ 
länder nannte, waren die Bewohner bed Städtcheng, 
die feit dem Abmarſch der waffenfähigen Mannſchaft 
in ein Corps quasi Muncipalgarden, zur Aufrecht⸗ 
haltung der öffentlichen Ordnung, vereinigt worden 
waren, und unter denen ſich auch die Herren Gieb 
und Prenzlau befanden, die ſich, im Vorbeigehen ſey 
es geſagt, auf die Ehre, an der allgemeinen Landes⸗ 
vertheidigung Antheil zu nehmen, die ihnen vor 
ihren weniger reſpektablen Landesmannern, den 
Herren Merks und Stock, zu Theil wurde, nicht 
wenig einbildeten, und ihre frühern Meinungen über 


— 16 — 


die Hei und herrſchende Anerdnumng gänzlich aufge⸗ 
geben hatten. 

„Langweilige Kerle,u rief Capitain Murray wie⸗ 
der. „Unausſtehlich langweilige ‘Kerle, dieſe Dan 
Tees,“ verſicherte er nochmals, eine Duail anfaſſend, 
und die Bruft von beiden Seiten mit anatsmifcher 
Genauigkeit ablöfend. „Wenn das Thierchen hier,“ 
betheuerte er, „ein wenig mehr gebraten, flatt ges 
röftet wäre, bei: Jove! Lenge Hotel konnte nichts 
derlei aufweiſen.“ 

„Ich glaube denn doch, unſere Northumberland⸗ 
Haunhhes find zarter, « verſetzte Lieutenant Devon, 
der, den Vorzug ſeiner landsmänniſchen Hirſchziemer 
a priori erkennend, nichts deſto weniger dem ameri⸗ 
kaniſchen die Ehre eines tiefen Einſchnittes in die 
Mitte anthat. 
| „Vergebung,“ entgegnete der Capitain Murray. 
„Ich ſpreche von Rebhühnern oder Quails, wie fie 
bier genannt werden, will aber vom Ihrigen fpäter 
verſuchen.“ 

„Weiß nicht,“ fiel Lieutenant Forbes ein, der es 
gleichfalls mit dem Hirfchziemer Hielt, maber das will 
ih Eu fagen, Gentlemen, daß mein Magen von 


187 — 
ber verbammten Salzfäure fo außgetrosfnet war, daß 
er Sauerampfer angenommen hätte.“ Er ſah fi 
etwas vorsichtig nach allen Seiten um. „Verdammt! 
vier Monate Salzkur. Hol mich der Henker, wenn 
biefe Kerle nicht verdienen, alle fammt und fonders 
gehängt zu werden. Dar kommen wir herüber aus 
ber belle France und den glühenden Spanien, in der 
Hoffnung, die Tagediebe werden Raiſon haben und 
fi in ihr 2008 ergeben, und da find wir nun Diefe 
ſechs Wochen eingepreßt zwiſchen See und Sümpfen, 
ohne auch nur fo viel wie ein Haus gefehen zu haben. 
Nicht vorwärts, nicht rückwärts, und nichts als 
Pökel⸗ und Salzfleifeh, und Kartoffeln vom vorleßten 
Sabre, die wie Madeira bereitö dreimal die Fahrt 
nad) Oftindien gemacht haben. Aufwärter ich danke 
für ein Glas Madeira. — Hol’ mich der — auch kein 
Aufmwärter hier.“ 

: „Und glauben Sie,“ ſprach Lieutenant Connaught 
zu unſerem Midſhipman, „daß die Gaudiebe uns 
auch nur eine friſche Kartoffel zufommen Tiefen? 
Wenn wir eine Guinee für eine gegeben hätten, fo 
wäre feines ihrer verbammten Ungethüme, die fie 
Archen oder Flatböte heißen, "binabgefommen. Ge⸗ 


1 1 — 
seine Seelen! gar nichts von dem ritterlichen Geifte 
ber Spanier und Franzoſen. Ich verfichere Ste, Mifter 
Hodges, felbft in Frankreich waren wir die Hähne 

‚in den Körben. Nur fhade, die armen Teufel Hatten 
nichts zu geben, ald ihre Weiber und ihre Mädchen.“ 

„Bei Jove! Meine liebliche Donna Iſe abella h Hrun, 
y Caldevai, y Madagascar, y Balthafar, der Teufel 
weiß — 4 lachte Lieutenant Devon. 

„Genug, genug,“ fielen Alle lachend ein, „die 
haben mehr Titel als Dollars.“ 

„Woͤllte jedoch, ich hätte fie hier, bie fhöne Iſa⸗ 
bella; « meinte Lieutenant Devon. 

„Würde Ihnen nichts helfen, bie puritanifchen 
Dankees erlauben Einem derlei Zeitvertreib nicht;⸗ 
verſi cherte ihn Lieutenant Forbes. 

aDanke Ihnen nun,“ fiel Capitain Murray ein, 
nfüt einen Schnitt Ihres Hirfehziemers. Aber, was 
haben Sie doch mit dem herrlichen Geſchöpfe ger _ 
macht?« 

Pah! ſie Capitain Richley für eine Schachtel 
aͤchter Havannahs überlaſſen;“ erwiederte ihm ber 
Lieutenant ganz gelaſſen, indem er ihm ein Stück vom 
Hirſchziemer ſchnitt und reichte. „Der behielt fie bis 


er in Öporto einfehiffte; dann ließ er fle dem alten 
Gaballero zurüd, der fie noch Haben muß, wenn fie 
ihre fehönen Sünden nicht in einem ihrer jungfräus= 
lichen Behälter abbüßt.“ 

„Ha!“« lachte Capitain Murray, omit d den Donnas 
und Condeſſas und Senoras trieben wir es doch wirk⸗ 
lich zu bunt! Aber, wiſſen Sie,“ fuhr er zu unferem 
Seekadeten gewendet fort, „daß wir alle Urſache ha⸗ 
ben, mit Ihrer Slotte oder vielmehr mit Ihren Com» 
pagnond unzufrieden zu feyn? Anſtatt und Zufuhren 
zu bringen, gingen fie nad) Jamaica und ließen fich 
von den Danfees wegfapern. Vieberhaupt, Ihr Her« 
en, in biefem Kriege habt Ihr wahrlich nicht viel 
Ehre eingelegt, Die Java weg, ber Macedonian weg, 
ein halbes Dutzend Fregatten mehr; es darf fich. fein 
königlicher Zweiundfünfziger mehr fehen laffen.“ 

„Ich glaube, wir ſtehen fo ziemlich al pari,“ ent⸗ 
geguete ihm unfer Midſhipman, deſſen esprit du 
Corps die Anſpielung ein ivenig verbroß. 

„Gewiß, Mifter Hodges,“ verſicherte Ihn Lieute⸗ 
nant Devon, „wir wollen die Ehre der königlichen 
Waffen retten, fie ſollen Rache. haben für die Frech⸗ 
beit, Die ſich diefe gemeinen Tagdiebe herausgenom⸗ 


— 10 ⸗ 


men. Bi, id glaube, fie.hätten fie alles Ernſtes ge⸗ 
bangen, ohne Rückſicht auf die blaue Uniform.» . 
Gerade ſo, wie fie Major Andr6 ohne Rückſicht 
auf bie rothe hingen;« entgegnete ihm unſer Mib- 
ſhipman. 

„Das iſt ſchon fo Lange ber,“ Tarhte der Lieutenant, 
„daß es bald nicht mehr wahr feyn wird. Aber 
Scherz bei Seite, Mifter Hodges, es wäre doch Feine 
ſo ganz unebene Sade gewefen. . Ein beneidenswer⸗ 
ther Tod. Hören Sie nur, wenn wir ind Gras bei⸗ 
Ben, und diefe Grobiane legen es immer zuerft auf die 
goldenen Epaulettes an, fo kräht fein Hahn um uns. 
Aber Sie wären von Tom und Eoleridge befungen, 
und allen Damen betrauert worden. Hol’ mich der. 
Henfer! Mit ſechs Pence, und mehr koſtet der Strid 
nicht, Unſterblichkeit zu erringen, ift wahrlid Feine 
Kleinigkeit. Ihre Gebeine würden, wie Die des jeligen 
Andre, audgegraben und in der Weftminfterabtei 
canpnifirt worden feyn, eine. marmorne Tafel mit 
goldenen Buchftaben darüber,' enthaltend: James 
Hodges Esq.“ 

„Damn, die Weftminfterabtei, und Ihre Poſſen⸗ 
reißerei Dazu, u rief der Mibfhipman, dem ber Scherz, 








—$ 191 > 


den man fich auf feine Koften zu erlauben beliebte, 
allmählig zu bunt wurde. 

„Nein, Gentlemen, ich verjichere Wuch, ſprach 
Capitain Murray, „ich kann es begreifen, wie unſe⸗ 
rem Freunde Miſter Hodges nicht ſo ganz wohl zu 
Muth ſeyn mochte. Uebrigens kamen Sie doch mit 
heiler Haut davon, und Sie mögen froh ſeyn; in 
Europa würde man ſich freilich ſo etwas mit einem 
brittiſchen Offizier nicht erlauben, aber da haben wir 
es mit gefügigen Souverainen zu thun, und die Völ⸗ 
fer kommen in keine Rechnung, aber dieſe Flegel.« 

„Alles und Alles zuſammengenommen,“«“ fiel ihm 
Lieutenant Forbes ein, „verſichere ich Sie, es iſt kein 
ſo übles Ding, Amerikaner zu ſeyn, und wahrlich, 
märe ich kein engliſcher Gentleman, fo wollte ih ein 
freier Amerikaner ſeyn.“ | 

„Seyb verfihert,# meinte unfer Midſhipman, 
„wenn Ihr noch acht Tage hier ſeyd, fo werdet Ihr 
recht fehr Reſpekt bekommen. Sit 4 Lektionen habt 
Ihr ſchon.“ 

„Ah, Eonnaught, das it ein Hieb auf Sie,“ 
lachte Lieutenant Devon. „Wie ſagte der Junge? er 
iſt, glaub ih, Capitain der Spargelwächter. Be⸗ 


— 1 
haltet den Narren einſtweilen bei Euch, und wenn er 
es nochmals wagt, Damen zu inſultiren, werben wir 
ihm einen andern Ort anweiſen.“ 

„Und ich werde Demjenigen, der es wagt, die Un⸗ 
geſchliffenheit dieſes groben Yankee zu wiederholen, 
gleichfalls einen Ort anweifenz“ rief der hitzige Ir⸗ 
Jänder. „Bei St. Patrik! das will ich.“ 

„Pah! da habt Ihr den Sprudelkopf,“ fiel Capi⸗ 
tan Murray beſchwichtigend ein. „Schade, daß wit 
feine .Biftolen bei und haben, er fchöfle fih wahrlich 
nad) dem herrlichen Dejeuner, obne Die Verdauung 
abzuwarten.“ 

Nein, galant,“ meinte Lieutenant Devon, nfind 
fle nun einmal ficher nicht. Da fißen wir bereits an 
bie ſechs Tage. Anfangs dachte ich felbft, unfere 
Gefangenſchaft dürfte kein fo großes Unglück feyn. 
Wir. ſind die Erften und haben freie Wahl.“ 

„Und die Mädchen reich; fielen ihm die Andern ein. 

„Eben deßwegen aber ftolz wie der Teufel; kuͤm⸗ 
mert ſich Keine um und. Und mir find doch wahrlich 
feine üblen Kerls;« meinte er, N wohlgefällig be⸗ 
ſehend. 

Wir mäffen und rächen;⸗ fielen Alle ein. 


1 188 — 
vGentlemen!« verſicherte Gapitain Murray, wich 
habe Die Ehre zu verfünden, daß ich ein vortreffliches 
Frühſtück vollendet habe, und nun zur Verdauung 
was anfangen? Lcarté und reuge et noir find 
verboten, feit.und der puritanifche Wirth die Karten 
fo sans fagon ind Feuer geworfen. « | 
„Was läßt fih nun thun, das die Manfeeleute 
verdrießt?“ 

Unſere vier Ariegsgefangenen ertrugen, wie unſere 
Leſer erſehen, ihr hartes Loos mit gerade ſo vieler 
Gelaſſenheit, als Britten gewöhnlich an Tag zu legen 
pflegen, wenn ſie für ihre leiblichen Bebürfniffe ges 
forgt wiſſen und babei die. Freiheit genießen, ihrer 
Zunge freien Spielraum Taffen zu dürfen; eine Freie 
heit, die fie vielleicht noch beffer zu ſchätzen gewußt 
haben würden, wenn die Apathie der Yunfeed, wie 
fle meinten, für ihre gefelligen Vorzüge mehr Em⸗ 
pfänglichteit geäußert hätte. Dieß war jedoch nicht 
der Fall gewefen, und unfere fünf Cavaliere fahen 
fich auf ihren Gafthof und allenfallfige Spaziergänge 
befchräntt, ohne die minbefte Aussicht zu einer jener 
interefjanten liaisons, bie ihnen. ihre frühern Cam⸗ 
pagnen fo intereffant gemacht hatten. Uebrigens ſchien 

Der Legitime. II. 13 


1a 


ihr Ungehaltenſeyn auf die ungeregelten militärifchen 
Bewegungen diefer Yankees, die fo ganz ohne Com⸗ 
plimente mit nicht mehr ala ſechszehnhundert Mann 
auf ein Corps von achttaufend fogenannter hrittiſcher 
Beteranen losgingen, und beinahe zwei Compagnien 
ber Eöniglichen Orenabiere von dem Hauptkorps ab⸗ 
fehnitten und auf gute Dankeemanter erbeuteten — 
doch nicht fo ganz von Herzen zu kommen; im Gegen- 
theile, es daͤuchte ſelbſt unferm Midſhipman bie 
Gleichgültigkeit dieſer ſeiner martialiſchen Landsleute 
gegen die leicht an den Amerikanern zu verdienenden 
Lorbeern zu weit zu gehen. Dieſe Gleichgültigkeit 
hatte auch Vieles dazu beigetragen, unſerm jungen 
Mann nach der doppelt glücklich überſtandenen Erifis 
wieder zu ſeiner Geneſung, das heißt zur Rückkehr 
ſeines Verſtandes, zu helfen, und er fing an allmäh⸗ 
lig zu begreifen, daß der Schandfleck feiner Excurfion 
aus dem Fenſter der Mistreß Blunt vielleicht doch 
nicht ganz England erröthen. machen dürfte, auch daß 
die fogenannten Nankees nichts weniger ald unmenſch⸗ 
liche Halbwilde waren, obgleich fie in feinen Lebensüher- 
druß einzuflimmen nicht für gut fanden. Zwar war 
er nicht ungeneigt, die Suspendirung feines Prozeſſes 


—) 185 — 


auf Rechnung eines Heilfamen Schreckens vor ber 
Rache feiner Landsleute zu ſetzen, und damit das 
generöfe Anerbieten des jungen Eopeland, das ihn 
in Stand geſetzt hatte, feine Garderobe zu reformi⸗ 
sen, in Einklang zu bringen; aber es waren ihm 
wieder Zweifel aufgeftiegen, und dieſe hatten für ihn’ 
menigftend das Erfprießliche, daß fein bedenklicher 
Rückfall in fein voriges Uebel flatt fand, und er weit 
gemäßigter von einem Lande und befien Bewohnern 
zu denken anfing, als er wahrſcheinlich in feinem 
Leben je zuvor gethan; eine Verhaltungslinie, der er 
zufünftig um fo mehr ſich zu folgen befliß, als er zu 
finden glaubte, daß fle ihn in feinem Verkehre mit 
den ihm nun allmählig furchtbar gewordenen Ameri« 
Tanern am weiteften führe. 

„Der Nebel ift verſchwunden, « bemerkte Lieutenant 
Devon, der mit feinen Kriegsgefährten fi unter⸗ 
deſſen von der Tafel erhoben und zum Benfter ges 
treten war. 

"Die Sonne bricht hervor wie an einem Londoner 
Maitage,“ fehte Lieutenant Forbes hinzu. „Schade, 
daß das herrliche Land nicht brittifch iſt.“ | 

. 413* 


916 e— 


„Wird Hoffentlich bald werben,“ bemerkte Lieute⸗ 
nant Devon, die Hauptſtadt ift bei biefer Zeit unfer. 
— Wollen wir auf die Bluffs?« 

„Die Bluffs;« lachten Alle. „Bürwahr, biefe 
. Danfees werden noch ein eigenes Englifch erfinden; 
doch Halt, da kommt eines ihrer wirklich prachtvollen 
Dampfſchiffe herauf. 

„Wohlan, vieleicht etwas Neues. Habt Ihr be= 
merkt, wie fle bleich wurden und Reißaus nahmen ; 
ein gutes Vorbedeutungszeichen ; meinte Lieutenant 
Devon. 

Und mit dieſen Worten ſetzten ſich unſere Helden 
in Bewegung. 

Der Donner der Kanonen ließ fich vom Dampf⸗ 
ſchiffe Miſſouri hören, die Flagge der Staaten vom 
Hinterkaſtelle wehend. Das ganze Dampfſchiff wim⸗ 
melte von rothen Uniformen. Als es einlief, trat 
Lieutenant Parker aus dem Schiffe, nach ihm ein 
Zug uniformirter Milizen und brittiſcher kriegsge⸗ 
fangener Offiziere und Soldaten. 

„Major Warden!« riefen bie fünf Britten. „Was 
ift das?« 

„Aufs Haupt gefhlagen, Sir Edward, alle Ge- 


—ı 197 6 


nerale, beinahe alle Oberoffiziere tobt oder tödtlich 
verwundet; Zweitauſend geblieben, der. Ueberreft 
in vollemRückzuge; / ſprach der Friegögefangene, ver⸗ 
wundete Major leiſe. 

„Da gibt es Avancements;« troͤſtete ſie Lieutenant 
Devon. | 

Der amerikanifche Lieutenant warf dem Britien 
einen Blick der tiefiten Verachtung zu, und fiel dann 
fehweigend feiner harrenden Mutter und feinen Schwe⸗ 
ſtern in die Arme. 

„Ih bringe die Siegesbotfihaft, rief er ber 
verfammelten Menge zu, »die gerechte Sache hat 
triumphirt. | 

Die gerechte Rache hatte wirklich triumphirt, wie 
ſelbſt die glänzendfte Einbildungsfraft nicht herrlicher 
haͤtte wůnſchen können. Ein ſchönes, mit allen Kriegs- 
bedürfniſſen reichlich ausgerüftetes, von Siegen trun⸗ 
kenes Heer geübter Veteranen, die im zehnjähzigen 
Kampfe mit den tapferfien Truppen der alten Welt 
ben Sieg an ihre Bahnen gefeifelt hatten, war von 
kaum ber Hälfte freier Männer fo völlig aufs Haupt 
gefhlagen mworben, daß es ſelbſt das Feld zu halten 
nicht mehr im Stande war. Nie war toller Ueber 


188 ⸗— 


muth fehärfer beftraft worden, als durch dieſen letzten 
Schlag, der den ſtolzen Feind zu einge Zeit traf) wo 
er bereitö den Frieden zu unterzeiönen für gut be⸗ 
funden hatte. 

Kein Jubel, kein Frohlocken war jedoch unter der 
verſammelten, groͤßtentheils aus Frauen und Kindern 
beſtehenden Menge zu hören. Als aber der Lieute— 
nant mit feinen Gefährten die Nachricht umftändlicher 
vorgetragen hatte, ‚gingen Alle ſchweigend, ohne. vor⸗ 
herige Abrede getroffen zu haben, dem Tempel des 
Höchſten zu, umihm ihren Dank für einen Sieg dar⸗ 
zubringen, der-um fo herrlicher war, als er dem ande 
nur wenige Opfer koſtete. 

. Wir überlaffen fle und die Landſchaft ihren freudig 
frommen Gefühlen, um dem merkwürdigen Manne 
auf feinem Zuge nachzufehen, der in einem Zeitpunkte 
-beichlofien, wo des trüben Schickſals härtefter Schlag 
ihn fo fürchterlich getroffen, buch die Dazwifchen- 
Eunft der „Weißen“ verzögert, aber nicht aufge 
geben worden war.‘ 


—d 109 — 


Siebenunddreißigſtes Kapitel. 

. Sor: was wimmert im graufigen Thale dort? 
Iſt's der Specht? Nein, nein, — Iſt's tie Whip⸗ 
poorwill?, Nein, nein. —Iſt's die Nachteule? Nein, 
nein. — Es ift ter Miko, ver das Grab feines Va⸗ 

ters mit feinem Blute dͤngt. 

. Muscoger Wehllage 

Es würde eben fo überflüfftg als unintereffant 
feyn, den Urfachen nachgrübeln zu wollen, die den 
alten Häuptling veranlaßten, das Bayon in einem 
Zeitpunkte zu verlaffen, der, indem er ben gegen ihn 
erhobenen Befchuldigungen von geheimen Umtrieben 
einen Anſchein von mehr ald Wahrfheinlichkeit ver« 
lieh, ihn neuerdings dem Argwohne feiner. vermeint- 
lichen Unterbrüder bloß ftellen mußte. In feinem 
wilden, flarren Sinne und feiner Apathie adhtete er 
wahrſcheinlich weder der einen noch der Andern und, 
getrieben durch das große Gebot des Geiſtes feines 
Vaters, ergriff er die: erfte Gelegenheit, feinen ver⸗ 
meintlihen Feinden zu entgehen, bie, obwohl fie 
grogmüthig für feinen Unterhalt geforgt, doch in 
feiner Meinung wieder feine Gelegenheit ‚verfäumt 
hatten, ihm alle die Kränkungen zuzufügen, die Ihr 


Uebermuth nur. erfinnen Tonnte, und bie feine un⸗ 
glückſelige Confequenz einem eben fo planmäßig feind- 
feligen Syſteme ihrerſeits zufchrieb, als er ſelbſt fein 
ganzed Leben. hindurch beobachtet hatte. — Noch, im⸗ 
mer, fah er bie Amerikaner durch das trüb .gehäffige 
Medium feiner eigenen Phantafle, und diefe Blind» 
heit ließ ihm in allen den zufälligen Aeußerungen der 
Weißen, in ihren geringfügigften Handlungen, bie 
eben fo nur auf Einen Punkt berechnete Handlungs⸗ 
weife fehen, welche er fich in feinem Leben zum Leit⸗ 
ſtern genommen hatte, ein Wahn; ber bei feiner ab» 
geſchiedenen Lebensweiſe und verfchloffenen Gemüths⸗ 
art wohl verzeihlich, aber auch nothwendig eine nie 
verſiegende Duelle immerwährenber Kränkungen und 
Beinbfeligfeiten werden mußte. Hatte nun aud) ſei⸗ 
nem finftern Stolze die Aufmerkſamkeit wohl getan, 
die ihm vor feinem Sohne von den Weißen wider- 
fuhr, fo war ihm hinwiederum die Geringſchaͤtzung, 
mit der er behandelt wurde, wie ein nagender Wurm 
an ſeiner Seele gehangen. Schon der Befehl, auf 
den großen Krieger der Weißen, der ſein Volk bei⸗ 
nahe vertilgt hatte, zu harren, war ihm fuͤrchterlich 
geweſen. Es waren Viele gekommen, ihn zu ſehen, 


— MM ı— 

wie man allenfalls ein reißendes Thier, das endlich 
eingefangen ift, fieht, und die Art, wie er fi bei 
diefen Befuchen benahm, zeigte wirklich wenig Unter« 
ſchied zwifchen einem eingefperrten Raubthier und 
dem Könige der Dconeed. Linfere Leſer werben ſich 
hoffentlich den Charakter dieſes merkwürdigen Man⸗ 
ned, ber bei einer ungemeinen Seelenhöhe auch’ wies 
ber. entjeßliche Tiefen hatte, im Auge behalten haben, 
um und weitere Bemerkungen überflüffig.zu machen. 

Die Tradition feiner Stammedgenoffen run bat 
und feinen geheimnißvollen Zug vom Bayou ums 
ftändlih aufbewahrt, und indem wir ihr getreu fol« 
gen, verfegen wir und an feine Seite in bie Urwäls 
der des heutigen Staates Miſſiſippi, oberhalb Nat⸗ 
chez, an welcher Stabt ihn fein Weg vorbeigeführt 
hatte. 


Acht Tage waren ſeit feinem Verſchwinden von 


dem Bayou verflofien, aber noch hatte er mit den - 


Seinigen Fein Wort geſprochen. Tag für Tag war 
er vorwärtd geeilt, raftlo8 und nimmer ruhend, ver- 
ſchloſſen, finfter und brütend, feine Begleiter ihm 
folgend, wie Hunde ihren Herren, ohne einen Laut 


—, 02 8 


bon fi zu geben. — Das Wild ded Waldes Hatte 
ihnen zur Nahrung gedient, die gefrorne Erde zur 
Zagerftätte, ihre Wolldecken zu Betten. Sie hatten 
forgfältig die Wohnungen der Weißen vermieben 
und waren ohne Hinderniffe am vierzehnten Tage 
nach ihrem Aufbruche im Angeſichte "eined jener uns 
geheuern Fichtenwälber angelangt, die ſich von ber 
fühlichften Kette der Appalachen hinüberſtrecken gegen 
ben Staat Miſſiſippi. Ie näher der Häuptling die 
fen Wäldern Fam, defto freier, fagt die Tradition, 
"wurde feine Seele, deſto Heiterer fein Auge, defto zuver⸗ 
fiptlicher feine Miene. Ein Gefühl von Wehmuth 
und Freude, von bangem Schmerze und froher Sehn⸗ 
fucht trieb ihn vorwärts um Lande feiner Kindheit, 
feiner Mannbarkeit, dem er den Nüden zu wenben 
gezwungen worden war, das ihn verftoßen "hatte. 
Und , als er in ber Nähe des Fluſſes ankam; an 
deſſen jenſeitigem Ufer die Fichtenwälder ſeiner Hei⸗ 
math empor ſtarrten, da wurde ſeine Seele groß, 
und die ganze Kraft der vorigen Tage lebte in ihm 
wieder auf und er hob ſchweigend ſeine Arme und 
deutete hinüber — und leiſe und feierlich ſchritt er 
über die leichte Eisdecke des Fluffes. — Und als er 


—d 93 — ' 


am jenfeitigen Ufer angelangt war, warf er fi zur 
Erde und biieb eine lange Welle regungs⸗ und be⸗ 
wegungslos liegen. Der Wind hob feine graum 
Haare, daß fie emppr ftanden, wie das vom Profte 
verfengte Gras, der kalte, räuhe Nordwind war ihm. 
das Säufeln der Geifter feiner Väter; das zu ihm 
ſprach, deſſen Stimme er verftand, und dem er wie⸗ 
der Antwort gab: Ringend mit ſich felbft und fels 
nem Sammer, flöhnte er und brach endlich in bie 
Worte aud: 

„Erde! die du geſehen haft den Sohn von ihm, 
der dem Sohne des großen Sheyah Leben gab — 
Tokeah grüßt: dich! Der Herr deiner endfofen Wäl- 
der, war er geboren, ‘der Miko eined großen Volkes, 
war er gewählt: — Ein Flüchtling, fteht er num auf 
deiner Gränze, ein Auswürfling, ein Fremdling dir 
und ben Gräbern feiner Väter. Großer Geiſt! 
Warum haft Du dieß gethan? Zahlloſe Sonnen 
hindurch hat der Miko mit den Seinigen an den 
Ufern feines Fluſſes gejagt, ein maͤchtiges Volk Hat 
er beherrſcht, warum mußte Tokeah in die weite 
Nacht der Wildniß? Warum mußte er dem Lande 
feiner Väter den Rücken kehren ? Warım muß er 


— — 


und das Andenken von ihm verſchwinden von deiner 
Erde? Sprich, großer Geift! Wieb. Tokeah ein 
Zeichen, dag er deinen Willen erkenne!“ 

Der flebende Greis ſah auf das weite Himmels⸗ 
zelt mit ſehnſüchtigem Blicke. — Es war mit Wol⸗ 
fen überzogen, der Nordwind heulte durch den Wald, 
— Sein Angefiht wurde düſter und .verzagt. — 
Wieder fank er zur Erde. Ein alter Fieberfroft rüt⸗ 
telte ihm. 

„Großer Geift! vergib,“ murmelte er. „Deine 
Stirn tft ummwölft und Dein Auge fieht düfter auf 
Tokeah; weil er wie ein zagendes Kind rebet.« 

Er erhob fih nun, und indem er feine Gefährten 
zu fi winfte, dankte er zuerft dem Cumanchee⸗ 
Hauptling für feine getreue Liebe und eröffnete ihnen 
dann die Urfache feines taufend Meilen langen Zuges 
in folgenden Worten: — : 

„Sieben Sommer- find verfloffen, feit der Mike 
der Oconees dem Land feinen Rüden gewendet, wo 
feine Voreltern ihre Wigwans hatten. Ziveimal feit 
biefer Zeit hat er ven endloſen Fluß überſetzt, allein 
und von keinem Auge geſehen, um an den Gräbern 
feiner Vaͤter zu liegen. Gleich dem reißenden Pan⸗ 


995 > 
tber warb er gejagt, gleich "dem Hungrigen Wolfe 
ward ihm von den Weißen auf feiner Fährte nachge⸗ 
ſetzt; es ift num zum letztenmale, daß fein Fuß auf 
dem Lande fteht, wo feine Väter gelebt haben. In 
ber zweiten Nacht nach ber, die ihm Alles geraubt 
hatte, das feinem Auge theuer war, als fein Haupt 
ſchlaflos und verzmweifelnd nicht zuhen, feine Augen 
ſich nicht Schließen Eonnten, in derfelben Nacht er⸗ 
ſchien ihm der Geiſt feines Vaters, der in den grü⸗ 
nen Wiefen wohnt, Tokeah war bange in feinem 
Herzen, und dem Geifte feines Vaters war au 
bang. „Gehl!« fo ſprach er — geh! zu meinem 
Grabe und fammle die Gebeine Desjenigen, der Dir 
Leben gegeben hat, und Derjenigen, die Dich gefäugt 
hat; nimm. fie aus ihrer düftern Wohnung und von 
der entheiligten Erde Derer, die fie verachten! Laß 
fie in demfelben Grunde ruhen, wo mein Sohn und 
fein Volk ruhen werden und begrabe fie unter den 
Gebeinen der rothen Männer. Fürchte Dich nicht, 
fie aus ihrem Grabe zu nehmen! Der Fluch wird 
Dich nicht treffen.“ Tokeah erhob ſich von feinem 
Lager, fuhr der Greis fort, als ber Geift ihm fo 
flüfterte ; feine Seele war traurig. Wieder legte er 


fi anf das Lager. „Die Hufe des Roffes, ber 
Pflug der Weißen,“ ſprach. wieber der Geift feines 
Vaters, mfind über den Tobeshügel gegangen, wo 
der Bater Tokeah's begraben liegt, eine Turze Zeit 
und feiite Gebeine ‚werben zerftreut ſeyn über Die 
Erde und von den Winden weggeführt werben.“ — 
„El Sol!u fprad der Greis, nun zu feinem. Sohne 
gewendet, „Tokeah muß thun, mas ihn ber Geift 
feined Vaters geheißen bat. Er muß- die Gebeine 
feines Vaters nehmen, daß fie friedlich ruhen mögen. 
Er muß den Häuptling der Cumanchees während brei 
Sonnen verlafien, und in das Thal gehen, wo fein, 
Vater begraben liegt.” — 

Der junge Mexikaner horchte aufmertfm, auf die 
Worte des alten Mannes. | 

„Hat der Geift ded Vaters dem Miko zugeflüflert? u 
fragte er mit ſtarker, dumpfer Stimme. 

„Zweimal hat er, deutlich gefprochen. « 

„Dann muß er feiner.Stimme gehordhen. Groß 
iſt,“ ſprach er, und ein unwillkürlicher Schauber 
durchzuckte ihn — „groß und ſchrecklich iſt der Fluch, 
der Jene trifft, die die Gebeine aus ihrer Ruhe reißen. 
— Ihr Volk wendet ſich ſchaudernd, und ihre Na⸗ 


’ 


20 — 


men find verflucht von Geſchlecht zu Geſchlecht; aber " 
wenn ber Bater gefprocdhen hat, dann muf der Sohn 
gehorchen. EI Sol will mit feinem Vater geben.“ 

„El Sol,“ erwieberte der Greis Topffchüttelnd, - 
„it der Sohn des Milo und feinem Kerzen ſehr 
theuer, er hat dg8 Blut Tokeah's in feinen Armen 
gehabt; aber fein Auge darf den entheiligten Hügel 
nieht ſehen, unter dem fein Vater begraben iſt.“ 

„El Sol wird nicht auf die Schande ſeines Va⸗ 
ters ſchauen; aber er wird dem Miko folgen und 
will ferne von dem Grabeshügel Sheyahs warten, 
bis der Miko zurückkömmt. u 

Der alte Mann gab ſchweigend feine Einwilligung, 
und der Fleine Zug bewegte fich gegen Often. Mit 
dem Anbruche des zweiten Tages befanden ſie ſich 
‚am Buße eines Berges, hinter welchem die Flächen 
Georgiens fih unabfehbar gegen das atlantifche Meer. 
binabdehnen. Der alte Mann hatte im feierlihen 
Ernft den Berg erftiegen. „Sieht mein Sohn,“ 
ſprach er, al8 fie auf dem Gipfel angefommen wa⸗ 
ren, von dem fie eine ferne Ausficht auf die wald⸗ 
befrängten, nur bie und da durch Reif verfilberten 
Hügel hatten — „fieht mein Sohn, jene hohen Hüs 


— 208 ⸗ 

gel, die ſich in einer Kette binabmwinden, und’desen 
Füße fi immerdar in dem glänzenden Strome wa⸗ 
ſchen? Ste find no) in Nebel gekleidet; hinter die⸗ 
fen iſt das Thal, wo die. Gebeine des Waters 
Tokeah's ruhen.“ — 
„Mein Vater mag dann gehen;“ ſprach EI Sol. 
Rein, mein Sohn,“ verfegte der alte Mann. 
„Als der Leib Des Vaters Tokeah's tief gelegt ward, 
da ſprach der große Prophet ſeines Volkes den Fluch 
über Denjenigen aus, der feine Gebeine an das. glän- 
zende Licht der Sonne bringen und vor Schuam er⸗ 
bleichen machen würde. ‚Das Licht des Himmels darf 
fie nie wieder fehen; der finftern Nacht wurben fie 
übergeben, in ber finftern Nacht müſſen fie aus ihrem 
Dunkel gehoben werden. Tokeah will warten, bis 
die glänzende Kugel hinter der Welt ift.« 

Er fprac nun mit den Dconeed, und Diefe ent» 
fernten fih, kamen aber nach einer Weile zurück, mit 
Rinde beladen. Sie fehten fid) mit dem alten Manne 
nieder und fingen an, dieſe in die Form eines klei⸗ 
nen Sarges zufammen zu nähen, defien In= und 
Außenfeiten fle mit den Bellen von Hirſchen, die fie 
den Tag zuvor erlegt hatten, beffeideten. Ein Strahl 


—, 09 ⸗— 


von Zufriedenheit überzug das erftorbene Geſicht 
des Greifed, als er den Sarg beendigt fah. Er hef⸗ 
tete an bie beiden Ende einen breiten Riemen. 

„In der Rinde Deiner Geburtöwälder und im 
Gewande derſelben Hirſche, die Du gelagt Haft, ſollſt 
Du ruhen, Gebein meines Vaters,“ ſprach er. 

Und dann legte er ſich zur Ruhe. Als die Nacht her- 
angebrochen war, ftand er auf, nahm den Sarg an feine 
Bruft, und winfte den beiden Oconees, ihm zufolgen. 

Es war Mitternacht, ald die drei Indianer im 
Thale ankamen. Der volle Mond war bisher durch 
einen lichten Saum leichter filberner Wolfen geflogen 
und ſank nun in eine bleifarbige graue Schneewolke. 
Die Indianer bewegten fich im tiefften Stillſchweigen, 
längs den Ufern des Stromes, unter den blätter- 
Iofen Walnufbäumen fort. Ein leichter Schauber 
überfiel den armen Dam, ald er durch die wohl⸗ 
bekannten Wälder feines Geburtslandes ſich ftahl; 
er blickte auf, ſtarr und ſcheu und furchtſam, als um⸗ 
ſchwebten ihn bie Geiſter feiner Väter. Er horchte, als 
hörte er ihre Stimme. Je weiter er in das Thal ein⸗ 
drang, deſto beflügelter wurden feine Schritte. Ein 
entfernter Laut fhlug an. feine Ohren: — Es war 

Der Legitime. II. 14 


— 40 > 


Hundegebell. „Geiſt meines Baters ‚u flöhnte er, 
die Weißen find. Deinem Grabe nahe.“ — Er rannte 
nun, er-flog dem Grabeöhügel zu. Die. rohe Ein- 
zäunung eines Waͤlſchkornfeldes umgab die Stätte — 
bie liebliche Nacht der Wildniß war verſchwunden, 
— Stengel von Wälſchkorn und Hülſen mit Stöden 
lagen auf dem Boden zerftreut umher. Die Bäume 
ftanden blätterlod und abgeftorben; ihre zum Theil 
rindelofen weißen Stämme flarrten wie in Grab⸗ 
tücher gehüllte Rieſen in das zuende Antlitz bes 
Wilden. „Geift meines Vaters!« riefer; „Geift mei- 
ned Bater8!# jammerte er in unfäglihem Schmerze. 
„Wo find Die Gebeine, die Deine Stärke ausmachten 
und von denen bie Gebeine Tokeah's ſind? Das Erd⸗ 
reich rings um die Bäume, deren Tahle, im blaffen 
Mondlichte zum Himmel emporftrebende Aefte die Ver⸗ 
wůſtung anzuflagen ſchienen, war durch den Pflug 
anfgerifien. - Der Greis fiel bemußtlos zur Erbe. 
Seine Gefährten ſprangen herbei, ihn aufzurichten. 
„Hinweg! weg,“ murmelte ex mit bumpfer Stimme. 
— „Hinweg von dem Grunde, wo ein mächtiger Milo 
begraben liegt! Tokeah will feine Gebeine allein aus» 
graben.“ 


— 11 

Und mit feinen Händen grub er nun den halb ge 
frornen Boden auf. Der Kiefel fehnitt in feine er- 
ſtarrten Palmen, das Blut floß von Fingern und 
aus den Nägeln, die Haut- fiel in Zehen von feinen 
Händen; aber feine Eile, als befürchtete ex, Jemand 
würde ihn feines Schatzes berauben, nahm mit ſei⸗ 
nen Wunden zu und er bohrte, bis er bie ganze 
Maſſe Erde aufgeworfen und die Ueberbleibſel feines 
Vaters gefammelt hatte. Das erfte und einzige Mal 
in-feinem Leben ſchluchzte er laut und vergoß heiße 
Thränen. Dann rannte er zum Grabe feiner Mutter. 
Der Pflug war bier tiefer eingedrungen. Nur wenige 
Zolle Erde bedeckten noch ihre Gebeine. Mit unfäg- 
lichem Schmerze legte er diefe zu Denen ſeines Vaters. 
Der Mond goß ſein volles Licht auf den Wilden, als 
er auf der gefrorenen Erde vor dem Sarge lag. 

Geiſt meines Vaters!« ſtöhnte er, „Du haft 
wahr gefprochen. Die Hufe ber Thiere der Weißen 
find über Deinen Grabhügel gegangen. . Sie haben 
ihn flach getreten. Sich herab von Deiner Wohnung. 
Der Sohn hat gethan, was Du ihm geboten haft. 
Er wird Deine Ueberrefte nun dahin nehmen, wo 
feine freche, grabfehänderifihe Hand fie flören, wo 

44° 


—d 2132 & 


feine eigenen Gebeine ruhen follen. Er. will fie unter 
feinem Volke begraben. Geift meines Vaters! bitte 
dem großen Geift, daß er auf feine Kinder mit mil» 
dem Antlitz fehe, daß Du einft mieber ihrer Thaten 
Dich freien mögeſt. Dein Sohn ift gleich einer ver⸗ 
moderten Che. ‚Viele Stürme haben- feine Kraft 
gebrochen, feine Aefte find zerſchellt, ſein Geiſt ſeufzt. 
— Geift meines Vaters! wenn Du das Antlig des 
großen Geiftes fiehft, hifte ihn für Deinen Sohn, 
feine Kinder!“ 
Das Hundegebelle lieh ſich abermals Hören. 
: n3h höre die Stimme des Borläufers der- Feinde 
meines Gefchlechted. Lebe wohl, Vater: — Mutter 
fand! Lebt wohl, ihr. Bäume, in deren Schatten 
Tokeah fo oft ſich gefühlt hat, während des heißen 
Sommerd, — io er gerubt hat na der langen 
Jagd. — Lebe wohl, Strom! wo er feine lieber 
fo oft erfriſcht, mo er das Ruder zuerſt gehoben. — 
Zebt wohl, ihr Hügel, auf welchen -fein Water zuerft 
feine ſchwachen Arme gelehrt hat, den Bogen zu 
fpannen !a 

Der Moud 000 feine Stheritechien wieder hinter 


aa ⸗— 


dem zarten Flaume von Wolken hervor. Das Ges 
belle warb zum Drittenmafe gehört. — 

"Großer Geift!a bat er, „Du haft mit hellen Aus 
gen auf bie Thaten bed Kindes gefehen. Oeffne die 
Ohren feiner Brüder. auf daß fie die Worte hören, 
die er ihnen fagen wird. « 

Er fand fodann auf, und nachdem er den Riemen 
um feinen Hals gelegt, nahm er den Sarg an feine 
Bruft und kehrte zurück zu den Cumanchees. Den 
beiden Oconees winkte er, und Diefe entfernten fi 
in verſchiedenen Richtungen. 

nDer Geiſt meines Vaters hat wahr gefprochen, 
rebete er feinen Sohn an. „Der Pflug iſt über ben 
Grabhügel gegangen, der feine Gebeine einſchloß. 
Der Hügel jelbft ift zertreten, verſchwunden.“ 

Tokeah hat wie ein frommer Sohn, wie ein 
großer Milo gethan,“ erwiederte ber junge Mann. 
— „Aber die Cumanchees und Pawnees und bie 
Droneed find verwaist, der Pfad, den Tokeah und 
EI Sol zu ‚gehen haben, ift lange — der weißen 
Roſe wird bange ſeyn.“ — Er hielt plötzlich inne. 

Der alte Häuptling warf einen forfehenden Blick 
auf ihn und fprach dann: „Die rothen Männer wiſ⸗ 


— 44 > 
fen, daß Tokeah auf dem Pfade iſt, das Gebot des 
großen Geiftes zu erfüllen. — Aber mein Sohn hat 
etwas auf dem Herzen, er muß feine Zunge Töfen.« 
El Sol ſchwieg jedoch und fie ſetzten ſich zu ihrem 
Mahle. Algs fe diefes eingenommen, traten fie ihren 
Rüdmeg an. Es war jedoch nit derfelbe Weg, den 
fie gefommen waren; ihre gegenwärtige Richtung 
lag mehr ſüdoͤſtlich. Der junge Häuptling ſchien un⸗ 
geduldig zu werden. Schweigend, jedoch mit der den 
Indianern eigenthümlichen Selbſtverläugnung, folgte 
er dem greifen Häuptlinge durch eine Landſchaft, die 
von der, durch welche fie biäher gekommen waren, 
gänzlich verſchieden war. Gewächfe,-Bäume, das 
Erdreich, die zerfireuten Pflanzungen, die ihnen auf» 
fließen, felbft die Zäune um die Gärten an den Häu⸗ 
fern waren verſchieden. Sie bemerkten an biefen 
Zäunen häufig die Gerippe von Thieren, die dem 
Mexikaner fremd zu feyn ſchienen; lange fürdhter- 
liche Gerippe mit ungeheuern Aachen und Zähnen, 
die Einen noch immer grinfend anblickten, als woll⸗ 
ten fie die Wanderer verfihlingen. Ste waren in Ala⸗ 
bama, mo bie häufigen Aligatoren gewöhnlich von 
ben Pflanzern als eine Art Trophäen an den Zaun 


—) 215 ⸗— 


an einander gereiht werben, fo wie wir die Adler 
und: andere Raubvögel an unfern Scheunen als 
Warnungszeichen für bie ‚Hühnerbiebe beften. Ihre 
Sthritte wurden nun mit jeder Stunde forgfamer. 
Sie vermieden nicht nur ängftlih die Wohnungen 
ber Weißen, fondern auch jede zufällige Begegnung 
berfelben; durch bie dunkelſten Wälder, die unzu» 
gänglichften Dickichte, die wegloſeſten Sümpfe ging 
ihr gefahrvoller Weg ſchnell und mit einer Sicher⸗ 
heit, die die Gefahr wittert und ihr inſtinktartig zu 
entrinnen weiß. Endlich, nach einem Marſche von 
mehreren Tagen, langten ſie in einem weiten, tiefen 
Thale an, das, von maͤßigen Hügeln umſchloſſen, in 
der abgeſchiedenſten Verborgenheit lag. Der alte 
Mann ſetzte ſeinen Sarg auf die Erde, winkte ſeinem 
Sohne zu bleiben, und verließ ſeine beiden Begleiter. 

Nach einer Weile wurde ein durchdringend langes 
Pfeifen gehört, fo ſchneidend, fo gellend, daß die Nacht⸗ 
eulen zu Hunberten in ein lang fihallendes Gelächter 
ausbrachen —dann erfolgte eine tiefe Stile. Wieder 
erſchallte das Pfeifen, von einem obr= und herzzer« 
reißenden Tone begleitet, ber ‚weder von Thieren 
noch Menſchen Herzurühren fehlen, und wieber er 


D 1 


— 10 > 


folgte eine lange Stille. Ein drittes Mol ertönte 
diefes Pfeifen, fchneidender und durchbringender als 
zuvor, und nun war ed, als ob aus der Berne ein 
Geziſch und Gemifh von Tönen und Stimmen ver- 
nebinbar würde, fo Elagend, jo heulend, wie das 
Geheul des Wolfes, wenn er in Iangen, ſchmerz⸗ 
lichen Todesmartern ſich wälzt. Bald darauf erſchien 
der alte Mann und ſetzte ſich ſchweigend an die Seite 
ſeines Sohnes. 


Achtunddreißigſtes Kapitel. 


Sie alle antworten eines Laute, 
Man fey im Ballen, brauche Geld, man könne 
Bticht wie man wolle. 
Göthe. 
Mit einem Male wurde es helle. Roth und wild 
fladernde Flammen ſchlugen durch, dad Gebüfche und 
erleuchteten, die graufige Waldesnacht. Aus den ver⸗ 
fohiedenen Zugängen famen eine Menge Geflal- 
ten trotend auf die beiden Häuptlinge zu, neigten 
ihre Häupter, Ereusten ihre Hände auf der Brufl, 
und Jießen fi dann ohne ein Wort zu reden am Ra⸗ 


— 17 ⸗— 


fen auf die gewöhnliche Art nieder. Ihre Anzahl war 
bereitö auf fünfzig geftiegen; aber fie mehrte fich mit 
jeder Minute, fo daß fie fih endlich auf mehrere 
Hunderte belaufen mochte. Die Meiften der wilden 
Ankömmlinge waren in ihre Wolldecken gehüllt, un- 
ter denen fie da8 Jagdhemd und den Wampumgürtel 
mit der Lendenbedeckung trugen. Biele aber hatten 
bereit8 Fragmente amerifanifher Kleidung, obwohl 
in fo bunter Mifehung, daß fie, bei Tage und in 
weniger fehauerlihen Umgebungen gefehen, leicht 
Lachen hätten erregen Eönnen. So hatten Einige 
Beinkleider, aber weber Schuhe noch Strümpfe. An⸗ 
dere hatten Hüte, auf deren Kronen bleierne Bilder 
in dem breiten blechernen Bande flafen, wieber An⸗ 
dere hatten Röcke ohne Beinkleider, ober Welten 
ohne eine andere Bekleidung, das Jagdhemde und 
die Wolldecke ausgenommen. Nur Wenige waren 
ganz in das amerikaniſche Koſtüm gekleidet. Auch in 
der Art, wie ſie fi} den beiden Häuptlingen nahten, 


war etwas ganz Eigenthümfiches. Es ſchien, ald ob fie‘. 


mit Widerwillen heranfämen ; ihre wilden, und dur 
den unmäßigen Genuß des Feuerwaſſers halb ver- 
trockneten Geſichtszüge gaben weber Freude noch 








— 218 ⸗— 


Theilnahme zu erkennen, eher eine gewiſſe Scheu, 
einen unwillkürlichen, halb unterdrückten Schauder. 
Der alte Mann war geſenkten Hauptes in der Stel⸗ 
lung ſitzen geblieben, die er eingenommen hatte. Als 
er endlich ſeine Augen aufſchlug und fein Blick über 
die verfammelte Menge hingleitete, flarrten ihn die 
Wilden mit einem fo glogend gleichgültigen Aus⸗ 
drucke an, als wären fie mit Entfeßen beim Anblicke 
ihres frühern Häuptlings erfüllt. Da wurde feine 
Miene fehmerzhaft düſter, und ein bittere, beinahe 
höhniſches Lächeln verzog feinen Mund. Ein Altlicher, 
aber ganz nach amerifanifcher Weife gefleideter Bann, 
von einer-ind Kupferroth ſchillernden Geftchtsfarbe, 
trat keck vor den alten Häuptling, fah ihn eine Weile 
höhniſch Lächelnd an, und feine Kienfadel in die Erde 
ſtoßend, fette er fich unter die Vorderſten im Halb⸗ 
freie. „Iofepb, der Oconee,“ murmelten Alle — 
und dann erfolgte wieder eine lange Pauſe. 

Die Wilden Hatten ſämmtlich ihre Kienfackeln in 
die Erde geftedt, und der Wieberfhein des roth in 
ihre grimmigen Gefichter ſchlagenden Lichtes gab der 
Berfammlung einen Ausdruck, der wild pittorest ges 
wefen wäre, wenn nicht die übel angebrachten Frag⸗ 


—, 19 ⸗— 


mente amerifanifcher Kleidung diefen Eindruck wie 
gefagt ind Lächerliche verzerrt hätten. 

„Sind meine Brüder verfammelt, un die Stimme 
Eines zu hören, deffen Auge fle Tange nicht mehr ge 
fehen hat?« fragte der Miko. 

nSie find e8,# ſprach ein alter Mann, „ die Mus⸗ 
cogees find weit gekommen, um die Worte des großen 
Miko zu hören, und ihre Ohren find offen, und ihre 
Arme ausgeftrect. 

„Die Männer der Muscogees haben die Toma⸗ 
hawks begraben,“ rief der Häuptling Joſeph heftig. 
— „Sie haben beim großen Geift geſchworen,« fekte 
er mit einer zänkiſch gellenden Stimme hinzu. 

Es entftand ein Gemurmel, das eben fo wohl Bei⸗ 
fall al8 Mißbilligung bedeuten Fonnte. 

„Mein Geruch fpürt den Athem eines Verräthers, 
ben Sohn eines Weißen und einer betrogenen Squaw, 
der Tochter eines Häuptlings der Muscogers: u ſprach 
der Miko. 

Es erhob fi wieder das Gemurmel des uUnwillens. 

„Mein Athem,“ erwiederte der Halfblood *) Jo⸗ 


*) Halbblütig — von einer Weißen und einem Indianer, 
oder umgekehrt, abſtammend. 


20 


ſeph giftig, „ſpürt den Athem eines Wolfes, den die 
Herde der Seinigen vertrieben, weil er fie ben Jä⸗ 
gern in die Schlingen -geführt; Joſeph,“ ſetzte er 
triumphirend hinzu, „iſt geboren von dem Blute ro⸗ 
ther und weißer Eltern. Sein Bater war ein Weißer, 
feine Dlutter war die Tochter der Schwefter des Miko 
Tokeah. Hat er aber, gleih Diefem, den rothen 
Männern das lange Mefler der Weißen in den Raden 
gefeßt? Nein, er hat es abgewehrt von ihrer Bruft. 
Er bat gejagt mit ihnen, er hat den Tomahawk er- 
heben mit ihnen gegen die Cherofees und die Coc⸗ 
taws der ſechs Nationen. « 

Er bielt inne und fah die Umherſitzenden forfchen® 
an. - . 
„Wenn meine Nebe meinen Brüdern ‚gefällt; fo 
will ih fortfahren ; ; wenn fie aber ihre Ohren ver⸗ 
fließen, fo weiß der Häuptling sofern feine Zunge 
zu ‚halten. « 

Ein alter Wilder unterbra ihn. „Er hat: ih 
wie ber rothe Hund in feine Höhle geflüchtet, als Die 
Muscogees die Art’ gegen die Weißen erhoben. Er 
bat den Späher der Weißen gemacht: « 

„Und feinen Brüdern den Frieden gebracht,“ fiel 


m > 


ber Halfblood dem Sprecher keck ein. „Wäre Joſeph 
wicht geweien, wo wären jegt die Muscogees? Sie 
wären von der Erde vertilgt.“ 

„Beffer,“ fagte ein Zweiter, nfie wären gefallen 
im blutigen Felde, als von ihren eigenen Brüdern 
verraiben zu merden. « 

Der Miko Hatte dieſe verfchiedenen Ausbrüche ber 
Ungebuld, die fo fehr der 'bei einer Verſammlung 
hergebrachten Sitte zumiber liefen, mit mehr Stau⸗ 
nen al3 Unwillen angehört. 

„Und fehen die Augen Tokeah's,“ fo fprady er ende 
lich, „wirklich die Muscogees, die großen Mudcogees, 
deren größter Häuptling fein Vater und er gewefeh? 
Die Muscogees, die den Weißen noch fürchterlich 
waren, als bereitö alle rothen Stämme diesſeits bes 
endlofen Fluſſes verfchwunden oder halb vertilgt wa⸗ 
ren? Ja!« rief er. mit fehmerzlicher Betonung, „es 
find wirklich die Muscogees, aber nicht die Museo⸗ 
gees des Milo Sheyah und Tokeah, e8 find Männer 
mit rothen und röthlichen Goſichtern, aber in den 
Gewändern der Weißen. Hört, rothe Männer, die 
festen Worte Tokeah's, und füllt feine Ohren nicht 
mit Squaws⸗Gezänke. — Männer der Muscogees! 


m > 
Den Eure Augen neben Tokeah fehen, der iſt & 
Sol, der größte Häuptling der Cumanchees.“ 

Es erhob ſich ſofort eine Anzahl der Wilden, bie 
fih dem jungen Mexikaner näherten, um ihn zu be- 
grüßen, indem fie ihm bie Palme ihrer Hand ent- 
gegenftretften ; die Uebrigen blieben murrend fißen. 
Der Miko der Oconees,“ ſprach der Halfblood 
Joſeph, „hat ſich von ſeinem Volke losgeriſſen. Er 
iſt in die ſalzige Wildniß jenſeits des endloſen Stro⸗ 
mes gegangen. Warum hat ihn ſein Weg wieder 
hieher gebracht? Seine Zunge iſt wie das Wafſer 
des Oconee, das ſich bereits mit dem großen Salzſee 
vermiſcht hat. Sie iſt bitter, ſcharf und giftig. Wol⸗ 
len meine Brüder ſie hören, und das Gift in ihre Her⸗ 
zen aufnehmen?“ . 

Es entſtand wieder ein heftiges Gemurmel. 

„Wollen. meine Brüder ihn hören und die Stirn 
der Weißen aniwölken ?« ſchrie der Halfblood. „Er, 
der die Leichen der Ihrigen gefäet Hat wie Wälſchkorn, 
er lebt no, feine Krieger find mit.ihm. Er ift nicht 
viele Tagreifen von den Wigwams ber Muscogees.“ 
. „Qughtu ertönte es aus ben Reihen mit einem 
furchtbaren Geheule, während Andere in ein lautes 


3 


Murren ausbrachen. Mehrere fehienen dem Sprecher 
beizupflichten, Diele hatten -jeboch ihre Augen auf 
ben Mito gerichtet, der kalt und anfcheinend unbe⸗ 
wegt faß. 

„Der Sohn eined Weißen,“ bub er endlich an, 
„bat wahr gefprocen. Die Zunge Tofeah’s iſt bit- 
ter; Sie ift nicht geläufiger ‚geworben, feit er vor 
zwanzig Iahren in eben diefem Thale zu den Seini- 
gen geſprochen. Sie ift Kitterer geworben; benn 
feine Augen haben Vieles gejeben, feine Ohren Vie⸗ 
les gehört, das feine Seele betrübt. Sie haben ge» 
ſehen, wie fein Volk ſich wie Hunde von ihren fal- 
ſchen Brüdern an rothe Männer — an Brüder hegen 
ließ.» Bei dieſen Worten blied er in feine geballte 
Fauſt, die, er zugleich üffuete und vorwarf. „Seine 
Augen haben gefehen, wie rothe Männer gegen ihre 
rothen Brüder den Tomahawk erhoben haben, weil 
die falfchen Weißen es fo gewollt haben, die dann 
der Thoren fpotteten, die ſich einander die Meſſer in 
die Bruft fließen. Seine Augen haben gejehen, wie 
falfche Brüder fih in die Wigwams der. Weißen ge« 
fchlichen, und von ihnen viele Dollars erhielten, und 
bamit die rothen Männer betvunten machten, und 





+ 
als fie fich im Kothe herumwälzten, ihnen in bie 
Ohren flüfterten, das Land ihrer Väter den Weißen 
zu verkaufen. Sie haben es gefehen, wie fle, wäh- 
rend der Miko auf feinem Zuge gegen die Choctaws 
ber ſechs Nationen geweſen, 'gegen die der Tomahawk 
wider feinen Willen erhoben worden, wie fle fein 
Land den Weißen verfauften. Sie haben es gefeben, 
und die Dollars, die er Dafür empfangen follte. Aber 
ex hat fie mit dem Fuße weggeftoßen. Seine Oh⸗ 
ren,“ fuhr er fort, „haben gehört, wie ſich die ges 
Blendeten, rothen Männer anheben jießen, die To— 
mahawks zu erheben gegen bie Weißen, als es zu 
fpät war, und fie fo in die Falle gingen. Sie find 
geſchlagen worden in-blutigen Schlachten, und viele 
Sommer werden verlaufen, ehe die rothen Männer 
werden wagen dürfen, wieber ihre Tomahawks gegen 
die Unterdrüder zu erheben. Aber höret, rothe Män⸗ 
ner der Muscogees!“ fuhr er fort, und feine Stimme 
hob fih — „die Weißen haben die rothen Männer 
durch ihre Feuergewehre und langen Meſſer ımter- 
drückt. Ihrer find Wenige, aber diefe Wenige find 
noch den Weißen zu Viele. Hört, rothe Männer! 
die Weißen haben viele Gifte. Sie haben dad Feuer⸗ 


—p 25 8 — 


waſſer, das langſam tödtet. Sie haben ihre weißen 

Späher, die fle unter die rothen Männer fenden und 
Die ihren Squaws und Töchtern lieber find, weil fie 
eine zartere Haut haben; fie haben aber auch ver- 
rätherifche Zungen unter den rothen Männern, viele 
verrätherifihe Zungen. Sie find Hauptlinge gewor- 
den, dieſe verrätherifchen Zungen. Sie haben die 
Dollars: genommen, die der Miko mit den Füßen 
weggeftoßen hat. Sie ziehen mit meinem Volke. Sie 
. wohnen auf feinem Lande. Sie reden mit feiner 
Zunge. Aber fie reden mit einer Doppelzunge, weil 
fle doppeltes Blut Haben. Kennen meine Brüder 
Diefe Männer?“ Sein Bli fiel durchbohrend auf 
den Häuptling Iofeph. 

Diefer war in unrubiger, unbändiger Wuth, und 
nur durch die Seinigen biöher vom Ausbruche derſel⸗ 
ben zurückgehalten worden. 

a Männer der Muscogegs ! Yu ſchrie er auffpringend 
mit Freifchender Stimme. — „Ich fage nichts mehr, als 
der große Krieger ber Weißen lebt noch — der verbann⸗ 
te, der vertriebene Tokeah flüftert Euch in.die Ohren. 
Ihr mögt ihn hören, und feine Worte werben Eu 
führen, wohin er getrieben wurde, in die Salzwüſte.“ 

Der Legitime. II. | 45 


— 6 — 


Der alte Mann hatte, nachdem er geſprochen, ſein 
Haupt auf die Bruft gejenft. Er hob es nun und 
warf auf den Sprecher einen mitleidig verächtlichen 
Blick. „Hat Tokeah,“ fo frug er, „bad Kriegsge⸗ 
ſchrei erhoben? Hat er ſeinen Brüdern in die Ohren 
geflüſtert, es zu erheben? Was Tokeah gewollt hat, 
wiſſen die rothen Männer. Sie verſchloffen ihre Oh⸗ 
ren. Sie hörten ſeine Stimme nicht. Tokeah war in 
ſeinem Herzen betrübt, als ſeine Ohren es vernah⸗ 
men. Er war ferne von ihnen. Er hat aber eine 
Kette geſchlungen, die auch für ſie glänzen wird — 
der große Häuptling der Cumanchees wird ſie als 
feine Brüder, als ſeine Söhne aufnehmen. Tokeah 
iſt gekommen, ſein Volk nochmals zu ſehen. Er iſt 
dur) die Wigwams der Weißen gegangen. Sie zit— 
tern vor den. vielen Kriegern ded Vaters der Cana⸗ 
das, die gefommen find, zahlreich wie die Bäume bes 
Maldes in großen Canoes, und mit brüllenden 
Feuerſchlünden.“ 

Die Wilden wurden plötzlich ſtille und ſahen den 
Häuptling forſchend an. Ihre Augen begannen wild 
zu rollen, und das dumpfe Flüftern, das mın in hen 


197 ⸗— 


Reiben umtberlief, bewies, daß der Alte eine Saite. 
berührt hatte, die gewaltig in ihrem Innern erflang. 

„Und was befiehlt und der große Miko zu thun?“ 

„Der Miko ift gefommen auf dem Pfade des Frie⸗ 
dens,“ verfeßte Dieſer ausweichend. „Die Seinigen 
find ferne. Seine Brüder haben feit vielen Sommern 
feine Stimme nicht gehört. Sie haben fi andere 
Häuptlinge gegeben — fie müſſen Diefen gehorchen. « 

Er ſah bei dieſen Worten die Wilden forfchend 
an und boribte auf dad Gemurmel, das nun ent- 
ſtand. 

„Seine Augen ſehen nicht mehr Muscogees;“ 
fuhr er fort. „Sie ſehen verkleidete rothe Maͤnner, 
die ſich mit den weggeworfenen Gewändern der Weis 
ßen behängen, die ſich des Wampums ihrer Väter 
ſchämen, und deren die Weißen ſpotten. — Sein 
Herz ſagt ihm, daß unter den engen Röcken der 
Weißen auch ihre falſchen Herzen ſchlagen, und daß 
ſeine Worte in die Ohren ſeiner und ihrer Feinde 
geflüſtert werden. Der Miko hat fein Volk verlafſen, 
als der Giftzahn in ihre Eingeweide zu ſchlagen an⸗ 
gefangen; das Gift hat um ſich gegriffen — er ſieht 
nichts mehr als eiternde Wunden. Er ſieht Häupt⸗ 

15° 


8 — 

linge in den Gewänbern ber Meißen, Krieger in de⸗ 
nen der Weißen und der Muscogeed, fein Herz tft 
traurig.n ö 

» Der Miko der Oconees ift ein meifer Häuptling.“ 
ſprach Einer der älteften Wilden. „In ihm rollt das 
Blut vieler Mikos. Die Männer der Muscogees 
wollen feine Stimme hören. Ste find. viele Sonnen 
weit gefommen, um dem Späherauge der Weißen zu 
entgehen. Sollen fie umfonft gefommen feyn ?« 

„Die Diuscogees find weife,“ fprach der Miko mit 
einer ironifchen Betonung ind einem bittern ſpötti⸗ 
ſchen Lächeln. „Sie haben die Boten der Weißen 
getäufht, aber fie haben ihre Späher mitgebracht. 
Ein Thor fpricht zweimal,“ fuhr er fort — nder 
Miko ift gefommen, um von feinem Volke auf immer 
Abſchied zu nehmen.“ 

nDann bat der Miko einen weiten Weg gemacht, 
den er fich hätte erfparen können,“ verfeßte ein zweiter 
jüngerer Wilder. „Die Muscogeed wollen Rube, 
der Miko gibt nimmer Nube. 

Ja,“ erwiederte Diefer, „mein Bruder hat wahr 
geſprochen; der Miko ift unruhig, fo wie der freie, 
wilde Büffel es ift, der die Seinigen von den Jägern 


- 29 — 


in die Hürde getrieben ſieht. Die Weißen geben den 
rothen Männern Frieden, weil ſie bedrängt ſind von 
den Kriegern des großen Vaters der Canadas. Wenn 
aber die rothen Röcke abgezogen ſeyn werden, dann 
mögen die armen Muscogees die Sommer zählen, 
die ſie noch auf ihrem Lande leben werden. Es wer⸗ 
den derer nicht viele ſeyn. Männer der Muscogees! 
Ihr habt die Stimme Eures großen älteften Häupt- 
lingd nicht gehört. Ihr Habt fein Blut verkopen. 
Ihr habt die Quelle in ihrem Urfprunge getrübt, 
das Blut Eurer Häuptlinge mit dem unreinen Feuer⸗ 
waſſerſchlamm der Weißen vermengt. — Es wird 
nie mehr rein werden. Eure Säuptlinge füllen ihre 
Säde mit Dollard. Sie handeln mit fhwarzen 
Männern, und Faufen fie, ihre Felder zu pflügen. 
Muscogees! der Miko hat mit dem Geifte feines 
Vaters gefprochen. « M 

Alle horchten hoch auf. 

„Und Diefer will feine Gebeine nicht ferner unter 
einem entarteten Volke Taffen, unter einem. Volke, 
das fein Blut verrathen.“ | 

„Hugh!“ ertönte es abermals mit einem grauſen⸗ 
haften Geheule. | ' 


—H 30 e⸗— 


„Der Miko,“ ſprach der. alte Mann, „hat dem Ge⸗ 
bote feines Vaters Folge geleiftet. Er ift gefommen, 
‚um feine Gebeine im freien Lande der großen Cu⸗ 
manchees zu begraben.* Er hob nun den Dedel vom 
Sarge weg, um den die Wilden fich heulend herum 
drängten. 

„Der Miko,“ nahm Einer der alten Indianer das 
Wort, nift ein großer, ein hoher Häuptling; — hat 
Ihm der große Sheyah zugeflüftert, feine Gebeine von 
den Muscogees zu holen?“ 

„Er Hat es;« Sprach der Miko. 

„Hugh!“ ertönte es abermals aus der tiefften 
Bruft ſämmtlicher Wilden, die nun heulend durch 
einander rannten. 

„Der Milo ift gekommen,“ fprach der Greid, „um 
dad Gebot feines Vaters zu erfüllen. Die rothen 
Männer können ihn nicht mehr halten. Aber fle mö- 
gen kommen in die ſchönen Gefilde der Cumanchees. 
Tofeah und fein Sohn, der große EI Sol, merben 
ihnen die Hand öffnen. “. 

Und mit diefen Worten erhob er fi) und verließ 
die verfammelte Menge, ohne fte auch nur eines fer- 
nern Blided zu würdigen.‘ Gin tobendes Geheul 


— 31 — 
ſchallte ihm noch eine Weile nad, das ſich allmählig 
in den Bergklüften verlor. 

Die beiden Häuptlinge fehlugen fodann mit den 
Oconees, die ſich wieder zu ihnen gefellt hatten, den 
Meg zum Miſſiſippi ein. 

Was eigentlich die Urfache biefer fonderbaren Zu⸗ 
fammenfunft gewefen, läßt fich ſchwer beftimnen. 
In der Natur des alten Häuptlings lag jener uner- 
gründliche Dopyelfinn, den der Wilde überhaupt in 
einem fo hohen Grade befitt, .daß er Jahre lang 
die größten Entwürfe mit einem undurdpringlichen 
Schleier verhüllen kann, in einem außerordentlichen 
Grade. — Und wenn ihn das Geheiß ſeines Vaters, 
wie er meinte, oder richtiger zu ſprechen, ſein Traum 
zu dem weiten Zuge veranlaßt hatte, ſo ſcheint es 
eben ſo gewiß, daß er dieſem allmählig einen zweiten 
Endzweck dann unterſchob, als er am Bayou mit der 
vermeintlichen Verlegenheit ſeiner Feinde näher be⸗ 
kannt wurde. Ob es ein letzter Verſuch geweſen, 
ſein Volk zum Ergreifen der Waffen gegen den Feind 
zu bewegen, oder ob er dieſes bloß ausholen wollte, 
um auf alle möglichen Fälle bereit zu ſeyn, darüber 
ſchweigt ſowohl die Tradition als die gefchichtliche 


232 — 


Urkunde. So wie er es nun fand, Hatte er jeden 
Verſuch für immer aufgegeben. Die Politif. der Cen⸗ 
. tralregierung, oder vielmehr dad allmählige Annä⸗ 
bern der Amerifaner,. hatte namlich während feines 
langen Erild eines jener Mittel ausgefunden, wo⸗ 
dureh ſowohl wilde als civilifirte, aber noch im Zu⸗ 
flande der politifhen Kindheit befindliche Völker auf 
dem ſicherſten und ſchnellſten Wege- entnationaliftrt 
und gebandigt werden — BZwifchenheiratben — 
dur) die der Einfluß der vornehmften Häuptlinge 
allmählig auf die ſogenannten Halfbloods über⸗ 
ging, die, dem amerikaniſchen Intereſſe näher ver⸗ 
wandt, das übrige Volk in dieſes zu ziehen wuß⸗ 
ten. Es war dieſes um ſo leichter gelungen, als die 
bedeutenden Jahresgehalte, die den Indianern für 
ihre Ländereien ausbezahlt wurden, eine Menge jun⸗ 
ger Abenteurer veranlaßten, die Kupferfarbe der 
Töchter der Häuptlinge zu überſehen, um ſich ſo in 
ein Beſitzthum einzuniſten, das noch anziehender 
durch den bedeutenden Einfluß wurde, den ſie durch 
ſolche Heirathen unter den Wilden gewannen. Durch 
eine ſolche Heirath war auch der Miko, wie wir be⸗ 
reits wiſſen, um ſein Land und um ſeinen Einfluß 


133 0 


gebracht worden, und ed war natürlih, daß, als 
diefe Politif häufiger befolgt wurde, die Kluft zwi⸗ 
fihen ihm und dem Volke immer mehr zunahm. Uebri⸗ 
gend bleibt diefer Verſuch ſowohl, ald das ganze 
Leben des -gefchichtlichen Mannes immer merkwürdig, 
und vielleicht mehr fo, als felbft die größeren, aber 
unbändig wilderen Kämpfe eines Philiyp, Logan, 
Tecumſeh und aller jener Männer, deren Riefenfee- 
len die Herrſchaft dieſes Landes. ihren weißen Fein⸗ 
den durch mehr als ein Jahrhundert jtreitig machten. 

Die beiden Häuptlinge, fagt die Tradition, eilten 
nun, fo viel e8 die Erſchöpfung des alten Mannes 
zuließ, dem Bayou zu. Jedoch ſchon am folgenden 
Morgen bemerften fie, nicht ohne Unruhe, Spuren 
von Mocaſſins, die kurz vor ihrer Ankunft hinter- 
laffen worden waren. Se weiter fie vorwärts eilten, 
defto mehr Teuchtete ihnen die Gemwißheit ein, daß 
Muscogees vor ihnen denfelben Weg gegangen wa⸗ 
ren. Der Miko ſchien weniger ängftlih, aber der 
junge Häuptling wurde mehr und mehr beforgt. Mit 
der gewohnten Selbftverläugnung jedoch fehwieg er. 
Als fte aber am fechöten Tage nach ihrem Aufbruche 
vom Talf oder der Zufammentunft fich fo eben an 


— 34 — 
demfelben Plate zur Nachtruhe niedergelaffen hatten, . 
ben die Späher nicht viele Stunden zuvor eingenommen, 
konnte El Sol feiner Zunge nicht länger mehr gebieten. 

„Der Miko hat gethan,“ ſprach er, „wie ein from⸗ 
mer Sohn, als er das Gebot ſeines Vaters erfüllte; 
aber er hat nicht wie ein kluger Häuptling gehandelt, 
als er zu feinem Volke ſprach; er har der kochenden 
Gluth, die an feinem Herzen nagt, gehorcht. Der 
Miko ſollte dieß nicht gethan haben, wenn er feinen 
Fuß unter die Weißen fegen will. 

„Sind die rothen Männer deßhalb weniger Kin- . 
der des Miko?« fragte Diefer, „weil fie feine Stimme 
zu hören verſchmähen?“ 

„War e8 die Stimme eines Vater, die aus To⸗ 
feah zu den Muscogees ſprach? eu fragte El Sol be- 
bdeutfam. — 

Der Miko ſchwieg. 

„El Sol iſt ein Häuptling,“ fuhr der Cumanchee 
fort, „ſein Herz hat noch immer die Wunde nicht 
vergeſſen, die die Weißen ihm fehlugen, als fie feinen 
Vater töbteten; aber er ift ein Water vieler Kinder. 
Könnte er allein die That an den Weißen rächen, er 
würde es thun: aber e8-mürbe das Blut feiner Brü- 


— 3 — 


der foften. Er überläßt die Rache Wacondah, und 
lebt für fein Volt. Der Miko muß dieß auch thun. 
Wenn die Weißen erfahren,“ fuhr er nad einer 
Pauſe fort, „daß der Miko feinem Bote in die Oh⸗ 
ren geflüftert hat,“ — fein Blick fiel auf die von den 
Indianern binterlaffenen Spuren, „werben fle ihre 
Stirn runzeln — vielleicht, « feßte er hinzu, „werben 
fie das Pfand behalten,“ fein Blick fiel auf die Erbe 
— „das ihnen der Miko Hinterlaften hat.“ Die 
legten Worte fprach er leife, beinahe furchtfam. 

„Die weiße Roſe ift Die Tochter des Miko. Er hat 
Biber⸗ und Bärenfelle für fie gegeben. Er würde 
fie den Weißen nicht laſſen, wenn fte viele taufend 
Dollars geben würden.“ Das Herz des jungen 
Häuptlings fehlug hörbar lauter. 

„Mein Sohn muß feine Zunge löfen,“ ſprach der 
alte Mann. „Er weiß, daf fein Vater ihn fehr liebt. 

„Waeondah,“ fprach der Cumanchee mit kaum 
börbarer Stimme, „hat die Tochter des Miko zu fich 
genommen.“ Er ftodte, feine Wangen glühten, feine 
ganze Geftalt zitterte. 

„Roſa ift die Tochter des Miko. EI Sol,“ rief 
der Alte, „wird wieder der Sohn Tokeah's werden. « 


—d 36 ⸗— 


„Mein Bater!u mehr vermochte der junge Mann 
nicht zu ſprechen. Uber er fiel dem Alten bewegt an 
die Bruft, und indem er auffprang und ihn beinahe 
unwiberftehlich mit ſich fortriß, verrieth fi} die un⸗ 
fägliche Liebe, die den jungen Wilden erfaßt hatte. 

Sie eilten tun raſch und unaufhaltfam dem Bayou 
zu, wo fie nach Verlauf mehrerer Tage ohne befon= 
dere Unfälle anlangten. Ä 

„Sieht mein Vater?“ rief der Cumanchee aus, als 
fie an der Höhe der Vluffs ftanden und über die 
prachtvolle Niederung und den Strom blickten. „Wohl 
mußte Tofeah in feinem Kampfe unterliegen, — möge 
er nun glücklich feinen Feinden entgeben!« — Eine 
Weile ftanden die Beiden wie angewurzelt, und dann 
ſchlichen fie ſich langſam und difter der Shall 
rung zu.. 

t 

Meununddreißigfies Kapitel, 

- Hier kommt der Britte. Laßt feinen Empfang 
fo feyn, wie er für einen Herrn Eurer Bildung ge- 
gen einen Fremden feines Standes geziemt. 

, Shalespeare. 

Es war ein herrlicher, obgleich für Die beiden Wil« 


ben niederfchlagender Anblick, der fich ihnen darbot. 


—) 337 0 — 


Die Natur Hatte fih in der Zwiſchenzeit mit je- 
ner prachtvollen Ueppigkeit entfaltet, die in dieſem 
Lande ſchon im erſten Frühlingsmonate alle die Pracht 
und Schönheit zeigt, die mehr nördlich erſt einige 
Monate ſpäter hervortritt. Aus den hell⸗ und dun⸗ 
kelgrünen Baumgruppen tauchten unzählige Pflan- 
zungen und Zandhäufer auf, Die das Ange in weiter 
Ferne an den beiden Ufern des Stromes erblicken 
fonnte. Alles war Blüthe und Grün, und hinten 
ber, in blauer Berne, wogten die Wälder des weſt⸗ 
lichen Ufers, die die Pflanzungen gleich ungeheuern, 
immer grünen Wällen befchügten. Den hehrſten An⸗ 
blick jedoch gewährte der majeftätifche Strom, von 
herrlichen Landhäuſern begürtet, fo majeftätifch da— 
binfließend, als ſey er zum Gebieter der Welt erko⸗ 
ren; auf feinen Wellen fehaufelten hundert Eleine und 
große Fahrzeuge, die Taufende. von Meilen herab- 
famen, oder nun dem Bayou zuliefen, um das ſchöne 
Schauſpiel zu fehen, das die Ankunft der Miligen 
darbot. Es war nämlich nicht lange nach der Sie- 
gesbotſchaft die, nicht minder erfreuliche, vom Ab⸗ 
fehluffe des Friedens im Staate angelangt, ſo daß 
der wichtige Sieg, der erfochten worden, kurz vor 


— 18 ⸗— 
Abſchluß des Friedens erkämpft worden war. Der 
größte Theil der Landesvertheidiger war bereits nach 
Hauſe gekehrt, der Ueberreſt kam nun ſo eben in 
einem Dampfſchiffe den Strom herauf, ſchon von wei⸗ 
tem von einem tauſendſtimmigen Hurrah ihrer ver⸗ 
ſammelten Waffenbrüder begrüßt, die nun in ihrem 
vollen Waffenſchmucke gekommen waren, um ihre 
Mitbürger zu empfangen. Alle hatten ſich nun auf 
eigene Koſten uniformirt, und ihr raſcher feſter 
Marſch und ihre ſichere militäriſche Haltung verrieth 
nichts mehr von jener Unbeholfenheit, die wir früher 
zu bemerken häufig Gelegenheit. hatten. Als das 
Dampfichiff in dad Bayou eingelaufen, wurde es 
von einem taufendflimmigen Willlommen begrüßt. 
Die Milizen formirten ſich, fo wie fie landeten, in 
Reihe und Glied; dann folgten die Damen, begleitet 
von den Offizieren. Unter dieſen die Frau des Ober: 
ſten mit ihren Töchtern und Roſa, begleitet von dem 
Oberften, feinem Sohne und dem Major Eopeland. 
Sp wie die Offigiere vorgetreten waren, trat eine De= 
putation der fo eben gelandeten Milizen vor, und 
Einer derfelben hielt eine Anrede, und nachdem er im 
Namen und im Auftrage feine Mitbürger den 


—d) 39 


fämmtlichen Offlzieren für die Thätigkeit, Klugheit 
und Sorgfalt, die fie während diefer Eritifchen Epoche 
an ben Tag gelegt hatten, gedankt, verficherte er fie 
zugleid, daß er von feinen Mitbürgern beauftragt 
ey, ihnen zu bedeuten, daß ſie ſich des in fie gefegten 
Vertrauens vollkommen würdig beiwiefen hätten. 

Der Oberfte erwieberte dieſe Anrede in demfelben 
würdevollen Tone, indem er feinen Mitbürgern im 
Namen der Offiziere für das Vertrauen dankte, das 
fie ihm und feinen Mitbefehlshabern geſchenkt Hatten, 
und fie zugleich bat, nun, da fie in ihren häuslichen 
Kreis und zum bürgerlichen Leben zurückkehrten, fie 
auch ferner in ihrer Achtung und ihrem Vertrauen zu 
behalten. 

Es war eine £urze, prunflofe, aber höchſt würde⸗ 
volle Scene. Die hohe Achtung, der Anftand, der 
fih Hier zwifchen zeitherig Befehlenden und Gehor- 
chenden, die nun wieder in ihre vorige bürgerliche 
Gleichheit zurückkehrten, fo männlich Eräftig äußerte, 
war fo unverfennbar und charafteriftiich hervorge⸗ 
treten, daß eine Zeit lang nah dem Auftritte eine 
tiefe Stile herrſchte. Auf einmal erſchallte jedoch 


—H 20 ⸗ 


der Ruf: „Major Copeland!“ aus mehr a als tauſend 
Kehlen. 

Der Major, der ſchweigend mit den Damen ge⸗ 
ſtanden war, auch, im Vorbeigehen ſey es bemerkt, in 
einer glänzenden Uniform mit dreieckigem Federhute 
ftaf, Die ihn einem'in einen ledernen Sad eingenäh- 
ten Elephanten nicht unähnlich darjtellte, trat nun 
vor, jedoch nicht ohne Gefahr, mit feinem Degen in 
einige Verlegenheit zu Eommen. 

„Mitbürger!a Sprach er, „mein Bataillon tft zwar 
fhon zu Haufe, und die Bürger werben ſich ihre 
Ruhe wohl fihmeden laſſen; da Ihr mir dber Die 
Ehre anthut, meine Meinung nochmals hören zu 
wollen, fo fage ih: Wir haben als Offiziere unfere 
Pflicht und Schuldigkeit gethan. Ihr habt aber mehr 
getban. Ehre fey Euch deßhalb von Kindern und 
Kindesfindern! Ehre,“ rief der bewegte Dann, fei- 
nen Federhut abnehmend und hoch fchwenfend, „Ehre 
ſey Eu! And foßte der Lepte von Eu in Noth 
ſeyn, oder Beiftand brauchen, fo kommt zum alten 
Squire Gopeland; denn den Major wollen wir einft- 
weilen an den Nagel hängen. « 

„Ein Hurrah dem Major Eopeland!« erfchallte 


— 1 - 


es nun neunmal hinter einander ſo kräftig, daß der 
Donner der Kanonen vom Dampfboote und die 
Trommeln übertäubt wurden. 

Hiebei ließ es jedoch unſer Major, der feine Po⸗ 
pularität nicht nur zu gewinnen, ſondern auch zu er⸗ 
halten wußte, nicht bewenden, ſondern vortretend, 
drückte er nun jedem Einzelnen die Hand, plauderte 
einige Worte, und zog ſo von Mann zu Mann, Je⸗ 
den bei ſeinem Namen begrüßend, durch die Reihen. 

nKollata rief er plötzlich, als er an den Flügel⸗ 
mann gefonmen war, und mit feinem Falkenblicke 
hinüber auf eine Gruppe ſeitwärts ſtehender engli⸗ 
ſcher Offiziere ſchweifte, Die nicht ohne Ueberrafhung 
dem würdevollen Schaufpiele zugefehen hatten. „Hol⸗ 
Ja, Kinder! da ſehen meine Augen einen alten Be⸗ 
fannten.“ Und mit dieſen Worten flieg er auf die 
Gruppe der Britten zu, nicht ohne Gefahr, daß ihm 
fein drittes Bein, namlich der Degen, einen Spuk 
ſpiele. 

„Gentlemen!« ſprach er lachend, ne freut mich, 
Euch hier zu fehen. Laßt Euch's wohl behagen bei 
uns. Ihr ſeyd gerne ſo geſehen; doch habt Ihr da 
einen Jungen unter Euch, deſſen längere Bekannt⸗ 

Der Legitime. II. 16 


— 242 — 


ſchaft ich noch für eine Weile haben möchte. Herzens⸗ 
junge, haſt Du Luſt, mit mir hinüber nach Opelou⸗ 
ſas zu gehen? Heute biſt Du mit mir Gaſt beim 

Oberſten Parker. Nimm Dich aber in Acht, es gibt 
eine Schaar da, die gefaͤhrlichere Schüffe thut, als 
Kanonen und Kartätſchen.“ 

Die ertempore Anrede galt unſerem Midfhipman 
James Hodges, der raſch die Hand des Majors er⸗ 
faßt hatte, und ſie herzlich drückte. | 

„Sehr gerne, Major,“ rief der überrafchte Jüng⸗ 
ling. 

Die Offiziere hatten den Major von allen Seiten 
umringt, um ihm ihre Achtung zu bezeugen. Er 
drückte Jedem die Sand, und ſprach dann mit dem 
ihm eigenthümlichen fehlauen Lächeln: | 

„Gentlemen, Ihr Habt Eure Sthuldigfeit gethan.“ 

„Und Sie, Major,“ riefen ihm die Offiziere a, 
„mehr ald Ihre Schulvigkeit." · 

„Ah bah,“ erwiederte Diefer. „Man muß wohl, 
wenn man fo ungebetene Gäfte im Pelz ſitzen bat, 
fhauen, wie man ſie wieber wegbringt. Aber wißt 
Ihr was, Gentlemen, Ihr zieht vor acht Tagen no 
nit ab; Wer von Euch Luft Hat, auf ein paar Tage 


—, 243 ⸗— 


zum alten Squire Gopeland auf feine Pflanzung zu 
einer Bärenjagd zu kommen, ift herzlich willfommen. « 

„Major!u riefen Alle, „bad Anerbieten ift fo 
Iodend, daß Keiner refüfiren wird.“ 

„Topp, Ihr ſeyd Alle willkommen; Ihr habt Alle 
Prag, auf meiner Bflanzung nämlich; im Stadt» 
haufe geht's enge her, wie der Junge da weiß. Ihr 
kommt doch au, Oberft Wedding?“ 

„Mit dem größten Vergnügen ;“ verjeßte ihm der 
Baronet. 

„Morgen ober heute noch Eommt der General en 
Chef, und übermorgen geht Ihr alfo mit mir. Doc 
nun verzeiht, Diefen jungen Springinsfeld entführe 
ih Euch.“ 

Und mit diefen Worten griff er an feinen Hut, 
und nahm Abfchied von ben mit der Ausficht auf Die 
‚Bärenjagd hoch entzüdten Britten. 

„Doch hört, Major Copeland, “rief der Midſhip⸗ 
man, „wie kommen doch dieſe ſaubern Zeiſige in Euer 
ſo wohl geordnetes Gemeindeweſen?“ 

Er deutete auf einen Zug von Männern, bie ſich 
hinter den Damen längs dem Bayouufer dem Staͤdt⸗ 
chen zugeſchlichen. 


416* 





2u 

„Welche meinſt Du? rief Dieſer. 

„So wahr ich lebe, das find die Seeräuber.“ 

„Pah!“ verfegte der Major in einiger Berlegen- 
heit, „Du ſiehſt wieder einmal verfehrt:# und ohne 
ihm Zeit zu geben, den Nachzüglern einen zweiten 
Blick zuzufenden, zog er ihn ben Damen zu. 

„Mistreß Parker!“ fpra er, verfaubt mir, Euch 
einen Jungen da aufzuführen, einen fo wadern Jun⸗ 
gen, verfichere ich Euch, als je in feinen eigenen 
Schuhen ftand, und der wahrli mehr reelles Blut 
im kleinen Singer hat, als ein Pferd ſchwemmen 
Eönnte. Und da, mein lieber Engel,“ tiefer Nofen 
zu, „Ihe ſeyd ohnedem alte Bekannte.“ 

„Mifter Hodges,“ ſprach Diefe mit einem leichten 
Erröthen, „es ift ange Zeit, daß ich Sie nicht mehr 
geſehen.“ 

„Miß Roſa!« rief der verwirrte Jüngling. 

„Ia, ich glaube, die Miß Roſa mußt Du bald 
aufgeben. Sie haben ihr einen andern Namen its 
gendiwo im Mericanerlande. gefunden, und — doch 
nun gehft Du mit und, und da Mistreß Parker fchon jo 
gütig ift, und meiner Zubringlichkeit nichts abſchla⸗ 
gen kann, fo bleibft Du-bei mir in Haft. Haben ger 


— 5 


hört von Deinen Heldenthaten. Wie war e8 mit ber 
Mistreg Blum?u 

„Aber Squire,“ ſchalt ihn DVirginie, „Sie find 
do wirklich ein Erzbarbar. « 

Der Jüngling erröthete bis über die Ohren. 

„Rein, Major Copeland,« fprach die Oberftin, 
„Sie müfjen Ihrem und unferem Gaft nicht fo arg 
mitspielen, fonft verbittern Sie ihm unfer Haus, ehe 
wir noch die Schwelle erreichen. « 

„Glaubt das nicht!« rief Diefer, mer tft nicht 
fo blöde, verfichere Euch, und er hat es bewieſen, 
aber er hat fein dem Indianer gegebened Ehrenwort 
wie ein Ehrenmann gehalten und Eurem Pompey 
das Leben gerettet, wie ein tüchtiger, wackerer Junge. 
Und übermorgen geht er mit mir, und Roſa, Du 
fommft doch auch nach, wenn Miötreß Copeland Dich 
bolt?« 

»Da wirft Du Wunder fehen, liebe Roſa,“ lachte 
Virginie. „Sie find liebe Narren, die guten Reute 
in Opeloufas, mit ibren Kornhusking und Hopfefa !» 
- nMein Plagegeift mir wieber auf der Ferſe?« rief 
der Major ; „aber ich habe Mittel und Wege, ibn 
zu Paaren zu treiben. « 


—d U ⸗ 


„Nun, ich gebe fehon Frieden, und bitte wieder 
darum;« meinte Virginie. 

„Um ihn in einer Biertelftunde wieder zu brechen. « 

„Es geht nun in der Welt nicht anders ;u entgeg- 

nete die Miß mit einem Eomifihen Seufzer. 
. Die Familie war fo unter Scherzen und Lachen 
mit ihren Gäften im Lanbhaufe des Oberften anges 
fommen, mo Diefer unfern Midfhipman mit ben 
orten begrüßte: 

„Sie find hier zu Haufe, lieber Mifter Hodges, 
und je länger Sie und das Vergnügen Ihrer Gegen- 
wart fchenfen wollen, deſto mehr foll e8 und freuen. 
Ihr Freund wird Ihnen übrigens als Beifpiel an 
die Sand gehen, wie man ' ohne Zwang bei und ver- 
fährt!« 

„Sa, das will ich,“ Sprach der Major, „und es 
Euch zu beweifen, will ich mich jogleich aus der ver⸗ 
dammten Jade mit Gold und Schnüren, und dem 
Federhute, den ich bald rechts, bald links aufſetze, 
herausthun. Stelle Dir nur vor, Junge, da haben 
fie mich in einen ſolchen Sad hineingethan, fo knapp, 
fo enge, daß ich hundert Stoßfeufzer iu einer Minute 
vorbringe. Koftet mich die Lapalie da breihundert 


9 97 ⸗— 


Dollars; hätte damit einen wadern Jungen auf: bie 
Beine-und zu einem Stücke Landes verhelfen können; 
aber fie wollten es nicht anders. Wohl! wenn ih 
nach Haufe komme, will ich mich meinen dreifig Ne⸗ 
gern zeigen, die werden. nicht wenig ſchauen. Wohl! 
und fo Gott will, bleibt Du dann eine ſchöne Weile 
bei und. « 

„Und der Donnerer ?“ fragte der Britte. 

„Wird auch ohne Dich flott werden. Deine Car⸗ 
riere iſt ohnedem fo ziemlich vorüber. Ich glauhe, 
Du thäteft am beften, Du bingeft Dein Kriegsleben 
an den Nagel.“ 

Wollen ſehen;“ Tachte der Britte. 

„Und nun, meine Damen, überlaffe ich Ihnen 
dad Jüngelchen, um mich wenigftend für ein paar 
Stunden bis zum Balle in eine weniger witarfe 
Garderobe zu werfen. « 

„Miſter Hodges,“ ſprach der Oberſt, „Sie hahen 
das Herz des Majors auf eine Weiſe gewonnen, die 
Ihnen ſehr erfreulich ſeyn darf.“ 

„Fürwahr, Oberſt, ſo ſchmeichelhaft mir dieſes it, 
jo weiß ich doch wirklich nicht, wie ed Damit zuging.“ 

„Es ehrt. Sie. Sie werben einen, der würdigſten 


—d 26 


Männer in unferem Staate kennen lernen, ber um⸗ 
gemein viel für fein County und fein Land gethan hat. « 
«e „Doch Mifter. Hogdes,« fiel ihm die Oberftin ein, 
„auch Sie müffen fh ein ‚wenig zu unferem Balle 
vorbereiten; denn da Sie nicht mit den Waffen in ber 
Hand gefangen wurden, jo behandeln wir Sie ald 
Einen der Unfrigen. Mein Sohn, Lieutenant Parker, 
ift ohnevem von Ihrer Größe, und Sie werben ſich 
‚am beften mit ihm verftehen. « 

In dem Augenblicke trat der Lientenant ein. , Er 
begrüßte den Britten herzlich, und Die beiden jungen 
Männer ſchienen an einander Gefallen zu finden. 
Der ſchnelle Wechfel in feinem Gtüdöfterne, der ihn 
aus einer verlaffenen Zielfcheibe des Spotted ploötz⸗ 
lich zum Gegenftande der herzlichften Theilnahme in 
einem Haufe gemacht, defien fürftlichen Reichthum er 
mit Staunen bemerkte, hatte den jungen Mann wies 
der in feine volle, frohe; beitere Stimmung verjeßt, 
die unfer Squire Copeland ganz richtig deutete, als 
er nun in feine gewöhnliche Kielrung metamorphor⸗ 
firt eintrat. 

Nicht wahr, Gergensfungets rief er, mbier laßt 
fih’8 leben. Aber wenn Du und näher kennen lernſt, 


— 19 ⸗— 


wirſt Du finden, daß wir fo gut zu leben wiflen, wie 
Eure Hergoge und Marguife und Earls. Siehft Du, 
Junge, bei Euch find bloß ein paar taufend Familien 
Herren im Lande, bei und eine Million. Alle haben 
wir — fo wie einft unfere Voreltern, Die Normanen, 
das alte England — fo unfer Land erobert, nur mit 
dem Unterfchiede, dag Ihr Eure Veberwundenen: 
triebt, Eure Felder zu pflügen und fie zu einer Art 
Sklaven machtet, und wir unfere durch den Pflug 
gemachten. Eroberungen auch mit dem Schwerte zu 
behaupten wiffen, Hab’ ich Dir's nicht gefagt, daß 
wir Euch ledern werden? Sey froh, daß Du nicht 
dabei warſt. Hätteft Du, die Unfrigen gefehen! Nein, 
mir felbft wurde das Blut in den Adern Talt. Höre, 
wie Mauern flanden fie, als die Eurigen anrüdten, 
und gerade als ob fie auf Hirſchböcke anlegten. 
Du Eonnteft fie hören, wie fie fih zuriefen: ich nehme 
den Flügelmann gerade an ber Naſe; Iohn, ich den 
daneben ind rechte- Auge; Iſaak, ich den Dritten ins 
linfe, und fo. ging es fort durch Reihe und Glied, 
und fo wie fie ſprachen, fo thaten fie, und jebet 
Schuß ftredte feinen Manı zu Boden, und dann 
nahmen ſie kaltblütig ein frifch geladenes Gewehr 


vom Hintermann und thaten wie zuvor. Beim erflen 
Angriff der Eurigen fielen an die taufend Mann, und 
Eure Commandirenden mit ihnen. Da.liefen die,ar- 
men Narren, fo wie eine Heerde Schaafe, die-ihren 
Führer verloren. Sieh, die Unfrigen wären ſchon 
nicht gelaufen, wenn zehn Generale gefallen wären, 
weiß Feder fih fo gut wie der General felbft dünkt. 
Beim zweiten Angriff, unter den Befehlen irgend 
eines Sir Richard, oder Peter oder Paul — die ar: 
men Wichte dauerten mich, es ift auch eine verfluchte 
Sache, fih fo auf's Gebot eines rappekköpfifchen, 
hoben, gebietenden Narren zum Todtſchießen für jechd 
Pence binftellen müſſen — ließen fie wieder an bie 
fünfhundert Mann, hatten wieber ihren Comman⸗ 
direnden weggefchoffen. Ein Generallieutenant war 
noch übrig, und der Fam nun auch, um fich feinen 
Theil zu holen, fammelte die Flüchtlinge und kam 
zum Dritten Male. Und ließ. wieder an die Fünf: 
hundert am Plate, und er felbft blieb liegen; dann 
freilich Tiefen die Eurigen, als ob ihnen die Schuh⸗ 
ſohlen brennten; aber das Wiederkommen vergaßen 
fie. Hatten alle ihre Generale und Oberoffiziere weg⸗ 
geſchofſen; haben aber doch ihre Schuldigkeit ge⸗ 


— Bi o— 


than. Uebrigens, Junge, find wir noch die Alten, 
und obgleih dem General die Ehre des Sieges zu⸗ 
kömmt, und er num Sieger von New — heißt, fo 
haben wir ihm doch nichts gefchentt. Sieh, bei Euch 
hätte mon ihm auf Koften der Nation eine Schen« 
tung gemacht, und er wäre halb vergüttert worden; 
wir haben ihm, gleih nachdem die Nachricht vom 
gefchloffenen Frieden ankam, den Prozeß gemacht 
und feine Gonftitutionöverlegung büßen machen. 
Und was glaubt Du, daß gefchehen it? Ie nun, 
er Tam mit einer Geldbuße von zweitaufend Dollars 
davon. Das iſt eine Warnung für unfere zeitweilis 
gen Machthaber, die ihnen vom Volke zum Beften 
anvertraute Gewalt nicht zu mißbrauchen, und Bür- 
ger nicht zu behandeln, als wenn fie Neger wären. 
Schadet ihm nichtd. Siehft Du, fo müflen Männer 
über ihre Sreiheit wachen. 

Wir glauben kaum nöthig zu haben, unfern Lefern 
die Thatfache zu beftätigen, die der Squire jo eben 
erzählte und die, wie wir wiſſen, genau dahin ging, 
daß der berühmte Steger wirfliih zu diefer Geldftrafe 
wegen Berlehung der Habeas corpus acte während 


—ı 323 e— 


feines Oberbefehls verurtheilt wurde: eine Strafe, 
der er ſich auch willig unterzog. 

Der junge Britte hatte den letzten Theil der Rede 
unfere8 Squire nicht ohne Verwunberung angehört; 
denn obwohl in einem vergleichungdweife freien Lande 
geboren und erzogen, war ihm doch der außerorbent- 
lich republifanifche Starrfinn, der einer ſolchen Verur⸗ 
theiflung unter dieſen Umfländen zu Grunde lag, 
eine neue Erfcheinung. | 

„Major, u lachte er, „wenn Ihre Eure großen Män- 
ner fo behandelt, dann iſt's befjer bei Euch Flein zu 
feyn. u 

„Nein, lieber Junge,” entgegnete der Sauire; 
„wir achten unfere großen Männer fo gut wie Ihr, 
ja noch mehr; aber bei und hat der Kleinfte Gelegen⸗ 
heit, groß zu werben. Sieh, der Generalwar ein armer 
Schlucker, ſo wie ich; aber verftehft Du, bei und gibt 
es Leute, fo gut wie in.der alten Welt, bie hoch 
hinaus und ihre Mitbürger zu Neitpferden machen 
wollen, auf die fie nur Sattel und Zaum zu logen 
brauchen, um zur Oberherrfhaft und Tyrannei zu 
galoppiren. Laß es ihnen einmal hingehen, und fie 
werden e8 ein zweites Mal verfuchen. « 


23 ⸗ 


„Ich wette, Major,“ lachte ihm der Britte zu, 
"Ihr wußtet die Sache Flüger anzufangen; fo mie 
ich sehe, fo Habt Ihr Eure guten Männer von Ope⸗ 
louſas ziemlich ftarf im Garne.“ 

„Glaubſt Du, Junge?» ſprach der Squire. „So 
wenig verfichere ich Dich, daß ber erſte Fehltritt in 
einem gewiſſen Eislichen Punkte, ein Hinneigen zum 
Föderalismus zum Beifptele, mich um meinen gangen 
Erebit bringen würde. Bei und ift Berftellung un⸗ 
möglich, lieber Junge; aber ich will Dir fagen, ein 
offener Kopf, ein reines, für das Wohl feiner Mit⸗ 
bürger warmes Herz thut viel. Sieh, ih bin drei 
Jahre in Opeloufad. Seit diefer Zeit hatte ich an 
die fünfzig. junge, tüchtige Bürger angeflebelt, und 
ihnen zu Land und Haus und Hof verholfen, und 
auf die leichteſte Weife. Als ich herab Fam, Faufte 
ih nämlich an fünfzehntaufend Acker fchönen Landes. 
Wenn ih nun fo einen orbentlichen Burfchen fah, der 
‚bei mir oder im County anflopfte, da fragte ich nicht, 
wie ſchwer er ſey, fondern ſchaute ihm ind Geficht; 
und war er ein ehrlicher Junge, ſo gab ich ihm ein=, 
zwei= ober Dreihundert Adler umd eben fo viele Dol⸗ 
lars obendrein, und fo gebieh ich und er auch. Ich 


— dB — 


habe an die Fünfzig angefefien. Sie find Ale ver- 
heirathet und ordentliche Bürger, und werben reich 
und das Land auf. Siehft Du, wie ich meinen Ein- 
fluß gewann?“ 

Der Iüngling drückte dem wackern Manne, ber 
gerade und ungelünftelt, aber männlich gediegen ſich 
jede Stunde weitfchwelfiger, aber auch vortheilhafter 
zeigte, herzlich die Hand. Er war vom rebfeligen 
Squire beim Knopfe feftgehalten worden, und Beide 
befanden ſich ſchon einige Zeit allein im Drawing 
room, ehe es von Diefem bemerft wurde: 

„Holla!“ vief er auf einmal, „die haben Alle 
Reißaus genommen, und da fteht eben,“ er ſah durchs 
Fenſter, „die Oberftin und fhwagt. Sonbderbar! 
Wer ift der Wicht, wenn ich nicht irre, Derſelbe, ver 
Dich jungen Springingfeld aus der Preſſe holte.“ Und 
mit-diefen Worten verließ er die Thüre, und trat an 
die Sprechenden. 

„Darf ich?« fragte er die Oberſtin, — 

„Wir wollten Sie fo eben rufen,“ ſprach Diefe. 
nMifter Barker ift unten am Bayou, um mit bem 
Eomite Anordnungen zum Empfang des Generals 


—d 35 


zu treffen. Monſieur Madiedo hat die verbächtigen 
Gaͤſte wieder aufgenommen.“ 

„Ihr habt Euch wader im Punkte mit Rofa be= 
nommen,“ fprach der Major zum Wirth, „und fo 
bezeugt, daß das Gute bei Euch überwiegt. Was 
Ihr nun zu thun Habt, will ich Euch fagen. Die 
verdächtigen Marodeurs müſſen "weg, fo- bald als 
möglich; wir können ſie jedoch nicht zwingen, denn 
es iſt ein freies Land; ſo lange ſie hier bleiben wol⸗ 
len, mögen ſie; nur müſſen wir genaue Kundſchaft 
von ihrem Thun und Treiben haben.“ 

„Die fol Ihnen werden, Herr Major. « 

„Das ift Alles, was wir brauchen. So lange fie 
bier find, werden wir forgen, daß an dreißig Mann 
noch unter Waffen bleiben. Und nun mögt Ihr 
gehen. « | 

„Wohl, Herr Major,“ verfeßte der Wirth, ber 
ſich verbeugte und, nachdem er über das Bayou gefegt 
batte, raſch feinem Estaminet oder: der Schenke zum 
Kaifergarbiften zu ging. | 


‘ 


—d 36 ⸗— 


Vierzigſtes Kapitel. 


Mit einem Wort, hänge Dich nicht fo fer 
an mid; ich bin ja Dein Salgen nicht. Geh, 
ein kurzes Meſſet und ein tüchtiger Haufen. 

Shakespeare. 

Wie bei unſerem erſten Beſuche, ſo ſaßen dieſelben 
drei Perſonen in derſelben Ecke, vvn wo aus Mon⸗ 
ſteur Madiedo, alias Benito, zu dem gefährlichen 
Liebesdienſte vermocht worden war. Es war vielleicht 
bemerkenswerth, daß — ungeachtet der zahlreichen 
Menſchenmenge, die von allen Seiten. dem Bayon 
zugeftrömt war, fo daß felbft die nächften Pflanzun- 
gen fich herbeilaffen mußten, einen Theil der heim- 
gefehrten Milizen für die Nacht unterzubringen — 
in dtefer Schenfe, unfere Marodeurd ausgenommen, 
auch nicht ein einziger Gaft zu fehen war, fo daß 
Monfteur Benito für feine‘ allzu große Gefälligkeit 
wirklich Hart beftraft zu werben fehlen. Er ertrug 
jedoch dieſen ſtillſchweigenden Ausdruck der äffent- 
lichen Verachtung mit vieler Nefignation; au war 
fein VBerhältniß zu feinen Gäften gegenwärtig ganz 
anderer Art, und er hatte ihnen gegenüber eine weit 


— 37 — 

zuverfichtlichere Haltung angenommen. Als er in bie 
Stube eingetreten, wo feine Frau an dem Schenk: 
tifche befchäftigt war, legte er feine Hände auf den 
Rücken und fchritt gemächlih auf und ab. So oft er 
am Fenſter anfam, warf er einen Bli auf bie 
zahlreichen Gruppen von Männern, die vor den übri⸗ 
gen Häufern in einbrechender Dämmerung flanden, 
um dann Fopffhüttelnd feinen Spaziergang fortzu- 
ſetzen. | 

„Ja, vief ex endlich, als er abermals einen Blick 
durch das Fenſter geworfen, „das danke ih Euch: 
fige nun da mit Weib und Kind, und mag verhun⸗ 
gerw, und meinen Wein und Cognac ſelbſt ausfaufen, 
damit er mir nicht fauer werde,“ 

„Wollen Dir Helfen, Benito, obwohl Dein Bor- 
deaur ganz erbärmlich ift,“ ſprach Einer aus dem 
Kleeblatte. „Es lebe unfer Generalpardon. # 

Der Wirth gab dem Sprecher eine Antwort, 
wandte ſich aber zu dem Manne, den wir bei feinem 
erften Auftritte am Bayou als Bermummtten bezeichnet 
haben, und der noch immer eine ſchwarze Binde um 
feine Stirne und das linfe Auge trug. 

„Ih fage Euch,“ ſprach er, „mit Eurem -Parbon 

Der Legitime. IL 17 


Bat es gute Wege, und Ihr Habt ihn Euch verdient; 
‚aber bei alledem, je eher Ihr Euch aus dem Staube 
macht, deſto gerathener für Euch. Hier in den ver- 
einten Staaten gedeiht Ihr nun einmal nicht, und 
wenn Ihr, wie Magdalena, bußfertige Ahranen 
weint.“ 

„Daß fehe ich nur zu deutlich zu entgegntete der Ber 
mummte zähnefnirfchend. „Wahrlih, wenn ich das 
gewußt hätte — « | 

„Und was denn?“ fragte der Wirth. „Was Ihr 
erlangt habt, ift aller Ehren werth. Ihr werdet doch 
nieht wollen, daß fie Euch Aemter und Würben geben? « 

„Hol' der Teufel ihre Aemter, ich wollte lieber —« 

„Wohl!« fuhr der Wirth fort, „Ihr Habt Eu 
ein ſchönes Vermögen zufammen gebeutet Ihr Tönnt 
Eure Tage in Ruhe leben. « 

„Ja,« vief der Bermummte, „es war der ſchönſte 
Tag meines Lebens, eine herrliche Rache, eine Rache, 
ſo göttlich! daß es mir nur leid thut, daß ich fie nicht 
theilen Tonnte. Wären nur taufend unferer Braven 
zugegen gewefen, als wir dieſe Krämerſeelen jagten. 
Möge mich — verdammen, es war ein ſchöner Tag.“ 

n Ihr Habt Euch gut benommen; « Tprach der Wirth. 


— 0 


. Der Bermummte ſah ihn veraͤchtlich an, »Benito, 
aus Deinem Munde mein Lob hören zu mäflen! 
Spare Deine Zunge, ich bitte Dich, ober — Teufel 
und Hölle! — Jeder Sergeant, jeder Corporal wurde 
in ihren Zeitungen gepriefen; nur ihn, ber vielleicht . 
mehr zum Siege beitrug, als zehn ihrer Compag⸗ 
nien, nur.ihn mit feinen breißig :Braven vergaß man. + 

„Undank ift der Welt Lohn,“ verfeßte Benito, 
„wenn die Citrone ausgedrückt ift, wirft man bie 
Scale weg. Sie heißen fi im Scherz Souveräne, 
aber fie haben im Ernſte alle die kalte Herzloſigkeit 
"und vornehme Aube, als wenn fie biefe wirklich 
wären. « 

„Als ich geftern um meine Aufwartung machen zu 
bürfen bat, wurde ich durch die Hinterthüre bed Hau⸗ 
fe8, den Stall, eingelafien. Lafitte, fprach er, was 
Ihr gethan Habt, verdient Anerkennung. Ihr habt 
einen Theil Eurer Verbrechen gut gemadt. Wir 
wollen das Uebrige vergefien; nur müßt Ihr das 
Sand räumen, beffen Sicherheit Ihr zu fehr verleht 
Habt, um diefe jemals vergefien zu maden. Und 
zum Danke für Alles warf er mir einen elenden Bad 


Banknoten von dreitaufend Dollars zu.“ 
47° 


—d MO — 


„Das ührigend immer eine nicht zu verachtende 
Summe ift, mit der allein ſchon Ihr Euch in Mexico 
recht ſchön etabliven könnt,“ verfegte der Wirth. 
„Und das ift auch das Einzige, was Ihr thun Eönnt. 
Vielleicht jehen wir und da wieber. Hier gebeihen 
‚wir einmal nicht. Sie laſſen und nicht einmal wie 
die Hefen fegen, fie werfen und beim Spundloche auß. 
Wäre ich Flüger gewefen, und hätte den Pater Hi- 
dalgo mit feinen Muſikanten beim Teufel gelafien, 
fo ſäße ich auch im Trodenen. Alles ift Narrheit. 
Es iſt Niemand gefcheidt in der Welt als dieſe Re— 
publifaner. Die allein leben für fih. Wir Meri- 
kaner, Franzoſen, Spanier, und wie fie Alle heißen, 
wenn ich's fo recht um und um betrachte, find nur 
halbe Menſchen; denn bie andere vie gehört nicht 
und.“ 

„Ja, Sprach der Bermummte, „wenn man fich fo 
an die vierzig Iahre in der Welt herumgetummelt 
bat, wird’8 Einem allmählig Far. Hier lernt man 
achte Philofophie. Hier weiß man vernünftig zu 
leben. Ich habe während der acht Wochen meines 
Hierſeyns mehr gelernt, als mein ganzes übriges 
Leben. Was nützt es jedoch; nun ich einfehe und mir 


⸗201 > 
vornehme, weißt man mir wieder die Thüre. Teufel 
und Kölle! fie Haben einen Sieg gewonnen, deſſen 
ſich Napoleon nit fehöner rühmen konnte, und keine 
Muöfel ihres Gefichter ift verzogen; gerade ald ob es 
feyn müßte, und nun gehen fie wieder ruhlg an ihren 
Pflug. * 

„Und das bleibt auch Cuch übrig, + verfeßte der 
Wirth, „da Ihr denn doch einmal Euer wüſtes Leben 
aufzugeben feſt entſchloſſen ſeyd.“ 

„Wirth!« rief eine Stimme durch die Thüre herein. 

„Da bin ih,“ antwortete Benito, der dem Mufe 
folgte, und aus der Stube trat. 

„Sch habe Gäfte bekommen,“ rief er mit vieler 
Zufriedenheit; „aber ich weiß nicht, ob fie ſich ge⸗ 
zabe zu Euch ſchicken. Es find alte Bekannte von 
Euch.“ Er flüfterte dem Bermummten etwas in bie 
Ohren. 

„Alte Teufel! Wirklich?« rief Diefer. 

„Wollt Ihr Euch auf einen Augenblid zurüd- 
ziehen?“ fragte. der Wirth. 

„Pah, wollen fie fehen. Wir find ja in einem 
freien Lande, Heißt es.“ 


202 — 

Indem trat ein Sergeant ein, dem die Indianer 
in Begleitung zweier Miligen folgten. 

„Sie haben ſich zwar freiwillig geftellt,“ flüfterte 
der Sergeand dem Wirthe zu, „aber Ihr müßt ge- 
wiffermaßen für fie haften; ohnedem find die beiden 
Cumanchees gleichfalls hier. « 

„Sorgt für nichts,“ verficherte ihnen der Wirth; 
«wir wollen fie wie unfere Augäpfel bewachen und 
bewahren. Wache wäre überflüffig; würbe nur Arg⸗ 
wohn erregen. « 

Inzwiſchen hatte fi der alte Mito etwas bes 
feembet in der dunfeln, von zwei Talglichtern küm⸗ 
merlich erhellten Stube umgefehen, deren Aermlichkeit 
ihm aufzufallen ſchien. Ein bittere Lächeln umfreiste 
feinen Mund, als er die weiß übertünchten Wände, 
die armfeligen Teppiche und die Eichenholzſeſſel und 
Tiſche überfah. „Sieht EI Sol,“ murmelte er dem 
Jungen Cumanchee zu, „wie die Herzen der Weißen 
kalt geworden find. Als bie Indianer zuerſt kamen, 
führten fie ſie in ein koſtbares Wigwam. Hier — u 

Der Cumanchee hatte nicht minder aufmerkfam in 
der Stube umbergefehen, als fein durchdringender 
Blick in die Ede fiel, wo die drei Ausländer faßen. 


— 263 0 


Plotzlich fingen feine Augen an Feuer zu fprühen, feine 
Nafenlöcher [wollen wie die Nüftern eined Roſſes, 
er begann zu ſchnauben und, in die grimmigfte Wuth 
ausbrechend, fuhr er auf den Tisch zu, hinter welchem 
bie drei Ausländer fahen. 

„Hat, 4 fo ſprach er mit einer Donnerftimme, „bat 
die Schlinge der Cumanchees und die Lanze ber Paw⸗ 
need deßhalb des Diebes gefchont, Damit Diefer mit 
feinem giftigen Athem abermals das Geſicht ded un- 
glüdlichen Vaters vergifte, dem er die Tochter und 
bie Seinigen geraubt? Und indem er nach dem Dolche 
griff, würde er auf Lafitte losgeſtürzt ſeyn, wenn 
ihm nicht Die Miligen in die Arme gefallen wären. 

„Im Namen des Geſetzes, Ruhe!“ ſprach der Ser» 
geant, „ober ich führe Euch augenblicklich in's Ge⸗ 
fängnip.« 

„Dein Sohn „“ ſprach der Milo bedeutſam, „wir 
find im Wigwam der Weißen.“ 

Der Seeräuber, denn Diefer war ed, wie unfere 
Lefer entnommen haben werben, hatte, während ber 
Wilde den Dolch zuckte, mit vieler. Kaltblütigfeit fein 
Glas audgetrunfen. . 

"Mag ich erſchoſſen feyn,“ flüfterte Einer der. Mi⸗ 


‘ 


— KH 


lizen feinen Gefährten zu, „wenn biefer Mann nicht 
mehr kaltes Blut in feinen Adern hat, als alle Ali⸗ 
gatoren im Broadſwamp zufammen genommen.» 

„Das tft auch das Befte, was er hat. Er ſchneidet 
Euch mit demfelben Gleichmuthe die Kehle ab. Kennt 
Ihr ihn? “ 

Werde ihn doch. Für jetzt iſt ihm feine Zeche ab⸗ 
geſchrieben, bekömmt er aber wieder etwas auf bie 
Kreide, dann hängt er doch.“ 

Lafitte, ohne irgend Einem der Anweſenden befon- 
dere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, goß ſich wieder fein 
Glas vol und tranf ruhig fort, als die Thüre aber- 
mals aufging und die beiden Cumanchees herein und 
auf den, jungen Häuptling zufprangen. Kein Kind, 
das den Armen der Mutter entriffen und nad) einer lan⸗ 
gen Abweſenheit wieder zurüdigegeben wird, kann mit 
mehr Entzüden in die ausgebreiteten Mutterarme eilen, 
als die beiden Wilden in die des jungen Cumanchee. 
Die drei Wilden waren wirkliche Kinder geworben. 
Sie fielen fich einander in die Arme, fle umfchlangen 
fi, fie befahen, fle betafteten fi, als mißtrauten 
fle ihren Augen, fie ſchienen ihres Entzüdend nimmer 
ein Ende zu finden. Als dieſes fo eine Welle gewährt 


— 5 > 


“Hatte, tsaten die Beiden von ihrem Häuptlinge zurüd, 
freuzten ihre Arme auf ber Bruft und flanden eine 
lange Weile in ehrfurchtsvoller Stellung vor ihm, der 
feinerfeitö eine hohe, gebieterifche Diiene angenommen 
Hatte. Mit Hoheit hörte er ihren Bericht und ihre 
Schickſale während feiner Abweſenheit. Aber bald 
verwandelte fich dieſe in hHeftigere Symptome, bie 
bald Schmerz, bald Wuth, wieder Scham und Zorn 
im ungemein fehnellen Mienenfpiele ausdrückten. Auf 
einmal brach er in einen lauten Schmerzensruf aus; 
feine Arme fielen ftraff an feine Seite, und als ſchaͤmte 
er fih vor den Anweſenden, trat er mit den beiden 
Cumanchees aus der Stube. 

Das Geſpraͤch der Indianer war im Vawneedialekte 
geführt worden und hatte die Aufmerkſamkeit Aller 
ſehr erregt; denn es mußte ofſenbar etwas Beſonde⸗ 
res ſeyn, das hie Seelen dieſer an Selbftverläugnung 
ſo ſehr gewohnten Menſchen ſo außerordentlich be⸗ 
wegen konnte. Auch der Miko war es; aber in feinen 
ftarren Zügen war bloß ein bitteres Lächeln zu ber 
merken. Als die Milizen ſahen, daß ſie vergeblich 
nach Aufklärung warteten, entfernten ſie ſich. 

Der Miko hatte fi in der Ecke des Teuerplaged 


— 6 


niedergelaſſen, und faß eine geraume Zeit, ohne irgend 
ein Merkmal. von Leben von ſich zu geben, dann be- 
gann er fein Haupt zu erheben, und fein Blick fiel 
auf den Seeräuber, der noch in feiner Ecke faß, wandte 
fih jedoch immer mieder mit Abfcheu von ihm. Es 
ſchien, als ob dem alten Manne eine Anwandlung 
von Neugierde ankäme, zu wiſſen, was ſeinen Feind 
hieher gebracht habe, und daß nur Stolz und Scheu 
ihn vom erſten Schritte zur Annäherung zurückhalte. 

Der Seeräuber brach endlich das Eis, indem er 
aufſtand und an den Miko hertrat. 

„So finden wir uns denn wieder, Miko,“ ſprach 
er nicht ohne Theilnahme, „um Drei Monate älter, 
weifer, aber nicht glücklicher. Wo find Die Zeiten, 
wo wir fo friedlich beifammen .faßen im Wigwam 
am Natchez?« Er ſprach die letzten Worte mit einer 
fo ſchmerzlichen Betonung, daß der Indianer ihn 
forſchend anſah. 

„Ja, Miko, wenn Ihr mich damals nicht fo tropig 
von. Euch gewieſen hättet, und ich Tein folder Narr 
gewefen mäse, eines Mäbchens halber Alles auf das 
Spiel zu ſetzen — — Ya, Miko, ich meinte es gut. 
Wir hätten ein glüdkliches Leben führen Tönnen. ‚Wir 


— > 


hätten eine herrliche Golonie gegründet, kein Feind in 
ver Welt hätte und etwas anhaben dürfen. Es war 
ein fehöner Traum.“ 

Der alte Mann ſchwieg noch immer. „Wie kommt 
ed,“ fragte er endlich mit fihtlihem Widerftreben, 
„daß Der, auf den der große Bater der Weißen einen 
Preis von fo vielen Dollars geſetzt hat, fich nun in 
ibren Wigwams jehen läpt?« 

„Erinnert Ihr Euch, Miko, jened Morgens, als 
ih Cuch im Council⸗Wigwam fagte, Lafitte würde 
Euch vertheidigen? Ihr braucht Euch nicht zu fürch⸗ 
ten? Mifo, hättet Ihr damals auf meine Stimme 
gehört, wäre Alles beffer gemefen. Schon damals 
war der Plan reif, ber mich mit der Welt verföhnen 
ſollte. Hilft nun aber Alles nichts. « 

„Und der Häuptling der Salzſee ift ein Freund ber 
Weißen?“ fragte der Indianer. 

„So wie man Freund feyn Tann,“ verfeßte der 
Seeräuber bitter lachend, „wenn man einen Dienfl 
erwiefen hat, der zu groß ift, um bezahlt zu werben. 
Sie haben mir gnädigft erlaubt, ihre Kanonen zu 
bedimmen, und mich der Gefahr, verftümmelt ober 
todtgeſchoſſen zu werden, fo an bie fieben Stunden 


260 · 


bloß zu ſtellen; dafür habe ich nun eine Art Pardon 
und die huldreiche Weiſung, mich ſo ſchnell von hin⸗ 
nen zu packen, als möglich. 

Die Rolle, die der Seeräuber gefpielt, MN zu bes 
fannt, um einer Erläuterung ‚zu bebürfen. Weniger 
befannt dürfte e8 jedoch ſeyn, daß die Gefinnungen 
dieſes feltiamen Abenteurerd wirklich mit den Mer ge= 
äußerten übereinftimmten. 

„And der Häuptling der Salzfee ift zu den Weißen 
gegangen, um mit ihnen ben Tomahamf gegen bie 
Söhne ded Vaters der Canadas zu erheben?« fragte | 
der Indianer gefpannt. 

„Ich komme fo eben von der Affaire herauf. Die 
Weißen haben einen glänzenden Sieg bavon getragen. # 

Und er: hat die große Schlacht der Weißen mit- 
gefchlagen?“ fragte der Indianer beinahe ängſtlich. 

„3a,“ erwiederte der Seeräuber mit demfelben ver⸗ 
zweifelt bittern Hohnlachen, „und bafür hat er die 
Erlaubniß erhalten oder vielmehr den guten Rath, 
das Land fo bald als möglich zu räumen.“ 

Der Indianer, der feine Gefühle biöher gewaltfam 
unterdrüdt hatte, war num nicht länger im Stande, 
dem furchtbaren Kampfe, ber in feinem Innern tobte, 


— 9 > 


zu gebieten. Seine Bruft hob. fih, als drohte es 
ihn zu erſticken. Seine Augen rollten, als wären fie 
von einem innern Feinde im Kreife getrieben. Seine 
Hände auf fein Geſicht fehlagend, ftöhnte er Taut und 
flel dann bewußtlos über den Sarg hin. 

„Miko!« ſchrie der Seeräuber, der herbei ſprang 
und den bewegungsloſen Mann wieder aufrichtete. 
„Miko, was iſt dieß?“ 

Der alte Mann blickte ſtier um ſich her. „Geiſter 
meiner Oconees! Geift meiner Tochter! ich habe Euch 
Sühnopfer bringen wollen; der Dieb hat Euch und 
mich betrogen. Nein!“ riefer jchmerzlich, „die Weißen 
haben mich betrogen.“ 

„Häuptling!“ ſprach der Wirth auf den gedeckten 
Tiſch weiſend, „eßt und trinkt, und ſchlagt Euch das 
Uebrige aus den Sinne. Trinkt! je mehr, deſto 
beſſer, es geht auf Koſten der Regierung.“ 

Der Indianer nahm das dargebotene Glas an, 
trank es aus und bedeutete dem Wirth, es wieder zu 
füllen. Wieder ſtürzte er es hinab und wieder wurde es 
gefällt. Ex wiederholte den Zug ein drittes, ein vier⸗ 
tes, fünftes und ſechstes Mal und fank dann bewußt⸗ 
108 am Boden bin. 


—ı 0 ⸗ 


„Iſt doch bei alle dem ein indianiſches Bich;« 
ſprach Benito.- 

„Ein König wilft Du ſagen,“ ſprach ver See⸗ 
räuber ernft. „Ein Legitimer mit fo edlem Blute, 
als je in den Adern Eines geflofien. Wenn Du ben 
hunderttaufendften Theil feiner Leiden erfahren haͤt⸗ 
teft, wäreft Du Tängft im Tollhauſe — oder auf dem 
Galgen vermobert.“. Er fah auf den Wilden mit 
verfhränkten Armen herab. „Schaffe ihn weg; das 
Schmerzlichſte fteht ihm noch bevor.” 

„Doch horch, mas ift das? Neun Salven von 
eineni Dampffhifie. Ein neunmaliges Hurrah. Der 
Generalen Ehefift angefommen. Gute Naht, Milo, 
morgen wirft Du mehr hören.“ 


Einundvierzigſtes Kapitel. 


Geht ins Gericht nit; 
Sünder find wir Alle. 
Shalespeare. 
Das Rollen der Trommeln verkündete am folgen- 
den Morgen dad Zufammentreten der Mannfchaft, 
als die Indianer durch die dichten Reihen der Milizen 


* 


— m 


dem Safthofe zu geführt wurden, wo der Obergeneral 
fein Nbfteigequartier genommen hatte. Im Corribor, 
der zu dem Saale führte, den wir bereits fo vielen 
Beftimmungen gewidmet gefeben haben, ftand ein 
zahlreiches Offtziers⸗Corps in glänzend reichen Uni⸗ 
formen, welches die fo eben-aus dem Saale kommenden 
brittifchen Offiziere freundlich begrüßte. „Die India⸗ 
ner," tief eine Stimme, „Indianer vor!“ Sie tra⸗ 
ten ein. 

So eben erhob ſich ein langer, hagerer, aber Eraft- 
voll gebauter, ältlicher Mann von einem Armſeſſel, 
auf defien einer Lehne fich ein Kiffen befand, auf dem 
fein linker, in einer Schlinge getragener Arm gerubt 
hatte. Seine Züge waren fcharf gezeichnet, ſtark her⸗ 
vortretend und deuteten auf fefte, unerfchütterliche 
Ruhe. Das kühne blaue Auge, in tiefen Augenhöhlen 
funfelnd, verrieth ein Feuer, dad weder Alter noch 
körperliche Leiden geſchwächt hatten. Sein Gang war 
kangfam, aber würdevoll. Er trug die Generals⸗ 
uniform bes höchften Grades in den Staaten, unter 
einem braunen Ueberrocke. Sübel und Federhut lagen 
auf einem Seitentifche. Sein ſcharfer Blick fiel, als 
bie Indianer eintraten, auf jeden Einzelnen mit einem 


—H 72 ⸗— 


Ausdrucke, der die Wilden durchzuſchauen fhien. — 


Nach einer kurzen Baufe ließ er fich wieder auf-ben 
Armfefjel nieder und nidte den Indianern, Plag zu 
nehmen. 

„Tokeah!“ ſprach der Major Copeland. „Ihr 
ſteht vor dem kommandirenden General, dem großen 
Krieger, der die Muscogees und die Söhne des großen 
Baters der Canadas in vielen und großen Schlachten 
gefchlagen hat, dem Bevollmächtigten bed großen 
Vaters der rothen Männer. « 

Die Indianer fahen nad) biefer etwas pompöſen, 
aber bier ganz zweckmäßigen Aufführung ven General 
betroffen an, und ihr Haupt neigend, ftrediten fie die 


- Balmen ihrer Hände vor. 


- 


„Tokeah, ver letzte Miko der Oconees,“ ſprach 
Diefer, „iſt mit ſeinem Sohne EI Sol, dem mächti⸗ 
gen Häuptlinge der Cumanchees, gekommen, ihre 
Hände in Frieden und Freundſchaft ausgeſtreckt.“ 

„Tokeah, Miko der Oconees!« wiederholte ber 
General kopfſchüttelnd. „Wir haben Vieles, nur zu 
Vieles von dieſem Tokeah gehört. Und dieſer junge 
Mann hier?« 

„Iſt El Sol, der junge Haͤuptling der Cumanchees.⸗ 


— 273 > 


. Der General ſah den jungen Mann mit einem etwas 
weniger mißtrauiſchen Blicke an. 

„Sagt dem Häuptlinge „ er fen willkommen in den 
Wigwams feiner weißen Brüder, /⸗ 

Nachdem der Miko dieſes verdolmetſcht hatte, legte 
der junge Cumanchee feine Rechte an die Bruſt und 
zeigte fein Haupt. 

Beide Häuptlinge bewiefen viel Ruhe und jelbft 
Anſtand in ihrer Haltung. S’e verzogen feine Miene, 
und ihre Augen in achtungsvoller Aufmerkfamfelt auf 
ben General gerichtet, warteten fie auf bie weitere 
Einleitung des fogenannten Talks oder der Zufammen- 
funft. Der General feinerfeit3 fehlen ben Wilden 
volle Gelegenheit geben zu wollen, ſich ganz in ihrer 
fententiöjen Manier auszufprechen. 

“ „Sa Tokeah,“ ſprach er nach einer Paufe, wäh⸗ 
rend welcher er inne gehalten hatte, um den Indianern 
Zeit zu geben, ſich zu fafien.. „Wir Haben von Euch 
gehört, aber wir wollen das Gefchehene in dem Strom 
der Vergeſſenheit begraben.“ 

nDer Miko würde von den Weißen ferne geblieben 
ſeyn; « ſprach der Indianer. „Er meiß, dap er ein 
Dorn in Ihren Augen ift. Er ift von Ihnen auf 

Der Legitime. IH. 18 


— 1 


feinem Pfade aufgehalten worden, den er gegangen, 
um das Gebot des großen Geiſtes zu erfüllen.“ Er 
deutete auf den Sarg, den er auch hieher mitgenom- 
men hatte. 

Der General fchüttelte wieder das Haupt. „Dann 
foflte Tokeah nicht fo tief hinab nad Alabama ge= 
gangen fen; der Deonee und das heilige Selb der 
Muscogees find weit von letzterem.“ 

Der alte Häuptling fah.den General betroffen an. 

„Tokeah! Tokeah!“ ſprach Diefer. „Es mag bin- 
gehen für dießmal. Aber ſo ſchlau Ihr auch Eure 
Anſchläge macht, wir blicken fie durch.“ 

„Tokeah hat die Fußſtapfen der Mocaſſins auf 
ſeinem Wege geſehen; er wußte, daß ſeine Feinde dem 
großen Vater in die Ohren flüſtern würden; er mußte 
noch zu feinem Volke ſprechen. Wenn mein Vater 
den Talk Tokeahs gehört hätte, würde er ſeine Stirn 
nicht runzeln. Der Miko wird jetzt dahin-gehen, wo 
ihn die Weißen nicht mehr fehen werden. Die: Aexte 
der. weißen Männer machen einen großen Lärm in 
den Ohren Tofeab3, « | 

„Weiß der große Vater von diefem?« fragte ber 
General. 


— 75 > 


„Die Männer ber Deonees haben feit fieben Som⸗ 
mern auf den Jagbgründen ber Mericod gewohnt. 
Ste wollen wieder zuruͤck, wohin die Vflugſchar und 
die Haden der Weißen ihnen nit folgen werden.“ 

„Und der alte Tokeah hat dad gute Land feiner 
Väter verlafien, und ift in ein fehlehteö gezogen, wo 
ihm die Mufcheln und Schalen die Füße zerfchneiden 
werden? 

„Wenn die rothen Männer ein ſchönes Weib haben, 
das für fie nicht kochen und ihre Jagdhemde machen 
will, fo fenden fie es zurüd zu ihrem Vater, und 
nehmen ein häßliches Weib, das thut, was fie brau- 
hen. Tokeah hat im Lande feiner Väter gelebt, und 
unter den Weißen mit feinem Volke. Wenn ihre 
Pferde und ihr Vieh über ihre Grenzen gingen, durfte 
er nicht geben, um fle einzufangen, und wenn er ed 
that, fo warfen fie ihn in ein finfteres Wigwam ober 
ſchoßen auf ihn aus ihren Feuergewehren; aber wenn 
das Vieh der rothen Männer über die Grenzen ber 
Weißen ging, fo nahmen ſie es, und wenn bie rothen 
Männer zürnten, nahmen fie auch ihr Leben dazu. 
Tokeah konnte nit wein unter ſolchen Menſchen 


leben. « | 
18* 


— 16 ⸗— 


„Haben,“ fragte der General; die rothen Män⸗ 
ner nicht auch böfe Brüber?= 

| nDie rothen Männer firafen: ihre böfen Kinder," 
fuhr. der Indianer grollend fort — „und fie treiben 
fie in die Wildniß; — aber Die weißen Männer thei- 
len das von den rothen Gefiohlene. Es ift weit zum 
großen Vater, und. er Hört. nicht dad Rufen feiner 
zothen Kinder, unb die Zunge feiner Boten *), ift fehr 
gekrümmt. Tokeah will depwegen gehen, wo er bie 
Meißen nimmer jehen wird.“ . — 

Das heißt zu den Cumanchees, um mit ihnen Die 
Kette zu ergänzen, die fein unruhiger Geiſt mit feinen 
Brüdern und uns zerriſſen hat?“ verfeßte der Ge⸗ 
neral, der, weit. entfernt durch. die grollend werdende 
Sprache des Indianers beleidigt zu werben, fortfuhr: 
„Es ift kein Zweifel, daß -bie rothen Männer in ge 
wiſſen Punkten von und gelitten haben; aber fie ha⸗ 
ben nicht mehr von uns als wir von ihnen erbulbet. 
Do wir wollen und fönnen uns hierüber nicht in 
Erörterungen einlaffen. Nur follte Tokeah einfehen, 
daß wir Die Stärferen — und Herren des Landes find. 
Wir Eonnten Tofeah fein Land nehmen; denn es war 


*) Agenten ber Vereinigten Staaten. 


— 171 ee⸗⸗ 


uns durch das Recht des Krieges verfallen. Wir 
haben es ihm abgekauft, ihn als freien Mann, als 
Bruder behandelt.“ | 

„Der große Geiſt,“ ſprach der unbewegte Indianer, 
„bat fehr große Spinnen in dem Lande gemacht, wo 
der Miko lebte, und eine berfelben töbtet einen Heinen 
Vogel. Diefe Spinnen fagten zu den Vögeln: „Seht, 
wir wollen Euch allein und in Frieden laflen, und 
nicht mit Euch brechen; aber Ihr bürft auch nicht un⸗ 
fere Netze zerreißen.“ Die armen Vögel blieben in 
ihren Neftern, und faßen da für eine lange Welle. 
Hunger trieb fie endlich heraus; als fie aber auf⸗ 
fliegen wollten, fanden ſich alle Wälder mit den Negen 
der Spinnen überzogen, und die armen Vögel fielen 
in die Schlingen, und wurden von ben giftigen Spin 
nen aufgefreflen, und ihr Blut ausgefaugt, und fie 
mußten eines Tangfamen Todes flerben. Die rothen 
Männer find die armen Vögel, die Weißen bie 
Spinnen. Ihrer Stämme waren viele. Sie find 
verſchwunden vom Angeſichte der Erde. Ste ftarben, 
Viele durch die langen Meſſer der Meißen, noch mehr 
aber durch ihre Lift und ihr Bruenmafler. Tofeah 
will weit von ihnen gehen.” 


—— 178 — 


„Das mögt Ihr thun, wie es Euch am beften dünkt. 
Wir werden Euch Feine Hindernifle in den Weg legen. ” 

„Der große Geift,“ fuhr der Indianer fort, „hat 
Den endlofen Strom rinnen gemacht, von wo der 
Schnee fällt, gegen das Land zu, imo die Sonne heiß 
ſcheint. Er hat den rothen und weißen Männern 
Ueberfluß an Land gegeben, aber die weißen,“ fuhr 
er klagend fort, „ſind nie zufrieden, fie greifen immer 
weiter, und ſtrecken ihre Hand aus nach dem, was den 
rothen Männern gehört, umd nehmen jeden Sommer 
mehr von dem Lande Diefer. « 

„Die Weißen haben das Land der rothen Männer 
gekauft; es ift deßhalb ihr rechtmaͤßiges Eigenthum,« 
verſetzte der General. 

„Sie haben die rothen Männer mit Feuerwaſſer 
beirunfen gemacht, und fie dann um ihe Land be⸗ 
trogen,“ entgegnete der flarrfinnige Indianer. 

„Tokeah,“ fprach der General mit jener Nube. bie 
den Indianer, eben weil ex fie zu einem gewiſſen 
Grabe befigt, am ſchnellſten aus feiner Faſſung bringt, 
„der große Geift hat die Erde für Die weißen und 
rothen Männer gemacht, daß fie fie pflügen und be- 
baum, und von ihren Früchten leben mögen; er bat 


I 


fle aber nicht zu einem Iagbgrunde gemacht, Daß einige 
Hundert rothe Männer im faulen Dafeyn einen Raum 
einnehmen, auf dem Millionen glücklich leben und 
gedeihen fünnen. Wenn Ihr die Ländereien, die Ihr 
noch habt, und die noch immer fo groß find, wie 
manches Köntgreish der alten Welt, mo mehrere Mil⸗ 
lionen glücklich eben und gebeihen Eönnen; wenn Ihr 
dieſe Bandereien beurbaren wollt, fo koͤnnt Ihr reis 
her, glücklicher jeyn, als irgend eine gleiche Anzahl 
Bürger der vereinten Staaten; wenn Ihr-Häuptlinge 
aber das Geld, das Ihr von und als Jahresgehalte 
für Euer abgetretenes Land erhaltet, unter Euch ver⸗ 
theilt und. Eurem Volke höchſtens ein paar Dollars 
zum Bertrinfen binwerft — dann aber fie barben 
laſſet; — wenn Ihr fie jo — ſtatt Euch ihrer anzu⸗ 
nehmen, und unſere menſchenfreundlichen Bemühun⸗ 
gen, ſie der Cultur zu gewinnen, zu unterſtützen — 
zum Auswurfe herabwürdigt, und ſie zwingt, an 
den Thüren unſerer Bürger ihr Brod zu betteln, und 
fih in unſerem Straßenkothe herumzuwälzen: dann 
müßt. Ihr es dieſen Bürgern. nicht verargen, wenn 
fie ſolcher Geſellſchaft überbrüffig werden. Ich Tenne 
Eu, Häuptlinge; Ihr feyb ſolche Blutſauger ber 


—— 0 ⸗— 


Eurigen, als es der verworfenfte Tyrann der alten 
Welt nur feyn kann.“ 

„Tokeah hat die Dollars mit Füßen wegheſtoßen,“ 
erwiederte ber Indianer. 

Ich kenne auch Eu, Tokeah, und habe die ge= 
naueften Erkundigungen eingezogen. Doch will ich 
Euch fragen, Alter,“ fuhr der General fort: „Was 
thun wohl die Creeks ober, wie Ihr: Euch nennt, Die 
Muscogees, wenn ihnen ein rother Späher der Che⸗ 
rofees in die Hand- fällt, der. während fie mit Diefen 
in Frieden leben, zu den Choctaws eilt, um den ſechs 
Nationen in die Ohren zu flüflern, die Tomahawks 
zu erheben, und über.die Muscogees herzufallen, fo 
wie der Banther über das Rind herfälli?« 

Der Andtaner ſchwieg betroffen. 

‚ nSie nehmen feinen Skalp. Nicht wahr? Als 
Tokeah damals mit rache⸗ und wuthſchnaubendem 
Herzen hinauf zu den Shawneeſe ging, da wurde ihm 
ſein Land von ſeinem eigenen Volke verkauft, das 
müde war, feinen: ewigen Unruheſtiftereien länger 
Vorſchub zu leiften, und den unverfühnlichen Häuptling 
aus ihrer Mitte weg wollte. Wir konnten Euch als 
Spion, als Aufiwiegler, den Prozeß machen, und 


— > 


Eure eigenen Männer würden Eure Henker geworben 
feyn. Wir thaten es nicht. Wir benahmen Euch die 
Gelegenheit, fürder ſchädlich zu werben, und Tiefen 
Euch geben. Wenn Ihr das Gelb wegftieht, das Eu 
für das Land bezahlt wurde, war es Euer Fehler; 
für dad, was Ihr damals thatet, hattet Ihr den Tod 
verdient. Das Schickſal der rothen Männer,“ fuhr 
der General würbevoll fort, „ift hart in vieler Hinficht, 
aber es ift nicht unvermeidlich; die Barbarei muß 
im Kampfe mit der Aufklärung immer weichen, fo 
wie die Nacht dem Tage weicht; aber Ihr habt Die 
Mittel in der Sand, an diefe Aufklärung Eu) anzu« 
ſchließen, und'in unfer Bürgerliches Leben einzutreten. 
Wollt Ihr diefes jedoch nicht, und zieht Ihr vor, flatt 
geachteter Bürger wilde Legitime zu feyn, fo mäßt 
Ihr mit den Schickſale nicht hadern, das Euch wie 
Spielwerkzeuge wegwirft, nachdem Ihr Eure nächt⸗ 
liche Bahn durchlaufen ſeyd.“ 

Die Wahrheit der eindringenden und and Erhas 
bene grenzenden Sprache des Generals hatte ben 
Indianer plöglih zum Schweigen gebracht. 

„Xoteah,# hob der General wieber nach einer Fangen 
Paufe an, „wir haben, wie gefagt, nichts gegen Euren 


—— MR 


Entſchluß, zu gehen, und ich werde die nöthigen Befchle 
in- meiner Militärdiviſton binterlaflen, daß unfere 
Dffiziere Euch ımgehindert ziehen Iaffen. Ehe dieſes 
jedoch gefchieht, müßt Ihr und noch über Einen Punkt 
Aufklärung geben. Eure verfehiedenen Stämme find 
zwar von und gewiffermaßen ald Völker betrachtet, 
in deren innere Angelegenheiten wir ums nicht mengen, 
und denen wir felbft das Mecht Laffen, unter einander 
Krieg zu führen; aber unfere obervormundfchaftliche 
Bergünftigung dehnt fich nicht fo weit aus, Euch das 
Recht zu geben, über unfere frleblihen Mitbürger 
berzufallen, und Euch unfere Kinder -Zuzueignen, 
nachdem Ihr ihre Eltern graufam gemordet.“ 

Der alte Mann horchte doch auf. 

„Tokeah ‚hat die Tochter eined weißen Vaters und 
einer weißen Mutter zu und gebracht. Er hat fie als 
fein Kind betrachtet. Wie ift er zu der jungen Dame 
gekommen, die er die weiße Roſe nennt?” fragte der 
General. 

Der Indianer fuhr plöglih auf. Er fah bald den 
General, bald den. Squire Eopeland an. Sein Mund 
zudte, und nachdem er EI Sol etwas in die Ohren 
geflüftert hatte, erwieberte er: 


—1 3 e- 

"Die weiße Rofe tft die Tochter bes Milo. Er Hat 
viele Biber» und Bärenfelle für fie gegeben. Sie mar 
feine Tochter, bald nachdem fle das Licht der Welt er- 
blickte.“ | 

„Wie Fam ſie aber in Eure Haͤnde?“ fragte der 
General nochmals. ’ 

„Tokeah hat fte den rothen Männern der Choctaws 
der ſechs Dörfer, die am enblofen Fluſſe wohnen, 
abgenonmen. Wäre fein Arm nicht geweien, fo wäre 
ihr Gehirn fihon viele Sommer an dem Baume ver- 
trocknet, an den fie bie Hand eined Muscogee ſchmet⸗ 
tern wollte.“ - 

„Auch dieß beantwortet nicht die Brage,“ entgeg- 
nete der General. „Wie kam die junge Dame aber 
in Eure Gewalt?“ 

"Der große Bater,“ verfeßte der Indianer aus⸗ 
weichend, „hat eine große Schlacht gewonnen, in der 
feiner Feinde Viele geblieben find. Gehören bie Beute 
und die Gefangenen nicht ihm und den Seinigen?« 

„Ih will Euch fpäter auf die Frage antworten, « 
bedeutete ihm ber General. „Die junge Dame ift 
Die Tochter weißer Eltern — kein Choctaw — Tokeah!“ 


ſprach ber General ernft und ſcharf, wich fordere Euch 
hiemit auf, mir reine Wahrheit zu fagen.“ * 

Des Hauptlings Augen begegneten dem durchboh⸗ 
renden Wick des Generals, waren aber nicht im 
Stande, dieſen auszuhalten. 

„Der große Vater iſt gerecht,“ ſprach er, ver wird 
dem alten Tokeah nicht die Blume rauben, die er viele 
Sommer gewartet und die die einzige Freude ſeiner 
Augen iſt, die fein gehört und — u er ſprach die letz⸗ 
tern Worte leife und mit hohler Stimme. 

„Euch ſoll Recht widerfahren,“ ſprach der Ge⸗ 
neral; „aber zuerſt müßt Ihr Eure Anfprüde auf 
diefe junge Dame erweiſen.“ 

„Tokeah beſitzt die weiße Roſe vierzehn Sommer, “- 
antmortete der Indianer etwas zuverfichtlich; „er hat 
fie aus den Händen der Muscogees gerettet, ald Diefe 
fie an einen Baumſtamm fchleudern wollten. « 

Fahrt fort,* Sprach der General. 

„Tokeah will reden und fein großer Vater. wird 
hören. Vierzehn Sommer und Winter find verfloffen, 
feit ver Mifo der Oconees mit feinem Volke die To⸗ 
mahawks gegen die Choctaws der ſechs Dörfer er- 
hoben. Sein Gerz war mit den Choctaws; allein 


— 5 e— 
die. Mudcogees wollten das Kriegsgeſchrei erheben, 
und er z0g gegen bie fechd Nationen. Es mar in ber 
zehnten Nacht, feit der Tomahawk ausgegraben war, 
daß der Miko in der Nähe des oberften Dorfes feiner 
Feinde lag, der Stunde wartend, wo feine Feinde 
fehlafen ‚würden, ald auf einmal feine Ohren den 
Kriegsruf der Seinigen, die zu ſpähen ausgegangen 
‚waren, hörten. Er flog den Seinigen zu; aber ehe 
er anfam, Hatten fie hre Feinde bereits in die Flucht 
gejagt und er Fam gerade, um zu ſehen, wie fie den 
Gefangenen die Skalpe abzogen. Es waren vier 
weiße Männer und drei Weiber darunter. Eines 
dieſer Weiber war fehr zart und fehr jung, und hatte 
Die weiße Roſe in ihren Armen, die fie noch fefthielt, 
als ihr Kopf bereitd gefpaltert war. Der Milo war 
zu ſpät gefommen, um dem zarten Weibe das Leben 
zu retten; aber er hörte dad Wimmern bed Kindes, 
als der Vater Mi⸗li⸗machs es an einen Baum ſchleu⸗ 
bern wollte, und er riß ed ihm aus den Händen und 
brachte ed zu dem weißen-Zmifchenbänbler,“ bei die- 
fen Worten ſah er den Squire, Gopeland an, „und 
er gab viele Belle für die Milch, die fein Weib der 
weißen Roje gab. Der Miko,«“ fuhr er fort, „bat 


— 36 


noch Alles, was Rofa gehörte, als er fie vom Tode 
rettete.” 

Der General blickte bei Diefen Worten den Indianer 
ſcharf an, der ſtockte und inne hielt. 

„Tokeah muß Alles, was er von feinem Pflege- 
Einde Hat, ‘vorzeigen, « bedeutete ihm ber General; 
ned ift wichtig und unerläßfich, um der Wehrhea auf 
den Grund zu kommen.“ 

Der Alte winkte fofort einem der Deonees, der 
ſchnell den Saat verließ. | 

Mährend der Paufe, die nun eintrat, näherte fid 
ein Fremder dem General und. händigte ihm ein Pa⸗ 
pier ein, dad Diefer aufmerkfam lad und dann auf 
das neben dem Armſeſſel ftehende Seitentifchchen legte. 

Der Deonee war mit dem Bünbel gefommen, und 
der General übergab es dem Fremden und Squire 
Copeland. 

„Da iſt die Kette, « rief Diefer, ein goldenes Kett⸗ 
chen von der bekannten feinen mexikaniſchen Arbeit 
vorzeigend, „und das Medaillon iſt noch daran — 
mit den Buchftaben I. C. NR.“ 

„Das nämliche,“ bemerkte der Fremde, „das @uer 
Excellenz in dem Afſidavit befehrieben finden werben. 


—— 37 


Der Tauf- und Familiennamen des Kinded. Die 
Kleivung Eonnte nicht fo genau befchrieben werben, 
da der Vater bei der Iammerfcene nicht zugegen war, 
und hie Diener, männliche fowohl als weibliche, um⸗ 
famen.» - 

Die Kleidung des Kindes war ziemlich gealtert. 
Die Brüffeler’Spiten an dem Hemdchen waren gelb 
geworben, dad Pelzchen war ganz zernagt, auch das 
Uebrige war nerlegen und morſch. 

nDer Indianer hat zwar das Kind auf eine Weife 
in feine Gewalt befommen, die, fo fehredlich fie au 
feyn mag, feine Rechte gewiffermaßen nad unfern 
Geſetzen begründet, natürlich fo lange der Vater feine 
Anſprüche nicht geltend macht, jedoch nach dieſen Be- 
weifen zu fchließen, Tann fein Zweifel mehr obwal- 
.Ien, dag bie junge Dame, die weiße Rofe genannt, 
eine und diefelbe mit dem in diefem Papiere angege- 
benen Kinde fey, und daß fie ihrem Vater zurüdge- 
geben werben müſſe, fobald er fte anfpricht, und ſo⸗ 
bald er die Korberungen des Indianers für Verköſti⸗ 
gung unb Pflege befriedigt hat. 

„Kein Zweifel, Euer Excellenz,“ erwieberte der 
Fremde, „und der fehr edle Vater der jungen Dame, 


Ä 





288 — 


deſſen Geſchäftsführer in Veracruz ich zu ſeyn bie 
Ehre habe, wird gerne zehnfach vergelten, was ihm 
nach ſo langem Jammer und Suchen wieder zum Be⸗ 
ſitze ſeines einziggeliebten Kindes verhelfen kann. Ich 
habe Vollmacht ſchon ſeit dreizehn Jahren in dieſer 
Hinſicht.« Er wies eine zweite Schrift vor. — 

Die Iheilnahme der Anweſenden an dem Schick⸗ 
fale des intereffanten Kindes fing num an, fi laut 
auszufpreden; die Meinung der ſämmtlichen, im 
Saale befindlichen Offiziere, worunter auch mehrere 
angeſehene NRechtögelehrte und Staatsbeamte waren, 
ging dahin, daß unter obwaltenden Umftänben das 
Kind nicht wieder den Wilden ausgeliefert werben, 
fondern einftweilen in der Obhut ded Major Eope- 
land oder Oberften Parker verbleiben folle, bis Die 
Anfprühe dee Imdianer auf Koftenvergütung aus⸗ 
geglichen feyen. 

Diefe waren in einer Spannung geftanden, Die 
jeden Augenblid heftiger wurde und gegen ihre ſon⸗ 
flige Apatbie ſehr Eontraftirte. Sie fehienen fo viel 
verftanden zu haben, daß ed ſich um Roſa handle; 
ba fie aber von der Unterhaltung der Anweſenden 
"wenig oder nichts verflanden, verrieth fich ihre Un⸗ 


— 39 — 


gewißheit nur in einer fieberifchen Unruhe, die be⸗ 
fonderd am alten Danne auffiel. 

„Tokeah,“ ſprach der General, „Ihr ſeyd hiemit 
entlafien — Eure PBflegetochter bleibt vorläufig bier. 
Es fteht Euch jedoch frei, Eure Nechte auf fie und 
vorzüglich auf Entſchädigung für die an fie gewandte 
Pflege bei unſern Gerichten geltend zu machen. Bis 
dahin bleibt ſie in der Obhut, die ihr von dieſen be⸗ 
ſtimmt werden wird.“ 

Der Indianer, der von der Rede des Generals 
nichts begriff, langte nach dem Päckchen. 

nWie geſagt, das bleibt hier,“ bedeutete ihm ver 
General nochmals. „Ihr feht hier mehrere Rechts⸗ 
gelehrte, die Alle der Meinung find, daß die Tochter 
ihrem Vater wiedergegeben werben folle. « 

- „Die weißen Männer find gerecht;“ rief der In- 
dianer, „die Zunge ded großen Vaters fpricht wie 
die Zunge eines großen Kriegers.“ 

„Ihr ſeyd übrigens frei,” ſchloß der General, 
„Eure Schritte zu thun, und fo lange Ihr bier zu 
verweilen gebenft, wird für Euch geforgt werben.“ 

Er winkte nun den Indianern ihre Entlafjung zu, 

Der Legitime. IN. 19 


— > . 


und Diefe entfernten fi, nachdem fie ihm auf bie 
gewöhnliche Weife ihre Ehrfurcht bezeigt hatten. 

„Nun babe ich Eurem Willen fo recht gethan?« — 
fragte der General unfern Squire. 

"Das habt Ihr; verficherte ihn Diefer, „Gott 
fegne Eu dafür. « 

„Eure Zufriedenheit ift mir viel werth;« ſprach 
der General, der ſich wieder niederließ und einige 
Depeſchen unterzeichnete, die er einem feiner Adju⸗ 
tanten reichte. „Und nun gibi es noch etwas?“ fragte 
er Lächelnd. 

„Ihr wißt, die Bürger find verfammelt, Euch ihre 
Achtung zu bezeugen, und warten nur auf Eu, um 
das Manveuvre zu beginnen; dann folgt öffentliches 
Gaſtmahl und Ball.“ 

„Ich bitte Euch, verſchont mic, « ſprach der Ge⸗ 
neral. „Ich denke, wir hatten der Manoeuvres ge⸗ 
nug.“ 

»%ür dießmal können wir es Euch nicht erlaſſen,“ 
ſprach der Squire, „außer Ihr verſagt es⸗« Er ſah 
ihn bei dieſen Worten forſchend an. 

Der General zeigte auf feinen zerſchmetterten Aım. 
„Glaubt mir, wenn man zwei Loth Blei im Bein 


— mM > 


ſtecken hat, dann ift e8 wahrlich nicht Zeit, an Ma⸗ 
noeuvres, Bälle und Gaftmahle zu denken.“ 

„Die Bürger werden ed kaum glauben, dag Ihr 
diefer Wunde halber verfagtet. Sie werden es einer 
andern zujchreiben. # 

Der General fah den Sprecher betroffen an. 

„hut wie Ihr wollt,“ fuhr Diefer leiſe fort. 
„Eines laßt Euch jedoch jagen. Der Volksſouverain 
iſt in feiner Etikette der Tilichfte, den es gibt, das 
wißt Ihr. Ihr habt große Dinge gethan; aber daß 
Größte, was Euch mehr Achtung, ald Eure Siege 
erwarb, tft, daß Ihr gutwillig Euren Nacken beugtet 
und Eure Strafe wie ein Mann außhieltet. « 

„Häng Euch,“ entgegnete der General Tachend. 
„Die Ereolen, an denen mir nicht8 gelegen ift, haben 
mir Bälle gegeben und mich befränzt, und die Unfri⸗ 
gen, für die ich wein Blut vergoß und mir einen ſie⸗ 
hen Körper holte, laſſen mich zum Danke zweitau= 
fend Dollars Strafe bezahlen, und hätte ih das Gelb 
nicht, jo fäße ich vielleicht im Roche. Auch diefe Strafe 
wollten die Creolen bezahlen. « 

„Ihr thatet wohl, daß Ihr fe nicht zahlen ließet,“ 
flüfterte ihm der Squire zu. „Uebrigens, General, 

19° 


— 9 > 


nehmt mir es nicht übel. Aber ed war ein wenig zu 
viel Eifer und heißes Blut in Euch, eine Eleine Ab⸗ 
tühlung kann fricht ſchaden. Nun aber, da Alles gut 
abgelaufen ift, feyd Ihr unfer Mann. Wollt Ihr 
bleiben und unſre Achtungsbezeugungen annehmen 
— bie, Ihr wißt e8, wir eben nicht fehr freigebig 
verſchwenden — oder nicht?« 

‚ nIch bleibe,u fprach der General, dem Squire Die 
Hand drüdend, „obwohl Ihr ein wahres Toryneſt 
hier Habt, und wenn ich nicht irre, das öffentliche 
Gaſtmahl in eben dem Saale gehalten werben fol, 
wo man mich ald einen Tyrannen verdammt hat. « 

«Alles zu feiner Zeit," ſprach der Squire. „Aber 
nun geftehe ich Euch, es freut mich, daß Ihr bleibt 
und die Probe ausgehalten habt. Wäret Ihr gegan- 
gen, eben diefe Torys hätten ſich ihre Haut voll ge⸗ 
lacht. Nein, General, man muß feinen Beinden zu 
begegnen wiſſen.“ — Und mit diefen Worten drück⸗ 
ten fi Beide nochmals die Hand und der Smuire 
entfernte fih. „Doc, Holla,“ rief er, nochmals zu⸗ 
rückkehrend: „Das Manoeuvre fängt doch vor einer 
Stunde noch nicht an? Ich bin ſo eben zu meiner 
Pflegetochter berufen, die ihrem wilden Pflegevater 


—) 28 ⸗ 


einen Beſuch abflatten will. Er geht fogleih ab, hör 
id — befto beſſer.“ 

Und mit diefen Worten verließ ewigen Saal, um 
fich zu feinem Pflegekinde zu begeben, das fo eben mit 
der Familie ded Oberften angefommen mar, um das 
Manoeuvre und die darauf folgenden Feftlichkeiten 
durch ihre Gegenwart zu verherrlichen. 


Bweinundvierzigfles Kapitel. 


Euch zu beſuchen, ift die Dame 
Raleria gelommen. 
Shakespeare. 


„Und nun, liebes Kind,” fprach er, „ftehe ih Dir 
zu Dienften. Einen Vater hätteft Du nun, Gott fey 
Dank. Wollte Gott, wir könnten Daſſelbe auch von 
der Mutter fagen. Der Wilde hat aber Feine Schuld 
an ihrem Tode, und obgleih Wilder, — was Du 
nun thun wirft, ehrt Did. Doch halt, mo ift unfer 
Mivfhipman. Ah, da iſt er. Willſt Du mit, Her⸗ 
zens junge, von einem alten Bekannten Abſchied zu 
nehmen?“ 

„Und ein gefcheidter Vater muß biefer Dein Pa 


— 1 — 


auch noch jehn,“ fuhr der Squire zu Roſen gewenbet 
fort: „ich fehe es ſchon daraus, daß er eine Million 
Dollars: in u Banken niedergelegt hat. Schau, 
Junge,“ wandte er fich zum Seefabeten, „jo kommen 
fie nach und nach Alle zu und. Biöher hattet Ihr 
das meifte Bertrauen! nun aber fängt ed bei Euch 
zu happern an, und fie legen ihr Gelb hübfch bei uns 
nieber. Ja, aber Rofa, liebes Kind,“ wandte er fi 
wieder zu Diefer, „ſiehſt Du mit dem Zeitungsarti- 
tel, der Dein kleines Herzchen fo aufgerüttelt hat, 
der ift nun hinüber nah Vera⸗Cruz mit Madiedo 
zum Commifjfär Deines Vaters gewandert, und hat 
aller Wege fein Gutes gethan. Der Wicht von Zeis 
tungäfchreiber hat zwar, ftatt reine Wahrheit ein- 
zufchenfen, feine Zeitungsfloskeln ſubſtituirt; aber 
im Ganzen hatte er ſo Unrecht nicht, obwohl Dir der 
Spaß gar nicht behagte. Aber Dir geht es in dieſem 
Punkte noch wie gewifjen Völkern, die die liche Preß- 
freiheit auch ganz barbarifch unbelifat finden. Haft 
mir aber ganz aus dem Serzen geſprochen ‚ liebes 
Kind, und obwohl Dein wilder Mio ein wenig uns 
reputirlich logirt ift, fo gibt es Doch wieder Fälle, mo 
ein Beſuch in einem ſolchen Haufe zu größerer Ehre 


6 > 


gereiiht, als im drawing room bed weißen Haufes 
zu fiten, dad uns bie Nothröde verbrannt haben. 
Alſo Deine Luft, unter den Wilden zu wohnen,“ 
lachte ex recht heszlich, „ift Dir fo ziemlich vergangen? 
Glaub's gerne, mein Kind; es läßt fih zur Noth 
auch unter den Wilden leben, fo wie von Haferku- 
chen; aber befier ift befler, und wir haben e8 am 
beften. Glaub mir's, liebes Kind, wenn Du ſechs 
Monate unter und gelebt haben wirft, und Du wür⸗ 
deft auf den Hof⸗des erſten Königs verſetzt, wirft Du 
Did bald wieder in unfer glücklich frohes und einzig 
und allein aufgeflärtes Bürgerleben zurüdmwünfchen. 
Sn den erften Wochen mag Die fp Manches an und 
nicht gefallen haben; aber wir find wie das ächte, 
geſunde Roftbeef und Kernbrod; je länger man da⸗ 
von it, defto befier und lieblicher ſchmeckt es Sieh, 
bei Euch,“ fuhr er zum Midſhipman gewendet fort, 
„babt Ihr auch etwas unferm freien Leben Aehn⸗ 
liches. Bei Euch find die Lords und Gentlemen fo 
frei wie wir; aber die Mebrigen find arme Narren, 
die von Freiheit reden wie der Blinde von ber Farbe. 
Iſt aber natürlih bei Cuch. Ihr habt dad Land, 
ober vielmehr Euere und unfere Vorfahren haben 





es von den Angelfachfen und den alten Briten er 
obert, und die herrfehenden Familien haben fi in 
die beflegten ärmen Teufel wie in das liebe Vieh ges 
teilt, und find noch zu dato Herren. Wir haben un= 
fere Eroberungen von ein paar hunderttaufend In= 
dianern gemacht und mit unferm Pfluge, und die 
Erftern find verfhmunden durch eigene Schuld, Die 
legte Eroberung macht und Alle, die nämlich arbei- 
ten wollen, zu unabhängigen Männern die in die 
Angelegenheiten ihres Landes mit reden Fönnen und 
follen. Sieh, ald ich nur noch mit den Meinigen fünf» 
zig Dollars hatte, war ich juft fo frei als jetzt, da 
ich über hunderttaufend verfügen kann. Iſt aber Alles 
ehrlich erworben, durch Feine Genieftreihe, nur auf 
gemöhnlihem Wege. 

Und unter dem Schluß diefer Rede waren fie an 
ber Thüre des Estaments zum Kaifergardiften ange- 
fommen. | 

Sie fanden die beiden Häuptlinge mit ihren Ge⸗ 
fährten auf die gemöhnliche Weife am Boben der Gaft- 
ftube figend, in der fie ſich allein befanden. EI Sol 
war bei ihrem Eintritte aufgeftanden und ihnen einige 
Schritte entgegen getreten; Roſen bei der Hand neh⸗ 


— 9 e— 


mend, führte er fie zu einem Sige, von dem fie jeboch 
auf. den Miko zueilte und ihn Eindlich umfchlang. 
Diefer fah fie kalt und forfchend an. 

„Miko,“ Sprach der Squire, „Eure vorige Pfleger 
tochter, Miß Roſa, ift gefommen, von Euch) Abſchied 
zu nehmen, da Ihr nun einmal gehen wollt, und Euch 
zu danken für alles Gute, das Ihr ihr erzeigt habt. 
Uebrigens werdet Ihr den Preis ſelbſt beſtimmen, 
der Euch als Koſtenerſatz für geleiſtete Sorgfalt und 
Pflege gebührt.“ 

„Tokeah,“ erwieberte der Indianer, ber natürlich 
von den Worten ded Squire nur wenig verftand, 
indem er zugleich einen ledernen Beutel aus feinem 
Wampumgürtel z0g, „wird gerne bezahlen, was der 
weiße. Häuptling fordern wird, für Speife und Trank, 
die er der weißen Roſe gegeben hat.“ 

„Ihr jeyd im Irrthum,“ verfeßte der Squire, mund 
Euch gebührt Bezahlung. Eigentlich hätte dieß vor 
eine Jury gehört, aber fordert, und ich ftehe Euch 
dafür, daß Alles, was billig und. gerecht iſt, bezahlt 
werden wird.“ 

„Der weiße Häuptling, « ſprach der Indianer, 
„mag nehmen, fo viel er will.“ 


—H 298 0 — 


„Ih fage Eu, nicht Ihr, wir muſſen bezahlen;⸗ 
verſetzte der Squire. 

„Hat meine Tochter von ihrem Milchvater Abſchied 
genommen?” fragte ber Indianer Roſen, die während 
der letzten Neben des Wilden ängftlih zu werben 
fehlen. „Rofe muß nun vom Wigwam der Weißen 
fih trennen; der Pfad ift lang, den der Miko zu 
wandeln hat. Er ift der Weißen ſehr müde.“ 

„Und muß der Miko gehen?“ fragte Rofa. „O 
Vater meiner Canondah, bleibe do; Die Weißen 
werben Dich als Bruder lieben.“ 

Der Indianer ſah ſte erſtaunt an. „Wie,“ fuhr 
er heraus, „wie meint Roſa dieß? die Weißen, die 
giftigen Weißen, Tokeah als ihren Bruder lieben? 
Sat die weiße Roſe? — “ Er ſah fie mißtrouiſch 
finſter an. „Die weiße Rofe,“ auf die Wolldecke deu⸗ 
tend, „wird finden, was fie braucht. Tokeah ift der 
Weißen jehr müde; er will gehen.“ 

„Miko!“« Sprach fie etwas furchtſam, denn ed war 
nun Har, daß Diefer noch immer im Mißverſtand 
über die Abficht ihres Kummers fey, „Roſa iſt ge⸗ 
fommen, Dich zu bitten, noch einige Zeit bei ben 


119 — 


Weißen zu bleiben; aber wenn Du gehen mußt, fo 
will fie —“ . 

„Der Miko ift der Bater feines Volkes;« ſprach 
Diefer, mes ruft ihn, er muß geben, und Roſe ift 
feine Tochter und die Roſe der Oconees, fie wird bie 
Roſe der Cumanchees ſeyn, die Squam eines großen 
Häuptlings;« Sprach der Indianer. 

Das Kind trat errötherd und halb unwillig zurüd. 
„Miko,“ Tprach fie, „Du bift der theure Bater mei- 
ner Banonbah, der mein Leben gerettet und erhalten, 
ich danke Dir kindlich; uber Miko, Deine Verfügung 
fann ih, darf ich,“ fie zitterte und trat noch einen 
Schritt zurüd, „nicht annehmen. Ich gehöre nit 
mehr Dir, ich gehöre meinem Vater, meinem lange 
beweinten Bater. « 

„Rofa fpricht wahr, ſie gehört ihrem Vater,“ fuhr 
der noch nicht aus feinem Irrthum gerifiene Miko 
fort, „die Füße meiner Tochter find ſchwach; aber 
fie wird im Canoe fihen, bis fie in den Wigwams 
ber Pawnees ankömmt, und Diefe haben der Noffe 
viele.“ 

„Bei Gott!« vief der Squire, mbier ift ein Irr⸗ 
thum, der Indianer gebenft Roſen mitzunehmen. 


—d 300 0 


„Herzensjunge,“ ſprach er zu dem Jünglinge, neile 
fo ſchnell als möglich zum Oberften Parfer, und 
bringe und einen Zug Männer. Bor den langen 
Bajonneten haben fe allein Reſpekt. Mofa, liebes 
Kind, halt inne, der Wilde fieht mir ganz wild und 
unheimlich aus,» flüfterte er Dem Mädchen zu. 

Wirklich war in dem Wilden eine eben fo plöß- 
liche, nur dem fchärfiten Auge bemerkbare Berände- 
rung vorgegangen. Es ſchien, ald ob auch er ahne, 
daß ihm Roſa entriffen werden könne. Seine flarre, 
Ieblofe, düftere Miene war einer Unruhe gewichen, 
die den Major beforgt werben ließ. 

„Die weiße Roſe,“ fprach er nach einer Weile, ei⸗ 
nen langen forfchenden Blick auf fie werfend, iſt 
eine fromme Tochter; fie wird für ihren Vater das 
MWildpret Tochen. « 

„Gerne wollte ih dieß für den Vater meiner Ca⸗ 
nondah thun; « ſprach fie noch immer verfchüchtert, 
nallein ein größeres Gebot ruft, theurer Bater. Va⸗ 
ter meiner Banondah! Roſa ift gefonmen, um von 
Dir Abſchied zu nehmen.“ 

Der Indianer horchte hoch auf. 

„Ih kann Dir nicht folgen; aber mein Bater 


—d u > “ 


wird Dir hundertfältig vergelten, was Du an feiner 
Tochter gethan haft.“ 

„Wie meint meine Tochter dieß, « fragte der Wilde, 
der fie noch immer nicht ganz verſtand. 

„Miko,“ ſprach das Mädchen, „der Vater, der mir 
dad Leben gegeben hat, ift wieder gefunden. Roſa 
muß zu ihm eilen; denn er hat fie feit vierzehn Jah⸗ 
ren beweint, gefucht. « 

„Tokeah hat Rofen das Leben gegeben; er hat fie 
dem Arme des Vaters Mi⸗li⸗machs entriffen, er hat 
Belle für die Milch bezahlt.“ 

„ber Rofa hat noch einen andern Vater, der ihr 
näher ftebt, den ihr der große Geift gegeben, der ihr 
das Leben gegeben hat; zu Diefem muß fie geben. 

IH muß Dich verlaffen, Miko;« ſprach fie mit etwas 
mehr Entſchloſſenheit. 

Der Indianer fah das Mädchen mit einem Blicke 
an, in dem ſich die Hölle in ihren unterften Tiefen 
zu malen anfing. Die Schuppen waren endlich von 
feinen Augen gefallen; aber felbft in diefem Augen⸗ 
blicke verließ ihn feine fürchterliche Kälte nicht, ob⸗ 
wohl fich der entjeglihe Sturm, der nun in feinem 


. 302 ⸗— 


Innern zu toben begann, bereits grauſenhaft in ſei⸗ 
nem Farbenwechſel und Mienenſpiele zeigte. 

„Miko,«“ ſprach der Squire, der nicht ohne Ban⸗ 
gigkeit dieſe furchtbaren Symptome tief verſchlofſener, 
aber nun bald ausbrechender Wuth bemerkte. „Miko, 
Ihr habt gehört, was Euch der große Krieger geſagt 
hat?u Ä ‘ 

Der Indianer würdigte ihn feined Blickes; fein 
ganzer Körper fing fieberifch zu zucken an, feine Hand 
fuhr nach dem Schlachtmeffer, dann fah er wieder 
auf Rofen mit einem Blicke, fo durchbohrend, daß 
der Squire entſetzt an ihre Seite fprang. Zur Ver⸗ 
wunberung bed Majors hatte das Mädchen alle ihre 
Entfchloffenheit, ja eine Art Hoheit erlangt. 

„Miko,“ ſprach fie, ihre Arme ausbreitend und 
im Begriffe auf ihn zuqueilen, „ich muß Dich ver- 
laffen. « 

„Wie fpricht meine Tochter?“ fuhr der Indianer 
auf, der noch nicht feinen Ohren zu trauen ſchien. 
„Tokeah ift nicht ihr Vater? Sie will,“ und feine 
Stimme nahm einen fo unnatürlich pfeifenden Ton 
an, daß der Wirth und feine Frau ſchreiend zur Thür 


— 38 e 


bereinftürzten, „ſie will, brach er endlich aus, „dem 
Miko nicht folgen?“ 

„Sie kann nicht; « ſprach fie mit ungemeiner Feſtig⸗ 
keit. 

„Halt, Tokeah! fo lieb Dir Dein Leben iſt, halt,“ 
rief der Suite, „und ſieh mir in das Geſicht; in Dir 
kocht wieder der Teufel. « 

„Meine Tochter,“ ſprach der Wilde, ohne Diefen 
einer Antwort zu würdigen, »fagt, fie hat einen an⸗ 
dern Vater gefunden ?“ 

„Ja, Bater meiner Ganondah!“ flüfterte fie. 

„Und fie will bei den Weißen bleiben ?« 

„Roſa muß. # 

„Und Rofja,“ fuhr er in demfelben anfcheinend 
falten Tone fort, „will den Miko verlaffen? Ihn 
allein auf den weiten Pfad gehen laſſen?«“ 

Und indem er diefe Worte anſcheinend auf die ru⸗ 
higſte Weife ausſprach, hatte er die Riemen des Sar- 
ges über feinen Kopf gezogen, fprang mit einem 
Sate auf feine Beine und auf Rofen zu, und fie in 
feine Arme aufraffend, flürzte er zurück in die Ede 
an die Thüre des Seitengemachs, daß die Scheiben 
des Glasfenſters in taufend Stüde brachen. 


—d 304 


„Und glaubt die weiße Schlange, der Miko ift ein 
Narr?a fchrie er mit zornfunfelnden Augen, das 
Mädchen in feinem linken Arme Haltend, während 
der rechte das Schlachtmeffer ſchwang. 

„Miko!“ rief der junge Häuptling, der biöher 
fhmeigend und theilnahmlos gefeflen, aber nun, ent⸗ 
feßt über den unbefchreiblih furdtbaren Ausbruch 
der Wuth, aufgefprungeu und dem Miko nachgeeilt 
war. 

„Und glaubt die weiße Schlange,“ rief der rafende 
Wilde mit einer pfeifend höhnifchen Stimme, und 
der Schaum ftand ihm am Munde, „glaubt die weiße 
Schlange, der Miko habe fie gefüttert, und Felle 
für fie bezahlt, und fte zur Blume gezogen für die 
Meißen, die giftigen Weißen, die er anſpeit?“ Er 
fpie mit Abfcheu aus. 

„Beim allmächtigen Gott, halt! Ihr ſeyd Alle 
des Todes, wenn dem Kinde etwas zu Leide geſchieht,“ 
rief der Squire, der einen Stuhl erfaßt, und ſich mit 
Gewalt den Weg zu ihr bahnen wollte, jedoch von 
den Cumanchees und Oconees zurückgeſtoßen wurde. 

„Deßwegen wollte alſo die weiße Schlange zu den 
Weißen, + rief er. „Weiß mein Sohn, daf die weiße 








—9 05 ⸗ 


Roſe ihren Vater verrathen, an die Weißen verras 
then?“ rief er dem Cumanchee zu. „Will die weiße 
Schlange ihrem Bater folgen?“ ſchrie der ſchaͤumende 
Wilde. 

„3% kann nicht;« ſprach fie, „meines Vaters, mei» 
ned weißen Vaters Stimme ruft. * 

Ein Blick des töbtlichften Haſſes durchzuckte den 
Wilden für einen Augenblick, während er dad ſchöne, 
halb ohnmächtige Kind in feinen Armen hielt. 

„Tokeah will die weiße Roſe den Weißen laflen;* 
tief er giftig lachend, indem fein Schlachtmeffer zuckend 
nad) ihrem Bufen fuhr. 

"Um Gotteswillen! er mordet fie,“ fehrie der Ma⸗ 
jor, der nun wie rafend durch die Indianer brach; 
Do der junge Mericaner war ihm in biefem ent» 
ſcheidenden Augenblid zuvorgefommen. Mit einem 
Sag zwifchen die nieberfahrende Hand des Wilden 
und fein Schlachtopfen fpringend, riß er Roſen aus 
den Armen Tokeahs und fehleuberte ihn mit zorn⸗ 
bligenden Augen in die Thüre hinein, daß fie in 
Stüde flog. 

„Tokah ift wahrhaftig eine wilde Katze,“ rief er 
mit Abfcheu, „der vergißt, daß er ein Häuptling ſei⸗ 

Der Legitime. IIL 20 


—d 306 8 


nes Volkes, ein Vater ift, der Schande auf den Na⸗ 
men der rothen Männer bringt. EI Sol ſchämt fi 
eines ſolchen Vaters. * 

Diefe Worte, im Pawneedialekte gefprochen, hat⸗ 
ten eine unbeſchreibliche Wirkung auf den Wilden. 
Er Hatte ſich aufgerichtet, ſank aher wieder wie leb⸗ 
198 zufammen. El Sol fprang zu ihm und richtete 
ihn auf. 

Die Milizgen waren unterdefien angefommen und 
traten mit aufgepflanztem Bajonnet ein. 

„Sollen wir den Indianer ind Gefängniß führen?« 
fragte Lieutenant Parker. 

Der Major fand noch immer ſprachlos, im tiefen 
Nachdenken feine beiden Arme um Roſa gefchlungen. 

„Lieutenant Barker," ſprach er, „nehmen Sie 
einftweilen Roſen; der Allmächtige ſelbſt hat fie bes 
[hüßt, und und geziemt es nicht, Mache zu nehmen. 
Aber Tokeah!“ redete er Diefen an, indem er nun 
an den noch immer am Boden liegenden Wilden her- 
antrat und ibn mit beiden Händen erfaßte und an 
die Wand richtete, „Tokeah, Du Haft Dein Leben 
‚nad unjeren Geſetzen verwirkt, und der Strang wäre 
Deine gelindefte Strafe; doch gebe nun, und zwar 





—d 307 — 


in diefer Stunde. Nicht und geziemt es, an einem fo 
entmenichten Wefen, wie Du, Gerechtigkeit zu üben. 
Sey Deiner eigenen Strafe überlafien.“ 

Roſa hing noch Halb leblos in den Armen des 
Squire. Nun jedoch biidte fie um ſich und erhob 
fih dann. „Er war mein Vater, mein unglücklicher 
Vater;“ flehte fle, und auf ihn zueilend, ſchlang fle 
ihre beiden Arme um ihn. „Vater meiner Canon⸗ 
dah!“ bat fie, „Roſa würde Dich nimmer verlaffen, 
aber ed ruft die Stimme ihres Vaters; wirft Du 
Deiner gewefenen Tochter verzeihen?“ 

Der Indianer gab feinen Laut von fidh. 

Sie fah ihn eine Weile mit thränenden Augen an, 
dann wandte fie fih zu EI Sol, und ſich fittfam ehr- 
furchtsvoll verneigend, nahm fie Abfchied und ent- 
fernte ſich mit ihren Begleltern. 

Der junge Häuptling war wie träumend noch ges 
ftanten, als der Major mit Roſen und den Miltzen 
fehon weit von dem Eötaminet waren. Plötzlich Fam 
er jedoch nachgefprungen, und fi vor Roſa ftellend, 
faßte er ihre Hände, drückte fie an feinen Bufen, und 
neigte fein Haupt jo wehmüthig, daß Alle ſprachlos 
ftanden. „EI Sol,“ flüfterte ex ihr mit kaum hör⸗ 

. 20 * 


— 308 ⸗— 


barer Stimme zu, „hat Roſen geſehen, er wird: fie 
nie wieber vergefien.“ Und dann wandte er fidh, 
ohne fie oder Iemanden anzubliden. 
„Bürwahr,“ ſprach der Squire gerührt, wer hat 
Thränen vergoſſen der edle Wilde.“ 


Dreinndvierzigfies Kapitel. 


Im Indianerland fteht ein Hoher Stein, 
Yiel Hundert Jahr! alt, Allen zur Bein. 
Auf feinem Scheitel Hauf’t ver Sturm, 
Unten krümmt fi der wilde Wurm. 
Trapperlieh. 
Eine Stunde darauf verließen die Indianer das 
Bayou in demfelben Canoe, in dem fie gekommen 
waren. Sie fuhren den Miffifippi hinauf, und ſchoſ⸗ 
fen dann in die Mündung des Redrivers hinein, auf 
dem fie ihre Fahrt fortfepten. Am zehnten Tage nad 
ihrer Abfahrt befanden ſie fih, immer aufwärts ſtei⸗ 
gend, auf der Hochebene, wo die weitlichen Grenzen 
von Louiſtana und Arkanfas mit den öftlichen Mexi⸗ 
608 zufammenftoßen. Vor ihnen lagen bie noch im⸗ 
‚ mer mit Schnee bebeilten Häupter der Ozarkgebirge, 


—, 309 6 


jenſeits welcher ungeheure Steppen ſich gegen die Fel⸗ 
ſengebirge oder Rockymountains dehnen. Die Sonne 
ſank fo eben hinter die Schneeberge, als fie an dem 
weſtlichen Ende des Langen Tafelfelfens landeten, der, 
wie befannt, am linken Ufer bed rothen Fluſſes wall⸗ 
artig, einem ungeheuern Würfel gleich, emporfteigt. 
Als fie ihr Canoe verlafien hatten, gingen fle einem 
Felſen zu, der fih unfern dem Ufer in der öden Salz⸗ 
fteppe erhebt, und in deſſen Mitte ſich eine Grotte bes 
findet, einem gemauerten Gewölbe nicht unähnlich. 
Da ſchlugen fie ihr Nachtquartier auf. Diefer Belfen 
bildet die imaginäre Grenzlinie, die die Pawnees des 
Toyaskſtammes, die Conſas und Die Dfagen für ihre 
Jagdreviere ſich gefeht haben. Der junge Häuptling‘ 
befahl den Seinigen, ein Teuer anzuzünden; benn 
der alte Mann, aus dem heißen Clima Louiſtanas 
gefommen, zitterte vor Kälte. Nachdem fie ihr ſpar⸗ 
ſames Nachtmahl eingenommen hatten, ſtreckte fi) 
der alte Häuptling mit feinen Oconees vor dem Teuer 
nieder und entfihlief. El Sol horchte noch. einer Le⸗ 
gende, die Einer feiner Cumanchees erzählte, ald ein 
ferner Laut an feine Ohren ſchlug. Die drei Krieger 
fprangen zugleich auf ihre Yüße, und ſtreckten ihre 


310 ⸗— 
Köpfe in der Richtung des Luftzuges, der den Laut 
an ihre Ohren brachte. 

„Hunde!“ murmelte der junge Cumanchee, nfle 
fnurren gegen einen Beind, der ihnen eine Wunde 
ſchlug, wenn «8 in feiner Macht ftand, fie zu vernich⸗ 
fen;“ und indem er die brei Schläfer aufmedte, flog 
er dem Ufer zu, wo fie das Canoe gelaffen hatten. 
Er winkte dem Miko und feinen Oconees einzufleigen, 
während er felbft mit fernen Cumanchees an dem 
ſchmalen, längs dem Waſſer fi hinabwindenden 
Rande fortſchlich. Das Canoe war ungefähr eine 
halbe Meile den Strom hinabgeglitten, als es hielt 
und der junge Häuptling mit feinen beiden Gefähr- 
ten einftieg, nachdem fie zuvor mehrere Aeſte und 
Zweige ded aus den Felſenritzen aufgefchoffenen Ge 
büſches abgebrochen hatten. Sie fuhren den Strom 
bis zum Ende des Tafelfelfens hinab, mo ber junge 
Cumanchee den alten Häuptling ließ, und ſich mit 
den übrigen Wilden Yängs dem Felſen der Steppe 
zuſchlich. Eine Truppe von zwanzig bis fünfundzwane 
zig Pferden hielt am Fuße des Felfens. Einige der 
Wilden waren abgefeflen und unterfuchten bie Lager» 
fätte, die unfere Indianer kurz zuvor inne Hatten, 


—d 311 6 


und indem fie die aus der Grotte führenden Fußſta⸗ 
pfen im Mondlichte auf der Erde fortfriechend maßen 
und verfolgten, war es zweifelhaft, ob es wirklich 
Menfchen ober Amphibien waren, die im nächtlichen 
Zeitvertreibe fich aus den .wäflerigen Tiefen an das 
Sand geftohlen Hatten. Die Hälfte der Wilden Hielt 
noch immer auf ihren Pferden. 

Der junge Häuptling hatte mit der gefpannteften 
Aufmerkſamkeit jede Bewegung feiner Feinde beob- 
achtet, und fein Ohr an den Felſen baltend, ſtand er 
wie eine Marmorftatue. Auf einmal jedoch winkte 
er feinen Gefährten, und die fünf Indianer krochen 
nun mit folder Sicherheit und Behendigkeit durch Die 
Salzſteppe an die zurückgebliebenen Wilden heran, 
dag auch das geübtefte Ohr nicht das leiſeſte Geräufch 
zu vernehmen im Stande geweſen wäre. Bloß eine 
fanfte Wellenhöhe trennte fle noch von ihren Feinden. 
&-Sol horchte; einzelne Raute ſchlugen im Zuge bes 
ſcharfen Nordweitwindes an fein Ohr. Eine Weile 
hielt er, dann richtete er fich auf feine Kniee, ſah hin⸗ 


auf zur ſilbernen Mondſcheibe, die nun aus einer 
Schneewolke trat und die dunkeln Geftalten der Wil- 


den in ihrem vollen Umrifje erkennen ließ. Langſam 


—. 2 

feinen Stutzer richtend, gab er feinen Gefährten ein 
Zeichen, und im näachſten Augenblicke fürzten fünf 
Wilde zu Boden. Ein fürchterliches Geheul ſchallte 
durch die Lüfte. Schnell, wie der Blik, war der 
Mericaner auf bie entſetzten Feinde herangeflürzt, - 
die mit einem zweiten fürdterlichen Geheul davon⸗ 
fprengten. Nur der außerorbentlichen Behendigleit 
des jungen Häuptlings und feiner Cumanchees konnte 
es gelingen, ein halbes Dutzend ber halbwilden Roffe 
zu fangen. So fehnell jedoch waren ihre Bewegun- 
gen gewefen, daß die Zügel ober vielmehr Stricke der 
Pferde beinahe aus den Händen ihrer Feinde in Die 
ihrigen fielen; bie übrigen Thiere bäumten ſich ent⸗ 
jet, wieherten nochmals und brachen dann in die 
weite wüfte Nacht der Steppe. 

Die Cumanchees waren auf die Rüden der erbeu- 
teten Pferde gefprungen und rafch dem Ufer zu ge⸗ 
fprengt. Sie hatten aber kaum ihr Canoe beftiegen, 
ihre Pferde im Strome nach ſich ziehend, als die Ku⸗ 
geln und Pfeile ihrer nachſetzenden Feinde um ihre 
Obren zu pfeifen und zu ſchwirren begannen. 

„Will mein Sohn dem Miko verfpreihen, ein gu⸗ 
ter Bater der Oconees zu ſeyn?« fragte ber alte 


2 313 0 


Häuptling mit einer hohlen Stimme, während noch 
immer einzelne Kugeln an ihnen vorüberpfiffen. 

„Ein Bater und ein Bruder,“ verfehte der Cu⸗ 
manchee. „Über warum dieſe Trage, mein Vater? 
. Mein Bater wird fih lange mit feinen Kindern 
freuen !« 

„Will EI Sol e8 bei dem großen Geiſte verfpre- 
hen?“ wiederholte der alte Mann dringender und 
in einem röchelnd hohlen Tone. 

n&x will es,« erwieberte ber junge Häuptling. 

„Wil er verſprechen, Tokeah und ſeinen Vater 
inmitten der Gräber ſeines Volkes zu begraben? der 
großen Cumanchees zu begraben?“ 

„Er wil;“ ſprach El Sol unwillkürlich ſchaudernd. 

„Sie werden ſeinen und ſeines Vaters Leib denn 
nicht verſpotten können,“ ſtöhnte er; naher es iſt der 
Wille des großen Geiſtes, daß Tokeah die Länder 
der Cumanchees nicht ſehen ſoll; er iſt verdammt, 
auf dem Lande der Weißen zu ſterben.“ 

Er röchelte, murmelte noch einige abgebrochene 
Worte in die Ohren feiner Oconees, die in das wil⸗ 
defte Schmerzendgeheul ausbrachen, und EL Sol um⸗ 
fing ihn, der in Todeszuckungen noch krampfhaft den 


—d 314 9 


Sarg auf feine Bruft drückte. Allmaͤhlig lösten ſich 
feine Arme, und er fiel entjeelt in das Gange zurüd. 
Eine Kugel hatte ihn zwifchen Naden und Hals durch⸗ 
bohrt. Das Leben war gewichen. Der junge Häupt⸗ 
ing warf fih in flummem Schmerze auf die Leiche. 
Das Canoe war fohon lange an dem jenfeitigen Ufer, 
und noch immer lag er bewußtlos über den Körper 
hingeſtreckt, 618 ihn enblich das leiſe Blüftern feiner 
Getreuen auf die Gefahr aufmerffam machte; dann 
Ind er den Körper auf feine Schultern, Tegte ihn über 
den Rüden des Pferdes, fprang felbft darauf, und 
zog jo mit feinen trauernden Gefährten dem Wig- 
wam der Pawnees des Toyaskitammes zu, wo ſie 
am folgenden Tage, unter dem erfehütternden Todes⸗ 
gefange der Wilden, ihren Einzug hielten. 


— 9 








—d 315 9 


Poſtſeript. 


Wir finden in mehreren Zeitungen des Staates, 
in welchem dieſe Begebenheiten ſich zugetragen, und 
namentlich in der Countyzeitung von Opelouſas, eine 
Randglofſſe unter dem Artikel Verehelichungen, die 
den Leſern dieſer Blätter nicht ganz unwerth als Zu⸗ 
gabe erſcheinen dürfte, und die wir deßhalb ganz ſo 
geben, wie wir ſie finden. Sie lautet: 


Marriages. 


Have been united in the bonds of wedlock by 
the Revd. Jesaiah Simpkins this Thurgday (viz the 
43 of March 1816) the most amiable et accom- 
plished Miss Mary Copeland, daughter of the Ho- 
norable John Copeland of the same County et of 
Mistress Juditha, to Master James Hodges, for- 
merly of the R. B. N. now of Hodgen-Seat I in the 
samg State. 


—d 316 ⸗— 

MWörtlich überfekt: 

Verehelihungen. 

Wurden vereinigt Durch die Bande der Ehe von 
dem ehrwürdigen Iefaja Simpkins, heute Donner- 
ftag den 13. März 1816, die fehr liebenswürdige 
und hochgebildete Miß Maria Copeland, Tochter des 
ſehr achtbaren John Eopeland aus derfelben Graf- 
haft und der Frau Juditha, und der Herr Jakob 
Hodges, früher von der Eöniglich brittifchen Flotte, 
‚gegenwärtig von Hodged-Sig in demfelben Staate. 





Geſammelte . Werke 


von 


Charles Sealsfield, 


— 


- Bierter Theil, 
Der Virey und die Arifokraten. 


Erfter Theil, 


Stuttgart. 
Verlag ver J. B. Meslerfchen Buchhandlung. 
1845. 


Der Virey 


und 
die Hriftofraten, 
oder 
Merifo im Jahr 1812. 
Don 


Charles Sealsfielbd. 





In drei Sheilen. 





Erfter Theil 
Dritte durchgeſehene Auflage. 


— Oo 


_ Stuttgart. 
Verlag ber I. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 
1845. 


Vorwort des Serausgebers 
zur erften Auflage. 





Die Grundzüge des vorliegenden Buches, das wir Bilder 
des öffentlichen und hänslichen Lebens in Merifo in der an⸗ 
gegebenen Periode nennen möchten, find während eines Be⸗ 
fuches des Herrn Verfaſſers in Mexiko niedergefchrieben 
worden. 

Die meiſten Skizzen wurden in dem Lande felbft entworfen, 
fo wie die Charaftere größtentheils nach der Natur gezeich- 
net find; mehrere lernte ver Herr Verfaſſer perfänlich kennen. 
Die geſchichtlichen Partien find theild aus münblichen Ueber⸗ 
lieferungen bewährter Berfonen, theils aus dem offiziellen 
Blatte der damaligen Periode genommkn. Wernere Duellen 
anzugeben, hält der Herr Verfaſſer für überflüffig, da er 
feine Aufgabe zu liefern im Sinne hatte, und daher Nechens 
ſchaft abzulegen weder für nöthig , noch angemeffen hält. 

Unterbeffen wird der, einiger Beurtheilung fühige Leſer 
fehr bald die tief gefehichtliche philoforhifche Betonung des 
Buches herausfinden, durch deſſen Andeutungen ihm vielleicht 
erſt Mehreres in ven Gefchichtswerfen eines Robinfon, 
Mier, Zavala über diefes Land Kar werben bürfte. 

Die Noten und Erklärungen find durchgängig vom Hers 


ausgeber, fo wie mehrere der Gapitel-Motto’s; erfiere find 
Der Birey. I. . 





— 6 — 


theils aus ſchriftlich⸗brieflichen Erlaͤuterungen des Herrn 
Verfaſſers, theils aus den beſten Werken, die über dieſes 
Land exiſtiren, entnommen. Die ſpaniſchen Ausdrücke wur⸗ 
den auf den ausdrücklichen Wunſch des Herrn Verfaſſers 
beibehalten, theils „um dem Buche fein merifanifches Co⸗ 
lorit nicht zu fchwächen,“ theils weil das noch auf einer 
fehr untergeordneten Stufe der Eivilifation ſte— 
hende Volk von Merifo mit feinen Ausprüden 
Begriffe verbindet, die der vielhöher ſtehenden 
deutfhen Nation wohl durch Umfchreibung, aber 
nicht leicht oder nur felten durch eine Ueberſetz⸗ 
ung, verfinnlicht werben Eönnen.“ 

Obwohl übrigens diefes Buch für alle Klaffen der bürger⸗ 
lichen Gefellfchaft gefchrieben ift, fo glauben wir doch, um 
Niemandes Erwartungen zu täufchen, beifügen zu müſſen, 
baß nur ber höher Gebildete, ober ber mit dem weltgefchicht- 
lichen Gange biefes merkwürdigen Reiches befannt werben 
Wollende, wahren und hohen Genuß ſchoͤpfen wird; aber 
bie Großartigfeit des Gegenflandes, die außerordentlich 
Träftige, durchaus mit dem Gegenftande vertraute Behant- 
lungsweife, der unberechenbare Einfluß, den dieſes Land 
früher oder fpäter, gewiß aber in nicht fehr entfernter Zeit, 
auf die Schickſale der übrigen Welt üben wird und muß, 
laffen ben Herausgeber hoffen, nicht umfonft ven Blick des 
Publifums auf eine literarifche Erfcheinung gerichtet zu 
haben, deren reeller Werth deſſen Urtheile vorläufig an- 
heimgeftellt wird. 

Den 6. Auguſt 1834. 


@inleitung. 


„Der erſte Schimmer Mexiko's, der und bei ber 
Annäherung an fein merfwürdiges Geftade ins Auge 
glänzt, erregt in und eine feltfame Mifchung von 
widerfprechenden Empfindungen. «a — — — — — 

„Der leichte Baltimore⸗Schooner windet und kaͤmpft 
ſich mühſam durch die zornigen Wogen, die eine halbe 
Stunde zuvor von einem raſenden Squall aufgerüttelt 
worden. Die Höhe, aufder er fich befindet, iſt 20° Br. 
und 95° L., noch wenigſtens 60 Meilen vom Lande. 
Nichts iſt zu fehen als der Waflerfpiegel und das 
blau und grau fchattirte Himmeldgezelt, auf dem ſich 
einzelne Gewitterwolfen, von lichten Punkten um« 
geben, hingelagert haben. Einer dieſer Tichteren 
Punkte fleht unverrüdt Sud⸗Südweſt vor unferm 
Blicke, während die andern in der fehaukelnden, ſchwer 
arbeitenden Bewegung ded Schiffes. ewig wechjeln. 
Er wird bald lichter, dald dunkler, er glänzt nun wie 


2° 


8» 


ein Pharus in ftpeffinfterer Nacht, wieder tritt er in 
den Hintergrund gleich der verfchüchtert erbleichenden 
Jungfrau. Unfere und unferer Umgebung Blide find 
ftarr auf Diefen Punkt gerichtet, deſſen Farbenſpiel 
jeden Augenblick wechfelt, um den die Wolfen 
mit jeder Sekunde phantaftifcher, magifcher tanzen. 
Jun umfangen fie feinen Naden, wie der Schleier 
fih um das Geficht der züchtigen Jungfrau legt; wie⸗ 
der verfchwinden fle, und das riefige Bild tritt bald 
glänzend hehr in den Vordergrund — bald verſchämt 
zart in den Hintergrund, hängt nun als Riefenftern in 
dem Himmel über einem undurchdringlichen Wolfen- 
fohleier, der den ganzen Rand des Horizonts einnimmt, 
bald fleigt er über diefen als Feuerſäule herauf aus 
dem magifchen, dunfeln, Taufende von Meilen langen 
Sockel. Noch iſt das Gewölk über den Himmel zer- 
fireut, und der Sockel liegt am blauen Wolkenrande 
unbemeglich, und fo weit das Auge reicht, eine tobte 
Maſſe, zwifchen Simmel und Waſſer. Sie zieht fi 
in Schlangenlinien von Norden nad) Süden, in dunkel⸗ 
blau, grau und grün, mit einem rothen Saume über 
ihrem Scheitel. — Es ift die Stunde der Morgen- 
Dämmerung, und Ihr ſeyd der Einladung des Capi⸗ 
tains gefolgt, der fehweigend mit ben übrigen Ge⸗ 
fährten auf dem ſchräg abfchüffigen, engen Verbede 
ſteht. Selbſt der Matrofe vergißt einen Augenblid 
Schlaf und Hängematte und flarrt auf ben erwähnten 
Punkt in jprachlofer Erwartung. Auf einmal vers 
ſchwindet der dunkle grau blaue Schleier, der um ben 





— 9 — 


Gürtel und Nacken dieſes magiſchen Rieſenpunktes 
wogt, die Schlangenlinien des Wolkenrandes des 
ungeheuren Sockels werden glänzend roth, und indem 
das Auge mit Verwunderung dem prachwollen Far⸗ 
benwechſel zuſieht, ſtrahlt der Punkt über dem Wolken⸗ 
ſchleier auf einmal in überirdiſcher Glorie in die 
Himmel hinein, er wird zur rieſigen, ungeheuer flam⸗ 
menden Pyramide, die im leuchtenden Feuer vor unſern 
Blicken auflodert, eine Maſſe gediegenen Silbers, des 
reinſten Goldes, mit Milliarden von Brillanten, 
Rubinen und Smaragden beſetzt. — Es iſt der Ori⸗ 
zava, der, von der aus dem Ozeane aufſteigenden 
Sonne beleuchtet, aus ſeinem Wolkenſchleier hervor⸗ 
tritt, den ein buen norte von feinem Nacken gelüftet, 
und der nun Eure Seelen in Bewunderung und An⸗ 
betung verfeßt; denn die Poefle des Himmels und der 
Erde hat fich vereinigt, um Euch den berrlichften, ben 
größten aller Genüſſe zu geben, wie ihn Euer Auge 
nie gefhant hat, nie fihauen wird. — Ihr wendet 
Euch für einen Augenblick, um Euerm Gemüth 
Erholung zu geben, von diefem herrlichſten und 
größten aller Genüffe, und wie Ihr wieder Cuern 
Blick dem Naturwunder zumerfet, jo ift es verſchwun⸗ 
den, ein grauer Nebel aus den Gewäſſern aufgeftiegen- 
und unter feinen wäfferigen Fittigen fliegt Ihr der 
Küfte zu. Der Nebel erhebt fih, und der Stern in 
Wolken gehült, tritt Euch abermals entgegen, aber 
nur fein Haupt ragt über diefe hervor — zu feinen 
Füßen feht Ihr den langen Gebirgsfaum der Gorbil- 


— 10 — 


feren, und vor Euch die öde, baum⸗ und flrauchlofe 
Sandwüſte, an deren Rand Veracruz Euch) entgegen 
fohimmert, ein glänzend weißer Punkt, der, fo wie 
Ihr näher kommt, Euch unwillkürlich an bie über- 
tünchten Gräber der Schrift mahnt.“ — 

„Mit dieſen Borgefühlen betretet Ihr Die Geſtade 
Merito'd.u M 


„Der erfte Schritt auf merifanifhem Boden über- 
zeugt Euch, daß dieſes Land eine ſchwere, eine töbtliche 
Erifis überftanden, daß es ſich aus biefer Criſis noch 
nicht erholt hat, und noch lange nicht erholen wird. 
Es find die Nachwehen einer Krankheit, die, wie bie 
feines ſchrecklichen vomito prieto, noch Jahre lang 
den Körper in Siechthum ſchmachten laſſen, ihn viel- 
leicht nie verlafien. Man glaubt in einer fo eben durch 
eine Feuersbrunſt zerftörten Stabt zu feyn, beren 
unglüdlihe Einwohner noch fo fehr von Schred und 
Entfegen betäubt find, daß fle an das Aufräumen 
gar nicht denken; oder auf einem Dreimafter, der in 
einer Reihe von Stürmen Ruder, Segel, Mafte, den 
beften Theil feiner Schiffönffiziere und alle feine Lebens» 
mittel verloren, und auf dem alle Bande des Gehor- 
ſams gelöst find, wo brutale Gewalt allein Geſetz 
ift. Alles zeugt hier von der peinlichen Auflöfung 
aller gefelfchaftlichen Bande, von einer Zerftörung, 
einem Bürgerkriege, der, mit giftigem, töbtlichem 








9 11 0 


Haſſe geführt, nichts verfchont hat, weder Menfchen 
noch ihre Werke." — 


nDiefe Eindrüde und ein gewiſſes Grauen begleiten 
und noch mehrere Stunden, nachdem wir das glänzend 
troſtloſe Beracruz bereitö verlaffen und uns durch die 
Sandhügel hindurch gemüht, die zwifchen Diefer Stadt 
und den ärmlichen fech8 Hütten, Santa %6 genannt, 
unfere Geduld fo ſehr in Anspruch nehmen. — Hinter 
dieſen jedoch zeigen ſich Lichtpunfte. Dafen in dem 
Sand- und Sumpfmeere, vom herrlichſten Grün, 
dem glänzendften Roth, dem Lieblicäften Blau — Ans 
Hänge von dem Lande, wo, mit den Worten eines 
großen Dichters zu reden: 

— — — die Citronen blühn, 

im dunkeln Laub die Goldorangen glühn — 
fommen und entgegen. Wildniffe von Palmenz, 
Orangen⸗, Citronen- und Bananen-Bäumen, mit 
Myriaden von Blumen behangen und Schlingpflangen 
umivoben, unterbrechen die Sandebenen da, wo ein 
Bach oder eine Duelle Nahrung gibt. Wilde Kür⸗ 
biffe und zahliofe Convolvulus⸗Blüthen bilden das 
Dach der wunderbaren Aue. E8 tritt gleihfam der 
Kampf zwifchen dem Prinzip des Guten und des 
Böfen, zwifchen Leben und Verweſung, und anſchau⸗ 
ih vor Augen. Es fommt und vor, fo wie wir von 
Bajada einen Blick rückwärts werfen, als fähen wir 
dieſes merfwürdige Land hervortreten aus den Meeres⸗ 


12 — 


wogen, müde, matt und erfchöpft von ber ungeheuern 
Anftrengung, die ihm dieſes gefoftet,. hinfinfen auf 
den Sand, unfähig, ſich weiter zu. fchleppen, erft nach 
einer mehrftündigen Ruhe einen neuen Anſatz nehmen, 
weiter fehleichen, wieder liegen bleiben, wieber er- 
ftehen, aber allmählig feine vorige Kraft gewinnen, 
die zur Wildheit ausartet, fo wie ed weiter ſchreitet.“ 

„Jenſeits der prachtvollen Puente del Rey*), ber 
Thönften Mexiko's, beginnt das Land einen wunder- 
bar grandiöfen Charakter anzunehmen. Der Dichter, 
indem er fang: | 


„Kennft du den Berg und feinen Wollenſten 

Dis Maulthier ſucht im Nebel feinen Weg, 
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut 

Es ftürzt ver Fels, und über ihn die Fluth" — 


fcheint Die Felſenſtraße zwifchen Puente del Rey und 
Perote vor Augen gehabt zu haben, auf der zu jeber. 
Stunde des Tages dad Maulthier in langen Reihen 
Hinan Elimmt, feinen Weg fuchend im Nebel, fo wie 
ed auf bie eifige Höhe von Perote hinan fleigt.“ 


„Mexiko ift nicht ein fehönes Land in dem Sinne, 
wie wir. ung ein ſolches gewöhnlich denken, wenigſtens 
nicht von dieſer Seite gefehen oder betreten. Es find 
nicht lieblich grünende Fluren, die das Auge erfrifchen, 
niit wogende Felder, nicht fanft dahin riefelnde 
Duellen oder majejtätifche Ströme, die wir ſchauen; 


*) Königsbrüde. 


—13 8 


das Auge erblickt nur ungeheuere, ſchauerliche Felfen- 
maſſen, gräuliche Klüfte, entfegliche Abgründe, die 
aus den furchtbarſten Höhen in die Tiefen des Erd» 
balles hineingähnen, und aus denen der Donner der 
Katarrakte heraufbrüllt wie Schlachtendonner. Die 
Natur trägt hier den Charakter des wildeſten Stolzes, 
der bizarrſten, furchtbarften Kraft, und wieder einer 
unbefchreiblich trägen Indolenz. Es ift dieſes Land 
die Poeſie der weftlihen Hemifphäre, das poetifchfte 
Land der Erde. Selten einer jener fanfteren Leber» 
gänge, in denen ſich die profaifchere Natur in andern 
Ländern fo fehr gefällt, nur Spuren gewaltfamer 
Revolutionen und ſchnell auf einander folgender Ka⸗ 
taftrophen, häufig nicht mehr als einen Steinwurf 
von einander entfernt, bei jedem Schritte Spuren 
der gewaltfamften Umwälzungen, ber unnatürlihflen 
Kämpfe. * 
“ m Aber auch mit jedem Schritte, den wir in das 
Innere diefes merfwürbigen Landes thun, mit jedem 
Felſenblocke, den wir hinan flimmen, werden und auch 
die Schickſale defjelben, fein räthfelhaftes Verhängniß, 
klarer, begreiflicher; der Zufammenhang ber phyfifchen 
und moralifchen Geftaltung deſſelben erfcheint uns 
deutlicher. Wir ſehen, wie die Natur fo riefenartig, 
jo groß, fo ſcharf, fo bizarr, fo energiſch und hin⸗ 
wiederum fo zurüdftoßend, flach, träge und gemein, 
dem Menfchen die Bahn gezeigt hat, ihm Vorbild 
‚geworben iſt, ihn mit fortgerifien hat zu Erſchütte⸗ 
rungen, die die grellſte Phantafie vergeblich in ihrer 


+4 


ganzen SchredlichFfeit zu malen ſich abmühen würde; 
denn ſo wie diefed Land von der riefigen Hand ber 
Natur gleihfam in einer ihrer höhnenden Launen in 
Trümmer hingeworfen, aus denen fi ein, obwohl 
noch immer chaotiſch ausſehendes Ganze geftaltet, fo 
ift auch feine moralifche Geſtaltung oder vielmehr die 
feiner bürgerliden Geſellſchaft, gleichen Schritt ge- 
gangen. Keine jener harmonifchen, vernunftgemäßen 
Entwickelungen, Die unjer Stolz und zugleih Bürgen 
unferer fortfchreitenden Bervollfommnung find. Nur 
Spuren von unerträglicher Unterbrüdung, rohen 
Kämpfen und graufamen Eroberungen, denen ein 
no graufamerer Despotismus folgte, ber wieder 
durch eine eben fo graufame Revolutipn geffürzt zu 
- ‚werben beftimmt ift.* 

„Und doch, wie Der denkende Naturforſcher i in der 
phyſiſchen Revolution Zufammenhang erfchaut, fo 
findet auch der ruhige Beſchauer in den moralifchen 
Umwälzungen Urfache und Wirfung heraus, und vor 
feinem Blicke geftaltet fi allmählig das. Chaos zum 
Ganzen und zum Einklang.“ 


ri . . . . . . . . 
„Ro aber ift Alles Chaos, Zerflörung, Ver⸗ 
worrenheit, moralifcher Schutt und Trümmer. * 
„les was beftanden, tft über den Kaufen ge⸗ 
worfen, vernichtet, zerbsochen oder kümmerlich zu⸗ 
fammengefügt, um beim erſten Windſtoße wieber über, 
ben. Haufen geworfen zu werden. Denn nicht bloß 





— 5 


eine dreihundertjaͤhrige Regierung, auch die gefell- 
ſchaftliche Form, die fie begründet, ift gebrodden; der 
Glaube, die Neligion, Alles ift gebrochen; Alles 
nennt ſich frei, und Alles fteht fich feinpfelig gegen⸗ 
. über. Millionen von Indianern, dem Buchftaben bed 
Geſetzes nach frei, in der That aber die Sclaven Jeder⸗ 
mannd; ein Adel, der feine Titel verloren, aber feine 
Majorate beibehalten und auf diefen der unumfchränfte 
Gebieter von Hunderttaufenden feiner fogenannten 
Mitbürger ift; eine herrſchende Kirche ohne Hirten; 
eine Religion, bie bie Dreieinigkeit lehrt, und ein Volk, 
das an keinen Gott oder an die Götzen der alten Az⸗ 
tefen glaubt; der wüthendſte Fanatismus und ber eckel⸗ 
baftefte Atheismus; eine notionale Repräfentation und 
Schaaren milltärifcher Diktatoren und Tyrannen, von 
denen es ſich der Geringfte zur Schande rechnen würde, 
den gegebenen Geſetzen zu gehorchen. Mit einem Worte, 
die zügelloſeſte Freiheit, die, phantaftifeh wild aufs 
gefchoflen, noch viele Phafen durchzugehen haben wird, 
.. che fie fih zur gefeglichen Freiheit geftaltet.* 

„Sie wird ſich aber geftalten; den die Elemente des 
Buten find auch Hier zahlreich und Fräftig, obwohl 
der Sauerteig der verborbenften debauchirten Civili⸗ 
fatton, Die je ein Land vergiftet, tief eingedrungen 
und lange fehmerzliche Krankheiten verurfachen wird.” 

„Bisher ift dieſes Volk fich noch immer jelbft ein 
Räthſel; es iſt noch nicht zum Bewußtſeyn, zur Ber 
urtheilung ſeiner ſelbſt gekommen, noch nicht erwacht 
aus dem langen Taumel, in welchen es die ploͤtzliche 


- 


—H 16 &— 


Erlangung feiner Freiheit geworfen. Es iſt die Ges 
fehichte dieſer Freiheit mehr einem Traume ähnlich, 
als der Wirklichkeit. Es ſchlängeln ſich Lichtſtrahlen 
durch ihr Labyrinth; aber das Ganze erſcheint ein 
Labyrinth. Mexiko weiß noch immer nicht, wie es 
zur Freiheit gekommen. Es wurde von ihr überraſcht, 
ohne daß es dieſe erkämpft, verdient hätte. Ein ein» 
ziger Tag hat fie ihm verfchafft, für bie ed eilf Jahre 
vergeblich fein Blut vergofien, vergeblich gekämpft 
hatte; denn es war unterlegen in feinem Freiheits⸗ 
fampfe, und als ihm endlich die Göttin erfhien, über 
rafchte fie folches, mie das Kind am Neujahrötage 
übersafcht wird. Was es im eilfjährigen Kampf nicht 
zu erringen vermochte, brach auf einmal herein, fo 
unvermutbet, fo plößlich, daß alle Gemüther beraufcht 
wurden und es noch immer find. Es ift eine Aht 
wilden, wüſten Breiheitöraufches, der noch immer 
herrſcht, der die Gemüther noch immer nicht zur Be⸗ 
finnung kommen läßt, und der bei allen Volksklaſſen 
mehr oder weniger zu verfpüren ift, ausgenommen 
den vormaligen Gebietern dieſes Landes.“ 

Es ift ein feltfames Gefühl, das und bei dem 
Anblicke dieſer Menfchen befchleicht, dieſer Bremdlinge, 
bie wie abgeſchiedene Geifter der Vorwelt noch immer 
als Gefpenfter umher wandeln, gleichſam das Böfe zu 
fhauen, das fie geftiftet, fich zu weiden an der Eu» 
menibden-Saat, die fie gefäet haben. Man fieht fie 
büfter und wieder hohnlachend um ihre Lieblingspläße 
und Stäbte herum wandeln; denn unerachtet des Ber- 


— 17 — 


bannungsgeſetzes ſind ihrer zwiſchen zehn⸗ und fünf⸗ 
zehntauſend noch im Lande, gekettet an dieſes durch 
ihre Verbindungen mit Eingebornen, oder durch die 
Schätze, die ſie den Eingeweiden der Erde anvertraut 
und zu heben nicht Zeit noch Gelegenheit hatten.“ 

„ „Sie wandeln nun um dieſe Verſtecke herum, wie 
unfere Indianer um die Oräber ihrer Väter. Sie find 
lebende Klagelieder vergangener Serrlichfeit, von Kei⸗ 
nem bedauert, felbft nicht bemitleidet.« 

„Das Land Hat fle ausgeftoßen, von ſich geworfen, 
als Feinde und Eindringlinge, die fih.von feinem Blute 
dreihundert Jahre hindurch genahrt und hoch Fremd⸗ 
linge im Lande geblieben find. Sie haften an diejem, 
wie der Schiffshauptmann der Lebte am Wrade 
haftet. Und, feltfam! derfelbe Spanier, der düſtern 
Blickes, verfihlofiener Miene, in feinen braunen 
Mantel gehültt, um feine Lieblingäftadt Xalappa in 
den Gärten dieſes irdischen Baradiefes herum fchleicht, 
von Jedermann verabjcheut, obgleich geduldet, er hofft 
auf die Rückkehr feiner Gewalt noch immer, hofft ſich 
wieder im Blute der Merifaner zu füttigen, geftebt 
es, verbehlt ed nicht. Er bat nichts gelernt in den 
acht Jahren, die feit dem 21. Yebruar 1821 verfloffen 
find, nichtd verlernt. Nur Ein dunkler Bunft fehmebt 
ihm in der ganzen langen Periode vor Augen, die 
Derrätherei Iturbides. Hätte Apodoaka dieſem Itur⸗ 
bide fein Zutrauen nicht gefchenft, meint er, würde er 
Mexiko noch immer fein nennen. Wie der Hund, der 
wüthend und blind über den Stein, der ihn getroffen, 


— 8 > 


herſtürzt, und nicht den Schleuberer, der ihn geworfen, 
fo zerfleifeht er das Andenken dieſes Mannes, nicht 
einjehend, daß er bloß das Werkzeug war in gewal- 
tigeren Händen, beftimmt, die morfche Form zu zer- 
brechen, und daß dieſes Werkzeug gebrochen wurbe, 
ſobald e8 feine Beftimmung erreicht hatte.“ . 
" „Der Haß des Merikaners gegen diefe Spanier ift 
unbefhreiblih, er geht ind Unglaublide, er ift fo 
ungeheuer, wie Die Uebel, die ſie ihm zugefügt haben; 
er ift gegenwärtig, nächft der Spielfucht, die einzige 
Leidenſchaft, Die in feiner Apathie zumeilen aufbligt. 
Er ift furchtbar und wird ihm fo lange inne wohnen, 
ald die Erinnerung an die ausgeftandenen Leiden, 
das Schmerzgefühl der Wunden, die ihm gefehlagen 
worden; und die Wahrheit zu geftehen, werben dieſe 
noch lange Zeit, vielleicht noch Jahrhunderte eitern. 
Geheilt werden fie ſchwerlich je.“ 


Aus des DVerfaflers mexikaniſchem Tagebuche während 
feines Befuches 1928. 





—H 10 — 


Erſtes Kapitel. 


Kund iſt's, ſollt's mindeſtens ſeyn, daß man in allen 

Landern, wo ſich's Bolt katholiſch nennt, 

Sechs Wochen, eh' die Oſterglocken ſchallen, 

Zu jeder Art von wildem Jubel rennt, 

Und eh’ man beichtet, möcht’ in Ren verfallen 

— Gleichviel zu welchem Stand man. fich befennt — 

Dur Tanz und Trunk und Feſtſchmaus und Masken 

Und Gonft'ges, was mit Selb fich laßt forciren. 
Beppo. 

Die Siefta war vorüber; die tiefe Stille, in welche 
die zweiltündige Mittagsruhe bie ganze Hauptftadt 
NeusSpaniend wie begraben hatte, war auf einmal 
einem tobenden Geſumſe gewichen, das, aus den obern 
Vorftädten hereinbrechend, und einem nicht minder to⸗ 
benden Lärmen von den untern her begegnend, Bald 
über der ganzen Hauptflabt in einem fo furchtbaren 
Schwall von Tönen aufftieg, dag ihre unzähligen 
Gallinaz08*) Meilen weit baburch verſcheucht wurden. 


*) Aasgeier; fie ſchwaͤrmen zu Taufenden in und um bie 
Städte Mexiko's. 


— HD 9 


Taufende ihrer Bewohner erhoben fich von ihren La⸗ 
gerftätten, den Porticis der Kirchen, Häufer und Pa⸗ 
läſte, oder tanzten, mit den bunteften Diummereien 
behangen, aus dem Parian*) hervor, um dad Car⸗ 
neval in jener rafenden Luft zu feiern, mit der die 
katholiſchen Völker fih für die drüdenden Entbeh- 
rungen des Jahres ſchadlos zu halten pflegen. Hier 
fah man einenriefigen Tenatero **) imungeheuern fpa- 
nifchen Generaldhute und der Sergeantenjade, Scep- 
ter und Weltfugel in der einen Sand, in der andern 
ein Kreuz von Pappe, ſtolz einherfchreiten, den Er- 
löſer von Atolnico ***) vorftellend; ihm zur Seite 
eine Schaar von Indianern, Zambos und Meſtizen P), 
in Apoſtel, Jünger, jüdiſche Prieſter und Weiber 
metamorphoſtrt, vor dem göttlichen Meiſter unzüch⸗ 
tige Tänze und Sprünge aufführen; daneben Adam 
und Eva, vom Engel mit flammendem Schwerte aus 


*) Der Bazar auf dem Hauptplage Mexiko's. 

») Ein Erzträger; fie tragen 250 Pfund mit Leichtigfeit 
mehrere hundert Stufen hinan, und find gewöhnlich Indianer 
von fehr ftarfem Körperbau. 

»ee) Siehe Note I. am Ende diefes Bandes. 

+) Siehe Note I. 


— 41 


dem Paradiefe getrieben, das von einer Gruppe von 
Mefen dargeftellt wurde, die das damalige Ehen, 
wie es auf unfern Pfennigbildern repräfentirt wird, 
nicht übel vorftellten. An einem dritten Orte ließ fi 
der Dios Padre*) herab, jelbft den Reigen anzufüh⸗ 
ren, zu dem die heilige Cäcilia, mit einer ſpaniſchen 
Zaute verfehen, ven Gangafo **) producirte, während 
wieder das Eleine Jeſuskindlein auf feiner Flucht nach 
Aegypten, einen gewaltigen Efel reitend, Ströme 
MWaflers in die offenen Benfter und den Vorübergehen⸗ 
den in die Geſichter fprigte. Dazwiſchen Schaaren 
von Leperos +), Stußern und elegant heraudge- 
pugten Mädchen und Weibern, bie fi in biefem 
Schwarm von Indianern wie Sumpflilien im giftig 
ſchmutzigen Morafte ausnahmen; dann wieder Hun⸗ 
derte von Raketen, die ungeachtet des hellen Tages⸗ 


*) Gott Vater. - 
*) Der durch die Nafe gezogene Geſang, den die Guitarre 
begleitet; fo unmelodiſch er auch ift, wird dazu gewöhnlich ge= 
tanzt. 

***) Auch Guachinangos oder Saragates genannt, (buchftäb- 
lich Ausfägige,) werben jene Unglüclichen geheißen, die zu Tau⸗ 
fenden in der Stat und den Vorftänten Mexiko's dach und fach- 
Io8 Haufen. (Siehe Note L IL) ° 


Der Virey. TI. 3 


— 2 — 


lichtes, auf allen Seiten und Enden aufſchwirrten, 
zur großen Freude der Indianer, deren Jubel in wah⸗ 
res Toben überging, ſo wie einer der feurigen Schwär⸗ 
mer zwiſchen einem Mirador*) ober unter die geputz⸗ 
ten Damenföpfe, die von den Geländern herab winf- 
ten, einfuhr. Ueberall die tollfte, wildeſte Freude; 
aber eine Freude eigener Art, jo rafend auf einmal 
ausgebrochen, fo grell und plögfich nach der Todten⸗ 
ftille, die noch wenige Minuten zuvor geherrſcht, daß 
Auge und Ohr befremdet und erfchroden dieſen Tau⸗ 
fenden von Backhanten und Bacchantinnen zufah und 
zuhorchte, die, wie aus der Erde gewachſen, eine 
Miſchung von Phyfiognomien darboten, ſo chaotiſch, 
fo ſchroff und bizarr und feindfelig fi begegnend, 
wie fe auf der Erde nicht mehr gefehen werben kön⸗ 
nen! Veppige Mulatinnen mit derben Zambo8, kno⸗ 
big hagere Indianer mit der gefälligeren Meftizin, 
ftattliche Creolen mit Alta atras, und darunter wies 
der Gefichter, Die zu Teiner bekannten Race oder Abart 
des lieben Menfchengefchlechtes zu gehören ſchienen, 


*) Die vergitterten Balcone, mit denen bie Häufer Meriko’s 
geziert find. 


—3— 


trieben und drängten fih um — und zu jenen heilis 
gen Baftnachtefpielen, autos sacramentales genannt, . 
in welchen bie fühlichen Völker bekanntlich eine eigene 
Art von Nahe an derfelben Religion nehmen, nad 
deren Gebraͤuchen ſie wenige Stunden zuvor das 
höchfte Wefen verehrt ; von denen aber nur fehr We⸗ 
nige jenen myſteriöſen Sinn Fannten, den die raffi⸗ 
nirten, wenn gleich nicht aufgeflärtern, europäifchen 
Voͤlker ihren tollen Mummereien unterzulegen pfle= 
gen. Einige derfelben ſchienen jedoch eine tiefere Be⸗ 
deutung audzufprechen, und darunter Eine, die wir 
um das merifanifche Volksleben auch von dieſer Seite 
fennen zu lernen, und näher befehen wollen. 

Es war eine Gruppe von zwölf Perfonen, die, 
phantaftifch in die verſchiedenen Coftüme der India⸗ 
nerftämme des Landes gefleidet, einen fogenannten 
Carro *) fo mahleriſch umgaben, daß man wohl fah, 
fie folgten der Leitung eines berechnenden Kopfes. 
Die Indianer waren in Trauer und bewegten ſich als 
Leidtragende um dieſen Wagen, auf dem zwei Ge⸗ 
ſtalten ſich befanden, die das Attribut des Gräßlichen 


) Ein zweiradriger Wagen. 
3 a 


—) 4 > 
und. KRomifchen fo feltfam in ihrem Aufzuge vereinig- 
ten, daß das Auge neugierig und ſchaudernd zugleich 
auf Diefe fonderbaren Geftalten bliekte, von denen die. 
Eine ausgeftreckt auf dem Wagen lag: ein biutend 
verftümmelter Torjo, aus defien Bruft und abgehaue- 
nen Arm⸗ und Schenfelftumpfen das Blut noch im- 
mer tröpfelnd herabfiel, welches wieder von einem 
zweiten Gefolge fpanifcher Verlarvter mit Gier auf- 
geleckt wurde. Noch ſchien Leben in ihm, denn er 
ftöhnte und gab hohle Töne von ſich und mühte ſich 
vergebens ab, das Ungeheuer, Daß, gleich einem Vam⸗ 
pyr, ſich auf ihm niedergelaſſen und ſeine Tigerklauen 
in ſeine Bruſt eingeſchlagen, abzuſchütteln. Dieſes 
obenan ſitzende Ungeheuer war eben fo ſeltſam an⸗ 
zuſchauen. Es hatte das finſtere Geſicht eines wohl⸗ 
genaͤhrten Dominikanermönchs, deſſen Kutte es auch 
trug; auf der einen Seite hatte es eine brennende 
Fackel, auf der andern einen bellenden Hund; fein 
Haupt bedeckte eine Fupferne Gießkanne, die wahr 
ſcheinlich das Helmſubſtitut des Nitterd der Mancha 
vorſtellen follte. Ueber dieſen Helm ragten ein paar 
Blügel hinaus, nicht unähnlich denjenigen, bie bie 
fruchtbare Phantafle alter Wappenfünftler dem Vogel 








— 3 e— 


Greif gegeben; ber Rüden endigte im Schwanze des 
merifanifchen Wolfes Coyote, fo wie wieder Dem Ca⸗ 
guar die Tagen angehörten, mit denen er den Torſo 
furchtbar zerfleifchte. 

Diefer fonderbare: Speftafelaufzug hatte fich bie 
Tacubaſtraße herauf in die Sant Agoftingaffe, von 
diefer in bie Plateria, und aus dieſer wieder in bie 
Adlergaſſe gezogen, und fich endlich dem Stadtviertel 
Treöpanna zugewandt, mo er vor dem Hotel gleichen 
Namen? hielt. 

Die Haufen von Indianern, Meftizen und der far- 
bigen Bevölferung waren allmälig dur) Hunderte 
von Creolen verftärkt worden, mährend ber ftolzere 
Spanier mißtrauifch aus den Zenftern feines wohl 
verwahrten Haufes dem fonderbaren Gaufelfpiele zu= 
ſah, um das nun Taufende von Zambos, Creolen, 
Indianern und Meftigen einen Kranz bildeten, fo ma⸗ 
leriſch, eine Miſchung von Köpfen und Phyſiogno⸗ 
mien, jo chaotiſch, und eine Marinigfaltigfeit von 
glängenden Prachtaufzůgen und den ekelhafteſten Lum⸗ 
pen ſo nahe an einander gereiht, wie ſie nur wieder 
in dieſem Lande geſehen werden kann. 


26 ⸗— 

Unter den reichſten Manga’3*), die der Popanz 
angezogen, war ein junger Mann, deſſen Geſicht 
ſchwer errathen ließ, welcher Race es angehörte. Es 
hatte alle Farben des Regenbogens, die ſich auf der 
knapp anliegenden Seitenmaske fo blendend natür⸗ 
lich darſtellten, daß man in Verſuchung kam, dieſes 
Farbenſpiel für Natur zu halten. Er war aus der 
Fonda **) von Trespanna heraus auf die Straße 
getanzt, hatte fi einigemal flüchtig vorſichtig umge⸗ 
feben, und fi dann durch die Schaaren dem Gaukel⸗ 
: aufzuge zu gedrängt und gemunden. Es war etwas 
Eigened in der Art des jungen Stußerd, denn ein 
folcher Eonnte ex, feiner reichen Kleidung nad, ge⸗ 
nannt werben, das ihm ſchnell Platz verſchaffte. 

„Närriſche Leute! birnlofe Leute! ſchweiniſche Hau⸗ 
fen! Was trennt, was drängt, was lauft Ihr? Was 
ſeyd Ihr gekommen zu fchauen, zu jehen? Wißt Ihr 
nicht, daß das Sehen verboten ift, beſonders das 
helle Sehen ?u j 

Der Ton des Stugers, feine plögliche Erfcheinung 





2) Der Mantel eines Merifanere. 
*) Ein Gaſthof erften Ranges. 


— 7 — 

und das kecke Originelle feines Wefens, im Gegen- 
fage zu dem fheuen Benehmen der übrigen Creolen, 
die fich vorfihtig dem Wagen näherten, ihn einige 
Augenblide mißtrauiſch betrachteten, und dann fi 
ſchnell zurüdgogen, um in fiherer Ferne des Weitern 
zu harten, hatten nicht verfehlt, die allgemeine Neu⸗ 
gierbe auf ihn zu lenken. 

"Wohl denn, Volk von Mexiko oder Anahuac*), 
wenn Ihr fo Euch Lieber nennen hört, das heißt Az⸗ 
tefen, und Tenochken, und Otomiten **), und Mes 
fligen, und Zambo8, und Ultra atras, und Blancog, 
bie der Teufel,“ flüfterte er leifer, mganz oder wenig⸗ 
ſtens zum zwangzigften Theile holen mag.” **) 

‚  nBrayo!a riefen Hunderte von Meftizen und Zam⸗ 
608, denen die Ießten Worte des Stußerd auf einmal 





*) Der tigentliche Name des einftmaligen Kaiſerthums. 
**) Azteken, Tenochken, wurben die alten Merifaner genannt. 
Dtomiten ift ein zahlreicher zweiter Hauptſtamm Mexiko's. Die 
Sprachen ber Azteken und Otomiten find die verbreitetften, und 
zeichnen fich die eine durch ihre Härte, die andere burch ihre 
Meichheit aus. 
”) Man nahm an, daß die Spanier, die Gebieter des Lane 
deB, den zwanzigſten Theil feiner weißen Bevölkerung, das heißt: 
ungefähr 60,000 Seelen, ausmachten. 


+ 3- 


über fein politifches Glaubensbekenntniß Licht gege⸗ 
ben hatten. „Bravo escuchate'!“ *) ertönte es wie⸗ 
der und wieder. 

Während dieſes Bravorufens hatte ſich der Mann 
tanzend und wieder windend durch die Haufen zum 
Popanze hin Platz gemacht, den er aufmerkſam be⸗ 
trachtete. 

„Alſo Ihr möchtet gerne wiſſen?“ rief er wieder. 
„Wiſſet Ihr aber, daß eben dieſes Wiſſen verboten 
iſt? Ei, aber ſchauen möchtet Ihr, denn das Schauen 
iſt nicht verboten, und wenn Ihr keine Mulos **) 
ſeyd, ſo mögt Ihr auch ſehen, helle ſehen!“ 

„Wenn wir aber Mulos find?“ tief eine Stimme. 

„Dann will ih Euer Ariero ***) ſeyn,“ Lachte der 
Stußer, der um das Schauſtück mittlerweile herum⸗ 
getanzt war. „Alſo Mulos ſeyd Ihr!” rief er auf- 
blickend; „Madre de Dios!}) Das ſeyd Ihr ja ſchon 
gewefen alle Tage Eured Lebens, feit nämlich der 
finftere Gachupin da — er deutete auf das Ungeheuer 


*) Hört! Ä 
+) Maulthiere ; das gewöhnliche Laflthier in Mexiko. 
+) Maulthiertreiber; ein fehr zahlreiches Gewerbe. 
7) Mutter Gottes. 


—d 29 — 


Halb Mönch, halb Thier — das arme Ding, dad 
Einige Anahuac, Andere Merxicotl?), wieder Andere 
Guauhtomozin **) nennen, zu feiner Lagerſtätte er- 
foren. Arme Mulos, und wieder Mulos! Ihr ſeyd 
wie mein armer Sandho, der nicht will als Bier, 
und wieder Bier, und nochmald Bier ***). Arme 
Mulos!“ 

„Arme Mulos!“ ſeufzten Hunderte unwillkürlich, 
wechſelsweiſe das blutige Ungeheuer und wieder den 
Sprecher anſtarrend. 

Auf einmal hob der Stutzer die Kutte des Unge⸗ 
heuers, und der vom Rumpfe getrennte Kopf des 
blutigen Torſo kam zum Vorſchein. Es waren in⸗ 
dianiſche Züge, von einer Meiſterhand ſo natürlich 
dargeftellt, daß Hunderte von Stimmen mit einem 
Male riefen: „Guauhtomozin!“ 

„Guauhtomozin!“ ſchallte es dumpf von Munde 
zu Munde, während der Pregonero7) (dieſen Namen 


*) Der merikaniſche Kriegsgott. 
**) Der letzte amerikaniſche Regent. 
*+#) Sollte eigentlich Polaue heißen; denn Bier war damals 
in Merifo, und ift noch heute wenig befannt. 
+) MWörtlich überfegt: Ausrufer. 


— 0 — 


hatte der Stußer bereitd von der Menge erhalten) 
fortfuhr, den Schleier von dem feltfamen Aufzuge zu 
Lüften. 

„Seht, Hier find feine Klauen am tiefften einge- 
hadt; e8 ift Guanaruato und Guadalaxara!“ ſprach 
der Pregonero, und die Menge fehauderte wieder. 
„Es tft Tio Gachupin,“ Tachte er auf einmal, fih auf 
dem Abfage herummendend, „Tio Guchayin, *), der 
‚das Spiel, dad er vor nicht ganz dreihundert Jahren 
mit dem armen Guauhtomozin — — Nein, es ift 
Guaubtomozin’s Geiſt!“ rief er, „der erſchienen, 
blutend und um Rache ſchreiend.“ 

So viel war nun dem Haufen allmählig klar ge⸗ 
worden, daß der Spektakelaufzug eine tiefe, ja ge⸗ 
fährliche, politiſche Bedeutung habe. Die Menge hatte 
ſchnell zugenommen; die flachen Blumendächer, die 
Miradors der nahen und entfernten Häuſer waren 


*) Better Oachupin. Gachupin iſt ein unüberſezbares Wort, 
deſſen Bedeutung eben fo wenig erklaͤrbar iſt, als die der Be⸗ 
nennung Yankee. Die Spanier behaupten, es bebeute einen 
Helen zu Pferde; die Indianer und Kaften — einen Dieb. Es 
wird allgemein als ein Schimpfname betrachtet, mit dem man 
vorzüglich die Spanier und bie ihnen anhängenven Greolen bes 
zeichnet. " 


— Ho 
mit unzähligen Köpfen angefüllt. Es herrichte eine 
tiefe Stille, die nur vom Geflüfter der Neugierde 
ober dem Gemurmel des Schauderd unterbrochen 
wurde, welches der Indianer mit einem fo eigenthüm= 
lihen Tone von fi gibt, wenn ihm jene theuern, fo 
tief Im Herzen ruhenden Erinnerungen an die Ge⸗ 
walt und Herrſchaft feiner Vorfahren durch Zufall 
ausgepreßt werden. Auf einmal rief ed: „Vigilan- 
cia! Vigilancia !“ *) von einem fernen Mirador ber» 
ab. „Vigilancia!“ fehallte es von Mund zu Munde. 
„Vigilancia!“ rief ver Pregonero; „Gracias Senoras 
y Senores!“*) lachte er, duckte fih und verſchwand. 
In wenigen Augenblicken war vom gräßlichen Sinn⸗ 
bilde Mexiko's ſelbſt keine Spur mehr vorhanden, 
und als endlich die beiden Alguazils mit ihren Stä⸗ 
ben ſich Bahn gebrochen Hatten, vegnete es Fetzen 
von Pappenderfeln und Trümmer gebrochenen Holzes 


*) Wachſamkeit! Habt Acht! 

*) Dank, gnädige Herren und Gerrfigafien! Senor, gleich⸗ 
bedeutend mit dem franzöſiſchen Seigneur, ſpricht jeder weiße 
und auch ſchwarze Mexikaner an, fo armſelig er uͤbrigens auch 
feyn mag. Senora, gnädige Frau. Senoria, Herrichaft, Herr- 
lichkeit. Diefer letztere Titel-wird nut Perfonen gegeben, bie 
Dberftenrang haben. 


323 e— 


auf ihre verhaßten Häupter; die Menge felbft war, 
gleich einer Woge, durch einen gewaltigen Feld ge⸗ 
borften, auf allen Seiten ausgeriſſen, und bradh 
großentheils in den Gafthof ein, vor dem die Scene 
ſelbſt ftattgefunden hatte. 

Diefer Gafthof, der erfte Mexiko's zur Zeit, in bie 
unfere Epiſode fällt, war, fo wie heutzutage, der Ver⸗ 
einigungäpunft der hohen und niedrigen Welt ber 
Hauptftabt, daß heißt ded größten Reichthums und 
ver efelbafteften Blöße, die nur gedacht werden Tön- 
nen. Die untern Geſchoße nahmen eine Art Bazar 
ein, in denen Waaren mexikaniſcher Fabrikate zum 
Berfauf ausgeboten wurden; bie obern Säle waren 
zur Bewirthung der Gäfte beftimmt, und mit einer 
Pracht ausmeublirt, die auffallend mit dieſen Gäſten 
ſelbft contraſtirte. 

Im erſten dieſer Säle ſtand ein großer, langer 
Tiſch, einer Billardtafel aͤhnlich, auf dem Haufen 
Silbers Tagen, die Laufende von Piaſtern betragen 
mochten, während die Garderobe der ringsum figen- 
den oder flehenden Spieler um eben fo viele Pfennige 
zu theuer bezahlt geweſen wäre. Außer den Worten 
Senor und Senora war faum ein Laut zu hören; 


—d 33 — 


aber dafür fprachen ihre giftig feurigen Blicke deſto 

vernehmliher, und ein Grimm war in ihren Augen 
zu leſen, der jeden Augenblick in Mord und Todiſchlag 
ausbrechen zu wollen ſchien. 

Der zweite Saal war, wo möglich, von einer noch 
häßlicheren Klaffe von Menſchen angefüllt, die lie 
gend, ftehend, hockend, auf allen Vieren, in Stellun⸗ 
gen hingeſtreckt waren, die nicht befchrieben, viel we⸗ 
niger gefehen werben mögen; zum Theile befchäftigt, 
ihre und ihrer Kinder Köpfe non jenen Anwohnern 
zu reinigen, die der ganze Reichthum dieſer Klaſſe zu 
fegn pflegen; eine Befhäftigung, der fie ſich mit einer 
Sorgfalt überließen, ald wenn diefe zur Beier des 
dia de fiesto *) gehört hätte. 

Ein dritter Saal war den Chocolabe» und San- 
garee **)-Trinkern gewidmet, die ihre Gläſer und Be⸗ 
her mit einer Behaglichkeit leerten, bie in der ekel⸗ 
haften Nadtheit und Armuth ihrer Umgebungen nod) 
einen eigenen Reiz zu finden ſchien; denn zwiſchen 
Stühlen, Bänfen und Tiſchen Tagen und krümmten 





*) Feſttag. 
**) Sin Getränk, aus Zuder, Zitronen, MWafler, Rum und 
Gewürz bereitet. 


—d 3 — 


fih die Elenden, Leperos ‚genannt, gleichwie ein Bin- 
Dungsmittel, das fänmtliche Klafien Merifos zuſam⸗ 
menhielt; und wieber zogen ein: reich gekleivete Spa- 
nier, Spanierinnen und Ereolen, die noch Halb 
ſchlaftrunken von der Siefta famen, in einer Klei- 
dung hell und funfelnd und wieber loſe und locker, 
vor ihnen her eine Schaar.von Mulgtten= oder Neger- 
mädchen, die froh und üppig einhertangten, Körbchen 
und, Käftchen tragend, und „Piazza por nuestras 
Senoras! ‘‘) ſchreiend, hintendrein bie Cortejos**), 
die diefem Gefchrei nüt ihren Säbeln und Stöden 
den nöthigen Nachdruck gaben. 
„Carracco! que bella y cara compania!‘‘ ***)rief 
auf einmal diefelbe Stimme, die wir unten auf ber 
Straße ald,den Ausleger der gefährlichen Faſtnachts⸗ 
poffe gehört haben, und die num einem Gaballero }), 
feiner Larve nach zu fließen, angehörte, der in einem 
ganz neuen Anzug in den Saal trat, die Geſellſchaft 


*) Plab für unfere gnäbige Frauen! 
**) Gortejo, lies Corteho, Cavaliere serviente. 
***) Verdammt! welch eine fchöne und liebliche Gefellfchaft. 
+) Eaballero, Eavalier. cher von fpanifchem Blute abs 
ſtammende Merikaner macht auf diefe Benennung Anſpruch. 


36 - 


mit jenen flüchtigen Blicken meſſend, mit denen ber 
Hohe Wüſtling eine untergeordnete Klaſſe von Men- 
ſchen zu muftern gewohnt ifl. „Carracco! a la Bo- 
nanza!‘“*) rief er, an den langen Tiſch tretend und 
eine Rolle Piafter auf eine Karte werfend, die im 
nächſten Augenblide au ſchon gewonnen Hatte. 

„Bravo, bravissimo! Doble!‘ ſchrie er. 

Der Stutzer hatte wieder gewonnen und die Sum⸗ 
me, ſo beträchtlich ſie auch war, ohne eine Miene zu 
verziehen, auf die friſche Karte geworfen. 

„Treple!“ ſchrie er, als ſie wieder gewonnen: 
„Quadruple!“ ein viertesmal, und mit dieſem letzten 
Glücksfalle warf ihm auch der Banquier feine ganze 
Baarfchaft mit den Worten: „Maledito gato!“ bin, 
und erhob ſich von feinem Site mit einem Blicke, fo 
grimmig, daß man hätte glauben follen, es müffe 
den nächſten Augenblid Mord und Todtſchlag erfol- 
gen. Wider alles Erwarten jedoch nahm der Mann 
feine zwei Realen, die er in den Ohren ſtecken gehabt, 
rief den Kellner, hielt diefem die beiden Silberſtücke 


*) Solla! zum Glück! Bonanza bedeutet aber vorzüglich 
das Glück in Bergwerksunternehmungen. 


— u 


vor die Augen, und ſprach, auf das eine deutend, 
feierlich: „Cigarros!“ und auf das andere: „Arguar- 
diente de cana!“*) und nachdem er fo über fein 
Geld disponirt, ſchlug er, in Erwartung. der beiden 
Labſale, feine Manga mit fo vieler Kunftfertigfeit 
über die Schulter, daß der Zipfel.der andern Hälfte 
zugleich bis zu ber Hüfte herab. verlängert wurde, 
und es fo einiger Aufmerffamfeit bedurfte, zu ge⸗ 
wahren, daß einer der beiden Schenkel gänzlich des 
nöthigen Artifeld, Beinkleiver genannt, ermangelte. 

„Senoras ySenores! a la Bonanza!‘ **) rief nun 
der glüdliche Eroberer der Schätze feines Vorfahren, 
indem er gleichermaßen: zwei Nealen***) ans einem 
befondern Beutelchen herausnahm, und einen in jedes 
Ohr ſteckte, welche Handlung er mit dem Zeichen des 
Kreuzes begleitete. 

„Plazza Gavillas!‘“ 7) rief es auf einmal wieder, 
„Plazaa por las Senoras!“ und mit dieſem Rufe trat 


2) Num (aus Zuckerrohr). 
"*) Kommen Ste Damen und Herren, zum Glücke. 
*e9) Neal, ver achte Theil eines Piafters, wird, das Glück 
feftzuhalten, den Spielern in die Ohren geftedt. 
+) Platz, Pöbel! Mit dieſem Namen werben vorzüglich bie 
Rebellen bezeichnet. 


— 37 — 


ein Zug fpanifher Soldaten mit ihren oder Anderer 
Weibern ein. 

Sie waren auf eine Weife herausgeputzt, um die 
fie manche unferer vornehmen Damen beneibet haben 
bürfte, fo wenig der Schnitt ihrer Kleidung dies auch 
verdiente. Vor jeder dieſer Spanierinnen jchritten 
drei Mulattomädchen mit loſe anliegenden Seiden- 
zödchen, die ihnen bis zu ben Knien reichten, und 
fo locker und Iodend anlagen, daß Bufen und der. 
ganze Leib ohne Mühe zu erfehen waren; bie Haare 
in goldfadige Neße gewunden; an den Armen Span 
gen von gleihem Metalle. Das Erfte diefer Mäpchen 
trug. ein offenes Käſtchen mit Eigarren, aus dem 
wechſelweiſe die Dame und ihr Cortejo ſich zuhalfen ; 
das Zweite ein Körbchen mit Zuckerwerk, dem gleich» 
falls. Häufig zugeſprochen wurde, und die Dritte bie 
Geldboörſe. 

„Plazzal“ erſchallte es wieber, und die Begleiter 
der Damen, wohlbeſtallte Unteroffiziere der ſpaniſchen 
Truppen, ſchwangen ihre Rohrſtöcke und Säbel, daß 
Indianer und Meſtizen und Zambos wie gemäht von 
Bänken und ehe vurzelten. 

Her Virey. 4 


— 8 


„Carracco! que quiere decir usted.?‘“ *) rief 
unfer neue Banquier, der fi auf feinen Sig nieber- 
gelaffen hatte, auf einmal auffpringend. ‚Por todos 
Bastos y bastas de todo el mondo“ — **). 

Er ſprach dieſe Worte fo drohend, und feine Ge 
ftifulation war fo echt merifanifch, daß drei der Ser- 
geanten mit einemmale auf ihn zufprangen. 

„Gojo, que quieris ?“ ***) 

„Gojo!“ rief der Merikaner gleihfalls, und dabei 
fuhr feine Hand unter die Manga, und die Bewegung 
war fo ſchnell von den fämmtlichen weißen, fehwar- 
zen, braunen und grünen Phyflognomien nachgeahmt 
worden, daß die drei Sergeanten nebft ihren Damen 
mit einemmale zurüdprallten. Nur die Vierte Hatte 
fi$ in ver Nähe des Tifches gehalten und ſchwang 
nun die Karten, die Geſellſchaft zum Spiele ein- 
ladend. 

Diefe Einladung hatte auch einen unbegreiflich 





*) Alle Teufel, was wollen Sie damit jagen? 

**) Um aller Knittel der Welt willen! Die fpanifchen Kar: 
ten heißen oros, espadas, copas und bastos. Diefe Tehteren 
ftellen Knittel, und figürlich jene Symbole vor, die mit unferen 
Sirfchgeweihen gleiche Bedeutung haben. 

”**) Sund, was foll dieß bedeuten? 


30 — 


fönellen Erfolg. Diefelben Menfchen, vie fo eben 
Partei auf Leben und Tod für ihren Landsmann ge= 
nommen hatten, — benn bieß verrieth das muyftertöfe 
Zangen unter die Mangas — erfaben kaum, in 
weſſen Sand fich die Zauberblätter befanden, als ſie 
auch wie mit Einer Stimme riefen: 

„Per el amor! Va usted con Dios Senor!‘“*) 

„Va usted con cien mil demonios Senor !‘‘ *®) 
brüllten die Spanter. 

Der junge Mann ſah abmwechfelnd feine armen 
Landsleute, dann wieder die Spanier an; dann, wie 
ergriffen von der fonderbar originellen Höflichkeit und 
Grobheit Beider, lachte er laut auf, packte pfeifend 
feine eroberte Beute zuſammen und räumte den Saal. 

Seine Wanderung durch die anftoßenden Säle 
ſchien einige Zeit hindurch eine abfichtslofe zu feyn; 
er ſtolzirte durch den einen, fließ hier mit einem Be⸗ 
kannten auf ein Glas Aguardiente an, nippte einem 
Andern aus dem Chokoladebecher, half einem Dritten 
ſeine Sangaree leeren, und ſchleuderte ſo eine Weile 


*) Um der Liebe Gottes! Gehen Eure Herrlichkeit mit Gott. 
**) Sehen Sie mit allen hunderttauſend Teufeln, gnädiger 
Ser! 
4 ® 


—) e⸗ 


herum, bis ‚er fi} endlich in den letzten leeren Saat 
verlor, wo er an die Flügelthüre trat. die verſchloſ⸗ 
fen war, und an die er mit dei orten klopfte: 
„Ave Maria purissima !“* 

Ste wurde aufgethan: 

‚„Sine pecado concebeda,“ **) fügte er Hinzu. 
„Por el amor de Dios No fineza, no piedad!***) 
Können Sie nicht fagen: „Sine pecado concebeda 
Senores?“ 


Bweites Kapitel. 


Verdades dire en camiss. 
Poco menes que desnuda. 
Quevedo. 


Die Geſellſchaft des Saales war von der ſo eben 


beſchriebenen vortheilhaft verſchieden; fie beſtand aus 
beiläufig fünf und zwanzig jungen Männern, die, 





*) Segrüßet feyeft Du, reinfte Maria! — ver gewöhnliche 
Gruß der in ein Zimmer Tretenven. 
**) Ohne Sünde empfangen! — die Antwort daranf, 
***) Um ber Liebe Gottes willen! Keine Froͤmmigkeit, feine 
Artigkeit mehr zu finden. 


41 ⸗— 


ſammtlich ‚in die reiche Tracht des Landes gekleidet, 
Mangas verfehwenderifh mit Sammt, Seide und 
Gold verbrämt, Jacken mit Otterfellen ausgeſchla⸗ 
gen und gleichfalls mit Gold verbrämt, und bie 
übrige Kleidung von entfprechend koſtbaren Materia⸗ 
lien hatten. Das fpike, feine Hohnlächeln, mit dem 
fie den Eindringling mufterten, und ihre vornehm 
gleichgültigen Blicke auf die Goldhaufen, die den Tiſch 
bedeckten, verriethen geübte Sazarbfpteler, oder, was 
in Mexiko dafjelbe fagen will, Ebelleute vom höch⸗ 
fien Range. Der Saal: war koſtbar meublirt, Tifche 
und Seffel vom feinften Holze und reich vergoldet, 
Vorhänge, Eftrada’8, Luſtres nah der neueſten 
Fagon. | | 
„Sechözehn machen einen Dublon,“ *) ſprach der 
junge Mann, ber, nichts weniger als verfhüchtert 
durch den vornehm geringfchägigen Empfang nun 
zum Tiſche trat und eine Rolle von fo vielen Pia⸗ 
ftern auf eine Der Karten feßte. | 
„No pueden,‘‘**) erwiederte der Banquier, ber 





*) Ein fpau. Dublom iſt gleich ſechezehn Silberpiaſtern. 
**) Können nicht. 


4 2 


mit ſeiner hölzernen Hand das Silber geringſchabis 
zurückwies. 

„No pueden,“ ſprachen in demſelben einſylbigen 
Tone die Kavaliere, „una sociedad con fuero‘‘ *). 

„Una sociedad con fuero ?“ wieberholteder Mann 
kopfſchüttelnd. „Allen Reſpekt vor Fueros, Nota 
bene, wenn ſie reſpektirt werden. Wiſſen Sie aber, 
Senores, daß unſer Buero älter it ?« 

„Dein Fuero älter, Gato ?« **) ſprach Einer der 
Edelleute gedehnt. 

„Ei, gewiß iſt es älter, und gerade fo alt, als bie 
Madre Eccleſia ***) zum Narren geworden ift.“ 

nDie Madre Eccleſia zum. Narren geworben? 
Gato, wie meinft Du dieß?“ 

„Ei, zum Narren geworben; fie fraß nämlich fo 
viele Narrheit, daß fie ganz zum Narren geworben 
äft, wie Sie fehen können, wenn Sie auf die Gafle 
ſchauen wollen. Juſt fo, wie die Madre Patria T) 


Y 


2) Eine Geſellſchaft mit einem Privilegium, gefchloffene 
Geſellſchaft. 
**) Gato heißt Katze, figürlih Spitzbube. 
+) Mutterkirche. 
) Madre Patria nennt ber Mexikaner Spanien. — Mutter⸗ 
land. 


fo viel mexikaniſches Blut gefreſſen, daß fie ganz 
blutbürftig geworden ift.“ 

Die jungen Kavallere wurben auf einmal aufmerf- 
fam. „Paz Senor! Va usted con Dios,*) und möge 
Ihnen der Alguazil Fein Geleit in Die Cordelada ge⸗ 
ben,“ fprach der Banquier. 

„Paz wollen Ste, Ruhe wollen Sie? Sie werben 
fie nicht finden, nicht mehr in Mexiko finden! — 
Ruhe wollen Sie?“ wiederholte er ſchwärmeriſch, 
feurig, „Sie werden ſie fo wenig finden, als Pedrillo. 
Keine Ruh', feine Ruh', feine Ruh' bei Tag und 
Nacht; Nichts das ihm Vergnügen macht.“ Und 
mit dieſen Worten brach er auf einmal in die wunder⸗ 
fhön Jaunige Arie Pedrillo's aus, die er mit einem 
Feuer und einem Auffehwunge abfang, daß die Ka⸗ 
valiere den Mann mit offenen Mäulern anftarcten. 

Zugleih waren im neben anftoßenden Saale eine 
Guitarre und.Eaftagnetten eingefallen, Die ben Ges 
fang. regelmäßig begleiteten. 

Mar e8 der Reiz der Ueberraſchung, oder das 
Originelle in der Weiſe des Sängers, der das Bruch⸗ 


*) Ruhe, mein Onäadiger! Gehen Sie mit Gott. 


— 4 


ſtück aus dem Meifterwerfe des berühmten und — 
zur Ehre des Greolifchen-Gefchmades fen es bemerkt 
— in Merito hoch beliebten Tonſetzers fo unvergleich⸗ 
lich a l’improvista gegeben hatte, bie Kavaliere ſpran⸗ 
gen wie von einem elektrifihen Funken berührt auf, 
und zwanzig Dublonen flogen ihm mit einemmale in 
die Manga. | U 

„Encoral Encora!“ riefen Alle. 

„Senoriad!u ſprach der Banquier, der allein mür⸗ 
riſch gehorcht hatte und nun unferem Aventurier näher 
trat, nich warne Sie, Senoriad! Ich erkenne in dem 
Caballero⸗ — er ſprach das Wort in einem ſpitzig 
wegwerfenden Tone — „denſelben Gentilhombre, *) 
dem. bie Alguazils fo eben auf den Ferſen waren, und 
der und dieſe ungebeienen Herren fehr leicht auf den 
Hals bringen dürfte!“ 

nBift Died, Gato, der den Alguazils die Nafe 
gedreht?u riefen Mehrere. 

Doch der junge Mann. hatte flatt aller Antwort 
mit dem Fuße geftampft, und, als wäre diefes Stam⸗ 
pfen ein Zauberſchlag, fo öffneten ſich zwei Flügel⸗ 


*) Gentleman, aber in einem tronifchen Sinne. 








—d 5 ⸗— 


thüren, gegenüber denjenigen, durch die er gekommen, 
und heraus traten vier Geſtalten, bie, fleiſchfarben 
ſeidene Masken auf den Geſichtern und eben ſolche 
Kleider auf dem Leibe, zwei herrliche, aber etwas 
üppige Tänzerpaure bildeten. 

„Senioras, por el amor de Dios!‘ warnte, bat, 
flehte und drohte der Banquier. 

Mit den vier Tänzern waren zwei Begleiter mit 
Gitarren gekommen, die fie nun anſchlugen. Diefes 
entſchied. Die Kavaliere, im Anſchauen der üppigen 
Umtiffe der herrlichen zwei Mäbchengeftalten verfun- 
fen, ſahen und hörten nichts mehr vom Banquier, 
der haftig und mürrifeh feine Gelbhaufen zufanmen 
fharrte, fie in einen Kaften padte und den Saal 
verließ, ald wenn der Feind ihm auf den Ferſen nach⸗ 
folgte. | 
Die Ouitarren hatten geflungen, die Tänzer ſich in 
Bewegung gefeht, die Caſtagnetten knackten darein, 
and nun führten Die zwei Paare einen Tanz auf, den 
ber ſtaͤrkſte Pinſel vergeblich in feinem raſenden Lie 
besentzücken zu ſchildern verfuchen: würde. Jede Bes 
wegung war reine Natur, Hingebung, hinfchmelzende 


— 6 


Luft. Sie begannen mit dem Bolero, *) und gingen, 
durch ein raſches Stanipfen mit bem Buße und ein 
Wirbeln der Arme in den Fandango über. Alles war 
Wolluſt, üppig glühende Wolluft, aber nicht jene grobe 
Wolluſt, unter der gewöhnliche Fandangotänzer ihre 
Ungefchieklichkeit zu verbergen pflegen. Die höchſte 
Poeſie dieſes zugleich üppigen und zarten Tanzes 
ſtellte fich in jeder Bewegung fo unnachahmlich er- 
greifend dar, daß die Kavaliere in ſprachloſem Ent» 
zücken mit lauten Ah's und Oh's! vorfprangen, ben 
aufgeregten Sturm tobender Leidenſchaft zu beſchwich⸗ 
tigen. — Sie prallten, als wäre ber Blitz vor ihnen 
in den Boden geſchlagen, zurüd. Ein widrig geſtöhn⸗ 
te8 Brr! tünte aus der hintern Ecke des Saales, und 
unterbrach plöglih und. graufam ihre Zauberbilder. 
Sie wandten fih nochmals nach dem Gegenſtande, 
der fie fo plöglich zurüdgefcheuht, und gewahrten 
eine Geftalt, die dad Erftaunen unferer Leſer Faum 
minder erregen dürfte, als ſie e8 bei den jungen Ka⸗ 
valieren gethan. 


*) Ein dem Fandango ähnlicher Nationaltanz. Die Bewegun⸗ 
gen find tafcher. 


. — A — 


Auf einer Ottomane, die im Hintertheile des Saa⸗ 
les ſich längs der Wand hinzog, lag halb und ſaß 
halb eine Geſtalt, deten Anzug einen Moslem bezeich⸗ 
nete, und zwar einen Moslem des höchſten Ranges. 
Sein Kleid war grün, ſein Turban gleichfalls; in 
dieſem Letztern glänzte ein Geſchmeide funkelnder Edel⸗ 
ſteine, das Alles übertraf, was in Mexiko dieſer Art 
bisher noch geſehen worden war. Dafür aber waren 
die Züge des Moslems wieder die zurüdftoßendften, 
die gedacht werden Eonnten. Eine niedrig zurückge⸗ 
bogene Stirne, mit blau grauen, tieren, gläfernen, 
und doch tüdifch lauernden Augen, in denen Treu⸗ 
loſigkeit und Grauſamkeit ihren Sit aufgefählagen zu 
haben ſchienen. Zwiſchen der-Stirne und diefen Aus 
gen neigte fid) eine lange Nafe raubthierartig zu einer 
Oherlippe herab, der Gefräßigfeit angeboren fchien, 
während die Unterlippe in äußerfter Erſchlaffung nie 
derbing; die Kinnladen dieſes haͤßlichen Gefichtes wa⸗ 
ren viereckig und lang, der Mund groß. Ueber das 
Ganze war ein Colorit ausgegoſſen, das ganz den 
tückiſch falſchen und widerlichen Zügen des Geſichtes 
entſprach und keiner Farbe angehörte. | 


48 e— 

„Por el amer de Dios!“*) ſchrieen unſere Kava- 
liere nun wirklich erihredt. „Por el amor! Was 
fol da8? Was hat dieß zu bebeniten ?« 

Sie näherten fi wieder furchtſam der ‚feltfamen 
Geftalt und fehrafen wieder zurück, als wenn in bie- 
fer Figur ein böfer Zauber läge. 

Neben ihr Enieten zwei andere Moslems, der Eine 
in einem blendend weißen, der Andere in einem grü- 
nen Turban. Ste hatten ihre Hände auf die Bruft 
gefaltet, und ihre Gefichter berührten beinahe den 
Teppich. 

„Brr!“ ftöhnte der Moslem, ſich verdriehlich auf 
der Ottomane dehnend, in einem Tone, der mehr dem 
Grunzen eines Borſtenthieres, als einer Menſchen⸗ 
ſtimme glich. Beide Moslems prallten auf die Seite, 
und erhoben ſich ehrfurchtsvoll, einen Schritt zurück⸗ 
tretend, ohne die Kavaliere auch nur eines Blickes zu 
, Würbigen. 

Die Neuheit diefer fonderbaren Seene ſchien Diefe 
fo fehr außer Faſſung gebracht zu haben, daß au 
fein Einziger ein Wort zu ſprechen wagte. 


*) Um Gottes Liebe willen. 





—— 19 > 


„Zil ullah I“ ſprach derWeißbeturbante, „Zil ullah! 
Seine Hoheit haben wieber gefprochen. Geſprochen, 
abet wie viel geſprochen?« feßte er troſtlos Hinzu. 
„Ben Haddi würde heute gern bloßen Fußes bie 
Wallfahrt beginnen —“ 

„Und Bultfbere,“ fiel ihm der Andere ein, „den 
ſchwarzen Stein von Ararat küſſen —“ 

nenn,“ begann der Erſtere wieder, „Seine Ho⸗ 
beit von biefem Uebel hergeftellt würde. Zil ullah! 
Drei Tage haben Ihre Hoheit meber von der Bohne 
von Mecca gekoftet, noch von dem glorreichen Safte, 
der die Gläubigen ſchon bei Xebzeiten in das Para⸗ 
Died verſetzt —“ 

„Noch von dem Safte, u fiel der Andere ein, „den 
uns Shiras in ſo reiner Süße liefert; noch haben 
die Hoheit die ſanften Liebkoſungen der holden Zu⸗ 
leima, noch die feurigen der raſchen Fatima begehrt, 
ſeit drei Tagen nicht begehrt. Was ſoll Alles dieß?“ 

„Es find Unverbaulichkeiten,“ ſprach ber Grüns 
beturbante. 

„Regierungsforgen,“ erwieberte der mit dem wei⸗ 
Ben Turban, „wir müffen ihn zerſtreuen. ‚Es find 


/ 


— 90 - 


frifche Alma *)- und Odalisken angekommen. Wir 
müffen ihn zerftreuen. 

Er näherte ſich fofort dem quaft Kalifen, denn dieß 
war der hohe Rang, den der fihende Moslem vor- 
ftellen follte, und nachdem er fih zur Erbe geiporfen, 
trug er die Bitte vor. Es folgte wieder ein Grunzen, 
das wie Zuſtimmung gelten Tonnte, worauf fich der 
Vezier freudig erhob, einen Schritt zurüd trat, drei⸗ 
mal mit dem Fuße vernehmlih, doch nicht zu heftig, 
flampfte, und dann mit feinem Gefährten in die Ede 
trat, um der fommenden Dinge zu harten. 

Zur Verwunderung unferer Kavaliere öffneten fi 
wieder die Flügelthüren, und vier Tänzerpaare tra- 
ten ein in fo glänzend prachtvollem Koſtüm, als 
ſelbſt dasjenige der Moslemin verbunfelte. Ihnen 
folgten vier rabenfihwarze Geftalten, von denen bie 
zwei Erfieren die ſpaniſch moriſche Guitarre trugen, 
die Dritte das oftindifche Tomton **) und die Vierte 
bie perftfche Flöte. 

Eine Weile ftanden die acht Figuren in ehrfurchts⸗ 


*) Türkiſche Tänzerinnen. 
**) Die oftindifche Trommel. 





—d 51 9 


vollem Harren, als wieber ein Brr ſich hören ließ, und 
der Kopf des Moslem, den wir befchrieben, ſich erhob, 
um das neue Schaufpiel feines Blickes zu würdigen. 

Ein Adagio der Guitarre, in melches das Tomtom 
wie das entfernte Rollen bed Donners einfiel, all» 
mäblig ftärfer und flärfer werdend, eröffnete ben 
Tanz. Dann fielen die Caftagnetten anfangs ein» 
zein knackend ein, und endlich erhob ſich der Floͤte 
fanfter Ton, das Ganze zur Harmonie verbindend. 
Gerade fo hatten ſich die Tänzer geformt ; anfcheinend 
kunſtlos und ganz Natur, verfehmolzen fie allmählig 
in die jhönfte, üppigfte Tänzergruppe, mit ihren 
bunten Schleieen Regenbogen bildend, hinter welchen 
bie ſchwellenden Geftalten wie Houris hervorlädel- 
ten. Aller Blide waren bloß auf den befchriebenen 
Moslem gerichtet. Bald ging dad Adagio in das 
Allegro über, die Bewegungen der Tänzer wurden 
raſcher, ihre Geberbenfprache lebendiger, das Spiel 
ihrer Glieder üppiger, wollüftiger ; mit jedem Caſtag⸗ 
nettenfnade wurden fte feuriger, verlangender ; Aller 
Blicke, Aller Bewegungen ſchienen nur auf den 
Kalifen gerichtet zu feyn, die Eines Paares audge- 
nommen. Es war die zartefte ber vier Mädchenge⸗ 


—d 52 — 


falten, die, von einem Perjerkrieger verfolgt, Diefem 
im Tanze zu entfliehen firebte. Bewunderungswäürbig 
Jößten fich Diefe zwei Geftalten aus dem Kranze, 
um eine Weile ihr eigened Spiel zu verfolgen. Die 
Fliehende glitt fo fehnell, und ihre Bemegungen waren 
fo eigenthümlich zart und yeizend, daß der Kalif meh⸗ 
reremale bie Augen weit: öffnete und laut ftöhnte. 
Bei jeder folchen Bewegung fehlen der Schmerz des 
armen Perferd bid zur Verzweiflung zu fteigen, und 
ein lautes Bravo entfuhr den fammtlichen Kavalie⸗ 
ten; nur den Kalif ſchien biefe Kunft der Sinnes⸗ 
Juft ungerührt zu laſſen. Cinigemale ftierten feine 
Augen, und e3 ſchoß ein Strahl des Verlangens 
daraus hervor; aber fehnell verflegte wieder der ſchwach 
auflodernde Funke, den jelbft des Perfers Triumph 
über die nur ſchwach widerſtehende Geliebte nicht 
wieder aufregen zu können fchien. Das Ganze war 
fo finnenfißelnd, dag Keiner unferer Kavaliere e8 
Jänger auszuhalten vermochte, und Alle mit glühen- 
den Gefichtern der Thüre zuftürzten. 

„Brr,“ flöhnte er wieder mit derfelben Ereifchend 
grungenden Stimme. „Und Ihr nennt das Zeitver- 
treib, was wir taufenb und abermal tauſendmale ges 


3 


fehen haben? Ein Holländer Fönnte auswachſen wie 
feine Zwiebel. Beim Barte des Propheten!“ rief er 
heftiger. „Vezier, fo wir Beute keinen Schlaf, und 
morgen feinen Appetit haben, fo haft Du die Schnur, 
und Deine Almas ſtecken auf Pfählen.“ 

Der Bezier ftand ſprachlos ob diefer Drohung, der 
Emir mit weit aufgefperrtem Diunde, bie Tänzer und 
Tänzerinnen wie angezaubert feſt gebannt in berfelben 
Stellung, in der fie waren, als die Donnerworte 
gefprochen wurden; Eine der Bajaderen hielt Ihr Füß- 
hen in wagrechter Lage, fo daß die Zehenfpike in 
den offenen Mund ihres Tänzers zu ruben kam; eine 
Zweite Hatte in der Verzweiflung ben ihrigen in der 
Falte des Gewandes des Emird verloren, der, vor 
Schmerz aufs und abrennend, fie nun auf dem ihr noch 
gebliebenen Fuße mittanzen ließ; Alle druͤckten Schrecken 
und Entfegen fo unvergleihlich natürlich aus, dag 
der Kalif auf einmal ins Lautefte Gelächter ausbrach. 

„Beim Barte des Propheten!« rief er mit demſelben 
widerlichen Gelächter: „Wir Haben große Luft Dir den 
Kopf, Vezir, wirklich abſchlagen zu laffen, um biefe 
Scene nochmals, und wo möglich in verftärkter Natür- 
lichkeit, zu genießen.“ | 

Der Virey. L 5 


—d 5 > 


„Allah Akbar!‘'*) riefen Vezier und Emir, und 
Tänzer und Tänzerinnen: Und Alle brachen in laute 
Lobpreiſungen der. Gnade Allahs aus, der fo große 
Wunder durch feine Sklaven gethan, und ein Lachen 
hervorgebracht; das die Hoheit erquict hatte. 

Diefer' einftimmige Beweis von Unterthanenliebe 
ſchien dem Kalifen wohlgefällig zu feyn. Er nidte, 
und der Emir, durch dieſes Beifallszeichen aufge 
muntert, wagte es näher zu treten. 

„Wir wollten nur unmaßgeblich;“ hob er an —— 
Beim Barte des Propheten!“ unterbrach ihn der 
Kalif: „Wir wiſſen, was Du jagen wilfl. Bir 
brauchen dea Vezier, fo wie wir Blutigel brauchen, 
um angefeßt zu werben, imo überreiches oder verbor- 
benes Blut vorhanden. Ich habe gedroht, Einem die 
fer unnügen Tänzer — — Was meinft Du, Schredien 
würde fie Springen machen? « 

nBerzeihung, Hoheit! würde fie fiherlich erlahmen; 
vielmehr einem Schweinc aus dem Haufen, Volk ge⸗ 
nannt, — — « 

„Oder Einem, der Zechinen befitzt ;u ſchaltete der 


) Gott ift groß. 


1 5 


DBezier ein: „Die Schapfammer Deiner Hoheit ift 
fehr Teer, und dieſe Almas find. arm wie Kirchen⸗ 
mäufe ber Giavurs, und nügliche Diener des Staates, u 

n Beim Barte ded Propheten, Du fagft recht, fie 
find nützliche Diener des Staats;« bekräftigte der 
Kalif, feinen Unterleib flreihend, „und fle mögen 
unferer Hulden und Gnaben verfihert feyn. Kaffe 
alfo einen paar Dugend aus einem der Befeftans die 
Köpfe abſchlagen, und ihre Zechinen .diefen armen 
Teufeln zur Hälfte zu Theil werden. « 

Ein leiſes Tappen an ber Thüre ſchien beſcheiden 
um Eirlaß zu bitten. Der Vezier hatte fie geöffnet, 
und fam mit ber Nachricht zurück, dag der Ober⸗ 
Emir die Gnade einer Audienz begehre. 

„Wieder Regierungdforgen, und nicht? als Re⸗ 
gierungsforgen;“ brummte der Kalif, und ließ das 
Haupt finken wie zur Ueberlegung; dam bob er es 
mürrifh und ſprach: „Es fey, wir wollen den geift« 
lihen Oberhirten unferes Reiches empfangen. Ent⸗ 
fernt Euch ſchnell und tretet ab; denn nicht geziemt 
es fih, daß wir den Ausleger des Korans in derlei 
fletfehlicher Gefellfchaft empfangen.“ 

Tänzer und. Muflfer traten nun in den Hinter- 

5 ® 


grund, ſchoben die Kavaliere gleichfalls in dieſen zu⸗ 
rück, und erwarteten mit gefalteten Händen den Ober⸗ 
Emir, der glei) darauf gefenkten Hauptes herein kam 
und, nachdem er vor den Kalifen getreten, mit feinem 
Geftchte den Teppich berührte. 

nEntledige Dich Deiner Worte, maßen wir fo eben 
in hohen Regierungsangelegenbeiten begriffen gewe⸗ 
fen; aud) der Zuftand dieſes unſeres Leibes — “ 

„Bismallah !* *) Sprach der hohe Priefter zum Höch⸗ 
ſten der Moslemin: „Wir Haben Gebete ausgeſchrieen, 
audrufen laſſen von allen Tempelzinnen; befohlen, 
daß die Gläubigen ſich mit Staub betreuen. Wir 
haben Männer aufgenommen, die heilige Wallfahrt 
zu thun, und den ſchwarzen Stein von Ararat zu 
küſſen, um biefes Eörperliche Uebelbefinden Deiner 
Hoheit — u 

"Du baft wohlgethan, Ober-Emir;“ fprach der 
Kalif. 

„Nicht der Welt, das mehr. denn die Sonne durch 
feinen Glanz erhellt, « fuhr der Ober-Emir fort, „wir 
haben auch in Anbetracht des großen Uebels, das 


*) Im Namen des Herrn. Unfangsworte der Kapitel bed 
Korans. 


— 7 — 


dem Reiche erwachfen würbe durch dieſes Uebelbefinden 
Deines Leibes, in dem Buche, das uns flatt aller 
Weisheit der Giaours dient, nachgeſchlagen, und 
barinnen gefunden, daß Harun al Rashid von einem 
ähnlichen Lebelbefinden heimgeſucht warb, welches 
Mebelbefinden er ſich ohne Zweifel durch übermäßige 
Anftrengung in Erfüllung feiner Herrfcherpflichten 
zugezogen — 4 

„Halte ein, Dber-Emir!« donnerte ihm der Kalif 
zu: „Halte ein, und wäge Deine Worte, bevor Du 
rebeft. Herrfcherpflichten fagft Du? Herrſcherpflich⸗ 
ten? Wer hat Pflichten? Gewürm, foldhes wie Du, 
das wir aus dem Staube gehoben haben, hat Pflich- 
ten; wir aber haben weder mit ſolchem Gewürm, noch 
mit Pflihten etwas zu thun; wir, der Vikar des 
Propheten. Unſer Vergnügen ift Euere Pflicht, und 
unfer Wille ift Euer Gebot.“ 

„Dhne Zweifel, ohne Zweifel, Licht der Welt! 
verbeflerte fih der Ober-Emir. „Dein untermürfiger 
Sklave wollte fügen, Vergnügen. Wohl, ald Harun 
al Rashid fih im ähnlichen Betrübniffen befand, 
welche er ſich zweifelhaft zugezogen burch übermäßige 
Anftrengungen in VBergnügungen — — 4. 


— 5 ⸗— 


„Sklave,“ brach der Kalif wieder aus, „fpotteft 
Du unfer, fagend, dag Harun al Rashid, unfer 
glorreicher Vorfahr, ſich übernommen habe in Vers 
gnügungen, fo darauf anfpielend, daß auch wir und 
übernommen haben? Werfen wir uns nicht täglich 
neunmal Neunmale, dad Angefiht gegen Mekka ge: 
fehrt, zur Erde? Haben wir nicht noch geftern an 
zwanzigmal unfern Namen unterfehrieben, verbam- 
mend diejenigen ungläubigen, räudigen Hunde zum 
ode, die gottesläfterlih von und, dem Vikar des 
Propheten, geſprochen, und im Quartier Befeflan 
gegen unfere geheiligte Berfon geläftert haben, fagend 
— was fagten die Hunde? — Haben wir nicht Ber 
fehl ertheilt zu hängen, zu fpießen, zu vertilgen wie 
[häbliches Gewürm alle Diejenigen, die da zweifeln, 
bedenfen oder überhaupt denken? Haben wir nit 
diefen Befehl überall verkünden Taffen zu bed Pro⸗ 
pheten und unjere eigenen Namens größerer Ehre?« 
Der Kalif hielt inne. Auf einmal wandte er fich zum 
Emir: „Und nun fage an, was Harun al Rashid, 
unfer glorreicher Vorfahr, gethan, wenn er von Trüb⸗ 
falen, gleich uns, heimgefucht worden!“ 

„Bismallah !‘* begann der Priefter: „Wenn Harun 


59 — 


al Rashid betrübt war, in der Art, wie es Deine 
Hoheit ift, jo bat er mit dem Buche, welches wir mit 
und gebracht und aus dem, wenn es Deiner Hoheit 
beliebt, Du erfehen Eannft und felbft Iefen — # 
„Wicht, elender Wicht!« brauste der Kalif wieder 
auf, und warf einen Blick der tiefften Verachtung 
auf den Sprecher und fein Bub: „Warum Halten 
wir Dich und Deine Gleichen, wenn e8 nicht if, 
Dasjenige für ung zu thun, was felbft zu thun unter 
unferer Würde wäre? und ift Leſen von Büchern 
nicht unter unferer Würde? und enthalten Bücher 
nicht die Gefinnungen von Böfewichtern, da fie über 
Dinge reden, welche fie nichts angehen, und die auf 
alle mögliche Weife zu vertilgen wir uns vorgenom⸗ 
men und Befehl gegeben haben! ‚Haben wir nicht 
die Seidenſchnur zu reichen befohlen allen Denjenigen, 
von welchen verlautet, daß fie berlei Bücher nicht 
Bloß jchreiben, fondern nur leſen? Haben wir es 
nit zur Bebingung unferes Wohlgefallend gemacht 
für alle unfere Getreuen, nicht zu lefen, nicht den 
Kopf mit Dingen zu befehweren, die Böfewichter Auf- 
" Märung beißen, und welche nur dazu taugt, ihnen 
die Köpfe zu verwirren? Haben wir nicht deßhalb 


— 0 — 


ausbrüdlich eine Schar von Müßiggängern an unfern 
Hof genommen, von denen Du dad Oberhaupt bift, 
und die flatt unſeres ganzen Volkes Iefen und denken 
müfjen und ſollen?“ | 

„Und warum jollte das Licht der Sonne, « ſprach 
der Ober⸗Emir, „Er, den alle Weisheit unter der 
Sonne erhellt — — 4 

Der Kalif ſah wohlgefällig auf: „Beim Barte bes 
Propheten! Du haſt ein wahres Wort geſprochen. 
Uebel würde es dem Imaum al Moslemin*) anſte⸗ 
hen, zu leſen, und ſich um die Geſinnungen und Ge⸗ 
danken von Euch Gewürm zu bekümmern. Doch 
laſſe uns Hören, maß unſer glorreicher Vorfahr ges 
than, wenn er in einer aͤhnlichen Beirübniß geweſen.“ 

Der Ober⸗Emir, der auf den Knien gelegen, rich⸗ 
tete fich nun zur Hälfte auf und ſprach: 

„O Dul der Du allen Völkern als die Wonne der 
Seele gegeben bift, mie fol ich meine Bewunderung 
binlanglich ausdrücken, um Deine hoben Eigenfchaf- 
ten würdig zu preifen — — 4 

„Halt ein einen Augenblick, Ober-Emir;“ fiel ihm 
der Kalifein. „Du ſollſt und mußt wiſſen, daß uns an ’ 


*) Haupt ver Gläubigen. 





61 — 


Deinem Preiſen und Deiner Erkenntniß unſerer guten 
und hohen Eigenſchaften nichts gelegen iſt, und daß 
Dein Preiſen ſtinkt in unſerer Naſe und übel klingt 
in unſern Ohren, und ganz und gar werthlos iſt. 
Unterwuͤrfigkeit und blinden Gehorſam fordern wir, 
das iſt Alles, was wir brauchen. Es geziemt ſich 
nicht für ſolches Gewürm, das wir aus dem Staube 
gehoben und wieder in den Staub zurückwerfen kön⸗ 
nen, zu und aufzublicken, mit dem Vorhaben, unſere 
guten Eigenſchaften auszufpähen, bei fothaner Aus» 
fpahung leicht auh — — 4 Der Kalif wollte wahr⸗ 
ſcheinlich jagen, unfere böfe Eigenſchaften, — hielt 
aber inne. 

„Du ſollſt,“ fuhr er ſich verbeflernd fort, „zu un 
aufbliden, wie Du zur Sonne aufblideft, in der Du 
weber Gutes noch Böſes, Schädliches noch Unſchäd⸗ 
liches fiehft, die Du nur fühlft in.ihren Wirkungen, 
Segnungen, Zerftörungen; fo ſollſt Du zu und empor» 
blicken. Und nun fahre fort und zu fagen, was Harun 
al Rashid gethan, menn er in folhen Trübfalen 
befangen, in welchen wir gegenwärtig find.“ 

„Allah Akbar! Sarun al Rashid, wenn behaftet 
mit dem Uebel, über dad Deine Hoheit Elagt, hatte 


— 62 8 


die Gewohnheit, ſich in allerlei Trachten zu verflei- 
ven, als da find die der Kaufleute und Soldaten und 
Seeleute und — — 4 

„Wir wiffen,“ flel ihm der Kalif ein, „und ob⸗ 
wohl wir ſehr geneigt find, unferm glorreichen Vor⸗ 
fahren in Allem nachzuahmen, wenn dieſes nicht zu 
viel Anftrengung unferm Geift und Körper auflegt, 
fo zweifeln wir doch, ob gegenwärtig wir — — 
Wiſſe,“ fuhr er, in einem leifern Tone fort, „daß 
zwar Harun al Rashid unfer Vorfahr, daß aber 
unfer hochherrliches Blut, Dank ſey es der Quint⸗ 
eſſenz unſerer Vorfahren, immer reiner, geiſtiger, 
ſelbſt als das Haruns al Rashid, geworden. Wir 
können uns daher unmöglich herablaſſen, Harun al 
Rashid nachzuahmen in dieſem Punkte. Wie,“ hob 
er wieder an, „wir ſollten uns herablaſſen, unter 
die ſchweiniſchen Haufen, Volk genannt, uns zu 
mengen, und unfere Geruchönerven dur) ihren Zwie⸗ 
bels und Knoblauchgeſtank beleidigen laſſen, dieſes 
Aggregat von Unflat!« 

„Aber um Deine Hoheit zur Duinteffenz alles 
Defien, was rein geiftig und hoch ift, zu machen, 
muß da das Wolf, oder wie wir es nennen, ber 


63 ⸗— 


ſchweiniſche Haufe, nicht Aggregat des Unflats wer⸗ 
den? Steht es nicht im Koran, daß der Menſch einen 
Funken des göttlichen Geiſtes habe? aber ſteht es 
nicht auch in dem Buche, in dem die Erfahrungen 
Harun al Rashid aufgezeichnet ſind, daß der Führer 
der Gläubigen, der Vikar des Propheten, die Funken 
wie in eine Sonne ſammele?“ 

„Wahr ſprichſt Du;« verſetzte der Kalif; „wir, 
haben alles Geiſtige und alle Materie aus unſerm 
Volke fo ausgeſogen, und zur Quinteſſenz in uns 
ſelbſt umgewandelt, daß unſer Volk num ganz und 
gar Schweine find." | Zn 

„Zil Ullah'!“ rief der Ober-Emir, deſſen Blide 
fi zur Thüre wandten. 

„Und nicht nur deßhalb,“ fuhr der Kalif fort, der 
fih durch dieſe Bewegung nicht ftören ließ, „fondern 
auch weil und unfer Bruder auf ditfes Schloß, das 
Einem feiner erleuchtetften Getreuen gehört, verfekt, 
und und mit aller Fürforge umgeben, können wir dem 
Beifpiel Harun al Rashid nicht Folge leiſten.“ 

„Es wundert mich doch,“ flüfterte der Emir in ber 
Ede dem Bezier zu, „daß die Hoheit, Die, unter un ge 
fagt, die lügenhafteſte Hoheit ift, die je über die Gläu- 


— — 
digen geherrſcht, folchen Abfcheu vor den ſchweiniſchen 
Haufen Hat, fie, die fih mit allen liederlichen Dirnen 
in den Straßenwinkeln und an Brunnenecken herum⸗ 
gewälzt.« 

„Hush!« warnte der Emir, w aus Du, Dein 
Genick fey von Eifen? Tennft Du die Launen eines 
Kalifen fo wenig — — “ 

„Nein,“ befehloß der Kalif, „wir wollen ein dem 
Propheten wohlgefälligeres Werk thun, und zwar 
wollen wir beginnen, mit eignen Händen’ das zwölfte 
Unterrödchen für die Mutter deflelben zu Tage zu 
fördern, auf daß fie mit jeden Monate wechfeln kann.“ 

Schon mehrere Male war an den Flügelthüren 
des Haupteinganges zum Saale ein Geflüfter zu hören 
gewefen, das die Anmefenheit von Horchern verrieth: 
ein Umftand, der die Hälfe der kecken Nepräfentanten 
des Kalifats in Gefahr bringen fonnte. Ohne ſich jedoch 
durch .diefe Anzeichen von Spürhkunden flören zu laſ⸗ 
fen, hatten die Moslemins fortgefahren ihre Rollen zu 
fpielen, und der Kalif erhob ſich mit all der Würde und 
ftoifchen- Hoheit eines morgenlänbifchen Beherrfchers, 
feinen beiſtehenden Dienern nochmals verkünbend, 
wie er Großes thun, und das zwoͤlfte Unterröckchen 





{5 


mit eigener Sand für die Mutter des Propheten fer⸗ 
tigen wolle. So war ber Zug: zur Thüre gefehritten ; 
ala Einer der Kavaliere aus dem Erſtarren, in wel⸗ 
ches Alle Diefer merkwürdige Auftritt: verfegt hatte, 
erwachend, ploötzlich auffprang, dem Kalifen ins Ge⸗ 
fit ftierte, und mit den Worten „Por el amor de 
Dios! Fernando el Rey!‘‘*) wieder zurüdpralite, 
nochmals vorlief und, Halto traidor**) ſchreiend, ben 
Kalifen zu erfaffen ftrebte. Selbſt in dieſem gefähr- 
lichen Momente vergaß Diefer Die angenommene 
Würde nit. Einen Bli hoher Geringſchätzung | 
warf er auf ben Jüngling, und ſchritt dann zu ber 
Thüre hinaus, während der riefige Emir den Creolen 
erfaßte, wie eine Weder aufhob und, ihn weit in den 
Salon zurüdfchleudernd, die Thüre zumarf. 

No ftanden die ſämmtlichen Kaväliere in Schreden 
und Staunen verfunfen, als die.andern Flügelthüren 
frachend aufgerifien wurden, und mehrere Alguazits 
bereinftürzten, wüthende Blicke in dem Saale umher⸗ 
warfen, und als fie die Gegenftände ihres Suchens 


*) Am. Gotteswillen! Ferdinand ber König. “ 
»9) Halt Verräther! 


x 





—, 06 ⸗ 

nicht ſahen, unter lauten Flüchen und Verwünſchun⸗ 
gen burch die zweite Thüre rannten, durch welche bie - 
feltfamen Atteurs verſchwunden waren, und meiter fort 
von Saal zu Saal, laut ſchreiend: Tiendo te traidor, 
Tiendo, tiendo vos traidores.*) Im wirthenden 
NRundlaufe wareı fie wieber in den Saal gefommen, 
wo bie Edelleute, ſprachlos und bewegungslos, noch 
immer ſtanden. 

„Todos diablos!“*) ſchrie Einer der Häfcher, der 
zum Fenſter gerannt war: „Sie find in den Patio **) 
hinab, acht Varas***) hinab; Demonio!“ F) brüflte 
er mit einer Wuth, bie ihm ben Geifer aus dem 
Munde trieb. 

„Und Ihr, Eaballeros!u TF) ſchnaubte er unfere 
Kavaliere an, denen diefe Scene nun erſt vollends 
die Bedeutung der beifpiellos kecken Pasquinade fund 


*) Ich halte dich, ich habe euch Berräther. 
*) Alle Teufel! 
“) Hoſcaum. 
+++) Merifanifche Elle. 
7) Teufel! ein etwas gelinderer Fluch als Diablo. 
tr) Hier wird es im farkaftifchen Sinne gebraucht, fo wic 
bieß Häufig der Fall iſt. 


—9 67 — 


gethan, und die athemlos, bleich und zitternd ſtanden. 
„Und Ihr, Gaballeros!s schrie er mit gellender 
Stimme, „bat es Euch beliebt, mit dem geheiligten 
Namen der Majeftät Euern Spott zu treiben?« 

„Don Battifta, bei unferee Ehre! Wir wiſſen 
nicht, wir wußten nicht — — “ 

„Bei unferer Ehre,“ donnerte ein zweiter Säfger, 
„Ihr ſollt ed bezahlen, bezahlen mit Euern Köpfen, 
Kunde von Creolen.“ 

„Don Jago!“ riefen die empärten Kavaliere dro⸗ 


hend. „Auf unfere Ehre — — u. 
„Auf unfere Ehre,“ überſchrie fie der Alguazil, 
„wären wir Virey — — 4 


„Was nicht ift, kann ja werden! Ihr feyd ein ger 
borner Gachupin,“ ſchrie Einer der Kavaliere mit 
hitterem Spotte. 

„Wir find ein Spanier, und Ihr ſeyd nur elenbe 
Creolen; elende, elende Creolen; y basta!‘‘ *) 

Selbft die Geduld des Schafes hat ihre Gränzen, 
und fo auch die unferer Greolen. Die Kavaliere 
ſprangen Alle auf einmal wie rafend auf den Alguazil 


*) Und das iſt genug. | 


— 8 ⸗— 


108; doch Dieſer hatte den Ausbruch des Sturmes vor- 
gefehen, und war mit Einem Sage zur Thüre hinaus. 

Hunderte von Ereofen der Mittelflaffen, Meſtizen, 
Zambos und Spanier hatten fih vor ber Thüre ge- 
fammelt, und flanden, ohne jedoch für'die eine ober 
bie andere Partei auch nur ein Wort zu verlieren. 
Unfere Kavaliere ſelbſt ſtarrten fich noch eine Weile 
an, und dann, als entfeßten fie ſich vor ihren eigenen 
Geftalten, verſchwanden fie haſtig durch afle Thüren. 


„Da gehen fie, bie glorreichen Sprößlinge des 
verdorbenſten Bluted, das in Mexiko rinnt, fünf ober 
ſechs ausgenommen,“ flüſterte zwei Minuten nach 
dieſem Auftritte derſelbe Pedrillo, den wit der Rollen 
ſo viele ſpielen geſehen haben, und der, bereits wieder 
ins Unkenntliche metamorphoſirt, vor dem Thore des 
Hotels ſtand. 

„Thut mit dieſem adelichen Blute,“ fuhr er brum⸗ 
mend fort, „was Ihr wollt, kitzelt ſie, wie Ihr wollt; 
wenn es nicht eine Tänzerin iſt, fo hilft Alles nicht.“ 

„Biſt Du des Teufels!« entgegnete ihm fein Ge⸗ 
fährte, „Dich da Herzuftellen, kaum zwei Minuten nach⸗ 


60 ⸗— 


dem Du der Nobilitad *) und den Alguazils eine 
ſolche Nafe gedreht? Bel meiner Seele, ich ſehe Dich 
noch, ehe das Jahr um vier Wochen älter iſt, auf 
der Veracruz⸗Esplanade **) dem Verdugo zum Ka⸗ 
ballito dienen. ***) 

nPBah! Eure Alguazils, elende Kerls! zu Inquis 
fitions-Yamilfard}) gut -genug; aber zur höhern 
Spionerie — ja, wären es Franzoſen, das find Dir 
Keris! In Kuba kannſt Du ihrer ſehen; aber dieſe 
Spanier müſſen erſt ein Vierteljahrhundert abgerich⸗ 
tet werden. Wollen auf die Plazza. Iſt hohe Zeit.“ 

Und mit diefen Worten - fchritten die Beiden recht 
gemachlich der Plazza Mayor tf) zu. 


*) Hoher Abel. 

”) Der Richtplag von Mexiko. 
>) Dem Berbugo zum Kaballito dienen. Verdugo iſt ber 
Henker, Raballito das Pferdchen; in Mexiko werden jene Berg⸗ 
leute fo gebeißen, auf deren mit Sätteln verfehbenen Rüden 
Mineros und Sotomineros (Beamte) die Schachte hinabs 
und auffteigen. Da nun bei ben Hinrichtungen in Mexiko 
der Scharfrichter fich dem Gchängten auf die Schulter Test 
fo ift das Sprichwort „dem Verdugo zum Kaballito dienen“ 
mit „gehängt werben“ gleichbedeutend. 

+) Ein Säfcher, Spion. 

++) Der Hauptplap von Mexiko, ven der Palaft des Vice⸗ 
Königs und bie Kathebrale mit antern Prachtgebäuden zieren 


8R 


Der Viren. J. 6 





Drittes Kapitel. 
Sarpanapal. Sprachrohr ver Empörung! Du follft 
Zum mindeſten vie Strafe des Verraths 
Erfahren, obgleich pu nur fein Anwalt!— 
Pania. . . Nichab ich dein Geheiß 
» Mit größ’rer Luſt erfüllt, als jest. 
Byron. 
Meriko ift eine jener Städte, die weniger durch bie 
Pracht und Menge ihrer Paläfte und öffentlichen 
Denkmäler, als durch ihre Lage, dem Blicke des fie 
Betretenden imponiven und umvergeßlich werben. 
Diefe Lage ſelbſt Hat wieder, an fich genommen, fehr 
wenig Bortheilhaftes; ein bizarrer Geſchmack und 
eine eigenfinnige Laune hat den Negierungsfig eines 
ungebeuern Reiches, f o ganz allen Negeln einer wei⸗ 
fen Politik und-felbft bes gefunden Dienjchenverftandes 
entgegen, fo vorfäglich in einen Sumpfboben und in 
die Nähe mehrerer gefährlicher Seen hineingezwängt, 
um abgeſchloſſen von aller Welt alljaͤhrlich der Ge⸗ 
fahr einer Ueberſchwemmung und früher oder fpäter 
ber Zerftörung preißgegeben zu werben, baß nur ber 
unbeſchreibliche Reiz der Umgebungen mit dieſen grel⸗ 
len Uebelſtänden einigermaßen vorſohnen kann. Wirk⸗ 





— 71 6 


Yich übertreffen aber diefe Umgebungen auch Alles, 
was an Grandioſem je gefehen oder gedacht werben 
mag. Es erhebt ſich nämlich Die Stadt, nördlich vom 
Ser Chaleco und weftlih vom Tezcuco — und den 
obern ‚Seen, in Form eines Parallelogrames, das 
von gerablinigen Straßen durchſchnitten wird. Die 
Häufer diefer Straßen würden wir niedrig nennen, 
da fie fich nicht Häufig über ein Stockwerk erheben; 
aber dieſer einförmige Anblick wird reichlich, ſowohl 
Durch ihre Farbenmannigfaltigkeit, ihre glänzenb- 
geſchmackvollen Balkone, die prachtvollen Blumen⸗ 
gärten auf den Terraſſendaͤchern, vorzůglich aber durch 
die Großartigkeit der vielen Regierungspaläſte and 
Öffentlichen Gebäude und zahlreichen Kirchen gehoben, 
und fo der Einbrud der Negelmäßigkeit und Einfach 
heit in's Impofante gefteigert. Was jedoch Mexiko 
den Vorrang vor jeder andern Binnenland⸗Hauptſtadt 
zufihert, find ihre einzig. prachtuollen Umgebungen, 
oder vielmehr Eontcafte. Die großen Waffermaffen 
der fünf Seen, die diefe Stabt im Süden, Often und 
Norden umglänzen, bie herrlichen Sruhtgärten, mit 
allen europäifchen und tropifchen Früchten und Blu⸗ 
men buftenb, find nicht malerifher, als die rauhen, 
6* 


— N2- 


nadten, von aller Vegetation entblößten Porphyr⸗ 
und Baſaltgebirge, die dieſe Stadt in der Entfernung 
von fünfzehn bis zwanzig Meilen, und doch ſcheinbar 
ſo nahe umgeben, daß das Auge keinen Zwiſchenraum 
zwiſchen ben Haͤuſerreihen und den Felſenklüften ſieht. 
Die außerordentliche Reinheit des Atmofphäre wäh- 
reud der trockenen Jahreszeit bringt nämlich die Fel⸗ 
fenfetten des Tenochtitlan⸗Thales *) und ſelbſt die 
entfernteren ſchneebedeckten Rieſenkuppen des Itztac⸗ 
cihuatl und Popocapetetl **) dem Auge fo nahe, daß 
fie allen Geſetzen ber Optik zu fpotten feheint, und 
einen Contraſt bildet fo prachtvoll exotiſch, daß ſich 
der Beſchauer in eine neue Welt hineingezaubert 
glaubt. | 


Die Sonne neigte ſich bereits zum Untergange, als 
die beiden waghalſigen Abenteuerer, ſchlendernd durch 





*) Die alte Benennung “ Ihales von Meriko von ben 
Tenochken. 

») Die Kuppen dieſer ehemals feuerſpeienden Berge, vor 
denen ber erſte über 45,000, der andere über 17,600 Fuß über 
ber Meeresfläche fich-erheben, ragen auf allen Seiten über vie 
das Thal umgebenden Bafaltgebirge hervor 





—dH 73 = 


mehrere Strafen, in der obern Sun Agoſtinogaſſe 
anlangten, um in die Plazza Mayor einzulenten. Ein 
gewaltiger Lichtftrom, der die ganze ſchnurgerade, 
meilenlange Straße plöglich aufhellte, blendete ihre 
Augen, indem er bie ganze Öftliche Reihe der Häufer 
in taufend phantaftifchen Geftalten vor ihren Blicken 
ſchwirren ließ, während bie weftliche bereits in die 
Dämmerung binübergraute. Die grünen, gelben, 
bfaßrothen, Tichtblauen und wieder al fresco bemal⸗ 
ten, oder mit Porzellain uͤberkleideten Häufer fchienen 
in ben zitternbden Strahlen der Abendfonne eben ſo⸗ 
wohl zu tanzen, al8 die bunten Haufen, die laͤrmend 
und tobend aus den untern Theilen der Stadt herauf 
ſchwärmten; Ströme von Wohlgerüchen, die aus ben 
taujend Blumenvafen und den Gärten der Dächer ſich 
in der Abenbluft entwidelten, fteigerten den Sinnen⸗ 
raufch zur Betäubung. Bon dem äußerſten Ende der 
Straße her funfelten in der Abendfonne die glänzen- 
ben Porphyrmaffen der. Gebirge Tenochtitlans her⸗ 
über und ſchloſſen ſich gewiſſermaßen an die Häuſer⸗ 
reihen gleich ungeheuern Wällen glühenden Erzes an, 
das im Guſſe fortſchwillt. Ferne her glänzte der 
Itztaccihuatl, mit feinem ſchneebedeckten Haupte einen 





— 7 


Strom von Licht Über die ungeheuern Porphyrmaſſen 
gießend, bie zu feinen Füßen liegen. Die Abendſonne 
hatte nun diefen Scheidepunkt der Grängberge Tenoch⸗ 
titlans berührt und die entzückende Scenerie hervor- 
gebracht. Die beiden Wanderer ftanden in ſprach⸗ 
‚Iofem Anblicke verloren. 

„Carracco tet rief Pedrillo endlich, und feine Bruſt 
ſchwoll fichtlich von jenem tiefen Entzüden, mit dem 
der Sübländer die herrlichen Naturfcenen ſeines Lan⸗ 
des fühlt: „Carraco! que bella 'y hermosa nuestra 
Ciudad! el gefe de todo elmundv. Ah, Mexico 
por siempre!“"*) 

„Ah, que bella y hermosa!‘‘ fpottete fein Ge⸗ 
fährte, indem er auf die zerlumpten Volkshaufen deu⸗ 
tete, die, untermengt mit reich gekleibeten Männern 
und Damen,’ nun ftärfer und ftärfer in die Plazza 
zu firömen anfingen, unter Diefen ein zahlreicher 
Schwarm von Indianern, die vom Veracruzthore 
berabfamen, und bei deren Erfcheinen unfer Pedrillo 
mit den Zähnen knirſchte, und dann, gleihfam ald 
wäre er nicht fähig, dem edfefhaften Anblick zu er⸗ 





*) Ale Teufel! Wie ſchön, wie herrlich iſt unfere Statt, 
. das Haupt ver gamen Welt! Merifo für immer! 





75 


tragen, ſeinen Gefährten anfaßte und ihn mit fich der 
Plazza zu fortriß. 


Der Indianer, deren Anblick unfern Pedrillo fo 
fehr aus feinen Träumen gefhüttelt, mochten einige, 
Taufend ſeyn, meiftens alte Männer, Weiber und 
Kinder. Ihr troftlofes Wefen verrieth herbe Drang- 
ſale, gänzlihe Ermattung und eine lange, mühevolle 
Wanderung. Die Weiber hatten wenig mehr am 
Leibe, ald Fetzen von ſchwarzen, groben Wolldecken, 
in beren Löcher fie die Köpfe geftgk hatten, fo daß - 
die Nefte flackernd um ihre haäßlichen, nackten, ver- 
dorrten Leiber hingen. Auf ihren Rücken hockten die 
Säuglinge, während die erwachſeneren Kinder ganz 
nackt neben den Müttern einher liefen und ſich an 
ihren Lumpen feſthielten. Die Männer hatten Fetzen 
von Magueyleinwand *) oder auch fogenayate Pa⸗ 
nos **) um ihre Senden, fonft aber feine Kleidung, 

2) Maguepleinwand wird ‘von ben beiden Species ber 
Quesplotichtlis Aloe gewoben. Bei Zubereitung der Fäden ver⸗ 
fährt man wie beim Hänf oder Flachs. Die Blätter werben 


ind Waffer gelegt, in ber Sonne getrodnet und dann ge= 
brochen. 


) Ein grober Zeng, in Zacatecas verfertigt. 


— 76 


und ihre ſtraff über die Geſichter herabhängenben 
Haare gaben ihnen einen ungemein verftört wider- 
lichen Ausdruck. Kaum daß fie mehr aufrecht zu ſtehen 

vermochten, ſtolperten ſie der Plazza zu, gleich einer 
GHeerde übertriebenen Viehes; nur ihre düſter und 
tückiſch umherſchielenden Blicke verriethen noch jene 
Ungebeugtheit und jenen tief verſteckten indianiſchen 
Grimm, den weder körperliche noch geiſtige Leiden 
ganz zu übermwältigen vermögen. Als fie auf dem 
Plate angekommen. waren, lagerten fie fih — ein 
elender und being ſcheußlicher Knäuel. Ein düſteres 
Gemurn.el ausgenommen, war fein Laut von ihnen 
zu hören, und bie prachtvollen Kirchen und Paläfte 
des herrlichen Platzes waren nicht im Stande , ihnen 
auch nur einen Blick abzugewinnen. Die Haufen 
Leperos, Meftizen, Mulatten und Creolen, die ſchwär⸗ 
mend quf- und niedermogten, hatten ſich fcheu. vor 
dem unfäglichen Elende der Schaar zurückgezogen, die, 
einem Schwarme Heuſchrecken nicht unähnlich, eben 
fo unerwartet eingefallen, und glei dieſem bereitd 
Spuren ihres edfelhaften Dafeyns in den vergiftenden 
Ausdünftungen und Unrathe zurüdzulaffen begannen. 
Die Glocken von den Thürmen der Domkirche hatten 





— 7» 


ſechs geſchlagen; beim letzten Schlage flelen die Ave⸗ 
Maria⸗Glocken der ganzen Stadt ein. Tauſende ent» 
blößten ihre Häupter und murmelten ihr Abendgebet, 
fo daß der ungeheure Lärm plöglich in eine Grabes⸗ 
ftille, und eben fo ſchnell wieder in das Lautefte Tofen 
überging. Der lebte Glockenſchlag war noch nicht 
ganz verflungen, al8 auch ein Trupp Uhlanen aus 
dem linken Flügel des viceföniglichen Palaftes hervor 
trabte, und nicht minder mechaniſch inftinktartig an 
bie Indianer anfprengte, ald Diefe gefommen waren. 
Ohne einen aut von ſich zu geben, brachen die Reiter 
auf den Knäuel ein, Treibern gleich, die ihre gewich⸗ 
tigen Rnittel auf den Nüden der zögernden Thiere 
fpielen laffen, und mit einem kaum fehnellern Er— 
folge. Erſt ald die Uhlanen in die vorberften Reihen 
eingedrungen waren, fing ber Knäuel an ſich zu be⸗ 
wegen, doch fo langſam, daß bereits mehrere Weiber 
und Kinder niedergeritten und von den Hufen der 
Pferde zertreten waren, ehe ſich die Uebrigen zu regen 
anfingen. Nur zuweilen entfuhren dem Haufen ſchnei⸗ 
dend heulende Töne, dem Pfeifen des Orkans durch 
die Taue und Segelwerke vergleichbar. Kläglich war 
es übrigens anzuſehen ‚ wie einzelne Weiber die zucken⸗ 


—d 78 &— 


den Leichname ihrer Kinder unter den Pferbehufen 
hervorzerrten, fie mit aufgeriffenen Augen anftierten, 
mehr Orang-Outangs in ihrem höchften Schmerze, 
als Menfchen ähnlich, und dann mit Klagelauten, 
die wenig von denen dieſer Thiere verſchieden waren, 
in die Straßen einbrachen. 

Das Ganze bot ein ſeltſames Schauſpiel dar. Wie 
vom Winde hergeblaſen, waren die Indianer erſchie⸗ 
nen, und mit nicht minderer Schnelligkeit hatte bie 
unfichtbare Gewalt ihre Werkzeuge herbeigeführt, fie 
wieder zu vertreiben. Die übrigen Volkshaufen waren 
in jener Gefühlloſigkeit ftehen geblieben, welche Men- 
fehen eigentbümtich ift, die an berlei Scenen gewohnt 
find. Nur Wenige hatten fich in die noch immer offene 
Kathedral- und San Francescokirche geflüchtet, aus 
denen ſie, nachdem die Ruhe hergeſtellt, wieder zum 
Vorſchein kamen. 


— hi— — 


Was Teufel hat das zu bedeuten?“ fragte unſer 
Pedrillo, der, fein Eigarro rauchend, ganz gemüth- 
ih der unmenfihlichen Treibjagd zugefehen hatte. 





— 79 — 


„Eure Gachupins find doch ſonſt, was man fagt, 
väterlich gefinnt gegen die gente irrazionale?“ *) 

„Sp, fo," verfeßte Pedro; „doch Diefe da haben 
etwas auf der Kreide, wie Du fo eben hören magft.“ 

Ein Alguazil fehrie eine Art Proflamation der 
Menge vor, die er zur Ruhe aufforberte. 

„Ruhe! Ruhe! Volk von Mexiko!« rief der Beamte ; 
„Ruhe, melde da ift des Mexikaners erfte. Pflicht, 
und Eure beſonders, die Ihr unter dem Schuße des 
Auges. Sr. Fatholifhen Majeftät ſteht, welches da 
ift unfer allergnäbigfter Herr, der Virey, der befchügt, 
und flieht, und bewacht die Nuheliebenden, und ver- 
birbt Die Gottlofen und Widerfpenftigen mit Feuer 
und Schwert, fo wie Ihr an ven Gaverillas von Zi- 
tacuaro**) gefehen habt. Die Gerechtigkeit verfolgt 

.) Unyernünftiges Volk wurden und werben die Indianer 
noch immer von ven weißen Mexikanern geheißen. 

++) Die fpanifche Regierung nannte und behandelte durch⸗ 
gängig die Infurgenten nie anders, als wie ven niebrigften 
Pobel, gavilla over gavecillas. Zitacuaro liegt 40 Stunden 
weftlich von Mexiko und wurde vom Tpanifchen General Porlier 
eingengmmen, bem Boden gleich gemacht, die Einwohner 
vertilgt ober vertrieben, und ver Si& der Regierung nach 
Marabativ verlegt, weil da eine Infurgenten-Regierungsjunte 


von D. Raynon gebildet worden und die Einwohner Wider: 
ſtand geleiftet hatten. 


—— 80 — 


die NRuheftörer, wo fte ſich zeigen. Viva Su Mages- 
tad Fernando VII. y el Excellentissimo Senor, 
nuestro Virey! Viva! Viva!‘ *) 

Einige Spanier verſuchten dad Viva nachzukrei⸗ 
fehen, wurden jedoch von einem tobenden „Muera'“ 
übertäubt, das taufend Kehlen zugleich brüllten. Die 
Öffentliche Stimmung fing an, fi fehnell für die un- 
glücklichen Einwohner von Zitacuaro zu erklären. 

„Arme Teufel!“ ſchrie Einer, wich glaube, dieſe 
Gente irrazionale wären genug beſtraft worden, als 
der Obermetzger ihre Stadt niederbrannte, ihre Felder 
verwůſtete, ihre Bäume umhieb, die Männer alle 
fehlachtete und Die Weiber und Kinder mit einem 
Zettel wegſchickte. Dit dem können file fich wärmen 
ftatt der Wolldecke.“ 

„Man jagt fie von Zitacuaro,« fehrie ein Zweiter, 
„nach Guanaxuato, von Guanaruato nad Vallado⸗ 
lid, von Ballabolid nach Puebla, von Puebla nad 
Sombrerete. Uberall dezimirt man fie, und fo bee 
fommt man Ruhe; das tft Euer Indulto. **) 

*) Es lebe Se. Majeftät Ferdinand VII. und Se. Er 


cellenz unfer gnädiger Vicefünig! Er lebe hoch! 
) Amneftie. 


8 > 


„In Guanaruato,“ brüllte ein Dritter, „haben 
fie Ruhe auf einmal gemacht; vierzgehntaufend Män⸗ 
ner, Weiber und Mädchen und Kinder an einem Tage 
geſchlachtet. Das muß ein Brefien für Die Gallinazos 
und Coyotes gewefen ſeyn!“ | 

Doch als wollte die unfihtbare Macht, die jo eben 
dieſen gräßlichen Beleg ihrer unbegrängt ſchrecklichen 
Gewalt der Menge geliefert, dieſe einen Augenblid 
zu gefährlichen Nachdenken kommen laſſen, eröffnete 
fih fofort eine neue Scene. Die Uhlanen hatten fi 
nämlich kaum an den verfehiedenen Zugängen ber 
Piazza und des viceföniglichen Palaftes aufgeftellt, als 
ſich die Thore des letztern öffneten, und ein Zug von 
Männern herausſchritt, der die allgemeine Aufmerk⸗ 
ſamkeit mit einemmale feſſelte. 

Es waren ihrer vierundzwanzig; ihrem Aeußern 
nach zu ſchließen Zwittergeſchöpfe, zwiſchen Leibgar⸗ 
diſten und Hausdienern die Mitte haltend. Sie hatten 
gewaltige, aufgeftülpte Hüte, reich mit Goldtreſſen 
befegt und einem filbernen Schilde verfehen, ein golde⸗ 
ned Kaftell mit drei Ihürmen-im rothen, und einem 
gefrönten Löwen im ſilbernen Felde. Ihre Uniformen 
beftanden aus einer rothen Jade, mit einer Menge : 


—ı N 

fifberner Knöpfe befebt, eben ſolchen Beinkleidern, 
gleichfalls mit Goldtrefſen und ſilbernen Knöpfen 
längs den Hüften bis zu den Knieen verziert; ihre 
Bottinas oder Kamafıden, von braunem Leder, waren 
hinten offen. Als Waffen Hatten fie einen Eurzen 
Degen und einen langen Spieß ober Sellebarbe. Die 
Uniform ihres Anführer unterfehied ſich bloß durch 
größere Feinheit und reichere Verzierung. Statt der 
Hellebarbe trug er einen Commaundoſtab mit golbenem 
Knopfe, dem eines Regimentstambours nicht unähn⸗ 
lich; auch fein Marſch güch dem eines ſolchen Würde⸗ 
trägers, indem er, den rechten Fuß ſchnell vorwer⸗ 
fend, die Zehe einen Augenblick balancirte, und 
dann eben fo grawitätifch den linken nachſandte. Dieſe 
Bewegung, von der größten Hälfte der Truppe nach⸗ 
geahmt, verurſachte unter der gaffenden Menge ein 
lautes Gelaͤchter. | 

„Elende Rebellen! Pöbel, den die Hölle bald ver- 
flingen möge!“ brummte der Gapitain ber vice 
Töniglichen Leibgarde oder Alabardieros; denn nicht 
geringer war die Charge des Anführers dieſer vier- 
undzwanzig Trabanten, der, ohne die Lachenden eines 
Blickes zu würdigen, fo weit vorſchritt, bis er ſich 


% 


— 8 — 

beinahe der Reiterſtatue Karls IV, mitten auf dem 
Plage genähert hatte. Das Gelächter war immer 
ftärfer geworben; vergebens, daß einige Spanier, 
deren kaſtilianiſcher Stolz ſich Durch den wirklich lächer⸗ 
lichen Aufmarfch gefränft fühlte, dem einher traben- 
den Gapitain zuriefen; er marfchirte fort, gefolgt von 
feinen Iruppen, deren eine Hälfte im militärifchen 
Schritte nachkam, während die Andern, Truthühnern 
gleich, die gebrechjelten Bewegungen ihres Befehls⸗ 
habers nadäfften. 

„Misericordia! madre de Dios!“ rief er auf ein⸗ 
mal, ald er, vor der Statue ſchwenkend, den March 
der Kleinen Truppe in feiner ganzen lächerlichen Gra⸗ 
vität überfah. „Por el amor! Sat jemald ein Ca- 
pitano de los Alabardieros de su Excellenza el 
Virey graciosissimo de Nueva Espana — hat jemals 
ein Gapitain der Hellebardiere Sr. Excellenz des aller= 
gnädigften Vicekönigs von Neufpanien fo etwas ge⸗ 
fehen? Senores, por el amor de Dios! Meine gnä- 
Digen Herren, um der Liebe Gottes willen! Wenn 
Sie nun Se. Exeellenz unfer Allergnädigfter, oder 
Se. Excellenz unfer Allertapferftier — — Ale 
zeufel! Wer hat Euch geheißen, den Parademarſch 


| 8 ö— 

Eures Capitains nachzuahmen? Santa Vierge! 
Heilige Jungfrau! da habt Ihr es, wenn man mit 
rohen Dragones*) den Beſamanos **). Halten ſoll. 
Sa unter Don Senor Galvez, ober Revillagigedo 
und felbft Iturrigarey — aber das ift ein Name, den 
man beffer nicht nennt, obwohl er Finezza ***) hatte; 
— aber da fehlte ed,“ auf den Kopf deutend, „an 
der PBrudencia. Aber das waren auch Beſamanos; 
jegt ift e8 ein bloßer Schatten. Damals hatten wir 
unfere Reglamentos }) vier Wochen vor jeder Befa- 
manos. Geftern wurden mir die Orbres übergeben, 
und zehn folder Schlingel, und jetzt fieht Mexiko die 
Folgen. « 

„Mexiko kümmert ſich einen Teufel um m Euch und 
Eure Trabanten, fehr ehrenfefter Herr,“ rief eine 
Stimme and dem Saufen. „Wünſcht Euren Dra⸗ 


”) Dragoner. 

*) Buchftäblich Handkuß, wurden die Hoftage und Soirdes 
des ſpaniſch koͤniglichen und mexikaniſch vireföniglichen Hofes 
genanut, weil an dieſen der hohe Adel, vie Geiſtlichkeit und 
Beamten zum Handkuſſe zugelaffen wurden. 

+) Anſtand, Artigkeit. 

+) Reglement Verhaltungsbefehl 


> 

gones Glück zu ihrem friedlichen Feldzuge; ihre Ka⸗ 
meraden würden viel darum geben, wären fie hier.“ 

Der Bapitän der Leibtrabanten warf einen flogen, 
finftern Blick auf den Sprecher, fchüttelte das Haupt 
und marſchirte in einem weniger gezierten Schritte 
dem Portale des Palafted zu, vor welchem er feine 
Leute zwei Diann hoch aufmarfchiren lieg, und dann, 
feinen Commandoſtab ſchwenkend, folgenden Tags⸗ 
befehl von ſich gab: 

„Vigilancia amigos! Habt Acht, Freunde; das 
ift nun der fünfzehnte Beſamanos⸗Tag, den unfer 
allergnäbigfter Here und Gebieter feit achtzehn Mo⸗ 
naten hält, und es ift Eure verfluchte Pflicht und 
Schuldigkeit, Vigilancia an den Tag zu legen. Vi- 
gilancia fage ih! hört Ihr? Vigilancia! denn die 
Gavecilla ift heute toll, und vor ihrem Lärm kann 
man fein eigenes Wort nicht verftehen. Vigilancia 
denn! Wenn der Arzobispo *), kommt, fo wißt Ihr, 
was zu thun; wenn Se. Excellenz, ber Allertapferfte, - 
der Sieger von Alculco, von Marfil, von Calde⸗ 


*) Erzbiſchof. 
Der Viren. IT. — 7 


—d 86 — 


ton *) — obwohl Diefer eigentlich den Alabardieros 
nichts zu befehlen hat; da er aber die Gavecillas mit 
der Jungfrau ‚und aller Heiligen Hülfe in die Hölle 
geſandt, — fo wird ihm fein rechtglaͤubiger Spanier 
bie Sonta**) verſagen. Mit Einem Worte, Hoch⸗ 
dieſelben werben. empfangen wie Höchſtdieſelben der 
Virey ſelbſt, Paukenſchlag und Präſentation. Iſt es 
ein Oidor, verſtehen Sie, meine Herren! ſo wird 
präſentirt. Ein Oibor***) iſt aus fo gutem alt⸗kaſti⸗ 
liſchen Geblüte, als Einer, und, mag feyn, eim älte- 
ter Edelmann ald der König ſelbſt.“ Bei dieſen 
Morten nahm ber Mann den Hut ab. „Kommt ein 
Rath der Junta del Hacienda Real f), ein Intendant, 
ein Präftdent oder Rath des Gonfulabo FF), fo wird 


*) General‘ Galega, der für diefen Iehten großen. Sieg 
. über Hi dalgo in den Grafenſtand erhoben wurde. 

**) Die Ehre. 

***) Mitglied des höchften Gerichtshofes von Merife, Au⸗ 
diencia genannt, hatte zugleich die Funktionen eines Eontro- 
lirenden Staatsrathes. Die Borrechte der Glieder waren ſehr 
bebeutenb, fie durften aber nicht Eingeborene des Landes ehe⸗ 
lichen, auch keine liegenden Beſitzungen erwerben. 

+) Finanzkammer. 

4) Das Handlungstribunal beſtand ganz aus Spaniern mit 
fehr wenigen Ausnahmen. Es hatte aucſchuegend den Handel 
des Landes für ſich. 








—+97- 
gleichfalls präfentirt. Iſt es ein Regidor *), ein Al⸗ 
Falde **) oder Einer de 108 Cabildos ***), und iſt er 
ein Spanier; fo wird gleichfalls präfentirt. Iſt er 
ein Criollo, fo ift er geehrt, zu viel geehrt, wenn Ihr 
das Gewehr anzieht. Was nun die Creolen con ti- 
tulo de Castilla f)' betrifft, fo will’ es fih zwar 
nicht geziemen, daß geborene Spanier derlei Menfchen 
Ehrenbezeugungen offeriren ; allein wir haben Winke 
erhalten, verſteht Ihr, Winke, und man hat Urſache 
ſie zu ſchonen, obwohl ſie im Grunde nicht mehr 
Schonung verdienen, als die gente irrazionale, die 
unſere tapfern Cameradoes ſo eben wie wilde Büffel 
von der Plazza gehetzt. Ei, die Criollos! ſie ſind 
es, aber — —“ 

Die letzten Worte verſchluckte der Capitano auf 
ſeiner eilfertigen Retirade in das Palaſtthor; denn 
wohl fünfzehn Stilette waren, von unſichtbaren Hän⸗ 
den geſchleudert, ihm in der einbrechenden Finſterniß 
auf das Haupt, Bruſt und Schenkel geflogen, und 

*) Maire. | 

**) Alderman, Rathöherr. 

+) Heißen geiftliche und weltliche Corporationen, Dom⸗ 
kapitel, Stabträthe, 


+) Adelsdiplom. 
7 % 


8 


bloß die unverhaͤltnißmaͤßige Entfernung ſelbſt hatte 
ſein Leben gerettet. 

In ſeiner wüthenden Promenade innerhalb des 
Thorweges wurde er plötzlich durch ein lautes Lachen 
und ein gellendes „Escuchate‘' unterbrochen. 

„Escuchate hombres y mugieres de Mexico!‘‘*) 
ſchrie eine Stimme, die wieber unferem Pedrillo an- 
gehörte. „Hört, vorzüglich Ihr Creolen, was Diefer 
Kriegäheld in Friedenszeiten für ein Reglamento 
gibt. Die Ereolen, fagt er, müfje man noch einft- 
weilen fhonen, Se. Ercellenz, der Virey, habe 
Winke zu ihren Gunften fallen lafien, obwohl fie fo 
wenig Schonung verdienen, al8 die gente irrazionale, 
Die von den Ranceros**) fo eben von der Plazza ger 
. trieben wurden. 

‚‚Mueran los Gachupinos!“***) brüten zwanzig, 
hundert und dann taufend Stimmen in furchtbarem 
Chorus. | 

„Diablo! Hombres de Demonio!‘“ 7) ſchrie der 


*) Hört, Ihr Männer und Weiber von Meriko. 
**) Lanzenreiter, Jihlanen. 
”**) Tod den Gachupins (ven Spaniern). 

7) Teufel, Teufelsmenfchen. 


— 9 — 


Gapitain, deffen paniſcher Schredlen fich mittlerweile 
gelegt Hatte. „Que dices!‘“*) jchrie er, aus dem Thore 
fpringend. „Uno grito!“ — **) Aufruhr, Rebellion! 
Bei der heiligen Jungfrau, Aufruhr vor Hochder Naſe 
Sr. Excellenz!“ — 


Der-Spanier der untern Stände hat, bei einer an⸗ 
geborenen Gravität und einem ernft trockenen Stolze, 
wieder eine Originalität oder vielmehr Simpficität, 
die Folge feiner Vereinzelung und Abgeſchiedenheit 
von den Übrigen Nationen, die den Ausbrüchen feines 
Stolzed und Unwillens einen um fo drolligern Ans 
ſtrich verleiht, al8 feine Sprache unterwinfig und 
fnechtifch, und wieder hochtrabend und pompös, mit 
feinem häufig nicht weniger ald impofanten Aeußern 
im greliften Widerſpruche fteht. Der grimmige Ca⸗ 
pitain daher, weit entfernt das Toben durch fein Ge⸗ 
ſchrei zu befehmichtigen, veranlaßte ein um fo lauteres 
Gebrülle von Mueran los Gachupinos, das Häufig 
von einem fehallenden Gelächter begleitet war, in 
welches Ießtere auch der Offizier der vor dem Palaft- 


*) Mas fagft Du? 
**) Aufruf zur Rebellion. 


—— 0 


thore flationirten Uhlanen einftimmte. Der Zorn 
unfered Helden wandte fich fofort auf diefen nähern 
Gegenftand, und mit einer Stimme, halb erſtickt vor 
Wuth, ſprang er auf den Offizier los; doch ſchnell 
ſich wendend ſtand er ſtille, und den Creolen vom 
Kopfe zu den Füßen meſſend, murmelte er ein Picaro 
Criollo*), und dann, als halte er es unter ſeiner 
Würde, an einen Creolen ein Wort zu verlieren, zog 
ex fich wieder zurüd. 


Viertes Kapitel. 


Gin föftlig Proöbchen wohl von Menſchen! Gut. 
Sein Blut wallt auf, und wenn's ein wenig fleußt, 
Kühlt es fein Fieber. 
Byron. 
„Mas meinft Du, wird der Viento de Dliftecea**) 
lange anhalten?“ fragte eine tiefe Baßftimme, als das 
Gelächter nachgelaſſen hatte. 


„Lange anhalten!“ erwiederte der Gefragte, ein 
*) Elender Creole. 


”) Miſtecca⸗Wind, ſuͤdöſtlicher Wind, der von Oaxraca und 
Acapulco herauf kommt; er iſt trocken und brennend. 


—9 9 — 


Evangelifta, d. h. Straßenfefretär, nach der Feder zu 
fehließen, die in der Dunkelheit noch hinter feinen Oh⸗ 
ren ſteckend zu erfehen war, und dem offenen Wamſe, 
in dem eine Rolle Papier Iogirte, und darunter das 
Tintenfaß, ein Baumwollenflöckchen in Tinte getaucht, 
das an einem Orte beherbergt war, wo es vermuth- 
lich kein rechtgläubiger Nichtmerikarier gefucht haben 
dürfte, im Nabelloche namlih. „Lange anhalten?“ 
wieberholte der Straßenfefretär, „das weiß ich nicht. « 

„Sp willich e8 Dir fagen ;“ fiel Pedrillo ein, „juft 
fo lange, bis der Chalco und Tezcuco*) trocken ges 
legt und wieder angefüllt werben. “ 

„Der Tegeuco trocken gelegt und wieber angefüllt, 
Amigo?u**) verfegte der Evangelift. „Hör, das 
geht über meine Vernunft.“ 

„Glaubs gerne, mein Gnädiger;“ ermwieberte Pe⸗ 
drillo, „trocken gelegt und wieder angefüllt, fage ich. 
Weißt Du nit, daß der Viento de Miſtecca juft fo 
dürr, verborrt, verborrend und verfengend ankommt, 
wie unfere dürren hungrigen Gachupinos, wenn fie 


*) Die Meriko zunächft gelegenen Seeen, von denen ber 
eine füßes, der andere falziges Waller hat. 
*) Freund. 


N 


aus ber Madre Patria herüberfommen; baf er aber 
zur Ader läßt, wie Diefe dem armen Mexiko, mit 
deſſen Blute ſie ſich mäften? Ei, der Viento de Mi⸗ 
ftecca wird ihnen zur Ader laſſen. Möge ex bald 
fommen !« 

„Bravo! Bravo!“ riefen die Umfteenden: „Habla 
cuomo uno libro selado!“*) 

„Was ſagt der Hund von einem Zambo?« rief 
nun ein Dann mit hohem fpigigen Hute, auf dem 
eine biutrothe Kokarde prangte. „Was fagt Er?“ 
fehrie der Häſcher der Polizei, indem er fi) dem Hau⸗ 
fen zugudrängen fuchte, und mit feinem Amtöftabe 
links und rechts drein fhlug. 

„Der Viento de Miſtecca ift gut zur Aderlaß,“ 
wiederholte der kühne Pedrillo. Möge ex bald 
kommen!“ 

„Hält! halt!« rief nun der Alguazil, der aus 
Leibeskräften ſich Bahn zu machen bemühte. Die 
dichte Volksmaſſe hatte jedoch ſchnell einen undurch⸗ 
dringlichen Phalanr gebildet, der Sprecher ſelbſt fi 
gedudt, und in der einbrechenden Finſterniß unſicht⸗ 


*) Er fpricht wie ein geftempeltes Buch, ein Kalender. 


— 3 ⸗— 


"bar gemacht. Die Uhlanen, die vor dem Palaſte 
hielten‘, bildeten mittlerweile eine Angriffökolonne, 
und machten Miene, den Alguazil zu unterflügen. 

„Lugerteniente *) Pablo!« rief wieder Pedrillo. 
„Ihr thätet beſſer, Ihr ginget nach Itzcuhar **); 
Oberſt Soto dürfte Euch brauchen.“ 

Der Alguazil horchte einen Augenblick; dann fprang 
er wieder auf den Saufen zu: „Te tiendo! Te ti- 
endo!**#*) Diefer da in det Tunita, er ift Derfelbe, 
der Se. Majeftät — “ 

„Ich denke, Alguazil,«“ mahnte der Offizier, ber 
die drohende Bewegung: der Menge aufmerffam be- 
obachtet hatte, mich denke, Ihr ließet den armen Teufel 
ſchreien; e8 iſt nicht der erfte und wird nicht der letzte 
Grito feyn, und es liegt nicht viel daran, ob Einer 
mehr oder weniger in der Cordelada T) liegt.“ 

„Senor Lugerteniente,“ drohte der Alguazil; 
„wohlverehrter Herr Lieutenant! Sie waren fchnell, 


*) Lientenant. 
*) Eine Stabt, dreißig Stunden fühmweftlich von Mexiko 
gelegen, wo Oberft Soto von Morelos gefchlagen wurde. 
***) Ich habe Dich. 
) Eines der drei Hanptgefängniffe in Merifo. 


— U — 


als es den armen Gente irrazionale von Zitacuaro 
galt. Sie find ein Creole, ich warne Sie.⸗ 

Unb‘mit dieſen Worten drang er mit aller Gewalt 
auf den Knäuel ein. Diefer ftand noch immer als 
undurchdringliche Maffe; eine Bewegung aber, die 
gleichzeitig unter den Mangas Statt fand, machte 
die Neiter augenfcheinlich flugen. Nicht jo den Al⸗ 
guazil, der wie rafend um ſich ſchlug. 

„Venid Senor!*) Kommen Sie, mein gnãdiger 
Herr!u ſprach eine tiefe Stimme. 

Der Knäuel öffnete fih und ließ den Auguazil ein, 
ſchloß ſich jedoch, als die Reiter andrangen, gleich 
der Meereswoge, die ihr Opfer verſchlungen. Alle 
hatten die Stilete gezogen. Einige Augenblicke herrſchte 
eine bange Stille; auf einmal hörte man die Worte: 
„Jesu, Maria y Jose!“ **) und dann ein Stöhnen 
und Röcheln. 

‚Mueran las Gavecillas! Tod den Nebellen!« 
fhrie nun der Offizier, und die Neiter hieben ein; 
doch der Haufe Hatte ſich mit einer unbegreiflichen 
Schnelligkeit getheilt; mehrere Pferbe flürzten, und, 


*), Kommen Euer Gnaden. 
») Jeſus, Marta und Joſeph! 


— > 


zu Bergrößerung der allgemeinen Berwirrung, brach 
ein plößlicher Lichtftrom aus den Thoren des Pala- 
fte8, der für einige Augenblicke Roſſe und Reiter er⸗ 
blindete. Es waren kurze Angenblidle, aber hinrei- 
chend, diefen Theil des Platzes gänzlih von ben 
Haufen zu reinigen. Der Alguazil, zwei Uhlanen 
und eben ſo viele Pferde waren als Opfer gefallen; 
der Haufe hatte ſich unter der großen Maſſe der auf 
dem Plate aufs und nieverwogenden Menge verloren, 
die nun ſelbſt fehnell heran drang, und ihre nichts 
weniger als friedlichen Abfichten durch Iaute „Mueras 
und Abajos con los Gachupinos‘“ fund that. Ein 
allgemeiner Auffland fehlen auf dem Punkte auszu⸗ 
brechen. 

Auf einmal wurde.der Wirbel von Trommeln ges 
hört, in deren Rollen eine raufchend prachtvolle Ja⸗ 
nitſcharenmuſik einfiel; zugleich ſprühten ſechszig Pech- 
pfannen längd der ungeheuren Fronte-deö Palaftes 
ihre grellen Flammen durch die Menge. Der plöß- 
lihe Strom von Licht und Tönen hatte eine unbe⸗ 
greiflich ſchnelle Wirkung auf den Haufen der Tau⸗ 
fende. Ale Gedanken an Aufruhr waren verſchwunden. 
Ein taufendftimmiges „Viva, Viva!« erſchallte, und 


—8 — 


kaum hatte die Bande die erſten Alkorde der Ouver⸗ 
ture, Clemenza de Tito, eröffnet, als die Tauſende 
und abermals Tauſende in den fröhlichften Jubel 
ausbrachen. ‚Unzählige Tänzergruppen bildeten fi 
mit einemmale, und die ganze Plazza war ein fröß- 
liches Gewimmel der lebensfrohen Menge geworben. 
‚Die tiefe Finſterniß im ganzen ungeheuern Bierede 
war zugleich wie durch einen Zauberſchlag in Tages⸗ 
helle vermanbelt; denn Taufende von Lampen fehim- 
merten von, den Blumengärten der Dächer und gopen 
über bie ftattlich maffiven Tempel, Paläſte und Gäu 
fer einen Lichtfirom, ber die großartigen Bauwerke 
ind Niefenmäßige erhöhte. Reich gekleivete Spanier 
und Greolen, zerlumpte Leperos, Mulattinnen und 
balbnadte Indianer, Zambos und liederliche Dirnen, 
Alles vereinigte fih im Bolero, Fandango und Cha- 
rave.*) Und gleishfam um dad Ganze noch dharafte- 
riftifcher darzuſtellen, hatten ſich zahlreiche Reiter: 
fhaaren von Dragonern und Uhlanen mitten durch 
die Haufen einen Weg gebahnt, und ſchloßen nun bie 
ganze Mafje in einen ungeheuern Rahmen ein, ſo 


*) Bon diefen drei Tängen ift der Ießtere der belichtefle in 
Mexiko und kann als Nationaltanz betrachtet werden. 


—) 97 — 
das Bild eined despotiſch beherrſchten Staates ver⸗ 
ſinnlichend, wo die Maſſen durch die eiſerne Hand 
der oberſten Gewalt und ihrer Helfershelfer zu Freub 
und Leid getrieben und in Schranken gehalten werden. 


„Ihr ſcheint die allgemeine Freude nicht zu theilen; “ 
wiöperte ein Altlicher Indianer unferem Abenteurer 
zu, deflen außerorbentliche Beweglichkeit, während 
der fo eben bejchriebenen tumultuarifchen Auftritte, . 
plöglich einem unverholenen Mißmuth gewichen war. 

Der junge Mann drehte fih auftinem Abſatze um, 
und fehrte dem Sprecher den Rüden. „Ei, diefe 
Zuftigkeit ift ganz einzig,“ fuhr Der Indianer fort, 
„fo wie wir ein einziged Volk find. — Meiner Seele! 
immer am luſtigſten, wenn wir am tüchtigften ges 
zaudt werben. « 

Der junge Mann warf dem Sprecher einen Blick 
rücklings zu, und verſank dann in ſein voriges 
Schweigen. 

„Jeder hat ſeinen Lo Amigo!⸗ *) fuhr 





*) Jeder bat ſeine Ahnihote, Freund! ein indianiſches 
Sprichwort. Ahuitzote bedeutet ſo viel als Feind, feindliches 
Geſchick. 


— 8 ⸗— 


der Indianer: fort, mund Ihr hattet ihrer viele. 
Glaub' es gerne, daß Euch dad Geklingel da Fonträr 
gekommen iſt; der Faden war aber ein wenig ſchlecht 
geſponnen, deßhalb iſt er fo ſchnell zerriſſen.“ 

„Welchen Faden meint Ihr, Tatli?«*) verſetzte 
nun der junge Dann mit einer leifen, hohlen Stimme. 

„Einen blutrothen mit einem weißen und blauen 
Ende.“ | Ä 

„Diablo!« zifchelte Pedrillv: „Nun fehe ich wohl, 
Men ich vor mir habe. Glaubt mir, es hilft aller 
Wege nichts. Thnt was Ihr wollt. Da hatten wir 
fie am Anſatze zu einem herrlichen Motino; aber da 
kommen ein Dupend Hautboid und Klarinetten und 
Pfeifen, und Alles ift beim Teufel.“ 

„Sa, wenn ber Alguazil die Eönigliche Armee ge 
weſen wäre,“ brummte der Indianer. 

„Wie meint Ihr?“ fragte Pedrillo, dem Indianer 
näher an den Leib rüdend. 

Der junge Mann hatte, während. er fo ſprach, 
den Indianer allmählig dem Sodel der Reiterftatue 
Karls IV. zugezogen. „Das Loſungswort!« zifchelte 





*) Mater. 


— Mm — 


er dem Indianer zu, indem feine rechte Hand zugleich 
hinter die Manga fiel. 

„Sachte, Amigo,“ lächelte Diejer; med war ein 
Meifterftreih, mie Du den Alguazil zum Still 
fchweigen brachteſt; Feine Pinte Blut gefloffen, und 
der Gachupin fo maufetodt, Du hatteſt ein drei⸗ 
ſchneidiges Stilletto, vermuthe. ih? Aber wir find 
fein Alguazil.u 

Noch nicht,“ flüfterte der junge Mann; „ſollſt e8 
aber werben;“ und bei diefen Worten faß den In⸗ 
dianer auch der Dolch am Leibe; doch eben fo fihnell 
ſank feine Sand. „Alle Teufel, Wer Hätte dem 
General B.u | 

„Hisht, « Tprach der Indianer. „Wir haben Euer 
Treiben gefehen. Ei, wenn Masqueraden und ein 
paar Erdolchungen Mexiko retten Eönnten, da wäret 
Ihr Die Leute, aber zum Zugreifen — — Komme nun 
und höre.“ Er wiöperte ihm einige Worte in die 
Ohren. 

„Madre de Dios!“ rief der junge Dann, „und 
Mexiko fteht noch? Kommt! jede Minute mag ed- für 
immer verlieren. Beide eilten ſchnell durch das 
Getümmel. | 


—, 100 e⸗— 

Mitten unter dem fröhlidem Gewimmel und der 
raufchend prachtvollen Muſik fah man anfangs ein- 
zelne, dann ganze Reihen von zwei⸗, vier- und ſechs⸗ 
fpännigen Kutſchen herannahen. Die fonderbaren 
Kopfzierathen der Pferde und Maufthiere, denn mit 
biefer letztern Ihlergattung war die Mehrzahl der 
Kutſchen befpannt, und ihr ſchweres, häufig maffiv 
filbernes Geſchirr, entſprach ganz den Kutfchen felbft, 
son denen hie meiften eine Art lederner, lakirter, 
glänzender Kaften mit einer Unzahl vergoldeter 
Schnörkel waren, deren Seiten, mit Bildern in halber 
und felbft ganzer Lebensgröße bemalt, die Thaten der 
erften fpanifchen Eroberer oder irgend einen Heiligen 
darftellten. — Die meiften berfelben waren ohne 
Springfebern und, auf der bloßen Achſe rubend, ver⸗ 
urfachte ihre Ankunft ein Gepolter, das die Muſik 
der beiden Negimentäbanden por dem Palaſtthore 
und im Schloßhofe übertäubte. Beinahe ade hatten 
Vorläufer, nebft einer Suite, die aus farbigen, reich 
gekleideten männlichen und weiblichen Mulatten und 
Negern beftand, welche vor und zu beiden Seiten der 
Wagen einhergingen. In jedem diefer Wagen faßen 
zwifchen vier und ſechs Perfonen, die, je nachdem fie 


— 


—101 — 


zur herrſchenden Klaſſe der Spanier oder der be⸗ 
herrſchten der Creolen gehörten, in das offene Palaft- 
thor einfuhren, oder vor dieſem abzuſteigen gendthigt 
waren. Als moliten ſich jedoch diefe Letztern für biefe 
Zurüdfegung in den Augen des Volkes durch einen 
defto auffalendern Pomp rächen, ging ihr Abfteigen 
mieber mit einem Prunke vor ſich, der eben fo fehr 
ihren Reichthum als deſſen ungeſchickte Anwendung 
verrieth. Die Wagenthüren wurden nämlich ſtets zu 
gleicher Zeit von mehreren reich und phantaſtiſch ge⸗ 
kleideten Negern und Negermädchen auf beiden Sei⸗ 
ten geöffnet, die männlichen und weiblichen Herrſchaf⸗ 
ten fliegen zu bem zwei verſchiedenen Thüren her 
aus, und fhritten dann, unter dem Vortritte ihrer 
fchwarzen Dienerſchaft, dem Thore zu, wo die Letz⸗ 
tern, nach einer formellen Verbeugung, ſich wandten 
und zu dem Wagen zurückkehrten. Selbſt der Pöbel 
ſchien den Uebelftand der hier fo unpafiend angebrach⸗ 
ten Schauftellung, im Gegenfage mit dem einfachern 
und würdevollern Aufzuge ber verhaßten Spanier, zu 
fühlen, und bei einem jedesmaligen ſolchen Abſteigen 
erhob fich ein Gemurmel, das die allgemeine Unzu⸗ 
friedenheit deutlich beurfundete. „Muchacho! Barra- 
Der Virey. T. 8 


— 9 102 &— 


cho!“ *) war mwechfelmeife im Tauteften Gebrülle den 
Creolen zugerufen worden, während man die Spanier 
mit „Mueras!“ und „Abajos!“ **) begrüßte. Wagen 
folgten auf Wagen; jeder wurde auf eine eigenthüm⸗ 
liche Weife vom Volke empfangen. 

Auf einmal erfhallte e8 von dem Außerften Ende 
des Platzes „Elterribile Gachupin!“ ***) und eine 
leichte, geſchmackvoll gebaute Carroſſe, von vier ſtol⸗ 
zen Andaluflern gezogen, rollte durch die aufgeftellten 
Reiterſchaaren, ihr zur Seite mehrere Adjutanten und 
Ordonnanzen. Die Bande ſchlug einen herrlichen 
Triumphmarfh an, die Reiter jenkten ihre Schwer- 
ter, während das Volk beinahe fhaudernd nem Wagen 
nachſah, wie er in den Schloßhof rollte, gleich als ob 
in feinem Innern ein unbeilvolle8 Element verborgen 
wäre. oo 

Ein zweiter Wagen folgte von ber entgegengefeß- 
ten Seite, von ſechs phantaftifch geſchmückten Maul 
thieren gezogen, langſam und feierlich; voran zwei 

*) Einfaltspinfel, Iruntenbold. Letzteres if} ber größte 
Schimpfuame, der gegeben werben Tann. 
») Top! und — Niever mit ihm. 


79 El terribHle Gachupin, ver ſchreckliche Gachupin, Don 
Ealleja, fpäter Graf von Calderon. 





—d 103 ⸗— 

roth gefleidete Laufer, und zu beiden Seiten ein halbes 
Dutzend ſchwarzer Diener. Der Wagen wurde mit 
dem Rufe: „Viva la vierge de Guadeloupe! Abajo 
con la vierge delos remedios!“‘ *) empfangen, Der 
Inſaß des Wagens bielt fegnend feine Hand zum lin⸗ 
fen und wieder zum rechten Wagenfenfter heraus; 
aber jede feiner Segnungen veranlaßte nur ein um 
fo lauteres Gebrülle, das wohl zehn Minuten anhielt, 
und erft ſchwächer wurde, als ein neuer Wagen dem 
müßigen Pöhel neue Nahrung brachte. 

„Tierra templada ! **) hrüllte e8 wieder von dem 
äußerten Ende der Plazza herüber, ‚und brach dann 
in einen einftimmigen, wüthenden Schrei aus, der 
wie Sturmesgeheul die Luft erfüllte. 

. Ein eleganter zweifpänniger Landau im neueften 
englifehen Geſchmacke war durch die Uhlanen⸗ und 
Dragonerfpaltere berangefommen, mit bloß einem 
einzigen, aber geſchmackvoll gekleideten Diener. Der. 
Wagen hielt unter dem Portale; aber mehrere Do⸗ 





*) Es lebe die Jungfrau von Guadeloupe! Niever mit. 
der Jungfrau ber Gnaden! (Siehe Note am Ende des drit⸗ 
ten Bandes.) 

**) Die gemäßigte Zone. 


8° 


10 


weſttten eilten aus dem Thore heraus und. führten 
ihn in den Thormeg des Palaſtes ein. 

Ein zweiter im gewöhnlichen antiken Style war 
gleichfalls herangekommen, deſſen Bürde jedoch, eine 
aͤltliche Dame und ein blühender Jüngling, vor dem 
Thore entladen wurde. 

„Superbo, brillante hombrel“ *) brüllten die 
Haufen dem jungen Creolen zu, von einem „Biva« 
begleitet, das eben jo fehnell durch ein „„Callate, el 
Ninon de la tierra fria!‘‘ **) beſchwichtigt wurde. 

Dieſe Symptome des öffentlichen Beifalls und Un⸗ 
muths ſchienen von dem Jünglinge auf eine eben nicht 
ſehr beifällige Weiſe aufgenommen zu werden; ſein 
Blick gleitete vornehm über die Menge, und dann, 
ſein Haupt ſtolz aufwerfend, verſchwand er mit der 
Dame zwiſchen den Thoren. 

„Senor Battiſta!“ wandte ſich der Capitain der 
Hellebardierer an den Alguazil, der an den Thoren 
Poſto gefaßt, und zugleich die Aufgabe zu haben 
ſchien, die Aeußerungen des Poͤbels über die verſchie⸗ 
denen Ankömmlinge zu notixen — „Senor Battiſta!⸗ 


) Stolzer, praͤchtiger Menſch. 
”) Schweigt, es iſt der Liebling der Falten Zone. 








—) 105 ⸗— 


Was hat es für eine Bewandtniß mit dieſem Conde 
de San Iago, *) der doch, fo viel ich weiß, auch nur 
ein Creole ift? Möchte Doch wifjen, aus welchem 
Holze der geſchnitzt ift, daß er die Ehre eines gebore⸗ 
nen Spaniers genteßt ?« 

„Aus einem Holze, Senor Eapitano,“ verſetzte ber 
Alguazil mit einem vielfagenden Blide, „Daß, zum 
Güde Altſpaniens, nicht häuftger in dieſem Lande 
wächst, ald.der arbol de las manitos!« **) 

„Das ift weife aber bunfel gefprochen, Senor 
Battifta,“ erwiederte der Capttano, eine Prife neh⸗ 
mend. 

„Hören Sie, Senor Capitano,“ wisperte der Als 
gunzil, „hören Sie fie Tierra templada brüllen ?« 

Der Lärm nahm immer. mehr zu; Vivas und 
Mueras rollten wie ein Zauffeuer die Plazza hindurch. 


*) Grafen von Santago. 

»*) Cheirostemon platanefolium, ver berühmte Hand⸗ 
baum. Seine Blüthe ift eine prachtvolle rothe Blume, in Form 
einer Tulpe und, näher betrachtet, einer Hand, mit einwärts 
gefrümmten Fingern. Es find bloß drei Bäume in Mexiko 
vorhanden: der Mutterbaum in den Bergen von Tolucca und 
zwei Sprößlinge im botanifchen Garten des viceköniglichen 
Palaſtes. 


—) 16 — 


Eine rauhe Stimme ſchrie: „bie Tierra templada ift 
zum Gachupin geworden!« Eine andere brüllte: 
| „Viva 'tierra templada!‘‘ nnd ‚Viva tierra tem- 
plada!‘‘ brůllten Taufende nad. 

„Hören Sie fe,“ murmelte der Alguazil, „dieſe 
verdammten Gavillas! So find fie: fie treiben nichts, 
ſie thun nichts, fe arbeiten nicht, fle beten nicht, fie 
toften uns jeden Tag Taufende, damit wir nur Ruhe 
haben; und brechen fie 108, fo brüllt der Iorullo *) 
nicht ftärfer, als fie es thun. Glücklicherweiſe Laffen 
fie e8 jedoch beim Brüllen bewenden. Heute aber 
weht ein fehlimmer Wind ; gebe die heilige Jungfrau, 
daß er bald vorübergehe! Auch Haben die Hunde ihr 
Rothwälſch; das ift eine neue Erfcheinung, eine ge- 
fährliche Erfiheinung, fage ich Ihnen. Die Tierra 
templabda, die gemäßigte Zone, ift der Conde; fo 
viel iſt richtig, weder warm noch kalt, wie der Aal, 
der im Ehalco gefangen, Salz und Süßwaffer vers 
trägt, und fih Frümmt, und ihnen einen Arm und, 
mag ſeyn, ein Bein bricht, wenn fie ihn in den Chi⸗ 





*) Ein feuerfpeiender Berg, der im verflofienen Sahrhum: 
derte entflanden und wieder vergangen. 





—9 107 — 


nampas,*) im Erbſen⸗ oder Frijolofelde **) fangen. 
Wir hatten in Mexiko Ruhe, ſelbſt als der verdammte 
Hidalgo von Guarimalpa ***) herabkam; heute je⸗ 
Doch iſt der Teufel los.“ — Und mit dieſen Worten 
verlor fih der Häfcher im Innern des Palaftes. 


Fünftes Kapitel, 


Mein Sig bier war bisher ein Thron, 
Boscari. 


Wie unfere Lefer bereitö vernommen haben, fo 
galten die jo eben befchriebenen pompöfen Vorberei⸗ 
tungen einem jener glänzenden Hofzirkel, die in mo⸗ 
narchiſchen Staaten eingeführt find, theild um dem 
Herrſcher die Huldigung darzubringen, bie einer von 


*) Die fogenannten ſchwimmenden Gärten, die aber, gegen- 
wärtig Heine Sartenftüde, von Indianern bebaut, in der Nähe 
nes Sees liegen. 

=) Bohnenfelb. | 
**) Suarimalpa, eine große Haclenda, Landgut, 5 Meilen 
von Merifo. Hidalgo hatte fein Hauptquartier daſelbſt aufge⸗ 
ſchlagen. 


—1 108 — 


Gottes Gnaden erhöhten Perfon in den Augen loya⸗ 
fer Unterthanen geziemend erſcheint, theild auch die 
dem Throne zunächft ftehenden Umgebungen dur 
ihre Theilnahme an diefer Huldigung fefter an dad 
Interefje defjefben zu. knüpfen, und durch vereinte 
Pracht dem Haufen die Idee göttlicher Erhabenheit 
defto eindringlicher vor Augen zu bringen. Wenig. 
ſtens dürfte das die Urfache feyn, warum dieſer, in 
barbarifchen Zeiten entftandenen und bis auf unfere 
Zeiten fortgeführten Art von Nepräfentation der 
Volksmajeſtät — die, obwohl aus verſchiedenen 
Gründen und in beſcheidener Form auch bei und Ein- 
gang gefunden — in monarchiſchen Staaten eine fo 
große Bedeutfamkeit beigelegt wird. 

Es ift vieleicht für den Fünftigen Beftand fo man- 
cher der gegenwärtig in Glanz beftehenden Dynaſtien 
des alten Europas eine eben fo unglüdlihe als cha⸗ 
rakteriſtiſche Eigenheit, daß ſich nicht nur die ganze 
Staatsmafchine, fondern auch die bürgerliche Gefell- 
ſchaft ſelbft, um den Serrfcher, als um ihre Sonne, 
dreht, und die große Maſſe des Volkes als eine Art 
Nullen, die die Hauptzahl wohl vergrößern, für ſich 
aber als gehaltlos verachtet werben, von jeder per⸗ 


—d 109 &— 


- fönlihen Berührung mit diefem Herrſcher gänzlich 
ausgeſchloſſen ift. Wie viel an diefer Ausfchliefung 
das heut zu Tage gewiffermaßen zur Meberreife ge⸗ 
langte Prinzip der Legitimität Schuld ſey, wollen 
wir hier nicht beftimmen, obwohl wir auf der andern 
Seite nicht umhin können, zu geftehen, daß in biefen, 
fonft vieleicht nicht unglücklichen Ländern eben durch 
biefe artifiziele und gewiffermaßen mit dem Gepräge 
der Divinität bezeichneten Nangunterfchiebe eine folche 
Abfonderung nothwendig geworben ift. Die neueften 
Ereigniffe, indem fte in einem großen trandatlanti- 
| fhen Staate den Zutritt zu einem gekrönten Haupte 
etwas wohlfeiler gemacht und fo den Schleier gelüf- 
tet, der dieſe fih fo hoch ſtellenden Menfchen bisher 
dem Auge der Deffentlichkeit entzogen, haben auch 
die Qualen erratben Laffen, die aus einem größern 
Bedürfniß von Popularität für fie entſtehen, und zu⸗ 
gleich das Entjegen nicht undeutlich gezeigt, von dem 
Diefe durch Gottes Gnaden ſich eingefeßt wähnenden 
Monarchen bei jeder Berührung mit dem ungewa⸗ 
ſchenen großen Haufen durchdrungen ſeyn mögen. 

. Bekanntlich hat es das Mutterland des unglück⸗ 
lichen Mexiko in dieſem Zweige legitimer Wiſſenſchaft 


—d 110 ⸗— 


durch feine innige Verbindung und Nahahmung ‚der ' 
römiſchen Hierarchie am weiteften gebracht, und der 
Erfolg, den eine folche Gleichſtellung *) des irdiſchen 
Monarchen und höchſten Weſens im eigenen Lande 
batte, war ohne Zweifel eine der nächften Beran- 
laſſungen gemefen, Daß der Herrfcher, der dieſes Syſtem 
des fpanifchen Hofftaates in feinen ererbten Ländern 
begründet, e3 in möglichft größter Vollkommenheit 
auh auf Merifo in der Art ausbehnte, daß es 
fo zu jagen die Grundlage der diefem Lande gegebe- 
nen Regierungsform wurde. Bereits im Jahre 1530 
wurbe dieſes Repräfentationsfüftem mit einer Pradt 
eingeführt, bie den Hof des mexikaniſchen Vicekönigs 
mit den glänzendſten der alten Welt wetteifern machte, 
und wenn eine trügliche Potitik e8 zu erheifchen ſchien, 
dem eroberten Lande zu imponiren und ihm die Macht 
des zweitauſend Stunden entfernten Herrſchers durch 
ſeinen Abglanz zu verſinnlichen, ſo boten die unge⸗ 
geheuern Reichthümer, die durch den Schweiß eines 


*) Das Präpifat. Se. Majeſtät wird in Spanien und Merifo 
fowohl dem Könige, als auch der confecrirten Hoſtie — in wel: 
her die Katholiken bekanntlich den lebendigen Gott anbeten — 
beigelegt. 





—H 111 — 


beftegten Sklavenvolkes in die Hände der erften Spa⸗ 
nier glitten, eben fo leicht die Mittel, dieſe Abficht 
ohne fcheinbaren Nachtheil des Mutterlandes durch» 
zuführen. Noch heut zu Tage ftaunen wir billig über 
Die ungeheure Verſchwendung und den Glanz, der diefe 
Vicekönige Mexiko's in den erften Sahrhunderten nach 
der Eroberung und zu einer Zeit umgab, wo bie 
Stätten, auf denen gegenwärtig unfere großen See 
ſtädte den Handel der Welt zu leiten anfangen, noch 
undurchdringliche Wildnig waren. — Zwar hatten 
ſich diefe Reichthümer im Berlaufe der Zeit gemin⸗ 
dert, ober vielmehr ihre Ausbeute war in regelmäßi- 
gere Kanäle geleitet worden; allmählig waren fle 
aus den Händen foldatifher Wüftlinge in die gieri⸗ 
ger Beamten und angefeflener Creolen übefhegangen ; 
die Pracht der Hauptftadt und der Glanz des vice» 
föniglichen Hafſtaates hatten jedoch dabei nichts ges 
litten, da Die fpanifche Politik es für räthlich gefun- 
den hatte, dieſe Leßteren, obwohl fie fie als bloße 
Stieffinder betrachtete, an den Herrlichkeiten des Sa⸗ 
trapenhofes um fo mehr Antheil nehmen zu laſſen, 
als dieſer Durch ſchwere Geldfummen erfauft werben 
mußte, und zugleich eine Bürgfchaft für die Tünftige 


—H 112 — 


Treue der Tourfähigen wurde. Die Adelsdiplome, 
titulos de Castilla, ‚die zur unerläßlichen Bebingung 
des Eintritt: in. diefe Zirfel gemacht wurden, waren 
fein unwichtiger Beitrag zur Privatchatoulle der ka⸗ 
tholiſchen, allmählig ärmer gewordenen Majeſtät, 
und, abgeſehen von den großen Summen, die auf 
dieſe Weiſe in den Böniglichen Privatſchatz floffen, 
wurden dieſer Hofſtaat und diefe Hofzirkel Die Mittel, 
das Land allmählig in jene abfolute Abhängigkeit zu 
bringen, welche das Lieblingsſyſtem der heutigen Re⸗ 
gierungsfunft ift. Der reihe mexikaniſche Adel hatte 
in dieſen Hofzirfeln nicht nur Gelegenheit, feine Reich⸗ 
thümer auf eine dem privilegirten Handeläftande von 
Sadir-vortheilhafte Weife zu verſchwenden; die Cen⸗ 
tralifivun® des Adels um den Hof des Satrapen war 
au der Bindungsfaden geworden, diefen inniger an 
das Eönigliche Interefie zu Fnüpfen, indem er Belegen» 
beit gab, die verſchiedenen Nüancen der Unzufrieden- 
beit zu bewachen, Mißvergnügen im Keime zu er⸗ 
ſticken, die Ueberreſte felbftftändig politiſchen Gefühle 
duch eine galante Debaucherie zu vertilgen und durch 
jene, Ariftofraten fo füßen und unentbehrlichen In⸗ 
triguen alle Fäden ber bürgerlichen Geſellſchaft fpie- 





—H 113 &— 


Iend in der Hand zu behalten. — So war Diefer Hof⸗ 
ftaat, urfprünglich eine halb barbariſche Schauftellung 
roher, feudaler Pracht, wie in den alten europälfchen 
Ländern, das Mittel geworden, das Land feiter an 
feine Herrſcher dadurch zu knüpfen, daß der vorneh- 
mere Theil der Bürger in die Gefellfihaft feines Re⸗ 
präfentanten gezogen, und fo mit dem Herrſchenden 
felbft in nähere Verbindung gebracht wurbe. Die 
Folgen diefer Politik waren fehr befriedigend für bie 
Tpanifche Herrfchaft gemefen, und es dürfte noch heute 
ſchwer zu entfcheiden ſeyn, ob die lange Ruhe, die 
vrei Jahrhunderte hindurch in dieſen unfäglich gedrück⸗ 
ten Ländern ſelbſt dann nicht unterbrochen worden, 
als das Mutterland im langen und blutigen Erbfolge⸗ 
krieg begriffen war, und die innige Anhänglichkeit, 
mit der der mexikaniſche Adel noch gegenwärtig an 
Spanten hängt, nicht einzig und allein dieſem Reprä⸗ 
ſentativſyſtem zuzuſchreiben ſey; wenigftend verrieth der 
Eifer, mit dem, wie wir gefehen baden, Hunderte von 
Familien fi) zu dieſer grande soirde drängten, ein 
Intereſſe an der Ehre des viceföniglichen Hofftaates, 
das, auf die Batrioten übergetragen, das Schiekfal 


— 114 — 


der königlichen Regierung bald entſchieden haben 
dürfte. 
Der Palaſt, in dem dieſe Hofcour gehalten wurde, 
und dem feither Die ehrenwollere Beftimmung zu Theil 
geworden, die oberſten Behörden einer freien Re⸗ 
publif in feinen lauern zu vereinigen, war ganz 
geeignet, den Repräfentanten eined mächtigen Herr⸗ 
ſchers mit den höchſten Landesſtellen und einen glän- 
zenden Adel innerhalb feiner Säle aufzunehmen. Er 
nimmt bie ganze Sühfeite des prachtvollen Platzes, 
Plazza mayor genannt, ein, und erhebt fi in jenem 
gediegenen, aber etwas fehmwerfälligen Style, den wir 
an fpanifchen Baumerken häufig bemerken, - und ber, 
obgleich weniger Fühn als der römiſche, den Einbrud 
abfoluter Herrſcherwürde einem unwiſſenden aber 
firmlihen Wolfe vor Augen zu bringen durch feine 
Ehrfurcht gebietenden Maffen vielleicht geeigneter ſeyn 
dürfte, als felbft die claſſiſchen Formen des erftern. 
Mehrere Thore führen in feine weiten, inmeren Höfe 
und zur gewölbten Säulenhalle,. die um einen pracht⸗ 
vollen Hofgarten läuft. Eine breite Doppelflucht von 
Treppen führte in die Staatözimmer des mächtigften 
Satrapen der netern Zeiten, die, als follte die Natur 





—d 115 6 


feiner Gewalt’ recht auffallend dem Eintretenden vor 
die Sinne gebracht werben, zum Theil über den ſchau⸗ 
derhaften Gefängnifjen der Staatsverbrecher erbaut 
waren. Die Thorwege und die Säulenhalle. wimmelte 
von Schaaren reich gefleideter Hofdiener, Leibgardi⸗ 
ften und Livreebedienten, mit Wachtpoften vermifcht, 
die an die Staatstreppen binan flanden, und an bie 
fid "eine zweite Schaar noch reicher gefleibeter Haus⸗ 
offiziere anfhlofien, die zum Theil einen weiten 
Borfanleinnahmen, oder vorden Klügelthüren des Au⸗ 
dienzſaales gerichtet fanden. Gruppen von Adjutan« 
ten und Offizieren aller Grade und Waffen bildeten 
jene maleriſche Miſchung, Die vielleicht mehr als der 
glänzende Hof felbft geeignet ift, das Bild höchſter 
Gewalt recht imponirend vor Augen zu bringen. 
Zwei reich gefleidete Höflinge bewachten den Eingang, 
und überlieferten die zum Eintritt Bererhtigten immer 
dem Geremonienmeifter. 

Der große und hohe Audienzfaal, die untere Säle 
mit Eſteras, die obere mit glänzenden Teppichen be 
legt, war in jenem alterthümlichen Geſchmacke ver- 
ziert, der eine lange beſtandene und feft begründete 
Herrſchaft andeutet. An den Wänden glänzten un⸗ 


—d9 116 &— 


geheure Trumeaus, abwechfelnd mit langen Reihen 
von Wappenfchildern, Die die obfoleten Anfprüche der 
verfhiedenen Herrfeherfamilien des Mutterlandes auf 
beinahe alle Länder des Erdbodens barftellten. Eine 
reiche, obwohl etwas verblichene Draperie von Pur⸗ 
pur und chineſiſchem Atlas, mit Gold verbrämt, zog 
fih oberhalb diefer den Wänden entlang zu einem 
Thronhimmel, unter dem ſechs Stufen had) ein ſchwer⸗ 
fälligen vergalbeter Armſeſſel mit Hoher Lehne ſtand, 
auf dem die Attribute der Eöniglichen Würde Tagen. 
Zu beiden Seiten dieſes Thronfiges; drei Stufen niebri- 
ger, befanden ſich zwei andere Sefjel auf Eftradag, 
und darüber gleichfalls Baldachine, obwohl um Dies 
les einfacher. Eine dritte Stufe hatte wieder mehrere 
Sitze, jedoch ohne Baldachin. Alle wären mit Fofl- 
baren, aber einigermaßen gealterten Fußteppichen bes 
deckt; zwei Reihen von Seffeln zu beiden Seiten bed 
Salons vollendeten die Einrichtung. Das Ganze im 
ſchwerfällig alterthümlichen Geſchmacke des verfloffes 
nen Jahrhunderts, unterftüht jedoch von einer gedie⸗ 
genen Pracht und einer glänzenden Beleuchtung, 
brachte eine impofante Wirkung hervor. 

So wie ber Erzbiſchof eingetreten, erhoben ſich 


—d 117 ⸗— 


ſämmtliche Anmefende und verneigten fih. Während 
der geiftliche Würbenträger zu den Stufen des Thro⸗ 
ned vorſchritt, öffneten ſich die obern Flügelthüren, 
und ein prachtvoll glänzender Zug trat von Diefer 
Seite ein. An feiner Spite befand ſich der Satray, 
dem königliche Gunft ‚oder vielmehr Intrigue das 
Wohl und Wehe des reichften Königreiches der neuen 
Welt mit fieben Millionen feiner Bewohner zur unum⸗ 
ſchränkten Dispofitton überliefert hatte. Es war dieſes 
ein fein gebildeter Mann mittlerer Größe. Der Ober⸗ 
theil ſeines Geſichtes hatte nichts Ausgezeichnetes; der 
untere war jedoch merkwürdiger, wenn nicht gefälliger. 
Ein rundes Kinn, um das von Zeit zu Zeit ein an⸗ 
genehmes Lächeln ſpielte, gab ihm einen Ausdruck 
von Zufriedenheit, obwohl ſeine Miene ſich wieder ſo 
ſüßlich verzog, als ihm einen tückiſch grauſam wol⸗ 
lůſtigen Zug verlieh, der durch ein zeitweiliges Blin⸗ 
zeln noch vermehrt wurde. Doch hatte dieſer Mann 
jede Fiber wieder ſo ſehr in ſeiner Gewalt, daß jeder 
Augenblick auch ein anderes Geſicht zeigte. Er trug 
die Feldmarſchallsuniform Spaniens mit dem großen 
Bande des Ordens Carls III. Die Weiſe, wie er 
den Erzbiſchof empfing, verrieth jene ſcheinbar hohe 
Der Virey. L 9 


—H 118 9 — 


. Ehrfurdhi, mit der kluge Staatsmänner die geiftlichen 
Stüßen zeitlicher Gewalt vor den Augen der Menge 
zu ehren verftehen, wenn fie gleich von dem lebenden 
Prinzip der Neligion. wenig oder gar nicht durch⸗ 
drungen find. Seine Berbeugung war beinahe demü⸗ 
thig, und der ſchaͤrfſte Beobachter dürfte vergeblich 
einen Zug von Spott in dem Geſichte ded Satrapen 
gefucht haben, der auf mehreren feines Gefolges nicht 
undeutlich zu lefen war. Andererſeits ſchien der geift- 
lihe Würdenträger ſich vollfommen feines hoben 
Ranges bewußt, und ed war an ihm nichts von jener 
‚affektirten Demuth zu fpüren, die wir an den Vorſte⸗ 
bern diefer Kirche in Ländern zu bemerken Gelegen- 
heit haben, wo ihre Autorität auf unfihern Pfeilern 
ſchwankt; eine gewiſſe VBerlegenheit allenfall3 ausge⸗ 
nommen, die dem Gefihte einen finftern Ausdruck 
verlieh, und die vieleicht dem Pereat zuzufchreiben 
war, das der Schußpatronin feines Geburtslandes 
und fo ihm felbft von dem Pöbel gebracht worden. 
Das tieffte Schweigen herrſchte während der Un⸗ 
terhaltung der beiden Würbdenträger, an der bloß noch 
“ Eine Berfon unmittelbaren Antheil nahm, und zwar 
eine, die nicht minder merfwürdig in der Geſchichte 


—d 119 I 


dieſes unglüdtichen Landes, als abftoßend in ihrem 
Aeußern erſchien; eine ftarfe, hagere Geftalt, von mus⸗ 
fulöfem Körperbau, mit einem finftern, abfchreden- 
den Gefihte, und einem Paar kohlſchwarzer, vers 
gladter, flierer Augen, Die, unter den bufchig grau⸗ 
ſchwarzen Augenwimpern hervorgloßend, dem Manne 
etwas Gräßliches verliehen. Es war eine Art Sa- 
tansgeſicht, Doch ohne defien Geift, vielmehr eine Mi⸗ 
[hung von Bigotterie, Dummheit und Grauſamkeit, 
die zugleich Ekel erregten. 

Als die beiven Würbenträger und der Generals 
Gapitain, denn dieß war die hohe Charge des fo eben 
befchriebenen Militärs, die Unterhaltung lange ge= . 
nug ausgedehnt hatten, um den Anweſenden gewiffer- 
maßen das innige Verhältniß zwifchen Staat, Kirche 
und dem Schwerte bemerkbar zu machen, traten fie 
vor die Stufen des Thrones, um einen Zug von Da= 
men zu empfangen, bie durch die nämlichen Thüren 
eingetreten, burch welche guch der Satrap gekommen 
war, und die ſich nach einer kurzen Unterhaltung zur 
Linken des Thronhimmels auf der erſten Stufe auf⸗ 
ſtellten. 

Der Spanier beſitzt eine natũrliche, ihm angeborne 

9° 


—d 1 — 
Würde, deren Grundlage, Selbftgefühl und National- 
ſtolz, ihn vorzüglich zum Repräſentiren eignen, ob⸗ 
wohl beide wieder in der neuern Zeit fehr gelitten 
haben. So fehr der fehärfere Beobachter jene geift- 
reich ſchönen Phyſiognomien vermißt haben dürfte, 
die bei ähnlichen Beranlaffungen in unferem oder dem 
und verwandten Mutterlande das Auge eben ſowohl, 
ald den Verſtand, anſprechen, indem ſie durch ihre 
ruhige, innere Würde und Beſonnenheit eine gewiſſer⸗ 
maßen intuitive Befchauung des freien Mannes er= 
Tauben ; fo. fehr dürfte andrerfeits fein Intereffe durch 
den Anblick einer Verfammlung aufgeregt worben 
ſeyn, in der gewiſſermaßen die ganze Macht und Ener⸗ 
gie eines mächtigen Staates concentrirt war, und 
deren grelle, barſche Gefichter als Abdruck der außer⸗ 
orbentlihften Regierung gelten Eonnten, die je in 
einem Lande gewüthet bat. Die Spanier waren bei- 
nahe durchgängig kleine verbuttete Geftalten, mit 
ſchwarzbraunen oder olivengrünen, verzerrten, hoch⸗ 
můthigen Geſichtern, funkelnden Fleinen Rattenaugen, 
und Zügen, in denen die jugendlichen Leidenſchaften 
nur ausgetobt zu haben ſchienen, um ihre Hefen mit 
den haͤrteren und haſſenswürdigern des grauen Alters 








— 121 8 


zu vermifchen. In der Art, wie fie fi dem Satrapen 
näherten, lag etwas ſervil Nieberträchtiged und wies 
der abftopend widrig Arrogantes. Sie kamen in der 
ehrfurchtsvollſten Stellung heran; aber in dieſer ge⸗ 
heuchelten Ehrfurcht lag wieder ein Sohnlächeln, das 
deutlich verrieth,, ihre Huldigung gelte dem Abglanz 
der Majeftät nur infoferne, als diefe ihre eigenen 
Plane unterftügte, und daß fle tief fühlten, fie bes 
fänden fid in einem Lande, auf deſſen unbefchränfte 
Beherrſchung fie einzig und allein Anſpruch hätten, 
obgleich fie in ihrem eigenen Lande Sklaven waren. 
Aengſtlich und beinahe furchtſam, mit einem leeren 
nichtöfagenden, ariſtokratiſchen Lächeln und Friechen- 
den Büdingen famen die Creolen heran, vol füßen 
Schauer bei ihrer Annäherung zur höchiten Perfon- 
nage wagten fie es Taum aufzutreten, und die un= 
nennbare Seligfeit, die ihre Gefichter überſtrahlte, 
ſo wie ein Wort vom Satrapen ihnen zu Theil wurde, 
war um ſo widerlicher, als der unverkennbare Hohn 
ihrer Vorgänger den Commentar zu dieſer Hofwonne 
bildete. So gewiß es iſt, daß eine feſte männliche 
Haltung das Gemüth wohl anſpricht, indem ſie 
der Ausdruck perſoͤnlicher Freiheit und Sicherheit 


— 122 9>— 


wird, eben fo bewirkt die entgegengefegte kriechende 
Darſtellung des innern Menſchen wieder jene Aengſtlich⸗ 
keit und Unbehaglichkeit, die ſich eben fo unwillkür— 
lich in Verachtung Desjenigen umwandelt, der dieſe 
in uns hervorzubringen die Veranlaſſung war. Es 
bedurfte wirklich nur eined Augenblided, un dem 
aufmerkſamen Menfchenkenner einen anſchaulichen 
Begriff von ver Natur ber Herrſchaft zu geben, unter 
welcher dieſes Land feufzte und ihn über die Urfachen 
aufzuklären, die nahe an fieben Millionen Creolen, 
Indianer und Kaften unter ber Botmäßigfeit von 
einer verhäͤltnißmäßig geringen Anzahl von Spaniern 
erhalten konnten. . 

Abgefehen jedoch von diefen höhern Betrachtungen 
gewährte die Verſammlung einen glänzenden Anblick. 
Die reihen Uniformen der Generale und hohen 
Staatöbeamten, unter denen ſich Die malerifche Amts⸗ 
teacht der Didores mit ihren ſchwarzen Seidemän- 
teln und goldenen Ketten auszeichnete; Die farbigen 
Gewänder der hohen Geiftlichkeit, mit den vielfaltigen 
prachtvollen Uniformen der verfihiedenen Beamten 
und der antifen und reichen Tracht mehrerer Creolen, 
mit den reihern Anzügen der Damen, boten ein En⸗ 





9 13 — 


femble dar, welches der mächtigfte Autofrat kaum 
glänzender an feinem Hofe aufweifen Tonnte, und deſ⸗ 
fen Wirfung durch ein geheimnißvolles Etwas, das 
durch das Ganze hindurchſchimmerte, eher vermehrt 
al8 vermindert wurbe. 

Nachdem die Vorſtellung der Herren auf der rech⸗ 
ten Seite des Saaled vor ſich gegangen, maren fle 
auf die linke geführt worden, mo fie zum Handkuffe 
der Gemahlin des alter ego ded Königs zugelaffen, 
die Damen aber mit einer Umarmung oder einem 
mehr oder weniger verbindlichen Knidfe empfangen 
wurden, um nach einer Fürzern ober längern Unter- 
haltung, die wieder eine größere oder mindere Wohl- 
gewogenheit anbeuten follte, eben fo entlafien zu 
werben. 

Derfelbe Stolz von Seiten der Spanierinnen: doch 
ſchien bei den creolifchen Frauen die Eiferfucht gegen 
ihre Nebenbublerinnen weit harakteriftifcher hervor- 
treten zu wollen, al8 diefed von Seite ihrer Ehemän⸗ 
ner der Ball gemefen war. Auch in ihrem Putze 
hatten fich die zwei fehönen Hälften einander fo zu fagen 
feindfelig gegenüber geftellt, und während die Spa- 
nierinnen in die Robe ihres Landes gekleidet waren, 


— 1 


hatten die. Breolinnen die Toilette des Volkes, wel⸗ 
ches die Regierung ihres Mutterlandes über den Hau⸗ 
fen geworfen und ihren Regenten in Gefangenſchaft 
hielt, vorgezogen, obwohl dieſer Vorzug von unſern 
Schönen um ſo weniger beneidet worden ſeyn dürfte, 
als ihre Mufter noch dem verflofienen Jahrhunderte 
angehörten. Unter den jüngern Damen gab ed un⸗ 
gemein herrliche Geftalten, und der zart gebräunte 
Teint und das Liebe glühende Auge verriethen auch 
unter den mißftaltenden Anzügen die Sprößlinge des 
glühenden Andalufiens und des ſtolzen Eaftiliens. 

Die Sonne jedoch, um welche fih der ganze Kreis 
bewegte, war der Satrape, und der Spanier felbft 
fihlen Die ihm angeborne Galanterie für den Augen 
blick vergeffen zu haben, um dem Nepräfentanten 
königlicher Majeſtät und fo fich felbft die höchſt mög- 
liche Huldigung darzubringen. 

Nichts Eonnte aber auch der würbevollen Anmuth 
gleich kommen, mit welcher diefe Perfonnage feine 
Negentenrolle fpielte. Auch den Zagendſten ſchien er 
ermuthigen zu wollen durch freundliche Milde, die 
recht angelegentlich aufzufordern ſchien, fi behaglich 
in ſeiner Nähe zu fühlen. Allen wußte der Mann 





—H 135 6 . 


etwas Verbindliches zu fagen; Doch war biefe feine 
Freundlichkeit wieder fehr veränderlich; bei Einigen 
ſchien ſie mehr in's Vertrauliche übergehen zu wol⸗ 
len, während bei Andern wieder die Amtsmiene oder 
gnädige Herablaſſung vorherrſchte. Die Galaͤufigkeit, 
mit der er die verſchiedenartigſten Fragen gleichſam 
im Vorbeigehen, und doch zugleich ſo angelegentlich 
an Jeden richtete, war bewundernswerth. Einige 
dieſer Fragen bezogen ſich auf das gute Ausſehen der 
Befragten, und das Vergnügen, das er empfand, 
einen ſo getreuen Diener ſeines Herrn in ſo vollkom⸗ 
menem Wohlſeyn zu ſehen; Andere auf Familien⸗ 
verhältniſſe, in welchen der hohe Mann bis zu einem 
gewiſſen Punkte bewandert ſchien; noch andere auf 
das Fach, dem der Vefragte vorſtand; alle aber 
waren in jener oberflächlich gefälligen Manier vorge⸗ 
bracht, die gewiſſermaßen den Fragenden als über 
tiefere Kenntniß des von ihm berührten Gegenſtan⸗ 
des erhaben darſtellen ſollten. Mehreremale fand es 
die hohe Perſonnage auch für dienlich, Worte leiſer 
zu ſprechen, die hinlängliche Inhaltsſchwere hatten, 
dem Angeredeten das Blut in das olivenfarbige Ge⸗ 





— 16 — 


fiht zu jagen, ohne daß fie dem Satrapen mehr ala 
ein gnädiges Lächeln gefoftet hätten. | 

Die Stimme des Gamarerio-Mayor, der neue Aln= 
kömmlinge verfündete, brachte endlich in dem Gefichte 
des geſchmeidigen Hofmannes eine Art Stillftand 
hervor, und feine Muskeln zuckten zum Erſtenmale 
in dem augenbliclihen, und wie es ſchien ſchweren 
Kampfe, den ed ihn koſtete, ſie in das vorige Lächeln 
zu glätten: 


Sechstes Kapitel. 
All dieſer citle Prunk iſt frevler Schimpf. 
Der um ſo tiefer nur dieß Herz verwundet, 
Indem er Gift als Gegengift hinreicht. 
Byron. 

Es waren die zwei Creolen, die mit der Dame in 
den letzten zwei Wagen angekommen waren. Der 
Erſte, der unter dem Namen Conde de San Jago 
angekündigt wurde, war ein Mann mittlerer Größe, 
von feinem, ſchmächtigem Gliederbaue; ſein Alter 
mochte zwiſchen vierzig und fünfzig ſeyn, obwohl ein 
unverkennbarer Zug von Gram ihm das Ausſehen 


— 17 0 — 


von vielleicht fünf Jahren mehr gab; feine Gefichts⸗ 
zuge waren fein und edel, mit den ſcharf marfirten 
Umriffen, welche die Nachkommen der römischen Na⸗ 
tion harakteriftren; fein Auge durchdringend und 
Har; fein fefter Tritt und feine beflimmte Haltung 
beurkundeten Gelaffenheit und hohe innere Würde; 
fein Anzug war nach dem neueften, damals in Eu⸗ 
ropa berrjchenden Gefchniade; ein einfach ſchwarzer 
Tuchrock, eben ſolche Beinkleider, ſeidene Strümpfe 
und Schuhe. Inden er ſich den Stufen des Thrones 
näherte, glitt fein Blick ruhig und achtungsvoll über 
die Berfammlung hin, von der Mehrere, ihren freund- 
lich aufwallenden Geftchtözügen nach zu fehließen, eben 
fo angenehm als wohlthuend überrajcht wurden. 
Sein Begleiter war noch fehr jung, und konnte 

kaum das achtzehnte Jahr überfohritten haben; eine 
unverfennbare Familienähnlichkeit bezeichnete ihn als 
einen nahen Verwandten. Ein fehmarzer Lockenkopf, 
eine breite, offene Stirne mit herrlichen Braunen und 
ein Paar Augen, fo prachtvoll, fo glühend, daß Die 
weibliche Hälfte der Aſſemblee unmwillführlidh in das 
Geflüfter: „O que brillantes estrellas!‘‘*) ausbrach. 


— 


*) Welch glänzende Sterne! 


— 128 — 


Sanft gebräunte Wangen mit einer fein geformten 
römischen Nafe gaben dem jugendlichen Gefichte einen 
Ausdrud von anmuthiger Männlichkeit, deren ſich 
der ſtolze Küngling vollkommen bewußt zu feyn ſchien. 
Als die Beiden von dem Camarerio-Mayor *) vor 
die Stufen bed Throne geführt waren, verbeugten 
fte ſich tief und ſtanden einige < Sekunden in ehrfurchts⸗ 
voller Erwartung. 

Das Gefiht des Vicekönigs hatte einen Ausdruck 
von zutraulicher Freundlichkeit angenommen, und ſein 
Auge ruhte wohlgefällig lächelnd auf Beiden. 

* # Der Conde de San Jago iſt willkommen!« ſprach 
er mit einer tiefern Verbeugung, als er bisher, den 
Erzbiſchof ausgenommen, noch zu machen für gut be— 
funden Hatte. „Der Carneval hat endblih bewirkt, 
worauf wir, troß unferer freundlichen Zumuthungen, 
fo Tange vergebens gehofft haben. « 

„Eure Excellenz geruben, einer’ Urfache zuzufchrei= 
ben, die ſchwerlich für und Veranlaffung werben 
fonnte,“ ermiederte der Conde. „Wir find gekom⸗ 
men,“ feßte er im beftimmtern Tone hinzu, num dem 





”) Oberfamnterherr. 





— 19 — 


erlauchten Neprüfentanten der Majeſtät unfere Ehr- 
furcht zu bezeugen und uns dem Born der Gnade zu 
nähern, dem Merifo fo Vieles verdankt.“ 

„Und dem Schuße der Mutter de los remedios,‘ 
murmelte der Erzbifchof, ohne jedoch in die Rede ſelbſt 
einzufallen. - | 

„Und dem guten fpanifchen Schwerte,“ fügte der 
General⸗Capitain etwas Lauter hinzu. 

„Wir haben den Troft der gerechten Sache und des 
Beiftandes bes Allerhöchften und der Jungfrau, die 
die Stüße Spaniens If,” bemerkte der Vicekönig in 
einem Tone, der unwillfürlich einen fpöttifchen Nach⸗ 
Hang von fih gab. „Und dieſer junge Kavalier?“ 
fragte er mit einem fremden Blicke auf den Jüngling, 
der dem Grafen zur Seite ftand. 

Diefer, im höchſten Grade, wie e8 ſchien überrafcht, 
erröthete und gerieth dermaßen in DVerlegenheit, daß 
er wirr und fcheu um ſich und dann zu Boden blicke. 

„Euer Excellenz unterthänigft aufzuwarten, der 
Sohn unſers Couſin, Don Senor Sebaſtiano,“ 
ſprach der Conde mit einem Blicke, der nicht minder 
befremdet bald auf dem Vicekönige, wieder auf d dem 
Sinti ruhte. 


— 10 — 


Die hohe Berfonnage hatte gleichfalls ihre Fafſung 
verlosen, bie fie erft wieder gewann, als die Stimme 
des General-Gapitains hörbar wurde. 

Diefer hatte fein ſtieres Auge forfhend auf den 
Jüngling gerichtet, den er mit einem Interefle mu⸗ 
fterte, das allenfalls ein Werbeoffizier einem mohlge- 
wachſenen Rekruten ſchenken dürfte, und dann ſich 
zum Vicekönig gewandt, dem er einige Worte zuflü⸗ 
ſterte. Aus der Unterhaltung, die zwiſchen den bei- 
den Dignitairen fich entfponnen, waren bloß die 
abgebrochenen Säge zu vernehmen: „den fünf und 
zwanzig beigefellen, die fich erfrechten, mit den ge= 
heiligten Mußeſtunden Sr. Majeftät ihren Spott zu 
treiben,“ und das „furchtbar! furchtbar!“ dad dem 
Satrapen in bemfelben Teifen Tone entfuhr; dann 
wurden ihre Stimmen abermals zum unverftänblichen 
Geziſche. u 
Der Eonde war während des Eurzen, aber einiger- 
maßen peinlichen Zwiſchenſpieles ruhig geſtanden, 
ſein Auge abwechſelnd auf den Vicekönig und den 
General⸗Capitain gerichtet, als der Erſtere, ſich zur 
Hälfte an ihn, zur andern zum General⸗Capitain 
wendend, ſprach: 


2. 131 — 


„Wir waren ohnedem gewillet, Sr. Herrlichkeit 
dem Gonde Jago einen Beweis von Wohlwollen zu 
geben, der den hohen Fueros *), deren ftch feine hohe 
Familie erfreut, angemeffener jeyn bürfte, als Euer 
Excellenz gütiger Vorſchlag —“ 

Der General-⸗-Capitain erwiederte: 

„Wir find fo frei zu bemerken, Excellenza, daß auf 
Fueros in unferer Lage Nüdficht zu nehmen dem In⸗ 
terefie unſeres allergnädigften Herrn, den ‚die heilige 
Jungfrau fügen möge, nicht anders als hinderlich 
ſeyn Eönne. Se. geheiligte Majeſtät haben ſie gege- 
ben, und nehmen fie wieder, und zu Letzterm find wir 
bevollmächtigt, wenn immer der Dienft Sr. Majeftät 
eö erheijcht.« 

„Euer Excellenz Bemerkungen; “ verſetzte der Vice⸗ 
könig, „find eben fo wahr als richtig, und wir wür⸗ 
den nicht anftehen, wenn der Dienft Sr. Majeftät —“ 

„Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genom⸗ 
men, « fiel der Erzbiſchof ein. 


» 





*) Privilegien. Jeder Stand hatte feine Tueros: ber Militär: 
ftand, die Geiftlichkeit, die Confulado, die Milig ꝛc. Eines 
diefer Privilegien befand in ber eigenen Gerichtzbarkeit des 
reſpectiven Standes. 


—d 133 &— 
„Es exheifchte, * fuhr der Satray fort, nachdem er 
. dem geiftlichen Dignitair Zeit gegeben hatte, feine 
Worte einzuſchalten; valleinSe. Ercellenz werden auch 
nicht vergeflen, daß Gerechtigkeit und Milde zu paa= 
ron das angeborne Attribut des Herrſchers beider In⸗ 
bien iſt und ſeit Jahrhunderten gewefen ift.« 

: n@uer Excellenz Tonnen Ihre Bollmadten,“ ver⸗ 
feßte der General-Gapitain; „aber meine Meinung 
ift, zuerſt rein Werk und dann Milde, ſo viel Sie 
wollm.«' 

„Wir kennen unfere Vollmachten, wie Euer Ercel⸗ 
lenz guͤtig zu bemerken belieben, « fiel der Satrape 
etwas haſtig ein, „und die der Junta de Guerra*), 
deren Präftdent wir zu feyn die Ehre haben; aber 
wir glauben, auch die Fueros de Eaftilla in ihrem 
Anfehen erhalten zu müflen, fo viel prudencia y sa- 
gacidad convenientes erlauben,“**) fügte er mit 
einem bebädhtigen, etwas tückiſchen Lächeln Hinzu. 
„Wir haben einen Weg eingefhlagen, der eben fo 
ſehr unfere Achtung für die Fueros der Familie des 


*) Oberites Kriegskollegium. 
”) Klugheit und Vorficht. 


—H 133 — 


Eonde, als das Intereffe unferd allergnäbdigften Herrn 
und Gebieterd, vereinen wird. « 

Und nachdem er diefe Worte in einem etwas lau⸗ 
tern, und zwar jenem beftimmten, obwohl immer 
noch verfühnenden Tone gefprochen, der Widerrede 
eben fo unnüg, als unſchicklich machen ſollte, ver⸗ 
beugte er ſich etwas leichter und Fälter gegen den Gra⸗ 
fen, als eö beim Empfange der Ball gewefen. 

Lebterer, nachdem er auf diefe myfteriöfe Weife 
abgefertigt worden war, wich mit feinem Neffen von 
den Stufen des Thrones zurück, während der Sa⸗ 
trape, in Begleitung bed Erzbifchofes, des General- 
Capitains und feines Gefolges, ihren erhabenen 
Standpunkt ebenfalls verließen, um gleihfam ben 
verfchiedenen Perfonen eine Art Gegenbeſuch abzu- 
ftatten. 

Sy fteif und formell der Iehte Empfang geendet 
hatte, fo freundlich, gefällig und herablafiend wurde 
nun wieber ber Repräfentant der abfoluten Gewalt; 
ja, es fhien, als ob diefer mit Verſtellungsgabe fo 
fehr ausgerüftete Mann feine höchſte Kraft aufböte, 
um feine Rolle einem glücklichen Ende entgegenzu- 
führen. Ä 


Der Birey. L 10 


— 134 & 


„Wir haben,“ ſprach er mit der freunblihften 
Miene und dem heiterften Lächeln zu unferem Grafen, 
als er endlich in feiner Tour zu Diefem heraßgelangt 
war: „und eine Heine Mühe und felbft einen Heinen 
Zwiſt Ihretwegen zugezogen, theurer Conde, die, wie 
Sie erſehen haben, und ſchiefen Bemerkungen aus⸗ 
geſetzt; allein dieſe follen uns nicht abhalten, der 
Stimme unferes Herzens, bie für unfere Freunde 
fpriht, zu folgen.» 

Ein vieffägender Blick, ein freundliches Nicken be— 
gleitete dieſe huldreich geheimnißvolle Zuflherung, 
und dann ſchritt der Mann weiter. | 

Der Graf Hatte kein Wort geſprochen, und wäh— 
rend er fih vor dem weltlihen Gemwalthaber ver- 
beugte, trat der Geiftliche heran. 

Das Erfeheinen dieſes Priefterd Eonnte würdevoll 
genannt werben; dad malerifche violetfarbige Seiden⸗ 
demand, welches in weiten Kalten feine hohe, dünne 
Geftalt umfloß, und deffen Schleppe von einem reich⸗ 
gekleideten Pagen getragen, gab feinem Ehrfurcht ge= 
bietenden Wefen etwas Antikes, das jedoch, mie ge⸗ 
fagt, wieder dur eine gewifle Verlegenheit geflört 
wurde, die ihn jelbft während der langen Aufwartung 


—d) 135 9 


nicht ganz verkaflen hatte. Er trug um feinen Hals 
eine goldene Kette von der feinften merikfanifchen Ar- 
beit, die in einem mit Juwelen beſetzten Kreuze endigte, 
dad auf die Bruft zu liegen fam. 

„Muy bien!‘ *) redete er den Conde mit einer et⸗ 
was finftern Sreumdlichfeit an; „Muy bien! Alles 
mit der heiligen Jungfrau angefangen. Sie verleiht 
ihren Beiftand nicht bloß durch Fürbitte, fondern, 
wie die allein feligmachende Kirche ausdrücklich lehrt, 
auch aus eigener Machtvollkommenheit, weßhalb fie 
billig de los remedios genannt wird. Si, si, Se- 
nor!“ **) Sprach er nach dieſer gottfelig feyn follen- 
den Auseinanderfegung des Schubverhältniffes feiner 
Patronin: „Wir felbit wollen das allerheiligfte Meß⸗ 
opfer in unferer Kapelle darbringen; es ift zwar eine 
bafbe Stunde früher, ald wir gewohnt find —“ 

„Beso a Vmd la manos!“ Ich kuͤſſe die Hände 
meines. gnädigften Seren Erzbiſchofes,“ erwiederte 
ber Graf etwas trocken; „aber Perdon Illustrissima 
Senoria, ***) wenn ich meine Unmiffenheit über bie 


*) Schr wohl! - 
**) Ja, ja, mein Gnädiger. 
”*) Vergebung, erlauchte Herrlichkeit. 


10° 


— 136 — 


Veranlafſung dieſer hoben Gnade zu erkennen 
geben muß.“ \ 

"Die Berlegenheit des geiftlihen Würbeträgers 
flieg um ein Bedeutendes bei Diefen Worten. „Se 
noria,“ erwieberte er. finfter, „werden die Veranlaf- 
fung unfehlbar feiner Zeit Tennen lernen, und wir, 
wie gefagt, eine Collectam pro peregrinante,*) 
für Ihren Neffen nämlich, zu machen und bewogen 
finden, der morgen früh um ſechs Uhr nach Vera 
und von da nach der Madre Patria abzugehen von 
Sr. Ercellenz unferem gnäbigften Vicekönig beordert 
werben wird.“ 

„Eine Reiſe nach der Madre Hatria, nach Spa⸗ 
nien? Und mein Neffe!“ fuhr der Conde heraus im 
Tone des höchſten Erftaunens und mit einem Blide, 
in dem fich ein empörtes Gemüth deutlich verrieth. 
Der Erzbiſchof ſchien nicht minder erſtaunt über 
dieſe Wahrzeichen des gräflichen Unwillens; fein fin- 
ſterer Blick fiel einen Augenblick durchbohrend auf 
den Conde. 

nSe. Excellenz unſer gnädigſter Virey,“ fuhr er 


) Ein Gebet für einen Reiſenden. 


—d 137 0 


verweifend fort, haben mit Hochdero eigenem Munde 
und eröffnet, wie Don Manuel abgehen werde, und 
und zugleich erjucht, Befehle wegen des allerheiligften 
Mebopferd, das Derfelbe no vor feinem Abgange 
hören wird, zu erlaflen. Wir haben uns jedoch be= 
wogen gefunden, Don Joſe Conde de San Jago 
einen Beweis unferer ganz befondern Werthſchätzung 
infofern zu geben, ald wir felbft das beſagte aller- 
heiligfte Meßopfer und Collectam pro peregrinante 
der Mutter de los remedios darzubringen gedenken. * 

Und mit diefen Worten ließ der Priefter fein Haupt 
mit einem plöglich abgemefienen Rucke finken, daß 
das fpige Kinn auf die Bruft zu liegen kam und, 
ed mit einem eben fo abgemeflenen Nude zurück⸗ 
werfend, fchritt er mit devot arroganter Gravität 
weiter. 

Allmählig war in dem Audienzfaale ein Gemurmel 
hörbar geworden, das, fo viele Mühe man fih auch 
gab, es zu unterbrüden, auf eben fo inhaltsſchwere, 
wenn nicht unangenehmere Mittheilungen von Seiten 
des Satrapen ſchließen ließ, als Diejenigen waren, die 
dem Conde zu Theil geworden. Das Gemurmel 
fehien immer lauter werben zu wollen, als auch die 


—d 138 &— 


Stimme des Bicekönigs fih flärker erhob, worauf 
eine Todeöftille eintrat. Seine Worte waren an einen 
Creolen gerichtet, deſſen Gegenvorftelungen etwas 
lauter gewefen waren, ald bie fpanifche Etiquette bei 
ſolchen Gelegenheiten zu geftatten für gut befunden 
hatte. | 

„Don Garcia! Sprach er, „es follte und leid thun, 
wenn wir und getäufeht hätten, und, wo wir einen 
loyalen Verehrer des Willens Sr. gebeiligten Maje- 
ftät unfers allergnädigften Herrn und Gebieters zu 
feben glaubten, der nicht anftehen würde, Gut und 
Blut für feinen angebeteten Monarchen zu opfern, 
— einen räfonnirenden Unzufriebenen wahrnehmen 
follten — 

„Bon den Lehren des Fegerifchen liberalen Windes, 
ber, Pro dolor! in dieſem unglücklichen Reiche nur 
zu fehr zu wehen anfängt, umbergetvieben, # fiel der 
Erzbifchof ein. | 

„Nein, nein, Excellenza,« fuhr der Satrape, zum 
General-Capitain gewendet, fort, ber finfter und 
drohend den armen Ereolen maß; mich verfichere Sie, 
Don Garcia iſt ein zu loyales Glied der merifanifchen 
Nobilitad, um nicht die unangenehmen Folgen zu 











—d 139 0>— 


gespahren, die der leiſeſte Widerſpruch um fo mehr 
in einem Zeitpunkte haben müßte, als wir, Sr. Mas 
jeftät loyale Diener, feft entfchloflen find, das An⸗ 
fehen der von Allerhöchftderfelben uns allerhuldreichſt 
übertragenen Gewalt in feinem ganzen Umfange aufe 
recht zu erhalten, und fo diefed Königreich wieber in 
den Zuftand zurüd zu bringen, ein würdiger Gegen 
ftand der Gnade unſers Herrn zu werben. « 

Es war bei diefem höftfehen Amtstone wieder fo 
viel ſüß Schmeichelndes, oder vielmehr berfid Kofetti- 
rendes in den Worten des Satrapen, daß die Augen 
der meiften Creolen mit einer Art fieberifch peinlicher 
Spannung an dem Sprecher hingen. 

nErcellentiffiimo Senor,“ ſprach der Ereole, an 
den die Anrede gerichtet, die aber fo laut geſprochen 
worden war, daß Alle Leicht einfehen Eonnten, fie 
gelte ihnen ebegſowohl: „Ercellentifſimo Senor!« 
wiederholte der zuckende und bebende Creole mit halb 
erſtickter Stimme, nur Eine Gnade gewähren Gie 
dem Vater, deffen Sohn fo plößlih, unverfhulbet 
aus den Armen feiner Yamilie geriffen wird. Was 
bat Iſidor verbrochen?“ 

„Der getzeue Untertban forſcht nicht, räfonnirt nidi, 


—H 140 & 


er gehorcht,“ ſprach der General mit ſtarker, herri⸗ 
[her Stimme. | 

: Eine Tobesftile erfolgte auf diefe Worte in dem 
ganzen Saale; nur ein leiſes, kaum merkbares Knir- 
Then mit den Zähnen, verrieth den heißen Ingrimm 
ber gedemüthigten Creolen. Doch wagte es Keiner 
auch nur ein Wort zu entgegnen. 

„Wir find der Hoffnung,“ fuhr der Satrape fort, 
„St. geheiligten Majeftät allergetreuefte Unterthanen 
diefes Königreiches werden fortfahren, ſich der Aller- 
höchſten Gnaden würdig zu erhalten, die Se. Maje⸗ 
ftät durch Ihre allerloyalſten Repraͤſentanten und 
Diener, die durchlauchtigſten Cortez, zum Andenken 
der durch Ihre geheiligten Waffen ſowohl in der 
Madre Patria, als in dieſem Königreiche, erfochtenen 
Siege, und namentlich der Eroberung von Badajoz, 
Ihren allerunterthänigſten Getreues angedeihen zu 
laſſen allerhuldreichſt geruhet Haben. Und es iſt mit 
dem größten Vergnügen,“ fuhr der Satrape, mit 
feinem füßeften Lächeln fort, „daß wir den Großen 
dieſes Königreih8 eröffnen, daß die erwähnten aller- 
huldreichften Gnadenbeweiſe Sr. geheiligten Ma- 
jeftät im SKönigreiche berelts angelangt und des 


/ + 


— 14 — 


glücklichen Zeitpunktes harren, wo das Allerhöchfte 
Namensfeſt unſeres angebeteten Monarchen uns ge⸗ 
ſtatten wird, über dieſe allerhuldreichſten Merkmale 
Aullerhöchſidero Gnade, nad Allerhöhftdero gnaͤvig⸗ 
ſter Willensmeinung, allerunterthänigft gehorfamf 
zu verfügen. « 

Sp niederträhtig, unmännli und jelbft abfurd 
folche Redensarten in unferer maͤnnlich freien ameri» 
kaniſchen Sprache klingen, fo zwar, daß es gewiſſer⸗ 
maßen unmöglich ſcheint, fie wiederzugeben, und fo 
fehr fie ficherlich das Gelächter und die Verachtung 
jedes Gebildeten in unſerem und dem Mutterlande 
erregen müßten, ſo iſt doch bekanntlich dieſe, die 
Menſchheit entehrende Sprache in allen Ländern des 
despotiſch beherrſchten Kontinents von Europa ſo 
ſehr Mode geworden, daß ſie da gewiſſermaßen zum 
guten Tone und zur Bildung gehört, und erſt jetzt eine 
der politiſchen Aufklärung etwas weiter vorgerückte 
Nation ſich derfelben zu fehämen anfängt. DieferWort- 
ſchwall, der jede Anrede. an einen Monarchen oder 
ſelbſt eine bloße Erwähnung Defielben begleitet, tft 
übrigens wohl berechnet, und Feines der geringfügig 
ften Mittel, bie Berftandeöfräfte der armen loyalen 


—H 149 — 


. Unterthanen dergeflalt zu umwölken, daß fie gewiſſer⸗ 
maßen nichts Menſchliches mehr, fondern nur Ueber- 
irdifches an ihrem Herrſcher zu fehen wähnen. 

- Der Satrape, nachdem er ſolchergeſtalt das nun 
dem Lande zu Theil gewordene Heil verkündet hatte, 
überſah nochmals mit einem gnädigen Lächeln die 
glänzende Verſammlung, und wandte fi dann zu 
den Damen. Die anmefenden Spanier brachen in 
ein abgemeffeneö, mäßig lautes Viva Su Magestad 
sacratissima Fernando VII. *) aus, in welches Vi⸗ 
vat mehrere Creolen einſtimmten, die gleichſam um 
dem viceköniglichen Gedächtniß bei Verleihung der 
Gnadenbezeugungen nicht zu entſchlüpfen, ſich in 
demuthsvoller Haſt vorgedrängt hatten. Der Satrap 
lächelte Dieſen gnädig zu, überſah die Uebrigen mit 
etwas ſtolzerem Blicke, und nachdem der hohe Mann, 
eben ſo formell als gnädig, von den geiſtlichen und 
weltlichen Würdeträgern Abſchied genommen, ent⸗ 
fernte er ſich unter dem Vortritte ſeines Hofperſonales 
auf dieſelbe Weiſe, wie er gekommen war. 

Der letzte Abſchnitt dieſes Hofzirkels hatte einen 


) Es lebe Se. geheiligte Majeſtät, Ferdinand der VII. 





—, 143 ⸗— 


gemifchten Charakter von fo empörender Herzloſigkeit 
und Heimtücke, ſüßlicher Holpfeligkeit und hohn⸗ 
Jächelnder Grauſamkeit; die Umgebungen, der finftere 
Soldat mit feinem Gefolge von Generalen, der fromm 
tückiſche Erzbifhof mit der Faum minder furdhtbaren 
Ideenaſſociation von Autos da fe, verliehen den Wor⸗ 
ten, To edelhaft kriechend fie auch waren, eine fo 
furchtbare Deutung, daß die Meiften der armen Creo⸗ 
Ien fehaubernd dem Manne nachblickten, der die bit- 
terften Demüthigungen und herzzerreißendſten Gewalt⸗ 
ftreiche auf eine ſolche Weife vorbringen konnte. Eine 
lange Weile nach der Entfernung des Vicekönigs 
herrſchte no Todeöftile im ganzen großen Saale; 
die Creolen ſahen fih an, wie Menfchen, die plöglich 
aus. dem Schlafe aufwachen und erft allmählig wieder 
zum Bewußtſeyn zurückkehren. Als wäre aber jebe 
Aeußerung durch eine unfihtbare Gewalt unterfagt, 
fo erftarben die Worte auf ihren Zungen. Kein Laut 
war zu vernehmen; nur ein dumpfes, ziſchendes Ge⸗ 
flüfter, das, als wäre e8 noch. zu gefährlich, ſchnell 
abgebrochen wurde, um durch eine Sprache erfegt zu 
werben, in ber es bie ſüdlichen Völker in Folge des 
auf ihnen Taftenden Druckes bekanntlich fo weit ges 


— 144 —— 


bracht haben. Wirklich ſchienen ſich die Anweſenden 
in dieſer eben ſo beſtimmt und deullich verftändigen 
zu können, als werm fie fich ihre Ideen durch Worte 
mitgetheilt hätten. Ihre Blicke waren ſchnell und 
ſprechend, und fo raſch folgten nun die Verfländi- 
| gungen biefer Augen und Geberbenfprache, daß ein 
plötzlich Eintretender fid) in einer Verſammlung aufs 
geregter Taubflummen geglaubt haben würde. Nicht 
weniger lebhaft war die Augenfprache der Damen, 
deren Mantillas fi nun mit den heftigern Geberben 
der Männer vereinigten, um ein Schaufpiel aufzu- 
führen, das nur in einem fpanifchen Lande wieber 
geſehen werben kann. 

Diefe Beweglichkeit ver Schleier und. Fächer, diefe 
glänzenden, rollenden und wieder Liebe ſchmachtenden 
lammenblide, die Unmuth, Beratung, Zorn und 
die heftigften Leidenfehaften zu fprühen fehienen, fie 
wechfelten jo pfeilfehnell auf den Gefichtern mit den 
fanftern der Liebe und Annäherung, Daß die ganze 
Aſſemblee, ſichtlich felbft von dieſer innern Kraftäußes 
rung ergriffen, nicht länger im Stande war, ihre 
Empfindungen zu verbergen, und wie getrieben aus 
dem Saale zu drängen begann. Unſer Graf allein 





— 155 — 


war ruhig geſtanden; die Meiſten der anweſenden 
Creolen hatten ſich um ihn geſammelt, ihn forſchend 
angeblickt, und waren wieder weiter geſchritten, um 
Andern Platz zu machen. Auf einmal jedoch ſchien 
auch er ſeine Haltung zu verlieren, ſeine Augen dreh⸗ 
ten ſich ſichtlich in den Höhlen, und ſein Blick, auf 
Einen Punkt gerichtet, begann ſtier und düſter zu 
werden. 

Unter dem Sitze des Erzbiſchofes auf der erſten 
Stufe, wo die Gemahlin des Satrapen noch immer 
Abſchied von den Damen nahm, ſtand eine junge 
ſtolze Dame; ihr erhabener Standpunkt verrieth einen 
hohen Rang, das höhniſche Lächeln, mit dem ſie die 
herannahenden Creolinnen begrüßte, verſchmolz wie⸗ 
der in den ſchmachtendſten Blick, ſo wie ihr Auge auf 
einen entferntern Gegenſtand im Saale hinabglitt. 
Auch ſie ſchien den Conde prüfend zu meſſen; doch 
wandte ſich ihr Flammenblick unwillkürlich wieder 
und wieder auf den entferntern und, wie es ſchien, 
begünſtigten Gegenſtand. Die Vicekönigin hatte nun 
von ſämmtlichen Damen Abſchied genommen; noch 
einen Blick warf die ſtolze Schönheit herüber, und 
dann wandte ſie ſich. Mit ihr der Graf. 


— 16 e⸗ 


„Tio! theuerfter Tio!“ mit dieſen Worten ftürmte 
Don Manuel, fein Neffe, glühend und feurig an ihn 
heran. - u | u 

Eine Wolke hatte ſich Über der Stirn des Grafen 
gelagert. Er fah den Jüngling mit einem wehmüthi- 
gen ernften Lächeln an, ergriff dann die Hand ſeines 
Nachbarn, und verlief den Saal. 

No trat Einer der Camarerios vor, zu verfin- 
den, daß Ihre Excellenzen und Ce. erzbifchöflice 
Gnaden das Theater mit ihrem Beſuche beehren 
“würden. Und nachdem. Alle fo den ſtillſchweigenden 
Befehl empfangen hatten, ſich gleichfalls dahin zu 
begeben, zogen fie fih aus dem Audienzſaale zurüd. 

Mir felbft, in der Vorausſetzung, unfere Leſer 
dürften einſtweilen an dieſem Probeftück der vice 
königlichen Herrlichkeit zur Genüge haben, verlafen 
die hohe Aſſemblee, um den Faden unferer Erzählung 
in einer etwas weniger ſchwindlichten Höhe fortzufegen. 





—5 147 — 


Siebentes Kapitel. 


Mein Elend wett’ ich, um ein Dutzend Vabeln, 

Daß fie vom Staat ſich unterhalten werben, 

Ber einem Wechſel tbut das Jedermann. 
Shafespeare. 


Gegen Süden läuft die Hauptſtadt Mexiko's in 
ben fogenannten Paseo nuevo, einen öffentlichen 
Spaziergang, aus, beftehend in zwei breiten Alleen, 
die wieder in der Straße von Tacubaya endigen. 
Sowohl die beiden Öffentlichen Spaziergänge, als 
die Straßen, find begränzt von einer lachenden Land⸗ 
ſchaft herrlicher Gärten, in denen die tropiſchen Er⸗ 
zeugniſſe der heißen Zone mit den Blüthen und Früch⸗ 
ten Europas verſchmelzen, um abwechielnd "einen 
ewigen Brühling und Herbſt darzuftellen. Taufende 
von Pfirfih-, Kirfihen- und Apfel- und Orangen- 
und Eitronenbäumen bilden einen prachtvollen Frucht⸗ 
wald, der bis zum Porphyrfelfen von Capultepec *), 

*) Tas Schloß von Gapulteper, einer Feſtung ähnlicher 
denn einem Scloffe, auf dem Felfenhügel gleichen Namens, 
vom Birefönige Galvez erbaut. Im Garten deſſelben Schloſ⸗ 


fes befinden fih die fogenannten Monteezouma⸗-Cypreſſen; 
eine verfelben mißt 41 Fuß im Durchmefler. 


—h 118 > 

mit feinem Föniglichen Schloffe und feinen Eaiferlichen 
Cypreſſen, reiht. Von diefem-Standpunfte ftellt ſich 
dad Thal von Tenochtitlan befahntermaßen am ent- 
zückendſten und grandiofeften dar, mit allen feinen 
Seen und Gärten, Maisfeldern und Fruchthainen, 
ſeinen Domen und Kuppeln, feinen Paläften und 
vierzig Städten und Städtchen, feinen unzähligen 
Weilern, Dörfern und Villas, alle befränzt im Sü- 
den und Südoſten von den hohen Tenochtitlan⸗Bergen 
und bewacht von den Niefenfuppen des Itztaccihuail 
und Popocatepetl. 

Die Stille, Die in dieſem lachenden Reviere herriät, 
bloß des Abends und Morgend von ben zu Markt 
fommenden und wieder zurüdfehrenden Indianern 
unterbrochen, Die herrlichen Contraſte der Begetation 
und der kahlen Felfenberge, vorzüglich aber die Ent- 
fernung von dem Getümmel der großen Stadt ımd 
den eiferfüchtigen Blicken einer’ fcheelfüchtig gemalt- 
thätigen Regierung, haben wahrſcheinlich dazu bei- 
getragen, daß mehrere der angefehenften Familien 
diefen Punkt zu ihren Stabtwohnungen gemählt 
hatten. Unter diefen Villas, und zwar denjenigen, 
die fich näher dem Chalcofee zu aus den fle umgeben- 


—dH 149 — 


den Hainen von Frucht⸗ und Walbbäumen erheben, 
zeichnete fich ein einfach fommetrifches Gebäude mit 
zwei Eleinen Klügeln durch eine ruhig beitere und an⸗ 
muthige Lage unter befchatteten Ulmen und Pappeln 
aus. Es Hatte zwei Stockwerke, die ein flaches Dach 
bedeckte, von dem bereitd Die Vorboten des Frühlings, 
die merifanifche Flora, mit ihrem reichen glänzenden 
Gefolge Beſitz genommen hatte. Das Innere des 
Hauſes entſprach ganz dem gefhmadvollen Aeußern. 
Ein Haus⸗ oder vielmehr Sofgarten mit einem plät= 
fchernden Springbrunnen, umgeben von ber Veran⸗ 
dab oder Säulenhalle, aus der man in die Staats⸗ 
zimmer.im obern Stockwerke gelangte, die, beinahe 
durchgängig al fresco ausgemalt, vielleicht von un⸗ 
ſerem Gefämad zu einfach befunden worben feyn 
dürften, obwohl wieder einzelne Geräthfchaften Spus 
en gebiegenen Reichthumes wahrnehmen ließen. In 
dem Haufe felbft herrfchte eine tiefe, beinahe unheim⸗ 
liche Stille, die Faum vermuthen ließ, daß eine Schaar 
Diener anmefend war, die der reichſte Ariftofrat der 
großbrittannifhen Infeln für alle Zwecke perfünlicher 
Bequemlichkeit mehr als zureichend gefunden haben 


würde. Ste waren zum heil aus der creolifchen, 


Der Birey. I. 4 


—9 150 ⸗— 


zum Theil aus der-farbigen Bevölkerung des Landes 
genommen, und hatten in ihrem ganzen Wefen jenen 
Ernft und jene Beſonnenheit, die wir an den Ereolen- 
dienern häufig bemerken, und die ein fehr gelinbes 
Berhältnip zwifchen Befehlenden und Dienenden be 
urfunden. Mehrere waren in der Sala mit Vorkeh⸗ 
tungen zum Empfang von Bäften befchäftigt. Einige 
bereiteten die Efteras auf dem Marmorfußboden aus, 
Andere orbneten Reihen von Sophas und Seffeln 
längs den Wänden; ein drittes Paar brachte einen 
ungebeuern Eupfernen Keſſel, mehr einem tragbaren 
Kamine ähnlih, und mit glühenden Koblen- ange 
füllt, den fogenannten Braffero oder Kohlenkeſſel; 
wieder Andere ftelkten Tabouretd in die Ecke des Saa⸗ 
ed, auf welche zierliche Glaskäſten mit filbernen 
Standbildern zu ftehen Famen, die von einem Blumen- 
firauße mit filbernen Armleuchtern flanfirt wurden. 
Diefe Figuren ftellten die Schußheiligen Mexikos vor, 
und zwar den Erldfer von Atolnico, die Madonna de 
los remedios, die Vierge de Guadeloupe, und den 
San Felippo de Jesus, einen mexikaniſchen Priefter, 
dem die fpanifche Politik das Heiligendiplom bei ber 
römiſchen Eurie auszuwirken fich herabgelaſſen hatte. 








—, 151 ⸗— 


‚ Diefe Vorkehrungen wurden unter der Oberleitung 
eines alten ehrwürdig ausfehenden Mannes getroffen, 
ber, ein Sammtbarett auf dem Haupte, ein langes 
fpanifches Rohr mit goldenem Knopfe in der Hand, 
ald Mayor domo oder Oberhofmeifter gravitätifch 
im Saale aufs umd abſchritt. 

„Muy bien — fo iflö recht,“ ſprach er. „In bie 
linke Ede, gegenüber dem Erlöſer von Atolnico; du 
gehört fie bin, daß ſie Jedem in die Augen falle. 
Werden fie brauchen. Zwei frifhe Wachsferzen, 
Mattheo,“ bedeutete er einem andern Diener. „Was 
fol denn das, Itztlan?“ brummte er einer kupferfar⸗ 
bigen Apollogeſtalt zu, einem DaracasInbianer, der 
zwei Stümpchen Wachslichter vor dem Bilde der Ma⸗ 
donna de los remedios, der Schußpatronin der Sya⸗ 
nier, aufgeftelt hatte. „Was foll das, Itztlan?« 
fprach er im verweifenden Tone, und einer Miene, die 
einiges Mißtrauen verrieth, ſich aber ſchnell wieder 
aufheiterte. „Höre,“ fuhr er fort, „Dein Wille mag 
gut patriotifch feyn, und weder Se. Serrlichkeit, der 
Conde, nod wir, der Mayor domo feines gräflichen 
Haufes, Haben etwas einzuwenden, wenn Du der 
Jungfrau de los remedios die Cortez in Deiner 

41° 


— 1523 — 


Stube verweigerſt: aber bier, verſtehſt Du, ſind wir 
in der Sala Sr. Herrlichkeit, wo ein Quentchen Klug⸗ 
heit mehr werth iſt, als ein Pfund guter Wille mit 
Dummheit verſetzt. Stecke friſche Wachslichter an; 
denn follten Gachupins kommen, ihre Naſen ſpüren 
fein in dieſem Punkte, und Sr. Herrlichkeit Haus ſoll 
ihnen keine Gelegenheit zum Ohrenblaſen geben. Ei, 
und dann hat die Madonna de los remedios um uns 
noch immer friſche Wachskerzen verdient, obgleich, 
Dios! wenn ſo etwas noch vor fünf Jahren gehört 
worden wäre, Ich feſt und ſicherlich glaube, ganz Me⸗ 
xiko würde vor Schrecken geſtorben ſeyn; aber die 
heilige Jungfrau hat ſich auch übernommen. Junge, 
ich ſage Dir, der Tezecuco*) tft Fein Viertel Vara 
geftiegen, und wieber gefallen, und Wer hat es ge- 
than? die Jungfrau de los remedios. So wie bie 
Eftacion **) eine. Woche ausblieb, Wer wurde ge 

*) Das Anfchwellen des Yluffes Guantitlan in der regnichten 
Sahreözeit verurfacht das Steigen des Waſſers im See von 
Zumpango, ber fich mit dem von San Chriftoval vereinigt; beite 
fprengen die Dämme, welche fie von dem Tezecuco trennen, und 
bie Gewäfler her lezteren werben fo in die Hauptſtadt zurückge⸗ 
. brängt, der fie bereits mehrere Male gänzliche Zerftörung drohten. 


»*) Eftacion de las aguas, periodifche Regenzeit, füngt im 
Juni, ſpäteſtens Juli an, und dauert drei bis vier Monate. 





— 183 — 

plagt, dia y noche, Tag und Nacht, mit Bußgängen 
und Prozeflionen? Wieder die Jungfrau de los re- 
medios. Und bei der lebten Hungersnoth, wo die 
Banega*) Mais zwanzig‘ Piafter und eine Tortilla 
einen Neal Foftete, wurben die armen gente irrazio- 
nale fo verblüfft, daß fie ganz vergaßen, daß eine 
Vierge de Guadeloupe vor der Nafe, vor der Puerta 
de Beracrug **), ift. Wohl mochte die de los reme- 
dios ihr als die größere erfcheinen, da alle ihre Ver⸗ 
edrer vollauf hatten, während die armen Unbeter der 
Guadeloupe wie Mofhettos im Sanuarfrofte dahin⸗ 

ftarben. « 
Unſere Lefer dürften allenfalls über den Gegen- 
ftand, der den frommen Eifer unfered Mayor domo 
erregt, im Zweifel feyn, und es ift Daher billig, ihnen 
bemerklich zu machen, daß dieſer Fein anderer war, 
ala die Parteilichkeit des wunberthätigen Gnadenbil⸗ 
des der Madonna de los remedios, der Schutzpatro⸗ 
nin der Spanier, Die, wie die mit der Geſchichte dieſes 





*) Ein Setreivemaß, ein und ein halbes Bufhel, 135 bis 
140 Pfund. 
**) Beraeruge Thor, durch das die Straße zum Wallfahrtsort 
der fogenannten Jungfrau von Onadeloupe führt. 





—dH 154 ⸗— 


Landes näher Vertrauten wiffen werben, zu vielfäl- 
tigen Reibungen Beranlaffung gab, indem die Spa- 
nier ihr alle glücklichen Ereigniſſe zufchreiben, zur 
offenbaren Zurüdfegung der merifanifchen Madonna 
de Guadeloupe, Die, als nur von einem Indianer ge- 
funden und überdieß Eupferrother Hautfarbe, natür- 
lich in den Augen der reihtgläubigen Spanier als we 
nig beffer denn eine Indianerin ſelbſt angefehen wurbe. 
Daß die beiden Marias zugleich die Nepräfentantin- 
nen der beiden Parteien geworden waren, die ſich 
nun im blutigen Kampfe gegenüberftanden, und als 
ſolche ſich alle die Verwünſchungen und Schmähun⸗ 
gen, mit denen Parteihäupter in der Regel von ihren 
Gegnern beehrt werden, gefallen laſſen mußten, war 
bloß die natürliche Folge eines Aberglaubens, der 
längſt jeden Funken geſunden Menſchenverſtandes in 
dieſem Punkte erſtickt Hatte. 

Der Indianer hatte unterdeſſen, obwohl mit ſicht⸗ 
lichem Mißmuthe, zwei frifche Wachskerzen aufge 
ſteckt: eine DVerrichtung, Die er mit dem frommen 
Wunſche begleitete, daß Mexitli*) der Jungfrau de 


ns 


*) Der Kriegsgott ber alten Mexikaner. 


—, 155 6 


los remedios und allen ben Ihrigen recht bald ven 
Kopf zerfihmettern möge, welchen chriftlichen Wunſch 
er jevoch mehr zu brummen ald laut zu jagen für gut 
befand. 

„Aber,“ brach er endlich aus, „wenn nur bie 
Sungfrau de Guadeloupe fih auch ein wenig mehr 
rühren mollte. Sie ſcheint jedoch zu ſchlafen, ärger 
als. eine thörichte Schildkröte. « 

„Das weiß ich wieder nicht, Itztlan,“ bemerkte ber 
Mayor domo, eine gewaltige Brife nehmend. 

„Aber Itztlan weiß e8;“ verſetzte der Indianer. 
„Er weiß es, daß. fie den verdammten Gachupins 
hilft und geholfen hat, feit der Zeit, wo ber tückiſche 
Raubmörder, den fie Marquis *) nennen, in Mexiko 
“ eingedrungen, und wo fie den Unſrigen Sand ip Die 
Augen geftreut. “ | 

„Ich fürchte, das thut fle noch) immer, Itztlan;“ 
bemerfte der Mayor domo mit einer Miene, die, bei 
einer reichlichen Doſis Simplizität, eine wenigſtens 
eben fo reiche Mutterwiges wahrnehmen ließ. 


*) Cortez wird flets mit dem Namen des großen Marquis, 
oder Marquis allein begeichnet. - 


—) 156 — 


„Während bie von Guadeloupe die Unfrigen figen 
läßt, brummte Itztlan, „dann fol ed und wundern, 
wenn Mexiko mit allen feinen gewonnenen Schlachten 
zulegt Doch wieder dem. Gachupin in den Rachen 
führt. u 

88 ift Teiber ſchon darimen, und zwar ganz und 
gar; « verfeßte der Mayor domo. „Aber immer 
bleibt.e8 ein harter Punkt, -Ittlan. Damen, . weißt 
Du, find fo wetterwendiſch in ihren Launen, als fie 
in ihrem Putze find; aber zum Gtüde Haben fie in 
dem himmlifchen Hofftante drei vernünftige Schieds⸗ 
richter: den Dios Patre, Bios Hijo und Dios Espi- 
ritu Santo, *) und Diefe werden der Senora ſchon 
allenfalls den Kopf zurecht feßen.« 

„Verdad, Verdad,‘' fiel das ganze Corps ber Die 
nerfchaft ein; denn wie leicht zu erachten, fo hatte die 
‚ Intereffante Discufffon über den Hofftaat des Him- 
meld, den fig ſich allenfal3 al pari mit dem Sr. Er 
cellenz des Vicekönigs dachten, Alle zu aufmerkfamen 
Zuhörern gehaht. 

„Und doch,“ bob Itztlan wieder an, hätte bie 


*) Gott Vater, Sohn und heiliger Geiſt. 








—d 157 — 


Jungfrau de Guadeloupe immer etwas mehr für Die 
Unfrigen thun können. 

„Itztlan!« ſprach ber Mayor domo, 

„Maestro !‘‘ erwiederte dee Indianer. 

nSe. Herrlichkeit, der Eonde, nicht wahr, find ein 
gütiger und gnädiger Herr, der Dich fehr liebt, und 
alle Die Seinigen? Aber obgleich er alle feine Neger 
freigegeben auf feinen Haciendas und für fie noch im⸗ 
mer forgt — Diejenigen nämlich, die nicht zu den 
Patrioten ühergelaufen — glaubft Du wohl, er 
würde ihnen Alles gewähren, was file in ihrer Dumm 
heit verlangen Fönnten ?« 

„No — se‘ *) verfeßte der Indianer kopfſchuͤttelnd. 
„So viel weiß Itztlan aber, daß von biefen zwei 
Madres de Diog, ich wette zehn blanke Thaler, die 
rothe ſich übertölpeln läßt. Ei, die weiße hat des 
Schalkes zu viel —“ 

„Du irrſt, Itztlan,“ verſetzte Mayor domo, eine 
frifche Prife nehmend; „Du irrſt, maßen Du zwei 
Mütter Gottes annimmft, da «8 in der That und 
Wahrheit doch nur Eine gibt.“ 


2) Weiß nicht. 


18 


Der Indianer mit den übrigen Zuhörern, denen 
ihr Schugverhältniß zu den beiden Madonnas de 
los remedios und d& Guadeloupe bereitö zu däm⸗ 
mern angefangen hatte, und die fi nun durch die 
Worte des Moyor domo auf einmal wieder in die 
abfolutefte Finfternig zurückgeworfen fühlten, fehrieen 
mit einer Stimme: „Todos diablos! no mas que 
una Vierge!‘ *) 

nIgtlan,“ ſprach der Mayor domo, „haft Du nie 
den — den — den Virey,“ fließ er endlich mit einer 
Art Schauder und Abfchen heraus — „haft Du ihn 
nie gefeben? Nein,” rief ex fih befinnend, und gleich⸗ 
fam froh, einen Ausweg gefunden zu haben, nein, 
ich meine nicht den gegenwärtigen, den vorigen meine 
ich — Iturrigaray meine ich, der war doch noch ein 
Mann. 

Der Indianer und die Uebrigen fehauberten bei den 
erften Worten bes Mayor domo gleihfall3 zuſammen. 
n Die Schlange," fie der Indianer miteinem Grimme 
heraus, der feine tiefen Kehlentöne im hoben Saale 
wiederhallen machte. „Die Schlange,“ wiederholte 


*) Alle Tenfel! nur Eine Mutter Gottes. 





—— 159 ⸗— 


er und feine rollenden Augen fprühten Flammen, 
bie das Indulto auf allen Kirchenthüren ankleben, 
und dann die Indianer von Zitacuaro, von Iſtla, 
von Sombrerete, von — mit Weibern, Mädchen und 
Kindern in ihren Käufern einfperren und verbrennen 
ließ. Maldito sea el nombre!“*) Der Indianer 
rannte zähnefnirfchend im Saale umher. 

"ehe, Wehe!“ ſprach der Mayor domo. „Wehe, 
Wehe! Der Mann hat mehr Blut verrätherifcher 
Weiſe vergoffen, als den Teczuco füllen würde. Nein, 
ich meine Iturrigaray; Den mein’ ich;« wiederholte 
der Mayor domo befänftigend. 

Der Indianer wurde rubiger und nidte. „Hab' 
ihn geſehen,“ ſprach er, „zweimal; uld er von Ca⸗ 
pulteper herabkam; hätte ihn beinahe nicht erkannt; 
fah juft aus, wie unfer Einer auch. Und dann jah 
ihn Itztlan nochmals, ald er auf der Plazza mayor 
mitten unter feinen Dragones und Lanzeros war. 
Strogte aber von Gold und hatte ein breites Band 
anf der Bruft und einen breiedigen Hut; war aus⸗ 
zuſehen wie unfer Erloͤſer von Ntolnico.« | 


*) Verflusht fey fein Name. 


— 10 — 


„Kurz,“ ſprach ber Mayor domo, „ber Virey auf 
der Plazza war eine ganz verſchiedene Perſon von 
dem Virey von Gapulteper. « 
Der Indianer nidte. 
“ „Und doch wieder nur Eine und biefelbe Perfon! 
Und nicht wahr, Istlan? Du würbeft Dich eher und 
mit größerer Zuverfiht an den Virey von Capulte⸗ 
pec gewendet haben, als an den auf der Plazza 
mayar? I 
„Itztlan braucht den Virey nicht, und Anahuac 
braucht die Gachupins nicht; « verſetzte der Indianer. 

Wohl wahr, Itztlan. Wir brauchen auch bie 
Coyotes weder auf unfern Haciendas de cria, noch 
denen y labor *), die und die Schaafe wegfreflen, und 
in Beracrug brauchen fie das Vomito **) nicht, und 
doch Haben wir beide. Wohl,“ ſchloß nun der Mayor 
domo, der fo hinlänglich für den Capacitäts⸗Meridian 
feiner Zuhörer vorgearbeitet zu haben glauben mode. 
„Sp wie der Viren von Gapultepec von dem auf ber 
Plazza eine verfihiedene, und doch wieder nur Eine 


— — 


*) Landgüter, auf denen Viehzucht und Ackerbau zugleich ge⸗ 
trieben wird. 


**) Tas Erbrechen. Die legte Criſe im gelben Fieber. 





—H 161 I 


und dieſelbe Berfon ift, fo ift auch die Jungfrau von 
Guabeloupe von der de los remedios eine verfehie- 
dene, und Doch wieder nur Eine und diefelbe Perfon. 
Menn fie nämlich ihre Toilette als Iungfratt de los 
remedios für die Gachupius macht, und fteif und 
ſtarr, in ihrer ganzen Pracht und von ihrem Hofftant 
umringt, den Gachupins Audienz gibt, und ftolz auf 
die armen Indianer herabfieht, fo ift fie eine ‚ganz 
verfchiedene Perſon von der Jungfrau be Guadeloupe, 
die fich nur im ſchlichten Hauskleid zeigt, und: den In= 
dianern Aubienz gibt, und ihnen zu gefallen rothe 
Farbe wie die Duenna*) und Camarero **) auflegt, 
und doch wieder nur Eine und dieſelbe Berfon. « 

Der Mayor domo, nad diefer dogmatifchen Er⸗ 
Härung, die, im Vorbeigehen fey e8 bemerkt, gegen- 
über den borriblen Legenden ber Priefter der merika- 
nifchen Kirche noch erträglich genannt werben Eonnte, 
war aufgeftanden und zur Wanduhr getrippelt, die 
er bedenklich und ängſtlich anſah. EinTeichter Schau- 
der durchzuckte feine halb vermwitterte Geftalt; und es 


*) Souvernante. 
**) Kammerfrau. 





—d 162 6 


war erfichtlich, daß er fich bloß deßhalb fo tief in bie 
Angelegenheiten des himmliſchen Hofftantes verwickelt 
hatte, um trüber Ahnungen. 198 zu werben. 
Er fröftelte zufammen: „Ei, Wer die frifche Luft 
unfered Cuautla Amilpas oder, noch beffer, Daxaca 
oder Valle Santiago hätte! — Jeſu Maria! mir 
wird fo bange« — — 
- „Don Anſelmo!“ riefen ſämmtliche Diener, be 

forgt.an ihn heran tretend; „was fehlt Euch?« 

„Was mir fehlt?“ erwiederte der alte Mann. 
„Ei, was fehlt unferem armen, ‚prächtigen Conde 
Carlos? Wipt Ihr es? Armer Narr! Was das für 
Entwürfe waren noch vor acht Tagen; wie er vor 
die ganze Notabilitad hintreten wollte, fie auffordern, 
zum Virey zu geben und ihm fein ſchändliches Bes 
tragen gegen Mexiko vorzuhalten. Seht ihn jegt an, 
juft wie ein Hund, der im Schinderfade geweſen. Es 
ift auf unfern Haciendad arg genug, und man hat 
fich der Horden hungriger Häſcher zu erwehren; aber 
bier, Iefu Marta!“ 

„Seht nur einmal Diego an,“ fiel ein zweiter Die 
ner ein. „Auf der Hacienda fängt er einen Coyote 


N 


— 163 — 


im Laufe; bier geht er herum, als ob er den geftri« 
gen Tag ſuchte.“ 

„Weiß nicht," brummte Itztlan. „Itztlan ift Dies 
xiko nie fo dämifch vorgefommen. Es ſchnürt Itztlan 
die Kehle zufammen. Itztlan fürchtet ſich nicht; aber 
alle Leute find bleich und zittern und wifpern. « 

„Und das bringt auch über Deine Eifenfeele ein 
Fröfteln?« ſprach der Mayor domo. „Glaub' es 
gerne; man müßte von Granit feyn, um das auszu⸗ 
halten. Hier find nur die Gavilla und unfere Peini⸗ 
ger froh; alles übrige wie fterbend oder tobt. Jeſu 
Maria, und der Sonde noch nicht zurück! und Car⸗ 
[98 und Federigo auch nicht! Habe ihnen doch auf: 
getragen, von dem Gange der Beſamanos Nachricht 
zu bringen. Was wird da wieder aud- und ange 
ſponnen werden?“ 

Der alte Mann fröſtelte wieder zuſammen. „Ei, 
wäre es meinem Willen nachgegangen, ſo wären wir 
unten in. Cuautla Amilpas oder Oaxaca geblieben, 
Die frohe Botfhaft, die und wegen des Ninon ges 
bracht wurde, war nicht der Mühe werth. Ei, und 
wie ſechs Monate Den verändert haben! Man fagt, « 
wifperte er leiſe, wer fey zum Gachupin geworden.⸗ 


—9 16 — 


“Dann möge er in bie flebzehnte Hölle hinabfah⸗ 
ren!a brummten bie Diener alle - 

ner fpricht gegen Don Manuel, ben Neffen un- 
ſeres Seren?“ fehraf der Mayor domo auf, fich über 
die Stirne fahrend. „Ei, er ift der wahre Sohn eine® 
Gachupin, diefer Manuel, und ihm ift Mexiko nicht 
mehr als eine Waſſer angefüllte, auögebeutete Schacht. 

„Und Wer Eonnte Conde Jago, den Stolz von Me 
xiko, die Blume der Bluncos*) in Daraca, zwingen, 
nad Tenochtitlan zu kommen?“ fragte Igtlan. 

Der Mayor domo fchüttelte dad Haupt. „Itztlan, 
es ift ſchwer für den Gaballito, den Minero ober 
Soto⸗Minero abzuwerfen, der feft auf feinem Rüden 
fist; und wirft er ihn ab, fo flürzt er gewöhnlich 
ſelbſt in die tiefe Schacht hinab. Wird immer Ärger, 
Itztlan,/ fuhr er fort. „Ich Habe die Galvez, die 
Buccarellis, Die Revillagigedos, die Afanzas, bie 
Iturrigarays gefehen; harte, ſtolze Männer, die den 
Popocacepetl mit einem Fuße flach zu treten fich ſtark 
. genug bünften, ftolz, wie Zucifer; aber doch waren 


*) Weiße, werden fchlechtiweg die Spanier und Greolen ge⸗ 
nannt. 





— 165 0 


ed Spanier von altem Schrot und Korn; aber 
diefer — —« der alte Mann faltete feine Hände. 

nDiefer Vanegas,«“ fuhr er ftiller fort; „dieſer 
Vanegas, in der franzöftfchen Schule aufgewachſen, 
unter ihren Peitfchenhieben, der Schule aller Perfidie 
und Lafter. Sie fagen, er habe felbft die Armeen der 
Gachupins bei Cuenca und Almonacid an bie 
feßerifhen Iofephinos *) verkauft. Iefu Marin! und 
was der Mann in Mexiko getban hat,. das, glaubt 
mir Kinder, ift noch nie erhört worden, und Alles 
mit honigfüßer Zunge. Es fohreit zum Himmel um 
Nahe. Und doch, wenn diefe Schlange zu St. Beter 
kommt, ich glaube, fie überredet ihn, fie in den Him⸗ 
mel einzulafien. Ein Schurke, wer dann noch darin⸗ 
nen bleibt.“ 

nIefu Maria!u feufzte der Mann, indem er zu- 
gleich das Kreuz fhlug, und dann feinen Daumen 
füßte. 


*) Anhänger Zofeph Bonapartes. 


Der Birey. L 12. 


166 ⸗— 


Achtes Kapitel. 


Es freut mich wenig 
Zu melden dieß; doch was ich fag, if wahr. 
Shafespeare. 

Der alte Mann wurde in feinen büftern Ausbrü⸗ 
hen durch das Läuten der Glocke an der Pforte, und 
den darauf folgenden Eintritt eines jungen Mannes 
im mexikaniſchen Eoftüme unterbrochen, der mehr in 
den Saal ftürzte ald trat. In der Haft war ihm ein 
Theil der Manga, und mit biefer ein leichter Bündel 
und eine Larve entfallen. Der Juͤngling haſchte 
ſchnell darnach, und, rafch auf den Braffero zutretend, 
wärf er den Bündel Larve ind Feuer. 

„Wohl gethan, Don Pinto,“ ſprach der Mayor 
domo, der dem verftörten Jüngling Topffchüttelnd zu- 
gefehen Hatte. „Wiſſen wir num do, wozu biefe 
Brafieros, Die und der Gachupin mit allem feinem 
Trödel gleichfalls auf den Hals gebracht, obgleich fie 
zu nichts nütze find, als ſich die Zehen zu verbrennen, 
wiſſen wir doch, wozu fie gut find; wo hätte fonft 
Don Pinto einen Feuerheerd für feine Narrheits⸗ 
Tappen gefunden? Nimm es heraus, Jago,« ſprach 


—d 167 6 


er zu Einem der Diener; „es ift Gold daran, und Don 
Pinto wird defien nie zu viel haben.” 

„Laßt es! laßt es!« rief der Jüngling, heftig einen 
feiner Spornen auf den Enifternden halb verbrannten 
Anzug feßend. 

„Wie es Euch beliebt, Don Pinto,“ ſprach der 
Mayor domo. „Nur wollte ih Euch bedeutet Haben, 

Senor, daß wenn Ihr Narrenſtreiche treibt, Ihr das 
Narrengewand ba laſſen mögt, wo Ihr fie getrieben.“ 

„San Jago noch nicht zurück?« fragte der Jüngling 
gähnend. 

„Wer?“ fragte ber Mayor domo mit allen Zeichen 
der Verachtung. „Wer? San Jago? Wen meint 
Don Pinto damit?“ 

„Den Conde,“ verfeßte der Jüngling, ſich nach⸗ 
läfftg in das Sopha werfend. „Die Herrlichkeit bei 
unfern Herrſchaften wird, fage ich Dir Alter, bald 
ihr Ende haben. Ei, ich habe Dinge gefeben, Zeichen, 
die da ärger find, als die Zeichen, von denen unfere 
Padres fi} den Mund fo voll nehmen, menn fle einem 
armen Gaballero die Hölle recht heiß machen wollen, 
Zeichen, von denen fih Mexiko noch vor vierund⸗ 

12* 


— 188 — 
zwanzig Stunden eben jo wenig ald Deine Philojo- 
phie hätte träumen Taffen. « 

Der alte Mayor domo und feine Mitdiener jahen 
den jungen MWüftling ftarr an; denn als ſolchen be 
zeichnete ihn das hohle Auge, der dunkle violetfarbige 
Ning und das bronzfarbige Geftcht, in dem nädt- 
liche Ausſchweifungen tiefe Spuren zurüdgelafien 
batten. a 
„Philofophie, Don Pinto!“ verfeßte ber Mayor 
domo, endlich tiefer Athem holend. „Se. Herrlichkeit 
Don Iofe Eonde de San Jago find ein viejo Chri- 
stiano, ein alter Chrift, und wir, Gott fey Danf, 
find ein guter Chriſt, und haben feine Philoſophie 
und wollen feine Philofophie haben. Was wir haben, 
genügt und auf unferer Reife durch dieſes Thränen⸗ 
thal, und hoffentlich dort brüben.« — Der alte Mann 
faltete die Hände, indem er mwechfelmweife die Madon⸗ 
nen und Standbilder anfah. „Wir vertrauen auf bie 
heilige, unfehlbare Kirche. u 

„Ei, und auf den König,“ verfehte der Jüngling 
fpottend. 

"Auch auf den König,“ fiel der Mayor domo ein. 
„Aber er ift zweitaufend Stunden von feinen Unter» 


— 19 — 


thanen, oder vielmehr den Unterthanen feiner Unter⸗ 
thanen, “ ſetzte er leiſer hinzu, „den weniger als Unter» 
thanen feiner Unterthanen. — Mein Gott, was ift 
aus dem’armen Meriko geworden? 

„Was aus Mexiko geworden iſt,“ erwiederte der 
Wüſtling lachend. „Carracco! das Eonntet Ihr vor 
dee Fonda Trafpanna gefehen haben. Ein blutig 
verftümmelter Leichnam, der zerfeßt und zerfrefien 
auf einem Schublarren fortgezerrt wird. Aha!“ Tachte 
er, „Ihr fpist Eure Ohren, und wohl mögt Ihr; . 
denn während Ihr Hier fiht, gehen draußen Dinge 
vor — Dinge! — — Alle Teufel!“ rief er aufſprin⸗ 
gend, und rafch und ſcheu zum Fenfter laufend, „aber 
die Eiudad fängt ſich zu rühren an, wenn gleich feine 
Guachinangos und Nobilitad und gente irrazionale 
eine fühllofe Race find. Ei, das war ein Auto sacra- 
mentale.‘ 

„Das ift fo ihre Weile,“ fiel der Mayor domo 
mit Verachtung ein; „Autos sacramentales, Prozef- 
fion, Raketen, und der Erlöfer von Atolnico wie ein 
Madrider Mayo”) herausgeputzt.“ 








2) Stutzer. 





—d 170 8 


„Dießmal gab es andere Dinge zu fhauen,“ ent- 
gegnete ihm der Jüngling etwas ernfter. „Einer diefer 
Mayos hatte ein verdammt ſchlechtes Lager, und zwar 
auf einem Schubfarren; e8 war eine Ladung, bie für 
zehntaufend Mulos zu ſchwer gewefen ſeyn dürfte.“ 

„Es war der geröftete Duaubtomozin,“ fuhr der 
Wüſtling, unheimlich lachend, fort, „der auf Yen 
Schubkarren ausgeſtreckt lag, juſt fo wie Ihr ihn auf 
dem Bilde in der Malerakademie ſehen Fonntet, für 
deſſen DVerfertigung der arme Olla mit einem Fuß⸗ 
und Haldeifen belohnt worden, nur mit dem Unter⸗ 
fhiede, daß der Leichnam genau die Geftalt des un- 
‚glüdlichen Mexiko felbft Hatte. Seine rechte verftüm- 
melte Sand ftellte Ducatan und Veracruz vor; feine 
Linke, von zahllofem Gewürme angefreffen, Puebla 
und Oaxaka. Auf dem Leibe, der mit Balladolid und 
Mexiko bezeichnet war, faß ein Vampyr; um bie 
Schenkel, die Guadalaxara, Zaratecad und San 
Louis Potoft*) bildeten, zerrte und riß fich ein wüthen- 
der Baguar. 








*) Intendanzen oder Provinzen, in die befanntlich das damalige 
Königreich Neufpanien eingetheilt war, und die feit ihrer Unab- 
hängigfeitserflärung bie vereinigten Staaten von Mexiko bilden. 


— 171 — 


„Und alles das habt Ihr geſehen?« fragte ber 
Mayor domo fopffehüttelnd. 

„Konntet ed lefen, wenn Ihr namlich Aztekenſchrift 
verſteht.“ 

„Don Pinto! hört und ſeht weniger, wenn es Euch 
beliebt; denn vieles Sehen und Hören macht Augen⸗ 
und Ohrenweh, ſagt unſer Sprichwort. Laßt ſie ſich 
abmühen,“ ſprach er, ſich zu den Dienern wendend, 
nda eine Flamme hervorbringen zu wollen, wo kaum 
Rauch zu haben if. Ei, wir fennen Mexiko, dieſe 
Eiterbeule von Gachupin⸗-Verderbniß und merikant- 
ſchen Gefhmwüren. Zum Plündern, zum Boleros⸗ 
und Charavetanzen, zum Pasquill⸗machen, ja, da 
find fie gut; aber Der ift ein Narr, der feinen Kopf 
für dieſes Geſindel in die Schlinge bringt. Die Ga- 
villa ift alle im Solde und Brode der Polizei. — — 
Tederigo, mad gibt3?« fragte er auf einnlal er⸗ 
ſchrocken. 

„Maestro Anſelmo! Cosmo, Pablo, Alonzo, to- 
dos diablos!“ ſchrie Federigo, der athemlos in den 
Saal gerannt kam. „Wißt Ihr, daß die junge No⸗ 
bilitad aus Mexiko zur Armee verwieſen iſt? Fünf 
und zwanzig Caballeros ſind ſchneller in die Hülſen 


—4 172 — 


son fünf und zwanzig Qugertenientes gefrochen, als 
ber Seidewurm aus feinem Cocon ſich windet. Se. 
Excellenz, +8 ift fiher, haben den jungen, hoben 
Adel allergnädigft zu Zielfcheiben für Die ketzeriſchen 
Mebellen zu verwenden befchlofien. « 

„Jeſu Maria y Iofe!# riefen fammtliche Diener. 

„Und was das Schönfte ift,“ rief der Berichter⸗ 
flatter, „die guten Caballeros, die doch, wie Ihr 
wißt, die Nebellen wie die fieben Todfünden haſſen, 
kamen zu ihren Rugertenienteöftellen, wie der Pilatus 
ind Credo. Es fol eine Art Zacara*) feyn, eine 
Traveftie, welcher der junge Adel beizumohnen fi 
erfühnt hat, die Se. Ercellenz zu dieſem plöglichen, 
gnädigen Entfchluffe veranlaßt; ein Pero**) von 
einem Mauren — Kalifen, ſoll die Perſon unferes 
allergnädigfien Seren und Königs zum Sprecden 
nachgeahmt haben.“ 

„Iefu Maria y Joſe!“ riefen nun zwanzig Stim⸗ 
men; denn der größte Theil der zahlreichen Diener- 
ſchaft war natürlicher Weife berbeigeeilt, um feinen 
Antheil an den inhaltſchweren Neuigkeiten abzuholen. 


*) Eine Satyre, Roffe. 
“) Hund, Schimpfnamen, ben Mauren gegeben. 





. a 173 ⸗— 


„ber Mexiko ift auch dafür um eine gewichtige 
Kenntniß reicher geinorden,“ fuhr der Berichterflatter 
fort, „und der letzte Lepero weiß, nun, daß Fer⸗ 
nando VIT., der gute Sohn, auf dem Schloffe wo er 
haust — was denft Ihr wohl? je nun — Unter⸗ 
röchen für Madonna de los remedios ſtickt.“ 

„Jeſu Maria!a ſeufzte der Mayor domo, „Eine 
Pasquinade auf Se. Majeftät! Eine Pasquinade 
auf Se. Majeftät! Ich fah mit meinen eigenen Au⸗ 
gen, wie Don Silva gehängt wurde, weil er ſich bei⸗ 
fallen ließ, deu Kopf auf die linfe Seite zu neigen, 
wie Se. Ercellenz der Virey Oalvez zu thun gewohnt 
waren, und Don Cosmo, der in den Kerfern der 
Cordelada erdroffelt wurde, weil er fagte, Se. Maje- 
ftät fey juſt ein Menſch wie er au, und es ſey Narr⸗ 
heit zu glauben, fie haben für ihn im Himmel au 
einen Thron aufgerichtet. « 

„Nombre Santo de Dios, que quiere dicer 
eso?‘‘ *) ſchrie nun ein neuer Ankömmling, der nicht 
weniger verwirrt und erſchrocken in den Saal ftürzte 
— „Don Manuel — — « 


*) Heiliger Name Gottes. Mas will denn dieß wieder ſagen? 
Was will denn dieß bedeuten? 


—d 174 — 


"Bas iſts mit Don Manuel?“ riefen Alle er- 
ſchrocken. 

„If in die Madre Patria verwieſen; geht morgen 

am ſechs Uhr auf Befehl des Vicekönigs in die Madre 
| Patria ab. u 

„Jeſu Maria!« riefen wieder fämmtliche Diener. 
»Don Senor Manuel, der Neffe feiner Herrlichkeit, 
unfer Nino*), in die Madre Patria? Jeſu Maria! 
was hat dad zu bedeuten?“ wiederholten fie, ſich mit 
großen Augen anftarrend, noch immer ungewiß, was 
aus der jonderbaren Botſchaft zu machen. 

„In die Madre Patrie?u wiederholte der Mayor 
domo kopfſchüttelnd. 

„So fagte mir der Camarerio Sr. Ercellenz, 4 be⸗ 
fräftigte der Diener, der die Nachricht gebracht Hatte, 
nbaß nämlich feine Ercellenz aus übergroßer Hulb 
für den Erben Str. Herrlichkeit, des Conde, befchloflen 
haben, Diefen in die Madre Patria abzufenden.« 

„In die Madre Patria?« murmelte der Mayor 
domo no) immer. „Sr. Exrcellenz übergroße Huld? 


*) Die zärtliche Benennung, mit ver in Merifo das jüngſte 
Kind tes Haufes bezeichnet wird; und iſt es ein Mädchen Nina. 
Es bedeutet fo viel als: das geliebte Kind, das zarte Kind. 


—$ 15 — 


Ja vor fünf oder zehn Jahren, da würden wir eine 
ſolche Gnade mit ſchwerem Golde bezahlt haben; 
aber jetzt! — Gott und die heilige Jungfrau allein 
wiſſen, was dahinter ſteckt! — # Der Alte verftummte 
plötzlich. 

„Stille! die Nina; ſtille, ſtille, leiſe, ſtille! die 
Nina,“ rief es von allen Seiten, und die Diener 
wichen ehrfurchtsvoll zurüd, um einer Dame Platz 
zu machen, die, zur Hälfte verfshleiert, Durch Die obern 
Flügelthüren in den Saal getreten. Sie war noch 
jung, mehr Kind ald Jungfrau. Ihr fehönes kaſta⸗ 
nienbraunes Haar wallte in langen Locken über einen 
Theil des Halfes, während der andere durch Die Man 
tilla *) verhültivar. Sie trug eine prachtvolle Robe 
von chamoisfarbigem chineſiſchem Atlas, darüser die 
wunderlieblihe DBasquina, **) die ihr bis zu den 
Knien reichte, und die Jumelen, die an ihrem Haupte, 
Halfe und Armen ſchimmerten, würden dem Braut» 
ſchmucke einer Königin nicht Unehre gemacht haben. 


*) Der Schleier, ver, am Scheitel unter dem Kamme be= 
feſtigt, über Geficht und Echultern fällt. 

**) Das mit feirenen Franſen befeßte ſeidene Unterfleiv ; das 
über vie Robe geworfen wird. 


—d 176 &— 


Das Geſicht war großentheils verhüllt; nur ein zart 
geformte Kinn verrieth, daß die zärtliche Benennung 
des Lieblings, mit der fle von ſammtlicher Dienerfchaft 
begrüßt worden war, nicht paffender gegeben werben 
fonnte. 

Ber Spricht von Don Manuel? Wo ift er, Kin⸗ 
ber?a fragte fie mit einer noch kindlichen Silber- 
flimme. „Um der Madre*) willen, Anſelmo!« rief 
fie heftiger, als bie Diener ſchwiegen, ſich betroffen 
anfahen und ftodten; „Anſelmo, Cosmo, Federigo! 
Wo ift er? Federigo, Du haft ihn gefehen? fage — 
Mutter Jeſu! Vier und zwanzig Stunden in Mexiko, 
und ihn noch nich gefehen! Jeſu Maria y Joſe! ſo 
ſprich Doch, Federigo! Noch nie biſt Du fo harthörig 
verftoct gemefen?« 

„Er fol in die Madre Patria, auf Befehl Sr. 
Ereellenz,“ ſprach Feberigo. 

„Muchacho !“ tiefen Ale; „Oummkopf! !Wer 
ſagt es? Du ſagſt estu 

„Jeſu Marta y Joſe! in die Madre Batria! Don 
Manuel in die Madre Patria! Tia! Tia! er fol in 


*) Verſteht ſich, Madre de Dios vier gracia, Mutter 
Gottes oder der Gnaden. 





—9 177 — 


die Madre Patria,«“ ſchluchzte fie, indem fie auf eine 
Altlihe Frau zurannte und fie heftig bei der Sand 
faßte; Doc fprang fie ſogleich wieder zurüd, und, auf 
den Bedienten zueilend, erfaßte fie feine beiden Hände! 
„Federigo! um der fünf Wunden willen! Federigo! 
Sprihft Du auch wahr? Sprich, ich beſchwöre 
Dig !u 

„Nina! Nina!a riefen nun männliche und weib- 
liche Diener, über die Heftigfeit des Lieblings des 
Hauſes erſchreckt. 

Wo tft der Conde?« ſchrie wieder ein friſcher 
Ankömmling, der ſtürmiſch die Treppen heraufge⸗ 
rannt und in den Saal geſtürzt war. „Der Conde 
noch nicht hier?“ 

„Der Sonde? Wo ift ex? wo iſt er?« riefen Alte. 

„Die Befaonnos iſt vorüber!a ſchrie der Diener: 
nich babe ihn am Palaftthore verlaffen; er. ift nicht 
im Theater. Jeſu Maria, der Conde!“ 

„Iefu Maria, der Conde!“ heulten Alle, und mit 
dieſen Worten flürzte der ganze Troß die Treppe hin- 
ab, zum Hausthore hinaus. | 
- Ein wilder wüfter Lärm erſchallte aus der Stadt 
berüber, begleitet von zeitweiligen Flinten⸗ und Ka⸗ 


— 178 — 


nonenſchüſſen, die dem Chaos von ſchrillen, miß⸗ 
toͤnenden Stimmen zum Refrain dienten. Alle waren 
wie im Sturme zum Hausthore hinausgeflogen, ihnen 
nach der Mayor domo, ſo ſchnell feine ſchwankenden 
Füße es zuließen. 

Ein ſcharfer fühweftlicher Windftoß, der durch bie 
Tacubayaſchluchten herauffam, machte den alten 
Diener plöglic) halten. Ihm zur Linken lag Mexiko, 
mit einem lichtrothen Nebelflor überfäumt, ver fi 
über die Stadt gleich einem feurigen Schleier hin» 
lagerte; zur Rechten brüllte der Donner ſüdweſtlich 
herauf, und die Blitze fuhren zuckend und ſchauerlich 
den Itztaccihuatl herab, deſſen ſchneeige Koppe auf⸗ 
leuchtete wie ein feuriger Drache, wenn er ſich zur 
Wuth peitſcht; dann entfuhr den finſtern Wolken 
wieder ein Donnerſchlag, ſo fürchterlich durch das 
Gebirge hinbrüllend, daß die Erde bebte; die Blitze 
warfen ihr grelles Licht über die ganzen ungeheuern 
Felſenmaſſen des Gürtels von Tenochtitlan, leckten 
endlich das Thal, und erglänzten und erſtarben in 
den Waſſerflächen des Tezcuco und Chalco. 

'„Iefu Maria!« ſtöhnte der alte Mann; „was if 
d as wieder? Jeſu! Das Gewitter kommt von Puebla 


—H 179 — 


und geht über den Igtaccihuatl: das bedeutet Drang« 
fal, Drangfal! Und die Blige leden Meriko, und 
fon meine Dlutter felig fagte mir, daß das Sammer 
und Elend bedeute; und der Lärm wird immer ärger! 
Zefu Maria! auch von Tacubaya kömmt es herauf!“ 

Der alte Mann flarrte in die Auen Nacht 
hinaus. 

„Ei, da liegt es, das alte Mexiko, „murmelte er, 
„fo ftolz, fo herrlich, ala ob fein Kal nicht auch kom⸗ 
men würde, und der bes verruchten Spaniers, der 
Jeſu Maria im Diunde und Belzebub im Herzen hat.“ 

„Mondſüchtig, Don Anfelmo?« fragte eine Stim- 
me, „und ohne Baret und Amtöftab? Fürwahr, da 
fteht Mexiko nicht mehr lange! Wer hat je fo etivas 
gehört?“ 

Der Mayor domo fühlte nach feinem Haupte, nad 
feinem Stabe, und wandte fi) dann zu dem Sprecher, 
den er verdächtig maß. Es war ein junger, flarfer 
Mann, der, einen Indianer am Arme, aus der Ul⸗ 
menlaube herangefchlicden war. 


„Der Conde Jago noch nicht zu Hauſe?« fragte, | 


der Fremde. 


> 


—d 180 ⸗— 


⸗Ob et es iſt oder nicht, Amigo!“ verfehte ber 
Mayor domo, der auf einmal feine Faſſung wieder 
erlangt hatte, „wird Euch wenig füminern, hoffe ih.“ 

„Vielleicht doch mehr, als Ihr glaubt, An⸗ 
felmplu . . 

„Wer bift Du? was willſt Du? woher kommſt Du! 
Gehe mit Deinem heiligen Schutzengel und lebe tau⸗ 
ſend Jahre, Freund!“ rief der Mayor domo, der 
wieder ängſtlich wurde und ſich ſchnell zum Thore zu⸗ 
rückzog, wohin ihm der verdächtige Nachtwandler mit 
ſeinem Gefährten gefolgt war. 

„Jeſu Maria! das iſt Jago, unſer geweſene Jago!⸗ 
kreiſchte er auf einmal, unſer Ariero, und nun Einer 
der Gavecillas! Fort mit Dir! ob in den Himmel 
oder die Hölle, iſt gleichviel!« rief der alte Mann, der 
fih, fo ſchnell als er vermochte, innerhalb des Thores 
zurüdigezogen hatte. 

Doch der Fremdling war ſchneller geweſen; mit 
Einem Satze war er zwiſchen dem alten Manne und 
dem zufallenden Hausthore; mit einem zweiten ſchob 
er den alten Mann auf die Seite; dann, den Indianer 
erfaſſend, riß er Dieſen mit ſich fort in den Thorweg, 





—H 181 ⸗— 


und Beide verſchwanden zwifchen den Säulen ber 
Berandah. *) 

„Jeſu Maria! das ift Jago! Jago! Jago! Um 
Gotteswillen! Nebellen! Diebe! Räuber! Mörber!u 
fchrie nun der Mann aus Leibeöfräften, durch Die 
Berandah die Treppen hinan eilend. „Iefu Maria! 
Wir find Alle des Todes, wenn — — Pedro! Pablo! 
Alonzo! todos diablos! — Gott verzeih mir bie 
ſchwere Sünde!“ betete der Mann wieder, indem er 
fich Ereuzigte und dann den Daumen Tüte. 

„Alle Teufel! Maestro Anfelmo, was gibts? was 
treibt Ihr?“ rief Don Pinto, der über die Treppe 
berabtanzte und den Dann verwundert anfah. „Aha! 
Mexiko hat Euch) endlih aus Eurem Gleichgewiäht 
gebracht. Höre, Alter! feit den vier und zwanzig 
legten Stunden habe ich eine Aroba**) meines theuern 
Fleiſches verloren. Adios! Adios!« riefder Wüftling. 

Der alte Mann holte tief Athem, wie Einer, dem 
eine ſchwere Laſt von der Bruſt genommen wird. 


*) Der Säulengang oder bie um den Hofraum oder Gar⸗ 
ten berumlanfende Inftige,, vergitterte Halle. Sie ift in allen 
beflern fpanijchen Häufern,, vorzüglich aber Villa's zu finden. 

*) Ein Gewicht von 25 Pfund. 

Der Virey. I. 13 


—9 182 ⸗— 


„Gehe Du,“ murmelte er, „gebe Du, und halte den 
alten Anfelmo Lieber für einen Narren, als dag Du 
Deine Nafe dahin ſteckſt, wo fie und Allen das Le⸗ 
benslicht ausblaſen könnte. Ei, das wäre Waſſer 
auf feine Mühle, zu wiffen, daß zwei Rebellen fi in 
unferm Hauſe verborgen haben. Zwar fpridt er 
troß dem ärgften Patrioten; aber es ift pure Lieder⸗ 
lichkeit. Wer feinen Beutel füllt und ihn mit Dirnen 
verforgt, hat ihn. Und nun muß Maedtro Anfelmo, 
der. Mayor domo, Str. Herrlichkeit, noch Portier ſeyn; 
Diefer au fort.“ 

Das Raſſeln eines Wagens unterbrach den ges 
ängftigten Alten. An zwanzig Diener kamen vor 
und hinter Diefem gefprungen, riffen die Wagenthüren 
auf, hoben den Grafen heraus, und trugen ihn im 
Triumphe auf ihren Armen dur) den Thorweg über 
die Treppen in ben Saal. 

„Dios sea labado!‘“ *) fchrie der Mayor domo, 
ftieren, halb verwilderten Blicke die Hände des Gra⸗ 
fen erfaffend. „Dios sea labado!‘' rief er wieder, 
feinen Gebieter abermald und abermals umfaſſend. 


*) Gott fey gelobt! 


—, 183 8 


„Anſelmo!“ ſprach Diefer, „was gibt e8? Iſt 
etwas hier vorgefallen ?+ 

»@onbe! rief Diefer; „Conde!“ ſchluchzte er. „Lim 
Gotteöwillen! eilen, laufen Ste aus diefem Haufe!u . 

„Anſelmo!“ rief Diefer erflaunt: „Was meinft 
Du? Was tft Dir?“ 

Der alte Mann wurde in den Ausbrüchen feiner 
Angft durch die junge Dame unterbrochen, die nun 
in den Saal gerannt Fam. 


WHenntes Kapitel. 


So voller Phantaflen 

Iſt Liebe, daß nur fie phantaſtiſch if. 
Shalespeare. 

„Tio!“*) rief das entzüdend ſchöne Kind, das 
nun, den Schleier weit zurücdgeworfen, durch bie 
obere Saalthüre hereinftürgte und dem Grafen in un⸗ 
ſäglichem Schmerze an den Hals flog, mehrere weib- 
liche Dienerinnen hinter ihr drein: „Tio! Tio!“ rief 


*) Onfel, Better; ſcherzweiſe werben häufig auch Bauern 
und Fuhrleute ſo begrüßt. 


a 13* 


—, 184 6 


fie, und ihre Eaftanienbraunen Locken rollten wild um 
den herrlichſten Alabafternaden, der ſich je über einen 
weiblichen Bufen erhob; „Tio! Tio! por el amor de 
‚ Dios! Por la santissima madre! Tio! Tio!“ *) 
rief fie, ihn fefter umfchlingend, dag Perlen⸗ und 
Diamantenbänder von dem Halſe und den Armen 
brachen und auf die Eftera rollten, „O mio Tio! 
mio amigo, mio Padre, mio corazon!‘‘ **) 

„Nina!“ bat der Graf mit bebend zärtlicher Stim- 
me, fich liebevoll über das herrliche Gefchöpf herab⸗ 
neigend, „Nina, mea Nina! que es este ?‘‘ ***) 

„Tio! Tio!‘ rief fie wieder, ungeftümer ſchluch⸗ 
zend, indem fie feinen Hals fahren ließ, feine Hände 
erfaßte, und ihm wie wahnfinnig in Die Augen ftierte. 
„Es verdad?“ F) flüfterte fie leiſe, als wäre fie vor 
dem Tone ihrer eigenen Stimme erjchroden. „Per- 
dito por siempre?‘‘ Tr) ftöhnte fie aus hohler Bruſt: 
„Dedischada Elvira!“ ff) 
Um ber Liebe Gottes, der allerheiligftien Jungfrau 
willen! 

*2) O mein Obeim, mein Vater, mein Her. 

***) Tina, meine Nina’ was ift es? was fehlt Dir? 

+) IR es wahr? 


TH) Verloren auf ewig? 
HH Unglüdlihe Elvira! 


—d 185 ⸗— 


. Der Conde wandte fein Antlit in fpracdhlofem 
Schmerze weg. 

„Perdito por siempre! Berloren auf ewig! auf 
ewig!“ rief fie wild, und mit einem Niffe war ver 
Schleier von ihrem Saupte, die noch übrigen Ge⸗ 
ſchmeide vom Halfe, Armen und Haupte — das herr= 
liche Geſchoͤpf tobte in feiner Tieblich wilden Raſerei. 

„Nina!« riefder Graf im fanft verweifenden Tone, 
„Nina, faſſe Did, Gräfin Elvira, faffe Dich!“ rief 
er färfer, fie in feine Arme fchließend. 

‚Ste warf fich wieder an feinen Hals, fah ihn ftarr 
an ; dann Tieß fle einen Arm finfen, ihr Köpfchen 
fing an ſich zu neigen, ihre Geftalt fenfte fi, fo daß 
die Finger der einen Hand die Eftera berührten; nur 
die andere hielt fih um den Hals des Grafen frampf- 
haft verföhlungen. | 

Das herrliche Geſchöpf hing reizend in bemußtlofem 
Sammer um den Nacken des Conde. Ihr dunkel⸗ 
blaues, feelenvolles Auge nun halb gefchloffen, nun 


wieber troftlod zum Grafen aufblidlend; ihre Geftalt - 


leicht, luftig, elaftifch; ihre Hände, als wenn fie von 
Alabafter geformt wären, bie eine noch immer um 
den Hals des Grafen gefehlungen, die andere die 


— 1 1 


Eſtera berührend — das wunderliebliche Wefen konnte 
kaum mehr als dreizehn Jahre zählen; aber in biefem 
zurten, jugendlichen Bufen wohnte bereitd die füße 
Empfindung mit aller Stärke ſüdlicher Gluth. Wie 
fie fo hinabhing, hatten ihre Frauen einen Kreid um 
ſie gebildet, ver Mayor domo mit derfelben Delifa- 
teffe die ſämmtliche Dienerfchaft zurüdigefchoben, ber 
Conde fie in feine Arme erfaßt und, unterftüßt von 
ihren Dienerinnen, fie in eines der anftoßenden Ge 
mächer getragen, wo er fie auf eine Ottomane nieber- 
ließ. Das holde Geſchöpf ließ Alles mit fich gefehehen; 
erft als fie auf dem Sopha halb Ing, halb faß, rief 
fie ſchluchzend, ihre thränenſchweren Augen auf ben 
Conde gerichtet: „Tio!“ 

„Nina!“ antwortete Diefer. 

„O, ich wußte es!“ lispelte fie in jener füßen, un⸗ 
enblich reizenden Bergefienbeit der Töchter ihres- Lan- 
des: „Nina wußte ed! Sie liebt ihn; er if ihr 
Corazon*), fie fein Eftrela **), die Morgenröthe 
ihrer Hoffnung. « 


*) Herz. 
**) Stern. 


— 197 >— 


„Wen liebt er?. Wen liebt fie? Wer ift ihr Co⸗ 
razon?“ fragte haftig der Graf. 

Sie blickte ſcheu auf. „Tio! Tio! Was habe ih 
gefagt? Das Geheimniß feiner Liebe verrathen, ſei⸗ 
ner Liebe? Unglückliche!« flüfterte fle ſich ſchaudernd 
zu; ner liebt Dich nicht mehr, und Du, Du willſt 
ihn verrathen?« ' 

„Wen liebt er?“ rief der Graf heftiger: „Nina, 
um Gotteörwillen! Wen liebt er? Sage!“ 

Das Mädchen blickte ihn erſchrocken an, und, als 
wäre fie von einem Fieberſchauer ergriffen, rief fle, 
am ganzen Körper zitternd: „Nein, nein, Elvira 
will ihn nicht verrathen! Er liebt ſte! Santa Vierge! 
Seine Liebe felbft ift Verrath!“ murmelte fie leifer. 

„Ich weiß, Wen er liebt; ich weiß, Wer ihnliebt,* 
fprach der Graf, der mechfelmeife zur Gondefia her⸗ 
angetreten und wieber ungeftüm im Kabinette aufs 
und abgeföhritten war. „Ruhig, Nina! Ruhig, Con 
deſſa! Tochter meines theuerften Freundes! — Thor 
und Elender!“ fuhr er mit. unterbrüdter Stimme 
fort, „da feine Hoffnungen fußen wollen, wo Meri> 
ko's Fluch anhebt und endigt! — Nein, Elvira,“ 
fprach er, fich ftolz erhebend, mdie herrliche Tochter 


+18 — 

eines der ebelften Mexikaner fol nur einen Mexikaner 
glüdlih machen! Nina, ruhig! ich bitte Dih! So 
er Deiner würdig ift, fo fol ihn Dir die Macht der 
Hölle ſelbſt nicht entreißen; hat er aber Mexiko ver- 
rathen, hat er fich mit den unverföhnlichen Feinden 
Mexiko's zu feinem Verberben in's Bündniß begeben, 
— dann, dann wird,” rief er mit heftiger Stimme, 
„ihn auch Condeſſa Elvira zu verachten wiſſen!“ 

"Der Graf hatte in der heftigen Bewegung die 
Hand des Mädchens erfaßt; fie ſah ihn mit thränen- 
ſchweren Augen an. 

„Verachten?“ ſprach fie leife; „verachten?“ wies 
derholte ſie das Köpfchen fchüttelnd. „So magft Du 
den Poporatepetl verachten, weil er fein Haupt flolz 
über die Berge Tenodhtitland erhebt? Manuel ver- 
acten, den Erften der Söhne Mexiko's? Unglückliche 
Elvira! Wenn Du dieß Eönnteft, wie müßte Dein 
Herz für alles Edle, Große, Nitterliche erftorben feyn! 
Beweinen will ihn Elvira, beweinen!“ ſchluchzte fie, 
mit ihren langen Löden fpielend, deren künſtliches 
Gerölle fie erfaßte und mit einem Schnitte vom herr⸗ 
lihen Kopfe trennte. 

„Nina!« rief der Graf böfe. 





—. 180 6 


Sie hörte nicht, fie fah nicht. Sie bemerkte nicht, 
daß ein Indianer in das Zimmer getreten war, ber, 
zwifchen fie und den Grafen fchreitend, Die Hand des 
Letztern erfaßte. 

Der Eonde, erftaunt über diefe Erfcheinung, war 
einen Schritt zurüdigetreten. 

„Bott fegne Euch, Conde San ago, für die 
Worte, die Ihr fo eben gefprodhen,“ fagte ber In⸗ 
Dianer mit einer ernften, feierlichen Stimme; „Gott 
fegne Euch mit feinem flärkften Segen !« 

„Wer bift Du, Tatli?“ fragte der überrafchte 
Eonde mit einigem Unwillen und in hefligem Tone. 

Eine zweite Geftalt trat aus demſelben werborge- 
nen Gemache. 

„Jago!“ rief der Eonde im Tone des höchſten Er- 
flaunens, „Jago, und Du wagſt es — —“ 

„Nach Mexiko zu kommen, Conde ‚“ ſprach Jago mit 
Würde, mund daß ich ed wage, bürgt Euch für den 
hohen Preis, den wir auf Euch eben; doch, wir ha⸗ 
ben Feine Diinute Zeit,“ und mit diefen Worten nahm 
er von dem Kopie des Indianers die Perüde von lan 
gen, ftraffen, indianiſchen Haaren, hob die Larve von 
feinem Gefichte weg, und zeigte dem Grafen in dem 


— 19 ⸗— 


Indianer einen alten, aber außerft mürdevollen Mann, 
defien feuriger Flammenblick mit dem tiefen, wehmü- 
thigen Ernft des Geflchtes eine der ſchönſten Pr 
fiognomien bildete. - 

Der Graf trat zwei Schritte zurüd: „Mor—!« 

„Sa,“ Sprach der Greis, „der bin ich; gekommen, 
um Conde Iago im Namen des unglüdlichen Me- 
xiko um feinen Beiftand, feinen Rath,— ſeine Hülfe zu 
bitten.” | 

Der Graf fah den Greifen ſprechlo an. 

„Und wo iſt Hermanno Carlos?«*) rief die Con⸗ 
deſſa, die aufſprang, einen Leuchter vom Tiſch riß 
und die beiden Geſtalten beleuchtete, dann, ſich auf 
die Stirne ſchlagend, wie im Traume murmelte: 
„Santa Vierge, yo soy distratta! Elvira distratta!**) 
Ihn verachten ?« Tiöpelte fie, im Kabinette raſch auf- 
und abrennend und ungebuldig den filbernen Leuchter 
auf den Tiſch fehleudernd: „Ihn aus dem Herzen 
reißen? Arme Thörin, das kannſt Du nicht; aber 
beten, beten kannſt Du für ihn!“ Und indem fie die: 

*) Bruder. 


**) Heilige Zungfrau, ich habe meinen Verftand verloren! 
Elvira ift wahnfinnig ! 








— 11 


ſes ſprach, eilte fie einem Fußſchemel zu, über dem 
eine Madonna von gediegenem Golde ftand, über 
ber Figur eine Lampe von gleichem Metalle; das 
Bild an ihren Bufen drückend, rief fle: „Xäftere nicht, 
Tio! Läftre ihn nicht!“ und dann verfhmo ihre 
Stimme in daß füße Blüftern der innigften, vertrauend⸗ 
ften Andacht zur Tröfterin mexikaniſcher Herzen. 

Es wurden draußen Fußtritte hörbar. Der Graf 
faßte die beiden Männer, riß die Thüre deö ver⸗ 
borgenen Kabinettes auf und ſchob fle rafch hinein. 

„Bäfte!“ verkündete der Gentilhombre *) des Gra⸗ 
fen, der, gefolgt von der Duenna, in das Kabinett 
eintrat. „Ihre Derrlichkeiten Die Grafen Fagoagos, 
Iſtlas, Irun, bie Marquiſe Moncada, Gomez, 
Iguala.“ 

„Die Condeſſa,“ bedeutete ihn der Graf, „wird 
die Honneurs des Hauſes machen, ſobald ſie ihre An⸗ 
dacht verrichtet.“ 

Die Gräfin betete noch eine Weile; dann ſtand ſie 
auf ımd folgte, Tieblicher noch durch den Anflug von 
Schmerz, den beiden Dienern in den Befuchfaal. 


*) Bage. 


— 18 e— 


‚Behntes Ropitel. 


Graf war er, konnte tanzen, mufiziren, 

Sprach gut franzöflfeh, doch toskaniſch ſchlecht; 

Denn Wenige der Wälſchen nur ſtudiren 

Die Sprache ver Etrusker rein und ädt. 
Beppo. 


Mir. find in unferm glüdlihen Lande abfoluter 
Freiheit nicht folche blinde Götzendiener .einer imagi⸗ 
nären ungezähmten Gleichheit, um die Vortheile, bie. 
eine würdige Geburt gewährt,. zu verachten, ober in 
das Pöbelgefchrei einzuftinmen, das Menfchen ded- 
halb verdammt, weil ſie der Zufall bei diefer begüin- 
ftigt hat. Auch bei und gilt ed etwas, von würdigen 
eltern abzuftammen, die durch Kraft ihres Willens, 
durch Thätigkeit und Talente ihres Baterlandes Ruhm 
oder Wohl gegründet haben; — und gegen folde 
Vorzüge gleichgültig zu feyn, verräth, wenn nit 
‚einen rohen, doch rauhen Sinn, um den wir Nie 
manden beneibden. Aber indem wir fo dem Ariſto⸗ 
kraten, den der Zufall bei feiner Geburt begünfligt, 
Gerechtigkeit widerfahren laſſen, geht unfere Vor⸗ 
liebe wieber nicht fo weit, die Anmaßungen biefer 


— 18 ⸗— 


Glückskinder auf die Beherrſchung ihrer Mitbürger 
mit gleicher Nachſicht zu behandeln, und wenn wir 
bei Männern, die ſich im Dienſte des Gemeinweſens 
Einfluß erworben haben, es begreiflich finden, daß 
ſie ſuchen, die erworbenen Vortheile auf ihre Kinder 
zu vererben, fo finden wir es eben fo natürlich, daß 
der gefunde Sinn tiefer Mitbürger ſich gegen eine 
ſolche Vererbung des Einfluffes fträube und An- 
maßungen zurücweife, die fih auf Erblichkeit und 
nicht auf perfönliche Tüchtigfeit oder Tugenden grün 
den. Sole Anmafungen im Keime zu erfliden, 
fordert Pflicht eben fo wohl als die gefunde Staats⸗ 
politik eines freien Volkes, weil nichts leichter wu⸗ 
chert und ſich im Boden einer freien Verfaſſung feft- 
ſetzt, als Gewalt. — Und in diefen tief gefühlten bei⸗ 
derfeitigen Bebürfnifien liegt der Same jenes langen 
nie rubenden Kampfes, der zwifchen der fogenannten 
Ariftofratie und Demokratie unter verfchienenen Na- 
men und Formen auch bei und feit Entftehung un» 
jerer Republik beftanden bat, und der nie endigen 
wird. Gegen dad Beftehen einer ſolchen Ariftokratie 
der Geburt, des Vermögens, der Talente, und die 
Sucht, ihre Fortdauer zu vererben und zu befeſtigen, 


—d 1 e— 
eifern zu wollen, verräth eben fo ſehr Yinbefannt- 
fhaft mit den Triebfebern des menſchlichen Herzens, 
als den Beftandtheilen und Bedingungen der Eriftenz 
einer freien bürgerlichen Geſellſchaft, die, wenn wohl- 
geordnet, immer dem Talente umd der Betriebfamteit 
den nöthigen Spielraum, Glücksgüter und Einfluß 
‘auf dad Gemeinwefen zu erwerben, barbietet und 
barbieten fol. Wir würden diefe Ariftofratie eine 
natürliche nennen, ein nothwendiged und in vieler 
Hinſicht auch heilſames Uebel und ganz verfchieben 
von jenen Artftofratien der alten Welt, mit denen 
wir, zum Glücke, in unferm freien Lande nichts zu 
thun haben, und die jene heftigen Kämpfe veranlaft, 
die noch heutiges Tages nicht beendigt find und wahr⸗ 
fheinlich nie beendigt werden dürften. Es find Diefe 
Nachläffe jenes barbariihen Mittelalters, in welchem 
die Regenten ſich als Lehnträger des höchften Weſens 
zu betrachten angefangen, und in ſolcher Eigenfchaft 
über ihre Völker mit der unumfchräntten Willkür 
einer rohen Machtvollkommenheit disponirend, Dies 
felben nah Gefallen unter jene Günftlinge vertheil⸗ 
ten, die ihnen zur Ausbreitung ober Befeſtigung 
ihrer Herrſchaft fürderlih waren. Sp entfland bie 








—£ 198 ⸗— 


Arifiofratie, die wir unter dem Namen des feudalen 
Adels kennen; urfprüngli bloße Beamte der Krone, 
‚über einen Diftrikt, eine Stadt oder ein Schloß gefeßt, 
die fie für die Krone zu bewachen, oder von ihr zur 
Nubnießung hatten, und die fie beim häufigen Wech⸗ 
fel der Dynaftien allmäblig zu erblichen Beſitzthümern 
in ber Art vermandelten, daß fie ihre Untergebenen 
oder Bafallen eben jo wohl als disponibles Eigen⸗ 
thum betrachteten, als die Viehheerden, die fie befaßen, 
Es gehört natürlih nit in den Bereich unferer 
Geſchichte, die Rechte dieſes Adels zu unterfuchen, 
ober auf den Kampf eingehen zu wollen, den die 
Behauptung diefer Rechte mit den vorgerückten Be⸗ 
dürfnifien der Menſchheit verurfacht Hat. Sp uns 
gerecht die Anmaßungen den Gedrüdten erfcheinen 
mögen, fo fönnen wir, bie auf neutralem Grunde 
ftehen, doch nicht umhin, zu gefteben, daß die An⸗ 
fprüche diejer Art Ariftofraten fi zum Theile auch 
wieder auf wirkliche Befißtitel gründen, die ihre Vor⸗ 
fahren Jahrhunderte hindurch unbeftritten genofjen, 
und die Mißbrauch und ein veränderter Zeitgeift wohl 
mit den DBebürfnifien dieſes Zeitgeiftes in Einklang 
zu bringen, aber gerabebin zu entreißen ſchwerlich 


186 ⸗— 
das Recht geben dürfte, da ein ſolches gewaltſames 
Entreißen die Auflöſung der bürgerlichen Geſellſchaft 
ſelbſt und den Ruin derſelben nothwendig nach fich 
ziehen müßte. 

Aber es gibt eine dritte Ariſtokratie in dieſen Staa⸗ 
ten, die weniger achtungswerth, als die bei uns be⸗ 
ſtehende, oder ber feudale und auf wirkliche Beſitz⸗ 
thümer gegründete Abel, eine fo zu fagen artificielle 
Ariftofratie genannt werden Fönnte, eine Art Quafi⸗ 
Adel, der, mit der allmähligen Ausbildung des Legi- 
timitätsſyſtems entflanden, gewiſſermaßen Surrogat 
des feudalen Adels geworben; der jogenannte Brief 
oder Diplom Abel, eine Klaffe bevorrechteter Bürger, 
die fich haufig durch niederträchtig entehrende Dienfte 
bie perfünliche Gunft des Herrfcherd ermorben, ober, 
im Beflge eines großen Vermögens, ſich diefe artifi⸗ 
cielle Standederhöhung erfauft und fo über bie übrige 
bürgerliche Gefelfhaft erhoben, in Bezug auf ihre 
Perſonen und häufig auch auf ihr Vermögen eine 
privilegirte Kafte bilden. oo 

Wenn jchon der Erwerb eined großen Vermögend 
an ſich felbft mit mehr oder weniger Nachtheilen für 
das Gemeinwefen verbunden ift, deſſen Gleichzewicht 








— 197 — 


immer mehr oder weniger durch eine folche Uebervor⸗ 
theilung geftört wird, fo werben dieſe Nachtheile noch 
in's Unendliche gefteigert Durch Bevorrechtung diefer 
ohnehin bereits auf Unkoften ihrer Mitbürgerfafien 
bevorrechteten Klaſſe. Diefe unfinnige Staatömarime 
ift jedoch in den gealterten Monarchien ber alten Welt, 
in Folge des Verſchwindens des feudalen Adels, Hofe 
und Staatspolitik geworden, der die neuen Ariſtokra⸗ 
tien diefer Staaten und, wir müffen hinzufügen, auch 
Mexiko's bekanntlich ihre Entſtehung verdanfen, wie 
Die mit der Gefchichte dieſes Landes einigermaßen 
Bekannten wiſſen werden. Bon dem fogenannten 
feudalen Adel, das heißt den Abkommlingen ber erften 
Eroberer, die zur Belohnung für ihre Dienfte repar- 
timentos *) erhalten hatten, waren nur wenige Fa⸗ 
milien mehr im Lande übrig geblieben. Die meiften 
waren auögeftorben, oder hatten fich bei dem allmaͤh⸗ 
lig graſſer werdenden Büͤreau⸗Despotismus Der von 
dem Mutterlande herübergeſandten Beamten in das⸗ 
ſelbe zurückgezogen, wo ihre Kinder wenigſtens die 
Rechte geborner Spanier genoſſen. Mit ihrem Ver⸗ 


*) Kronlehen. 
Der Virey. I. 14 


— 188 e— 


fhwinden war das einzige Gut, zu deffen Einführung 
in Merifo fie mitgewirkt hatten, die Municipalfrei- 
heit der Städte — dem Mufter der fpanifchen Städte: 
ordnung nachgebildet — gleichfalls untergegangen. 
Der fpanifihe Hof, der in demfelben Grade eiferſüch⸗ 
tiger auf feine Gewalt geworben, als fein kriegeri⸗ 
ſcher Geift erftorben war, hatte es zweckmaͤßiger 
befunden, die Öffentliche Gewalt in NReufpanien ganz 
in feinen delegirten Werkzeugen zu concentriven, und 
eifrig darauf hinarbeitend,, die legten Spuren bed 
öffentlichen Lebens, als die Ausübung der höchſten 
Gewalt hemmend, zu vermifchen, hatte man bie 
Städtefreiheit in Meriko gänzlich aufgehoben und bie 
Eorregidor- und Alkaldeſtellen durch öffentlichen Ber: 
Tauf den reichern Greolenfamilien in Die Hände gefpielt, 
die ſich Durch diefe Titel um fo glücklicher fühlten, 
als fie die Ehre eines Amtes hatten, ohne mit beffen 
Bürde beläftigt zu feyn. Da biefelbe unglückfelige 
Regierung ftatt der größtentheild eingezogenen Kron⸗ 
Iehen die fogenannten Mayorasgos *) eingeführt, und 


*) Maforate. Das Recht, fie zu errichten, wurde unr dem 
hohen Adel ertheilt. Sie beftanden and ungeheuern Landſtrichen 
und find ſeit 1824 aufgehoben. 


— 19 ⸗ 
Das Recht, folche zu errichten, gleichfalls mit unges 
heuern Summen bezahlt werden mußte, fo war bie 
ganze Fünftliche europäifche Ariftofratie auch auf Me⸗ 
xiko übertragen, nur mit dem Unterfchiede, daß diefer 
Titeladel nicht wie in Europa zu Staatsämtern An⸗ 
ſpruch gab, fondern ganz nominell war. 

Aber der Einfluß, den diefer nominelle Adel auf 
die bürgerliche Geſellſchaft des Landes äußerte, war 
deshalb nicht weniger verderblich geweſen. Dur 
ihn vorzüglich hatte fich dad merkwürdige, in der Ge⸗ 
fchichte der Welt unerhörte Schaufpiel geftaltet, daß 
eine bürgerliche Gefellfhaft von nahe an fieben Mil- 
lionen Seelen beinahe dreihundert Jahre in Unmün= 
Digfeit von einem mehrere taufend Stunden entfern⸗ 
ten Hofe gehalten wurde, zu deſſen Glanz fie doc feit 
Sahrhunderten mehr ald alle übrigen Theile Der 
Monarchie beigetragen hatte; und daß fie, was noch 
auffallender ift, zufrieden und ſtolz auf dieſe Bevog⸗ 
tung war; daß fie in. Kaften eingetheilt, durch Pris 
vilegien und Rangunterſchiede von einander gehalten, 
und doch im abfoluteften Sklavenzuſtande verblieb. 
So hatte man in Mexiko einen hohen Adel, Grafen 
und Marquife, die Enkel der alten Eroberer und 

14* 


vxo > 


Söhne von Beamten und ſelbſt Abenteurern, die 
durch glückliche Bergwerksſpekulationen in den Beſitz 
eines plötzlich großen Vermögens gekommen waren; 
man hatte einen Mitteladel, zu dem ſich jeder weiß 
geborne Sohn eines Spaniers oder Creolen rechnete, 
einen Quaſi⸗Adel, der durch ein Diplom der Au⸗ 
diencia erlangt und gewöhnlich dem farbigen Ehr⸗ 
geize zu Theil wurde, und endlich die elenden Kaſten 
mit ihren Abftufungen und Mifchlingen, und bie noch 
elendere Rage der Indianer. Man hatte fo Rangunter⸗ 
ſchiede, Kleidungsunterfchiede, Unterſchiede in Allem. 
Nurim Joche, dad auf Allen laſtete, war fein Unterſchied. 
Ale krochen vor dem Spanier; aber für dieſe Unter⸗ 
würfigfeit durfte der hochadelige Creole ungefcheut 
dem bloßen Gaballero oder Hidalgo *) auf den Naden 
treten, der Caballero den Quateroon oder Quinte⸗ 
soon mißhandeln, und Diefer wieder den Indianer 
zum Ihiere herabwürdigen. Wir wollen, um biefe 
furchtbare Hierarchie anfchaulicher zu machen, unfere 





2) Das Wort Hidalgo wird in Mexiko weniger gehört als 
Gaballero, Cavalier. Jeder Creole nennt fich einen Caballero. 
—8 Blanco es Caballero, lautet das mexikaniſche Sprich⸗ 








— 01 e 


Lefer in die Gefelfchaft einiger Notabilitäten einfüh- 
ren, bie, wie ſie gehört haben, fo eben angemelbet 
wurden. Sieben berfelben waren unter dem Vor⸗ 
tritte des Mayor domo und einer zahlreichen Diener- 
ſchaft die Staatötreppe hinan in den Saal eingeführt 
worden, mo ſie mit aller Grandezza der fpanifchen 
Etiquette empfangen wurden. 


Der Vorderfte diefed Zuges war ein ſchwammiges 
. Männchen, mit gehäbigem Unterleibe, gepuderten 
Haaren und zierlihem, ſchwarz ſeidenem Haarbeutel. 
Er brachte zuerſt Eeuchend feinen reich geſtickten Frack 
à la Louis-Quinze in die gehörige Richtung, glättete 
die zerfnitterten Spigen der Hembärmel, richtete den 
furzen fteifen Kragen und die langen Schöße in Ord⸗ 
nung, abjuftirte den kurzen Staatsdegen mit flähler- 
nem Griffe, und ftöhnte dann, ſich neugierig umfehend: 

„Ah, Maestro Anfelmo! Se. Herrlichkeit der 
Conde nicht hier? Ah Maestro! brennen vor Ver⸗ 
Yangen, Denfelben unfere Attention zu erzeugen. Ab, 
Maestro Anfelmo ?« 

„Vuestra Senoria;‘ wverfeßte der Mayor domo, 
ſich tief bückend. 


— Mm 


„Ab, Maestro Anfelmo!“ ftöhnte der Marquis 
fort, „Ihr ſeyd noch immer der Alte; aber, Santif- 
fima Madre! werdet Ihr e8 glauben, daß, als wir 
aus unferer Lage traten, Einer jener Gavecillad an 
und beranrannte, fehreiend: Moncada! Moncada! 
alter Dioncada! So hieß er und, Maedtro Anfelmo, # 
klagte der zahnloſe Marquis und ſeine erdfahlen Lip⸗ 
pen zitterten; „fo hieß er und,“ fuhr er fort, mdie 
wir doc von Sr. Excellenz felbft nie anders ale 
Vuestra Senoria begrüßt werben.“ 

„Und wie anders, Graciofiffima Senoria?“ ver- 
feßte der Mayor domo mit pflichtfehuldigem Er= 
ſtaunen. 

„Ei, Maestro Anſelmo! Ihr ſeyd noch aus ber 
alten Schule; aber diefe ewigen Gritod und Pro⸗ 
nunciamentod und Motinos*) haben Die guten alten 
Zeiten ganz verborben. 

„Ab,“ fiel ein zweiter Marquis ei ein, der im blut» 
rothen Taffetrode zu Ehren der ſpaniſchen National» 


*) Verſchiedene Arten des Aufruhrs. Orito, wie oben be⸗ 
merkt, bedentet den Aufruf zum Aufruhr, Pronuneciamento 
die Erflärung der Infurgenten, und Motino ven Aufſtand 
felbft. 








N 


203 — 


farbe prangte, „ah, aber Se. Excellenz der Aller⸗ 
gnädigſte haben doch mit Hochdero eigenem Munde 
huldreich verſichert, daß dieſe Gritos und Motinos 
jetzt ihr Ende haben ſollen, und Se. Excellenz der 
Allertapferſte haben gleichfalls bei allen Heiligen zu 
betheuern geruht, daß in ſechs Monaten kein Rebelle 
mehr den Boden Neuſpaniens beſudeln ſolle.“ 

„Bitte um Vergebung, Euer Gnaden,“ ſprach ein 
alter Conde, „aber wir erlauben uns eine unterthä⸗ 
nige Bemerkung um ſo mehr, als diefe von äußerſter 
Importanz if. Euer Gnaden Herrlichkeit fagten 
nämlih: Se. Excellenz der Allergnädigfte, wo doch 
das Prädifat Allergnädigfter blos der Magestad zu» 
kömmt.“ 

„So kommen wir de pregonero a verdugo, *) 
von den Federn auf's Stroh,“ fiel der Mayor domo 
ein, der nicht ohne Unwillen den Edelleuten zugehört 
hatte. „Ah, Senoriaß, unfer Sprichwort ſagt: Aun 
falto el roba par desollar; fie haben dem Thiere, das 
heißt der Rebellion, noch nicht die Haut über ben 


*) Buchftäblich: vom Ausrufer zum Genfer. 


— 0 — 


Kopf gezogen, und ich fürchte, fie wird eher und ab⸗ 
gezogen werben. « 

Es ift eine merkwürdige Eigenheit des Spaniers, 
daß er bei allem ſeinem Stolze und ſeiner Härte wie⸗ 
der dem Hausdiener eine Familiarität erlaubt, die 
ſelbſt in unſerm Lande, wo der Diener ſo ſehr auf 
Gleichheit Anſpruch macht, auffallen würde. Dieſes 
vertrauliche Verhältniß zwiſchen Befehlenden und Ge⸗ 
horchenden iſt noch weit auffallender bei ſeinen ameri⸗ 
kaniſchen Nachkommen, den ſeine großen, leicht er⸗ 
worbenen Reichthümer vielleicht veranlaßten, die 
Zahl ſeiner Domeſtiken ſo ſehr zu vermehren, daß ſie 
mehr dem Troſſe eines Kronvaſallen aus den Zeiten 
Ferdinands und Iſabellens, als der Dienerſchaft eines 
Neuadelichen gleicht. Auch das Verhaͤltniß zwiſchen 
Befehlenden und Gehorchenden hat mehr von der 
franken Offenheit des Knappen, als der bezahlten 
Dienſtbefliſſenheit unſerer Miethlinge, und, gleich den 
Knappen des alten Ritterthums, beſitzt der Creolen⸗ 
diener alle Würde und allen männlichen Ernſt die⸗ 
fer bloß noch in Romanen lebenden Menſchenklaſſe. 
Unter der zahlreigen Dienerfchaft eines merikanifchen 
Haushalters nimmt natürlich der Mayor domo ben 


— 05 


erjten Rang ein, und dad Vertrauen, Das eine foldhe 
Stelle beurkfundet, gibt ihm häufig eine gewichtige 
Stimme nicht bloß in der Familie, fondern im gan 
zen Abel, um fo mehr, ald die Mayores domo, in 
eine Gilde vereinigt, ſich bedeutender Privilegien er⸗ 
freuen, und als die Häupter der Dienerfchaft des 
ſämmtlichen Adels die Angelegenheiten befjelben 
leiten. 

Der Mayor domo daher, weit entfernt, durch feine 
Einreden Befremden zu erregen, war, fo wie er den 
Mund öffnete, der Wortführer der hochabelichen Sie- 
ben geworben, die, vielleicht frob, ihren einigermaßen 
dürftigen Gedanfenvorrath durch neue Ideen aufzu= 
frifhen, fi nun ſämmtlich an ihn wandten. # 

„Ei, Anfelmo ift ein geſchickter alter Kauz,“ bes 
merkte der Conde Irun; eine Bemerkung, melche bie 
Mebrigen zu befräftigen nicht ermangelten. 

„Si, si, Senorias,‘ fuhr der Mayor domo in dem⸗ 
felben ehrfurchtsvollen Tone fort: „iwir haben nun 
den Tezenco ftebenzig Male fteigen und wieber fallen 
gefeben, aber in diefen flebenzig Jahren unſeres Le= 
bens nicht fo viele Rügen gehört, ald in den lebten 
achtzehn Monaten. Ei, leſen Sie, gnädigfte. Herr- 


20 — 


fehaften, die Gazetta, Die einzige, deren ſich Mexiko 
erfreut — Jeſus und Joſe! Acht und achtzig mal, 
genau gezählt, find: nun bereits die Rebellen vernich⸗ 
tet, und acht und achtzig mal find fie immer wieber 
von den Todten auferflanden. Ich fage, Senoreß, 
der alte Anſelmo fagt ed, daß alte fpanifche Sprich⸗ 
wort meint wohl: No Espannol mentira, *) aber 
das neuere fagt: Dejar en el.dintero.**) Ei, und 
Se. Ercellenz find nur zu Flug für Mexiko.“ 

Die Worte des Mayor domo hatten die alten Mar⸗ 
quife zu einer langen Pauſe gebracht. 

. „Und,“ fragte der Eonde de Iſtla, „was glaubt 
nun Maestro Anfelmo?« 

„Alles, was die Kirche zu glauben gebietet,“ ſprach 
der alte Mann mit einem einfältigen und wieder 
ſchlauen Blinzeln, „und das ift hinlänglih. Wie 
follte der arme Anfelmo auch anders, da fo viele er⸗ 
lauchte Herrſchaften felbft glauben und geſchehen feyn 
laſſen müffen, daß ihnen ihre hochgebornen Herrn 








*) Kein Spanier Lügt. 
**) Buchſtäblich: im Dintenfaffe es laflen; die Sache für 
fih behalten. 








—d 207 > 


Söhne vor der Nafe weggenommen und in die Armee 
geſteckt und vor den Feind gefchickt werden.“ 

„Jeſu Maria!« riefen ſämmtliche Cavaliere, „fo 
ift ed denn wahr, was man fih allenthalben zu- 
flüftert?« 

„Und Senorias wiſſen das nicht?“ rief der Mayor 
domo erftaunt aus. 

„Und glaubt Ihr wirklich,“ fragte der Marquis 
Moncada, „daß die Nebellen es wagen werben, auf 
die Söhne der höchſten mexikaniſchen Nobilitab zu 
ſchießen?“ 

„Jeſus Maria! Was ſollten ſie anderd?u verſetzte 
der Mayor domo, dem die naive Frage doch einiger⸗ 
maßen zu bunt vorkam. 
æESachte, ſachte, Maestro Anſelmo!« ſprach der 
alte Marquis: „Ihr ohne Zweifel ſeyd nicht ſo ſehr 
von Ehrfurcht für unſere hochadelichen Familien durch⸗ 
drungen, da Ihr einigermaßen der Geſellſchaft des 
hohen Adels täglich, ja ſtündlich zu genießen gewür⸗ 
diget werdet; aber die Gavecillas, die unſere Per⸗ 
ſonen nur von ferne ſchauen, Dieſe, ſollten wir billig 
meinen, würden von einem heiligen Schauer ergriffen 
werden.“ 


— 208 > 


Der alte Mayor domo war ungeduldig geworden. 
„Und werden fie,“ fragte er mit einiger Heftigfeit, 
„von einem heiligen Schauer ergriffen, wenn ſie die 
ſpaniſchen Generale und Oberſten todtſchießen? und 
waren Hidalgo und ſeine Patrioten von einem heili⸗ 
gen Schauer ergriffen worden, als ſie in Guana⸗ 
zuato*) Reich und Arm über die Klinge ſpringen 
ließen?“ 

Diefes Argument entfchied. Der Marquis und 
feine Compairs flierten den Mayor domo mit einem 
geifterartigen Grinfen an. „Uber Anfelmo,“ rief er 
— „Jeſu Maria! der Mann fpricht wahr; aber An 
felmo!# und er trippelte im Saale herum. „Laſſe, 
nein, laſſe nicht; fogleich wollen wir zum Virey — 
ja zum Virey — Jeſu! Wenn wir noch) an die Lei⸗ 
den gebenken, die und Se. Ereellenz, der Virey 
Galvez, verurfachte, als e8 Ihnen beifiel, das Lager 
bei Tarubaya zu halten. Senorias wiflen, wir waren 
Oberfter in der Miliz. Iefu Maria y Iofe! Wenn 
wir noch daran gedenken, rüttelt e8 und wie Fieber- 
‚froft. Wir waren drei Wochen Eranf vor Schreden. 


*) Lies Guanajuado. 





— 209 — 


Denken Sie fih, Senvriad! fünf volle Stunden 
mußten wir zu Pferde figen, und Keiner’ von unferem 
Servidumbre*) durfte fih und nähern, um über un⸗ 
fere Perſon den Sonnenfhirm zu halten. Und die 
vielen taufend Gewehre, die ale mit Pulver geladen 
und mit Bajonetten beſpießt waren; jeden Augenblid 
waren wir in, Gefahr, eines möchte zerplagen. Und 
ftehen ‚“ fragte der alte Marquis fehr naiv, „bie 
Rebellen auch mit Bajonetten, und fihießen fie mit - 
PBulver?u 

„Und mit Blei,“ verfeßte der Mayor domo trocken. 

„Jeſu! Jeſu!“ ftöhnte er wieder und mit ihm die 
Vebrigen. „Ja,«“ Ereifchte er, „das kommt Alles von 
der Aufklärung und den Neuerungen. Seit der Zeit, 
wo Se. Ercellenz der Virey Revillagigedo **) nafe- 
weis genug waren, dem Volke Har und bündig vor 
Augen zulegen, wie eö nur in der Ciudad Merifo 
allein hunbertmal ftärker an Zahl fey, als unfere 
gnäbigen Gebieter. Ei, diefe unglüdfelige Volke- 


*) Dienerfchaft. 

**) Diefe Volkszählung wurde im Jahre 1790 unternommen 
und der Bicekönig, einer-der wenigen rechtlichen Männer, 
die diefe hohe Stelle bekleideten, ſehr deßwegen getabelt. 








—d 210 & 


zählung! fagt ja ſchon bie heilige Schrift, daß Don 
David, dafür von Gott beftraft wurde; nicht wahr, 
Senorias?“ fragte der über feine Schriftgelehrfam- 
feit felbft erftaunte Marquis feine Mit⸗Cavaliere. — 

„Und dann feit der Zeit,“ fiel der Mayor domo 
ein, „wo man dad ganze Merifo zwang, durch Bril- 
len zu feben. — — Ei, Senored, die zweitaufend 
Kiften Brillen, die das Cadirer Eonfulado von den 
Holländern erhandelt, und weßhalb wir, und unfere 
unbehosten und unbeſchuhten Indianer, auf Anorb- 
nung Sr. Errellenz des Virey, Brillen bei hoher 
Strafe tragen mußten; Sengriad! wenn man bad 
Volk mit Gewalt zwingt, belle zu fehen, dann muß 
man ſich die Folgen gefallen laſſen.“ 

Es entftand wieder eine Paufe. Die Zomifch ab⸗ 
ſurde Thatſache, daß wirklich ein Volk von mehreren 
Millionen Menſchen gezwungen worden war, Brillen 
zu tragen, weil ein derlei Artikel, von der privile⸗ 
girten Kaſte der Cadixer Kaufleute erhandelt, ſonſt 
zu verliegen gedroht hätte, hatte die Cavaliere in 
ihren Klagen über die Folgen ber Aufflärung ganz 

aus dem Concepte gebracht. 


— 11 > 


Eilftes Kapitel. 


So mander Mißvergnügte war im Sand, 
Die Macht verwünſchend, die tyrannifch band. 
Lara. 

Ein neuer Ankömmling, der unter dem Namen 
Donna Senora Sebaftiana Anna Mier-y T-n und dem 
Zufage „venida de su Exzellenza‘“*) angekündigt 
‚wurde, gab ihrem Sinnen auf einmal eine andere 
Richtung. 

Die Dame war reich, aber nichts weniger als ges 
fhmadvoll, in eine Menge feidener Röcke von den 
grellſten Farben gekleidet, die ihrem untern Seyn 
einen Umfang gaben, der mit der platten, Bretternen 
und übel arrangirten Taille nichts weniger als lieb» 
lich contraftirte. Die unmäßig hoben Abſätze ihrer 
Schuhe verliehen ihrem Gange überbieß etwas Wat- 
Tcheindes, fo daß ihr die Unterftügung des Cortejo, 
der mit ihr eintrat, wirklich zum Bebürfniß wurde. 
Diefer Cortejo war ein Mann von ftarfem Körper: 
bau, aber unangenehmen, ja widrigen Geſichts⸗ 


*) Bon Sr. Excellenz angekommen. 





—d 212 — 


zügen, mit einem ımgemeinen Beftreben, freundlich 
zu fheinen: eine Miſchung von höfifcher Abgefchliffen- 
beit und foldatifcher Rauhheit, in fleter greller Be- 
weglichfeit.. Man ſah e& dem Manne beim erften 
Blide an, daß er von einem raftlofen Ehrgeize ge= _ 
peitfeht wurde. Er trug die Uniform eined Staabs⸗ 
offizierö der Eöniglich merifanifchen Truppen. Seine 
Schugbefohlene, indem fie den Saal hinauf fehritt, 
hielt zwei feidene Stride oder Schnüre, die an ihrem 
Gürtel hefeftigt waren, wohlgefällig zwifchen ihren 
Tingern. An denfelben waren eine Menge Knoten, 
die Embleme der verfchiedenen Eroberungen, die das 
ſchöne Gefchleht von Mexiko, wenn die chronique 
scandaleuse wahr fpricht, auf dieſe Weife zur Schau 
zu tragen fich nicht entblödet. Sie war augenfcheinlich 
mit wichtigen Nachrichten beladen, da fie, ohne die 
etwas umftändlichen Eintrittsceremonien zu durch⸗ 
gehen, ſchon an der Thüre den Cavalieren zurief: 
„Ah, Senored! Senored! So müffen denn wir, bie 
Donna Sebaftiana, die Taube feyn, die Die Freuden⸗ 
botſchaft überbringt.“ 

Die Dame, nachdem fie geſprochen, ſchien ſich auf 
einmal zu befinnen, und trippelte zur jungen Gondeffa 





—d 13 ⸗— 


hinauf, die fo eben mit ihrem Gefolge weiblicher 
Dienerinnen eingetreten war, umarmte fie, und ent= 
Yedigte fich dann ihrer wichtigen Botſchaft in folgen» 
den Worten: 

„Ab, Senoriad! Senoriad! Ah, meine Herr⸗ 
ſchaften!“ flüſterte fie, indem ſie die Augen in füßer 
Entzüdung verdrehte. „AH, Senorias,“ wiederholte 
fie zu den Kavalieren, die nun alle herbeigeeilt waren, 
um fo viel als möglih in ihre Nähe zu gelangen. 
„Wiſſen Sie nun, was jene gnädig huldreichen Worte, 
die Se. Excellenz fallen zu laſſen gnäbigft gerubten — 
Wiffen Sie au? — O! Se. Ercellenz find ein aller» 
liebſter, göttlicher Herr. Stellen fie fi vor,“ rief 
fie wichtig, „Sie haben die Vorhänge ihrer Loge 
beim letzten Akte ganz herabgelaffen; und Iturrigeray, 
der vulgäre, liberale Iturrigeray, wiſſen Sie noch, 
er behielt fie immer oben, man Tonnte feine Cigarre 
rauchen. « 

Damit unfern Lefern die Worte der Dame begreife 
lich werden mögen, fo müflen wir bemerfen, daß das 
Thöne Geflecht Mexikos feiner Lieblingsunterhaf- 
tung ded Cigarrenrauchens auch im Theater eifrig 


dann oblag, wenn die höchſte Standesperfon gnädig 
Der Birey. IL 15 


— Me 


geruhte, bie Vorhaͤnge ihrer Loge herabzulafien; eine 
Sitte, die gewöhnlich während des Zwiſchenaktes 
ftattfand. 

„Ia, Se. Excellenz fagten,“ fuhr die Dame fort — 
„Ah, Senorias!« rief fie, mit ihrem Bächer webelnd, 
nah, Senorias! — Nicht wahr, die Condeſſa Ruhl 
war ganz chocant? Ah, Senoriad,“ aber der Sinn 
ber divinen Worte: „Es ift bereits angefommen, das 
königliche Paquet, verflegelt mit dem großen Staats⸗ 
fiegel.. — 

„Mit dem großen StaatBfiegel?” fielen die Sieben- 
‚männer ein. 

„Um am NRamensdtage Sr. geheiligten Majeftät 
geöffnet zu werben. « 

„Geöffnet zu werben!“ Ereifchten die Kavaliere. 

. „Se. Exeellenz haben und ja dieſes bereits huld⸗ 
reich zu eröffnen geruht,“ bemerkte der Conde Irun 
wichtig. 

„Ah, Se. Ercellenz, Se. Ercellenz!# wiöperte die 
Senora mit einer geheimnißvollen Miene. „Aber 
wiſſen auch meine Herrſchaften, wiſſen Sie au? — 
Ab, Senoriad! Glückliche Nobilitad, deren Treue 


— 5 


von Sr. Majeftät auf eine fo eclatante Weife honorirt 
wird!“ 

„Honoritt wird!“ kreiſchten und ſchluchzten die 
Edelleute. 

„Fünfundzwanzig!“ platzte die Donna heraus, 
nun nicht länger im Stande, die Bürbe ihres Geheim- 
niſſes zu tragen. 

„Fünfundzwanzig!« ſchrieen die fieben Edelleute. 

„Fünfundzwanzig!« überſchrie fie die triumphirende 
Donna, „worunter vier Großkreuze. Die Camareria 
Ihrer Excellenz haben es mir unter dem Siegel der 
Verſchwiegenheit geoffenbaret.“ 

Füuͤnfundzwanzig,“ ſchrieen und kreiſchten und 
ſchluchzten die armen ſieben Kavaliere, und dann 
brachen ſie in einen Jubel aus, der es wirklich zweifel⸗ 
haft machte, ob ſie nicht Alle den Verſtand verloren 
hatten. Sie rauſchten in ihren ſeidenen Röcken an 
einander heran, umarmten ſich, küßten ſich auf die 
gravitätifchfte Weiſe, wünſchten ſich und Mexiko Glück, 
trippelten auf die Dame und die junge Condeſſa zu, 
umarmten Dieſe, und wieder ſich untereinander, „fünf⸗ 
undzwanzig und vier Großkreuze/ heulend; ſelbſt der 
Mayor domo wurde umarmt, und einem Pagen, der 

16* 


—d 216 > 


eingetreten war, um die Armleuchter vor den Schutz⸗ 
patronen und Schußpatroninnen anzuzünden, wiber- 
. fuhr die gleiche Ehre. In ihrem Entzüden hatte die 
Geſellſchaft nicht bemerkt, daß der Graf mit mehreren 
Kavalteren eingetreten und, nicht wenig befrembet 
über bie feltfame Scene, eine Weile ſprachlos da⸗ 
geftanden war. Erft als der Mayor domo feinen 
Herrn ankünvete, ermannten ſich die armen Kavaliere, 
und Alle eilten auf ihn zu: „Bünfundzwanzig, wor⸗ 
unter vier Großkreuze,“ jauchzend. 

Die feinen Geſichtszüge des Weltmannes, weit 
entfernt, Spott oder Hohn blicken zu laſſen, ſchienen 
wieder eben fo wenig die Freude ober Ueberraſchung 
feiner Gäfte zu theilen. Diefes mochte auch der Fall 
mit Mehreren der Edelleute feyn, die mit ihm ge⸗ 
Zommen waren. 

„Die Ehre,“ fprad er, indem er ſich ringsumher 
verneigte, „die unſerem armen Hauſe widerfährt, den 
hohen Adel eben ſo unvermuthet, als herablaſſend, 
in dieſer ſpäten Stunde in unſern Mauern zu ſehen, 
iſt fo uͤberraſchend — — u 
monde!” ſprach ber Marquis, ber unter bem 
. ZU von Moncada aufgeführt war, „Conde!“ 





—d 217 6 


verficherte er gravitätifch, „es macht Epoche in der 
Geſchichte Denitois fünfundzwanzig, worunter vier 
Großkreuze — — 

„Bei der Mutter des lebendigen Gottes! ſo macht 
es; Sprach Einer der Begleiter des Conde, im höch⸗ 
ften Unwillen. „Wirklich macht es Epoche in der 
Geſchichte Mexiko's, zu hören, wie ſieben Hochadelige 
Mexiko's vor Freuden umherſpringen, daß fünfund⸗ 
zwanzig unſerer Söhne wie gemeine gente irrazio- 
nale zuſammen gefangen und zur Armee abgeſandt 
werben. 

„Aber, Madre de Dios!# riefen unfere ſieben Edel⸗ 
leute, höchlich verblüfft. „Aber, Madre de Dios!“ 

Es traten mehr und mehr Gäfte ein. 

„Der fehr edle Marquis de Grijalva irren," ſprach 
der Graf, „in fofern Sie glauben, daß unfere Com⸗ 
pair ſich über Die gewaltfame Entreißung eines un- 
ferer wichtigften Fueros freuen, vermöge deſſen unfere 
Söhne, und vorzüglich unfere Eritgeborenen, als 

Mayorasgoherren vom Militärdienfte befreit find. 
Ihre Ueberraſchung ift mehr loyal, indem fie ſich über 
die Huld Sr. Majeftät äußert, die dieſem Lande fünf- 








—d 318 ⸗— 


undzwanzig Klein und Großkreuze des Töniglichen 
Ordens Carls III. verliehen bat.“ 

„Que los llevan todos los Demonios de los diez 
y siete infiernos“*) fuhr der Marquis heraus. 
„Und wiffen Sie, Senored, was diefe Groß- und 
Kleinkreuze Meriko Eoften? Ei, fie Eoften ihm be⸗ 
reits hundertundfünfzigtauſend feiner fleißigften Ein- 
wohner, und hundert Millionen Escudos *). Sie To- 
ften und unfere Balencianas, unfere Barrancoß, unfere 
Beta negras**). Mexiko ift eine Wüfte, Puebla eine 
Wüſte, Valladolid eine Wüfte, Queretaro, San Louis 
Potoft eine Wüfte; dad ganze Land in Aufruhr. Seno⸗ 
res; ich bürge Ihnen nicht dafür,» fuhr der hitzige 
alte Landebelmann fort, „daß Sie, die fo entzüdt 
find über die königliche Huld, von der übrigens Fer⸗ 
nandos geheiligte Majeftät eben fo wenig wiflen mag, 
als unfer Stiefel — — 4 
aJeſu Maria y Iofe! er läftert, ex läftert!a ſchrieen 
Mehrere der Grafen und Marquis. 

*) So mögen fie alle Teufel ver fi iebzehn bollen holen; 
Hevan wird ausgefprochen: Ijevan. 

*) Biafter. 


**) Die berühmten Erzgänge von Ouanaruato, Bolanos und 
Sombrereto. 


—d 219 — 


nDen Teufel auch läſtert er,“ fuhr der hitzige alte 
Creole fort. „Se. Majeftät fiten im Schloffe Valen⸗ 
gay irgendwo i in Panama und wiffen den Teufel, mas 
in Spanien, und nod) weniger, was in Mexiko vor- 
geht, und dann fagen wir, der Marquid von Gri⸗ 
jaloa fagt es, daß wir fehr in Zweifel find, ob Sie, 
Senored, bis zum Namendtage Sr. Majeftät auch 
noch einen ganzen Rock haben werden, um die könig⸗ 
lichen Decorationen in einem gefunden Knopfloche 
Platz nehmen zu laſſen. 

Die Heftigkeit des Sprechers hatte die ſieben Edel⸗ 
leute mit einem Schauer erfüllt, der dem eines from⸗ 
men gläubigen Katholiken vergleichbar ſeyn dürfte, 
welcher einen verruchten Ketzer auf fein Idol mit Art 
und Schwert zuhauen flieht. Sie zogen ſich insge⸗ 
fammt ſcheu zurüd. 

„Wir können und nicht verhehlen,“ fiel nun der 
Conde ein, der inzwifchen mit dem Empfange der 
angefommenen Bejucher befchäftigt. gewefen war, 
„daß, fo fehr wir die allerhöchfte Gnade in Bezug 
auf die fünfundzwanzig Ordensverleihungen zu [häßen 
wiffen, eine werfthätigere Hülfe un fo nothwendiger 
feyn dürfte, als ohne biefe der Ruin des Landes un- 


20 e— 


ausweichlich iſt. Im Thale von Cuernavaca gingen 
die vorletzte Nacht einundzwanzig Zuckerpflanzungen 
in Rauch und Flammen auf, und, wie wir leider Ur⸗ 
ſache haben zu vermuthen, auf Geheiß unſerer @ebieter.« 

Der feine Weltmann, der Achtung für die Würde 
und Gnade des Negenten mit Schonung der Vor⸗ 
urtheile und Schwächen feiner Compairs jo gefickt 
zu verbinden wußte, hatte, indem er zugleich über die 
Urheber der Drangfale des Landes einen bittern Tadel 
ausſprach, ſchnell Anklang gefunden. 

„Jeſu Maria!“ rief Einer der Sieben, „und und 
bringt unfer Ariero Nachricht, daß unfere Hacienda 
de Irigo *) San Francisco im Bario rein audges 
plündert — 4 

„Und unfere Real bei Sombrereto zerſtört, u — 
fiel ein Zweiter ein — 

„Und alles Mafchinenwerk an unfern Schachten 
an der Valenciana verbrannt und vernichtet,“ klagte 
ein Dritter, 

„Jeden Tag mehren ſich unfere Drangfale, 4 jam⸗ 


N Landgut, zum Aderbau eingerichtet, zum Unterſchiede von 
Hacienda de beneficio, das zum Bergwerfswefen einge- 


richtet ift. 








— mM 


merte der Vierte; „und felbft ver heutige dia de fiesto, 
fonft nur beſtimmt, Jubel zu verbreiten, bat die ganze 
Stadt mit Schreien erfült. Man hebt die armen 
Indianer ärger, als Die Coyotes.“ 

„Es find Nebellen, und zwar die Nebellen von 
Itzcuhar;« bemerkte der Major, der als Eortejo der 
Donna gefommen war. | 

„Denen man jedoch die Amneſtie bei dem dreieinigen 
Gotte zugeſichert, von allen Kanzeln verkündet hat,“ 
ſprach der Graf mit ſtarker, feierlicher Stimme. „Don 
Agoſtino Iturbido! Es war Ihre Escadron, die ſich 
dieſe überflüſſige Grauſamkeit im Angeſichte Mexiko's 
zu Schulden kommen ließ.“ 

„Hohe Befehle, erlauchter Graf;” erwiederte der 
Major mit einem tückiſchen Lächeln. : 

„Wir haben nichtd gegen Befehle zu erwiebern, 
wir, deren Schufdigfeit eaggft, zu gehorchen;“ fprach 
der Graf. „Aber wenn wir,” und er fah den Major 
mit feinem durchöringenften Blicke an, vum von uns 
fern Gebietern ein gnädiges Lächeln zu erlangen, 
unſer Sand noch unglücklicher Radch wollen, als 
unſere Gebieter — und wahrlich,. nur thun es, — 
dann dürfte die Zeit bald komm, wo Dieſe und 


9 29 — 


ſelbſt flatt der erſchlagenen Indianer in die Schadhten 
enden werden.“ 

„Es verdad!‘‘ riefen mehrere Stimmen, von der 
Wahrheit getroffen. „Der Anfang dazu ift bereitö 
gemacht, und unfer ältefted Privilegium ift und heute 
entriffen. Dan fendet unfere Erftgeborenen zu ber 
Armee, ohne e8 auch nur der Mühe werth zu halten, 
und zu jagen — 

„Das wollen wir,“ ſprach eine hell klingende, aber 
harte Stimme, die einem jungen Manne angehörte, 
der, in der linken Hand ein verſiegeltes Packet, in der 
rechten ein Augenglas, die Geſellſchaft gemaͤchlich 
vornehm muſternd in den Saal getreten und ſich dem 
Grafen genähert hatte. Er war von vornehmer Ge⸗ 
ftalt, leicht und gewandt, hatte jedoch in feinen Blicken 
etwas vone Bafllisfen. Als er die Ereolen flüchtig 
überfehen und vornehm ht begrüßt Hatte, übergab 
er dem Conde mit einer tiefern Berbeugung und den 
Morten: „der Wille Sr. Ereellenz ,« das Packet. 

„Wir wiflen doch nichts im Palafte, daß Se. Herr- 
lichkeit eine Iutuich ig Ihrem Haufe haben,“ be⸗ 
merkte der Hoͤfling läelnd während ber Tobten- 
file, die fein Giffkritt verurfacht hatte. nDoc haben 


23 — 


ſich Se. Herrlichkeit vielleicht nicht der hohen Re— 
gierungs⸗Entſchließung erinnert, in Folge welcher 
feine Zufammenfunft, was immer für einer Art, ohne 
die ausdrückliche Genehmigung von Sr. Ercellenz in 
Mexiko ftattfinden ſolle.“ 

„Wir haben von einem ſolchen Erlaſſe gehört,“ 
verfeßte der Graf, „und würden nicht ermangelt ha= 
ben, demſelben Folge zu leiten. Do, wie Don 
Ruy Gomez fehen, fo ift es ein bloßer Willkommens⸗ 
befuch Ihrer Serrlichfeiten, die uns die Ehre ange- 
than haben, und zu unferer Ankunft in Mexiko Glück 
zu wünſchen.“ Der Graf hatte feine Worte mit einer 
Berbeugung an die Epelleute begleitet. 

„St. Herrlichkeit zu Ihrer Ankunft in Mexiko 
Glück zu wünfchen, “ fielen mehrere Kavaliere mit jener 
Jpeenübereinflimmung ein, die wir an den hohen 
Gliedern der Ariftofratie haufig nach einem erquid- 
lichen Diner bemerken, wenn die volle Beichäftigung 
ber Verdauungswerkzeuge es unräthlih macht, ihre 
Verrichtungen durd) ftörende Geiftesanftrengung zu 
hemmen. 

„Se. Herrlichkeit find fehr glücklich in der Achtung 
Ihrer Compairs,“ meinte-der Höfling, „die jedoch, 


—d Dr 
bie Wahrheit zu geitehen, eine feltfame Stunde zu 
ihren Achtingäbezeugungen gewählt Haben. « 

„Wenn Don Ruy Gomez der Meinung find« — 
fielen zehn Edelleute erfehroden ein — . 

„Wir leben in Zeiten, Senor, wo ſich feltfamere 
Dinge zutragen — “ bemerkte der Graf, der währenp- 
dem das Siegel ded Packets aufgebrochen hatte. 

„Es ift für Euer Herrlichkeit Privateinſicht; bes 
deutete ihm der Höfling mit einiger Haft, und nicht 

ohne Mißbilligung. 

„Perdon denn,“ verfeßte der. Graf, „doch finde 
ich bloß die Neifepäfle unferes Neffen Don Manuel 
und den Befehl, der ihn morgen früh in die Madre 
Patria abfendet; ob als Gefangener oder Verwieſener, 
weiß bie heilige Jungfrau und Se. Ercellenz allein —« 

„Was immer die Befehle Sr. Ercellenz feyn mö⸗ 
gen,“ verfeßte der Privatfefretär wichtig, „fo werben 
Eure Herrlichkeit wohl thun, fich ganz Hochdero Willen 
zu fügen, der, wie Sie wifjen, immer fehr gnädige 
Rückſichten für dad erlauchte Haus Conde Jagos 
hatte.“ 

Der ſchneidend bitter hohnlächelnde Ton, in dem 
Die ganze Unterhaltung vom Privatfekretär des Sa⸗ 





— 5 > 


trapen .angefangen und fortgeführt worden - war, 
eontraftirte feltfam mit den höfiſchen, abgemefjenen 
und zierlihen Worten, die er zu ftellen wußte. 

„Wir find ganz von der Gnade Se. Ercellenz gegen 
unfer armes Haus durchdrungen,“ entgegnete der Con⸗ 
de, „obwohl wir dieſe Ueberraſchung nicht vermuthet. 
hatten. Zwar ift Don Manuel nicht unfer Sohn. 
Wir feldft ftehen einfam,“ fuhr er mit einer weichen 
Stimme fort, „aber wir fühlen ald Bater. Es fcheint 
jedoch, unfer Neffe habe die Aufmerkſamkeit und felbft 
die Gunft Sr. Ercellenz ſehr ſchnell und. in hohem 
Grade: zu erwerben das Glück gehabt Es überraſcht 
uns dieſes einigermaßen. u 

Diefe Worte, im verbindlichften Tone ausgefpro- 
Sen, fihienen nun wieder den Höfling verlegen zu - 
machen, der den Grafen forfchend anfah. 

„Eben jo," fiel der Marquis Grijalva ein, „als 
wir für die Aufmerkſamkeit Sr. Excellenz verbunden 
find, die fo unerwartet geruhet, unſere Söhne mit 
dem porte-Epeo zu heehren. « j 

„Es ift tramig, Don Ruy Gomez,“ hob ein 
Zweiter an, „daß die Fueros unferes Adels ung felbft 
in unferem Blute nicht ſchützen können; Don Ruy 


Per. 1 


Gomez find die rechte Sand Sr. Ercellenz, und wenn 
Derofelben Fürſprache — “ | 
Mehrere Kavaliere drängten fih fofort um bie 
wichtige Perfonage, bie eine entfprechend protegirende 
Miene anzunehmen begann, die aber durch eine plötz⸗ 
lich finftere Wolfe wieder verfcheucht wurde. 
aund iſt es wirklich Sr. geheiligten Majeſtät 
Wille?« fragte der Marquis Grijalva; „iſt es wirk⸗ 
lich fein Wille, daß die Erſtgeborenen des merifani- 
ſchen Adels ihrer Privilegien verluſtig gehen ſollen? 
Mir haben,“ fuhr der derbe, aber etwas ſimple Conde 
fort, wein altes Buch, in dem es gebrudt flieht, daß, 
wenn ein Edelmann fich vor dem Justicia de derecho 
einſchrieb, und fo Sicherheit gab, daß er vor feinen 
Richtern erſcheinen würde, dieſer letras inhibitorias 
gab, welche ihn vor aller Gewaltthätigfeit an Leib und 
Gütern ſchůtzten, bis er förmlich nach den Geſetzen ober 
Privilegien gerichtet war. Wurde der Juſticia oder ei⸗ 
ner feiner Lieutenants für irgend einen folchen Verhaf⸗ 
teten um Hülfe angefprochen, fo fertigte er bie Manife- 
stacion aus, das heißt: er nahm ben Gefangenen in 
feine Obhut, und fand es fich, daß er wider die Fueros 


— m > 


oder ohne förmlichen Rechtszuftand verhaftet war, fo 
feßte er ihn in Freiheit. Nuch fagt dafjelbe Buh—« *) 

Der Sprecher, der, wie er ſich nach Landjunfer- 
Weife naiv ausdrückte, ein Buch hatte, in dem dieſe 
alten Privilegien ftanden, die wirflih für Spanien 
bis zum Jahre 1519 eriftirten, hielt in feiner Expo⸗ 
fition plöglih inne. Der Geheimfefretär hatte ihn 
nämlich mit einem Blicke angefehen, fo höhniſch und 
böswillig, daß der alte Geſetzforſcher ganz aus ber 
Baflung kam. 

„Und haben Euer Herrlichkeit, « fragte ver Höfling, 
indem er den Sprecher hohnlachend vom Kopfe zu 
den Füßen maß, „wirklich ein folches Buch? Wahrs 
ſcheinlich in Kalböleder eingebunden?“ fuhr er nad 
einer Paufe mit demfelben Hohne fort. „Als Ant⸗ 
wort auf Ihr Buch wollen wir Euer Gnaben fagen, 
daß Ihre Söhne ihrer Fueros verluftig worden find, 
weil fie fish deren durch ein disloyales Betragen un⸗ 
würbig gemacht haben. Danken Sie e8 der Milde 
Sr. Ereellenz, daß Hochdieſelben, aus Rüdficht für 
bie Treue der Väter, das Verbrechen ver Söhne nicht - 


*) Die fpanifche Habens-Corpusalte. Ste wurbe von Carl I. 
(als römifcher Katfer Earl V.) aufgehoben. 


228 — 


ſchärfer heimgeſucht haben, als durch eine Strafe, 
die,“ ſetzte er hinzu, „ſelbſt ſpaniſche Hidalgos für 
eine Belohnung angeſehen haben. Wahrlich! Kava⸗ 
liere, die ſich erfrechten, Pasquille gegen die geheiligte 
Perſon Sr. Majeſtät anzuhören, ſind ſehr huldvoll, 
Sie werden es geſtehen, durch ein goldenes Porte- 
apée beſtraft.⸗ | 
Die Urfahe des Gewaltfchrittes, der vier und 
zwanzig Söhne ber erften Familien ihrer Privilegien 
beraubte, und fle zwang, die Waffen wider ihren 
Willen zw ergreifen, war fomit an das Tageslicht 
gefommen. Die Bavaliere, die von dem Schidkfale 
ihrer Söhne während der Eour und des darauf fol- 
genden Theaters nichts, oder bloß dunkle Geruchte 
und bie oben erwähnten myſteriöſen Infinuationen 
bed Satrapen vernommen, und erfi jegt Aufklärung 
über die Urfache erhielten, die ihre Söhne, ohne daß 
fle gehört ober zur Berantwortung gezogen worben 
wären, verbammte, unter einem blutbürftig rohen 
Wanne zu dienen, wurden fo gänzlich Durch die Worte 
. des Boͤflinge eingeſchüchtert, daß auch kein Einziger 

etwad zu erwiedern verfuchte. 
" Ihre Söhne, Senores,u fuhr der Geheimfekretär 


—— 29 > 


mit fpanifcher Grandezza und Schonungstofigkeit fort, 
„werben unter dem unüberwinblichften Helden, der 
die Rebellen bei Acufco, bei Marfil und an der Brücke 
von Calderon vernichtet, der von St. Majeftät jelbft 
hochgeehrt find, unter diefem Helden werben fie die 
Zucht und die Ioyalen Geflunungen lernen, die fie im 
Verkehre mit rebellifchen Gavecilla's vergeffen zu haben 
. feinen.“ 
„Wenn,“ ſprach der Eonde, „die Mayorasgo⸗ 
herren, unfere erlauchten Compairs, fich fo weit ver⸗ 
geffen haben, Pasquille auf Sr. Majeftät geheiligte 
Berfon anzuhören, dann Tönnen wir fle bloß der be- 
kannten Milde Sr. Ercellenz anempfeblen und von 
ihrem väterlichen Herzen Milderung ihres Schickſals 
erflehen. Se. Excellenz werben jedoch vielleicht Gnade 
für Recht angedeihen laſſen, in Anbetracht, daß diefe 
Anſchließung ımferer Söhne an die Eöniglichen Trup⸗ 
penkorps die Rebellen noch mehr in ihrem Grimme 
gegen den Adel beftärfen müſſe, deſſen loyale Treue 
ohnedem bereitö der Opfer fo viele gebracht, und der 
von Sreund und Feind fo bitter heimgefucht worden tft.“ 
nDie Rebellen," bemerkte ver Geheimſekretär, „ha⸗ 
ben nach unferm geringen Ermefien den hohen Abel 
Der Virey. L 16 


— 0 

nicht graufamer heimgefucht, ober fich gegen ihn mehr 
erfrecht, als fie e8 gegen die unveräußerfichen Nechte 
Sr. Majeftät felbft gethan haben, und wenn der hohe 
Adel Opfer gebracht hat, fo ſollte, nach unſerm ge⸗ 
ringen Ermeſſen, Derſelbe, weit entfernt dieſes zu 
bedauern, vielmehr in dieſen Opfern gloriren, da ſie 
mit dazu dienen, der geheiligten Majeftät einen Bes 
weis feiner unbegränzten Treue zu liefern. Ober wie 
würde Gonde Denjenigen nennen, der in einem ſolchen 
Kampfe Schonung von den Rebellen hoffen oder er⸗ 
bitten, oder Nebenrückſichten geltend machen würde ?« 

„Don Ruy Gomez gibt uns eine Erklärung,“ ver⸗ 
feßte der Eonde, die eben fo loyal als richtig ift. Was 
und und unfere Compairs betrifft, fo ſtehen unfere 
Güter, unfer Blut Sr. Majeftät ganz zu Dienften, 
und wir find eben jo weit entfernt, Schonung von 
den Mebellen zu erwarten als anzufuchen. Aber Don 
Ruy Gomez wird bemerken, daß Stantöflugheit eben 
fo fehr erfordert, daß man die Kräfte der Getreuen 
fhone, al8 die des Feindes vermindere, und daß Sr. 
Majeſtät Intereſſe weit mehr gefördert werden dürfte, 
wenn Diejenigen, deren Grundſätze anerfanntermaßen 





— 231 
loyal find, auch in den Stand gefeßt werden, bie Re⸗ 
gierung zu unterftügen. « 

„Die Regierung zu unterflügen?« wieberholte der 
Geheimfekretär mit dem bitterften Hohne; „die Re⸗ 
gierung zu unterſtützen ?“ fprach er mit wegwerfenber 
Verachtung. „Wir haben immer geglaubt und find 
immer gelehrt worden, daß Se. Mafeftät der unum⸗ 
ſchränkte Gebieter in allen ihren Landen und über 
alle ihre Unterthanen und deren Güter find, Nies 
manden Rechenſchaft zu geben ſchuldig, als Gott 
und ihrem Beichtvater. Wahrlih! es ift ums ſehr 
befremdend, hier eine ganz neue Lehre aufgeftellt zu 
hören. | 

„Niemand zweifelt daran, «# fiel der Marquis Gri- 
jalva ein, „daß Se. Majeftät unumſchränkter Gebieter 
unferer Habe und unſeres Lebens find; aber wo 
nicht ift, fagt unfer Sprichwort, da hat des Königs 
Majeftät felbft das Mecht verloren, und wenn unfere 
gnädigen Gebieter noch eine Weile auf diefe Art 
haufen, dann wird des Königs gebeiligte Majeftät 
ihr Recht bald verloren haben. 

„Das tft ein Grito! Aufruhr! Rebellion!« jchrie 
der Geheimfekretär, im höchſten Zorne erglühend. 

16° 





1 — 232 > 

„Uno’ grito!' Rebellion!“ ſchrie ihm ver Major 
und zehn Edelleute nach, und im Augenblicke herrſchie 
ein Tumult im Saale, der, bei der außerordentlichen 
Beweglichkeit der Cavaliere, beinahe in Thätlichkeiten 
auszubrechen drohte. Mehrere Tiefen ängftlih im 
Saale umher, „uno grito, Jesu Maria!‘ fehreiend. 

„Wir haben zu viel von den Geſinnungen Ihrer 
Herrlihfeiten gehört,“ fprach der Geheimfekretär mit 
Yauter, erhobener Stimme, „um und nicht veranlaft 
zu finden, Ihnen im Namen Str. Excellenz anzubeu- 
ten, augenblidfih die Caſa Sr. Herrlichkeit zu räus 
men und fi fofort nad) Haufe zu begeben.“ 

Diefe fonderbare Weifung, an mehr denn zwanzig 
Glieder. des erften Adels von Meriko in feiner eige- 
nen Hauptftabt gegeben, war nicht fobald ausgefpro- 
hen, ald auch die Mehrzahl ſchon Anftalten machte, 
derfelben mit aller nur möglichen Haft Folge zu lei⸗ 
ften. In unausfprechlicher Angft rannten diefe armen 
Cavaliere nad) der Thüre ‚ und fingen an nad) ihren 
Hüten und Mangas zu fihreien. 

„Wenn Se. Excellenz,“ ſprach der Sonde, „Don 
Ruy Gomez zu dieſem Befehle ermächtigt Haben, dann 
müſſen die Cavaliere gehovchen, denn der Wille’ Er. 


233 — 


Excellenz, gleichviel ob gerecht oder ungerecht, ift Ge⸗ 
feß im ande. Wenn jedoch Don Ruy Gomez aus 
eigener Machtvollfommenheit den unfchuldigen Be⸗ 
weis von Achtung, den unfere Compatrd und zu 
. geben für gut befunden — —# 

„Bemühen Sie fih nicht, Senor Conde,“ unter- 
brach ihn der Geheimfchreiber mit einem ſchnöden 
Seitnblide; „was wir gethan, werben wir auch zu 
verantworten wiflen.“ 

Mehr denn zehn Cavaliere Hatten fih nun an die 
Thüre gedrängt, wurden jedoch in ihrem Eifer, dem 
verbrecheriſch liberalen Saale zu entfliehen, durch 
einen ſtaubbedeckten, fchmeißtriefenden Mann in 
brauner Jade und rothfammtner MWefte und braunen 
Lederkamaſchen, aufgehalten, der in fürmifcher Eile, 
von mehreren Dienern eingeführt, in den Saal 
drang, und dem Grafen ein verſiegeltes Schreiben 
überreichte. Diefer riß das fehmugige Couvert weg, 
überflog dad Papier, und wandte fi dann mit dem⸗ 
felben marmornen Ausdrude im Geſichte zum Ges 
heimfefretär, dem er einige Zeilen zu leſen gab. 

Der junge Höfling war augenfcheinlich in der 
großen Hofkunſt noch nicht feit langer Zeit einge- 





—— 34 e— 


weiht; denm das vorige Hohnlaͤcheln war wie ein 
Aprilfonnenftrahl vor dem wieder hereinbrechenden 
Nebel verſchwunden, fein Geficht nahm einen feierlich 
ehrfurchtsvollen Ausdruck, ſein ganzes Benehmen 
einen Anſtand an, von dem früher auch nicht die lei⸗ 
ſeſte Spur zu vermerken geweſen. 

„Jeſu Maria! Was iſt's? Was gibt's?“ ſchrieen 
nun die Cavaliere, die mit athemloſer Spannung dieſe 
Symptome einer veränderten Gemüthsſtimmung im 
Geſichte des Herrendieners geleſen hatten. 

„Sie werden es hören, Senoriad,“ wandte fi 
der Eonde mit derfelben ehrfurchtsvollen Gelaffenbeit 
an fie, „wenn Sie fich 6i8 zu unferer Nüdfehr ge 
dulden wollen, gegen die nun hoffentlih Don Ruy 
Gomez nichts ferner einzumenden haben wird. Se⸗ 
norias!a fuhr er mit erhöhter Stimme fort, „bie 
Nachrichten, die uns unſer Correo ſo eben gebracht, 
ſind von einer ſolchen Wichtigkeit, daß wir nicht um⸗ 
hin können, ſogleich zu Sr. Excellenz zu eilen, um 
ſelbe Hochdenſelben zur hohen Einſicht vorzulegen, 
wobei wir Se. Herrlichkeit den Marquis Grijalva 
erſuchen, uns zu begleiten, und wenn e8,4 wandte er 
ſich zum Geheimſchreiber, „von einem fpanifchen Hi⸗ 











22 ⸗ 


dalgo nicht zu viele Herablaſſung iſt, einen Sitz im 
Magen eines armen merikaniſchen Grafen anzuneh⸗ 
men, ſo bieten wir dieſen Don Kup Gomez ehrfurchts⸗ 
vol an.“ 

Kein Zug von Spott oder Hohn zeigte ſich bei 
diefen Worten in den Mienen des Grafen, und es 
blieb zweifelhaft, ob feine Einladung nicht mit der 
überreichlihen Demuth eines Creolen, gegenüber ſei⸗ 
nem fpanifchen Gebieter, ausgeſprochen war. Der 
Geheimfekretär ſchien fie wenigſtens ganz in dieſem 
Sinne zu verftehen. 

„Wir nehmen,“ ſprach er ftodend, obwohl mit 
aller ſpaniſchen Grandezza, „das Anerbieten Sr. Herr⸗ 
lichkeit des Conde San Jago an.“ 

Die Beiden entfernten ſich unter dem Vortritte des 
Mayor domo und mehrerer Diener, und bald darauf 
verkündete das Raſſeln einer Kutſche ihre Abfahrt. 


— 236 ⸗— 


Bwölftes Kapitel. 
Die Hölle iſt ledig 
Und alle Teufel hier. 
Shatlespeare. 

No war die Geſellſchaft über die plötzliche Ver⸗ 
wandlung des Geheimfefretärd, und den eben fo un- 
erwarteten, als der fehuldigen Ehrfurdht zuwiderlau⸗ 
fenden Beſuch Eines ihrer Glieder bei der höchften 
Perfon des Königreihes in bangen Bermuthungen 
und Zwetfeln befangen, die bei den näheren Freun⸗ 
den des Grafen in die ängftlichften Beforgniffe über 
das Gewagte des unerhörten Schritte übergingen, 
als ein furchtbar gellended Geheul, das aus taufend 
Kehlen auf einmal hervorzubrechen ſchien, fo gewal⸗ 
tig an die Fenſter des Hauſes anſchlug, daß die Schei⸗ 
ben zitternd erklangen. Das Geheul, ſchrill und gel⸗ 
lend, rollte wie in einem mächtig langen gezogenen 
Stoße durch die Lüfte, und prallte aus der großen 
Entfernung wie in einem Focus an das Gebäude, 
hielt eine Weile an, erftarh und brach von neuem los, 
tobender als zuvor: dann Tief e8 wie ein Lauffeuer- 


—d 237 — 


die Gebirge Tenochtitlans hinan, wo es, in ein furcht- 
bares Echo von taufend und abermals taufend Stim- 
men. vereinigt, über das ganze Thal hinüber rollte. 

Ein allgemeines Entfegen Hatte fi der Zurüdge- 
bliebenen bemächtigt. 

„Ya escampa yllevan guijarras !‘*) fprach der 
Mayor domo, deſſen bleich braunes Geſicht eine plöß- 
liche Röthe überflogen hatte. — „Nun ift der Teufel 
108, das bebeutet etwas "mehr als das tolle Lärmen 
der Leperos drüben in Mexiko; das kommt von den 
Klüften Tenochtitland und den Schluchten Tacubayas 
berüber. Patiencia Senores!u beruhigte er die im⸗ 
mer ängftlicher umber trippelnden, und wieder furcht⸗ 
ſam horchenden Greolen; Pedro, Cosmo und Hiero- 
nymo laufet hinauf gegen. Gapultepec! und Itztlan, 
fomm ber, Junge!” 

Und mit diefen Worten öffnete der alte Mann die 
Benfter, und ſah in die Nacht hinaus. Es war eine 
fternenhelle Nacht. Bon Igtaccihuatl fuhr zuweilen 
ein greller Lichtſtrom, von einem dumpfen Donner 


*) Buchftäblich: Endlich ergießt ſich der Himmel und es reg⸗ 
net Kieſelſteine. 


18 — 


begleitet, herüber und rollte über das Thal Hin, und 
dann fiel dad Geheul und Gebrülle der unſichtbaren 
Menge fo majeftättfch ein, daß es für einen Augen- 
blick fchien, als vereinige fich der Donner des Him⸗ 
meld mit der Stimme des Volfed, um im nächtlichen 
Schrecken ihre Allgewalt zu verkünden. 

„Der Itztaccihuatl,“ ſprach der Mayor domo, un- 
gemein feierlich, „der raſet heute, und ich brauche es 
Ihro Herrlichkeiten nicht erſt zu ſagen, daß dieſes Un⸗ 
glück und Jammer für Mexiko bedeutet. Die Gave⸗ 
cillas ſind hinter Capultepec, und ſie brüllen von der 
Tacubaya⸗Straße herüber und ziehen ſich gegen 
Buenvista hinauf. — — Ja, ja, es ſind die Gente 
irrazionale, ſie toben, und wenn Die anfangen 
zu toben, dann Gnade Gott Mexiko. — Ei, ſie wit 
tern auf, und fie wittern weit; auf fünfzig ‘Meilen 
fpüren fie was vorgeht.“ 

„Jeſu Maria!“ riefen die geängftigten Edelleute 
wieder. — 

„Ei, die Indianer,“ fuhr der alte Mayor domo 
fort; „fe haben freilich feine Gazetta, Feine Correos; 
aber fie wiſſen beffer was vorgeht, als die Exrcellenza 
im Palafte, und wenn ihrer noch zehn mehr darin- 





— 39 — 


nen wären, und ich wette — Itztlan Tann uns über 
ihr Gebruͤll beffer Auskunft geben, als e8 morgen Die 
lũgenhafte Gazetta thun wird. Iptlan,“ wandte er 
ſich zu dem Indianer — „was bedeutet das Geheul?“ 

„Die Gachupins werben ed morgen erfahren,“ er⸗ 
wiederte der Indianer trocken. 

„Jeſu Maria!« riefen wieder zehn Stimmen. 

„Hisht, Senorias! Kennen Ihro Herrlichkeiten die 
rothe Natur ſo wenig, daß ſie durch Lamentationen 
herausbringen wollen, was er, wenn er es vermeiden 
kann, nicht von ſich geben wird? Patiencia, Seno⸗ 
rias! und bringen Sie mir den Indianer nicht aus 
feinem guten Willen.“ 

Diefer hatte abermald aufmerkfam gehordt. Er 
wandte ſich plöglih, und wie es ſchien mißmuthig. 
„Die Patrioten werden Meriko noch viele Tage nicht 
ſehen,“ murmelte er zwifchen den Zähnen, und dann 
entfernte er ſich. 

Das Geheul näherte fi auf einigen Punkten, und 
dann ging es in ein wirres Gefihrei Über, das der 
Billa immer näher kam. Ein Haufe der Schreier war 
bis auf taufend Schritte angekommen, und brüllte 
mit furchtbarem@eheufe: „Mueran los gachupinos! 


—H 20 — 


Viva Morellos nuestro libertador y congquistador 
de Cuautla Amilpas!“*) &feich darauf raffelte «8 
am Haudthore. Die ganze Billa gerieth in Aufruhr. 

„Jeſu Maria, 108 Gavecillas — die Nebellen!« 
ſchrieen mehrere Stimmen. 

Der Schreden unferer armen Kavaliere erreichte 
den höchſten Grad bei dieſer furchtbaren Nachricht. 
Sie Tiefen zitternd undzagend im Saale umher, „los 
Gavecillas“ . heulend und kreuſchend. Mitten unter 
‚ihnen der Mayor domo, fie ermahnend, bittend, be= 
fhmwörend, ihre Würde nicht fo fehr zu vergefien. 
Alles vergebend — „Paz Senorias!“ ſchrie der alte 
Mann endlich in Verzweiflung. 

„Paz, Senorias!« ſchrie er ſtärker; Doch Die ge- 
ängftigten Creolen hörten die Stimme des Dieners 
nicht. In ihrem Schrecken hatten ſich Einige vor ven 
Schugbeiligen niedergeworfen, Andere rannten zähne- 
Happernd im Saale herum, wieder Andere fuchten 
fich Hinter den Dienern und felbft den Damen zu 

verbergen. 


*) Tod den Gachupinos (Spanier). Es lebe Morellos unſer 
Befreier, der Sieger von Cuautla Amilpas. 


— aM — 


„Der Eonde!a rief endlich der Mayor domo in der 
höchſten Xonleiter feiner heißer gellenden Stimme. 
„Der Eonde, Senorias!“ 

„Der Eonde — wo iſt er — der Conder⸗ riefen 
Alle. u . 

„Gegangen,«“ erwieberte der Mayor domo, „un. 
mit St. Ercellenz zu fprechen, und bie Gavecillas ſo⸗ 
gleich zu verjagen.“ 

Und gleich geſchreckten Kindern, denen ihre Amme 
die Zuficherung ertheilt, daß ihr Papa fogleich wie- 
der kommen werde, um das Nachtgefpenft zu ver» 
treiben, fingen unfere Grafen und Marquis an fi 
allmälig zu beruhigen, und der Mäyor domo, nad)= 
dem er fo die ſchwachen Geifteöfräfte ihrer Serrlich- 
keiten glüclich auf einen Punkt concentrirt, der fie 
für einige Zeit zu befehäftigen verfprach, ergriff nun 
feinen Amtsſtab, um die Diener zu ordnen, die mit 
Erfrifhungen ankamen. 

„Don Agoſtino Iturbide, Por el amor de Dios 
— Wo ift Don Iturbide?” fchrieen Mehrere, „Iefu 
Maria, auch Der ift weg!“ 

Der Major hatte ſich während des Tumultes aus 
dem Saale gefihlichen, wobei ihm der Mayor domo 


— AI — 


und fämmtliche Diener mit Blicken nachſahen, die, 
zum Wenigften gefagt, für den Mann nicht fehmei- 
chelhaft waren. 

„Laffen Sie Den, Senorias,«“ ſprach der Greis 
ungemein ernſt und mit einem Nachklange der tiefften 
Beratung. Sie verlieren nichts an diefem Don 
Iturbide, To groß und ſtark er if. Wollte Gott, er 
ginge, und recht weit von Mexilo glauben Sie es 
mir.“ 

" Anfelmo, was ift Dir pwieber?“ fragten Mehrere. 

„Vienga tiempo, vienga consejo,“ ſprach ber 
Mayor domo feierlich. „Kommt Zeit, kommt Rath.⸗ 
Unſer Sprichwort ſagt: A picaro, picaro y medio. 
Mit einem Schurken ſey ein Spitzbube und ein halber 
drüber, und Senorias, Don Agoſtino iſt der Mann 
darnach. Vienga tiempo, vienga consejo;“ ſchloß 
er, worauf er ſeine Dienerſchaft ordnete, die nun, 
zwei Mann hoch, die mannigfaltigſten Erfriſchungen 
und Getränke in filbernen Geſchirren auftrug. 

Der Klang kriegeriſcher Inſtrumente, der durch die 
Fenſter drang, unterbrach auf einmal die Stille, die 
eingetreten war. 

Es war die herrliche Janitſcharenmuſit der Regi⸗ 








— 33 — 


menter de la Reina und del principe de Paz, *) 
die fih nun auf der Straße näherten, die durch den 
Paseo nuevo Capultepec vorbei nah Tacubaya hin⸗ 
aufzieht. Der ergreifenbe Anklang der Friegerifchen 
Muſik brachte bei den Cavalieren ganz biefelbe Zau⸗ 
ber ähnliche Wirkung hervor, die wir früher an der 
fogenannten Gavilla zu bemerken Gelegenheit hatten. 
Der raſche Aufmarfeh einer zahlreichen Gavallerie 
wurde zugleich hörbar, und dieſe verfeßte die Geſell⸗ 
ſchaft eben fo plößlich als unerwartet in Die entgegen⸗ 
gefeßten Extreme. Die athemlofe Stille, Die bei dem 
erften Trompetenftoße geherrjeht hatte, wich allmälig 
Ausrufungen des Entzüdens; die Gavaliere began- 
nen regelmäßig den Takt zur Muſik mit ihren Hän⸗ 
den und Füßen zu ſchlagen, und vergofien wieder 
Freudenthränen, umarmten fih wieder und trippel- 
ten im Saale herum gleich Schiffbrühigen, die dem 
offenen Wellengrabe dur ein herannahendes Segel 
entriflen werden, und fließen jubelnd mit ihren Glä⸗ 
fern auf das Verderben der Patrioten an. Je länger 
der Zug währte, defto ungenirter und ungeflümer 


*) Der Königin und des Friedensfürſten. 


—) 24 


wurde ihre Freude, und felbft ihr Muth fing an zu 
erwachen, und biefelben Patrivten, deren bloße Er- 
wähnung fie noch eine halbe Stunde zuvor in pani⸗ 
ſchen Schreck verſetzt hatte, wurben nun Gegenftand 
des beißendſten Wiges und einiger recht artigen bon- 
mots. Auf die Gavallerie waren mehrere Infanterie- 
Regimenter und ein ziemlich "bedeutender Artillerie⸗ 
Train gefolgt, bie, im hellen Fackelſchein vorbei befi- 
lirend, wirklich ein anziehend Eriegerifched Nachtſtück 
darftellten. Ein lautes Vaya vmd con Dios y con 
la Vierge folgte den Truppen von Seiten der Cava⸗ 
liere, ein brummendeS Vaya vmd con cien mil De- 
monios don Seiten der Diener. 

Als der legte Pferbehuf verflungen war, murde 
das Raſſeln eines Wagens gehört, und ehe noch die 
entzückten Creolen aus ihrem kriegeriſchen Enthuſias⸗ 
mus erwachten, ſtand der Conde San Jago wieder 
unter ihnen. 


25 ⸗— 


Dreizehntes Kapitel. 


Bon ſolchen Sachen ſpricht ſich's beffer brinnen, 
Meint er. 
Beppo. 


„Dios sea labado !“ fchrieen unfere armen Cava⸗ 
tiere, mit einer Energie, die beinahe Herzlichkeit und 
Manneskraft verrieth; Doch ſich eben fo fehnell ver⸗ 
beffernd, hielten fle in ihrem Haftigen Drängen an 
und fahen dem Grafen ftarr und forfchend in's Ges 
fiht. Auch Fein Zug Hatte fich im Geflchte des feinen 
Meltmannes verändert, und mit der feinen Gelaffen- 
heit, die den wahren Ariſtokraten charakteriſirt, be⸗ 
grüßte er zuerſt ſeine Gäſte und ſprach dann: 

„Perdon, Senorias, daß Nothwendigkeit uns 
zwang, Ihre Herrlichkeiten in einem Augenblicke zu 
verlaſſen, und unſern Beſuch bei Sr. Excellenz auf 
eine Weiſe zu verlängern, die im gegenwärtigen kri⸗ 
tiſchen Zeitpunkte Sie vielleicht in einige Unruhe ver⸗ 
fett haben dürfte. 

Zwei Dinge fehlenen in der Rede des befonnenen 
Edelmannes aufzufäallen. Die Entfehuldigung des 

Der Virey. I. 17 





— 6 > 


Beſuches bei ber Exrcellenz und Das Bedauern, daß 
die Verlängerung dieſes Beſuches ihnen — den Ca⸗ 
valleren — einige Unruhe verurfacht haben dürfte. 
Die Gleichſtellung des Adels mit der höchften Perſon 
im Königreiche, die gewiffermaßen in feinen Worten 
lag, hatte für mexikaniſche Cavaliere etwas fo Eige- 
ned, daß fie ſich ſprachlos anftarrten. - 

„Ah! Senorias dachten wahrſcheinlich, Se. Er- 
cellenz dürfte und vielleicht ein Zimmerchen in dem 
Hospital de San Salvador *) anweifen haben laf- 
fen, weil nnfere Zunge in Gegenwart des Geheim- 
Sefretärd etwas rauh geweſen.“ " 

„Bei meiner Seele!“ fuhr der Marquis fort; 
„vor achtzehn Monaten bürfte fo etwas arrivirt ſeyn! 
Aber die Zeiten ändern fich, und der alte Grijalva 
weiß. fo gut, woher der Wind bläst, als Der befle 
gallo de viento. **) Meiner Seele,“ rief er noch⸗ 
mals treuherzig aus, wich glaube, Se. Excellenz 
würde noch wor achtzehn Monaten denjenigen Cava⸗ 
tier in ihre beliebten Infernelos haben einfperren 
lafien, der e8 gewagt hätte, nad Mitternacht eine 


*) Irrenhaus in Dieriko. 
») Wetterhahn. 


— 7 9 


Audienz nachzufuchen; aber jo Bott will, fo wirb bie 
arme Nobilitad Meriko’3 noch im Preife fteigen. 

Nach den ofienen Mäulern, mit denen die Mehr- 
zahl den Marquis anhörte, fehlen fie wirklich nicht 
ungeneigt, diefen nächtlichen Beſuch ald eine halbe 
Heldenthat anzufehen. „Und Se. Ercellenz?« frag» 
ten endlich Mehrere in hoͤchſter Spannung. 
- „Waren mit der zweiten Excellenz, dem General⸗ 
Gapitain, zwanzig Generalen und ſaͤmmtlichen Oido⸗ 
ved noch in Conſejo, wie es hieß, aber in Wahrheit 
zu fagen bei der Tertullia. « 

„Aber Dios! die Etiquette verbietet ja Sr. Ercel- 
lenz —u fielen Mebrere ein. 

„Eine Tertullia oder ein Diner zu geben;“ ergänzte 
der Marquis. 

„Sp ift ed, Senores! und eben der Umftand, daß 
Se. Ercellenz gibt, wo fie früher bloß zu nehmen ge= 
wohnt waren, beſtimmt mic) zu glauben, daß dieſem 
Rande eine große Veränderung bevorſteht. Ah Se= 
nores! Se. Ercellenz machen fi wohlfeiler. Zwar 
war die Tertullia bei Str. Excellenz Schwägerin, der 
Töniglichen Ifabelle, wie fie genannt wird, und Se. 
Ercellenz waren anfangs geneigt, befrembet vornehm 

17° 


28 
auf uns herabzuſchauen; aber es Foftete dem Conde 
nur ein Wort, und Se. Excellenz wurde ganz Finezza; 
weiter wurben Diefelben fo ergriffen und bewegt, daß 
ſie olivengrün und braunſchwarz ausſahen, und zit- 
terten wie ein Schlagaal, und Se. Ercellenz, der 
General-Bapitang, fluchten wie ein Ariero und kreuz⸗ 
ten ſich wie ein Padre von San Francisco; Alles 
in einer und derſelben Minute.“ 

Die Schilderung der Gemüthsbewegung der beiden 
Excellenzen ſchien den Capalieren wohl zu thun, fie 
horchten in äußerſter Spannung ihren Worten. 

„Und Se. Excellenz haben wirklich ihre gewohnte 
Gontenance verloren ?« fragten endlih Mehrere er- 
ftaunt. 

nZotaliter !u flel der Marquis Grijalva ein. „Se. 
Excellenz liefen dermaßen bewegt in ihrem Kabinette 
auf und ab, daß Die ganze Tertullia in Unorbnung 
gerieth, und Se. Exeellenz, der General-Kapitano, 
in’3 Kabinett geftürzt Eamen, ohne auch nur von 
einem Gamarerio eingeführt zu werben, und als fie 
Die Urſache unferes Befuches erfuhren, ſchworen fie 
wie der befte Lancers; dufür küßten aber Se. Er: 
cellenz auch wenigſtens fünfzigmal ihre Daumen umb 





—d 249 9 — 


fhlugen bei jedem Fluchè zweimal das Kreuz. Se. 
Ercellenz find ein fehr guter Chrift; aber Gott gnade 
den armen Patrioten, die Urſache find, daß Se. Ex- 
cellenz von ber Xeres⸗Bouteille weg mußten.” 

„Ihre Excellenzen,“ bemerkte der Conde, „haben 
das Interefje der Öffentlichen Orbnung und Sr. ge= 
heiligten Majeftät zu fehr am Herzen, um nicht durch 
die Kühnheit der Nebellen, die e8 nun zum zmeiten 
Male wagen, mit Heeresmacht vor die Hauptſtadt 
zu rücken, alterirt zu werden. « 

„Und wir glauben,» fiel ihm der Marquis wieder 
ein, „daß Se. Ercellenz ſich wegen des Interefies 
Sr. Majeſtät eben fo wenig den Hals abreißen wer- 
den, als fie diefes in der Madre Patria gethan, wo 
fie eine Schlacht nach der andern an die Franceſados 
und felbft Pepe *) verloren; aber verftehen Sie, 
Senores, Se. Ercellenz haben fih anheiſchig gemacht, 
zwei Millionen Escudos für die Mühe zu bezahlen, 
das bartnädige Mexiko zu regieren, und nebft diefen 
zwei Millionen Escudos dürften Ihre Excellenz nocch 


- *) Die Sranzofen. Pepe, Diminutio von Joſe, wurde Koͤnig 
Joſeph genannt. 


— 0 ⸗— 

während der fünfjährigen Dauer ihres Vireynato *) 
gndigſt gefonnen ſeyn, andere zwei Millionen für 
fich felhft auf die Seite zu legen, und verftehen Sie, 
Senoreß, eine fo gute Melkkuh auch die Jungfrau 
von Guadeloupe ift, e8 wird verdammt ſchwer hal- 
ten, vier Millionen Escudos aus ihr heraus zu 
bringen, zmei nämlich für die allerdurchlauchtigften 
Cortez und zwei für die hohe Excellenz.“ 

Die Art und Weife, in welcher die Verhältniſſe 
der Jungfrau von Guadeloupe ober, eigentlich zu reden, 
des Vicefönigs, mit Meriko in Verbindung gebracht 
wurden, dürfte einigermaßen das religiöſe Gefühl 
unſerer nichtkatholiſchen Leſer beleidigen, war aber 
wieder weit entfernt, unſern frommen Cavalieren zu 
mißfallen. Im Gegentheile, ſie bewirkte eine unge⸗ 
mein heitere Stimmung, und Bravos über Bravos 
verriethen, daß der derbe Marquis allgemein Anklang 
gefunden hatte. 

net kriechen Hochdieſelben zum Kreuze, aber zu 
ſpät;« fuhr Diefer fort. „Wir waren auf einmal 
bie beften Sreunde, und Sochbiefelben zwangen und 


) Bicefönigthums, 


— 31 — 


fogar, neben ſich und der General⸗Kapitanos⸗Excel⸗ 
lenz Plag zu nehmen; eine Gnade, die, fo viel wir 
wiffen, noch feinem armen Mexikaner zu Theil ge= 
worden ift. « 

„PBerbon, fiel der Marquis de Moncada ein; 
naber Eure Herrlichkeit vergeffen Ao 87, wo unfer 
hochſeliger Herr Vater die hohe Ehre hatten, von 
Sr. Ereellenz gnädigft eingeladen zu werben, fi 
auf demfelben roth fammetnen Sopha nisberzulafien, 
welches wir befanntlih nah St. Ercellenz Abgang 
al8 Denkmal viceföniglicher Huld in unfern Beſitz zu 
bringen und in unferm Beſuchſaale aufzuftellen jo 
glüclich waren, wie unfere Bamiliendofumente aus⸗ 
weiſen. Unſer hochjeliger Herr Vater beliebten dies 
fer hoben Gnade um fo häufiger zu erwähnen, als 
ihm das unbegreiffiche Mißgeſchick paffirte, ſich auf 
den Hoch begünftigten Schooßhund Ihrer Ercellenz 
niederzulaſſen, und von denenfelben in den Sig ge⸗ 
bifien zu werden. 

„Wahr,«“ ſprach der Marquis, „wobei Se. Ex⸗ 
cellenz gnädigſt Ihrem hochſeligen Herrn. Vater zu 
- bedeuten geruhten, ſich zu allen Teufeln zu ſcheren.“ 
Die intereſſante Aufzählung der dem Hauſe Mon⸗ 


—:.332 — 


eada widerfahrnen Gnadenbezeugungen drohte meh⸗ 
rere ähnliche nach ſich zu ziehen, nad den lebhafıen 
Debatten zu ſchließen, zu denen fie unter der Mehr- 
zahl der Cavaliere Veranlafjung gab. Der Conde 
ſchnitt diefe, zum Mißbehagen der Debattirenden, mit 
feiner Einrede ab. 

„Senorias!“ fprad er. „Unfere Lage in fo kri⸗ 
tiſch, unfere Stellung feit einiger Zeit jo unficher ge= 
worden, daß ed und wirklich die höchfte Zeit feheint, 
derjelben einige Augenblide um jo mehr zu ſchenken, 
als es vielleicht morgen ſchon zu fpät ſeyn bürfte, 
und rubig zu beſprechen.“ 

„Conde! Jeſu Maria! Was fol das wieder be⸗ 
deuten?“ 

„Senorias,“ ſprach Dieſer, „haben ja noch nicht 
die Urſache gehört, die uns veranlaßte, Se. Excel⸗ 
lenz in dieſer ſpäten Stunde unſern Beſuch abzu— 
ſtatten.“ | | 

„Jeſu Maria!“ riefen wieber die Edelleute. 

„Wir Eönnen und nicht verhehlen,“ fuhr Diefer 
fort, „daß bie Regierung, ja die ganze Eriftenz des 
Staates fehr bedroht ift, und mit dieſer unfere eigene. 


—) 3 — 


Unfer Eorreo *) Hat und von Cuautla Amilpas Nach⸗ 
richt gebracht, — die der Regierung wurden ſämmt⸗ 
lich von den Nebellen aufgefangen und erfchoflen — 
dag Bravo mit dreitaufend Gavecillad in Cuautla 
eingerüdt, daß General Mufltu auf's Haupt gefchla- 
gen, Oberft Soto mit feinem Corps vernichtet, daß 
Morellos, nachdem er eine bedeutende Heeresmacht 
vor Acapulco zurüdgelaffen, in ber Nähe der Haupt- 
ftadt angekommen, um fich mit den übrigen Rebellen- 
häuptern zu vereinigen, daß Vittoria, Co8 und Rai» 
non fich gleichfalls mit ihren Armeecorps gegen bie 
Hauptſtadt wenden, kurz, daß ſich eine Maffe von 
fünfzehn= bis zwanzigtaufend Rebellen kaum zwanzig 
Stunden von Mexiko eoncentrirt, die feft entfchloffen 
feheinen, das Ende der Serrfihaft Spaniens herbei⸗ 
zuführen.” 

„Jeſu Maria!u riefen die Kavaliere wieber. 

Der Conde hielt eine Weile tune. — „Was ber 
hohe Adel,” fuhr er fort, „von ſolchen Menfchen, wie 
die Bravo's, die Vincente Guereros, die Galeanad 


*) Courier. 


—) BU 


und Raynons, die Oſournos, zu erwarten habe, wer: 
den meine Herrfchaften ohne viele Mühe einfehen.* 
nIefu Maria!“ riefen die-Epefleute. 

„Se. Excellenz haben willkürlich, graufam eines 
der erften Privilegien des hohen Adels vernichtet, in» 
bem fle unfere Söhne zwangen, wider ihren Willen 
die Waffen zu ergreifen; aber Senorias, nad un- 
ferm Ermeffen dürfte bei alle dem jet kaum die Zeit 
feyn, über verlegte Privilegien zu Elagen, mo unfere 
ganze Eriftenz auf dem Spiele ſteht, und in Diefer 
NRüdficht Haben wir und bewogen gefunden, ver- 
trauend auf Ihre Weisheit und Ihren Patriotismus, 
einen vorläufigen Schritt zu thun, der ohne Zweifel 
von Ihrer Einficht gebilligt werden wird. Wir haben 
nämlich auf die dringlichen Vorſtellungen Sr. Excel⸗ 
lenz und bewogen gefunden, Derfelben ein Darlehen 
von Seite des Adels zuzuſichern, und unfererfeits 
den Anfang mit hunderttaufend Escudos gemadit. 
Sie, Senioras, werben um fo mehr wiflen, was in 
diefer Angelegenheit zu thun ift, als Die huldreichen 
Gnadenbeweife St. Majeftät feinen würdigern Ca⸗ 
valieren zu ‚Theil werden Eönnen, als den hoben 


285 


Männern, die bereits fo Vieles zur Wiederherſtel⸗ 
Yung der Ruhe und Ordnung gethan haben.» 

&8 würde ſchwer feyn, dad Mienenfpiel der Cava⸗ 
Tiere während dieſer Rede zu ſchildern; bei jedem 
Satze waren auch andere Phyflognomien zum Vor⸗ 
ſchein gekommen. Anfangs war offenbar Verwun⸗ 
derung über die Kühnheit des Grafen, der in einem 
ſolchen Tone von der Excellenz zu fpredhen wagte, 
vorberrfhend; dann wurde ihr Blick lauernd, gleich 
dem des Naubthiered, das ſich anfchickt, feine Beute 
im Sprunge zu haſchen; wieber wurde ihre Miene 
audforfchend, wie Die des Gerichtsvorſitzers. Zuwei⸗ 
len Tleuchteten ihre Augen freubeftrahlend auf, und 
bei Erwähnung der Ordenskreuze verflärte ein frohes 
Lächeln ihre Züge; ein leiſes Geflüfter trat an die 
Stelle diefed ftummen Mienenfbieles, und es war 
ſichtlich, daß fie ſich Alle verftändigten. Wie mit 
einem Akkorde näherten ſie fich dem Grafen und nah⸗ 
men einen eben fo fihnellen als ängftlichen Abſchied. 

Drei ältlihe Herren, die wir als Grafen auffüh- 
ren gehört haben, waren mit dem Marquis de Gri⸗ 
jaloa und zwei Sünglingen allein zurüd geblieben; 


—H 256 — 
Alle fahen den ſich Entfernenden im höchſten Erſtau⸗ 
nen nad. 

„Ale Teufel!“ lachte der Marquis, „habt Ihr je 
fo etwas gefehen? Ganz Merifo in Flammen, von 
ihren Häufern und Haciendas eines nach dem andern 
ihnen über die Köpfe zufammengebrannt, ihre Berg- 
werke verborben, und Taum hören die alten Efel von 
den Ordenskreuzen, fo laufen fie wie befeffen, um 
morgen ſich die Beine abzuzappeln und bei irgend ' 
einer Gamareria Zutritt zu erhalten und ihre legten 
hunderttaufend Duros an den Dann zu bringen. « 

„Sehr möglich,“ verſetzte der Conde. 

„Ih finde es fogar natürlich,” bemerkte der Graf 
Iſtla, „nach dem erleuchteten Beifpiele, das ihnen 
Conde de San Jago gegeben. Bürwahr! Eure 
Herrlichleit« — er wandte ſich mit einiger Empfind- 
lichkeit an den Grafen — „müſſen gang befondere 
Urſachen gehabt haben, eben jeßt eine Regierung zu 
unterflüßen, die und ärger ald die Gavecillas ſelbſt 
behandelt.“ 

„Wir haben bloß unfere Pflicht als loyaler Unter⸗ 
than erfüllt. # 


37 — 


Der Eonde Iſtla war ‚heftig im Saale auf⸗ und 
abgerannt. 

„Und beforgen Euer Herrlichkeit nicht, dag unfer 
fo decidirtes Anſchließen an die Gachupind in dieſer 
Kriſis und vollends den Gnabenftoß geben müffe, 
falls Morellos und die Patrioten die Oberhand er- 
langen follten ?« 

„Unfer fo becidirtes Anſchließen an die Gachu⸗ 
ping?“ fragte der Conde mit einem Blicke, der ver- 
rieth, daß beide Grafen ein Diplomatifches Spiel trie= 
ben. „Unſer Anfchliegen an die Gachupins,“ wieder» 
holte er mit einer flärfern Betonung: „Und bleibt 
loyalen -Unterthanen eine andere Wahl übrig, als 
fi) an Diejenigen anzufhließen, die Se. Majeftät zu 
Stellvertretern Ihres jouverainen Willens, zu Exe⸗ 
cutoren Ihrer königlichen Dekrete uns zugeſandt 
haben? Doch Sonde Iftla,“ fuhr er, zum Grafen 
gewendet, fort, ber zweifelnd den Kopf fhüttelte, 
„mag ft vollfommen beruhigen. Was wir von den 
Patrioten gefagt haben, fagen wir zwar noch, und 
Morellos ift im vieler Hinſicht gefährlicher als His 
dalgo; aber der Eura von Dolores, obgleich unfähig, 
ein Commando zu führen, war unbeftrittener Gene- 


0 8 e⸗ 
raliffimus von hundert und. zehutaufend Indianern ; 
Morellos hat mit fünfzig Parteigängern zu thun.“ 

Die fib ihm jedach Alle unterworfen haben.“ 

„Um fi) feinen Oberbefehle eben fo ſchnell wieder 
zu entziehen. Conde Iſtla kennt das merifanifche 
Volk zu gut, um zu erwarten, daß ein Vincente 
Guerero und ein Vittoria, ein Bravo und ein Rai⸗ 
non lange an demſelben Pfluge ziehen werden. Was 
den Rector betrifft, Senores,“ er wandte ſich zu den 
Uebrigen, „fo kennen Sie ihn; aber wir zweifeln, daß 
feine geiftlihe Gelehrſamkeit hinreichen wird, einen 
Desperabo, der eben fo leicht die Nevolution für 
Megelagerung aufgeben dürfte, einen Ariero, der 
wüfte Lieder brüllt, einen ränfefüchtigen Advokaten 
und einen verfehmigten Escribano zur Gefeplichfeit 
und Ordnung zu führen. 

„Wenn jedoch Callaja gefehlagen wird ?« bemerkte 
der Conde Iſtla. 

„Sp zieht er fih nach Mexiko zurüc, das wibers 
ftehen wird, teoß dem, daß es Feine Wähle und Thore 
bat. Und diefelben Leperos, die heute für Morellos 
brülten, werben daſſelbe gegen ihn thun, wenn ihnen 
die Regierung Pulque und Tortillas gibt, fo wie fie 


— 239 


heute getban hat, Ja, Senores,« fuhr er fort, „wir 
waren heute auf vulfanifhem Boden, und wären bie 
Patrioten vier Stunden fpäter auögebrochen, fo dürfte. 
es ſchlimm um die Gahupind und und geflanden 
haben. Zmwanzigtaufend Duros und einige Flinten⸗ 
und Kartätſchenſalven haben die Ruhe wieder herge⸗ 
ftelt, und wenn Sie ſich jegt in Die Tacubaftrafe 
bemühen, fo werden Sie Morellos eben ſo viele 
Pereats gebracht hören, ald Sie ihm vor zwei Stun 
den Vivats zurufen hören konnten. — Doch, was 
wollen Sie, Conde,“ fuhr er in ſchärferm Tone fort: 
„Neutral bleiben, oder ſich zu den Rebellen hinnei⸗ 
gen? Glauben Sie, daß felbft der Hochgeborne Conde 
Iſtla als Pair behandelt werden würde vom legten 
PBatriotenchef, der nun an der Spite von zweitaufend 
Machettos *) fteht? Die Rebellion hat die Formen 
zerriffen, Conde, und die gefellfchaftliche Ordnung 
ferbft ift bloß eine Korm. Die rohen Maſſen find 
allein übrig geblieben, und in dieſe follen auch wir 
geworfen werben — das ift der Wunfch der Nebel- 
lenhäupter. 





*) Das lange Meifer, das die Mexikaner der untern Stände 
durchgängig führen. 


—9 80 ⸗— 


Der beſtimmte und abgefehloffene Ton, in welchem 
diefe letzten Worte gefprochen wurden, ſchien den 
Wunſch auszubrüden, einer fernern Erörterung dies 
ſes Gegenftandes überhoben zu feyn, und die drei 
Grafen, die diefen Wink verftanden, empfahlen fih 
und fuhren ab. 

Der Conde hatte ihnen einen langen Blick nachge- 
worfen und ſetzte fih dann, augenfcheinlich erfchöpft von 
den Anftrengungen der Nacht, auf eineß der Sopha. 
Seine Miene, die bisher ruhig, ja Falt gewefen, hellte 
fih allmälig auf, und die Züge des edlen Gefichtes 
fehtenen Elarer und beſtimmter bervortreten-zu wollen, 
nachdem die feindfeligeren Berührungen, zu denen 
offenbar die Tegten drei Gavaliere gehört Hatten, ge= 
wichen waren. Gewiſſermaßen fehien die ausgezeich⸗ 
nete Kafte, die in der Gefchichte dieſes Landes eine fo 
merkwürdige Mole innerhatb der letzten zwanzig 
Jahre gefpielt hat, nun die vielen Hüllen, deren fie 
fich bediente, allmählig abwerfen und in ihrer wah⸗ 
ren Geftalt hervortreten zu wollen. Nur drei Perfo- 
nen waren nebft dem Grafen zurüdgeblieben; aber 
in diefen Dreien ſchien das Wefen- der mexikaniſchen 
Ariftofratie gewiffermaßen perfoniflcirt zu ſeyn. Nebſt 


—, BU I 


Gem Marquid Grijalva waren noch zwei junge Män⸗ 
ner, ober vielmehr Jünglinge, anmefend, von denen 
der Jüngere eine jener Phyſiognomien genannt wer⸗ 
den Tonnte, die man nicht ohne hohes Interefie fehen 
mag. Es waren die feinften Züge, die fih je in 
einem ariftofratifchen Gefichte fpiegelten ; ein ſanftes 
und zugleid) durchdringendes blaues Auge, das ſeine 
Abſtammung von leoniſchem Adel verrieth; eine fein 
geformte griechiſche Naſe, mit jener gefälligen Bie⸗ 
gung, die dem Geſichte einen Ausdruck von einer mehr 
als gewöhnlichen Doſis Weltklugheit gab, der aber 
wieder durch die verführeriſche Anmuth des Mundes 
and des ganzen Geſichtes gemildert wurde. Die auf- 
fallende Aehnlichkeit mit der jungen Dame, die wir 
bereits kennen gelernt haben, bezeichnete ihn als ihren 
Bruder. | 

Der Mayor domo hatte feinen Amtsſtab erhoben, 
auf welches Zeichen die Diener die Erfrifehungen auf 
Heinen Tafeln vor die Gäſte hinfehten und dann den 
Saal räumten. 

nIa, es tft gewiß,“ ſprach der Conde, „ber heutige 
Tag hätte leicht der letzte der Herrſchaft Spaniens 
feyn Tönnen. « 

Dee Virey. L 18 


—d) 3 — 


„Wollte Gott, er wäre es geweſen!“ ſprach bet 
Marquis. 

„Perdon! Es wäre auch unfer letzter geweſen. 
Die Gavecillas, wären fie vier Stunden ſpäter aus⸗ 
gebrochen, haͤtten Alles über den Haufen geworfen. 
Nein, Grijalva! Wir kennen nicht die Kunſt zu re⸗ 
gieren, — eine ſchwere Kunſt, wenn man ſie nicht 
gelernt hat; wir würden auf eben die Weiſe in die 
Hände eines verſchmitzten Abenteurers fallen, wie 
alle die Nationen, die zu frühe losgebrochen find. 
Das große Wort: „Lerne Dich felhft kennen,“ gilt 
Nationen eben ſowohl, als einzelnen Dienfchen, und 
wenn wir es geradezu herauöfagen wollen, fo find 
und die Spanier nothwendig, um unfern Pöbel, uns 
fere halbwilden Indianer und wilderen Kaften im 
Zaume zu halten. « 

"It das Dein Ernſt, San Jago?« fragte ber 
Marquis 

- „Dein vollkommenet Emfi,. ‚“ ſprach der Conde. 
„Wer follte die Negierung des Landes übernehmen, 
im alle die Spanier verjagt würben? Der Priefter 
Morellos? — Vittoria? — Bravo? — E08? — 


ul 


⸗ — M3 — 


Wer hat Anſehen genug, um ben zügellofen Haufen 
in Schranken zu halten *« , 
„Wir folten glauben, Conde de San Jago — —“ 
verſetzte der Marquis. 
„Und wo iſt die bewaffnete Macht, die Conde de 
San Jagos Anſehen aufrecht erhalten würde?“ fragte 
der Conde. „Vergiß nicht, Marquis, daß wir, der 
hohe Adel, dem eigentlich die Regierung des Landes 
zuſteht, auch nicht einmal ein Regiment zu unſerer 
Dispofition haben; daß die Regierung uns forgfältig 
von der Armee entfernt gehalten und bloß den Mit« 
teladel angeftellt bat; daß die Patrioten, für fi 
felbft jorgend, Feinerdings geneigt feyn werben, bie 
Früchte ihrer Siege, wenn fie folche ja erfechten, uns 
zu Füßen zu legen; daß wir hülflos daſtehen, Lange 
fam daher vorfhreiten, und felbft erſt die Waffen 
ſchmieden müflen, um unfere Nechte zu vertbeidigen, 
und daß, fo lange wir nicht gerüftet find, unfer In⸗ 
tereffe e3 fordert, und an Spanien anzufchließen. * 
„And wann wird die Zeit kommen, mo wir ge⸗ 
rüftet feyn werden ?” fragten Alle. . i 
‚ „Der Grundflein ift durch Die DBetife gelegt, die 
der Vieekönig heute durch die Abſendung unjerex 
48 °® 


Söhne gemacht hat. Daß diefe gewaltthätige Ordre 
alle die Früchte trage, die Pflege gedeihen machen 
kann, dafür müffen wir forgen. Es find die Iturbi- 
des, die Santa Annas, die Barraris in der Armee; 
es tft hohe Zeit, daß der hohe Adel auch feine Wort⸗ 
führer in derfelben habe. « 

Der alte Marquis fuhr plößlich wie aus einem 
Traume auf. „Alfo deßwegen hörteft Du die In 
finuation des Virey nicht, als er fich erbot, feine 
Drdre zurückzunehmen?“ fragte er mit aufleuchtendem 
Geſichte. 

„Almagro und Carlos,« entgegnete der Conde 
ausweichend zu den jungen Kavalieren, „Ihr ſeyd 
beordert, Euch morgen oder vielmehr ſchon heute an 
die Eöniglihen Truppen anzufchließen. Gerne würbe 
ich Euch) das Loos erfpart haben, das edle Krieges 
handwerk unter dem blutdürftigen Mebger Calleja zu 
erlernen; allen — — u 

Die drei Kavaliere fprangen auf, und Die gefüllten 
Glaͤſer hoch empor hebend, riefen ſie mit ſtürmiſcher 
Begeiſterung: „Viva!“ 

Der Graf war ſeinerſeits aufgeſtanden und ſtieß 
mit ihnen an. Kein Wort wurde bei dieſer merl⸗ 


— 5 


würdigen Gefundheit geſprochen. Nur ihre Blicke 
verriethen, daß Alle ſich verftanben. 

„Ia,a ſprach der Conde, als die Drei fich wieder 
gefeßt hatten, „auf Euch beruht die Hoffnung Me- 
xiko's. Das gegenwärtige Geſchlecht ift verloren und 
verborben. Was dieſe Nacht gefäet bat, müßt Ihr 
wachſen machen. Stufenweife erhebt ſich das Ge⸗ 
bäude, das den Menſchen zur Wohnung dient; eben 
fo langfam bildet fich die Form, die wir bürgerliche 
Geſellſchaft nennen. Wer fie bildet, hat das Recht, 
fle zu Ienfen. Laſſen wir und den Vorrang von den 
Patrioten abgewinnen, jo müflen wir und unter fie 
beugen. — Zerftören wir bie alte Form, ehe die neue 
vollendet ift, fo begräbt und das einflürzende Ge⸗ 
bäude unter feinen Trümmern. Einen Schritt haben 
wir gethan — die Waffengewalt in unfere Hände zu 
befommen — — 4 

Die abgebrochenen Worte des Grafen wurden von 
den drei vertrauten Freunden mit athemlofem Stil 
ſchweigen angehört. Indem die tief gelegten Plane, 
die in der Bruft dieſes merfwürbigen Mannes ſchlum⸗ 
merten, ſich jo allmählig enthüälften, konnte man au 
zugleih darin den eigentlichen Keim des Grundsiffes 


Bemerken, den feine Partei ſich in dieſem merkwürdi⸗ 
gen Kampfe ald Leitftern vorgezeichnet hatte. 

“ Der Graf hielt inne, und fuhr ſich über die Stirn, 
und wie aud einem Traume erwachend, fragte er, 
"Manuel noch nicht hier? Und Ihr Habt ihn gefehen, 
Almagro und Carlos?« 

Nicht, feit wir die Fonda verließen,“ verfeßten 
die beiden Kavaliere. 

„Das war ni con prudencia, ni con sagacidad;* 
drohte der Eonde, fanft verweifend. „Und Feine 
Spur von den Urhebern?« 

Keine, * ſprach Conde Carlos. „Mir fehiene e8 wie 
ein Traum, wären die Folgen nicht fo ganz a V’impro- 
vista gefommen. Ich habe wirklich nie etwas Bol: 
lendeteres gefehen, Tio! ſelbſt die Juwelen, Die der 
QuasisRalif trug, waren echt. Ich glaubte den großen 
Rubin der Moncadas und den eirunden Diamanten 
Ruys zu bemerken. Sie wiffen, Zio, was unfer Lieb⸗ 
fing fagt: 


Der Dann, des Inneres leer ift von Muflt, 
‚ Yerüpre nicht wird vom Einklang füßer Töne. — 


„Und die Mufif war ergreifend, die Wahrheit der 
Darftelung fo unübertrefilich, daß man Barbar hätte 
feyn müffen — — u 


— 0 


- Der Graf ſchüttelte mehr und mehr das Haupt, 
und 309 die Glocke. 

„Anſelmo!“ fprach er zum eintretenden Mayor 
domo. „Einige Pplizones haben ſich mit der Ma⸗ 
jeftät und ung einen groben Scherz erlaubt, der fehr 
ſchlimme Folgen haben kann. — Was denkſt Du? 

„Daß wir fie ausfindig machen müffen. Morgen 
Abend, jo Gott will, wollen wir auch mehr wiſſen.“ 
. Der Mayor domo entfernte fich wieder. 

„Es ift ein gefährliches Spiel, dieſes Spiel mit 
der Majeftät,“ fuhr der Graf fort, als der Diener 
den Saal verlafien hatte. „Es ift mit ihr, wie mit 
ber Religion, oder vielmehr dem Aberglauben, der 
da Gott dahinter wähnt, wo bloß Holz und Flitter⸗ 
ftaat iſt; aber ziehen wir den Schleier weg und zeigen 
dem Pöbel fein Idol in feiner Nadtheit, fo haben 
wir ihm mit der Enttäufehung nicht den Wahn allein, 
fondern den Glauben felbft geraubt; wir geben ihm 
nicht Freiheit, fondern Zügellofigkeit. Reißen wir 
den moralifchen Schleier weg, der die Perfon bed 
Regenten dem Pöbel als geheiligt darftellt, ohne zu= 
vor Gefeßlichkeit und Aufklärung fubftituirt zu haben, 
fo rufen wir einen Haufen Verruchter auf und an, die 


—H 268 0 


fein Geſetz achten. Der Negent, was immer feine 
Tehler feyn mögen, ift in monarchiſchen Staaten eine 
moralifche. Berfon, der Achtung gebührt, felbft wenn 
098 Individuum derfelben unwerth feyn follte —“ 
„Und ift die geheiligte Majeftät Fernandos wirf- 
lich der nichtöwürdige Charakter, als welcher er —“ 
„Er ift es,“ ſprach der Graf leifer — „die lieder⸗ 
lichſte Bedientenſeele, die je durch nieberträchtig nichts⸗ 
würdige Kammerdiener und Prieſter verdorben wurde, 
wenn,“ ſetzte er etwas leiſer hinzu, „an einem Blute 
etwas zu verderben iſt, das ſeit Jahrhunderten nicht 
mehr Blut, ſondern verdorbene Giftjauche iſt; aber 
nichts deſto weniger, Senorias, iſt er König, das 
Haupt der»bürgerlihen Geſellſchaft, und der Stütz⸗ 
punkt, die Krone des Adels, der Ableiter, der die 
Blige der Volfsftürme auf fich zieht und unſchädlich 
in die Tiefe leitet. Reißt ihn weg, und daß erfte 
Volksungewitter begrabt Euch unter Eurem eignen 
Schutte. — Und fih aufdiefe Weife an feiner eignen 
Eriftenz zu verfündigen, ift mehr ald Verbrechen — 
ift Dummheit.“ 
Der Conde fank wieder in feine vorige Düfterheit 


SE — — wm .. 


120 e⸗ 


zurüd., Die Glocke ſchlug zwei, die Kavaliere nahmen 
Abſchied; nur der Jüngfte war allein zurüdigeblichen. 
Der Graf erfaßte feine Sand und begab ſich mit ihm 
in ein entferntes Gemach. 

„Für Di, Carlos,“ ſprach er, als fle in diefem 
angelangt waren, „haben wir eine Capitainöftelle 
im Regimente Callejas felbft zugefichert erhalten. 
Unfer Mayor domo hat bereitö für Deine Equipirung 
die nöthigen Anweifungen erhalten. Du ſollſt in 
drei Stunden nad) Puebla und Ialappa, um von da 
einen Transport nad) Veracruz hinab zu führen, der 
und jelbft einigermaßen intereifirt. Sollte Dir ein 
Zufall auf dem Marfche aufftoßen, und ich befürchte, 
ed dürfte der Ball fen, fo- “ Er übergab bem 
Jüngling eine kleine ungeſchlachte Figur, nicht größer 
als eine Wallnuß; eine verborgene Springfeber, bie 
er berührte, öffnete die Frage in zwei Hälften, und 
zeigte ein Blatt, auf dem die Worte: „Securidad, 
Morelos, geſchrieben waren. 

„Morelos!“ vief ver junge Conde im höchſten Er» 
ftaunen. 

„Leifer, Carlos,“ warnte der Conde. „Er ift ein 
waderer Mann, obgleich er unglücklich enden muß. 


No e⸗ 


Wollte Gott, Mexiko hätte Mehrere ſeines Gleichen. 
Bewahre, was Du empfangen haſt, auf den Fall 
der äußerſten Noth. Wenn Du zurückkehrſt, werde 
ich noch in Mextko ſeyn.“ 

Der Mayor domo trat wieder ein. | 

„Ale Vorbereitungen zur Reiſe Bon Manuels 
getroffen?“ fragte der Graf. 

„Und fo gebt er denn wirklich?“ fragte der alte 
Diener befümmert. 

Der Graf fuhr fih mit der Sand über die Stirn, 
und fah den Diener einen Augenblick mit einem weh⸗ 
müthigen Blicke an; dann ſich erhebend, begab er fid 
mit dem jungen Grafen unter dem Bortritte bes 
Mayor domo in die anſtoßende Hauskapelle, wo die 
fämmtliche Dienerſchaft verſammelt war. Ein india⸗ 
niſcher Prieſter ſprach das Abendgebet, worauf ſich 
der größte Theil der Dienerſchaft zur Ruhe begab. 

In dieſem Augenblick hörte man den raſchen Ga⸗ 
lopp eines Pferdes, das den Paseo nuevo herab- 
ſprengte; bald darauf wurde die Glocke angezogen, 
und raſche Fußtritte näherten fi dem Gemache, wo⸗ 
hin fi} die beiden Grafen zurückgezogen hatten. 


— 1 


Bierzehntes Kapitel. 


Sn Deinem Leben ift ein böfer Punkt, 
Schwarz angemerkt, verdammt im Buch des Himmels. 
Shatespeare. 

Es war der Jüngling, den wir bereits im Audienz» 
faale des Vicekönigs als Neffen des Conde kennen 
gelernt haben; er trat in flürmifcher Haft ein, fein 
Anzug noch von dem fehnellen Nitte in Unordnung, 
feine Wangen mit einer Fiebergluth übergoflen, das 
Bild eined herrlichen, aber zugleich übermüthig adels⸗ 
ftolgen jungen Ereolen, ganz euer und Flamme und 
jugendlihe Tollkühnheit. Wie der Jüngling fo ein- 
drang, und dann plößlich wie feft gemurzelt da ftand, 
ihn gegenüber ber nicht minder interefjante Conde 
Carlos, fiel der Blick des Grafen mechfelfeltig von 
dem. Einen auf den Andern, und ein ſchwerer Kampf 
fbien ihn für einige Minuten unfähig zu machen, 
auch nur ein Wort hervorzubringen. Es waren zwei 
vollkommene Contrafte, Diefe beiden Sünglinge: der 
Eine mit feinem unbeflegbaren Stolz im feurigen 
Auge, Das die Pöbelmelt zum Kampfe herauszu- 


* 


fordern ſchien, der Andere mit den ruhig zarten uud 
doch wieder männlichen Zügen des intellektuellen Ge⸗ 
fihtes, die nur Sanftmuth und Wohlwollen ver- 
tiethen, aber in. der edel gewölbten Stirne, der fein 
gebogenen Nafe und den kaum merklih, wie zum 
Spotte verzogenen Lippen ein gewiffe Etwas ver⸗ 
tündigten, dem nur der Jahre zehn mehr fehlten, um 
fpielend eine Welt in Wirklichkeit zu gewinnen, bie 
Jener im tobenden Kampfe zu erflürmen, aber nicht 
feſtzuhalten fühig ſchien. 

„Ein ſchöner Traum!“ unterbrach endlich der Graf 
das Stilffehweigen. „Ein ſchöner Traum!“ feufzte 
er, ſich mit der Hand über die Stirn fahrend. „Wir 
haben ihn viele Jahre getraumt, diefen Traum, 
Manuel! — wird er wohl in Erfüllung gehen ?« 

„Und diefer Traum, theurer Tio?“ fragte Don 
Manuel. 

„Mexiko, das wie der Phönir in Flammen aufs 
lodert, aus diefer Flamme erftehend, erſtehend durch 
feine inwohnende Kraft, fein eigenes Blut.“ 

„Dann war es ein Traum, Tio! — ein bloßer 
raum, fo wie der Bogel Phönix ſelbſt ein Traum 
war! 





213 — 


„Ein ſchöner Dichterstraum,“ ſprach der Graf; 
„unter dem aber eine herrliche Wahrheit liegt.“ 

„Wenn es Mexiko gilt,“ verfeßte der Jüngling 
Bitter, „fo ſchwindet das Herrliche, und nur das Nied⸗ 
tige, Gemeine bleibt.“ 

„Manuel!« ſprach der Graf mit einem forfchenden 
Blick. — „Dieß waren nicht Deine Gefinnungen no 
vor ſechs Monaten, als Du unfere Hacienda ver: 
Tießeft; da8 arme Mexiko war damals noch fo glüd- 
ch, etwas höher in Deinen Hoffnungen und Deiner 
Achtung zu ftehen. — Was hat e3 fo tief herab- 
gefegt ?“ 

„Und Sie fragen, möge Onkel?« rief der 
Jüngling bitter. „Sie fragen, nach der Erfahrung 
der letzten zwoͤlf Monate? O Land der Schande! das 
tollkühn genug ift, an feinen Ketten zu fehütteln, aber 
zu feige, fle zyzerbrechen, daß ſich in fie ſchmieden läßt, 
mit feinen Millionen viehifcher Indianer und viehi—⸗ 
ſcherer Meftizen, fehmieben von menigen taufend 
Spanien — —ı 

nRäftere Dein Vaterland nicht,“ fuhr der Graf 
firenge auf. — mn Schande der Zunge, die die Scham 
ihrer Mutter aufdeckt. Daß Mexiko ift, was es ift, elend, 


— — ⸗—— — — — 


— e— 


verachtet, felbft von ber verachtetften, verächtlichfien 
Nation, — mem verbankt e8 diefed, als eben diefer 
Nation?“ 

„Sich jelbft verdankt es feine Schande,“ fiel ihm 
ber Jüngling eben fo heftig ein. „Sich ſelbſt und 
feiner Niederträchtigfelt, mit welcher der flofzefte 
Ereole dem Letzten der Spanier die Füße leckt; der 
Niederträchtigkeit, mit welcher der Edelſte Mexiko's 
fein Land. verräth, wenn er ein Kreuzchen in fein 
Knopfloh erhält; dieſer Niederträchtigkeit verbanft 
Mexiko was e8 iſt.“ 

„Wirklich? fragte der Eonde. „Und wenn biejer 
nieberträchtige Sklave dennoch endlich feine Ketten 
zu ſchwer findet, und wenn. er feine blutrünſtigen 
Arme und Schenkel jchüttelt, und wenn er Diefe Ketten 
bricht, und mit ihren Trümmern feine Tyrannen er- 
fhlägt, und fich lieber wieber erſchlagen, als feſſeln 
laͤßt ?« 

„So bleibt er ein Sklave, ein elender, niebriger 
Sklave, in deſſen Körper kein Tropfen edlen Blutes 
rollt. Sklave bleibt ex, weniger als Sklave — Meri- 
kaner,“ ſprach der Juͤngling mit der bitterſten Ver⸗ 
achtung. „Sflave bleibt er jo ſehr, daß, wenn er 


— 15 — 


Sunderttaufende ſtark ift, er vor einem Regimente 
feiner Zuchtmeifter zu Paaren Frieht, ober ausein⸗ 
ander ſtäubt wie Spreu vor dem Winde. « 

„Deine Worte find bitter,“ verfeßte der Conde. — 
„Gib acht, Manuel, daß ihr Stachel nicht auf Dich 
zurüdprallt. — Aber waß tt,“ fuhr er mit erhöhter 
Stimme fort, „Derjenige, der, geboren in biefem 
Sflavenlande, vom Schiekfale berufen, Die Ehre deſ⸗ 
felben zu wahren, ed. im grauenvollen Todeskampfe 
verläßt? Statt das Sklavenvaterland gegen feine 
Tyrannen zu vertheidigen, einem Bhantom nadhjagt, 
das ihm eine treulofe Phantafie vorgefpiegelt?« “ 

„Wenn mein gnädiger Onfel Gehorfam gegen bie 
Befehle des erlauchten Nepräfentanten der gebeiligten 
Majeftät mit einem jo ſchimpflichen Worte als De: 
fertion bezeichnet,” ſprach der junge Don flolz, „dann 
geftebe ich mich derfelben ſchuldig; aber zugleich gebe 
ih. mein Ehrenwort, daß ich die Schande dieſer De⸗ 
fertion nicht für. die höchſte von Meriko angebotene 
Ehre vertaufchen würde.“ | 

„Neffe; « ſprach der Graf in einem Tone, der ver- 
rieth, daß ex überſatt ber. Ausbrüche dieſes ungere- 
gelten Stolzes ſey. „Wir müffen ung verflänbigen; 


—d 7b — 

denm die Zeit-eift, und Dein Entſchluß muß nun be- 
flimmen, ob wir länger dad Vergnügen haben folfen, 
uns Deiner Gegenwart zu erfreuen. Se. Ercellenz, « 
fuhr er fort, „haben in Folge einer kleinen Unvor⸗ 
fichtigkeit, deren ſich der junge hohe Adel in dem Gafi⸗ 
hofe Traspanna dadurch ſchuldig gemacht hat, daß 
er ſtaatsverbrecheriſche, gegen Die geheiligte Perſon 
Sr. Majeftät gerichtete Pasquille angehört, denſel⸗ 
ben zur Armee abgeſandt; in Betracht jedoch, daß 
derſelbe Adel mehr überraſcht und mit dem verruchten 
Vorhaben der Pasquillanten unbekannt, ſich des 
Verbrechens laesae majestatis nicht vorſãtzlich ſchul⸗ 
big gemacht, demſelben Offizieröpatente ausfolgen 
zu laſſen geruhet, und unferm Neffen, Don Manuel, 
ald Beweis befonderer Berückſichtigung, die Erlaub- 
niß ertheilt, in bie Madre Patria zu reifen, um da- 
ſelbſt durch loyale Dienfte im Heere der Kämpfer zur 
Miederherftellung des Thrones St. Majeftät den 
Flecken audzumifchen, den er auf feinen Namen ge 
laden, in welcher Hinficht Sie Dir das Gapitaind- 
patent auszuwirken gnädig verheißen haben.“ 

„Eine Strafe,“ fiel der Jungling begeiſtert ein, 
wble ich für das höchſte Ziel meiner Wünfche erkenne. 


77 


io! Tio!a Er trat ſtürmiſch auf den Grafen zu, 
welcher einen Schritt zurüd wid. 

„Bor noch fünf Jahren,“ fprach ver Letztere, „würbe 
eine foldhe Berückſichtigung wirklich wünſchenswerth 
für einen mexikaniſchen Edelmann gewefen feyn, und 
dieß um fo mehr, als die Politik unferer Oberherren 
es nicht für räthlih fand, daß ein Mexikaner je fche, 
daß 'andere Länder beffer regiert werben, als fein 
eigenes; aber die Umftände haben fich geänvert, und 
wir haben alle Urfache zu glauben, Daß das, was 
Gnade ſeyn fol, irgend einen unheilſchwangern Plan 
gegen unfer Haus und ung felbft verberge.* 

„O Tio!a rief der Jüngling feurig, „o Tio, wüß⸗ 
ten Sie, wie hoch der Virey die Tugenden Euer 
Gnaden verehrt.“ | 

„Der Virey unfere Tugenden verehren?«“ entgeg- 
‚nete ber Conde Falt. „Und, wie es fcheint, im Bei⸗ 
ſeyn unfered Neffen,“ fuhr er mit einem Blicke auf 
Diefen fort, „ven er noch vor wenigen Stunden nicht 
zu kennen fehlen.“ Ex holte einige Male tiefen Athem 
amd ging im Kabinette auf und ab. „Wir haben Bes 
weiſe von dieſer Verehrung,“ fuhr er fort, „als wir 
aus der Beſamanos nach Haufe fuhren, Beweiſe, bie 

Der Virey. L | 19 


—,5 2718 e⸗ 


und wahrfheinif des DBergnügens beraubt Haben 
würden, Don Manuel oder Einen der Unfrigen je 
wieder zu ſehen, wenn nicht der Eifer unferer Servi⸗ 
dumbre und einige Anhaͤnglichkeit des Volkes von 
Mexiko Sr. Excellenz gnädiges Wohlwollen vereitelt 
hätten. Wir haben jedoch,“ fuhr er ungemein ruhig 
fort, mnoch nicht geendet. Se. Excellenz, durch [pe 
zielle Gründe veranlaft, haben ben etwas gemalt: 
famen Entſchluß, der uns von unferem naͤchſten Bluts⸗ 
verwandten trennen follte, aufgegeben, und e8 Diefem 
freigeftelt, nad Spanien abzugeben oder im Bater- 
lande zu verbleiben. « 

Der Jüngling erbleichte. Eine lange Weile verflog, 
ohne daß Einer der Beiden ein Wort gewechjelt hatte; 
endlich fprang er, im fihtbaren Kampfe und beinahe 
‚außer fi, auf den Grafen zu. 

„Tio! theuerſter Tio!« rief er mit ftürmifcher Un⸗ 
gebuld, „ich muß fort! ih muß! O, die Furien peit- 
fen mich aus diefem Mexiko, diefem entjeglichen 
Mexiko! D Spanien!“ rief er mit der vollen Be 
'geifterung eines glühend fühlichen Gemüthes, „bu 
Land der ‚Helden, du Wiege alles Großen und Edlen, 
du Mufter der Lopkfität und Nitterlichkeit, das ſich 


4 


m > 


erhoben, um im furdhtbaren, großen Kampfe das an» 
geſtammte Land geheiligter Majeftät, verrätherifher 
Weiſe vom Feinde geftohlen, aus den Klauen des 
Kronenräubers zu retten! Er, bie Zierde ber Könige, 
in ſchmählicher Gefangenſchaft! Nein! Taufende has 
ben fi erhoben, um die Eindringlinge zu vertiigen; 
der Donner brüllt über den atlantifchen Ocean her⸗ 
über; er ruft: Manuel muß feinem Rufe gehorchen!« 

Der Graf hatte diefen Pathos, den der Jüngling 
in einer Torreöpondirend theatralifhen Stellung de⸗ 
Hamirte, mit ungemeiner Ruhe angehört, nur zu« 
weilen Eräufelten fi) feine Lippen in jenes farkaftifche 
Lächeln, das berlei Albernheiten dem Aufgeklaͤrten 
auch wider feinen Willen abziwingen. 

„Und ift e8 bloß der Donner der Kanonen, der Die 
ruft? feine andere Stimme, die vom Tenochtitlanthale 
Di fortiendet?« fragte der Graf mit demſelben ruhi⸗ 
gen Lächeln um feine Lippen. 

Der Jüngling erröthete und, ftodie. 

«Und wird das Schidfal Deine Entwürfe ver- 
wirklihen?« fragte der Graf weiter. „Iſt dad Spa⸗ 
nien wirklich Deiner Sympathien würdig? Iſt es 
wirllich das glänzende Gebilde, das Dir Deine Phan⸗ 

19 * 


—d 280 > 


tafle vormalt? dieſer gefangene König wirflich der 
edle, leidende Held, den Du Dir träumſt? das Land 
der Gonſalvos, der Hernandez, noch immer der Sam⸗ 
melplatz alles Heldenmuthes? — Armer Junge!“ 
brach der Graf ab, bob jedoch wieher nad} einer klei⸗ 
nen Weile an: „Das Land der Cordovas, der Cor⸗ 
tez, ift unter dem verfengenden, verborrenden Haud 
der Priefter und Königstyrannei eine baumloſe Wüfte 
geworden, von Landftreihern, Räubern, Bettlern 
und faulen Möndyen angefüllt, und von einem Volke 
bewohnt, das, ftatt zu arbeiten, fidh feine Nahrung 
vor den Pforten der Klöfter holt, — dieſes Dein 
Heldenvolk Hat nicht einmal das DVerbienft, unter 
eigenen Bahnen zu fechten; es ift das ſchmählich be⸗ 
zahlte Gold der Inglefe, das diefe Vettlernation auf 
gerüttelt und in ihrem ſtupiden Enthuflasmus wach 
erhält. 

„Räftern Sie das Vaterland meiner Mutter nicht!« 
fhrie der Jungling, von Zorn überwältigt. 

"Bloß Deiner Mutter? fragte ber Conde. 

Der Don erröthete. 

Und in dieſes Land, dieſes Paradies von Bettlern 
und Mönchen willſt Du gehen? Deinem flehenden, 


— > 
bebrängten Baterlande den Nüden kehren in ber 
Stunde feiner Noth, feiner Todesangſt? Was wird 
diefes Vaterland dazu fagen ?« 

„Manuel verachtet dieſes Vaterland ;“ verſetzte raſch 
der übermüthige Jüngling. 

„Das iſt genug; « ſprach der Conde, plößlich auf⸗ 
ſtehend. „Das Blut Deiner Wange iſt aufrichtiger, 
als Deine Zunge. Behalte jedoch Dein Geheimniß 
für Did; felbft fragen wollen wir Dich nicht, wo 
Du in diefen legten Stunden gewefen, obwohl unfere 
Freundſchaft vielleicht einige Aufmerkſamkeit verdient 
hätte. Wir haben jeboch der Freiheit fo wenig übrig 
gelaffen, daß ed graufam wäre, einander die Dürftigen 
Brofamen, die noch übrig find, verfümmern zu wollen. 
Aber Don Manuel!“ fuhr er fort, und feine Stimme 
wurde ungemein ernft, „indem wir Dir Deine Freiheit 
hiemit unbefchräntt laffen, und ung des ſüßen Troſtes 
berauben, und eine freundliche Stüße unferer Ent- 
würfe, einen achtungsvollen Pfleger unjerer Plane, 
einen gefühlvollen Dlitbürger mit offenem Herzen für 
die Drangfale feined Vaterlandes zu erhalten, fteht 
es unferer Freiheit nicht minder zu, und vor den Fol⸗ 
gen Deines Entfchluffes zu bewahren. Nicht wir 





⸗ BI — 
wollen Deine Freiheit beſchränken; aber eben ſo wenig 
wollen wir zugeben, daß Du die unfere beſchränkſt.⸗ 

Der Jüngling fah den Grafen ftarr an. 

„Seh denn mit Gott,“ ſprach Diefer. „Deines 
Vaters Diener werden Di) "begleiten, und wir für 
die Mittel forgen,, Dich mit dem Deiner Familie ge⸗ 
bührenden Anftande in die Madre Patria einzuführen. 
Aber weiter 'geziemt es ſich nicht, daß wir gehen. 
Derjenige, der, ſich über fein Vaterland und feine 
Blutöverwandten erhaben fühlend, zum Schwager 
eines Virey ſich emporzuſchwingen gebenft, würde fi 
wahrſcheinlich zu ſtolz fühlen, um von einem arm⸗ 
ſeligen mexikaniſchen Conde fürder Unterſtützung zu 
heiſchen.“ 

Der Jüngling ſtand wie eine Bildfäule — fein 
bleiches Geſicht auf den Boden geheftet, war er keines 
Wortes mächtig, 

„Du haſt hicht bloß mit Deinem Onkel,«“ fuhr 
Diefer fort, „Du haft mit dem edelſten Gefhöpfe, das 
innerhalb der Meere Mexikos das Tageslicht erblickt 
— dem Stolze unferes Landes — Dein herzloſes 
Spiel getrieben. Gleich dem verſchmitzten Sohne 
Iſaks verläffeft Du Deine Heimath, um in einem 


—— 89 æ— 


fremden Lande den Phantomen Deines ſelbſtſüchtigen 
Ehrgeizes nachzulaufen. « 

„Mani!« rief eine ſchluchzende Stimme, und bie 
liebliche Condeſſa ſchwaukte zur Thüre herein, ihr 
cthränenſchweres Antlitz in die Mantilla verhüllt, 
bebend und zitternd, ihre verweinten Augen weh⸗ 
müthig auf den Jüngling geheftet. Ihre ſtockend 
ſchluchzende Stimme vermochte bloß abgeriſſene Laute 
hervorzubringen. Unſchlüſſig ſchwankend, ihre Haͤnde 
kindlich auf dem Buſen gefaltet, ſchluchzte ſie „Mani! 
Mani!“ wie ein nahender Engel aus höheren Sphä- 
ren. „Mani! jo wilft Du uns und unfer armes be⸗ 
drängtes Mexiko verlafien? Mani, um der fünf 
Wunden! der Heiligen Jungfrau willen! Mani! 
Mani! O gedenkſt Du noch jenes feierlichen Schwu⸗ 
red, den Deine Zunge vor nicht ſechs Monden auf 
der Höhe von Daraca im Angeftchte Gottes und der 
beiden Ozeane ausſprach, des feierlichen Schwures, 
Du würbeft ganz Merifaner feyn? Und Du willſt 
Meriko verlafien? Mani! Mani!“ 

Der Jüngling ftand ſprachlos. 

„Manitu bat fle, ihre Hände ihm bittend entgegen- 
ſtreckend, „Mani bleibe bei Tio! Bleibe in unferem 


armen bedrängten Mexiko! Bleibe!« rief fie, ihre 
Arme faltend. 

Das leichte Rauſchen, das ihr ſeidenes Nachtge⸗ 
wand verurſachte, ſchreckte den Jüngling plötzlich aus 
feinen Traumen. Er blidte fle einen Augenblick ftarr 
an, und flürzte dann mit den Worten: „ort von 
hier!“ aus dem Kabinette. 

„Einen Neffen haben wir verloren!u ſprach ber 
Eonde mit fehmerzerftickter Stimme. „Einen Sohn 
und eine Tochter haben wir noch. Das ift der Fluch 
des Despotismus. Er entzweit und mit unfern Lieben, 
mit ung felbft, dem Glauben, der Hoffnung, der Liebe. 
A dios Kinder!« Er füßte Beide, und entfernte fi 
dann. 


Sünfzehntes Kapitel. 


— D Du! 
Verderblicher ale Hunger, Pet und Meere! 
Schau die betrübre Bürde dieſes Bettes; 
Das it Dein Wer. 
Shalespeare. 


Die Sloden von den Kirchthürmen hatten mittlers 
weile fünf geſchlagen, und der Morgen graute von 


2æ0 ⸗ 


Dften herüber. Anfangs ein fieberrother Punkt am 
Itztaccihuatl, der wieder in matte haotifche Dunkel 
heit verglomm, wieder auftauchte und von Grün 
rothen ins Afchfarbige, won Diefem ind Dunfelbraune, 
und vom Dunfelbraunen ind Blaßgoldene jhillernd, 
das Auftauchen der Sonne aus dem Ozean verkün⸗ 
dete. Noch war ed dunfel am Himmel, aber ed mar 
eine eigene Dunkelheit; Fein Wölkchen befleckte das 
reine Himmelszelt; die wenigen noch fichtbaren Sterne 
ſchienen zu zittern in der Morgenfrifche, und erbleich- 
ten, während hinab gegen den Poporatepetl die rothen 
Streifen feines ſchneeigen Hauptes gleich feurigen 
Flaggen fih um feine hehren Krater legten. Dann 
begann ein mattes blaſſes Licht zuerft über Die Koppen 
der Tenochtitlan⸗Gebirge herüber zu brechen, und im 
Zwielichte tauchten fie auf, eine nach der andern; aber 
die Stadt lag noch in Finſterniß und Schlaf begraben. 
und nichts unterbrach die Todtenſtille, ald das Vigi⸗ 
kanzia der Schildwachen und das Naffeln der Todten- 
farren, welche die in der Nacht entfchlummerten Le⸗ 
pero8 in ihre enge Wohnung oder die Hauptwachen 
abführten. Es war eine eigene Stille, diefe Stille 
der Tauſende, dieſes Todtenleben, bewacht von den 


—, 


Wächtern des ertübteten Despotismgo. Am Ser 
Chalco und feinem Kanale fing ed dann an fi zu 
regen, und Hunderte non Canoes flogen im Schatten 
der weidenden Nacht über den mehr und mehr er- 
glänzenden Waflerfpiegel dem engen Kanale zu, bes 
gleitet von dem Morgengefange der Indianerinnen 
und ben Guitarrentönen ihrer Männer. 
Jeſu Maria und alle Heiligen, halb fünf Uhr!“ 
jammerte der Mayor Domo, der eben vom rechten 
Flügel gefommen war, ihm nad) mehrere weibliche 
Diener, die aufden Zehen einhertrippelten, Schreden 
auf ihren Gefichtern. „Kalb fünf Uhr!“ jammerte 
ber alte Diener, „noch eine Stunde — horch die 
Glocke von ber Kathedralkirche — die Stunde, in ber 
der Erzbifchof die Meſſe anfagte, ift ja noch nicht 
gekommen. Wird er gehen? 
Er iſt fehon gegangen, aber. nicht zur Meſſe;⸗ 
flüfterte Don Pinto dem alten Manne in die Obren. 
„Zum Teufel mit Deiner alten Weiberfrömmigkeit.“ 
»Geſpenſt der Nacht und der Hölle! Alle guten 
Geiſter Toben Gott den Herrn; « kreiſchte ber Mayor 
domo, der zurückſchaudernd an den Conde ftieß, wel» 
Her, in feinen Schlafrock gehüflt, vorüber in den 


vv“ —*— 


Wa 2 — WR a, ww, Ar “vr 


—) 31 — 
rechten Slügel zu den Gemaͤchern ber füngen Condeſſu 
ſchritt. 

„Gott und alle Heiligen!“ wehklagte der alte Mann 
feinem Seren. „Sie Hegt noch Immer in Ohnmacht, 
unbewußt alles deſſen, was um fie ber vorgeht; 
und er faltete feine Hände zufammen. 

Der Graf trat in das Kabinett, und die Vorhänge 


des Bettes öffnend, [Haute er mit bekümmertem Blicke 


auf das Engelögebilde, das, weißer denn die Linnen, 
die es verhüllten, da kug! ob fehlummernd oder ver⸗ 
blichen, würde beim erften Anblick ſchwer zu errathen 
geweſen ſeyn. 

Gleich einer Alabaſterſtatue von griechiſcher Hand 
gemeiſelt, lag ſie hingegoſſen, eine Viſton ohne Athem, 
ohne Bewegung. Erſt nach langen Zwiſchenräumen 
öffneten ſich ihre bleichen Lippen, zitterten einige Se⸗ 
kunden leblos und unwillkürlich, wie die Blätter vom 
Hauche des Windes gerüttelt, und ſchloßen ſich wieder 
ſo willenlos, wie dieſe zur Erde fallen. 

„Sp dauert ed jetzt ſchon geſchlagene zwei Stun⸗ 
den;“ wisperte Sancheca, die Doncella *) der jungen 


*) Rammermäpchen. 


- 8 > 


Eondeffa, indem fie fih über das Engelögeflcht Hin- 
bog und den falten Schweiß non der Stirne küßte. 
„Zuweilen,“ murmelte die Duenna mit Thränen 
im Auge, „ſchaudert fie auf, zittert, dann fchlägt fie 
die Augen auf und flatrt und flarrt, als ob fie ein 
Gefpenft fähe. ‘Ste ſpricht auch mit ſich ſelbſt. Eile, 
eile glänzendes Segel, eile, führe. ihn hinweg, Teichtes 
filbernes Segel vom unglüdfeligen Mexiko zur. Bahn 
des Ruhmes, Tiöpelte fle im befehlenden Ton, und 
dann fpreitete fie die Arme aus, als wollte fie Jemanden 
aus den Klauen eined Ungethümes erretten. Wieder 
betet fie, warnt vor den Gachupins; ſelbſt verwünſcht 
hat ſie Die Gachupins. Heilige Jungfrau! mich wun⸗ 
dert nur, wo ſie die Verwünſchungen gelernt hat. 
Der Engel konnte fonft nichts als beten.“ — 
„Gerade als Anſelmo und verließ,“ fiel Sancheca 
wieder ein, „erhob ſie ſich, und ging mit geſchloſſenen 
Augen:im Zimmer umher, ergriff den Armleuchter 
und fuchte in allen Eden. Sie ſtarrte und Alle an, 
als ob fie und nie geſehen hätte, und dann ftieß fie 
den Armleuchter ‚wieder weg, kreuzte ihre Händchen 
auf dem Bufen, und bat fo flebentlih, ein Stein hätte 
ſich ihrer erbarmen mögen. Aber fle tonnte dieſe An⸗ 


— > 


firengung nicht aushalten, und wäre gefunfen und 
gefallen, hätten wir fie nicht aufgefangen. * 

„Du haft vergefien,“ rief Bettina, ein zweites 
Kammermädchen, „was fie ſprach, als fie jo im Ka⸗ 
binette umherſuchte. Fa,“ fagte fie, „über dieſe Felſen 
und Klippen muß er hinab ins Bereich des tückiſchen 
Bomito, und Iefu Maria! die See, die ftürmifche 
See mit ihren Alles verfehlingenden Wogen!«- 

Der Graf, eine Thräne im Auge, bog fich über 
die Schlummernde bin. 

„Nina! Nina! Wollen wir nicht für den Unglück⸗ 
fichen, ber ung verläßt, beten?« 

Sie hörte nicht, fie gab Feine- Antwort. 

„Nina! Nina!« bat er wieder. 

Ein entfernter Trompetenftoß, der den Paseo herab» 
fehmetterte, ließ fich Im Kabinette hören. Die Augen 
der ohnmächtig Schlummernden öffneten fid. 
»Nina!« hat der Conde wieder im zärtlich väter⸗ 
lichen Tone, „Nina, wollen wir nicht für den Unglück⸗ 
lichen beten, der und verläßt?“ 

Auf einmal öffnete fie die Augen, blidte flier und 
ftarr um fich, fehüttelte das Lockenköpfchen, ſchaute 
den Grafen wie verwundert an, ſtreckte ihre Arme 


— MM — 


aus, und ihn um ben Hals faſſend, lispelte fie: Non 
por siempre perdito.' *) 

Ein zweiter Trompetenſtoß ſchnenene aus dem 
Paseo nuevo herüber. Ein ſtarkes Detachement Dra- 
goner, mit einem Staböoffizier an der Spige, hielt, 
und ein Jüngling in reicher Uniform fprang vom 
Pferde. 

Sogleich war eine zweite heftige Stimme, die Don 
Manuels, zu hören, der. wie raſend ſchrie: „Fort! 
um's Teufelswillen! Fort, oder ich erſchieße mich 
auf dem Platze!“ Ä 

„Jeſu Maria!a ftöhnte der Mayor domo: »er if 
Belzebubs, ohne Meſſe, ohne Biaticum, ohne Beichte.⸗ 

Selbft die rohen Dragoner fhauberten ob der Hef⸗ 
tigfeit.deö Jüůnglings, und befveuzten ſich mit einem 
Entſetzen, das dem jungen Edelmanne vollends feine 
Befinnung zu rauben fihien. Ohne ein Wort weiter 
zu fagen, warf er fih auf fein Pferd; der Major, 
der ihm. ernft und bedenklich nachgeſchaut hatte, gab 
das Kommandowort, und. der Zug ſetzte ſich in Be⸗ 
wegung. Die Maulthiere fchloßen ſich an bie hinter⸗ 





”) Nicht für ewig verloren 


—. a u 


— AH 


ften Glieber an, in wenigen Minuten war Alles 
zwifchen bem Laubwerke der Bäume verſchwunden. 
Der: Graf mit dem jungen Conde hatten ſprachloé 
den Enteilenden nachgefehen. 

„Was fol das?« ſprach der Erſtere endlich zum 
jungen Conde, der noch immer verftört bald durchs 
Benfter, bald auf das Bette der Condeſſa ftierte: es 
iſt noch eine halbe Stunde vor ſechs.“ 

. „Wir haben plöglich Ordre zum fehleunigften Auf« 
bruche erhalten. Die Gavecillad zeigen fih vom Ma⸗ 
finche herab bi8 zur Barranca. von Juanes, und be- 
drohen unfere Kommunikation mit Buebla; die von 
Zalapa und Veracruz ift bereitö unterbrochen. + 

"Das ift eine ſchlimme und wieder eine tröftliche 
Nachricht,“ ſprach der Graf in tiefem Nachdenken, 
meine fehr ſchlimme und eine jehr tröftliche Nachricht. 
Fürchte für Die Nina nichts, Carlos!« fuhr er mit bes 
wegter Stimme fort, nnd fein Blick fiel wieber auf 
die Leidende; mfo ſehr find unfere häuslichen Leiden 
mit denen unſeres Volkes vermoben, daß nur die 
gänzlihe Genefung des Iegtern unfern Jammer vol⸗ 
lends heben kann. Ja, theurer Carlos! das Leiden 
Deiner Schweſter ift mir nun Labfal geworden; denn 


22 — 
es wendet meinen wahnſinnigen Blick wenigſtens für 
einige Zeit von dem Elende meines Vaterlandes ab; 
es iſt Zerſtreuung.“ 

„Gott! was ſind wir für Menſchen, die hier noch 
Zerſtreuung ſuchen müſſen. Hermanna Eloira!«*) 
flüfterte er der jungen Gräfin zu, auf die er zueilte 
und ihr einen Kuß auf die Lippen drückte. 

Das Tieblihe Kind Hffnete wieder die Augen und 
ſah ven Bruder mit einem troftlo8 mehmüthigen Blide 
an. „Ayde mi,‘ *#) lispelte fie; „Ayde mi,“ wieber- 
Holte fie, und ſchaudernd, wie gerüttelt vom Fieber 
frofte, fchrac fie wieder zufammen. „Petrdon a mia 
estrella,'* bat fie, ‚‚Perdon Hermanno!‘‘***) und 
dann hob fie ihre Hände bittend und entſchlummerte. 

nIefu Maria!« rief der junge Graf, „und ich fol 
gehen und fie verlaſſen?“ 

Fürchte nicht für ſie,“ ſprach der Conde; van 
ihrer baldigen Genefung zu zweifeln, wäre an ihrem 
Zartfinn verzweifeln. Das Leiden unferes Volkes ift 
To groß, daß fie ihr eigenes darüber vergeſſen wird.“ 





Schweſter Elvira. 
) Wehe mir! 
9 Dergebung meinem Sterne! Vergebung, Bruter! 





— 03 ⸗— 


Und mit biefen Worten Eüßten fi Beibe; ber 
junge Graf eilte aus dem Saal dem Detachement ber 
Dragoner nad. 


Sechszehntes Kapitel. 


Sollten unſere Leſer zu finden glauben, daß wir 
gar zu langweilig werben, fo mögen fie verſfichert feyn, 
daß wir unfere ganz befondere Gründe Haben. 

Brittifger Eſſayiſt. 

Wir würben und faum wundern, wenn unfete Les 
fer die bisher geſchilderten Scenen mehr als Aus⸗ 
brüche einer krankhaften Phantaſie belächelten, die in 
roher Luft Zerrbilder darſtellt, die nirgends als in 
ihren ausfchweifenden Träumen ihr flüchtiges Da⸗ 
feyn haben. — Für und, beren geſellſchaftliche In⸗ 
flitutionen fich fo naturgemäß und human entwidelt, 
deren Geſetzlichkeit in Folge dieſer rationellen Ent⸗ 
wickelung fo feſt begruͤndet und allgemein iſt, wo ber 
Aermſte fo wie der Reichſte feine angebornen Rechte 
und die unter feiner Mitwirkung feftgefeßten Be⸗ 
fhränfungen eben fo genau kennt und männlich feft- 
hält, als fie von feinen Vorfahren erkämpft und ver 

Der Lirey. 1. 20 


—d I — 


theibigt worden, für unfer ernſt politiſches Wirken 
und Leben dürfte es fchwer feyn, ein ſo tolles Ge⸗ 
wirre raſenden Uebermuthed und flupiber Feigheit, 
kraſſen Despotismus und frecher Zügellofigkeit, un- 
erträglicher Anmaßung und niebriger Preißgebung 
der beiligften angebornen Rechte auch nur möglich zu 
denken; denn ed gehört wirklich die Vereinigung all 
ber Uebel dazu, die dem Menfchen feine Würde raus 
ben und ihn allmählig zu menig mehr denn einem 
Thiere herabwürbigen, um ſolche Charaktere und 
Scenen zu verwirklichen; eine Bereinigung, die wir, 
trog aller Klagen, auch nicht im ontfernteften zu bul- 
den hatten. Nein, fo drückend auch die Anmaßungen 
waren, über welche die Väter der neuen Sreiheit, und 
wir mögen fühn behaupten, der Wiedergeburt bed 
Menfchengefihlechts, zu Elagen hatten, fo waren fie 
Doch noch wahre Wohlthaten im Vergleiche mit ben 
fürchterlichen Uebeln, Die das Nachbarland feit Jahr⸗ 
hunderten erbulbet hat. Uebel, die. aber, die Wahr: 
beit zu gefteben, auch zu ben unfere Vorfahren bür- 
denden Laften ganz in demfelben Folgenverhältniſſe 
ftanden, melche die frieblich ruhige Beſitznahme eines 
unwirthbaren, von Niemanden rechtmäßig angefpro- 


208 e— 


chenen Bodens, und hinwiederum die Eroberungen 
eines Cortez oder Pizarro nothwendig nach ſich ziehen 
mußten. 

Wenn ruhig friedliche und freiheitsſtolze, auf ihre 
angebornen Rechte eiferſüchtige, und Durch politifche 
oder religiöſe Verfolgungen in ihrem Vaterlande be⸗ 
drängte Bürger dieſem den Rücken kehren, um in 
einer Tauſende von Meilen entfernten Wildniß die 
in ihrem Vaterlande angefochtenen Rechte ungefränft 
zu genießen; wenn fle und ihre Nachfolger und deren 
Kinder und Kindeskinder unter fleten Kämpfen mit 
wilden TIhieren und wildern Menſchen diefe Wildniß 
beurbaren; wenn ſich unter ihren raftlofen Händen 
blühende Fluren, wohnliche Site und reihe Städte 
erheben; . wenn bdiefe Bürger durch Gefeplichkeit, 
Fleiß und Fortſchreiten in Aufklärung und den bür⸗ 
gerlichen Künften allmählig zu Staaten anwachfen, 
die, ſtark im Bemußtfeyn ihter Kraft, -fich fehnen, 
fich ſelbſt Geſetze zu geben, ftatt Diefe yom entfernten 
Mutterlande zu empfangen, die Früchte ihres Fleißes, 
die Erſparniſſe ihrer Weiber und Kinder zum Beſten 
des eignen Landes zu verwenden, ftatt fie einer ver⸗ 
ſchwenderiſchen fernen Ariftofratie zu, thörichten. nim⸗ 
20 *® 


16 


mer endenben Entwürfen und Kriegen in den Schoof 
zu werfen; wenn ſolche Bürger und zwar bie edel⸗ 
fien, die gewifienhafteften, die einſichtsvollſten, ſelbſt 
Hand and Werk legen, und fich zuerft in die Brefche 
ſtellen, und ihren Willen zur That werden laſſen, 
und ſich erheben, um für ihre angebornen Nechte zu 
fämpfen: dann werben dieſe Staaten und der Kampf 
für ihre Rechte, dieſe bürgerliche Geſellſchaft und bie 
Revolution, burch welche fie fih vom Mutterlande 
Iosreißen, ganz anders beſchaffen feyn, als Die eines 
Volkes, das, durch einen Haufen fitten- und gefeß- 
Iofer Abenteurer plöglich Über den Haufen geworfen, 
Jahrhunderte in einer unerhörten Dienftbarkeit ge- 
ſchmachtet und, nachdem e8 Jahrhunderte geſchmach⸗ 
tet, endlich Iosbricht, nicht um angeborne Rechte, von 
denen es keinen Begriff hat, wieder zu erlangen, ſon⸗ 
dern — feinen Rachedurſt zu befriedigen. In dem 
erften alle ift es die zur bürgerlichen Breiheit aufer- 
zogene Geſellſchaft, die Mündigwerdung des jungen 
Mannes, der in feine bürgerliche Rechte eintritt, und 
biefe mit männlichen Geifte, warmem Herzen und 
kaltem Verſtande zu verfehten weiß; im andern If 
es das Entfpringen des gefangenen Tigerd, ber ben 


1 
i 


—XCE 


in feinem Eiſenkaͤfige lange verhaltenen Grimm auf 
eine blutige Weife zu befriedigen vom Inftinkte ges - 
trieben wird. Das eine Beifpiel haben die Vereinig« 
ten Staaten aufgeftellt, das andere Meriko. 
Befunfen unter den wüthenden Angriffen eines 
verzweifelten Abenteurerd, feiner Neligion, feiner 
Bildung, feiner Herrſcher, feiner ebelften Männer, 
feiner Tempel, felbft feiner Gefchichte beraubt, war 
das ganze Land, nachdem e8 in die Hände der Spä⸗ 
nier zu fallen das Unglüd gehabt, aus einem blü⸗ 
hend felbftftändigen Staate eine ungeheure Domaine, 
— feine Bewohner eine diöponible Horde geworden, 
der man noch eine Wohlthat zu ermeifen glaubte, 
wenn man fle, zu Sunderten, zu Taufenden, wie das 
Vieh an eine wüfte Soldateska vertheilte. Ihres 
Eigenthumes, ihrer Aecker, zum Theile felbft ihrer 
Weiber und Kinder beraubt, heerbenweife in die Berg⸗ 
werfe getrieben, oder zum Lafttragen über unweg⸗ 
fame Gebirge verdammt, war die Geſchichte diefes 
beifpiello8 gemißhandelten Volkes drei Jahrhunderte 
hindurch ein fortwährendes Gemälde der unmenfch- 
lichſten Bedrückung gemwefen, dem felbft bie zu feinem 
Beſten gegebenen Geſetze dadurch, daß fie gewiſſen⸗ 


— 218 

Iofen Beamten zur Vollziehung anvertraut waren, zu 
unheilbarem Krebsſchaden wurden. In ihre Dörfer 
eingebannt, aus denen fie nur geriſſen wurden, um 
ihren Peinigern zu fröhnen, hatten fie im ſtumpfen 
Dahinbrüten Alles verloren, was den Menfchen als 
folchen bezeichnet; nur das Gefühl ihrer Entwürbi- 
gung, die Erinnerung an die ausgeftandenen Leiden, 
und ein inftinktartiges, düſteres Sehnen nach bluti⸗ 
ger Mache waren geblieben. 

In diefen wenigen Zeilen ift die Gefchichte von brei 
Bünftheilen der Bemohner Mexiko's und der gleich 
unglüdlichen, gleich verwahrlosten und noch mehr 
verwilderten und verachteten Geſchöpfe — der Kaften 
— enthalten, — Sprößlinge einer thierifchen Ver⸗ 
miſchung der Eroberer und ihrer Nachfolger und 
Sklaven mit den Eingebornen — mit all dem an⸗ 
ſcheinenden Stumpffinne, all der wirklichen Apathie 
der rothen Race, all der Zucht» und Geſezloſigkeit 
der weißen Väter, in eine Welt hinausgeftoßen, bie 
fie als ehrlos brandmarkte, alles Eigenthums be⸗ 
raubte, verdammte zu den niedrigſten Arbeiten, ein 
ſteter Gegenſtand der Furcht und des Abſcheues der 
beſſern Klaſſen, weil fie nichts zu verlieren, in einer 


— 19 ⸗— 


Staatsummälzung Alles zu gewinnen hatten. So 
waren die Elemente einer Bevölkerung befehaffen, bie 
nün durch den Kreislauf der Dinge zum Kampfe für 
ihre Unabhängigkeit in die Bahn zu treten gleihfam 
bei den Haaren herbeigezogen werben follte, gleich 
dem Gladiator, der mit der letzten Kraft der Ver⸗ 
zweiflung bie Feſſeln von den bfutrünftigen Gliedern 
bricht und, um dem Kerker zu entfpringen, feine Ret⸗ 
tung nur in dem Untergange feiner linterbrüder 
ſucht. — 

Dreihundert Jahre hatte Mexiko Monarchen ge⸗ 
horcht, die es nie gefehen, ohne auch nur den Gedan⸗ 
fen eines Abfalles zu hegen. Zwar hatte der Geift 
der Breiheit, Durch die Vereinten Staaten ind Leben 
gerufen, auch in Merito Anklang gefunden; aber 
diefer Anklang war verhallt, und ein namenlofed 
Sehnen war Alles, was übrig geblieben war. Das 
planmäßige Unterbrüdungsfyftem des Spaniers Hatte 
jeden höhern Aufſchwung erbrüdt; ber Abel hatte 
fih ganz an die Regierung angefhloffen, die Mittel 
klaſſen waren gefolgt, das Volk mußte dieſem Bei- 
fpiele folgen. Es herrſchte Ruhe, felbft ange nach⸗ 
dem in den füblichen Kolonien bereits der Aufftand 


—, 300 


ausgebrochen war; biefe Ruhe war felbft nicht un- 
terbrochen worben, als die Nachricht von der gewalt⸗ 
famen Befignahme ber Hauptſtadt de8 Mutterlandes 
duch feine Erbfeinde und der graufamen Metzelei in 
berfelben eingetroffen.*) Das entrüftete Meriko, 
weit entfernt, die günftige Gelegenheit zu benußen, 
feine Unabhängigkeit zu erklären, beeilte fich vielmehr, 
die fprechendften Beweife feiner Sympathie für bie 
gefränfte Ehre'des Mutterlandes zu geben, und all- 
enthalben ertönten Verwünſchungen gegen den ge- 
waltthätigen Machthaber, der den wenig gefannten 
Herrſcher fo heimtüdifch aus feinem Erbreiche gelodt 
und in firenger Haft gefangen hielt. Die Kriegser⸗ 
Härung der oberften Junta gegen denjelben Macht⸗ 
haber war mit lautem Beifalle aufgenommen wor⸗ 
den, und Alles beftrebte fih, werkthätig feinen En⸗ 
thuſiasmus zu bezeugen, als ein königliches Dekret 
anlangte, das Mexiko befahl, ben Bruder befielben 
‚fremden Machthabers als Negenten anzuerkennen, ber 

feinen legitimen Fürften fo widerrechtlich entführt hatte. 
Ein augenfcheinlicherer Beweis von Unwürbigfeit 


) Mürats, Mai 1808. 


—, 01 ⸗— 
zu herrſchen Eonnte wohl nie und nirgends einem 
Volke fo deutlich vor Augen gelegt werden, als e8 in 
dieſem Königlichen Dekrete geſchah. Loyalität war 
diefem Volke gewiffermaßen zum Glaubendartifel ge= 
worden; aber fo wie ber blinde Glaube dent abfolu= 
teften Uinglauben weicht, wenn der Blindglänbige 
plöglih aus feinem Wahne gerifien wird, fo war 
auch von dem Volke Mexiko's durch dieſe königliche 
Niederträchtigkeit auf einmal alle Loyalität gewichen. 
Gegen den angeftammten Monarchen fih zu em⸗ 
pören, würde den Merikanern fohmerlich je einge- 
fallen feyn; aber von eben diefem Monarchen auf 
eine fo fhmählihe Weiſe weggemworfen zu werben, 
war eine um fo fehmerzlicher gefühlte Kränkung, ale 
dad Land, bei aller feiner Herabmwürbigung, dieſe 
letzte Herabwürdigung noch nicht erfahren Hatte. 
Der Unmwille über diefe königliche Zumuthung war 
allgemein, und das Dekret wurde einflimmig und 
Öffentlich verbrannt. Mit gerechter Entrüftung ge⸗ 
wahrte jedoch dafjelbe Volk, daß gerade Diejenigen, 
die fi ihrer Loyalität und Anhänglichkeit an bie 
königliche Berfon und ihr Haus am meiften gerühmt 
hatten, die Erften geweſen waren, die ihre Treue auf 


302 — 


den neuen Herrſcher übertragen hatten. Alle Regie⸗ 
rungsbeamte, beinahe alle Spanier, hatten eilig An⸗ 
ſtalten getroffen, das Land dem neuen Herrfcher zu 
überantworten, ohne auch ˖nur zu fragen, ob es auch 
wolle. Ein Einziger hatte einen ehrenvolleren Aus⸗ 
weg eingeſchlagen — Iturrigaray, der Vicekönig. 
Den feigen und niederträchtig verſchmitzten Charakter 
ſeines gefangenen Gebieters wohl kennend, Hatte er 
den Plan gefaßt, demſelben Mexiko, dem Wunſche 
feiner Bevölkerung gemäß, zu erhalten. Eine Junta, 
zufammengefebt aus Spaniern und den angefehenften 
Mexikanern, follte eine VBolkörepräfentation bilden, 
die bis zur Ankunft beftimmterer Befehle aus Europa 
das Land vor allen gemaltfamen Erfchütterungen bes 
wahren follte. Der Entwurf hatte den Beifall aller 
gutgefinnten Mexikaner erhalten. Alle jahen mit 
Brohloden dem Zeitpunfte entgegen, wo endlich auch 
ſie in den öffentlichen Angelegenheiten ihres Landes 
mitfpreihen follten. Der Jubel war allgemein; aber 
mitten unter diefem Jubel, mitten unter diefen Vor⸗ 
bereitungen zur Ausführung des Entwurfes wird ber 
- Urheber des Planes, der Vicefönig felbft, von feinen 
eigenen Landsleuten in feinem Palafte überfallen, 





— 38 — 


mit feiner Familie verhaftet, nah dem Seehafen von 
Veracruz abgeführt und als Staatsgefangener nach 
Spanien eingefhifft. - ’ 

Dem ſchwaͤchſten Verftande war es durch dieſe Ge⸗ 
waltthaten klar geworden, daß ſo lange der Spanier 
herrſche, der Mexikaner unbedingt Sklave bleiben 
müſſe; daß er nie hoffen dürfe, an der Verwaltung 
ſeines Landes Antheil zu nehmen, und daß an Iturri⸗ 
garay bloß deßhalb der unerhörte, geſetzloſe Gewalt⸗ 
ſtreich verübt worden war, weil er den Weg zur all⸗ 
mähligen Emancipirung ber Creolen bahnen zu wol⸗ 
fen fich unterfangen hatte. 

Hatte des Herrſchers niederträchtige Reſignation 
ſeiner angebornen Rechte der Legitimität in den Au⸗ 
gen des Volkes den Stab gebrochen, ſo hatte dieſer 
Gewaltftreich es nicht minder mit der Herrſchaft der 
Spanier gethan. Don diefem Augenblide an begann 
ber Entfhluß zu wurzeln, fich der Spanier auf jede 
nur mögliche Welfe zu entledigen. Eine Verſchwö⸗ 
rung war bie unmittelbare Folge, zu der fich an hun⸗ 
dert der angefehenften Merifaner mit mehreren Suns 
derten aus den Mittelflaffen und dem Militär ver⸗ 
einigten, mit dem feften Vorlage, das- ſchandbare 


302 e⸗— 


Joch abzuſchütteln, — als wieder die Verrätherei 
Eines der Verſchwornen, der: die Verbündeten in der 
Beichte verrieth, den Ausbruch derfelben zwar nicht 
vereitefte, aber befchleunigte. 

Es war um neun Uhr Abende am 15. September 
1810 gewefen, al& Don Ignacio Allende y Unzaga, 
Capitain im königlichen Negimente de la reina, von 
Gueretarv kommend, in die Wohnung des Pfarrers 
von Dolores, Padre Hidalgo, ftürzte, mit der Nach⸗ 
richt, daß diefelbe Verſchwörung, die Mexiko von ber 
verhaßten Herrſchaft der Spanier befreien follte, ent⸗ 
det, und daß der Befehl erlaffen fey, Die Verſchwor⸗ 
nen todt oder lebendig einzubringen, — Den fichern 
Untergang vor Augen, berathſchlagten die beiden Ver⸗ 
ſchwornen eine Stunde, und traten dann unter ihre 
Freunde, den feften Entfchluß verfündend, ihr Leben 
an bie Freiheit des Daterlandes zu ſetzen. Zwei 
Offiziere, die Lieutenant? Abafalo 9 Bellera und 
Aldama, mit einem Haufen Iufliger Muflfanten, 
Tiſch⸗ und Hausgenoſſen des Cura, vereinigten fi 
mit den Aufrührern, und mit dieſen, dreizehn an 


der Zahl, beginnt die große mexikaniſche 
Revolution. 


—, 305 — 


Während Hidalgo, ein Eruzifie in ber Linken, ein 
Piſtol in ver Rechten, auf dad Gefängniß los⸗ 
flürzt und Die Verbrecher befreit, dringt Allende mit 
den Uebrigen in die Häufer der Spanier, zwingt fie, 
ihr Silber und baared Geld auszuliefern, und dann 
mit dem Gefchrei: „Viva la independencia-y muera 
el mal gubernio !“‘ *) ftürmten Alle in Die Straßen 
von Dolores. Die ganze inbianifche Bevölkerung 
ſchließt ſich an den geliebten Eura an; in wenigen 
Stunden iſt der Haufe der Empörer auf einige Tau« 
fend geftiegen, wozu auf dem Zuge nach Miguel el 
Grande achthundert Rekruten vom Regimente bes 
Gapitaind floßen. Unaufhaltfum vorbringend, wirft 
ſich die losgelaſſene Rotte mit den Worten: „Tod den 
Gachupins!« auf San Filippe; In drei Tagen fteigt fie 
auf zwanzigtaufend; zu Zelaya angelangt, fehließt 
ſich ein merikanifches Infanterieregiment mit einem 
Theile des Kavallerieregimentes del principe an fie 
an. Weiter fortſchwellend, wirft fle fich, unter Dem 
festen Rufe: „Tod den Gachupins!“ auf Ouanaruato, 
bie reichfte Stadt Mexiko's, wo eine dritte Truppen⸗ 


*) 88 lebe die Freiheit! Nieder mit ver fchlechten Regie⸗ 
rung! (buchſtäblich: es ſterbe die ſchlechte Regierung!) 


—d 06 — 


abiheilung ſich zu ihr ſchlägt. Bon allen Seiten 
firömen nun die Indianer herbei, und die Horde 
wächst auf fünfzigtaufend an. In Guauaruato 
wird die fefte Alhondega*) im Sturm genommen, 
die färnmtlihen Spanier und Creolen, die ſich mit 
ihren Schäten dahin geflüchtet, niebergemacht; über 
fünf Millionen harte Piafter fallen den Aufrührern 
als Beute in die Hände. Der Fall dieſer Stabt zieht 
eine ungeheuere Menge Indianer aus allen Theilen 
des Reiches herbei; die Horde fleigt auf achtzigtau- 
fend Mann, morunter aber kaum viertaufend Ge⸗ 
wehre find. Unaufhaltfam drängt fie über Vallado⸗ 
lid nach Mexiko vor, wirft den Oberften Truxillo 
bei Laß Cruces über den Haufen, und zieht am 31. 
Oktober die Hügel von Santa Fe herab, die Haupt: 
ftadt des Königreiches im Angefichte, in deren Mauern 
dreißigtaufend Leperos nur bed Zeichens zum An⸗ 
griffe Harren, um den Kampf innerhalb der Stadt zu 
beginnen. Bloß zweitaufend Linientruppen find zur 
Dertheidigung der Hauptftadt vorhanden; Calleja, 
ver Oberfeldherr, ift Hundert Stunden von Meriko; 


*) Alhondega de granaditas, ein Getreidemazgain. 


ne 

ein anderer Obergeneral, der Graf von Cadena, 
ſechzig; der Rücken iſt gleihfalld von den Patrigten 
aufgeregt ; auf der Straße von Tlalnepatla rüdt ein 
Patriotenchef zur Unterftügung Hidalgo's heran; ber 
Vicekönig trifft bereitd Anftalten zum Abzuge nach 
Veracruz; dad Schickſal von Mexiko ift, allem An⸗ 
feine nah, feiner Entſcheidung nahe — ein rafcher 
Angriff, und die Herrſchaft der Indianer ift- wieder 
bergeftelt. Aber am folgenden Tage zieht fih Hi- 
dalgo mit feinem Hundert und gehntaufenn Mann 
ftarfen Schwarme zurüd; Mexiko ift gerettet; aber 
die Leidensgeſchichte der Patrioten fängt nun an. 

Am 7. November bei Alculco von dem vereinigt 
fpanifcheereolifchen Heere geichlagen, trifft bald darauf 
Allende bei Marfil ein gleiches Loos, und eine dritte 
Schlacht bei Calderon entfcheivet das Schickſal des 
erften Feldzuges, defien Urheber, Hidalgo, mit fünf- 
zig feiner Gefährten bald darauf, -verrätherifcher Weiſe 
bei Acalito gefangen genommen, mit ſeinem Leben 
büßt. | 

Der erfte Aufzug des revolutionären Dramas war 
beendigt, ſechs Monate nachdem der blutige Vorhang 
aufgezogen worden war; aber die Brandfadel, weit 


— 30 - 

entfernt, mit dem Kalle des Führers verlöfcht zu feyn, 
batte ſich nur. getheitt, um in zahllofen Flammen das 
ganze Reich defto ficherer im allgemeinen Brande auf- 
lodern zu machen. Tauſende Derjenigen, ‚die ſich von 
den Schlachtfeldern von Arulco, Marfil und Calde⸗ 
ton gerettet hatten, durchzogen nun die Intendanzen, 
einen Vertilgungskrieg beginnend, der langſam, aber 
ficher, Die unverfühnlichen Tyrannen aufreiben ſollte. 
Die meiſten dieſer Haufen waren / von Prieſtern, Ad⸗ 
vokaten oder Abenteurern befehligt, die ohne Bil⸗ 
dung, bloß durch ihren Haß gegen die Gachupins 
ausgezeichnet, ohne Plan oder Uebereinſtimmung 
handelten. Noch hatten ſich nur Wenige von der 
beſſern Klaſſe der Creblen an bie Aufrührer ange⸗ 
ſchloſſen; im eigentlichen Sinne des Wortes waren 
es noch immer bloß die Indianer und Kaſten, die der 
Geſammtbildung und dem Eigenthume des Landes 
gegenüberftanden, und die Herrſchaft der Spanier, 
obwohl erfihättert, hatte an den Greolen felbft ihre 
ſtaͤrkſte Stüge gefunden. 

‚Diefe, obwohl verhältnißmäßig weniger gebrückt 
als die Indianer und Kaften, hatten ſich mehr fo ge- 
fühlt, weil fie aufgeflärter,, ihre Rechte, wenn nicht 


—, 30 — 


deutlicher erkannten, doch lebhafter ahnten, als die 
flumpffinnige, bloß durch Rachedurſt angetriebene, 
rothe und gemifchte Race. Kinder von Vätern, die 
Spanier waren und als foldhe mit fouveräner Ver⸗ 
achtung auf Alles, was Creole hieß, ja ſelbſt auf 
ihre eigenen, in Mexiko erzeugten Kinder, herabſahen, 
hatten Dieſe, ſo zu ſagen, den Haß gegen die Spanier 
mit der Muttermilch eingeſogen. Weit entfernt, die 
Rechte ihrer Bäter nach dem Buchſtaben der königlichen 
Verordnungen zu genießen, waren ſie ſchon durch ihre 
Geburt in dem zinsbaren Lande in den Volkshaufen 
zurückgeſtoßen, um durch immer wieder und wieder ſich 
erneuernde Schaaren gieriger und hochmüthiger Be⸗ 
amten, die in Lumpen kamen und mit Hunderttauſen⸗ 
den das Land verließen, ausgeſogen zu werden Im 
Beſitze der ſchönften Laändereien und ihrer unermeßlichen 
unterirdiſchen Reichthuͤmer, hatte ſelbſt Beſitzthum bei 
ihnen ſeinen Reiz verloren; denn des Spaniers Will⸗ 
kür kannte kein Eigenthumsrecht, und er war im Na⸗ 
men feines königlichen Meiſters der unumfchränkte 
Herr alles Eigenthums. Ein folder Zuftand Hatte - 
mit der fehmerzlichften Erbitterung endlich den Wunſch 
nad Befreiung‘ von dieſer ſchamloſen Herrſchaft all⸗ 
Der Birey. J. 21 


— 


—d 310 ⸗— 


gemein erregt, und durch die Verſchwörung waren 
auch alle Anftalten Dazu getroffen geweſen. Sie 
follte, wie gefagt, an Einem Tage über ganz Merifo 
auöbrechen, und unmittelbar follten Greolen an die 
Stelle der zur Verhaftung beflimmten, fpanifchen 
Megierungsbeamten treten, die Seehäfen zugleich be⸗ 
fegt werden, und fo durch Abſchneidung jeder Unter- 
flügung von dem. benachbarten Cuba die Fönigliche 
Negierung gewiffermaßen in ihrem eigenen Netze ges 
fangen und erſtickt werden. An dem erwähnten un⸗ 
glüdlihen Verrathe eines Prieſters fcheiterte der 
ganze Plan, und Hidalgo, zu tief verwickelt, um 
ſeinem unvermeidlichen Schickſale zu entgehen, hatte 
den Ausbruch der Revolution beſchleunigt und, auf 
die Creolen, die ſich großentheils aus der Schlinge 
gezogen, erbittert, mit ſeinen Indianern einen Ver⸗ 
tilgungskrieg begonnen, der Beide, Spanier und 
Creolen, gleich feindſelig behandelte. 

Dieſer furchtbare Mißgriff, der nun Spanier und 
Creolen gleich hart traf, hatte das Schickſal des Auf⸗ 
ſtandes ſelbſt entſchieden, und die Creolen gezwungen, 
gegen ihren Willen ſich an dieſelben Spanier anzu⸗ 
ſchließen, zu deren Verderben fie ſelbſt den erſten 


— 311 ⸗— 


Grundftein. gelegt hatten. Es war vorzüglich durch 
ihre Mitwirkung geſchehen, daß die drei Schlachten 
gegen bie Nebellen gewonnen worden waren; allein 
die Spanier, weit entfernt für diefe Mitwirkung 
dankbar zu feyn, fahen in der ganzen Creolen⸗Bevöl⸗ 
ferung nur die mißgünftigen Rebellen, die in ber 
Ausführung ihrer Pläne gefcheitert waren. 

Ueber einen Aufftand erbittert, der ihrem Könige 
feine Suprematie, und ihnen felbft die Ausbeutung des 
reichften Landes der Erbe zu entreißen gedroht hatte, 
fingen fie an, darauf hin zu arbeiten, ſich nicht nur 
der Rebellen felbft auf alle mögliche Weife zu ent⸗ 
ledigen, ſondern auch der Möglichkeit einer künftigen 
Empörung auf eben Die Art vorzubeugen, wie unfere 
Bienenjäger den Stichen der wilden Schwärme vor⸗ 
beugen, deren Honig fie ſich ungeftört zuzueignen tm 
Sinne haben, ſie nämlich mit Feuer und der Art zu 
vertilgen. Vierundzwanzig große und kleine Stäbte 
mit zahllofen Dörfern waren in den achtzehn Mona 
ten des Krieges bereitö von den Spaniern von Grund 
und Boden aus zeritört, ihre Bevölkerung ohne 
Unterſchied vertilgt worden, aus Feiner andern Ur⸗ 
fahe, als weil fie die Infurgenten vorzugsweiſe 

21° 


—) 12 ⸗— 


begünftigt hatten. Noch nicht zufrieden mjt den Hun⸗ 
derttaufenden, die euer und. Schwert gefreſſen, hat⸗ 
ten fich die blinden Legitimitätödiener nicht entblöbet, 
im Namen bed dreieinigen Gotted und der heiligen 
Jungfrau die feierlichfte Amneſtie durch den Mund 
der Kirche zu verkünden, um die leichtgläubigen Elen- 
ben, bie dieſen Verſicherungen trauten, ohne Erbar- 
men zu vertilgen. Eine fo entfegliche Treuloſigkeit 
ließ natürlich Teine Möglichkeit einer Wiederausföhr 
nung mehr zu, und die plößliche Wendung, die der 
Gang der Nevolution zu gkeicher Zeit zu nehmen. 
anfing, fehlen endlich tie ganze Bevölkerung gegen 
diefe elenden Tyrannen vereinigen zu wollen. 

Unter den Abenteurern, die, Ruhm oder Beute 
ſuchend oder von Haß gegen die Unterbrüder ange- 
trieben, fi zu Hidalgo auf feinem Triumphzuge von 
Guanarunto nach Merifo gedrängt hatten, war au 
fein Jugendfreund und Schulgefährte Padre Morellos, 
Rector Gura *), von Nucupetarg gewefen. Bon dem 
Generaliffimus Hidalgo brüberlih aufgenommen, 
hatte er von Dieſem den Auftrag erhalten, die ſüd⸗ 


*) Der Pfarrer; weltgeiftlichen Standes heißen fie Rers 
tores Guras, die. Kloftergeiftlichen Padres Curas. 





— 313 ⸗— 


weftlihen Provinzen des Königreiches in Aufftand 
zu verfeßen. Mit diefem gefährlichen Auftrage aus⸗ 
gerüſtet, hatte ſich der ſechzigjährige Prieſter, bloß 
von fünf Anhängern begleitet, in die Intendanzen 
feiner neuen Militärdivifton begeben, war in Petalan 
auf zwanzig Neger geftoßen, bie er durch das Ver⸗ 
fprechen der Sreiheit ihm zu folgen bewog, und bald 
darauf von mehreren Creolen mit ihrem Anhange 
verftärft worden. 
Ungleih feinem Vorgänger, fing dieſer Priefter 
den Krieg im Kleinen, nah Art jener Guerillad an, 
Die im Mutterlande die Kraft des Feindes fo wirkſam 
gebrochen hatten. Allmählig die Sphäre feiner Frie- 
gerifchen Thätigkeit erweiternd, Hatte ex mehrere nicht 
unbedeutende Siege über die fpanifchen Generale in 
einem ſechszehnmonailichen fleinen Kriege davon ge⸗ 
tragen. Das Gerücht fehilderte ihn als einen ernften 
Mann, ganz das Gegentheil vom leichtſinnig raſchen 
Hidalgo, begabt mit einem Durchhringenden Ver⸗ 
ftande, von tadellofen Sitten und meit liberalern 
Anftchten, als man fie von einem merifanifchen Prie⸗ 
fter und feiner beſchränkten Erziehung hätte erwarten 
ſollen; der Einfluß, den er auf die Indianer ausübte, 


—d 314 ⸗— 


ſollte ans Unglaubliche gränzen. Dieſer Mann nun 
war an bemfelben dia de fiesto, an welchem unfere 
Geſchichte beginnt, an ber Spitze einer Fleinen Armee in 
der Nähe von Mexiko angelommen; die bedeutend» 
ften Chefs der Patriotencorps, unter denen Bittoria, 
Guerero, Bravo, Offourno, hatten ſich feinen Befeh⸗ 
fen unterworfen, und dad moralifhe Uebergewicht 
feines Namens fchien endlich bewirken zu wollen, 
woran e8 feit dem Tode Hidalgos gefehlt hatte, Ueber⸗ 
einftimmung in den Kriegsoperationen der Patrioten 
und eine Disciplin unter den Truppen, die dem Lande 
Vertrauen einflößen Eonnte.. . 
Auf diefen Mann nun begann Mexiko die Augen 
ſehnſuchtsvoll zu richten. Er oder Keiner, das war 
ber allgemeine Glaube, konnte das Land befreien. 
Taufende von Ereolen hatten fich bereitd an ihn an⸗ 
gefhloffen, und Taufende waren auf dem Punkte, 
dieſem Beifptele zu folgen. Der Enthuſiasmus nahm 
ſtündlich zu, und felbft der gewiffe Tod, der Jeden 
traf, der auch nur Wünfche für Merifo laut werben 
ließ, konnte die Aufregung unter der jüngern creoli⸗ 
ſchen Bevölkerung nicht ftillen. Die reifere Mehrzahl 
ſchwankte jedoch noch immer unentfchloffen. Gaͤnzlich 


—d 315 ⸗— 


in der Gewalt der Spanier, denen fie fi, um Schuß 
vor den mwüthenden Horden Hidalgos zu finden, in 
pie Hände liefern mußten, und argwöhniſch von Die⸗ 
fen bewacht, fehlte e8 ihnen eben fo jehr an der Kraft, 
fich ihren Tyrannen zu entziehen, als am Willen, 
fih an die neuen Befreier anzufihließen. Der miß⸗ 
Iungene Verſuch Hidalgos hatte ihr Vertrauen auf 
die Möglichkeit einer Befreiung erfehüttert, die Grau⸗ 
ſamkeiten der Indianer gegen ihre Brüder ihre Bes 
geifterung eingefhüchtert. Noch gelte ihnen das 
Wuth⸗ und Rachegeſchrei der Indianer in die Ohren. 
Würde Morelos auch im Stande feyn, Galleja die 
Spitze zu bieten, gegen den Hidalgo und Allende mit 
ihren Qundertaufenden das Feld bei jedem Zufam- 
“ mentreffen verloren hatten? felbft im Falle eines 
Sieged im Stande ſeyn, Kriegszucht und Orbnung 
unter den zufammengelaufenen Schaaren aufrecht zu 
erhalten? Würden die Abenteurer, von benen Die 
meiften Abtheilungen bes Patriotenheeres befehligt 
waren, nicht vielmehr ihren Sieg benügen, um das 
unglückliche Land mit allen Schredniffen, die einen 
zuchtloſen, flegtrunfenen Nebellenhaufen begleiten, 
Heimfuchen? Solches waren die Tragen, bie ſich 


8 316 ⸗— 


Taufenden ber einſichtsvollern Bürger, micht nur der 
Hauptſtadt, fondern des Landes aufbrängten, und 
ihre. Thatkraft in dem Augenblicke Hemmten, wo biefe 
zur Vertreibung der Spanier in Wirkſamkeit treten 
folte. Alle haßten die Spanier bitter und blutig. 
Alle Hatten gelitten, und litten noch immer von den 
unerträgliden Anmaßungen und ber Gefehlofigfeit 
dieſer bigotten nimmer fatten Gindringlinge; aber 
diefe. Eindringlinge hatten tro& ihrer Geſetzloſigkeit 
Ordnung gehandhabt, deren Werth nun in der all- 
gemeinen Zerrüttung fo fühlbar geworben war. Die 
perfünliche Sicherheit und die Rechte des Eigenthums, 
wenn auch häufig verlegt, waren doch nie fo en gros 
über den Saufen geworfen worden. Hatten biefe 
Gründe ſchon auf die Geſinnungen und das Betra⸗ 
gen der Mehrzahl der bemittelten Mittelklaſſen bes 
deutenden Einfluß geäußert, jo mußten fie es noch 
weit mehr bei der am meiften bevorredhteten Kafle, 
dem hohen Mel, der bei einem Umſturze der Orb» 
nung natürlich am meiften zu verlieren hatte. Meh⸗ 
tere dieſer Familien bildeten, wie gefagt, eine Duni 
zipal-Ariftofratie, die beſonders über die Indianer 
und die mit ihnen verwandten Kaften eine fehr 





—d 17 — 


drückende Herrſchaft ausübte; die Revolution, die 
nicht nur dieſer brüdenden, ganz eigenthümlich 
ſchändlichen Herrſchaft ein Ende gu machen, fondern 
fie auch in die Klafje der übrigen Bürger zu werfen, 
und was befonders ſchrecklich für fie war, ihnen ihre 
Adelsdiplome und Ordensdecorationen zu entreißen 
drohte, für die fie fo große Summen aufgewandt 
hatten, und. auf die fie, gleich den raffinirten höhern 
Ständen des europälfhen Feſtlandes, einen unend⸗ 
lichen Werth festen, mußte fie daher nothwendig mit 
Schreden erfüllen und ihnen das Ende der Herrſchaft 
des Spanierd als ihr eigened darftellen. Daß diefe 
Vorſtellungen verzweifelte Anſtrengungen von Seiten 
des Adels bewirkten, die ſpaniſche Herrſchaft um 
jeden Preis aufrecht zu erhalten, war um fo natür⸗ 
licher, als feine beſchränkte Erziehung ihn ganz in 
die Hände dieſer Herrſchaft gegeben hatte. Wenn 
jedoch diefe Vorurtheile gegen bie Revolution unter 
der Mehrzahl des hohen Adels herrſchend waren, 
und es wäre eitel, die Thatfache zu läugnen, fo kön⸗ 
non wir auf der andern Seite nicht umhin zu ge⸗ 
ftehen, daß es wieder Männer unter diefer hohen 
betitelten Ariftofratie gab, die den Stand ber Dinge 


—H 318 ⸗— 


aus einem weit höhern, für fie und ihr Land ehren- 
volleren Gefichtspunkte auffaßten. Eigenthum und 
vorzüglich Grundeigenthum ift, was auch Ultralibe- 
ralismus dagegen fagen mag, eine Bafls, deren So⸗ 
lidität auch dem ſchwächſten Verftande einen Halt 
gibt, den der geiftreichere Eigenthumsloſe vergeblich 
anfpriht. Es Liegt etwas Zähes, aber zugleich auch 
etwas Pofitives im Grundeigenthum, das feinen Bes 
figer gewiffermaßen zwingt, unabhängig von feiner 
perfönlschen Vorliebe und feinen Borurtheilen, das 
Wohl des Landes zu berüdfichtigen, in dem fein 
Eigenthum liegt. Sp wahrhaft abfurd daher auch 
das Benehmen-der Mehrzahl diefer Sochadelichen im 
Anfange der Revolution gemwefen, fo Eindifch lächer⸗ 
lich ihre Vorliebe für die werthlofen Auszeichnungen 
ihres königlichen Gebieters, fo hatte es wieder unter 
ihnen Männer gegeben, die die Lage ihres Landes 
richtiger beurtheilten, und ungeachtet des fervilen 
Kleides, das fle.trugen, für die Freiheit ihres Landes 
größere Opfer gebracht hatten, als die glühendften, 
Lauteften und ungeftümften Freiheitshelden je gethan. 
Unter Diefen hatte ſich der Edelmann, mit dem wir 
bereits unfere Refer befannt gemacht haben, befonbers 








—d 319 &— 


ausgezeichnet. Bamilienverbältnifie hatten ihm. den 
feltenen Borzug verfhafft, feine Tugend in der Madre 
Patria und den ciwilifirtern Rändern der alten Welt 
zuzubringen, und ihm fo Gelegenheit gegeben, jene 
Erfahrungen zu fammeln, die nötbig find, um eine 
unabhängig richtige Anſicht der Verhältniſſe feines 
eigenen Landes zu faflen. Bon der Natur mit einem 
durchdringenden Verftande begabt, hatten die Demü- 
thigungen, die er fich von dem folgen Spanier im 
Mutterlande bloß deßhalb Hatte gefallen laſſen 
müffen, weil er ein gebovener Merifaner war, ihm 
frühzeitig jenen tiefen Abfcheu gegen die Bedrücker 
eingeflößt, den nur wieder berfelbe reife und gebil« 
dete Verſtand genugfam zu meiftern im Stande war. 
Die Eindrüde, die er im gefelligen Leben der aufge⸗ 
Härteften Völker Europas und „der Aufgeflärteften 
feines eigenen Welttheils empfangen, hatte er tief in 
feinen Bufen niedergelegt und in die Einfamfeit ſei⸗ 
ner weitläufigen Beflgungen mitgenommen, wo fle 
ihm Nahrung in feinen trüben Stunden und Leite 
ftern in feinem häuslichen und öffentlichen Leben 
wurden. Sp war allmählig ein eben fo fefter als 
umfichtiger Charakter entftanden, ber jedoch, unge» 


— 30 e— 


achtet feiner Yimfichtigkeit und Klugheit, kaum für bie 
Länge dem Argwohn der Beherrfcher des Landes ent- 
gangen feyn dürfte, wenn nicht ein herbes Loos, das 
fein Familienglück Eurz nach feiner Rückkehr aus 
Europa zertrümmert, dadurch, daß es ihn zum 
Gegenftand einer allgemeinen Sympathie erhob, wie⸗ 
der beigetragen hätte, dem ſpaniſchen Mißtrauen eine 
andere Richtung zu geben. Er felbft hatte ſich feit 
biefem Schlage gänzlich von der Welt zurückgezogen, 
ganz und allein in ver Beförderung des Wohles 
feiner nächften Umgebungen und zahlreichen Angehö⸗ 
rigen Troft und Erholung fuchend. Aber ungeachtet 
biefer Zurückgezogenheit hatte ſich fein Einfluß zu- 
fehends und auf eine Weife vergrößert, bie felbft bie 
Aufmerkſamkeit des Mutterlandes auf ſich zu ziehen 
begonnen hatte. Diefer Einfluß wieder, weit ent- 
fernt, in feiner Berfönlichkeit hervorzutreten, war 
vielmehr in der feftern Haltung des Adels und der 
ihm zunächſt ftehenden bürgerlichen Klafien bemerk⸗ 
bar geworden. Es lag etwas Geheimnigvolles in 
diefem Einfluffe, fo wie in der Art, wie er ihn geltend 
machte. Gleich dem befonnenen, rubig feften See- 
manne, der jeden Windhauch Feunt und jedes Wölk⸗ 


— 31 


chen zu Flaffifiziren weiß, ſchien fein durchdringender 
Blick Schon lange vor dem Ausbruche der Revolution 
feine Maßregeln getroffen zu haben, um dem fom- 
menden Sturm zu begegnen. Das Gerücht ging, 
daß er die Hauptveranlaffung gewefen, die Mehrere 
des merikanifchen Adels bewogen, ſich an Iturrigaray 
anzuſchließen. Er felbft war bei diefer großen poli⸗ 
tifchen Maßregel nicht beſonders hervorgetreten. Als 
jedoch der Plan fich wirklich zu einem günftigen Re⸗ 
fultate neigte, Hatte er ſich gemäßigt und feft für den- 
felben erklärt, als das einzige Mittel, fein Volk und 
Land aus dem herabwürbigenden Zuftande zu reißen, 
und mit der Art und Welfe, fich felbft zu beherrfchen, 
ſtufenweiſe vertrauter zu machen, fo Hand in Sand 
mit den fpanifchen Behörden fortzufchreiten, bis gün⸗ 
ftige Verhältniffe e8 erlauben würden, den Berband 
zwifthen beiven Ländern gänzlich aufzulöfen. Merk⸗ 
würdig genug erklärte ſich jedoch derſelbe aufgeflärte 
Geiſt gegen eine plögliche Preiheitderklärung, und 
zwar fo beftimmt, dag eine bedeutende Anzahl ihm 
wieder ihr Bertrauen zu entziehen anfing. Vielleicht, 
daß er, die Schwächen dieſes Volkes einfehend, die 
Unmöglichkeit vorausfah, die Kreiheit, ſelbſt wenn 


— 329 So 
fie erlangt würbe, zu bewahren. Seine Gefinnungen 
theilten die einflußreichften und aufgeflärteften Mit- 
glieder deffelben hoben Adels und der höheren Bür⸗ 
gerklafien. Doch ald Diefe, empört über den ſchnöden 
Gewaltftreih, der den beliebten Vicefönig fo verrä- 
therifch gefangen aus dem Lande entführte, zum offe= 
nen Bruche Anftalt machten, zog ſich der vorfichtige 
Ariſtokrat wieder in ſeine vorige ſcheinbare Unthä⸗ 
tigkeit zurück, aus der er ſich auch durch die nachher 
wirklich ausgebrochene Revolution nicht bringen ließ. 
Unterdeffen wolltert die heller Sehenden, ungeachtet 
diefes fcheinbaren Rückzuges von der politifchen Lauf- 
bahn, deutlihe Spuren feiner fortwährenden Thätig⸗ 
feit bemerkt -haben, und wirflih waren Symptome 
einer folchen im ganzen Rande zu fühlen, die um fo 
auffallehber wurden, ald die Bedeutſamkeit der Hülfs⸗ 
mittel, die dieſem unfihtbaren Agenten zu Gebote 
flanden, und die Wirkſamkeit derfelben, alle Berfuche 
der Behörde, fie zu entdecken oder ihnen auf die Spur 
zu fommen, auf eine Weife vereitelte,, die dieſe in die 
größte Beforgniß verfegte. Das ganze Land war in 
der That durch dieſe unftchtbaren Agenten in feinen 
Gefinnungen und Anftchten revoltirt worben, und fo 





— 33 ⸗ 


ficher wirkte der ausgeſtreute Saame des Hafſes gegen: 
die Spanier, daß, ohne den unglücklichen Verrath, 
wahrſcheinlich Mexiko ohne beſonders hartnäckigen 
Kampf in die Hände der Creolen übergegangen wäre. 
Die Urheber dieſer moraliſchen Revolution blieben | 
jedoch in geheimnißvolle Dunfelbeit gehüllt, und unfer. 
Graf ſchloß fi mit dem ganzen Adel offenbar an bie 
königliche Negierung an. Der neue Bicefönig, der 
Nachfolger des unglüdlichen Iturrigarray, der mitt« 
lermweile die Zügel derfelben übernommen, hatte mit 
zahlreichen Belohnungen, Orden und Titeln für die 
Werkzeuge, die feinem Vorgänger einen vicekönig⸗ 
lichen Stuhl und Freiheit geraubt, auch eine bedeu⸗ 
tende Anzahl Verdammungs⸗ und Todesurtheile 
mitgebradht. Aber obwohl das Stigma des Libera- 
lismus aud den Conde San ago ftarf befledt, fo 
hatte fich Doch die neue Excellenz mehr als beeilt, ihn 
mit Beweiſen von Freundſchaft und Vertrauen zu 
überhäufen, die eben fo fehr die Wermunderung der 
Uneingemweibten, als das zufriedene Lächeln der Wif- 
fenden, erregten. Andere Vorfälle hatten ſich wieder 
ereignet, die dad gute Verhältniß zwifchen den beiden 
Gewaltigen zu zerftören drohten, und unter biefen 


—) 323 — 
der Machtſpruch, der den Neffen des Ariftofraten in 
die Madre Patria verwies. Welches die eigentliche 
Beranlaffung zu diefem Gabinetsftreiche geweſen, 
dürfte der Verfolg der Geſchichte ehren, zu der wir 
nach biefer etwas langen, aber zur Verftändigung 
unferer Lefer vielleicht eben nicht überflüffigen Skizze 
der damaligen Verhältniſſe Mexikos wiederfehren. 


Noten des erften Bandes, 


J. Den Erlöfer von Atolnico vorftellend. 
Die Kapelle des Srlöfers von Atolnico befindet fich auf 
dem Gipfel eines ziemlich fleilen und hohen Berges, zwei 
und eine halbe Stunde von Miguel el Grande. Auf dem 
Hochaltar fieht man die Stanbbilder des Erloͤſers, der 
Sungfrau Maria, Magdalenens u. |. w. von gebiegenem 
Silber, mit Rubinen und Smaragden befegt. Links befin- 
det fich eine Reihe von nicht weniger als dreißig Altären 
mit Stanbbildern in Lebensgröße, Säulen, Kreuzen, Leuch- 
tern, alle von demfelben Metalle. Die Summen, die hier 
jährlich geopfert werden, betragen weit über Hunderttaufend 
Piafter. Der Urfprung diefes Wallfahrtsortes ift merk⸗ 
würdig. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts trieb ein 
Straßenräuber, Namens Lohra, fein Wefen in des Eors 
dillera auf eine fo furchtbare Weife, daß die Regierung, 
nicht im Stande feiner Meifter zu werben, ihm einen Ge⸗ 
neralparbon für feine Bergehungen und die oberfte Richter: 
ftelle in einem ber drei Hauptgefängnifie Mexiko's mit 
einem jährlichen Gehalt von taufend Dollars anbot. Der 
Mann nahm die Stelle an, bemächtigte ſich feiner Genoſ⸗ 
fen, fing fie zu Hunderten auf und befreite wirklich das 

Der Virey. L. 22 


— 36 e— 


Land von diefer Geißel. Als oberfter Richter der Acordada 
hatte er. unumfchräntte Gewalt über Leben und Tod. Er 
ließ vorzüglich die Schmuggler zu Dußender aufhängen, 
wenn fie nicht den Gewinn mit ihm theilen wollten. Bon 
den ungeheuern Reichthümern, die er auf dieſe Weife zus 
fammenbrachte, baute er die Kirche von‘ Atolnico, die er 
mit mehreren der daſelbſt befindlichen filbernen Standbil⸗ 
der ausftattete. 

I. Ihm zur Seite eine Schaar von India- 
nern, Zambos und Meftizen. Der Sohn eines 
Meißen und einer Weißen, feyen fie im Land oder in Weſt⸗ 
indien geboren, heißt Creole, die Tochter Ereolin. Der 
Sohn oder die Tochter eines Weißen, Creolen oder Euro 
päers von einer Indianerin wird Meftize, Meftizin ober 
auch Metis genannt. Die Farbe eines folchen vermifchten 
Sprößlings ift röthlich transparent, die Hände und Füße 
Hein, die Augen aber noch immer fchief. Sie find fanfteren 
Charakters als die Mulatten. 

Mulatten ſtammen von weißen Vätern und Neger: 
müttern ab; die Farbe ift bronce. Chinos oder Zambos 
werden die von Negermännern und Indianerweibern Abs 
ſtammenden genannt. Sie find bunfel ſchwarz-braun. Zam⸗ 
bos prietos werben die von einem Neger und einer 
Zamba Abftanımenden genannt. 

Duateroon ift das Kind eines Weißen und einer 
Mulattin, Quinte roon das Kind eines Meißen und 
einer Quateroon; vermifcht fich die Quinteroon nochmals 
mit einem Weißen, fo wird der Sprößling ganz weiß. 

Alta atras, Sprünge rüdwärts nennt man, wenn ſich 
eine weißere Perfon mit einem dunkler farbichten Manne 











.—d 327 — 


vermifcht. Alle diefe farbichten Abkümmlinge werben zu: 
fammen die Kaften genannt, 3. B. der Kafte der Quinte⸗ 
roons, der Meftizen ꝛc. Keinen Urfprungs find bloß bie 
Gahupins (die Spanier), ihre Söhne und Töchter, bie 
Greolen, die Indianer und die Neger. 

Es lebe die Jungfrau von Guadeloupe! 
Nieder mit der Jungfrau der Ganden! Das 
Bild der Jungfrau von Guadeloupe iſt in ihrer pracht⸗ 
vollen Kirche, zwei Stunden von Meriko, aufgeitellt. Es 
it ein auf grobem Agave-Baſt gemaltes fchlechtes Bild, 
das Bald nad der Sroberung erfhien, und zwar auf 
einem benachbarten üden Hügel, wo es zuerft einen Sn: 
dianer durch eine himmlifche Muſik entzüdte, die die Engel 
um baffelbe herum aufführten. Der Indianer erzählte die⸗ 
ſes Wunder dem Erzbifchof, der es aber nicht glauben 
wollte. Ein zweites Mal ging der Indianer bei dem mus 
ficirenden Bilde vorüber, und da fand er es mitten unter 
einem Haufen Rofen ; wieder befahl es ihm, zum Erzbifchof 
zu gehen. Der Erzbifchof wurde durch diefes zweite Wun⸗ 
der auf einmal gläubig, und begrüßte das Bild mit dem 
Titel: Unfere Dame von Guadeloupe. Eine Kapelle wurbe 
errichtet, und da der Wunder immer mehr wurben, fo 
wurbe es endlich zur Schubpatronin von Mexiko erhoben, 
und zwar da bie Gefichtsfarbe der Mabonna von gebräuns 
tem Colorit if, zur Batronin der Eingebornen. 

Die Jungfrau der Gnaden, Vierge de los re- 
medios. Ihre Kirche liegt nordweſtlich von Merifo, und 
das Bild wurbe von einem Soldaten des Eortez gefunden und 
zeigte fich leidenfchaftlich für die Spanier eingenommen. 
So ſchwebte es während der Schlacht von Otumba vor den 


— 1 


Soldaten von Eortez Ger und ftreute den Intinnern Sand 
in die Augen. Bei andern Schlachten wurde es fogar hand⸗ 
gemein mit den Indianern. Zur Dankbarkeit wurde ihm 
eine Kapelle errichtet. Aber auf einmal verſchwand dag 
Bild zum unfäglichen Leidweſen der Spanier. Nach einem 
halben Jahre entdeckte endlich ein Indianer, der, um gu 
dem Corazon einer Agave zu gelangen, die Blätter wegs 
fohnitt, das Bild mitten zwifchen dem Stamme und den 
Blättern. Es wurde fofort im Triumph berbeigeholt, und 
fo dankbar bewies es fich für die ihm bewiefene Aufmerk⸗ 
famfeit, daß es fogleich nach einer langen Dürre einen flar- 
fen Regen fandte. Für die unzähligen Wunder, bie es 
zum Bortheile der Spanier verrichtete, erhoben fie Diefe zu 
ihrer Schußpatronin und übergaben ihr den Befehl ihrer 
Heere, Sie fritt fehr tapfer gegen die Jungfrau von 
Guadeloupe, die wieder von ven Merifanern zu ihrer Krieges 
oberftin erhoben ward. Als nämlich Hidalgo, nachdem er 
die Fahne des Aufruhrs aufgepflanzt, von dem Erzbiſchof 
erfommunicirt wurde und in Gefahr fand, von allen feinen 
Indianern und Anhängern auf einmal verlaflen zu werben, 
fiel es ihm glücklicherweife bei, fih und die Seinigen unter 
den Schuß der Jungfrau von Guadeloupe zu flellen. Eine 
ungeheure Sahne wurde fofort verfertigt mit dem Bilde 
der Jungfrau; diefe wurde als Generalfeldmarfchallin pros 
clamirt, ihr ein Gehalt angewieſen und ihr Gehorfam vers 
forochen. Sie bezog ihren Gehalt wirklich volle vierzehn 
Jahre, bis 1824. 


— HH 9 H3>— 


963181